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Zwei Frauen auf dem Jakobsweg

Zwei Frauen auf dem Jakobsweg

Camino del Norte, Camino Primitivo, Via de la Plata, Via Tolosana, Via Podiensis

Als meine Freundin Marie Louise und ich zum ersten Mal den Jakobsweg gemeinsam gingen, wusste keine von uns, was sich daraus alles ergeben würde. Wir waren schon einige Zeit Nachbarinnen, als Marie Louise mir ihre Idee auf den Jakobsweg zu pilgern unterbreitete. Ich fühlte mich sofort von dem Gedanken mitgerissen, meinen lang gehegten Traum endlich wahr werden zu lassen. Unsere Männer, mit denen wir seit vier Jahrzehnten zuhause gut zurechtkommen, haben wir für diese Wanderung und für viele, die noch folgen sollten, daheim gelassen. Und es war eine richtige Entscheidung – nicht gegen unsere Männer, sondern für uns. Es war wie eine Pause im Konzert des Alltags, ein Zurücktreten aus den gewohnten Rollen. Einmal raus aus den alltäglichen Abläufen und Rollenmustern. Unser erster gemeinsamer Pfad führte uns auf die Via de la Plata von Sevilla nach Caceres. Dieser Weg versprach nicht nur eine Veränderung der Landschaft, sondern auch eine innere Reise zu uns selbst. Heute, nach einem Jahrzehnt und vielen Schritten wandern wir immer noch Schulter an Schulter auf den Spuren des Jakobsweges unsere Frauen-Konstellation hat sich aus vielen Gründen bewährt:

Wir meistern unsere Ängste gemeinsam

Beim ersten Mal und bei jeder Wanderung neu geht es um Ängste, die es zu überwinden gilt:

Kann man als Frauen ohne Bedenken allein auf diesem Jakobsweg gehen? Schaffen wir die Strecken, die wir uns vorgenommen haben? Wie gehen wir damit um, wenn es der einen nicht gut geht? Was machen wir, wenn wir uns verlaufen haben? Wie funktionieren öffentliche Verkehrsmittel wie Metro, Bus oder Bahn in Spanien und Frankreich? Was ist mit freilaufenden Hunden?

Diese oder ähnliche Fragen gehen einem durch den Kopf. Wie schön, sie offen mit einer Freundin besprechen zu können, ohne dass sie übertrieben lässig, zu mutig oder einfach unverständlich darauf reagiert. Wir haben unsere jeweiligen Ängste oder Bedenken stets ernst genommen. Und wir haben erfahren, dass unsere Ängste entweder unbegründet waren (bisher keine bösen freilaufenden Hunde) oder dass wir bei Problemen unkompliziert Lösungen gefunden haben. So sind wir auch aus schwierigen Situationen gestärkt vorausgegangen.

Wir beiden gehen im gleichen Rhythmus

Marie Louise und ich wandern im Takt, was das Pilgern zu einem wahren Genuss macht. Kein lästiges aufeinander Warten, kein Hetzen. Während wir gehen, machen wir uns unmittelbar auf die Schönheiten oder Kuriositäten auf dem Weg aufmerksam, ohne den Fluss unterbrechen zu müssen. Es gibt nur zwei Situationen, in denen unser Gleichgewicht kurz ins Wanken gerät:

Wenn wir morgens losgehen, ist Marie Louise meist so voller Elan, dass sie ein ganz schönes Tempo vorlegt (wie ein junges Fohlen). Ich muss sie dann bremsen, wir haben doch noch den ganzen Tag vor uns! Wenn wir allerdings abends kurz vor der Herberge sind, dann beschleunige ich unbewusst das Tempo (wie ein (altes) Pferd, das den Stall wittert) und sie schimpft, dass wir die letzten Meter auch noch in einem vernünftigen Tempo zurücklegen könnten! 🙂

Wir genießen die unterschiedlichen Zeiten beim gemeinsamen Wandern.

Es gibt:

eine Zeit des Lachens – über viele lustige Erlebnisse und manch eigene Unzulänglichkeit

eine Zeit des Erzählens – über uns persönlich, über unser Leben

eine Zeit des Schweigens – um über Dinge nachzudenken und um zu träumen

eine Zeit des Mutmachens – um schwierige Situationen auf dem Weg zu meistern

eine Zeit des Lernens – z.B. Botanik von Marie Louise, Kultur/Geschichte von mir

eine Zeit sich Umzuschauen – um die Schönheiten des Weges bewusst wahrzunehmen

eine Zeit der Besinnung und Stille – um Klarheit und Mut für die Zukunft zu schaffen

eine Zeit der Freundlichkeit – um Kontakt zu anderen Pilger*innen aufzunehmen

und nie fühlen sich diese Zeiten unangenehm an, sie sind für uns jeweils stimmig.

Wir haben uns gemeinsam zum Positiven verändert!

Unser gemeinsames Wandern hat unseren Horizont erweitert und dabei wird klar, wie selten es nach über vier Jahrzehnten Ehe ist, außerhalb dieser vertrauten Zweisamkeit intensive Erlebnisse und Erinnerungen mit einem anderen Menschen zu schaffen. In solchen Momenten verschwinden manche eingeschliffenen Rollenmuster und wir beginnen uns zu fragen, wer wir wirklich sind. Und die Gespräche von Frau zu Frau sind dabei sehr hilfreich, gerade wenn man unterschiedliche Verhaltensmuster hat, über die man sich austauscht.

Zudem entdeckt man die ein oder andere Fähigkeit, die im Alltag verschüttet war, die nun geweckt und gefragt ist, wie z.B. unserem Orientierungssinn zu vertrauen oder Dinge nicht einfach zu akzeptieren, sondern freundschaftlich auszudiskutieren. Das Erstaunliche daran ist, wie diese wieder erwachten Fähigkeiten auch eine Bereicherung für den „ganz normalen“ Alltag darstellen. Dabei ist die Veränderung für andere oft gar nicht sichtbar und bemerkbar und sie muss es auch nicht sein. Man spürt sie ganz tief in sich drin.

 

Für mich persönlich war es ein Gefühl der Gewissheit, dass ich meine innere Mitte wiedergefunden habe, eine angenehme Ruhe und Gelassenheit, die mich befähigt, den Dingen mit Mut und Neugier zu begegnen und mich auf Neues einzulassen. Wie hat es Nelson Mandela einmal so schön ausgedrückt:

„Es gibt nichts Schöneres, als an einen Ort zurückzukehren, der unverändert geblieben ist, um festzustellen, wie sehr man sich selbst verändert hat.

 

 

Der erste gemeinsame Jakobsweg hat Marie Louise und mich zusammengeschweißt.

So gehen wir nun seit 10 Jahren zusammen. Im Laufe der Zeit haben wir die gesamte Via de la Plata, den Camino Primitivo, den Camino del Norte, die Via Podiensis, den Franziskusweg und den Jakobsweg in Kärnten/ Südtirol gemeistert. Aber wir genießen nicht nur das gemeinsame Gehen, wenn wir uns treffen, schwelgen wir gerne in Erinnerungen, lachen über lustige Erlebnisse und durchleben nochmals schwierige Zeiten. Wir hoffen natürlich, dass wir noch weitere Jakobswege entdecken dürfen. Wie hat doch ein Herbergsvater am Telefon zum anderen mit einem Lächeln gesagt, als dieser fragte, ob wir auch die oberen Betten in einem Stockbett nehmen würden, „Die Damen, sie sind zwar schon älter aber noch ganz fit!“

 

An unserem letzten Tag auf dem Camino del Norte kamen wir am Bahnhof mit einem großen kräftigen spanischen Pilger ins Gespräch. Wir waren uns schon mehrmals in den Herbergen auf dem Camino begegnet, aber es kam nie zu einer Unterhaltung. Erst jetzt merkten wir, dass wir uns auf Englisch hätten verständigen können. Schade, das hätten interessante Gespräche werden können. So sind es die letzten gefühlvollen Worte dieses Mannes, die uns aber auf unserem Weg begleiten: „Have a good life and be happy!“

 

Am Ende dieser Reisen steht die Erkenntnis: Beim Pilgern zählt weniger das Erreichen des Ziels, sondern vielmehr das Eintauchen in die Momente, das Offenbleiben für neue Eindrücke, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und die Freundschaft und die „Komplizenschaft“, die seitdem zwischen uns besteht.

 

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Weinbauland Spanien

Weinbau in Spanien

Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo, Via Tolosana, Camino de Levante

Auf jedem der verschiedenen Pilgerwegen wandern wir durch eines der zahlreichen Weinbaugebiete Spaniens. Ich kann mich an so manch schöne Stunden auf der Terrasse eines Restaurants erinnern, ein Glas Wein vor sich und die Erlebnisse des Tages Revue passieren lassend. Welch ein Genuss!

Aber dann tauchen auch oft Fragen auf. Kommt der Wein aus dieser Region? Wie wird er bezeichnet? Gibt es hier mehr roten oder weißen Wein? Welche Weinsorten gibt es eigentlich in Spanien?

Also dachte ich, ein kleiner Überblick über das Weinland Spanien, seine Rebsorten, seine Weinerzeugnisse und seine Weinregionen wäre doch ganz interessant, zumal ich feststellen musste, dass für mich, eine „Hobbyweintrinkerin“, vieles dabei war, was ich bislang nicht wusste.

vitalytitov / Depositphotos)

Die Geschichte des spanischen Weinanbaus


Es ist nicht hundertprozentig geklärt, wann der Weinanbau in Spanien begann. Einige Quellen sprechen von Funden von Traubenresten auf der iberischen Halbinsel bereits 4000 Jahre vor Christus.

Als wahrscheinlichste Theorie gilt jedoch, dass die Phönizier vor 3000 Jahren das heutige Cádiz in Andalusien gründeten und dort mit dem Weinanbau und Handel begannen. Später zog es sie außerdem landeinwärts und die Phönizier kultivierten auch im heutigen Jerez Wein, welcher durch das warme Klima Andalusiens seine typische starke und süße Note bekommt. Zudem hatte und hat spanischer Wein den Vorteil, dass er auch lange Reisen ohne schal zu werden überstand, was dem Händlervolk besonders zu Gute kam. Aufgrund dieser Tatsache und durch die gut vernetzten Handelswege der Phönizier wurde spanischer Wein bald zu einem Exportschlager im Mittelmeerraum sowie in Nordafrika.

Im Rahmen der Punischen Kriege übernahmen die Römer in Spanien die Macht, setzen aber die Weinproduktion fort. Durch die neuen Einflüsse und Techniken der Römer, die der Flüssigkeit beispielsweise Harze oder aromatische Essenzen zufügten und diese in Amphoren lagerten, erhielt spanischer Wein um den Beginn der christlichen Zeitrechnung einen ganz eigenen, fruchtigen Geschmack teilweise mit einem rauchigen Aroma.

Nach dem Untergang Roms im fünften Jahrhundert n. Chr. und dem damit verbundenen Einfall der Muslime verlor der Weinanbau in Spanien an Bedeutung, vor allem weil Araber aufgrund ihres muslimischen Glaubens keinen fermentierten Alkohol trinken durften. Der bedeutende Wirtschaftszweig des Weinanbaus fand mit dem Einfall der Mauren ein jähes Ende. Diese rodeten weite Teile der bestehenden Flächen. Die übrig gebliebenen wurden zur Produktion von Rosinen genutzt und als Grundlage für die Destillation, welche die Mauren erfunden hatten. Doch nutzten sie die Destillate ausschließlich zur Erzeugung von Duftstoffen und ätherischen Ölen. Der Weinanbau wurde allerdings nie vollständig eingestellt. Die muslimischen Herrscher erlaubten den spanischen Christen zumeist, ihre Kultur fortzuführen.

Im Verlaufe der Reconquista ab dem 11. Jahrhundert entwickelte sich die Herstellung spanischen Weins dann wieder stetig weiter, was vor allem den Mönchen zu verdanken war, die die Weintradition Spaniens wiederaufleben ließen. Der Neubeginn des Weinanbaus entstand vor allem rund um die große Zahl der Klöster. Wein wurde wieder ein bedeutender Wirtschaftszweig, zumal ab dem 16. Jahrhundert Unmengen an Wein in die eroberten amerikanischen Kolonien verschifft wurden, noch bevor der Weinanbau dort große Ausmaße annahm. Ein wichtiger Abnehmer wurde zudem England, das vor allem die alkoholverstärkten Weine aus Jerez (Sherry) und Málaga importierte.

Im 19. Jahrhundert erfuhr die Weinindustrie in Nordeuropa dann einen Rückschlag, diesmal jedoch nicht durch menschliche Hand. Vielmehr bedrohte die Reblaus zahlreiche Ernten und vor allem französische Winzer sahen keine andere Möglichkeit, als sich südlich der Pyrenäen anzusiedeln.  Die Hochburg der französischen Winzer war Navarra. Die Rioja aber hat große Teile der Bordelaiser Weinbautechniken übernommen und stieg damit zur bekanntesten Weinbauregion Spaniens auf. Die französischen Winzer brachten verschiedene Rebsorten sowie Techniken nach Spanien, wodurch sich spanischer Wein erneut weiterentwickelte. Auch hatten viele spanische Winzer ihr Handwerk in Bordeaux gelernt,

Als die Reblaus dann auch die iberische Halbinsel erreichte, war bereits eine Lösung gefunden, den Schädling zu bekämpfen. Zur Bekämpfung wurden Reblaus resistente „Unterlagsreben“ aus Amerika mit einheimischen Edelreisern gepfropft (veredelt) So blieben viele Weinberge verschont.

