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Entwicklung des Christentum in Spanien zwischen 500 und 1500 – ein kurzer Überblick

Entwicklung des Christentum in Spanien zwischen 500 und 1500 – ein kurzer Überblick

Hier kommt die Zuordnung

Die Geschichte des Christentums in Spanien zwischen 500 und 1500 ist geprägt von politischen Umbrüchen, religiösen Konflikten und kultureller Vielfalt. In dieser Zeit entwickelte sich das Christentum unter wechselnden Herrschaften und im Spannungsfeld mit dem Islam und dem Judentum.
Und wie kommt es, dass Spanien dann ein Land wurde, wo die Vereinheitlichung des katholischen Christentums im Vergleich zu anderen Ländern so stark war?


1. Westgotisches Reich (ca. 500 – 711)
Nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches übernahmen die Westgoten die Kontrolle über große Teile der Iberischen Halbinsel. Die Westgoten wanderten um 500 von Südfrankreich, aus dem sie vertrieben wurden, nach Spanien ein, besiegten die Römer und breiteten sich über fast die ganze Halbinsel aus. In Toledo etablierten sie die Hauptstadt ihres Reiches, das auch Toledanisches Reich genannt wurde.
Anfangs waren sie Anhänger des Arianismus, einer vom römischen Christentum abweichenden Glaubensrichtung, die Jesus nicht als gleichwertig mit Gott anerkannte. So gab es zunächst zwei Religionsrichtungen, der westgotische Adel, der arianisch war, und die römische Bevölkerung, die katholisch war. Das führte zunächst zu Spannungen. Der Wendepunkt kam dann als König Rekkared I. 589 zum Katholizismus übertrat, eine Entscheidung, die beim 2. Konzil von Toledo offiziell gekannt gemacht wurde.
Das war wichtig, da dadurch eine religiöse Einheit im Land geschaffen wurde. Kirche und Staat waren eng miteinander verbunden und die Bischöfe gewannen großen Einfluss. Unter der Herrschaft Rekkareds kam es allerdings auch zu einer unerbittlichen Kampagne gegen alle Nichtchristen, vor allem die Juden. Einst eine tolerierte Minderheit, die mit den Römern ins Land kam und erfolgreiche Händler hervorbrachte, wurde nun verfolgt, ihrer Rechte und Besitzungen beraubt und gezwungen zum Christrum zu konvertieren.

= Es entstand so in Spanien ein starkes vom Staat gestütztes Christentum.

https://www.oteripedia.de/images/thumb/3/36/Map_Westgotenreich.jpg/800px-Map_Westgotenreich.jpg

2. Islamische Herrschaft (711 – ca. 1300)
Die Invasion muslimischer Truppen unter Tariq ibn Ziyad (711) und der anschließende Feldzug unter Musa ibn Nusayr zerschlugen das westgotische Königreich innerhalb weniger Jahre. Die Ursachen waren komplex: innere Thronfolgekonflikte, eine geschwächte Aristokratie und eine durch politische Spannungen zerrissene Kirche. Um 1000 war fast ganz Spanien von den Mauren besetzt und wurde zu „Al Andalus“.
Es folgte zunächst eine Zeit der friedlichen Koeistenz der Religionen. Diese Periode wird auch als „la convivencia“ bezeichnet, eine Zeit, in der die drei Religionen relativ friedlich miteinander lebten und von der Anwesenheit der anderen Religionen profitierten. Bildung, Wissenschaft und Fortschritt florierten. Besonders im Kalifat von Córdoba (10. Jh.) war die Gesellschaft relativ tolerant und kulturell hochentwickelt (Wissenschaft, Philosophie).

Wie lebten Christen unter muslimischer Herrschaft?
Christen wurden zu sogenannten Mozarabern, unter dem Islam lebende Christen.
Ihre Rechte waren allerdings eingeschränkt. Auf der einen Seite durften sie ihren Glauben ausüben und ihre Kirchen behalten, allerdings keine neuen bauen, anderseits mussten sie Sondersteuern zahlen und eine politische Unterordnung akzeptieren. Viele Christen übernahmen im Laufe der Zeit auch die arabische Sprache und Lebensweise. Je nachdem welche muslimische Herschaftsdymnastie in Spanien herrschte war das Zusammenleben mehr oder weniger konfliktbehaftet und auch die religiösen Einschränkungen größer oder kleiner.
Die Mozaraber entwickelten ein System kirchlicher Selbstverwaltung unter Fremdherrschaft (Dhimmi-Status), das in Westeuropa ohne Parallele ist. Während fränkische, angelsächsische oder germanische Kirchen mit christlichen Fürsten verhandelten, musste die iberische Kirche ihre Existenz gegenüber einem islamischen Staat rechtfertigen. Die iberische Theologie musste sich permanent mit islamischen Gotteskonzeptionen und dem Koran auseinandersetzen. Dies führte zum einen zu einer Aptation von Einflüssen zum anderen aber auch zu einer innerkirchlichen Auseinandersetzung gegen diese Einflüsse.

