Categories
Camino de Levante Camino del Norte Camino Primitivo Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Via de la Plata Via Podiensis Via Tolosana

Der Blick nach vorne, der Blick zurück – beides ein Glück!

Der Blick nach vorne, der Blick zurück - beides ein Glück!

Geschichten

Nachdem ich früher viel in den Bergen unterwegs war, kannte ich beim Wandern eigentlich immer nur den Blick nach vorne, d.h. nach oben. Dort war ja das Ziel – der Gipfel. Erst wenn ich oben war, habe ich bewusst zurückgeschaut.
Durch meine Freundin Marie Louise habe ich erfahren, wie wichtig zwischendurch der Blick zurück ist. Wenn wir auf dem Jakobsweg Pause machen oder nur einmal kurz verschnaufen, dann schaut sie oft auf das gerade zurückgelegte Wegstück und ich mit ihr. Daraus ergeben sich schöne emotionale Momente. Zum einen sind wir stolz über den Streckenabschnitt, den wir gerade geschafft haben. Zum anderen ist es faszinierend, die Landschaft, die Natur, die Orte aus dieser zurückwärtigen Perspektive zu sehen. Die Bäume, die Sträucher, die Felsen, der Weg, die Häuser, das Licht – sie alle zeigen uns ein anderes, ein vermeintlich zweites Gesicht. Dinge, an denen man vielleicht achtlos vorbei gegangen ist, wecken unsere Aufmerksamkeit, faszinieren auf einmal. Vielleicht geht man sogar ein paar Schritte zurück, um sie genauer zu betrachten.

Gleichzeitig hält man so bewusst einen Augenblick inne. Man genießt diesen Moment Ruhe und des In-sich-gehens. Mit dem Blick zurück sage ich „Danke“, wie schön ist die Welt und wie schön ist es, dass ich es bis hier her schon geschafft habe. Mit dem Blick nach vorne sage ich „Ja“. Ich bin bereit, mir diesen Weg weiter zu erobern und ich freue mich darauf (selbst wenn ich manchmal recht müde bin).

Diese Überlegungen sind auch übertragbar auf unser Leben. Gerade der Jakobsweg regt uns zum Nachdenken über unser Leben an. Viele nutzen ihn, um zu erkennen, wie es war und wie es weiter gehen soll. Man ist am Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft und steht doch mitten im Leben. Wichtig, es sollte kein „Blick zurück im Zorn“ sein, sondern ein Blick, um das Vergangene zu verstehen und manchmal um sich zu verzeihen. So kann man positiv nach vorne blicken.

“In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.”  (Unbekannter Autor)

“Verstehen kann man das Leben zur rückwärts. Leben aber muss man es vorwärts.” (Sören Kierkegaard)”

12044
Die Problematik der Eukalyptusplantagen
Die Problematik der Eukalyptusplantagen Camino del...
weiter lesen
1026px-Burgos_Kathedrale_Außen_April_2003_ShiftN
Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien
Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien –...
weiter lesen
RELIEF OF SPAIN
Die Iberische Meseta und das Kastilische Gebirge
Die Iberische Meseta und das Kastilische Gebirge Camino...
weiter lesen
Spain-abandoned-village
"Leeres Land" - Die Geisterdörfer Spaniens
“Leeres Land” – Die Geisterdörfer...
weiter lesen
Cimborrio_Mudéjar_Catedral_de_Teruel
Der Mudéjar-Stil- ein einzigartiger spanischer Architekturstil
Der Mudéjar-Stil – ein einzigartiger spanischer...
weiter lesen
Historisch1
Ritterorden in Spanien
Ritterorden in Spanien Historisches auf dem Via de...
weiter lesen
Categories
Camino de Levante Camino del Norte Camino Primitivo Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Geschichten Via de la Plata Via Podiensis Via Tolosana

