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Spanische Gastfreundschaft

Spanische Gastfreundschaft

Camino de Levante

Am vorletzten Tag unser Wanderung kamen wir nach Villalazán. Der Ort wirkt wie ausgestorben, bis wir ein Restaurant entdecken, das rappelvoll ist. Während Marie Louise in der Bar wartet, führt mich die Herbergsmutter in die Herberge. Es ist ein umgebauter Kindergarten, da es nur noch drei kleine Kinder im Ort gibt, wie mir die Frau erzählt. Auch erklärt sie, dass sich am Abend eine Gruppe Frauen im Nebenraum treffen würde um zu Häkeln. Wir könnten gerne auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen. Nachdem wir in der Bar einherrliches Essen genossen hatten, gingen wir in die Herberge um uns auszuruhen. Am Abend gingen dann, wie von der Herbergsmutter angekündigt, gegen 19 Uhr immer mehr Frauen in den Raum neben der Herberge. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, manche schauten nur kurz vorbei, andere blieben. Nachdem wir draußen zunächst unserer Schaukel-Leidenschaft nachgegangen waren, schauten wir einmal vorsichtig in den Raum, aus dem die ganze Zeit ein fröhliches Schnattern und Lachen kam. Auf unser vorsichtiges Hallo winkten die Damen uns herzlich herein und boten uns gleich Kaffee und Kuchen an. Dann wurden Stühle gerückt und wir befanden uns mitten in ihrem Kreis. Sie erklärten uns, dass sie sich den ganzen Winter über hier treffen und miteinander häkeln. Die Ergebnisse – kleine und größere Taschen, Blumen und Pullover – verwenden sie dann selbst oder verkaufen sie. Als Marie Louise fragte, ob sie ein kleines rotes Portemonnaie kaufen könne, zögerten sie erst. Dann ging eine nach Hause und brachte noch mehr wunderschöne Portemonnaies mit. Jede von uns bekommt zwei geschenkt! Wir bedanken uns ganz herzlich für diese großzügige Geste. 

Die Portemonnaies sind wunderschön – je eins werden wir wohl unseren Enkeltöchtern vermachen, das andere werden wir für uns behalten mit der schönen Erinnerung an die Spontanität und Freundlichkeit dieser Damen. Nachdem wir uns noch ein Weilchen mit spanischen Brocken, Übersetzungsapp und Handybildern verständigt haben, gingen wir glücklich in unsere Herberge zurück.

Dies ist ein Beispiel für die spanische Großzügigkeit, la generosidad. Viele Reisende, aus welcher Kultur sie auch kommen mochten, waren von der Geberlaune der Einheimischen beeindruckt. Der amerikanische Schriftsteller William Gaddis nannte diese Eigenschaft generosity of spirit, womit Geist, Gesinnung und Charakter gemeint waren. Die Formulierung enthält sowohl die Gesten der Gastfreundschaft als auch die Fähigkeit zu geben und zu teilen.

Auch solche Erlebnisse machen den Camino aus und sind eine der vielen Erinnerungen, an die man auch Jahre später noch denkt und sich daran freut. Es sind diese kleinen Gesten – und ich könnte allein aus meiner Erfahrung viele davon aufzählen – , die  das Herz berühren und einen glücklich machen.

Doch es besteht auch die Gefahr, dass durch die Massenbewegung u.a. auf dem camino francés diese generosidad ausgenutzt wird. Immer öfter hört man in den letzten Jahren die Klagen der Spanier über die Unverfrorenheit der Pilger, die ohne Aufforderung in ihren Privatbereich eindringen. Es wäre fatal, wenn wir Pilger durch unser Verhalten diese Offenheit und Freundlichkeit uns gegenüber zerstören würden.

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“Es grün so grün, wenn Spaniens Blüten blühen”

„Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen!“

Camino de Levante

Die Überschrift stammt aus dem Musical „My Fair Lady“ und ist die deutsche Fassung des englischen Originalliedes „The Rain in Spain“. Die deutsche Übersetzung trifft es allerdings in unserem Fall besser, denn auf dem Camino de Levante waren wir von der Blütenpracht am Wegesrand fasziniert, während wir auf unserer 16tägigen Reise nur an einem Tag Regen hatten.