Die verschiedenen Bezeichnungen der religiösen Zuordnung weisen auf diese kulturelle gewisse Durchmischung hin.
Muladies: zum Islam konvertierte Christen („zwischen zwei Welten geboren“)
Moriscos: zum Christentum konvertierte Muslime („maurisch“)
Mozarabes: unter dem Islam lebende Christen („arabisiert“)
Mudéjares: unter dem Christentum lebende Muslime („jemand, dem das Bleiben gestattet ist)

= Es entstand eine Mischkultur aus Islam, Christentum und Judentum, aber das Christentum war unter islamischer Herrschaft eingeschränkt.

https://agustinadearagonschool.blogspot.com/2017/05/life-in-al-andalus.html

3. Die Reconquista und die Entstehung der christlichen Königreiche (718–c. 1100)

Die Keimzelle im Norden
Im Jahr 722 – so die christliche Überlieferung – soll die Schlacht von Covadonga stattgefunden haben, in der ein westgotischer Adliger namens Pelayo muslimische Truppen besiegte. Historisch ist dieses Ereignis wohl stark mythologisiert, doch es markierte symbolisch die Entstehung des Königreichs Asturien im kantabrischen Bergland – der ersten dauerhaften christlichen Herrschaft nach dem westgotischen Zusammenbruch.
Die asturischen Könige verstanden sich bewusst als Erben der Westgoten (Neo-Gotismus) und beanspruchten die Wiederherstellung des alten Hispaniens als ideologisches Programm. Dies verlieh der Reconquista eine religiöse und dynastische Legitimation, die weit über reine Territorialpolitik hinausging. Aus dem Königreich Asturien gingen später durch Teilungen und Heiraten die Reiche León, Kastilien, Navarra und Aragonien hervor, während im Nordosten die Katalanischen Grafschaften unter fränkischem Einfluss entstanden.

Die Rolle der Kirche im Wiederaufbau
Die Reconquista wird zwar oft als religiös motivierter „Kreuzzug“ der Christen gegen die Muslime dargestellt. Eine kritische Analyse zeigt jedoch, dass Religion zwar eine wichtige Rolle spielte, aber eng mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren verflochten war. Mit der territorialen Expansion nach Süden gingen intensive Kirchengründungen und Klosterbauten einher. Besonders bedeutsam war:
Die Entdeckung des vermeintlichen Apostelgrabes in Santiago de Compostela (9. Jahrhundert): Das Grab des Apostels Jakobus (Sanctus Iacobus) wurde zur mächtigsten religiösen Legitimationsressource der Reconquista. Santiago entwickelte sich zum dritten Hauptpilgerziel der Christenheit nach Rom und Jerusalem und verband die iberische Kirche nun fest mit dem lateinischen Westen.
Das Klosterwesen – unter den Benediktinern und vor allem den Zisterziensern – wurde zum Zentrum von Schriftkultur, Landerschließung und wirtschaftlichem Aufbau.

= Das Christentum wurde wieder politisch aktiv und expandierend.

Von Chocofrito - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46508562

4. Hochphase der Reconquista (1100–1300)

Jetzt wurde der Konflikt klar religiös aufgeladen. Das zeigt sich z.B. darin, dass im Verlauf der Reconquista das Bild des „Santiago Matamoros“ (Maurentöter) entstand. Legenden berichteten, Jakobus sei in Schlachten erschienen und habe den Christen zum Sieg verholfen. Diese Darstellung hatte eine klare Funktion: Sie legitimierte den Kampf religiös und motivierte Kämpfer, indem sie den Krieg als göttlich unterstützt darstellte. Herrscher nutzten den Jakobus-Kult gezielt, um ihre Macht zu stärken. Die Verbindung von Religion und Herrschaft verlieh militärischen Unternehmungen zusätzliche Legitimität. Zudem wurden die Christlichen Königreiche – unterstützt durch Ritter aus ganz Europa -stärker und besser organisiert.
Ein wichtiges Ereignis in der Reconquista war die Rückeroberung Toledos im Jahr 1085 durch den kastilischen König Alfons VI. Als ehemalige Hauptstadt des Westgotenreiches war die Einnahme ein symbolischer Sieg für die Christen.1088 bestätigte Papst Urban II. den Erzbischof von Toledo als Primas der spanischen Kirche.
Die Schlacht bei Las Navas de Tolosa war dann der entscheidende Wendepunkt. 1212 wurden die Almohaden (eine muslimische Dynastie in Nordafrika und Spanien) von den vereinigten Armeen Kastiliens, Aragons, Navarras und Portugals vernichtend geschlagen. Danach schrumpfte innerhalb weniger Jahrzehnte das islamisch beherrschte Gebiet auf das Emirat von Granada zusammen.