Im 20. Jahrhundert sorgten dann der Erste und Zweite Weltkrieg für einen Stillstand der spanischen Weinindustrie. Diese erholte sich erst in den Fünfzigerjahren wieder – jedoch rapide. Zahlreiche Pioniere arbeiteten hart daran, den spanischen Weinanbau zu revolutionieren, Gesetze zu schaffen, um Qualität zu garantieren, sowie die neusten Techniken einzuführen. In Folge des spanischen Bürgerkriegs und der Machtübernahme Francos litt der Weinbau erneut. Rebflächen wurden in großem Umfang verwüstet und viele Kellereien zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte nur schleppend. Erst nach dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Union 1986 erfolgte der Neubeginn des Weinbaus in Spanien. Vorhandende Weinbaubetriebe wurden modernisiert, neue  Weingüter gegründet und nach und nach wurde wieder an alte Erfolge angeknüpft. Heute gehört Spanien zu den dynamischsten Weinbauländern der Welt. Dazu tragen auch die rund 600 Rebsorten bei, die in Spanien angebaut werden und von denen viele teils nur lokal vorhandene autochthone Sorten immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen. Sie sorgen auch dafür, dass es ein zunehmendes Bewusstsein für die notwendige genetische Vielfalt in den Weinbergen gibt.

Größe der Weinbaugebiete

Unter den rund 100 Weinbau betreibenden Ländern der Welt nimmt Spanien seit vielen Jahren den ersten Platz ein, wenn es um die Anbaufläche (!) geht. 1,2 Millionen Hektar und damit rund das Zehnfache der Fläche der deutschen Anbaugebiete stehen dort unter Reben. Zum Vergleich: In Frankreich sind es nur 792.000 Hektar und in Italien 690.000 Hektar. In den vergangenen Jahren konnte nur China aufholen und setzte sich mit 799.000 Hektar Rebanbaufläche damit sogar noch vor Frankreich. Auch mengenmäßig liegt das Land ganz weit vorne und streitet sich Jahr für Jahr mit Frankreich und Italien um die Spitzenplatzierung in dieser Kategorie. Qualität und Quantität der Erzeugnisse sowie Anbaugebiete unterscheiden sich stark, was nicht zuletzt an großen klimatischen Unterschieden liegt. Oft wird davon gesprochen, dass die Weine in Spanien mehr Masse statt Klasse sind, was sicher teilweise zutrifft s. auch die Graphik. Aber es gibt natürlich auch als hervorragend klassifizierte Weine, wobei es hier meist um die Rotweine handelt.

Klima und Bodenverhältnisse

Nach Albanien und der Schweiz ist Spanien das gebirgigste Land Europas. Erhebungen und Täler, oft von Flüssen durchzogen, bestimmen die Landschaft. Die Flüsse wie Duero, Ebro und Tajo sind dabei von großer Bedeutung für den Weinbau. Zum einen wirken sie sich auf das lokale Klima aus, zum anderen liefern sie das Wasser für die Weingärten.
Von Norden nach Süden lässt sich Spanien grob in drei Klimazonen gliedern: Den kühlen, „grünen Norden“ mit recht großen Niederschlagsmengen, heißen Sommern und kalten Wintern. Dazu zählen Aragonien, Galizien, Katalonien, Navarra und La Rioja. Darunter schließt sich das Zentralplateau an, dessen Klima von heißen Sommern und sehr kalten Wintern sowie durchgängiger Trockenheit geprägt ist. Zu diesem Bereich zählen die Weinbauregionen Extremadura und La Mancha. Schließlich folgt im Süden die Küstenregion, in der es ebenfalls wenig Niederschläge gibt, dafür aber kühlende Meeresbrisen, die die Hitze im Sommer mildern. Zu dieser dritten Klimazone gehören die Weinbaugebiete Andalusien, Katalonien und Levante.
Einen Sonderfall stellen die spanischen Inseln dar. Auf den Balearen und den Kanaren herrschen wieder andere klimatische Bedingungen vor, die denen an der Küste zwar ähneln, oft gibt es aber deutlich mehr Wind.

lesniewski stock.adobe.com

Die wichtigsten Weinbaugebiete Spaniens

vino-culinario.de/weinbau-weinkultur/weinregionen/spanien. Hier findet man eine genaue Beschreibung der Regionen und ihres Weinanbaus!

Anbaugebiet

Rebfläche (ha)

Weinerzeugung (hl)

Anteil rot (%)

Anteil weiß (%)

Andalusien / Andalucía

32.054

774.452

5,6

94,4

Aragonien / Aragón

33.729

1.252.450

87,2

12,8

Asturien / Asturias

104

2.277

89,1

10,9

Baskenland / País Vasco

13.481

651.788

86,2

13,8

Extremadura

78.323

2.707.147

32,4

67,6

Galicien / Galicia

30.120

357.442

14,1

85,9

Kantabrien / Cantabria

106

k.A.

39,3

60,7

Kastilien-La Mancha / Castilla

409.969

23.929.148

47,0

53,0

Kastilien und León / Castilla-y-León

72.364

2.090.555

58,4

41,6

Katalonien / Cataluña

51.908

2.393.278

24,4

75,6

Madrid

11.255

72.813

14,1

85,9

Murcia

22.774

854.905

95,8

4,2

Navarra

17.015

750.712

88,3

11,7

La Rioja

40.081

2.046.015

91,6

8,4

Valencia

57.677

2.343.588

73,6

26,4

Balearische Inseln / Baleares

1.718

26.831

58,0

42,0

Kanarische Inseln / Canarias

10.878

22.435

34,9

65,1

Alle Anbaugebiete

883.558

40.275.836

57,7

42,3

Datenquellen:
Ministerio de Agricultura, Pesca y Alimentación DATOS CAMPAÑA 2020/2021 + Entrada de Uva (Asturien + Kantabrien) / K. Anderson, N. R. Aryal: Database of Regional, National and Global Winegrape Bearing Areas by Variety, Wine Economics Research Centre, University of Adelaide, revisierte Auflage 2017

zitiert aus: vino-culinario.de/weinbau-weinkultur/weinregionen/spanien.

ps.wein.de Weinbauland Spanien

Weinsorten und Qualitätsstufen

 Vor allem die einheimischen spanischen Rebsorten werden von den Winzern bevorzugt. So beharren die Spanier seit Jahrhunderten auf ihren eigenen Rebsorten gegen den allgemeinen weltweiten Trend. Das gilt für die Weißweine wie für die Rotweine. Auch Rebsorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Chardonnay werden schon seit vielen Jahren in den spanischen Regionen angebaut. Doch die heimischen Sorten gehören nach wie vor zu den Favoriten.

Die fünf wichtigsten spanischen Rebsorten

Airén:

Ca. 250’000 Hektar. Angepflanzt vor allem für einfache Weine, Brandy und medizinischen Alkohol. Hauptanbaugebiet ist die Meseta im Zentrum Spaniens.

Tempranillo (Cencibel, Tinto del País, Tinto del Toro):

Ca. 200’000 Hektar. Spaniens wichtigste rote Rebsorte, die unter anderem die Weine der Rioja, des Toro und der Ribera del Duero prägt.

Bobal:

rund 70’000 Hektar. Die auch als Grenache noir oder Cannonau bekannte Sorte ist eine der wichtigsten des Südens und zeigt sich vor allem in der Region um Madrid in großer Form.

Garnacha tinta:

Die Gran Reserva ist mindestens 60 Monate alt und hat davon mindestens 18 Monate im Fass verbracht.

Monastrell (Mataró):

rund 60’000 Hektar. In Frankreich auch als Mourvèdre bekannt, gehört die sehr dunkle Sorte ebenfalls zu den wichtigsten südlichen roten Rebsorten. Sie prägt viele Weine aus Valencia, Yecla und Jumilla.

Spanischer Wein kann nicht nur verschiedenen Regionen, sondern auch unterschiedlichen Reifegraden und Qualitätsstufen zugeordnet werden.

Reifegrad spanischer Weine

Joven:

Ein junger Wein, der bereits im Jahr nach der Ernte verkauft wird. Der Wein wird oft im Edelstahl ausgebaut. Wenn er im Holzfass ausgebaut wird, dann höchstens für sechs Monate.

Crianza:

Ein Wein, der mindestens 24 Monate Reife im Weingut hatte, sechs davon im Fass, 18 Monate auf der Flasche.

Reserva:

Dieser Wein muss mindestens 36 Monate gereift sein, davon mindestens zwölf Monate im Fass.

Gran Reserva:

Die Gran Reserva ist mindestens 60 Monate alt und hat davon mindestens 18 Monate im Fass verbracht.

Qualitätsstufen

  • Vino (de Mesa)

Die Einstiegsstufe in Spanien ist der „Vino de Mesa“. Er ist vergleichbar mit Tafelwein und unterliegt kaum Regeln. Auf dem Etikett eines Vino de Mesa finden Genießer keine Angabe zur Herkunft des Weines und ebenfalls keinen Hinweis auf die verwendeten Rebsorten.

  • Vino de la Tierra

Auf den Vino de Mesa folgt der „Vino de la Tierra“. Adäquate Vergleichsweine sind in Deutschland der Landwein und in Frankreich der Vin de Pays.Ein Vino de la Tierra, kurz VdlT, stammt aus einem der rund 42 V.T.-Gebiete innerhalb Spaniens. Hierzu gehören beispielsweise Cádiz in Andalusien, Extremadura und Mallorca.

  • Denominación de origen

Die nächste Qualitätsstufe in Bezug auf die Herkunft spanischer Weine ist die „Denominación de origen“, kurz D.O. genannt. Hier stammt der Wein aus einer der 62 D.O.-Regionen Spaniens.  Zu den berühmten Anbaugebieten mit D.O.-Klassifikation gehören Cariñena, Bierzo, Jumilla, Navarra, Rías Baixas und Toro.

  • Denominación de origen calificada

Eine Stufe über den D.O.-Weinen stehen Tropfen aus einer spanischen „Denominación de origen calificada“. Diese Herkunftsbezeichnung weist darauf hin, dass es sich um eine besonders prestigeträchtige Region handelt. Aktuell gibt es in Spanien nur zwei D.O.Ca.-Regionen: La Rioja und Priorat.

  • Vino de Pago

Zusätzlich zu den bereits genannten Qualitätsstufen und Herkunftsbezeichnungen gibt es in Spanien seit 2003 den „Vino de Pago“. Hierbei handelt es sich um die höchste Qualitätsstufe, für welche sich nur rund 18 Weingüter qualifizierten. Die Weine stammen aus einzelnen Lagen. 

 

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Parador – die ungewöhnlichste Hotelkette der Welt

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Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo, Via Tolosana

Parador ist die Kurzform für “Parador nacional”. Es handelt sich um von der spanischen Regierung in (Luxus-)Hotels umgebaute Burgen und historische Gebäude sowie einige neue Luxus-Resorts, die alle in atemberaubender Lage oder an historisch bedeutsamen Orten liegen. 2022 betrug die Gesamtzahl der Einrichtungen 97 in Spanien und eine in Portugal mit insgesamt ca. 10.000 Betten. Die einzelnen Hotels liegen in der Regel nur bequeme Tagesetappen (mit dem Auto) voneinander entfernt.

Die Paradors hatten schon immer drei Ziele:

– das nationale historische und künstlerische Erbe, inklusive der wichtigsten Naturgebiete zu erhalten

– ein besonderes Image des spanischen Tourismus im Ausland zu schaffen

– Bewegung in Gebiete mit wenig Tourismus und geringerer Wirtschaftskraft zu bringen.

Um sich nur eine die Dimension der in Spanien existierenden Burgen und Schlösser zu machen, hier nur zwei Zahlen. Früher gab es über 10 000 Schlösser in Spanien. Auch wenn sich die Zahl auf heute 2500 reduziert hat gibt es immer noch endlos viele Möglichkeiten in den mysteriösen, historischen und romantischen Flair, von dem die spanischen Schlösser umgeben sind, einzutauchen. Dagegen macht sich die Zahl der Paradors klein aus, aber sie bieten doch die Chance, ein Gefühl für das Leben in diesen Gemäuern zu bekommen. Natürlich es bleibt wenn ein Gefühl für das Leben der Reichen und Mächtigen in diesem doch so bewegten Mittelalter in Spanien.

spainparador.com/map.htm
Parador de Cardona

Geschichte der Paradors

“Calidad, amabilidad, leyenda – desde 1928” steht auf den schweren Messingtafeln am Eingang zu jedem Parador. Qualität, Herzlichkeit, Legende – seit 1928. Die Idee zu den stilvollen Unterkünften geht auf das Jahr 1926 zurück, als man in Spanien einen “königlichen Kommissar für Tourismus” ernannte, den Marqués de Vega Inclán.

Der Marqués schlug Alfons XIII., dem König von Spanien, vor, in armen, aber landschaftlich durchaus interessanten Gebieten Spaniens Hotels zu errichten. Hiermit sollte sowohl der Bekanntheitsgrad dieser Regionen gefördert als auch die leeren Kassen der Gemeinden gefüllt werden. Im ersten Schritt sollten keine neuen Hotels gebaut sondern historisch und architektonisch bedeutsame Bauwerke zu Hotels umfunktioniert werden. Positiver Nebeneffekt dieser Idee war die Rettung einiger dieser Bauwerke vor dem drohenden Verfall.
Der König fand diesen Vorschlag bemerkenswert und wählte daraufhin das Gelände in der Sierra de Gredos selbst aus, auf dem man 1928 das erste – in Abwandlung der ursprünglichen Idee – neu errichtete staatliche Hotel mit 30 Betten eröffnete. Warum in dieser zwei Stunden von Madrid entfernten rückständigen Gegend? Die Sierra de Gredos war von je her das Jagdgebiet der spanischen Könige. Der Marqués war zunächst enttäuscht, weil hier ein neues Gebäude errichtet wurde. So ließ er zumindest als Eingang ein prächtiges Tor aus einem Herrschaftshaus einbauen.

Parador de Santiago de Compostela 15.Jh.