Zwei Frauen auf dem Jakobsweg

Zwei Frauen auf dem Jakobsweg

Camino del Norte, Camino Primitivo, Via de la Plata, Via Tolosana, Via Podiensis

Als meine Freundin Marie Louise und ich zum ersten Mal den Jakobsweg gemeinsam gingen, wusste keine von uns, was sich daraus alles ergeben würde. Wir waren schon einige Zeit Nachbarinnen, als Marie Louise mir ihre Idee auf den Jakobsweg zu pilgern unterbreitete. Ich fühlte mich sofort von dem Gedanken mitgerissen, meinen lang gehegten Traum endlich wahr werden zu lassen. Unsere Männer, mit denen wir seit vier Jahrzehnten zuhause gut zurechtkommen, haben wir für diese Wanderung und für viele, die noch folgen sollten, daheim gelassen. Und es war eine richtige Entscheidung – nicht gegen unsere Männer, sondern für uns. Es war wie eine Pause im Konzert des Alltags, ein Zurücktreten aus den gewohnten Rollen. Einmal raus aus den alltäglichen Abläufen und Rollenmustern. Unser erster gemeinsamer Pfad führte uns auf die Via de la Plata von Sevilla nach Caceres. Dieser Weg versprach nicht nur eine Veränderung der Landschaft, sondern auch eine innere Reise zu uns selbst. Heute, nach einem Jahrzehnt und vielen Schritten wandern wir immer noch Schulter an Schulter auf den Spuren des Jakobsweges unsere Frauen-Konstellation hat sich aus vielen Gründen bewährt:

Wir meistern unsere Ängste gemeinsam

Beim ersten Mal und bei jeder Wanderung neu geht es um Ängste, die es zu überwinden gilt:

Kann man als Frauen ohne Bedenken allein auf diesem Jakobsweg gehen? Schaffen wir die Strecken, die wir uns vorgenommen haben? Wie gehen wir damit um, wenn es der einen nicht gut geht? Was machen wir, wenn wir uns verlaufen haben? Wie funktionieren öffentliche Verkehrsmittel wie Metro, Bus oder Bahn in Spanien und Frankreich? Was ist mit freilaufenden Hunden?

Diese oder ähnliche Fragen gehen einem durch den Kopf. Wie schön, sie offen mit einer Freundin besprechen zu können, ohne dass sie übertrieben lässig, zu mutig oder einfach unverständlich darauf reagiert. Wir haben unsere jeweiligen Ängste oder Bedenken stets ernst genommen. Und wir haben erfahren, dass unsere Ängste entweder unbegründet waren (bisher keine bösen freilaufenden Hunde) oder dass wir bei Problemen unkompliziert Lösungen gefunden haben. So sind wir auch aus schwierigen Situationen gestärkt vorausgegangen.

Wir beiden gehen im gleichen Rhythmus

Marie Louise und ich wandern im Takt, was das Pilgern zu einem wahren Genuss macht. Kein lästiges aufeinander Warten, kein Hetzen. Während wir gehen, machen wir uns unmittelbar auf die Schönheiten oder Kuriositäten auf dem Weg aufmerksam, ohne den Fluss unterbrechen zu müssen. Es gibt nur zwei Situationen, in denen unser Gleichgewicht kurz ins Wanken gerät:

Wenn wir morgens losgehen, ist Marie Louise meist so voller Elan, dass sie ein ganz schönes Tempo vorlegt (wie ein junges Fohlen). Ich muss sie dann bremsen, wir haben doch noch den ganzen Tag vor uns! Wenn wir allerdings abends kurz vor der Herberge sind, dann beschleunige ich unbewusst das Tempo (wie ein (altes) Pferd, das den Stall wittert) und sie schimpft, dass wir die letzten Meter auch noch in einem vernünftigen Tempo zurücklegen könnten! 🙂

Wir genießen die unterschiedlichen Zeiten beim gemeinsamen Wandern.

Es gibt:

eine Zeit des Lachens – über viele lustige Erlebnisse und manch eigene Unzulänglichkeit

eine Zeit des Erzählens – über uns persönlich, über unser Leben

eine Zeit des Schweigens – um über Dinge nachzudenken und um zu träumen

eine Zeit des Mutmachens – um schwierige Situationen auf dem Weg zu meistern

eine Zeit des Lernens – z.B. Botanik von Marie Louise, Kultur/Geschichte von mir

eine Zeit sich Umzuschauen – um die Schönheiten des Weges bewusst wahrzunehmen

eine Zeit der Besinnung und Stille – um Klarheit und Mut für die Zukunft zu schaffen

eine Zeit der Freundlichkeit – um Kontakt zu anderen Pilger*innen aufzunehmen

und nie fühlen sich diese Zeiten unangenehm an, sie sind für uns jeweils stimmig.

Wir haben uns gemeinsam zum Positiven verändert!

Unser gemeinsames Wandern hat unseren Horizont erweitert und dabei wird klar, wie selten es nach über vier Jahrzehnten Ehe ist, außerhalb dieser vertrauten Zweisamkeit intensive Erlebnisse und Erinnerungen mit einem anderen Menschen zu schaffen. In solchen Momenten verschwinden manche eingeschliffenen Rollenmuster und wir beginnen uns zu fragen, wer wir wirklich sind. Und die Gespräche von Frau zu Frau sind dabei sehr hilfreich, gerade wenn man unterschiedliche Verhaltensmuster hat, über die man sich austauscht.