Auf unserem Weg von Toledo nach Zamora im Mai hat uns neben den kulturellen Sehenswürdigkeiten Kirchen, Burgen/Schlösser, Stadtmauern vor allem auch die abwechslungsreiche Landschaft tief beeindruckt. Es ging durch Wiesen, entlang großer Getreidefelder und Weinanbauflächen, durch Pinienwälder und Kiefernwälder, über karge Berghänge, entlang großer Flussufer (Tajo und Duero) und stets fanden wir am Wegesrand ein buntes Meer von Blumen. Welch ein Vergnügen auf so gesäumten Wegen zu gehen. Wir erfreuten uns an roten und weißen Mohnblumen, weißen Margeriten, bunten Bellardies, weißen Ackerkamille, violetten Schopflavendel, blauen Ochsenzungen, gelbem Ginster, blauen Kornblumen, violetten Disteln, gelbem Raps, gelben Sandröschen, weißen Zistrosen, violetten Wicken, verschiedensten Gräserarten, roten Pfingstrosen, blauen Bergsandglöckchen, rotem Bergklee, weißem Milchstern. Eine solche Blumenpracht ist uns auf keinem der fünf schon gegangenen Caminos begegnet. (Dank KI waren die Blumen auch bestimmbar!) Die Vielfalt der Blumen lag zum einen sicher an der Jahreszeit (Mai), zum anderen aber sicher auch an den geologischen und klimatischen Bedingungen der Meseta aber vielleicht auf an einen geringeren Einsatz von Düngemitteln.
In uns kamen auf jeden Fall Kindheitserinnerungen auf mit Bildern von blühenden Wiesen und dicken Frühlingssträußen in den Händen. Leider ist in vielen Regionen nichts mehr von der einstigen Pracht zu finden, die Düngung und Überdüngung hat leider ganze Arbeit geleistet!
Anbei eine kleine Auswahl von Fotos.

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Der Blick nach vorne, der Blick zurück – beides ein Glück!

Der Blick nach vorne, der Blick zurück - beides ein Glück!

Geschichten

Nachdem ich früher viel in den Bergen unterwegs war, kannte ich beim Wandern eigentlich immer nur den Blick nach vorne, d.h. nach oben. Dort war ja das Ziel – der Gipfel. Erst wenn ich oben war, habe ich bewusst zurückgeschaut.
Durch meine Freundin Marie Louise habe ich erfahren, wie wichtig zwischendurch der Blick zurück ist. Wenn wir auf dem Jakobsweg Pause machen oder nur einmal kurz verschnaufen, dann schaut sie oft auf das gerade zurückgelegte Wegstück und ich mit ihr. Daraus ergeben sich schöne emotionale Momente. Zum einen sind wir stolz über den Streckenabschnitt, den wir gerade geschafft haben. Zum anderen ist es faszinierend, die Landschaft, die Natur, die Orte aus dieser zurückwärtigen Perspektive zu sehen. Die Bäume, die Sträucher, die Felsen, der Weg, die Häuser, das Licht – sie alle zeigen uns ein anderes, ein vermeintlich zweites Gesicht. Dinge, an denen man vielleicht achtlos vorbei gegangen ist, wecken unsere Aufmerksamkeit, faszinieren auf einmal. Vielleicht geht man sogar ein paar Schritte zurück, um sie genauer zu betrachten.

Gleichzeitig hält man so bewusst einen Augenblick inne. Man genießt diesen Moment Ruhe und des In-sich-gehens. Mit dem Blick zurück sage ich „Danke“, wie schön ist die Welt und wie schön ist es, dass ich es bis hier her schon geschafft habe. Mit dem Blick nach vorne sage ich „Ja“. Ich bin bereit, mir diesen Weg weiter zu erobern und ich freue mich darauf (selbst wenn ich manchmal recht müde bin).

Diese Überlegungen sind auch übertragbar auf unser Leben. Gerade der Jakobsweg regt uns zum Nachdenken über unser Leben an. Viele nutzen ihn, um zu erkennen, wie es war und wie es weiter gehen soll. Man ist am Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft und steht doch mitten im Leben. Wichtig, es sollte kein „Blick zurück im Zorn“ sein, sondern ein Blick, um das Vergangene zu verstehen und manchmal um sich zu verzeihen. So kann man positiv nach vorne blicken.