Religiöse Veränderungen werden deutlich.
In eroberten Gebieten wurden Moscheen zu Kirchen umgewandelt. Die Kathedrale von Toledo, ein bedeutendes gotische Bauwerk, wurde ab 1226 an der Stelle einer früheren Hauptmoschee errichtet. Die Umwandlung der berühmten Moschee von Cordoba (Mezquita) in eine Kathedrale erfolgte 1236 nach der Eroberung der Stadt. Es wurden neue Bistümer gegründet. In den eroberten und teilweise entleerten Gebieten wurden christliche Siedler aus ganz Europa, vornehmlich aus Frankreich, angesiedelt. War der Umgang mit Muslimen und Juden anfänglich noch friedlich, kam es später zu einer zunehmenden Diskriminierung und in größerem Maße zu Zwangsbekehrungen.

Im Kontext der gregorianischen Kirchenreform und unter starkem Druck Roms sowie des Kluniazenserordens (Benediktiner aus Cluny) wurde die iberische Kirche tiefgreifend umgestaltet. Die erstrebte Herauslösung der dem Papst untergebenen Kirche aus der Abhängigkeit von weltlichen Gewalten ging mit einer innerkirchlichen Stärkung der Stellung des Papsttums und einer starken Zentralisierung der Kirchenorganisation einher.
In Spanien war die Ablösung der mozarabischen Liturgie durch den römischen Ritus ein Schlüsselereignis, denn es bedeutete die vollständige Integration der iberischen Kirche in die lateinische Christenheit (Latinitas) und somit den Bruch mit einer jahrhundertealten eigenständigen Tradition und die Unterordnung unter die päpstliche Autorität.

= Das Christentum in Spanien wird in die europäische lateinische Christenheit eingegliedert.

https://www.espanaguide.com/images/cordoba/mezquita.jpg

5. Wandel im Spätmittelalter und religiöse Vereinheitlichung (1300–1500)
Gegen Ende der Reconquista – besonders unter Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón – gewann Religion stärker an Bedeutung. So setzte die Eroberung Granada 1492 einen Schlusspunkt der maurischen Herrschaft in Spanien. Die Spanische Inquisition wurde eingerichtet (1478), um religiöse Einheit durchzusetzen. Die zunehmende religiöse Vereinheitlichung mit dem Ziel die „Reinheit des Glaubens“ in Spanien zu sichern ging einher mit einer massiven Intoleranz gegenüber Juden und Muslimen. Sie wurden vor die Wahl gestellt entweder Taufe oder Exil. Aber auch wenn sie konvertiert waren, wurden sie mit Mistrauen bedacht. Die Katholischen Könige, stets geschickte Taktiker, nutzten dieses Gefühl aus. 1478 erwirkten sie erstmals eine päpstliche Bulle von Sixtus IV. zur Gründung die Inquisition, um gegen Konvertiten vorzugehen, deren Bekehrung als unaufrichtig galt.
Denn die sogenannten „Conversos“ standen unter dem Verdacht, nicht wirklich bekehrt zu sein und heimlich religiöse Handlungen ihrer abgelegten Überzeugung zu vollziehen. Der Reichtum der Konvertiten weckte Neid und ihre unsicheren Bekehrungen Hass in einer Bevölkerung, die sich traditionell als Verteidiger des Christentums gegen die Ungläubigen sah. Die Förderung einer einheitlichen katholischen Religionsausübung blieb in den folgenden Jahrhunderten ein zentrales Anliegen von Staat und Kirche. Die Reformation konnte sich in Spanien nicht durchsetzen; keine andere Nation blieb gegenüber den Ideen der Reformation weniger empfänglich.
Übrigens, die Inquisition existierte formal von 1478 – mit Unterbrechungen zu Beginn des 19. Jhs. – bis 1834.

= Spanien wurde offiziell ein streng katholisches Königreich.

Wichtige Entwicklungen im Überblick


• Vor 711 war Spanien überwiegend christlich unter den Westgoten.
• Nach der muslimischen Eroberung entstand Al-Andalus. Über mehrere Jahrhunderte konvertierten viele Christen zum Islam, sodass Muslime zeitweise wahrscheinlich die Mehrheit bildeten.
• Juden lebten sowohl unter christlicher als auch unter muslimischer Herrschaft als bedeutende Minderheit, meist zwischen 2 % und 5 %.
• Mit der christlichen Reconquista wurden Muslime und Juden zunehmend verdrängt oder zwangskonvertiert.
• 1492 wurden die Juden aus Spanien vertrieben; 1609 folgte die Vertreibung der Moriscos (zwangschristianisierte Muslime). Dies führte zu einer dominierenden und ausschließlichen Staatsreligion.


Diese Entwicklung war eng verbunden mit Kriegen, politischer Macht, kulturellem Wandel und gesellschaftlicher Entwicklung. Dabei ist wichtig, dass Spanien im Mittelalter das einzige multiethnisches und multireligiöses Land Westeuropas war. Ein Großteil der Entwicklung der spanischen Zivilisation in Religion, Literatur, Kunst und Architektur im späten Mittelalter wurzelte in dieser Tatsache.