Zudem entdeckt man die ein oder andere Fähigkeit, die im Alltag verschüttet war, die nun geweckt und gefragt ist, wie z.B. unserem Orientierungssinn zu vertrauen oder Dinge nicht einfach zu akzeptieren, sondern freundschaftlich auszudiskutieren. Das Erstaunliche daran ist, wie diese wieder erwachten Fähigkeiten auch eine Bereicherung für den „ganz normalen“ Alltag darstellen. Dabei ist die Veränderung für andere oft gar nicht sichtbar und bemerkbar und sie muss es auch nicht sein. Man spürt sie ganz tief in sich drin.

 

Für mich persönlich war es ein Gefühl der Gewissheit, dass ich meine innere Mitte wiedergefunden habe, eine angenehme Ruhe und Gelassenheit, die mich befähigt, den Dingen mit Mut und Neugier zu begegnen und mich auf Neues einzulassen. Wie hat es Nelson Mandela einmal so schön ausgedrückt:

„Es gibt nichts Schöneres, als an einen Ort zurückzukehren, der unverändert geblieben ist, um festzustellen, wie sehr man sich selbst verändert hat.

 

 

Der erste gemeinsame Jakobsweg hat Marie Louise und mich zusammengeschweißt.

So gehen wir nun seit 10 Jahren zusammen. Im Laufe der Zeit haben wir die gesamte Via de la Plata, den Camino Primitivo, den Camino del Norte, die Via Podiensis, den Franziskusweg und den Jakobsweg in Kärnten/ Südtirol gemeistert. Aber wir genießen nicht nur das gemeinsame Gehen, wenn wir uns treffen, schwelgen wir gerne in Erinnerungen, lachen über lustige Erlebnisse und durchleben nochmals schwierige Zeiten. Wir hoffen natürlich, dass wir noch weitere Jakobswege entdecken dürfen. Wie hat doch ein Herbergsvater am Telefon zum anderen mit einem Lächeln gesagt, als dieser fragte, ob wir auch die oberen Betten in einem Stockbett nehmen würden, „Die Damen, sie sind zwar schon älter aber noch ganz fit!“

 

An unserem letzten Tag auf dem Camino del Norte kamen wir am Bahnhof mit einem großen kräftigen spanischen Pilger ins Gespräch. Wir waren uns schon mehrmals in den Herbergen auf dem Camino begegnet, aber es kam nie zu einer Unterhaltung. Erst jetzt merkten wir, dass wir uns auf Englisch hätten verständigen können. Schade, das hätten interessante Gespräche werden können. So sind es die letzten gefühlvollen Worte dieses Mannes, die uns aber auf unserem Weg begleiten: „Have a good life and be happy!“

 

Am Ende dieser Reisen steht die Erkenntnis: Beim Pilgern zählt weniger das Erreichen des Ziels, sondern vielmehr das Eintauchen in die Momente, das Offenbleiben für neue Eindrücke, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und die Freundschaft und die „Komplizenschaft“, die seitdem zwischen uns besteht.

 

12044
Die Problematik der Eukalyptusplantagen
Die Problematik der Eukalyptusplantagen Camino del...
weiter lesen
1026px-Burgos_Kathedrale_Außen_April_2003_ShiftN
Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien
Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien –...
weiter lesen
RELIEF OF SPAIN
Die Iberische Meseta und das Kastilische Gebirge
Die Iberische Meseta und das Kastilische Gebirge Camino...
weiter lesen
Spain-abandoned-village
"Leeres Land" - Die Geisterdörfer Spaniens
“Leeres Land” – Die Geisterdörfer...
weiter lesen
Cimborrio_Mudéjar_Catedral_de_Teruel
Der Mudéjar-Stil- ein einzigartiger spanischer Architekturstil
Der Mudéjar-Stil – ein einzigartiger spanischer...
weiter lesen
Historisch1
Ritterorden in Spanien
Ritterorden in Spanien Historisches auf dem Via de...
weiter lesen
Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Eine Rose ist nicht nur eine Rose

Eine Rose ist nicht nur eine Rose

Geschichten auf dem Via de la Plata

In die Zeit unserer Wanderung fiel auch mein Geburtstag. In einem kleinen Laden deckten wir uns mit einigen Köstlichkeiten ein (u.a. Scrimps, Käse, Oliven etc.), um unterwegs ein kleines Geburtstagsmahl zu zelebrieren. Ein schattiger Platz am Waldrand, ein altes Holzbrett als Sitzunterlage, ein kleines Brett als Tisch – das schienen uns doch die idealen räumlichen Voraussetzungen für unser „opulentes“ Mittagsessen!  Als dann auch noch eine liebe SMS meines Mannes kam, war der Tag schon perfekt. Er zitierte darin u.a. Teile eines Gedichtes von Heinrich Heine „Wenn Du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen“!