Nachdem der Parador – was auf kastilisch schlicht und einfach „Unterkunft“ bedeutet -, ein Erfolg wurde, folgten kurz darauf weitere Hotels, diesmal der Idee des Marqués de la Vega Inclán folgend in geschichtlich bedeutenden Gebäuden. So wurden beispielsweise Hotels in Oropesa (1930), Úbeda (1930), Cuidad Rodrigo (1931) und Merida (1933) eröffnet. Damit wurde der Beginn einer neuen Art des Reisens auf der iberischen Halbinsel eingeleitet. Es folgten 26 weitere Paradors. Durch diese Aktivitäten wurden wichtige historische Bauwerke Spaniens gerettet, die zum Teil schon dem Verfall preisgegeben waren.

Der spanische Bürgerkrieg stoppte dann zunächst die Entwicklung. Weil aber der Diktator Franco Interesse an den Paradors zeigte, wurden die Idee unter dem Tourismusminister Manuel Fraga weiterentwickelt. In diese Zeit fällt auch eine gewisse Europäisierung Spaniens, die besonders im einsetzenden Tourismusboom vor allem an der Südküste Spaniens ihren Ausdruck fand. 

Zwischen 1965 und 1976 entstanden 25 neue Paradors und einige andere wurden modernisiert. Bis 2012 stieg die Zahl der Paradors auf 93. Heute gibt es in Spanien insgesamt 97. Sie gehören einer im Staatseigentum befindliche Aktiengesellschaft. Interessanterweise sind immer noch 65% der Gäste Spanier und „nur“ 35% Ausländer. –

Parador de Zamora Historischer Palast 15. Jh.
Parador de Caceres Historischer Palast 14. Jh.
Parador de merida Kloster 18. Jh.

Gestaltung der Paradors

Die meisten der rund 100 Paradors befinden sich in Schlössern, Burgen, Klöstern oder Festungen, alle in atemberaubender Lage am Meer, in Naturschutzgebieten oder in bekannten Städten. Die historisch und architektonisch bedeutsamen Bauwerke erinnern einen auf Grund der Größe und Strenge an die Geschichte der einstigen Weltmacht Spanien. In dieser Hinsicht sind sie auch gerade für die spanischen Gäste von besonderer Bedeutung. Zudem ist jeder Parador anders und hat seinen eigenen Charakter abhängig von seiner Geschichte, seiner Lage, seiner ehemaligen architektonischen Gestaltung und seiner Anpassung an heutige Komfortansprüche.

Stilvolles Mobiliar, wertvolle Kunstgegenstände, Fresken oder Holzkassettendecken sind meist wichtige Details der gehobenen Ausstattung. Alle Paradors garantieren ein hohes Niveau, gleich mit wieviel Sternen sie ausgezeichnet sind.

Gleichzeitig bilden die Paradors ein Gegenstück zu den touristischen Betonburgen entlang der Küsten Spaniens. Sie zeigen die andere historisch und kulturell bedeutende Seite Spaniens.

Parador de Santiago de Compostela
Parador des Hondarribia

Auch wenn wir beim Pilgern das Leben bewusst auf das Wesentliche reduziert, so darf sich ein historisch und kulturell interessierter Pilger schon einmal das Vergnügen leisten, in einem Parador zu übernachten und tiefer in die Geschichte Spaniens einzutauchen. Die Kosten liegen allerdings zwischen ca. 90 – 300 € pro Nacht je nach Ort und Jahreszeit. Besucher über 55 Jahre sollten nach der 35% Ermäßigung fragen, die möglicherweise angeboten wird. Außerdem sollte man sich vorher über die Öffnungszeiten der Paradors erkundigen, da nicht alle das ganze Jahr über geöffnet sind.

Eine Liste der Paradors und Bilder zu den einzelnen Hotels finden man u.a. hier https://www.abanico-reisen.de/paradores-verzeichnis.html

Parador de Zamora
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El Cid – eine Legende, die weiterlebt

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Viele Länder haben einen Nationalhelden, z. B. Frankreich Jeanne d´Arc, Indien Mahatma Ghandi, Südafrika Nelson Mandela, die Schweiz vielleicht Wilhelm Tell und Spanien eben El Cid. Er gilt u.a. als Symbol für die Einheit Spaniens, für den Sieg der Christenheit über den Islam auf der Iberischen Halbinsel, für selbstlose kriegerische Tapferkeit. War er das wirklich oder ist El Cid nur ein Mythos?

Wer ist dieser “El Cid”,  mit eigentlichem Namen Rodrigo de Vivar?

Herkunft und Aufstieg

Er wird um 1043 geboren, in dem Ort Vivar in der Nähe von Burgos in Kastilien. Das genaue Datum seiner Geburt ist nicht bekannt. Dank seines Vaters, der von niedrigem Adel ist, genießt er eine gute Erziehung, neben Jagen, Reiten und Waffengebrauch gehört auch Schreiben und Lesen dazu. Seine Karriere beginnt er 1058 als Page am Hof von König Ferdinand I. von Kastilien und hier wird er auch in den Ritterstand erhoben.

Nach dem Tod von Ferdinand 1065 wird das Reich unter seine drei Söhne aufgeteilt. Der Freund und Förderer Rodrigos Sanchos II. besteigt den Thron Kastiliens, Alfons wird König von Leon und Garcia erhält das unbedeutendere Galicien. Allerdings kommt es schon bald zu einem mörderischen Krieg zwischen den Brüdern mit dem Ergebnis, dass Sanchos die Teilbereiche 1071 wieder unter seine Herrschaft vereinigt. Rodrigo hat als militärischer Berater des Königs und als Ausbilder der Milizen großen Anteil am Sieg Sanchos.

Dieser stirbt allerdings relativ bald durch einen Verräter und sein Bruder Alphons VI. übernimmt die Herrschaft in Kastilien. Rodrigo bleibt zunächst am Königshof, obwohl er nicht mehr der Bannenträger des Königs ist, da dieser ihm misstraut. Er heiratet mit Billigung des Königs im Jahr 1075 die asturische Adelige Jimena, was für ihn gleichzeitig mit einem gesellschaftlichen Aufstieg verbunden ist.

Entgegen der späteren Geschichtsschreibung gibt es zu dieser Zeit noch keine gezielte Reconquista. Vielmehr bekämpfen sich die christlichen Reiche untereinander ebenso wie die muslimischen Taifas. Sie gehen auch zur Durchsetzung ihrer Ziele gegenseitige christlich-muslimische Bündnisse ein. Das erklärt auch die folgenden Ereignisse.

By photographer: ElCaminodeSantiago09 2006 - https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/14/Monumento_al_Cid_%28Burgos%29_01.jpg, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27939493

Verbannung

Im Jahr 1081 kommt es zu einer entscheidenden Wende im Leben Rodrigos. Er wird von Alfons VI. aus dem Königreich Kastilien verbannt, da er einige eigenmächtige Entscheidungen getroffen hat, u.a. da er eigenmächtig das maurische Königreich von Toledo angegriffen hat, das ein Vasall des kastilischen Königs ist, und da er zudem den Schwager des Königs, Graf Ordonez, düpiert hat, der sich mit Verleumdungen gegen Rodrigos rächt.

Allerdings findet Rodrigo schnell wieder einen Dienstherrn, den Muslim al Mu´tamin, den Herrscher des Staates Zaragoza. Er hat bereits früher Kontakt zu diesen gehabt. Der Herrscher von Zaragossa ist 1063 ein Verbündeter Kastiliens bei einem Feldzug gewesen.

Die in der spanischen Geschichtsschreibung häufig zu findende Trennung in brave Christen und gefährliche Muslime traf im Mittelalter keineswegs zu. Die Allianzen zwischen den Herrschaften wurden in der Regel nach realpolitischen Kriterien vorgenommen und nicht aufgrund der Religionszugehörigkeit. Erst später mit dem Eintritt der puritanischen und fanatischen Almoraviden und dem Vormarsch der Reconquista änderte sich dies.

Rodrigo kämpft nun fünf Jahre lang für das muslimische Zaragossa mit einer eigenen Söldnertruppe sowohl gegen Mauren als auch Christen, aber nie gegen seinen früheren Herren. Bei diesen Feldzügen ist er nicht nur siegreich, sondern er wird durch Plünderungen auch reich. Seine Erfolge bringen ihm den Respekt der Mauren ein, so dass diese ihn Al Cid („der Herr“) nennen.

Alfons VI. ist in dieser Zeit bei seinen Feldzügen ebenfalls sehr erfolgreich und kann 1085 Toledo einnehmen. Die Taifa-Fürstentümer rufen nun die Almoraviden in Nordafrika zur Hilfe. Dadurch änderten sich die Machtstrukturen in Hispania. Die Almoraviden, eine fanatisch-religiöse Berberdynastie aus dem Norden Afrikas, die nach Spanien vordringen, schlagen das Heer von Alfons in der Schlacht von Sagrajas vernichtend. Gerade 100 christliche Ritter und der verwundete König können sich retten. So kommt es zur Annäherung zwischen Rodrigo und dem König, der dringend einen erfolgreichen Feldherrn benötigt. Er hebt die Verbannung Rodrigos auf und gesteht ihm das Privileg zu, alle Gebiete, die er von den Mauen einnimmt, als erbliches Lehen zu behalten. Aber das Bündnis zwischen Alfons und Rodrigo hält nicht lange.

By Té y kriptonita - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4774388

Eroberung Valencias

In der Folge beginnt Rodrigo seine Strategie, das muslimische Königreich Valencia unter seine Herrschaft zu bringen. Nach Siegen gegen den christlichen Grafen von Barcelona und die muslimischen Almoraviden erobert er nach dreijähriger Belagerung 1094 Valencia.  Offiziell verwaltet nun El Cid Valencia als oberster Richter und Herr (Señor) für König Alfonso VI, aber faktisch hat der König dort nichts zu sagen.

Zunächst ist El Cid gleich streng und gerecht zu den muslimischen und den christlichen Einwohnern Valencias. Er regiert die Stadt mit Hilfe jüdischer Beamten aus Valencia. Aber im Laufe der Zeit wird sein Regiment doch rigider. Gegner des Regimes werden der Stadt verwiesen und müssen sich außerhalb der Mauern in der Vorstadt Alcúdia ansiedeln, während wohlhabende Parteigänger des Cid ihre Besitzungen und innerstädtischen Häuser behalten dürfen. Zeitgleich wird der Status des Cid zum „Prinzen“ aufgewertet, weil seine Töchter in einflussreiche Familien einheiraten. 

In der Zeit seiner Herrschaft in Valencia gelingt es Rodrigo mehrmals die bislang unbesiegten Almoraviden zu besiegen und so sein Reich, das ja von feindlichen Territorien umgeben ist,  zu sichern. In den Augen von immer mehr spanischen Christen wird der Ritter, der gegen alle Wahrscheinlichkeiten eine Stadt tief im Feindesgebiet hält, zu einem Streiter Gottes, der im Namen des Kreuzes gegen den Islam zu Felde zieht.

Im Jahr 1099 stirbt er wohl nach einer Pfeilverletzung. Auch um seinen Tod rangt sich eine Legende. Angeblich nimmt er seinen Gefolgsleuten auf dem Sterbebett das Versprechen ab, den Feind erneut anzugreifen. Seinem Wunsch entsprechend bindet man den sorgfältig geschminkten Leichnam vor der Schlacht in voller Rüstung aufs Pferd. Sein Hengst Babieca trägt den Toten mit dem Schwert in der Hand ins Getümmel voran. Auf diese Weise motiviert, errangen seine Leute einen glänzenden Sieg über die von der Erscheinung des Totgeglaubten erschreckten Berber. Die ganzen Mühen und Bestrebungen des Cid um Valencia sind allerdings auf Dauer vergeblich. Seine Witwe konnte die Stadt noch drei Jahre gegen die Übermacht der Almoraviden halten. Als sie aufgeben muss, greift Alfons in die Auseinandersetzungen ein. Gegen die Übermacht der Mauren lässt der Monarch die Stadt in Flammen aufgehen, um sie nicht den Feinden zu überlassen, ehe er mit Jimena, dem Leichnam El Cids und seinem Gefolge den Rückweg nach Kastilien antritt. El Cid und seine Gemahlin werden in der Kathedrale von Burgos beigesetzt. Schon zur damaligen Zeit verbreitet sich von den Schreibstuben der iberischen Klöster ausgehend der Mythos von “El Cid” – dem loyalen Untertanen und Helden der Christenheit.

Chronik aus dem 16. Jh. Public Domain, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=23298444

Der Mythos El Cid

Für die einen ist er ein skrupelloser Opportunist, dem es vor allem um Ruhm und Reichtum geht. Für die anderen ist er das ritterliche Idol des Mittelalters, ein selbstloser Streiter für die christliche Sache, der Kämpfer für die Reconquista — also ein Held des christlichen Spaniens. Diese letzte Vorstellung ist wohl die, die sich durch die Literatur zu El Cid verfestigt hat. Es ist interessant und  auch irgendwie überraschend, dass man von diesem „spanischen Helden“ erzählt, aber trotzdem den Namen, den die Araber ihm gegeben haben, „El Cid“ ( Der Herr) beibehält und weniger den spanische Ehrentitel „El Campeador“ (Meister des Schlachtfeldes). Er war auf jeden Fall der Meister wechselnder Allianzen und somit ein Symbol für diese verwirrenden Jahrhunderte Spaniens, in denen sich die Grenzen und die Tributpflicht der Emirate und der christlichen Fürsten vielfach veränderten.

Im 12. Jahrhundert kommt das epische Gedicht „El Cantar de mio Cid“ auf, in dem der Cid erstmals namentlich erwähnt und zum Helden des Kreuzzugs gegen die Moslems stilisiert wird. Die mündliche Überlieferung soll im Jahr 1140 entstanden sein, die ein Pere Abat dann 1207 zu Papier gebracht hat, welches aber verschollen ist. Eine Abschrift namens Poema del Cid datiert aus dem Jahr 1235 oder 1309. Sie gehört zu den ältesten und wichtigsten literarischen Werken Spaniens und wird in der Spanischen Nationalbibliothek in Madrid aufbewahrt.