Die genauen Anteile der Religionen in Spanien im Mittelalter lassen sich nicht exakt angeben. Die groben Schätzungen von Historiker ergeben folgendes Bild:

Zeitraum

Christen

Muslime

Juden

ca. 500 (Westgotenreich)

~95–99 %

0 %

~1–5 %

ca. 750 (kurz nach der muslimischen Eroberung)

~85–90 %

<10 %

~2–5 %

ca. 1000 (Blütezeit von al-Andalus)

~35–50 %

~45–60 %

~5 %

ca. 1100

~20–35 %

~60–80 %

~5 %

ca. 1300 (Reconquista weit fortgeschritten)

~70–80 %

~15–25 %

~3–5 %

1492 (Fall Granadas)

~90 %+

kleine Minderheit

~1–2 %

nach 1609

fast ausschließlich Christen

offiziell 0 %

offiziell 0 %

Das iberische Christentum als Sonderfall in Europa

Spanien ist deshalb ein Sonderfall in der christlichen Gemeinschaft, weil:
es über Jahrhunderte multireligiös war
• Religion eng mit Krieg, Herrschaftslegitimation und Identität verbunden wurde
• es am Ende eine der strengsten religiösen Vereinheitlichungen Europas entwickelte.

Während viele Regionen Europas langsam christianisiert wurden, war Spanien ein Ort von
Konflikt, Austausch und schließlich radikaler Vereinheitlichung. Die dauerhaften Spannungen zwischen den Religionen, den Kulturen, den militärischen Positionen erzeugten eine religiöse Identität, die intensiver, kämpferischer, eigenständiger und gleichzeitig kultureller war als die der kontinentalen Schwesterkirchen. Diese Identität, die u.a. auch auf dem Verständnis der „Reinheit des Blutes“ beruhte, ging im späten 15. Jahrhundert mit der Reconquista-Vollendung (1492), der Inquisition und dem entstehende Kastensystem in den Kolonien der Neuen Welt in eine neue, welthistorische Phase über, die wiederum ohne das mittelalterliche Erbe nicht denkbar ist.

Die Verteilung der Religionen in Spanien heute

Ungefähr sieht die Verteilung derzeit so aus:
• etwa 55–56 % Katholiken
o davon nur rund 15–20 % praktizierend
o der größere Teil bezeichnet sich als „kulturell“ oder nicht praktizierend katholisch
• ca. 39–40 % konfessionslos
o darunter Atheisten, Agnostiker und religiös Indifferente
• etwa 3–5 % andere Religionen
o vor allem Muslime, außerdem Protestanten, Orthodoxe, Buddhisten und Juden

Wichtige Trends in den letzten 50 Jahren:
• Spanien war bis in die 1970er fast vollständig katholisch (über 70%).
• Seitdem nimmt die Säkularisierung stark zu.
• Besonders junge Menschen sind oft konfessionslos.
• Gleichzeitig wächst die religiöse Vielfalt durch Einwanderung.

Im Gegensatz zu den Zahlen sind viele Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit weiterhin präsent, oft verbunden mit lokalen Festen. Zahlreiche katholische Kulturpraktiken sind in der Bevölkerung präsent, wie katholische Taufen und Beerdigungen, Prozessionen in der Karwoche, Pilgerfahrten (wie der Jakobsweg ), Verehrung von Schutzheiligen und Feste.

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Elias Valina – Visionär des modernen Jakobsweges und „Erfinder“ des gelben Pfeils

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Hier kommt die Zuordnung

Wer war dieser Elias Valina Sompredo (* 2. Februar 1929; † 11. Dezember 1989)?
Elias Valina Sampedro ist der Visionär, der in den 70iger Jahren des 20. Jhs. den Jakobsweg wiederbelebte und die Pilgerfahrt, wie wir sie heute kennen, ins Leben rief. Er wurde 1929 in der Nähe von Sarria geboren. Mit einer fundierten Ausbildung war Elías promovierter Theologe und Experte für Kirchenrecht. Nach der Priesterweihe wurde er 1959 im Alter von 30 Jahren Pfarrer in O Cebreiro, einem einfachen abgelegenen Bergdorf direkt am Eingang des Französischen Weges in Galicien. Ein Erklärung, warum er, der auf Grund seiner Qualifikation für ein höheres kirchliches Amt prädestiniert war, nach O Ceibreiro versetzt wurde, konnte ich nicht finden. Er verstarb am 11. Dezember 1989 in O Cebreiro, wo er in seiner Basilika Santa Maria Real begraben wurde. Vor dem Gotteshaus erinnert eine Statue an diesen Mann, der die verschiedenen Förderer des Jakobswegs maßgeblich prägte und vielen noch heute als Vorbild dient. Valiña starb mit Mitte sechzig und konnte die Früchte seiner Arbeit und seines Engagements für die Wiederentdeckung, Förderung und Verbreitung des Jakobswegs nur teilweise miterleben. Ob er allerdings mit der heutigen Entwicklung des von ihm favorisierten Camino Francés zufrieden wäre, ist zumindest zweifelhaft