Aber es kam noch besser. Nachdem wir wieder eine Zeit lang gewandert waren, kamen wir an einen kleinen Ort. Und im Garten des ersten Hauses nahe am Zaun stand — eine einzelne rote Rose. Marie Louise und ich schauten uns an und strahlten!

Natürlich rationell gesehen war es einfach Zufall, dass zu dieser Zeit im Oktober in einem Garten eine einzelne rote Rose blühte und dass wir gerade an dieser Rose vorbei gingen. Aber emotional hat uns der Anblick im Herzen getroffen. Wir waren berührt und gerührt, haben die Rose gegrüßt und dachten liebevoll an unsere daheim gebliebenen Männer! Eine Rose ist eben doch nicht einfach eine Rose!

Wen es interessiert, hier das vorständige Gedicht von Heinrich Heine – Leise zieht durch mein Gemüt (1830):

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen,
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich lass sie grüßen.

 

 

Der/die eine oder andere wird sich sicher auch an die Rosengedichte von Rainer Maria Rilke erinnern.

Rainer Maria Rilke, Les Roses/Die Rosen – Les Fenetres/Die Fenster,  Gedichte , Ars vivendi, Cadolzburg 2001

Oder an die schöne Geschichte vom kleinen Prinzen und seiner Rose!

Hier das Kapitel aus Antoine de Saint-Exupery , Der kleine Prinz:

Bald schon lernte ich diese Blume kennen. Es hatte schon immer auf dem Planeten des kleinen Prinzen Blumen gegeben, sehr einfache Blumen mit nur einem Kranz von Blütenblättern. Sie brauchten kaum Platz und störten niemanden. Sie erschienen eines Morgens im Gras und verschwanden am Abend wieder. Aber diese eine hatte eines Tages Wurzeln geschlagen aus einem Samen, der wer weiß woher gekommen war, und der kleine Prinz hatte diesen kleinen Sprössling, der ganz anders war als die anderen Sprösslinge, sehr genau beobachtet. Es konnte eine neue Art vom Affenbrotbaum sein. Aber bald schon hörte der Strauch zu wachsen auf und er begann, eine Blüte hervorzubringen. Der kleine Prinz spürte, während er die Entwicklung einer riesigen Knospe beobachtete, dass eine wunderbare Erscheinung aus ihr hervorgehen müsse. Aber die Blume wollte einfach nicht damit aufhören, sich vorzubereiten. Ihre Schönheit reifte geschützt in ihrer grünen Hülle. Sie wählte ihre Farben mit Bedacht. Sie kleidete sich langsam an, sie ordnete ihre Blütenblätter eins nach dem anderen. Sie wollte nicht so zerknittert aufgehen wie die Mondblumen. Sie wollte nur im vollen Glanz ihrer Schönheit erscheinen. Hey! Sie wollte hübsch sein! Ihre geheimnisvolle Toilette dauerte tagelang. Und eines Morgens, gerade bei Sonnenaufgang, enthüllte sie sich.

Und sie, die mit größter Präzision gearbeitet hatte, gähnte und sagte:

  • »Ah! Ich bin gerade aufgewacht … Es tut mir leid … Ich bin noch ziemlich zerzaust …«

Der kleine Prinz konnte seine Bewunderung gar nicht mehr zurückhalten:

  • »Wie schön du bist!«
  • »Nicht wahr«, erwiderte die Blume leise. »Und ich bin zur gleichen Zeit geboren wie die Sonne …«

Der kleine Prinz merkte sofort, dass sie nicht besonders bescheiden war, aber sie war so faszinierend!

  • »Ich glaube, es ist Zeit für das Frühstück«, nahm sie das Gespräch wieder auf, »hätten Sie die Güte, an mich zu denken …«

Da errötete der kleine Prinz, holte frisches Wasser und goss die Blume.