In dem Werk wird der Cid als die Idealfigur spanischen Rittertums verherrlicht und (unhistorisch) als Verfechter oder Vorreiter der Kreuzzugsidee dargestellt. Deshalb wird großzügig darüber hinweggesehen, dass der Cid lange Zeit im Dienste maurischen  Fürsten stand, denn er soll als Verteidiger der Christenheit und als Sieger über die Mauren erscheinen. Das Heldenepos ist eines der großen Werke der spanischen mittelalterlichen Literatur und macht mengenmäßig mehr als die Hälfte der überlieferten spanischen Heldenepik aus. Ab dem späteren Mittelalter wird der literarische Stoff des Cantar zum Sujet  einer Vielzahl von nachgedichteten Ritterromanen, Chronistenberichten und Erzählungen.

Der Stoff und die Figur des Cid beschäftigte Autoren und Komponisten (Il gran Cid von Niccolo Piccini 1766, Die Infantin von Zamora von Johann AndréIl gran Cid von Giovanni Paisiello 1775, Der Cid von Théodore Gouvy 1862, Le Cid von Jules Massenet 1885 und Rodrigue et Chimène von Claude Debussy 1893) bis in die jüngste Zeit hinein. So veröffentlichte auch Herder 1805 eine Ballade über den spanischen Ritter , die besonders in der Romantik großen Anklang fand. In Spanien erschien 1929 das viel beachtete historische Standardwerk La España del Cid (deutsch Das Spanien des Cid, München 1936–1937) des Philologen und Historikers Ramón Menéndez Pidal (1869–1968). Trotz seines wissenschaftlichen Ansatzes trug er mit seinem teilweise verklärten Blick stark zur Überhöhung der Figur zum “Nationalhelden” und zum Weiterleben der Vorstellung von El Cid als einem ritterlichen Helden „ohne Furcht und Tadel“ bei.

Das Leben Rodrigos wurde bislang zwei Mal verfilmt. 1910 drehte Mario Caserini seinen “Il Cid”. Weitaus bekannter ist der von Anthony Mann im Jahre 1961 gedrehte Historienfilm El Cid mit Charlton Heston und Sophia Loren in den Hauptrollen. Im April 2005 kam der spanische Zeichentrickfilm El Cid – Die Legende (2003, Originaltitel: El Cid: La Leyenda) in die deutschen Kinos. Für Prime Video entstand 2020 die fünfteilige Serie El Cid als Geschichtsdrama. 2021 kam die Fortsetzung in einer 2. Staffel, ebenfalls bestehend aus 5 Folgen.

Die Vorstellung: „El Cid kämpfte nie für persönlichen Reichtum oder Ruhm, er kämpfte um die Vergebung seines Königs und für seine Ehre“ wird in all diesen Darstellungen reproduziert.  Dass dies offensichtlich wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat, interessiert dabei kaum. So wird der Mythos „El Cid“ bis in die heutige Zeit weiter verfestig

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Castro Urdiales, Laredo und Santoña

Castro Urdiales und Laredo

Camino del Norte

Castro-Urdiales – mittelalterliche Schönheit über dem Meer

 Castro Urdiales besitzt den Reiz eines Fischerdorfs mit berühmter Tradition und touristischem Flair, das durch die Schönheit der Strände Urdiales, El Fraile und Brazomar begünstigt wird. Hier siedelten schon die Römer, die den Ort Flavióbriga nannten. Teile von römischen Ruinen findet man unter der Wallfahrtskirche Santa Ana.

Die Altstadt liegt auf einer Halbinsel neben dem Hafen. Dort befindet sich auch das Castillo de Santa Ana. Auf der einstigen Templerburg erhebt sich nur noch ein kleiner Leuchtturm, der die Hafeneinfahrt bewacht. Der Ortskern mit seinen charakteristischen Häusern mit Holzbalkons ist mittelalterlichen Ursprungs und wurde 1978 zum Historischen Ensemble erklärt. Neben der Festung steht die gotische Kirche Santa María de la Asunción. Sie wurde zwischen dem 13. Und 15. Jh. gebaut und ist der wichtigste gotische Sakralbau Kantabriens. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf die Bucht.

Die wichtigsten Bauten aus verschiedenen Stilen und Epochen ( Burg, Kirche, mittelalterliche Brücke, Wallfahrtskirche Santa Ana) in diesem denkmalgeschützten Viertel Pueblo Vieja stehen im Kontrast zur Schlichtheit des Fischerviertels mit seinen engen Gassen und den kleinen Fischrestaurants. 

Laredo

Laredo liegt an einem der schönsten Küstenabschnitte Kantabriens. Costa Esmeralda, Smaragdküste, wird die Küste hier wegen des grün leuchtenden Meeres genannt. Die Stadt besitzt Kantabriens längsten Strand „La Salvé“ gesäumt von einer vier Kilometer langen Promenade. An diesem Strand geht man auch entlang, wenn man zu den Schiffen am El Puntal will, die am Ende der Bucht liegen und die die Pilger nach Santona übersetzen. 

Die spätmittelalterliche Stadt ist klein aber mit schmalen Gassen und roten Ziegeldächern sehenswert. Stadtpaläste aus dem 16.,17. Und 18. Jh. zählen zu ihren Attraktionen ebenso wie die Pfarrkirche Santa Maria de la Asunción mit dem üppig verzierten flämischen Retabel de Belén (Altaraufsatz).

In der großen Bucht zwischen Santona und Laredo – Laredo war ein wichtiger königlicher Kriegshafen – suchten im August 1639 während des Dreißigjährigen Krieges zwei spanische Galeonen neuester Bauart Zuflucht vor der französischen Flotte. Vergeblich, die beiden spanischen Kriegsschiffe wurden von der übermächtigen französischen Flotte – 12 000 auf 189 Schiffen!!! – gestellt. Das Flagschiff „Wappen von Galicien“ wurde von den Franzosen gekapert, das Admiralsschiff „Almiranta Nuestra Senora de la Concepción“ wurde von der eigenen Mannschaft versenkt, wollte man doch nicht, dass die wertvolle Ladung dem Feind in die Hände fiel. Die spanische Schiffbautechnik war zur damaligen Zeit der der Franzosen und Engländern überlegen. Bis zu 600 Mann konnten auf diesen Galeonen befördert werden.

Außerdem gab es eine Plattform mit Dutzenden von Kanonen, die wesentlich leichter waren als die französischen und englischen, da sie nicht aus Bronze sondern aus Gusseisen gefertigt waren. 300 Jahre lag das Wrack der Almiranta auf dem Meeresgrund vor der Küste, bevor Archäologen sie orteten und Teile davon an die Oberfläche holten.

Santoña

Am linken Ufer des Flusses Ansón liegt Santoña, das das Naturschutzgebiet der Sümpfe von Santoña und Noja bildet und eines der ältesten Fischerdörfer ist. Santoña ist in zwei Zonen unterteilt, eine städtische Ebene und ein bergiges Gebiet, mit dem Berg Buciero an seiner östlichen Grenze und Brusco und dem Strand von Berria im Norden. Der Strand von San Martin bildet die südliche Grenze und der Fischerhafen und das Sumpfgebiet die westliche Grenze.In der Stadt finden sich drei Forts, die ein Erbe der Bedeutung Santoñas als strategischer Ort für die militärische Verteidigung der Küste sind: Fort San Martin, am Ende der Strandpromenade; Fort San Carlos, das der Mündung der Bucht am nächsten liegt; und Fort del Mazo oder “Napoleons Fort”, das sich auf dem Berg Buciero befindet und einen Blick über die gesamte Gegend bietet. Die Lage Santonas machte den Ort zu einem idealen militärischen Rückzugsort. Bis ins 19.Jh. galten die Festungen der Stadt als uneinnehmbar. Auch die zwei Leuchttürmen mit ihrem unvergleichlichem Charme sind hier bemerkenswert.

Auf unserer Wanderung kommen wir auch an einem Gefängnis vorbei. Hierzu schreibt Raimond Joos im Reiseführer Jakobsweg: Küstenweg  (s. 121-122) folgende nette Geschichte:

“Felipe wurde im Jahr 1997 wegen Drogenhandels zu 10 Jahren Haft verurteilt und saß genau in dem Gefängnis am Jakobsweg. Wegen guter Führung durfte er nach einigen Jahren an einem scharf bewachten Projekt teilnehmen, bei dem wenige Gefangene eine Wanderung auf dem Jakobsweg machten. Ziel war die 22 km entfernte Pilgerherberge von Güemes, in der man zu Abend aß, um anschließend wieder ins Gefängnis heimzukehren. Das Projekt ist inzwischen eingestellt :). Felipe wurde es während der letzten zwei Jahre seine Haftzeit erlaubt, in dieser Herberge als Hospitalero Dienst zu tun. Das Haus durfte er dabei nicht verlassen.

Felipe hat seine Haftzeit inzwischen abgebüßt und auch seinen Dienst in der Herberge beendet. Er ist Maler und lebt keine halbe Stunde von der Herberge entfernt glücklich mit seiner Lebensgefährtin, einer Pilgerin aus Holland, die er in der Herberge kennengelernt hatte.”

Ja, der Jakobsweg schreibt für jeden von uns seine eigenen Geschichten, die uns glücklich machen und seine Faszination ausmachen (s. auch Persönliche Geschichten).

Strand von Laredo
Überfahrt von Laredo nach Santona

Quellen

Höllhuber, D., Schäfke, W., Der spanische Jakobsweg, 6. aktual. Auflage 2008

Bisping, S., Schwarzenburg, G.,  100 Highlights – Jakobswege in Spanien und Portugal, München 2021

Raimund Joos, Spanien: Jakobsweg Küstenweg, Outdoor Verlag, 2019

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Santillana und San Vicente de la Barquera

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Camino del Norte

Santillana del Mar – ein Blick zurück ins Mittelalter

Santillana del Mar ist eine der bedeutendsten mittelalterlichen Orte Spaniens. Ein Gang auf den mit Kopfsteinen gepflasterten Straßen durch die Altstadt versetzten einen unmittelbar ins Mittelalter. Die aus großen Steinquadern errichteten Häuser sind mit den Wappen bedeutender kastilischer Familien und der örtlichen Aristokratie geschmückt, die während der Reconquista zu Geld und Grundbesitz im neu eroberten Süden gekommen sind: Salazar, Velarde Ceballos, Calderón de la Barca, Peredo, Mendoza, Marqueses de Santillana. Es ist als ob die Zeit stehen geblieben wäre, denn es findet sich im Zentrum kein einziger Neubau. So ist ein geschlossenes intaktes Ensemble entstanden aus mit wappengeschmückten Türen, großen rund- oder spitzbogigen Einfahrten und schönen gotischen Fenstern.

Der Ursprung des Ortes geht auf das 8. Jh. zurück, als sich allmählich ein mittelalterliches Dorf ausbildete, in dessen Zentrum sich die Stiftskirche Santa Juliana befand, die dem heutigen Santillana del Mar (Santa Juliana – Sant´llana  – Santillana) später ihren Namen verleihen sollte. Die Klosterkirche mit Kreuzgang ist der Rest eines der mächtigsten Klöster Nordspaniens. Die Kirche ist die bedeutendste romanische Bau Kantabriens. Von außen wirkt sie sehr massiv mit einem kräftigen romanischen Turm (12. Jh.). Im Zentrum der Kirche steht die Grabtumba der hl. Juliana. Der romanische Kreuzgang mit herrlichen Figurenkapitellen zeigt deutliche Unterschiede zwischen den älteren Kapitellen, die figurenreich sind und oft Fantasietiere abbilden, und den rein vegetabilen Kapitellen, die wohl später entstanden sind. Neben der Kirche sind vor allem die Casa de los Hombrones, ein Stadtpalast mit frühbarockem Wappen und der hombrones, der Stadtpalast des ersten Marqués de Santillana hervorzuheben. Aus dem Mittelalter stammt der Merino-Turm (14. Jh.) und der Don Borja Turm (15. Jh.), die als älteste Profanbauten der Stadt gelten.

(s. auch Die Höhle von Altamira)

Wer in Santillana nächtigen will, kann natürlich im staatlichen Parador Gil Blas unterkommen. Für Jakobspilgerer würde ich allerdings das El Convento empfehlen.

Als der örtliche Bischof das weitläufige Gebäude dieses ehemaligen Nonnenklosters an einen sympathischen jungen kirchlichen Verein übergab, stellte er nur drei Bedingungen: 1. Steuer zahlen, 2. Sozialschwache Menschen in Arbeit bringen und 3. Die Pilger gut versorgen. Die schöne rustikale Herberge bietet derzeit 17 einfache und gepflegte DZ mit je einem Stockbett und eignem Waschbecken. Schöne, helle, geräumige Aufenthaltsräume, großer Garten und Terrasse.

San Vicente de la Barquera –  ein malerischer Küstenort

Es gibt Funde aus der Bronzezeit  und in El Barcenal aus der Zeit der Megalithkulturen . Der römische Hafen Portus Vereasueca wurde des Öfteren mit San Vicente de la Barquera identifiziert.

In der Mitte des 8. Jahrhunderts wurde die Stadt im Rahmen der Reconquista durch König Alfons I.  aus den Händen der Muslime zurückerobert. Er errichtete eine Burg, die man als Keimzelle der heutigen Stadt betrachten kann. Später führte der an der Küste verlaufende Jakobsweg durch den Ort. Nach einer Periode wirtschaftlichen Wachstums konnte sich die Stadt unter König Alfons VII.  im Jahr 1210 rechtlich selbständig machen. Als Alfons VIII der Stadt die Gerichtsbarkeit übertrug, wurde wahrscheinlich auch mit dem Bau der heutigen Festung zu Beginn des 13. Jahrhunderts begonnen. Der älteste Teil der Stadt liegt auf dem höchsten Punkt.