“In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.”  (Unbekannter Autor)

“Verstehen kann man das Leben zur rückwärts. Leben aber muss man es vorwärts.” (Sören Kierkegaard)”

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Zwei Frauen auf dem Jakobsweg

Zwei Frauen auf dem Jakobsweg

Camino del Norte, Camino Primitivo, Via de la Plata, Via Tolosana, Via Podiensis

Als meine Freundin Marie Louise und ich zum ersten Mal den Jakobsweg gemeinsam gingen, wusste keine von uns, was sich daraus alles ergeben würde. Wir waren schon einige Zeit Nachbarinnen, als Marie Louise mir ihre Idee auf den Jakobsweg zu pilgern unterbreitete. Ich fühlte mich sofort von dem Gedanken mitgerissen, meinen lang gehegten Traum endlich wahr werden zu lassen. Unsere Männer, mit denen wir seit vier Jahrzehnten zuhause gut zurechtkommen, haben wir für diese Wanderung und für viele, die noch folgen sollten, daheim gelassen. Und es war eine richtige Entscheidung – nicht gegen unsere Männer, sondern für uns. Es war wie eine Pause im Konzert des Alltags, ein Zurücktreten aus den gewohnten Rollen. Einmal raus aus den alltäglichen Abläufen und Rollenmustern. Unser erster gemeinsamer Pfad führte uns auf die Via de la Plata von Sevilla nach Caceres. Dieser Weg versprach nicht nur eine Veränderung der Landschaft, sondern auch eine innere Reise zu uns selbst. Heute, nach einem Jahrzehnt und vielen Schritten wandern wir immer noch Schulter an Schulter auf den Spuren des Jakobsweges unsere Frauen-Konstellation hat sich aus vielen Gründen bewährt:

Wir meistern unsere Ängste gemeinsam

Beim ersten Mal und bei jeder Wanderung neu geht es um Ängste, die es zu überwinden gilt:

Kann man als Frauen ohne Bedenken allein auf diesem Jakobsweg gehen? Schaffen wir die Strecken, die wir uns vorgenommen haben? Wie gehen wir damit um, wenn es der einen nicht gut geht? Was machen wir, wenn wir uns verlaufen haben? Wie funktionieren öffentliche Verkehrsmittel wie Metro, Bus oder Bahn in Spanien und Frankreich? Was ist mit freilaufenden Hunden?

Diese oder ähnliche Fragen gehen einem durch den Kopf. Wie schön, sie offen mit einer Freundin besprechen zu können, ohne dass sie übertrieben lässig, zu mutig oder einfach unverständlich darauf reagiert. Wir haben unsere jeweiligen Ängste oder Bedenken stets ernst genommen. Und wir haben erfahren, dass unsere Ängste entweder unbegründet waren (bisher keine bösen freilaufenden Hunde) oder dass wir bei Problemen unkompliziert Lösungen gefunden haben. So sind wir auch aus schwierigen Situationen gestärkt vorausgegangen.

Wir beiden gehen im gleichen Rhythmus

Marie Louise und ich wandern im Takt, was das Pilgern zu einem wahren Genuss macht. Kein lästiges aufeinander Warten, kein Hetzen. Während wir gehen, machen wir uns unmittelbar auf die Schönheiten oder Kuriositäten auf dem Weg aufmerksam, ohne den Fluss unterbrechen zu müssen. Es gibt nur zwei Situationen, in denen unser Gleichgewicht kurz ins Wanken gerät:

Wenn wir morgens losgehen, ist Marie Louise meist so voller Elan, dass sie ein ganz schönes Tempo vorlegt (wie ein junges Fohlen). Ich muss sie dann bremsen, wir haben doch noch den ganzen Tag vor uns! Wenn wir allerdings abends kurz vor der Herberge sind, dann beschleunige ich unbewusst das Tempo (wie ein (altes) Pferd, das den Stall wittert) und sie schimpft, dass wir die letzten Meter auch noch in einem vernünftigen Tempo zurücklegen könnten! 🙂

Wir genießen die unterschiedlichen Zeiten beim gemeinsamen Wandern.