So quälte sie ihn recht bald mit ihrer etwas zerbrechlichen Eitelkeit. Eines Tages zum Beispiel sprach sie von ihren vier Dornen und sagte zum kleinen Prinzen:

  • »Sie können ruhig kommen, die Tiger, mit ihren Krallen!«
  • »Es gibt keine Tiger auf meinem Planeten«, entgegnete der kleine Prinz, »denn Tiger fressen kein Gras.«
  • »Ich bin kein Gras«, erwiderte hierauf die Blume in süßem Ton.
  • »Verzeihen Sie mir …«
  • »Vor Tigern habe ich keine Angst, aber mir graut es vor der Zugluft. Besitzen Sie denn keinen Wandschirm?«

»Angst vor Zugluft? … Das ist nicht besonders glücklich für eine Pflanze«, dachte der kleine Prinz. »Diese Blume ist sehr anspruchsvoll…«

  • »In der Nacht müssen sie mich schützen. Es ist sehr kalt bei Ihnen zu Hause. Es ist nicht richtig eingestellt. Da, wo ich herkomme …«

Da unterbrach sie sich. Sie erschien in Form eines Samenkorns. Sie hatte nichts von anderen Welten wissen können. Gedemütigt, dass sie bei einer so einfachen Lüge ertappt worden war, hustete sie zwei oder drei Mal, um den kleinen Prinzen ins Unrecht zu setzen:

  • »Der Wandschirm …?«
  • »Ich wollte ihn gerade herholen, aber sie sprachen noch mit mir!«

Dann zwang sie sich erneut zu einem Husten und wollte ihm damit Gewissenbisse einreden.

Trotz seiner aufrichtigen Liebe begann der kleine Prinz bald damit, an ihr zu zweifeln. Er hatte ihre belanglosen Worte ernst genommen und war sehr unglücklich darüber geworden. »Ich hätte nicht auf sie hören sollen«, erzählte er mir eines Tages. »Man sollte den Blumen nie zuhören. Wir müssen sie betrachten und ihren Duft einatmen. Meine Blume erfüllte meinen ganzen Planeten mit ihrem Duft, aber ich wurde nicht glücklich darüber. Diese Geschichte von den Krallen, die mich so sehr reizte, hätte mich mehr berühren sollen …«

Er sagte zu mir: »Ich war damals nicht in der Lage, das zu begreifen! Ich hätte sie nach ihren Taten und nicht nach ihren Worten beurteilen sollen. Sie duftete und erglühte für mich. Ich hätte niemals fortgehen dürfen! Ich hätte hinter ihren armen kleinen Tricks ihre Zuneigung erraten sollen. Blumen sind voller Widersprüche! Aber ich war zu jung, um zu wissen, dass ich sie liebe.«

8. Kapitel: Der kleine Prinz und seine Blume

Es geht hier wohl um die erste Liebe zwischen einem jungen Mädchen – der Rose – und einem jungen Mann – dem kleinen Prinz -, die  beide noch zu wenig von der Liebe verstehen, um zumindest zunächst zu einander zu finden.

Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Keine Angst vor großen Hunden?!

Keine Angst vor großen Hunden?!

Geschichten auf dem Via de la Plata

Wir sind als Erste aus der Herberge in Tabara aufgebrochen. Nach ungefähr 15 min erreichten wir ein geschlossenes Viehgatter. Als wir es gerade öffnen wollten, kam ein großer Hund angelaufen – ich denke, es war ein Golden Retriever – und bellte uns an. Vorsichtig traten wir ein paar Schritte von Gatter zurück. Was machen wir jetzt – einfach reingehen? In manchen – zugegeben älteren Reiseberichten – war vor aggressiven Hunden auf dem Weg gewarnt worden. So waren wir doch ein wenig verunsichert. Da sahen wir zwei weitere Pilger – eine kleine Französin und ihren englischen Ehemann – auf uns zukommen. Wir beschlossen, einfach zu warten und zu schauen, wie die beiden das vermeintliche Problem lösten. Also ließen wir ihnen am Gatter „großzügig“ den Vortritt. Dort angekommen öffnete die kleine Französin das Tor, streichelte den Hund und dann gingen sie und ihr Ehemann ruhig weiter.  Und wir natürlich schnell hinterher! Kurze Zeit begleitete uns der Hund noch ganz friedlich und dann trollte er sich!

Um noch einmal auf die Warnungen zurückzukommen. Auf all unseren Wegen sind uns bislang keine freilaufenden aggressiven Hunde begegnet.  Also seid vorsichtig, aber lasst euch durch manche Erzählungen nicht zu sehr ängstigen.

Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Die fesche Spanierin

Die fesche „Spanierin“

Geschichten auf dem Via de la Plata

Nach einem langen Wandertag kamen wir abends in El Cubo de la Tierra del Vino an. Wir wurden von den Herbergsleuten in der privaten Herberge herzlich begrüßt, bekamen ein kleines Doppelzimmer zugewiesen und fühlten uns direkt wohl. Das Angebot zu einem Abendessen nahmen wir dankbar an. Und wir wurden nicht enttäuscht, im Gegenteil es war die beste Hausmannskost auf dem ganzen Weg. Eine Terrine mit herrlich duftender Gemüsesuppe, frischer Fisch mit gedünstetem Gemüse, Salat und Kartoffeln und zum Abschluss ein köstliches Törtchen und eine Tasse Kaffee. Nach diesem köstlichen Mahl kamen wir trotz unserer bescheidenen Spanischkenntnisse mit den Wirtleuten ins Gespräch. Marielouise fragte nach einer schönen Stickerei, die an der Wand hing. Die Wirtin erklärte uns stolz, die habe sie selber angefertigt. Dann ging sie kurz weg und kam mit einer herrlich bestickten Bluse zurück, die sie uns stolz präsentierte. Sie gehört zu einer Tracht aus der Gegend, die zu besonderen Anlässen getragen wird. Eine wunderschöne Arbeit! Daraufhin lief unsere Wirtin noch einmal weg und kam mit der ganzen Tracht zurück, die sie selbst genäht und bestickt hatte. Als wir die Tracht gebührlich bewunderten, forderte sie Marielouise auf, diese doch einmal anzuprobieren. Nach erstem Zögern folgte Marielouise der Aufforderung. Und dann verwandelte sich – nach einigen Schwierigkeiten, denn die Tracht ist nicht so einfach anzuziehen – meine holländische Freundin in eine fesche Spanierin! Den Spaß und die Freude, die wir daran hatten, kann man anhand der Bilder gut nachvollziehen. Was für ein schöner Abschluss des Tages!

Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Das Monasterio de Santa Maria de Oseira

Das Monasterio de Santa Maria de Oseira

Geschichten auf dem Via de la Plata

Von Cea nach Laxe gibt es zwei Alternativen bis Castro Dozon. Wir wählten den längeren und landschaftlich schöneren Weg, da er über das sehenswerte Kloster von Oseira führt.

Von Cea aus ging es durch dichte Wälder und ausgefahrene Wege, in denen noch die Spurrillen der mittelalterlichen Karren verewigt sind, nach Oseira. Das Kloster selbst erscheint erst kurz vor dem Erreichen vor unseren Augen. Ein bemerkenswertes Gebäude in dieser Einöde. Die Klosteranlage wird auf Grund seiner Größe auch als galizischer Escorial bezeichnet, da es an die Kloster- und Palastanlage Philipps II. erinnert (s. auch das Kapitel Renaissance in Spanien).

Wir hatten uns schon auf eine Führung und Besichtigung der Anlage gefreut, aber da wir um die Mittagszeit kamen, war die Anlage leider mehr oder minder geschlossen. W Nooteboom hat es einmal so schön ausgedrückt: “Ich will hineingehen, aber selbst Gott schläft in Spanien mittags nach dem Essen”. Im ersten Moment waren wir doch recht enttäuscht, hatten wir doch bewußt den Umweg gewählt, um uns diese herrliche Anlage anzuschauen. Der Pater, bei dem wir nachfragten, sah unsere Enttäuschung und ließ sich erweichen. Er wolle uns zumindest das älteste erhaltene Bauwerk – die Kirche – zeigen. Die kreuzförmige siebenjochige Klosterkirche mit ausladendem Querhaus und Umgangschor wurde im frühgotischen Stil um das Jahr 1200 begonnen und im Jahr 1229 geweiht. 