Das Vorhandensein von Burgen in Küstennähe ist nicht üblich, und wenn wir vor einer stehen (wie es auch in Castro Urdiales der Fall ist), ist der ästhetische Effekt beeindruckend. Das Schloss des Königs von San Vicente de la Barquera bietet auf jeden Fall ein imposantes Aussehen. Es liegt auf dem Landarm, der die beiden Flussmündungen der Stadt trennt und wird in seinem höchsten Teil von der Kirche Santa María de los Ángeles gekrönt.

Die breiten Wände dieses Gebäudes bestehen aus großen Quadern mit Quaderverstärkungen an den Rändern. Es diente im Wesentlichen  Verteidigungszwecken, obwohl es auch einen Wohnraum mit gotischen Öffnungen bewahrt. Sein Grundriss ist mehr oder weniger rechteckig mit einem hohen fünfeckigen Turm an der Nordspitze. Von dieser Burg aus beginnt die Mauer, die die alte Zitadelle umgab. Einige Teile davon sind erhalten, ebenso die Tore, die die Pilger auf dem Camino de la Costa in Richtung Santiago durchqueren mussten.

Nahe dem Kastell thront die dreischiffige gotische Kirche Santa María de los Ángeles über der Mündung des Flusses Escudo. Zwei der drei Portale zeigen noch eine romanische Ornamentik. Im Chorberich finden sich drei imposante Schnitzaltäre.

Besonders beeindruckend ist die Puenta de Maza über dem Meeresarm. Die ca. 500 m lange Maza-Brücke mit ihren 28 Bögen wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf Befehl der Katholischen Könige Isabel und Ferdinand erbaut.

Das Mündungsgebiet und die Strände sind Teil des Naturparks Parque Naturale de Oyambre, den man auf dem Jakobsweg über 10 km zur Rechten sehen kann.

Hinter San Vicente de la Barquera hat man einen herrlichen Blick auf das Bergpanorama der Picos de Europa. Der Naranjo de Bulnes fällt durch seine verwegene Gestalt besonders auf.

Will man einen Abstecher in die Picos und zum Kloster Santo Toribio de Liébana machen, so kann man von San Vicente aus entweder zu Fuß einen sehr anstrengenden Weg hinauf in die Picos wählen oder mit dem Bus nach Potes fahren und von dort aus zum Kloster wandern

(s. auch das Kapitel über die Picos und das Kloster Santo Toribio).

Quellen

Höllhuber, D., Schäfke, W., Der spanische Jakobsweg, Ostfildern 6. überarb. Aufl. 2008

Raimund Joos, Spanien: Jakobsweg Küstenweg, 17.überarb. Auflage 2019

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Die Landflucht in Spanien

Die Disparitäten in der Bevölkerungsdichte zwischen den einzelnen Autonomen Gemeinschaften bilden ein traditionelles Schlüsselproblem Spaniens. Hohe Konzentration der Bevölkerung in bestimmten Ballungsgebieten und dünne Besiedlung und weite Entfernungen zu Agglomerationsräumen, bei ungünstigen naturräumlichen Standortfaktoren und einer monostrukturellen Landwirtschaft bestimmen diesen Gegensatz.

Die Bevölkerung Spaniens ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Davon kann man sich bei einem Besuch der Großstädte und Ballungsräume vorwiegend an den Küsten leicht überzeugen. Die ländlichen Gegenden waren nie dicht besiedelt. Doch zwischen 1950 und 1970 vollzog sich ein regelrechter Exodus. Das ist nicht zuletzt der rücksichtlosen Industrialisierung unter Franco zu verdanken. Während sich die Einwohnerzahl vieler Städte verdoppelte und verdreifachte, entleerten sich die ländlichen Regionen fast vollständig. Rund 75% der Menschen leben heute im Großraum Madrid und in den urbanen Zentren entlang der Küsten. So hat Spanien eine Bevölkerungsdichte, die in Europa nur von Lappland und Teilen Finnlands unterschritten wird. Auch wenn die regionalen Disparitäten nicht allein ein Thema von Spanien sind, sondern in vielen europäischen Länder Realität sind, so ist der Unterschied in Spanien jedoch besonders eklatant.

Schon Cees Nooteboom erzählt in den 1970er Jahren in seinem Buch “Umwege nach Santiago” von dieser Landflucht und den vielen ländlichen Dörfer, in denen er wenn überhaupt nur noch wenige alte Menschen trifft. Gleichzeitig zeigt sich aber auch die Ambivalenz, die in solchen Entwicklungen steckt. Denn er ist auch fasziniert von dieser Weite und Leere des Landes, die für ihn seinen besonderen Charakter ausmacht. Er spricht davon, dass die Einöde des Landes seine eigene Majestät besitztn

Bevölkerungsdichte 2018 E/qkm hell gelb unter 10 tief violett 10.000 Von dieghernan - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83349211

Vor allem seit Beginn der 1960er Jahre begann ein Massenexodus von arbeitssuchenden jungen Menschen. Diese gingen entweder als Emigranten in andere europäische Länder oder aber sie zogen in Form der internen Migration in die Industriezentren (v.a. Bilbao, Barcelona, Madrid, Valencia). Bei der Abwanderung aus dem ländlichen Raum handelte es sich de facto um eine Landflucht. Sie begann häufig als temporäre Wanderung einzelner Familienmitglieder, die in den städtischen Zentren des Landes bessere Verdienstmöglichkeiten suchten. Aus der temporären Abwanderung wurde in aller Regel recht bald eine definitive Familienwanderung. Die Binnenwanderungsbewegung begann in der Regel als Etappenwanderung, d.h. die abwanderungswillige Bevölkerung wanderte zunächst in die eigene Provinzhauptstadt und von dort aus dann in entfernter gelegene industrielle Ballungszentren. Häufig zogen dann diesen ersten Migranten weitere Abwanderungswillige aus dem gleichen Herkunftsgebiet nach sich, so dass sich in den Großstädten ganze Stadtviertel gleicher Herkunftsgebiete bildeten, wie wir es ja in Deutschland aus vielen Großstädten mit der Konzentration ausländischer Zuwanderer kennen.

Die Selektivität der Migration

Die Selektivität der Migrationsprozesse d.h. die Abwanderung vor allem jüngerer Menschen mit oft besserem Ausbildungsniveau hat für die Abwanderungsräume neben dem Verlust an Menschen weitere gravierenden Strukturprobleme zur Folge wie Überalterung, Verfall der Landwirtschaft in Kombination mit wachsender Bodenerosion und Desertifikation und einem allgemeinen ökonomischen Niedergang der Gemeinden.

Am stärksten trifft der Bevölkerungsschwund die weitläufigen ländlichen Regionen in Kastilien-León, Kastilien-La Mancha, Extremadura oder Aragonien, aber auch Teile von Andalusien, Kantabrien, Galicien und Asturien. Sie machen 62 Prozent der Fläche Spaniens aus, dort wohnt mit 11,5 Millionen Personen aber nur ein Viertel der Gesamtbevölkerung. So sind hier zum Teil ganze Dörfer nur noch partiell bewohnt, kleinere Weiler sind vollständig aufgegeben worden (sogenannte Ortswüsten).

Die Entwicklung wirft eine Reihe von gravierenden Fragen aus:

Wie sollen unter solchen Rahmenbedingungen die schulische Bildung und berufliche Ausbildung garantiert werden?

Wie könnte eine wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung in den betroffenen Gebieten initiiert werden?

Wer trägt die Kosten für eine zeitgemäße infrastrukturelle Ausstattung mit Straßen, Elektrizitäts- und Kommunikationsnetzen, Ver- und Entsorgungsdiensten usw. in nur punktuell besiedelten Räumen?

Wer garantiert die Kontrolle von Umweltschutzbestimmungen?

Wer sorgt für die Einhaltung eines mitunter sehr fragilen ökologischen Gleichgewichts in kaum besiedelten, aber von der Freizeitgesellschaft und dem Tourismus genutzten (Gebirgs-)Räumen.

Es ist ein Teufelskreis. Viele Menschen verließen und verlassen ihre Heimatdörfer. Andere zeihen gar nicht erst dorthin – wegen der mangelnden Grundversorgung an öffentlichem Nahverkehr, Internetverbindungen, Schulen, Gesundheitszentren etc. Doch je weniger Menschen in den dünn besiedelten Gebieten leben, desto geringer ist der Anreiz für die Politik und die Privatwirtschaft dort zu investieren.

https://www.spotblue.com/de/news/spains-abandoned-villages/

Das Schlagwort „Leeres Land“

Der Begriff „leeres Spanien“ ist u.a. durch das Buch des Journalisten Sergio del Molino zu einem politischen Schlagwort geworden und hat zu zahlreichen Diskussionen und Initiativen in Spanien geführt. Del Molinos Buch hat in Spanien eine kaum vorstellbare Wirkung entfaltet, Parlamentsdebatten, Gegenbücher, sogar die Gründung einer Partei angeregt. 

Das Thema Landflucht lässt sich mittlerweile keine spanische Partei mehr entgehen, die drohende Entvölkerung ganzer Regionen zählt heute zu den bedeutenden Herausforderungen der Regierung. Es wurden inzwischen zahlreiche Programme aufgelegt, um das Problem in den Griff zu bekommen. Aber wie erfolgreich diese wirklich sind, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Die Verantwortung liegt aber nicht nur bei der spanischen Regierung, auch die Autonomen Gemeinschaften und lokalen Gebietskörperschaften müssen Vorschläge und Maßnahmen ergreifen, um dem Trend der Entvölkerung, der lange Zeit als unumkehrbar galt, entgegenzutreten.

España Vaciada ist eine politische Plattform und soziale Bewegung, die sich aus einer großen Anzahl von Bürgergruppen und Vereinigungen zusammensetzt. Diese existieren zum Teil schon seit zwei Jahrzehnten, sie treten in vielen Provinzen unter unterschiedlichen Namen an. Die Bewegung versucht, die Interessen des leerer werdenden ländlichen Spaniens zu vertreten.

In ihrem Programm betont die Plattform, das fehlerhafte, unfaire und asymmetrische territoriale Entwicklungsmodell korrigieren zu wollen. Ihr Ziel ist es, die Abwanderung aus ländlichen Regionen, den Rückbau von Infrastruktur und die daraus folgende Gefahr von Verödung auf die politische Agenda zu setzen. Der Vormarsch des „leeren Spaniens“ in die spanische Politik gestaltet sich bislang regional sehr unterschiedlich und hängt stark von lokalen Gegebenheiten ab. Die Hoffnung bei den Nationalwahlen ein größeres politisches Gewicht im Parlament bilden zu können, hat sich leider nicht erfüllt. Bei den Nationalwahlen im Juli 2023 hat sie keinen Sitz erringen können und nur knapp über 3000 Stimmen erhalten.

Die verlassenen Dörfer u.a. in Galicien und Asturien

Die wirtschaftliche Armut in bestimmten ländlichen Regionen, die Überalterung der Bevölkerung und die massive Landflucht der jungen Menschen hatte zur Folge, dass vielen Dörfern das Aussterben droht. Heute sind sogar schon ganze Dörfer verlassen und dem Verfall überlassen worden. Cees Nooteboom hat in seinem Buch “Umwege nach Santiago” sehr treffend beschrieben, dass die Dörfer früher durch ihre exponierte Lage in den Bergen geschützt waren, aber genau dadurch sind sie heute von der Entwicklung abgeschnitten. Und er beschreibt sehr eindringlich, wie es ist ein solches leeres Dorf aufzusuchen (S. 380). Der Fluch oder Segen Spaniens besteht darin, dass es endlose Küsten besitzt, die von Industrie und Tourismus gleichermaßen hoch geschätzt werden. 

Was für uns gerade die Schönheit und Attraktivität der Jakobswege ausmacht – die ländliche Idylle, die weiträumige Landschaft, die Leere, die Ruhe, die Stille und Einsamkeit -, ist auf der anderen Seite auch eine Konsequenz der Landflucht und des wirtschaftlichen Niedergangs dieser Regionen. 

Vor allem auf dem camino primitivo kann man die Abwanderung aus den abgelegenen Dörfern Asturiens und Galiciens unmittelbar beobachten, geht man doch an verlassenen verfallenen Häuser und Dörfern vorbei. Allein im Osten Galiciens finden sich angeblich ca. 400 aufgegebene Dörfer. Nun versucht man, diesen Geisterdörfer wieder Leben einzuhauchen, indem man überlegt, sie im Ganzen zu verkaufen. Heute sind es vor allem Ausländer, die Interesse zeigen, ganze Weiler zu kaufen. Vielleicht tragen ja die Digitalisierung und der überhitzte Wohnungsmarkt in den Verdichtungsräumen dazu bei, dass ein oder andere Dorf vor dem Verfall gerettet wird. Dazu ist es allerdings notwendig, gerade die Infrastruktur zu erhalten bzw. auszubauen, um den Anforderungen eines heutigen digitalen Lebens gerecht zu werden.

Neben diesen Beispielen gibt es einige – von den regionalen Regierungen allerdings nur teilweise tolerierte – Versuche der Wiederbesiedlung verlassener Dörfer durch junge Besetzer*innen. Neben der rechtlichen Grauzone, in der diese neuen Bewohner agieren, wird oft auf die Vorteile solcher Aktivitäten hingewiesen. Durch ökologische Landwirtschaft wird Biodiversität geschaffen. Die Agroforstwirtschaft reduziert das Brandrisiko und den ökologischen Fußabdruck. Wirtschaftlich wird das lokale Gefüge durch die Präsenz neuer Bewohner gestärkt; sie produzieren, konsumieren und schaffen oft Aktivitäten, die es bisher noch nicht gab. Kulturell geht es um die Schaffung von experimentellen Freiräumen, in denen sich Menschen von verschiedenen Horizonten treffen und in unterschiedlichsten Bereichen einbringen können.