Von vicky_petereit - Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1333101

Persönlich zeichnete sich Elias Valina wohl durch eine bemerkenswerte Einfachheit, Offenheit und Klarheit in Denken und Handeln aus. Er wird als unermüdlich beschrieben, als ein geborener Arbeiter an allen Fronten, der sich auch nicht vor Konfrontationen mit der amtlichen Kirche scheute. Für sein Handeln war die Vision einer Wiederbelebung der mittelalterlichen Pilgerfahrt von entscheidender Bedeutung. Leider gibt es bis heute kein umfassendes, abgerundetes und im Kontext der damaligen Zeit erstelltes Porträt von Elías Valiña. So bleiben einige Aussagen doch recht vage und bestimmte Ungereimtheiten lassen sich nicht klären. Eine Zusammenstellung von Artikeln, Dokumentationen, Bildern und eine Dokumentarfilm über Elias Valina findet man unter: https://arraianos.com/wordpress2024/elias-valina/

https://arraianos.com/wordpress2024/elias-valina/

Sein Weg
Nachdem Elias Valiña nach O Cebreiro versetzt wurde, wurde er sofort aktiv und begann den Ort grundlegend zu verändern. Er rettete die baufällige vorromanische Kirche vor dem Einsturz und renovierte die Nebengebäude. Außerdem sorgte er durch seinen Einsatz bei Regierung, Kirche und Versorgungsunternehmen für Wasser, Strom und Verkehrsanbindung in der Gemeinde.
Aber er war nicht nur Priester, sondern auch Historiker, Forscher und Schriftsteller. Er war besonders an der Geschichte des Jakobsweges interessiert und verfasste kultur-wissenschaftliche Schriften zum Jakobsweg, zu denen u.a. seine Dissertationsschrift von 1965 El Camino de Santiago. Estudio histórico-jurídico gehört, und den Guia del Peregrino, den ersten modern Pilgerführer für den Camino Francés. Seine Doktorarbeit, die er 1965 an der Päpstlichen Universität Salamanca verteidigte, wurde mit dem angesehenen Antonio-de-Nebrija-Preis des CSIC ausgezeichnet.

Neben seinen Forschungen verfolgte Elías eine ganz persönliche Mission: dem alten Jakobspilgerweg in Nordspanien, der damals stark in Vergessenheit geraten war, neues Leben einzuhauchen. Er bereiste den heute „Camino Francés“ genannten Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela zu Fuß und im Kleinbus und orientierte sich dabei anhand historischer Karten, verfallener Kirchen und Ortsnamen. So restaurierte er zahlreiche verlorene Abschnitte dieser Route von Frankreich bis Galicien und markierte den Weg mit dem gelben Pfeil. Dabei wurde er von Bürgermeistern, Pfarreien und Pilgervereinen unterstützt. Dies geschah Ende der 70er und Anfang der 80iger Jahre. Unterwegs knüpfte er Freundschaften mit Menschen und baute so langfristig ein Netzwerk von Unterstützern auf, die wie er die Idee des Jakobsweges wiederbeleben wollten. Ihm verdankt die iberische Halbinsel somit nicht nur die Belebung der Jakobspilgerschaft sondern auch den Wiederaufbau eines Pilgerherbergsnetzes entlang des Camino Santiago. Die treibende Kraft hinter der weiteren Wiederbelebung waren auch die aufstrebenden spanischen und europäischen Jakobinervereinigungen, die Elías Valina unermüdlich als Verteidiger des Weges und seiner Werte gefördert hatte. Diese Vereinigungen, in denen Elias Valiña von 1985 bis 1987 als Kommissar des Jakobswegs fungierte, legten auf dem renommierten Ersten Internationalen Jakobinerkongress im September 1987 den Grundstein. Dieser Kongress fiel zeitlich mit der Erklärung des Jakobswegs zur Ersten Europäischen Kulturroute durch den Europarat zusammen.

Der gelbe Pfeil
Eines der bekanntesten Vermächtnisse von Elías Valiña ist der gelbe Pfeil als Wegweiser für Pilger. Er selbst, mit Pinsel und der Hilfe von Freiwilligen, malte Hunderte davon von Roncesvalles bis Santiago. Auch wenn nicht sicher ist, ob er der erste war, so war er doch derjenige, der die gelben Pfeile verbreitete und als Symbol des Weges etablierte. Es gibt eine legendäre Geschichte, wonach er in den Pyrenäen von der Guardia Civil beim Pfeile malen aufgegriffen wurde. Auf die Frage, wer er sei und was er da mache, soll er denen, die ihn als Kollaborateur der ETA verdächtigten, provokativ geantwortet haben: „Ich bereite eine Invasion vor“. Betrachtet man die Entwicklung der Jakobsbewegung gerade auch in den letzten Jahren, kann man ihn mit Fug und Recht als Visionär bezeichnen.
Neben den praktischen Tätigkeiten prägte er auch eine Vision des Weges als spirituellen, kulturellen und menschlichen Begegnungsraum. 1966 eröffnete er in O Cebreiro eine Herberge und ein Gasthaus für Pilger. Seine Herberge setzte Maßstäbe für viele gemeinnützige Pilgerherbergen.