Als wir uns nach der Besichtigung bedankten und gehen wollten, lud er uns noch in den Informationsraum ein, bot uns eine kleine Süßigkeit an und schenkte  jeder von uns noch ein auf Holz gemaltes Christusbild, das er selber gemalt hatte. Es steht nun sowohl bei Marielouise als auch bei mir im Regal und erinnert uns immer wieder an die Begegnung. Wir setzten nach der ersten Enttäuschung glücklich unseren Weg fort, der sich auch allein durch seine landschaftliche Schönheit schon lohnte.

s. auch Kapitel “Das Zisterzienserkloster von Santa Maria de Oseira” 

Eine ausführliche Beschreibung des Klosters findet man auch im Führer:

Cordula Rabe, Via de la Plata, Rother Wanderführer, München 2011

Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Andre und die beiden freien Plätze in der Herberge

Andre und die beiden freien Plätze in der Herberge

Geschichten auf dem Via de la Plata

Es war wieder einer der heißen Tage und ein langer anstrengender Weg auf der Strecke zwischen Laza und Xunqueira de Ambia. An einer nicht klaren Wegabbiegung blieben wir stehen und zogen unseren Reiseführer zu Rate. Aber die Beschreibung war leider auch nicht genauer. Da kam Andre, ein französischer Pilger, vorbei und mit Hilfe seines Führers entschieden wir uns dann für einen – auch den richtigen – Weg. So gingen wir eine Weile zusammen und unterhielten uns über den Weg, unsere Eindrücke und Pläne. Aber dann waren wir ihm doch wohl ein wenig zu langsam. Denn nach einer Zeit verabschiedete er sich von uns und marschierte flotten Schrittes davon. Wir schauten seinen „strammen Wadeln“ hinterher und entschieden uns, lieber unser Tempo und unsere kleinen Pausen beizubehalten.

So langsam wurden wir müde und sehnten uns nach der Herberge. Endlich stand da ein Schild „noch 2 km bis zur Herberge“. Aber es ist erstaunlich, wie lange einem zwei Kilometer vorkommen können, wenn man müde ist und sich nach einer erfrischenden Dusche sehnt. Als wir endlich bei der Herberge ankamen, schüttelte ein Pilger, der vor der Herberge saß, traurig den Kopf und sagte: „Alle Platz belegt!“. Entsetzt schauten wir uns an. Was nun? Da kam Andre aus der Herberge, winkte uns zu sich, führte uns in die Herberge und zeigte auf zwei Betten. Er hatte seine Handtücher auf die Betten gelegt und somit für uns reserviert. „Oh Andre! Du bist ein Engel!“ Er war wohl davon ausgegangen, dass wir ziemlich erschöpft bei der Herberge ankommen würden. Und wie Recht er hatte! Eine neue Herbergssuche wäre der Horror für uns gewesen. Umso dankbarer waren wir für seine Unterstützung!

Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Die Herberge am Stausee

Die Herberge am Stausee

Geschichten auf dem Via de la Plata

Wir waren von Caceres gestartet und es war die erste Etappe auf unserem 2. Abschnitt der Via de la Plata. Wir wollten nach Cesar de Caceres. Es wurde eine lange einsame Wanderung durch Getreide- und Weideflächen. Da gerade die Autobahn im Bau war, mussten wir zusätzlich noch einige Umwege in Kauf nehmen. Und das an einem so heißen Tag. Endlich erreichten wir den Tajo-Stausee, an dem die Herberge liegen sollte. Aber der Weg entlang des Stausees zog und zog sich. Wir waren schon so kaputt, dass wir beschlossen, einfach im nächsten Ort eine Unterkunft zu suchen. Aber es kam kein Ort! 

Endlich hatten wir fast das Ende des Stausees erreicht, da sahen wir ein Schild der Herberge und vor uns entdeckten wir auch schon ein größeres Haus. Als wir ankamen, stand daran „en venta“! Das durfte doch nicht wahr sein. Aber vielleicht war die Herberge doch noch ein Stück weiter?! Mit dem Mut der Verzweiflung folgten wir einem groben Schotterweg Richtung See und siehe da, vor uns lag eine schöne, neuerrichtete Herberge mit allem Komfort – Zimmer für uns, herrliche Duschen und schöne Küche und sogar die Möglichkeit, eine Kleinigkeit zum Essen zu bestellen.

Wir stellten unsere Rucksäcke an der Rezeption ab und meldeten uns an. Bevor wir ins Zimmer gingen, gönnten wir erst einmal eine Stärkung mit einem kühlen Bier. Aus dem einen Bier wurden dann zwei, die so langsam unsere Lebensgeister wieder weckten. Als wir dann auf unser Zimmer gehen wollten, mussten wir allerdings erst einmal unsere Rücksäcke suchen. Wir waren anscheinend so erschöpft und durstig gewesen, dass wir sie einfach an der Rezeption vergessen hatten.