All diese Beispiele und Versuche werden aber nicht ausreichen, um dem Problem der Landflucht zumindest teilweise entgegenzuwirken. Hierzu sind sicher intensivere Bemühungen und Aktivitäten der staatlichen und regionalen Behörden notwendig. Aber die gesamte Entwicklung lässt sich wohl nicht zurückdrehen, dazu fehlen sowohl die ökonomische Basis als auch die ökologische Voraussetzungen, gerade wenn auch man an den Klimawandel denkt.

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„Die Witwen der Lebenden und Toten“ – die zwei Gesichter der Auswanderung nach Südamerika

„Die Witwen der Lebenden und Toten“ – die zwei Gesichter der Auswanderung nach Südamerika

Camino del Norte, Camino Primitivo

Phasen der Auswanderung nach Südamerika

Die neuere Geschichte Spaniens ab dem 19. Jahrhundert ist eine Geschichte des Auswanderns. Selbst in den Glanzzeiten des spanischen Weltreiches verließen Hunderttausende aus wirtschaftlicher Not ihre Heimat, um in anderen Ländern ihr Glück zu suchen. Lateinamerika war seit den Tagen der Entdeckung des neuen Kontinents das Hauptziel der Auswanderer. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts veränderten sich die Wege der Migration.

Bildquelle akg aus planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/auswanderer

Die spanische Auswanderung nach Südamerika begann im frühen 16. Jh. Während des 16.-18. Jahrhunderts hatte die Auswanderung spanischer Bürger in die amerikanischen Kolonien vor allem das Ziel, die dortigen Machtverhältnisse zu stützen und in den Kolonien zu arbeiten: Soldaten (sowie deren Familien) und Geistliche bildeten die beiden großen Gruppen der ersten Einwanderer. Durch die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der Kolonien (vor allem von Argentinien, Brasilien, Kuba, Puerto Rico, Mexiko, Uruguay und Venezuela) nahm der Anteil der Emigranten aus wirtschaftlichen Gründen zu, während die Zahl der Soldaten abnahm. Unter anderem durch die Abschaffung der Sklaverei wuchs der Bedarf an Arbeitskräften in Südamerika schnell, nicht zuletzt auch, weil im Zuge der Kolonialisierung Südamerikas große Teile der indigenen Bevölkerung ausgelöscht wurden.

Als die lateinamerikanischen Kolonien sich unabhängig erklärten und sich von Spanien zu lösen begannen, kam es zu einer Rückreisewelle. Aber viele Spanier blieben und auch neue wurden angeworben, da die Länder einen hohen Bedarf an Arbeitskräften hatten.

Mit der Weltwirtschaftskrise endete die Epoche der lateinamerikanischen Immi­grationspolitik schlagartig: Waren bis 1930 fast 5 Mio. Spanier nach Lateinamerika ausgewandert, so schotteten sich die meisten Länder nach der Krise fast vollständig ab: Die Zahlen lagen zwischen 1880 und 1930 bei durchschnittlich fast 89.000 spanischen Einwanderern jährlich, doch sank die Zahl zwischen 1931 und 1936 auf nur noch 15.500. Außerdem wurde die Auswanderung durch das franquistische Regime unterbunden.

Aber der spanische Bürgerkrieg führte trotzdem zur Auswanderung von einer Million Spanier diesmal aus politischen Gründen.

Mit der Änderung des Auswanderungsgesetzes 1971, welches sich mehr an einer innereuropäischen Migration orientierte und diese förderte, der Demokratisierung Spaniens nach Francos Tod 1975, dem EU-Beitritt 1986 und einer zunehmend als unsicher empfundenen Situation in Amerika, nahm die Zahl der Amerika-Emigranten immer mehr ab. Wenn dann wanderten Spanier zum Arbeiten nach Frankreich, Deutschland oder in andere europäische Staaten. (s. auch unter der Rubrik Geschichten das Kapitel „Altes Mütterchen“) .

South Amerika 1899 Von Henry Lange - "Volksschul-Atlas", Dreihundertste Auflage, George Westermann in Braunschweig, 1899. Scan made by Olahus, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1638733

Das Beispiel Galicien

Eine frühe Welle galicischer Migration begann bereits im 18. Jh., als Tausende Galicier nach Andalusien, Kastilien und Portugal wanderten, um als Tagelöhner bei Großgrundbesitzern oder in den Städten als Dienstboten oder Wasserträger zu arbeiten. Die Hauptphase galicischer Auswanderung nach Übersee begann etwa 1860 und dauerte bis 1936.

Zwischen 1885 und 1930 wanderten mehr als 900.000 Galicier nach Lateinamerika, in vielen Einzeljahren dieser Periode stellten sie das größte Kontingent spanischer Auswanderer. Hauptgrund war die im dörflich geprägten und kaum entwickelten Galicien grassierende Armut. Mehr als die Hälfte der galicischen Auswanderer zog nach Argentinien ; fast ein Drittel wanderte nach Kuba  aus; drittwichtigstes Zielland war Brasilien.

Beweggründe und harte Realität

Die gali­cische und asturische Landbevölkerung war bereits an eine kurzfristige Emigration nach Kastilien gewöhnt, wo sich besonders die Männer als Saisonarbeiter verdingten, um die Familie am Leben zu erhalten. Aufgrund von Armut, Hungersnöte, politische und soziale Erschütterungen, unzureichende Lebensperspektiven ließen viele – vor allem (junge) Männer – ihr Land hinter sich und träumten von einer besseren Zukunft in den Kolonien und davon reich zu werden. Es gibt einen Spruch, der lautet: „Wenn der Galicier hungert, wird er nicht deprimiert, sondern wandert aus“.

Sie hatten große Träumen, die meiste Zeit über war das aber nicht das El Dorado, das ihnen versprochen worden war, sondern sie mussten unter harten Bedingungen arbeiten, die z.T. der Sklaverei sehr nahekamen. Viele der Emigranten scheiterten. Gebrochene Illusionen, Lügen und hohe Alkoholgenuss waren teilweise die Realität. Viele kamen arm und nicht wie erträumt reich nach Hause, viele versuchten es trotzdem noch einmal, viele kehrten nie wieder in die Heimat zurück. Ihre Frauen befanden sich in einer komplizierten rechtlichen Situation, da sie zwar keine Witwen waren, ihr Leben aber auch mit niemand anderem teilen konnten. So spricht Rosalia de Catro (1837 – 1885) in einem ihrer Gedichte von den viúdas dos vivos e as viúdas dos mortos (den Witwen der Lebenden und den Witwen der Toten). Dieser Begriff wurde später literarisch vielfach aufgegriffen.

Trotzdem waren die Emi­granten schon ab dem 18. Jahrhundert eine wichtige Geldquelle für die Daheimge­bliebenen. Ohne die „remesas“ (Überweisungen) wäre das Leben gerade in den ärmeren Regionen Spaniens, z.B. Galicien oder Asturien, noch härter gewesen, und viele Familien waren von diesen Geldsendungen abhängig. Dass die Überweisungen der Emigranten für die Daheimgebliebenen z.T. lebenswichtig ist , daran hat sich ja leider in den Jahrhunderten bis heute nichts geändert.

Das Schicksal der Witwen der Lebenden und Toten

Das Oxymoron „Witwen der Lebenden“, das im ländlichen Galizien immer noch im Volksmund verwendet wird, scheint im 19. Jahrhundert entstanden zu sein.

Der männliche Überhang bei der frühen Auswanderung bringt das Gleichgewicht der Geschlechter in den Dörfern durcheinander –  die Männer fehlen. Die wirtschaftliche Situation, die soziale Entwicklung und die populäre Poesie scheinen in Galizien zusammengekommen zu sein, um eine dörfliche Kultur zu entwickeln, die in Liedern und Gedichten auf die Situation der Frauen hinzuweist. Mussten diese Frauen doch in der Einelternfamilie zuhause alles alleine meistern, sei es die Arbeit auf den Feldern, die Armut zuhause, die Erziehung der Kinder. Irgendwo stand einmal die Aussage vor der Geburt eines Kindes „Möge es ein Mädchen werden, denn die werden hier gebraucht!“

Einerseits spielen die Männer eine entscheidende Bedeutung. Selbst wenn sie nicht anwesend waren, bestimmten sie, was mit den Frauen passierte. Wenn man will, sind aber beide sowohl die Männer als auch die Frauen Opfer der Umstände.  Andererseits entwickelten sich aus dieser Überlebensstrategie starke Frauen.

Sie meistern ihre schwierige rechtliche Situation (Witwen der Lebenden), ihre Sehnsucht nach und die Angst um den Mann, die Einsamkeit, die Verzweiflung sowie die ganz alltäglichen Probleme eines Dorflebens in jener Zeit.

Es gibt ein eindrucksvolles Bild vom galicischen Fotografen Virgilio Vieitez, das er in den 60er Jahren des 20. Jh. aufgenommen hat. Eine alte Frau in dem typischen schwarzen Kleid sitzt auf einem Stuhl, neben ihr, auf einem zweiten Stuhl, steht ein Radio. Ihr nach Amerika ausgewanderter Sohn hat ihr Geld geschickt, damit sie sich ein Radio kaufen kann, zum Zeitvertreib. Das Bild hat sie ihm geschickt. Er soll sehen, dass sie nicht mehr allein ist…….

Das Bild berührt und sag mehr als viele Worte über Zurückgelassenen.

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Der Traum vieler, die Realität einiger – die Casonas (Villen) der „Indianos“

Im 19. Jh. emigrierten viele Nordspanier nach Lateinamerika – und einige kamen auch wirklich reich zurück. Als erstes bauten sie sich Prachtvillen, die bis heute gut erhalten sind.

„Indianos“ heißen in Spanien die Emigranten, die reich aus Lateinamerika zurückgekehrt sind. Mit prächtigen Villen bewiesen die Heimkehrer ihren gesellschaftlichen Aufstieg und dass sie in Amerika zu viel Geld gelangt waren. Damit weckten sie natürlich weitere Hoffnung bei potentiellen Emigranten. Die „indianos“ haben eine herrliche Ansammlung von kleinen Palästen und Herrenhäusern im Stil des Eklektizismus, Jugendstil und Historismus hinterlassen. Die „casonas“ der Rückkehrer hatten großartige Fassaden, Aussichtstürme, hohe Decken, Galerien, Balkone und beeindruckende Treppenaufgänge. Gärten voller Palmen, Araukarien, Magnolien, Rhododendren und Kamelien sollen ihren Reichtum repräsentieren.

Um einen ersten Eindruck von der Pracht der „indianischen Häuser“ zu gewinnen, eignet sich besonders eine Reise durch die Gegend von Llanes im Osten des Fürstentums von Asturien. Dort sind herausragende Beispiele dieser besonderen Architekturform zu finden, wie etwa die Casona de Verines und die Paläste von Santa Engracia und Mendoza Cortina in La Borbolla und Pendueles.  Auch in Ribadeo, einem Städtchen an der Grenze zwischen Asturien und Galicien kann man zahlreiche Villen im „Indiano-Stil“ bewundern. Man findet diese Villen natürlich auch in Galicien, Kantabrien und anderen Regionen Spaniens. Eine schöne Zusammenstellung von Bildern der prächtigen Villen in Nordspanien und Portugal findet man in der Zeitschrift „portugal-kultur“ Heft 8.

Nach ihrer Rückkehr aus Amerika spielten die reichen Rückkehrer im Spanien der damaligen Zeit eine wichtige soziale Rolle, bauten Schulen, Rathäuser, öffentliche Badeanstalten, Straßen, Krankenhäuser und Heime. So z.B. auch der reiche Indiano Antonio López y López, der sich in seiner Heimatstadt Comillas zurückgekehrt im späten 19.Jh. eine große Villa errichtete. Er war in Übersee durch die Tabakproduktion und den Tabakhandel reich geworden, hatte aber auch mit Banken und eine transatlantischen Schifffahrtsgesellschaft Erfolg und Geld gemacht. Zurück in seiner Heimat tat er alles um den beginnenden Badetourismus der Madrilenen zu fördern. Noch heute stellt diese Gruppe den Großteil der Sommerurlauber an der kantabrischen Küste und in Comillas.

Doch Ironie der Geschichte: Da diese reich gewordenen „Indianer“ nur unter sich heirateten (das Fachwort dafür heißt Endogamie), die Zahl potenzieller Heiratskandidaten mit der Zeit aber abnahm, gerieten etliche „Indianer“ nicht nur in familiäre, sondern auch in wirtschaftliche Not. In der Folge verkauften sie ihre architektonischen Herrlichkeiten oder öffneten sie der Öffentlichkeit.

So können heutige Besucher in aller Ruhe schauen und staunen. Sie laufen über lackierte Holzböden, befinden sich in detailgetreu gestalteten Museumsecken plötzlich auf einem Schiffsdeck oder auf einer lateinamerikanischen Hazienda-Terrasse wieder, entdecken in Vitrinen Krinolinen, Sonnenschirme und Sepiafotografien der asturischen Auswanderer in den Salons von Havanna oder Valparaíso, streichen über kühle marmorne Balkonbalustraden.

Leider stehen einige der Villen  aber auch leer und verfallen zum Teil. Andere werden zum Verkauf angeboten. In manchen findet man  heute aber auch kleine hübsche ländliche Hotels.