Es gibt:

eine Zeit des Lachens – über viele lustige Erlebnisse und manch eigene Unzulänglichkeit

eine Zeit des Erzählens – über uns persönlich, über unser Leben

eine Zeit des Schweigens – um über Dinge nachzudenken und um zu träumen

eine Zeit des Mutmachens – um schwierige Situationen auf dem Weg zu meistern

eine Zeit des Lernens – z.B. Botanik von Marie Louise, Kultur/Geschichte von mir

eine Zeit sich Umzuschauen – um die Schönheiten des Weges bewusst wahrzunehmen

eine Zeit der Besinnung und Stille – um Klarheit und Mut für die Zukunft zu schaffen

eine Zeit der Freundlichkeit – um Kontakt zu anderen Pilger*innen aufzunehmen

und nie fühlen sich diese Zeiten unangenehm an, sie sind für uns jeweils stimmig.

Wir haben uns gemeinsam zum Positiven verändert!

Unser gemeinsames Wandern hat unseren Horizont erweitert und dabei wird klar, wie selten es nach über vier Jahrzehnten Ehe ist, außerhalb dieser vertrauten Zweisamkeit intensive Erlebnisse und Erinnerungen mit einem anderen Menschen zu schaffen. In solchen Momenten verschwinden manche eingeschliffenen Rollenmuster und wir beginnen uns zu fragen, wer wir wirklich sind. Und die Gespräche von Frau zu Frau sind dabei sehr hilfreich, gerade wenn man unterschiedliche Verhaltensmuster hat, über die man sich austauscht.

Zudem entdeckt man die ein oder andere Fähigkeit, die im Alltag verschüttet war, die nun geweckt und gefragt ist, wie z.B. unserem Orientierungssinn zu vertrauen oder Dinge nicht einfach zu akzeptieren, sondern freundschaftlich auszudiskutieren. Das Erstaunliche daran ist, wie diese wieder erwachten Fähigkeiten auch eine Bereicherung für den „ganz normalen“ Alltag darstellen. Dabei ist die Veränderung für andere oft gar nicht sichtbar und bemerkbar und sie muss es auch nicht sein. Man spürt sie ganz tief in sich drin.

 

Für mich persönlich war es ein Gefühl der Gewissheit, dass ich meine innere Mitte wiedergefunden habe, eine angenehme Ruhe und Gelassenheit, die mich befähigt, den Dingen mit Mut und Neugier zu begegnen und mich auf Neues einzulassen. Wie hat es Nelson Mandela einmal so schön ausgedrückt:

„Es gibt nichts Schöneres, als an einen Ort zurückzukehren, der unverändert geblieben ist, um festzustellen, wie sehr man sich selbst verändert hat.

 

 

Der erste gemeinsame Jakobsweg hat Marie Louise und mich zusammengeschweißt.

So gehen wir nun seit 10 Jahren zusammen. Im Laufe der Zeit haben wir die gesamte Via de la Plata, den Camino Primitivo, den Camino del Norte, die Via Podiensis, den Franziskusweg und den Jakobsweg in Kärnten/ Südtirol gemeistert. Aber wir genießen nicht nur das gemeinsame Gehen, wenn wir uns treffen, schwelgen wir gerne in Erinnerungen, lachen über lustige Erlebnisse und durchleben nochmals schwierige Zeiten. Wir hoffen natürlich, dass wir noch weitere Jakobswege entdecken dürfen. Wie hat doch ein Herbergsvater am Telefon zum anderen mit einem Lächeln gesagt, als dieser fragte, ob wir auch die oberen Betten in einem Stockbett nehmen würden, „Die Damen, sie sind zwar schon älter aber noch ganz fit!“

 

An unserem letzten Tag auf dem Camino del Norte kamen wir am Bahnhof mit einem großen kräftigen spanischen Pilger ins Gespräch. Wir waren uns schon mehrmals in den Herbergen auf dem Camino begegnet, aber es kam nie zu einer Unterhaltung. Erst jetzt merkten wir, dass wir uns auf Englisch hätten verständigen können. Schade, das hätten interessante Gespräche werden können. So sind es die letzten gefühlvollen Worte dieses Mannes, die uns aber auf unserem Weg begleiten: „Have a good life and be happy!“

 

Am Ende dieser Reisen steht die Erkenntnis: Beim Pilgern zählt weniger das Erreichen des Ziels, sondern vielmehr das Eintauchen in die Momente, das Offenbleiben für neue Eindrücke, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und die Freundschaft und die „Komplizenschaft“, die seitdem zwischen uns besteht.

 

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