Spannende Geschichten, Kulturelles, Historisches und Geographisches über den Jakobsweg
Altes Mütterchen
Geschichten auf dem Via de la Plata
Wir hatten gerade erfahren, dass die Herberge in mit Bauarbeitern belegt ist und wir entweder auf ein Taxi warten oder weitere 15 km gehen müssten. Da aber viele Pilger warteten, entschlossen wir uns weiterzugehen. Vorher kehrten wir noch in ein kleines Restaurant ein, um uns für den Weitermarsch zu stärken. In der Ecke saß ein „altes Mütterchen“ gemütlich in einem Sessel und schaute dem Treiben im Lokal zu.
Plötzlich sprach sie uns in sehr gebrochenem Deutsch an und im Gespräch erfuhren wir, dass sie in den 60iger Jahren 5 Jahre in Frankfurt als Gastarbeiterin gelebt hat. Leider habe sie in dieser Zeit kein Deutsch gelernt. Sie habe meist allein im Hinterzimmer eine Wäscherei gearbeitet. Und abends sei sie früh ins Bett gegangen. Dabei lächelte sie fast entschuldigend.
Auf unserem weiteren Weg machten wir Gedanken darüber, wie einsam doch so ein Leben als „Gastarbeiterin“ gewesen sein muss und wie groß die Not wohl war, um so fünf Jahre im Ausland auszuhalten. Und wir waren froh, dass sie auf uns einen so zufriedenen und gelassenen Eindruck gemacht hatte.
Wenn man allerdings momentan die Wohn- und Lebenssituation von ausländischen Arbeitern in den Fleischfabriken, in den landwirtschaftlichen Betrieben oder im Baugewerbe anschaut, fragt man sich, wie viel sich in diesen langen Jahren seit damals wohl zum Besseren entwickelt hat bzw. wie viel Armut und „Ausbeutung“ heute noch besteht.