 

Auf unserer Wanderung auf dem Camino del Norte sollte man in Colombres angehalten, gleich hinter der kantabrisch-asturischen Grenze, um das beeindruckende Migrations-Museum zu sehen. Sowohl das Museumsgebäude selbst, als auch die historische Ausstellung sind sehenwert. Die dargestellte Geschichte schildert praktisch und einleuchtend die Realität der früheren Bewohnerinnen der Regionen an der Nordküste der Iberischen Halbinsel. Diese Geschichte gilt nicht nur für Asturien, das Museum könnte genau so gut auch im Baskenland oder in Galicien stehen, denn in den vergangenen Jahrhunderten waren Leute aus allen Regionen aufgrund ihrer Existenzbedingungen dazu gezwungen, in Übersee, vor allem in Südamerika ihr Glück zu suchen. Manchmal war es auch pure Abenteuerlust.

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Camino del Norte Kultur Kultur

Picasso Jahr 2023

Picasso Jahr 2023

Camino del Norte

2023 ist der 50. Todestag eines der bedeutendsten spanischen und internationalen Künstler aller Zeiten, Pablo Ruiz Picasso. Ausstellungen in Museen weltweit erinnern an den großen Künstler.

Kurze Biografie Picassos

1881                am 25. Oktober als Sohn des Malers und Zeichenlehrers José Ruiz Blasco und dessen Ehefrau Maria Picasso y Lopez in Malaga, Spanien geboren

1891               Umzug der Familie nach A Coruna ins spanische Galicien, am Instituto da Guarda bereits als Zehnjähriger an der Schule für bildende Künste aufgenommen

1895               nach dem Tod der Schwester Umzug der Familie nach Barcelona in Katalonien. Mit vierzehn Jahren schaffte Picasso die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie La Lonja, Einstieg sofort ins 3. Studienjahr

1896               sein erstes großes Bild im akademischen Stil „Die Erstkommunion“

1897               begann er ein Malereistudium an der Akademie San Fernando in Madrid, Ausbildung nach wenigen Monaten abgebrochen

1901               Rückkehr nach Barcelona. Er wurde Mitglied der Malergruppe „El Quatre Gats“ („Die vier Katzen“)

1901 – 1904   entwickelte Picasso seine „blaue Periode“. In dieser Phase wählte er hauptsächlich Bettler und Mütter mit Kindern als Motive seiner Bilder. Er entwickelte seinen ersten eigenen Stil mit schwermütigen Figurenbildern, die in verschiedenen Blautönen gehalten wurden. Ein Jahr später erfolgte die erste Ausstellung seiner blauen Periode. Abwechselnde Aufenthalte in Barcelona, Madrid und Paris       

Von Argentina. Revista Vea y Lea - http://www.magicasruinas.com.ar/revistero/internacional/pintura-pablo-picasso.htm, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3257370

1904 – 1907 verändert Picasso seinen Stil und erarbeitete mithilfe von Mutterschaftsbildern, Gauklern und Harlekinen seine „rosa Periode“. Ein Jahr später stellte er in einer Pariser Galerie erste Bilder seiner neuen Phase aus.

1904                 nach einer späteren Paris-Reise zog Picasso endgültig in die Französische Hauptstadt. Er lernte Fernande Olivier kennen, die seine Geliebte und sein Modell wurde.

1905            Picasso lernt Matisse im Haus der Schriftstellerin Getrude Stein kennen. Matisse war der einzige zeitgenössische Künstler, den Picasso als ebenbürtig ansah

1908                änderte Picasso erneut seinen Stil. Ausschlaggebend für den erneuten Stilwechsel waren vor allem afrikanische Masken wegen ihrer außergewöhnlichen Gestaltung. Zusammen mit Geogres Braque wurde Pablo Picasso damit zum Begründer des Kubismus. Er zeichnete Figuren aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig. In dieser Phase des analytischen Kubismus zeichnen sie eckige Flächen und quaderförmige Strukturen.

1912                folgte dann die Phase des synthetischen Kubismus. Sie beziehen sich auf die Methode des Collagierens, indem sie verschiedene Materialien zusammenfügen. So verwendeten sie Sand, Holz und Blech in ihren Arbeiten.

Ab 1915          zeichnete er neben kubistischen Bildern auch wieder realistische Porträts

1917                18.Mai: Uraufführung des Balletts „Parade“ in Paris. Picasso fertigte für die Inszenierung das Bühnenbild und die Kostüme. Anlässlich der Aufführung lernte er die Tänzerin Olga Chochlowa kennen.

1918                Heirat mit Olga Chochlowa

Ab 1919          wurde Picassos Malerei zunehmend „klassizistische“. Er greift auf antike mythologische Vorbilder zurück.

1921                Geburt des Sohnes Paulo Picasso mit Olga

1924 – 1926    arbeitete er bevorzugt an einem großen abstrahierenden Stillleben.

1925                beteiligt sich Picasso mit dem Werk „Drei Tänzer“ an der ersten Ausstellung der Surrealisten in Paris. Der Surrealismus bot ihm die Möglichkeit zur Verschlüsselung und zur mythologischen Überhöhung psychischer Erfahrungen.

1927               Bekanntschaft mit Marie-Térése Walter, die seine Geliebte und sein Modell wurde. Sein Werk ist nun von vorwiegend frei figuralen Kompositionen geprägt.

1928/29          entstehen Drahtplastiken und die erste Eisenskulptur

1934                angeregt durch eine Reise nach Spanien nimmt er die Thematik des Stierkampfes in seinem Werk auf

1935                Die Geburt seiner Tochter Maya Widmaier Picasso aus der Beziehung zu Maie-Thérèse Widmaier führt zur Trennung von seiner Ehefrau

1936                Picasso nahm den Direktorenposten des Prado-Museums in Madrid an

1937                Für den spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung schuf Picasso das großformatige Anti-Kriegs-Bild „Guernika“, auf dem er die Zerstörung der Stadt durch deutsche Flugzeuge im Spanischen Bürgerkrieg anprangert

Nach dem Sieg Francos betrat Picasso Spanien nicht mehr.

Freundschaft mit Dora Maar, die neben Marie-Thérèse seine Geliebte und sein Modell wurde

1939 – 1945    Auffallend an seinen Gemälden und Plastiken dieser Zeit ist, dass sie keine Opfer, Waffen oder Kämpfe zeigen. Stattdessen beschäftigte sich Picasso tagtäglich mit Stillleben, Porträts, Landschaftsbildern und Akten. Aber seine dunklen Motiven der Stillleben erzählen auf ihre eigene Weise von Tod und Tragödien.

1940                wurden Piocassos Werke unter der Besetzung durch die Nazis als „entartet“ abgewertet. Sie durften nicht mehr ausgestellt werden. Trotzdem arbeitete der Maler weiter wie besessen an Ölgemälden und Plastiken

Ab 1943          Freundschaft mit der Malerin Francoise Gilot. Aus dieser Beziehung gehen zwei Kinder hervor. Gilot gilt als die einzige Frau, die Picasso verlassen hat und nicht von ihm verlassen wurde. Sie starb am 6. Juni 2023 im Alter von 102 Jahren.

1945                Picasso wurde Vorsitzender des französisch-spanischen Hilfskomitees für republikanische Spanier

1945 – 1949    Neben der Malerei wurde die Lithographie zu einem weiteren Ausdrucksmittel, das seiner spontanen Zeichenweise entgegenkam

1947                Geburt seines Sohnes Claude Picasso mit Francoise Gilot

Ab 1947          Anfertigungen von Keramiken

1948                 Verleihung der „Médaille de Reconnaissance Francaise“ durch die französische Regierung

1949                Geburt seiner Tochter Paloma Picasso mit Francoise Gilot

1955                kauft Picasso die Villa „La Calfornie“ in Cannes, wird aber von Touristen überlaufen

1958                er erwarb das Schloss Vauvernargues in der Nähe von Aix-en-Provence

Picassos Stil reduzierte sich zunehmende auf das linienbetonte Skizzenhafte. Mit hoher Produktivität setzte er sich nicht nur mit der malerei und Grafik wie Lithografie und Linolschnitt auseinander, sondern ab 1947 auch mit Bildhauerei und Keramik. Er variierte und zitierte seine Themen wiederholt.

1961                Heirat mit Jaqueline Roque

1962                Betonskulpturen

1963                Eröffnung des Museo Picasso in Barcelona, das später einen Großteil seines Nachlasses erhält

1973                8. April Pablo Picasso stirbt in Mougins (bei Cannes) im Alter von 92 Jahren. Er wird im Garten seines Schlosses beigesetzt.

Picasso hinterließ neben Immobilien ca. 1900 Gemälde, 12 000 Zeichnungen, 1300 Skulpturen, 3000 Keramiken und acht Teppiche

1985                Einweihung des Musée Picasso in Paris

By Pablo Picasso - wikipaintings, PD-US, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=40528028

Zum Gedenken an sein Leben und Werk wird weltweit ein umfangreiches Programm aus Ausstellungen, Feierlichkeiten und Veranstaltungen organisiert. Das gilt insbesondere für die Länder, in denen er gelebt hat: Spanien und Frankreich. In Spanien stehen die Städte im Mittelpunkt, zu denen er die stärksten Beziehungen pflegte, die ihn inspirierten und seine Persönlichkeit und Kunst prägten. So finden zu seinen Ehren in Malaga (3), in Madrid (7), in Bilbao (1), in Barcelona (3) und in A Coruna (1)  Ausstellungen statt.

 

Guggenheim Museum in Bilbao    PICASSO SCULPTOR. MATTER AND BODY

29.09.2023 – 14.01.2024

 

Der Körper, sowohl Instrument des Künstlers als auch ultimatives Ziel der Darstellung, ist die tragende Säule dieser Ausstellung. Die Auswahl der Skulpturen deckt die schier unendliche Stilvielfalt ab, mit der Picasso die Formen des menschlichen Körpers vergrößerte und ihn in alle Formate und Genres sowie in alle möglichen Materialien zerlegte: Holz, Bronze, Eisen, Zement, Stahl, Gips, alles fließt in sein bildhauerisches Werk ein. Für Picasso war diese Disziplin in seinem Schaffen keineswegs zweitrangig; Stattdessen betrachtete er es als eine Ausdrucksform, die mit Malerei, Zeichnung, Druckgrafik oder Keramik vergleichbar ist, da, wie er sagte, keine Kunst größer oder weniger wichtig ist als andere, aber diese Sprachen und Materialien ermöglichten es ihm, verschiedene Aspekte seiner Schöpfung auszudrücken.

Auch wenn dieser Bereich seines Schaffens während seiner kubistischen Periode deutlicher hervortrat und sich vertiefte, schuf Pablo Picasso fast von Beginn seiner umfangreichen künstlerischen Laufbahn an Skulpturen und arbeitete sein Leben lang weiter an ihnen.

Kuratorin: Carmen Giménez

 

 

 

Museo de Belas Artes da Coruna      PICASSO WHITE IN THE BLUE MEMORY

23.03.2023- 23.06.2023

 

Picasso begann seine akademische Ausbildung in A Coruña (Galizien), wo er zwischen 1891 und 1895 lebte. Dies war ein grundlegender Schritt auf seinem künstlerischen Weg als spanischer Maler. Dieser Zeitraum wurde in der Ausstellung El Primer Picasso eingehend untersucht. A Coruña 2015 (Der erste Picasso. Coruña 2015), organisiert im Museo de Belas Artes da Coruña. Diese neue Ausstellung, die von der Xunta de Galicia gefördert wird, ist in elf Perioden unterteilt, die alle Phasen von Picassos Schaffen betrachten. Für jedes von ihnen wird mindestens ein Werk ausgewählt und im narrativen Diskurs der Ausstellung mit der Ausbildungszeit des Künstlers während seiner in A Coruña lebenden Jahre in Beziehung gesetzt.

Kuratoren: Antón Castro, Malén Gual und Rubén Ventureira. Generalkoordinator: Mª Ángeles Penas Truque (Direktorin des Museo de Belas Artes de Coruña)

 

By Pablo Picasso - http://artinvestment.ru/en/news/auctnews/20080930_rare_work_of_pablo_picasso.html, PD-US, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=40528110
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Die Romanik in Nordwestspanien

Die Romanik in Nordwestspanien

Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo, Via Tolosana

  1. Historische Gegebenheiten

 Die Entstehung und Ausprägung der romanischen Architektur ist in Spanien anders verlaufen als in den meisten west- und mitteleuropäischen Ländern, weil die historischen Voraussetzungen anders waren. Denn seit 711 herrschten die Araber über fast die gesamte iberische Halbinsel. Allein das asturische Königreich, das später im Königreich Kastilien und Leon aufging, war nicht besetzt. Es war das Zeitalter der Romanik, in dem die Reconquista – die Rückeroberung unter christlichen Vorzeichen – ihre ersten Erfolge verbuchte. Neben Asturien waren es die fränkische Mark Katalonien und die Königreiche Navarra und Aragon, die die Reconquista vorantrieben und die Rückeroberung Spaniens von den Arabern im Laufe der Zeit zu einem Anliegen der gesamten Christenheit machten. Die Reconquista erreichte Mitte des 11. Jhs. die Linie Ebro-Duero, zu Beginn des 12. Jhs. den Tajo und Anfang des 13. Jhs. den Guadiana (vgl hierzu auch die Texte über die Arabisierung Spaniens und die Reconquista).

In der Folge dieser politischen Veränderungen kam es auch zunehmend zu kulturellen Entwicklungen. So wurde die Wallfahrt nach Santiago de Compostela sehr stark forciert und in diesem Zusammenhang entstanden auf den Pilgerwegen dorthin zahlreiche Kirchen und Klöster. Mit einem gewissen zeitlichen Abstand weitete sich der Kirchenbau dann auch nach Süden aus. Der Widerstreit zwischen den arabischen Herrschern im Süden und den christlichen Herrschern im Norden hatte eine kulturelle Zweiteilung der iberischen Halbinsel zur Folge. So ist die romanische Baukunst eigentlich nur im nördlichen Bereich zu finden, während im Süden teilweise noch bis ins 15. Jh. die arabische geprägte Architektur gepflegte wurde. Deshalb findet man unter https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Bauwerk_der_Romanik_in_Spanien  auch nur eine Aufstellung von Bauwerken der Romanik in den Regionen Aragon, Navarra, Kastilien-Leon, Galicien und Katalonien.