„Boletín del Camino de Santiago“
Ab 1985 förderte er als Koordinator des Jakobswegs die Gründung der meisten spanischen Jakobusvereine und leitete in der Anfangsphase das „ Camino de Santiago Bulletin“ .
Zwischen 1985 und 1987 verfasste und redigierte Valiña persönlich das Bulletin eine handgemachte, aber wichtige Publikation zur Wiederbelebung des Weges. Ihr Ziel war es, Menschen, die sich für den Jakobsweg engagierten, zu vernetzen, Neuigkeiten, Erfahrungen und Initiativen zu teilen und die junge Jakobusbewegung zu stärken.

Elías-Valiña-Preis
1996 rief die Xunta de Galicia den Elías-Valiña-Preis ins Leben, um Personen und Organisationen auszuzeichnen, die sich besonders für die Erhaltung und Förderung des Jakobswegs eingesetzt haben. Dieser jährlich vergebene Preis ehrt sein Andenken und würdigt jene, die seinem Beispiel folgen – ein Aufruf, den Geist des Jakobswegs, den er wiederbelebte, lebendig zu halten.
So kann man hoffen, dass gerade der französische Weg, der ihm ja so am Herzen lag, sich nicht zu einer reinen touristischen Attraktion entwickelt – eine Gefahr, die mit dem Verlust der religiösen oder zumindest spirituellen Komponente der Route einhergeht, und zur fortschreitenden Kommerzialisierung und Trivialisierung des Erlebnisses führt.

Übrigens:

Santiago de Compostela, Spanien, 9. Februar 2026 – Die Xunta de Galicia hat bekannt gegeben, dass die Jakobusbruderschaft Kroatien mit dem 26. Elías-Valiña-Preis ausgezeichnet wurde. Sie gehört damit zu einer ausgewählten Gruppe von Pilgerorganisationen, die sich für den Erhalt der Werte des Jakobswegs einsetzen.Der Jakobsweg ist seit jeher eine gemeinsame europäische Reise, auf der Pilger aus ganz Europa seit über tausend Jahren nach Santiago de Compostela und wieder zurück wandern. Kroatiens Jakobsweg-Tradition reicht bis ins Jahr 1203 n. Chr. zurück, archäologische Funde deuten sogar auf noch ältere jakobinische Traditionen hin. Heute führt Kroatiens 2.400 km langes Wegenetz des Jakobswegs dieses Erbe fort und verbindet kulturelles Erbe, atemberaubende Landschaften und authentische Gastfreundschaft.

Von Willyman - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39386121 Teil seines Wohnhauses
Von amaianos - originally posted to Flickr as O Cebreiro, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9397322 Kirche Santa Maria in O Cebreiro
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Die Castro-Kultur, ein Relikt aus der Eisenzeit

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Castro-Kultur (prtugiesisch: Cultura Castreja, galicisch: Cultura Castrexa, spanisch: Cultura Castreña) ist eine zusammenfassende archäologische Bezeichnung für eisenzeitliche Kulturen auf der nordwestlichen Iberischen Halbinsel, die seit dem Ende der Bronzezeit (1.Jahrtausend v.Chr.) bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. bestanden. Sie wurde nach den charakteristischen Castros, den befestigten Siedlungen, benannt, die meist auf Hügeln mit guter Sicht angelegt wurden.

Castro de Viladonga De {{{1}}}, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62343224 Castro

Geschichte

Die Castro-Kultur begann sich am Ende der Bronzezeit aufgrund kultureller Einflüsse der zentraleuropäischen und mediterranen Kulturen zu entwickeln. In der anschließenden Periode, die bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. reichte, breiteten sich die Castros vom Süden nach Norden und von der Küste ins Innere der Iberischen Halbinsel aus. Die Expansion setzte sich  fort, bis im 2. Jahrhundert v. Chr. der Einfluss des Römischen Reiches stärker wurde. Mit der Gründung der römischen Provinz Gallaecia war dann das Ende der Castro-Kultur besiegelt. Für die Römer spielten die Vorkommnisse von Gold und anderen Metallen im Norden der iberischen Halbinsel eine wichtige Rolle bei der Eroberung. Diese wurden dann auch in den folgenden Jahrhunderten hier ausgebeutet. So wurden z.B. viele der römischen Münzen mit dem Gold aus Spanien geprägt. Nach einer Übergangsphase war die Castro-Kultur im 4. Jahrhundert n. Chr. verschwunden.

Von Froaringus - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11799792 Schwerpunkt der Castro-Kultur in Galicien

Regionale Verteilung

Die Castro- oder Castrexa-Kultur entwickelte sich im Nordwesten der Iberischen Halbinsel.