Im Zimmer angekommen haben wir uns nur schnell umgezogen und ab ging es mit Hurra zu einem kühlen Bad in den Stausee! Welch ein Genuss!! Was uns überraschte, außer uns war niemand im Wasser. Später erzählte uns eine Pilgerin, sie hätte sich nicht getraut und sich dann geärgert, als sie uns so fröhlich schwimmen sah. Wir hatten einfach an der Rezeption gefragt, ob es möglich sein zu baden. So erfrischt und gestärkt genossen wir auf der Veranda sitzend den Sonnenuntergang und den herrlichen Abendhimmel! Ja, das ist typisch für den Jakobsweg – anstrengende Etappen, die einen fordern und dann als Belohnung herrliche entspannte Abende, die man einfach nur genießen kann!

Apropos, in einem Pilgerbericht habe ich jetzt gelesen, dass auch Kühe in dem See baden. Es hat die Pilgerin allerdings auch nicht davon abgehalten, dort zu baden. Wir waren auf jeden Fall ohne tierische Begleiter im See – und das war auch gut so!

 

 

Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Altes Mütterchen

Altes Mütterchen

Geschichten auf dem Via de la Plata

Wir hatten gerade erfahren, dass die Herberge in mit Bauarbeitern belegt ist und wir entweder auf ein Taxi warten oder weitere 15 km gehen müssten. Da aber viele Pilger warteten, entschlossen wir uns weiterzugehen. Vorher kehrten wir noch in ein kleines Restaurant ein, um uns für den Weitermarsch zu stärken. In der Ecke saß ein „altes Mütterchen“ gemütlich in einem Sessel und schaute dem Treiben im Lokal zu.

Plötzlich sprach sie uns in sehr gebrochenem Deutsch an und im Gespräch erfuhren wir, dass sie in den 60iger Jahren 5 Jahre in Frankfurt als Gastarbeiterin gelebt hat. Leider habe sie in dieser Zeit kein Deutsch gelernt. Sie habe meist allein im Hinterzimmer eine Wäscherei gearbeitet. Und abends sei sie früh ins Bett gegangen. Dabei lächelte sie fast entschuldigend.

Auf unserem weiteren Weg machten wir Gedanken darüber, wie einsam doch so ein Leben als „Gastarbeiterin“ gewesen sein muss und wie groß die Not wohl war, um so fünf Jahre im Ausland auszuhalten. Und wir waren froh, dass sie auf uns einen so zufriedenen und gelassenen Eindruck gemacht hatte.

Wenn man allerdings momentan die Wohn- und Lebenssituation von ausländischen Arbeitern in den Fleischfabriken, in den landwirtschaftlichen Betrieben oder im Baugewerbe anschaut,  fragt man sich, wie viel sich in diesen langen Jahren seit damals wohl zum Besseren entwickelt hat bzw. wie viel Armut und „Ausbeutung“ heute noch besteht.

Categories
Geschichten Geschichten Via de la Plata

Die Polizei – Dein Freund und Helfer

Die Polizei – Dein Freund und Helfer

Geschichten auf dem Via de la Plata

Wir hatten einen Abstecher vom Jakobsweg gemacht, um uns Alamendraleja anzuschauen.  Nach einem Stadtbummel stärkten wir uns in einem Café und überlegten, wie wir wieder auf den Jakobsweg treffen könnten. Wir hatten aber keine genaue Orientierung und die Karte in unserem Führer half uns auch nicht weiter. Da betraten gerade zwei Polizisten das Café und wir beschlossen diese zu fragen. Leider war unser Spanisch sehr schlecht und ihr Englisch auch nicht besser. So tranken sie schnell ihren Kaffee aus und signalisierten uns, wir sollten ihnen folgen. Also ging es ab zur Polizeistation, die nur einige Meter entfernt lag. Sie führten uns in ihr Arbeitszimmer und dann begann der eine Polizist uns die beiliegende Karte zu zeichnen. Als er fertig war, erklärte er uns auf Spanisch die einzelnen Punkte und bei jedem wichtigen Wort tippte der andere Polizist am Computer und nannte uns dann das Wort auf Englisch.

Tren – train, campo – field usw. Wie aus der Karte zu erkennen ist, hätten wir einfach nur ca. 6 km auf der Straße geradeaus gehen müssen und wir wären auf die Abzweigung zum Jakobsweg gekommen. Aber sie vertrauen unserer Verständigung wohl nicht und gingen lieber auf Nummer sicher. Ein wenig mussten wir schon lächeln, aber auf der anderen Seite haben wir so auch ohne Probleme und Unsicherheiten zurück zum Jakobsweg gefunden.

Der Innenhof der Polizeistation
Der Innenhof der Polizeistation
Translate »