Marcel Durliat Romanisches Spanien
Kastilien/Leon Von GFreihalter - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25411646 Zamora
  1. Der vorwiegend französische Einfluss auf die romanische Baukunst in Nordwestspanien

 Die romanische Baukunst in Nordwestspanien weist anfänglich noch eine gewisse Eigenständigkeit auf. So ist der Übergang von der asturisch/mozarabischen Kunst zur Romanik fließend. Aber mit der zunehmenden Intensität der Pilgertätigkeit verstärkt sich zunehmend der Einfluss einer europäischen, besonders französisch geprägten Architektur. Für diese starke Anpassung an die französische Baukunst gibt es mehrere Gründe.

  1. Die Pilgerwege, entlang derer sich im Laufe der Zeit ein richtiges Baufieber entwickelte, bedingten eine stärkere kulturelle Offenheit. Zunächst entstanden nur wenige Hospize entlang der Wege. Dann bildeten sich größere Siedlungen heraus und Klostergemeinschaften kümmerten sich um das seelische und leibliche Wohl der Pilger. Die in diesem Zusammenhang neu errichteten Kirchenbauten orientierten sich an ausländischen Vorbildern. Hier ist auch der Einfluss des Benediktinerklosters in Cluny wichtig, wurden von dort aus doch zahlreiche Konvente in Spanien errichtet.
  2. Ein zweiter Grund ist die Entwicklung des Zisterzienserordens. Denn die Gläubigen trauten den Zisterziensern im Laufe des 11. Jh. stärker als anderen zu, effizient für das Seelenheil der Verstorbenen zu sorgen. Deshalb förderten und unterstützten die verschiedenen Machthaber die Ansiedlung der Zisterziensermönche. Da der Orden aber in seiner ganzen Struktur sehr straff organisiert war, gab es intensive Wechselbeziehungen zu zahlreichen Klöstern in Europa und vor allem zur französischen Zentrale. Die Abtei Citeaux war das Mutterkloster aller Zisterzienserabteien.
  3. Die stark an der französischen Kultur orientierten Ritterorden, die ja auch im Rahmen der Pilgerbewegung und der Reconquista aktiv waren, förderten ebenfalls diese Entwicklung.
  4. Eine aktive Bevölkerungspolitik der Lokalherren mit der Vergabe von Privilegien an Fremde führte zu einer deutlichen Ansiedlung von neuen Bürgern in den Städten. So entstanden zahlreiche Frankenviertel, d.h. Viertel, in denen vorwiegend aus Frankreich kommende freie Bürger lebten.
  5. Auch ästhetische Gründe spielten eine Rolle. So wurde Ende des 12. Jhs. die französische Baukunst als vorbildlich empfunden, so dass sich Bauherren, die eine anspruchsvolle Kirche errichten wollten, an französischen Vorbildern orientierten.

Aber es wäre zu einseitig, den Einfluss nur in eine Richtung zu sehen. So ist die Romanik auf der Iberischen Halbinsel ohne den Einfluss der französischen Baukunst nicht denkbar, aber die spanische Romanik ist nicht nur ein Ableger der französischen sondern sie hat auch eigene Leistungen hervorgebracht und somit haben auch umgekehrt Anregungen aus Spanien Eingang in die französische Baukunst gefunden. Das intensive künstlerische Schaffen entlang der Pilgerwege war stets auch mit wechselseitigen Beeinflussungen verbunden.

Von PMRMaeyaert - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17443361 Jaca Aragon
  1. Gestaltung der romanischen Baukunst in Spanien

 Geografische Einflüsse

Auf Grund der politischen Situation findet man vorwiegend im Norden und Westen Spaniens eine größere Zahl von romanischen Kirchen (s.oben). Dabei kann man die Romanik regional in zwei Bereiche aufteilen.

Der Osten mit der Landschaft Katalonien steht in 11. Jh. in starkem Austausch mit Oberitalien, konkret der Lombardei. Charakteristische Elemente der lombardisch ostromanischen Baukunst sind:

Wände aus einem nur grob zugehauenen Bruchstein geschichtet, aus dem Tür- und Fensteröffnungen wie ausgeschnitten erscheinen. Einziges Gliederungselement sind flach an die Wand aufgelegte Lisenen.

In den westlich von Katalonien gelegenen Landesteilen hat sich die westromanische Baukunst herausgebildet, die sich stärker an der französischen Kultur orientierte. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela und die damit verbunden Einflüsse. Charakteristische Elemente der westromanischen Baukunst seit dem 11. Jh. sind:

Glatt bearbeitete und sauber gefugte Quader und plastisch geformte Gliederungsteile wie man sie auch jenseits der Pyrenäen findet.

Allein in Aragon treffen der ost- und westromanische Baustil zusammen. Allerdings findet keine Vermischung statt, sondern es entstehen stilreine Bauten beider Richtungen. Zu nennen ist hier in Santa Cruz de la Seros die Kirche San Caprasio im lombardischen Stil und die Klosterkirche San Maria im westromanischen Stil.

Das Erscheinungsbild

Das Erscheinungsbild der westromanischen Kirchen ist in vielen Orthaften häufig eher schlicht und angebunden an die lokalen Traditionen.

Viele der eher regionalen Hallenkirchen zeigen typische Merkmale:

  • mit halbrunden Apsiden und Querschiff,
  • längsmassive, wuchtige und geduckte Bauform, die außen wenig gegliedert ist,
  • kleine Fenster, dicke Mauern, Tonnengewölbe mit und ohne Gurtbögen,
  • Fenster und Eingänge mit Rundbögen überwölbt, Fenster häufig durch Zwischensäulen in mehrere Fensterbögen unterteilt,
  • oft wenig belichtete, höhlenartige Innenräume, runde, quadratische oder gegliederte Pfeiler,
  • Ornamentik dezent eingesetzt
  • häufig runde, quadratische oder rechteckige Türme, die an verschiedenen Teilen der Kirche – meist an den Seiten oder über dem Querschiff angebracht sind. Diese Platzierung war darauf zurückzuführen, dass die Bauherren die Türme, da sie aus Ziegeln gebaut waren (ein Material, das weniger beständig ist als Stein), im stärksten, widerstandsfähigeren Abschnitt (normalerweise an den Apsiden) aufstellen mussten. 

In die folgende Zeit bis Mitte des 13. Jhs. (Spätromanik) fällt der Bau vieler Klöster und Kirchen der Zisterzienser. Auf Grund des Glaubensverständnisses der Zisterzienser waren Einfachheit und Funktionalität Kriterien, die die mittelalterlichen Klosterbauten der Zisterzienser ebenso kennzeichnen wie monumentale Größe und ästhetische Raumwirkung.  Die Verbote, die den Luxus betrafen, sahen außerdem für die Klosterkirche einen Bau ohne Krypta und Turm mit flachabschließendem Chor (keine Apsis) vor. Teilweise wurde im Inneren auf Ornamentik und Bauschmuck verzichtet.

Übergang zur Gotik als Baustil

In Spanien ist kein schrittweiser Übergang von der Romanik in die Gotik zu verzeichnen, sondern der neue Stil entstand „fast schlagartig“ in den 20iger Jahren des 12. Jhs. mit den Kathedralen von Toledo und Burgos. Diese sind im Prinzip Kopien von gotischen Kirchen in Frankreich. Die schnelle und vor allem einheitliche Entwicklung der Gotik im Land lässt sich dadurch erklären, dass von den zentralistischen Regierungen der Königreiche von Katalonien-Aragon und Kastilien-Leon ein gleichartiger Stil der Kirchen proklamiert wurde. Diese Entwicklung, wie wir sie ja auch aus dem zentralistischen Frankreich kennen, diente auch zur Demonstration der königlichen Macht im Lande und den veränderten Machtverhältnissen.

 

Von Jose Antonio Gil Martínez. FREECAT aus Vigo - Flickr, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3370116 Ourense Galizien
  1. Baumeister, Steinmetze und Erbauer und Sponsoren

Im Mittelalter hat es den “Architekt“ – wie er von den Römern verstanden wurde – in dieser Form nicht gegeben. Die Aufgaben des ehemaligen Architekten werden von den Baumeistern durchgeführt. Der Baumeister war ein Künstler, der in den meisten Fällen mit einem Team von Arbeitern, die er unter seinem Kommando hatte, zusammen an den   Bauten arbeitete. Der Baumeister war derjenige, der die Arbeiten an den Gebäuden beaufsichtigte, aber gleichzeitig war er auch Handwerker, Bildhauer, Tischler oder Steinmetz. Diese Personen wurden normalerweise in Klöstern oder in Gruppen von gewerkschaftlich organisierten Freimaurerlogen ausgebildet.

Neben dem Baumeister gab es eine große Gruppe von Steinmetzen, Maurern, Bildhauern, Glasmachern, Tischlern und Malern und anderen Berufen. Diese Mannschaften bildeten Werkstätten, aus denen oft lokale Meister hervorgingen, die in der Lage waren, zahlreiche ländliche Kirchen zu bauen. Sie zogen in einem gewissen Umkreis (ca. 150 qkm) gemeinsam von einer Baustelle zur anderen. So erklärt sich auch die typische regionale Gestaltung von Kirchen.

Steinmetze bildeten den Großteil der Arbeiter bei der Errichtung der Gebäude. Die Anzahl der Steinmetze war abhängig von der Größe der sakralen Gebäude. Einige Zahlen sind bekannt, so waren beim Bau der Alten Kathedrale von Salamanca zwischen 25 und 30 Steinmetze angestellt. Diese Steinmetze und andere Arbeiter waren von Steuern befreit. Sie wurden entsprechend ihrer Spezialisierung in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe waren diejenigen, die Gebäudeteile von hochwertiger Qualität oder die geschnitzten Reliefs erstellten (echte Bildhauer) und die in ihrem eigenen Tempo arbeiteten. Sie hinterließen ihre fertige Arbeit auf dem Gelände. Diese Teile wurden dann erst später am oder im Gebäude platziert. Die zweite Gruppe bestand aus fest angestellten Mitarbeitern, die das Gesamtgebäude errichteten. Daneben gab es auch eine Gruppe ungelernter Arbeiter. In vielen Fällen boten diese Leute ihre Arbeit oder ihr Können an, weil sie als Christen stolz waren, an einem großartigen Projekt mitzuarbeiten, das ihrem Gott gewidmet war. Aber auch sie erhielten eine Vergütung entweder pro Tag oder pro Stück. 

Von besonderer Bedeutung für die Gestaltung der Kirchen waren natürlich die Bauherren, bestimmten sie doch neben der Größe der Kirche z.B. welche Themen und Heilige in den Skulpturen und Reliefs dargestellt werden sollten. Außerdem beriefen sie entsprechend den finanziellen Möglichkeiten die jeweiligen Baumeister und Künstler. Neben den Klöstern waren es in Nordwestspanien vor allem die Könige und ein Teil des Adels, die als Förderer des neuen romanischen Stils auftraten. Ein Teil der Kirchen am Pilgerweg waren königliche Stiftungen, woran sich das Interesse der Herrscher am Pilgerweg zeigt. Denn sie erhofften sich von den großen Pilgerströmen einerseits wirtschaftliche Prosperität, verbanden damit aber auch religiöse und spirituelle Hoffnungen.

Von Ángel M. Felicísimo from Mérida, España - Santa María la Real, Sangüesa, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51254324 Navarra

Exkurs: Die spirituelle Bedeutung der Kirchen für die Pilger

Vielleicht noch ein paar Worte zur Wirkung der Kirchen auch heute auf den Jakobswegen.

Kirchen sind nicht funktionale Zweckbauten, sondern prägen als symbolische Bauten eine Geschichte des Verhältnisses Gott-Mensch. Gläubige machen hier eine besondere Erfahrung, das Gefühl einer besonderen Nähe zu Gott. Kirchen sind Metaphern für ein Welt- und Gottesverständnis, das sich immer wieder kulturell gewandelt hat. Diese kulturellen Veränderungen aber auch ihre unterschiedlichen regionalen Ausprägungen finden dann ihren sichtbaren Ausdruck in der baulichen Gestaltung der Kirchen.

Neben dieser religiösen Betrachtung gibt es noch weitere Bedeutungen. So schreibt Pascal Mercier einmal: „Dafür sind Kathedralen gebaut worden als Orte, an die man gehen kann, wenn die Dinge des Lebens einen überwältigen: Schmerz, Verzweiflung, Einsamkeit, Tod. Man braucht an nichts zu glauben. Der Raum allein genügt.“

Es sind auch Rückzugsorte, wenn man keine großen Probleme hat. Allein die Ruhe und das Stille berühren einen im Inneren. Sie regen zum Nachdenken, zum Innehalten, zum Meditieren an. Es findet gerade hier noch einmal eine Entschleunigung statt, ein so wichtiges Gefühl beim Pilgern. Man genießt auch die Kühle der Kirche im Vergleich zur Hitze der Landschaft. Ja und gelegentlich wird man auch einfach eingefangen von der mystischen Atmosphäre einer Kirche.

Nooteboom spricht noch einen anderen Aspekt an. Er sagt, dass wir uns ja immer in der Geschichte befinden der gegenwärtigen und der von einst. Und Kirchen regen uns  dazu an, uns mit der Vergangenheit  auseinanderzusetzen. So können wir uns z.B.  in die Zeit des längst für immer verschwundenen Mittelalters versetzten und vielleicht auch die Mühen und Schwierigkeiten der damaligen Pilger reflektieren.

 

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