Das Gebiet umfasste mit seinem Zentrum im heutigen Galicien zudem den Norden des heutigen Portugals sowie die zentralen und westlichen Gebiete Asturiens und kleine Gebiete weiter südlich bis zum Fluss Duero.

Eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten der portugiesischen, galicischen und asturischen Castros ist ihre exponierte Lage. Die meisten von ihnen befinden sich auf Hügeln, Bergkuppen oder Anhöhen und boten so einen optimalen Schutz gegen Angriffe. Diese Dörfer oder Kleinstädte (manchmal mehr als 1000 Einwohner) waren zudem von Mauern oder Wällen geschützt. Im Innern finden sich meist runde oder auch rechteckige Steinhäuser und schmale Gassen.

Castro de Coana Von Markus Braun - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1304407

Einige Beispiele:

  • Das größte bisher ausgegrabene befestigte Castro de Viladonga  liegt in der Region Lugo. Es nimmt eine Fläche von ca. 4 Hektar innerhalb der Mauern ein, davon umfasst  der Croa (der höchste Teil der Festung)  10.000 qm mit einer unregelmäßigen viereckigen Form ein.
  • Castro Borana in der Nähe der Gemeinde Porto do Son in Galicien ist eines der besterhaltenen und besonders spektakulär liegenden Castros. Es befindet sich auf einer nur über eine tief liegende Landenge verbundenen kleinen Halbinsel direkt am Meer.
  • Das Castro de Coana in Asturien liegt nahe der Stadt Navia und somit in der Nähe des Camino del Norte. Sehr gut erhalten sind die fast 100 meist kreisrunde Fundamente der Steinhäuser der auf einer Bergkuppe gelegenen Siedlung.
  • Am Castro Teso de las Catedrales in Salamanca an der Via de la Plata wurden die Ausgrabungen erst in den letzten Jahren intensiviert.
Von L.Miguel Bugallo Sánchez (http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Lmbuga) - self made, http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Castro_de_BaroNa.Galiza.jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2761701
Castro de Barona Von AnaisGoepner - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59339819
Lage zweier Castros in Salamanca

Lebensform

Die Castro-Wirtschaft basierte auf der Landwirtschaft mit Getreide wie Weizen, Hirse, Hafer und Gerste, Hülsenfrüchten wie Bohnen und Kichererbsen, Kohl, Rüben usw. und Viehwirtschaft mit Kühen, Pferden, Schafen, Ziegen und Schweinen. Sie jagten aber auch Hirsche und Wildschweine, fischten und sammelten Muscheln.

Der Abbau von Gold, Eisen, Kupfer, Zinn und Blei spielte ebenfalls eine Rolle. Die Erze wurden von den Castro-Metallurgen zu Werkzeugen und Schmuck verarbeitet. Zahlreiche Funde von Silber- und Goldreifen, Ohrringen und Ringen weisen auf Prunk- und Schaustücke für die Elite in der Hierarchie der Stämme hin. Die typischen keltischen Torques (offene Halsringe) machen die keltische Zugehörigkeit der Castro-Bevölkerung wahrscheinlich.

Die Skulptur war vor allem in den südlichen Gebieten weit verbreitet. Unter den Waffen stechen die Kurzschwerter und die „Antennen“-Dolche hervor, die allerdings in ihrer Anzahl selten sind.

https://viladonga.xunta.gal/en/museo/coleccions/pezas/torques-or-rigid-collar-open
Von Joseolgon - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19085340
Von Xemenendura - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16347577
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Die Klöster der Benediktiner und Zisterzienser in Spanien – eine kurze Darstellung ihrer Geschichte, ihrer Bedeutung und ihrer Architektur –

Die Klöster der Benediktiner und Zisterzienser in Spanien – eine kurze Darstellung ihrer Geschichte, ihrer Bedeutung und ihrer Architektur –

Camino Aragonés, Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo

Ihre allgemeine Bedeutung

Die Klöster im Mittelalter waren wohl mit einer der wichtigsten, wenn nicht vielleicht sogar die wichtigsten religiösen Institutionen. Sie wurden von verschiedenen Orden geführt. Unter einem Orden versteht man eine Gemeinschaft von Männern oder Frauen, die nach bestimmten, festgelegten Regeln leben und sehr häufig ein Ordensgewand, den Habit, tragen. Zentral und für ihre spirituelle Ausrichtung entscheidend sind dabei drei Lebensprinzipien: Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam.

Als Kultur- und Bildungszentren bewahrten und vermittelten die Ordensgemeinschaften das Wissen der Antike, trieben selbst Forschung und schufen Handschriften und Kunstwerke, die noch heute staunen lassen. Außerdem ist die romanische Kunst ohne den Einfluss der Orden der Benediktiner und Zisterzienser kaum zu verstehen.

Teilweise als Eigentum von Königen, Adligen oder Bischöfen aber auch später eigenständig nur dem Papst unterstellt waren sie z.T. eng mit dem politischen Geschehen verknüpft. Als Großgrundbesitzer und Landwirte versorgten sie zudem in den wenig entwickelten Gegenden, in denen viele der Klöster lagen, das Umfeld mit Nahrung und Gütern oder boten Arbeitspätze für die Einheimischen.

Auch für die Entwicklung des Pilgerwesens waren sie von besonderer Bedeutung. So beherbergten Klöster und ihre karitativen Einrichtungen entlang dieser Routen die Pilger. Die Verpflichtung zur Aufnahme von Gästen ist teilweise in den Ordensregeln festgeschrieben und findet sich – gut nachvollziehbar für den Benediktinerorden – in deren Regeln, in Kapitel 53, welche die Aufnahme von Gästen der von Jesu gleichstellt. Mit der Reformation wurden viele Klöster aufgelöst und ihre karitativen Aufgaben mussten von den zivilen Behörden übernommen werden. Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela, waren im Mittelalter unzählige Menschen unterwegs. Die Pilger durften  – wie auch heute noch größtenteils – meist nur für einen Tag unter sicherer Obhut übernachten.

In Spanien kam noch hinzu, dass die Klöster im Rahmen der Reconquista ein wichtiger Faktor waren für die Wiederbesiedlung und Stabilisierung unfruchtbarer oder umstrittener Gebiete zwischen Mauren und Christen. Hier sind – wie unten noch aufgezeigt wird – die Zisterzienser von besonderer Bedeutung.

Bildnis von Giovanni Bellini 15. Jh. Von Didier Descouens - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52066438

Die Vorgeschichte und die Bedeutung des heiligen Benedikt, des „Vaters der mittelalterlichen Klöster“

Schon kurz nach Gleichstellung der Religionen durch die Mailänder Vereinbarung von 313 zieht es damals Scharen frommer Frauen und Männer in die Wüsten Ägyptens, Syriens und Palästinas. Fern von der übrigen christlichen Gemeinde und den Verführungen der Städte wollten sie als Einsiedler (Eremiten, griech. eremos, Wüste) oder Teil einer Eremitenkolonie (Koninobiten, griech. koinos, gemeinsam) ein bedingungslos frommes Leben, die Vita religiosa, führen. Harte körperliche Arbeit und Kontemplation, Askese und Abgeschiedenheit prägten den Alltag der Aussteiger. Um dem gemeinsamen Leben eine Ordnung zu geben, unterwarfen sie sich bald verbindlichen Regeln. Das ist die Geburtsstunde des ersten Mönchsordens.

Der wahre „Vater“ des westlichen mittelalterlichen Klosters war der Heilige Benedikt von Nursia. Der heilige Benedikt gründete nach einem intensiven Ordensleben, darunter drei Jahre Eremitenleben, das Kloster Monte Cassino in der Provinz Frosinone in Italien. Dort verfasste er um das Jahr 540 seine berühmten Regeln, die Demut, Selbstverleugnung und Gehorsam als Grundpfeiler des Mönchslebens festlegen. Beim Eintritt in die Gemeinschaft verlässt man die Welt, indem man die Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams akzeptiert, da das Klostermodell von San Benito die Klausur als eine Möglichkeit zur Wahrung der moralischen Integrität etabliert.

Ein weiterer wichtigster Grundsatz der Benediktinerregeln, die für die Entwicklung der mittelalterlichen Welt von grundlegender Bedeutung sein wird, war die Aufforderung:

„Ora et labora“ .

Dies ist von grundlegender Bedeutung, da mittelalterliche Klöster im Allgemeinen und romanische Klöster im Besonderen Zentren der Spiritualität waren. Das „labora“ bezieht sich zum einen auf die landwirtschaftliche Produktion, denn jedes Kloster musste seinen Unterhalt selber verdienen. Zum anderen bezog es sich auch auf die handwerkliche und künstlerische Produktion, insbesondere in den Bereichen Eboraria (Kunst der Elfenbeinskulptur), Emailverarbeitung, Goldschmiedekunst und Buchmalerei.

Der Benediktinerorden (Ordenskürzel OSB für Ordo Sancti Benedicti) darf wohl als der älteste, traditionsreichste und wirkmächtigste Orden des Christentums gelten. Sie sind heute noch an ihrem komplett schwarzen Ordensgewand erkennbar.

Nordansicht und Grundriss im späten 17./frühen 18. Jh. des Klosters Cluny

Die Cluniazensklöster

In Nordspanien existierten im 8. und 9. Jh. bis ins 10. Jh. zahlreiche Klöster, die dann nach und nach die Regeln des hl. Benedikt übernahmen. Dabei handelte es sich um kleine Klöster, die von bescheidenen Spendern unterstützt wurden. Doch im Laufe der Jahrhunderte geriet die radikale Ausrichtung an der Lebensweise Jesu auch im Mönchtum immer wieder in Vergessenheit und es kam zu einer häufig problematischen Beziehung zu den weltlichen Herrschern, die sich nicht nur als Stifter eines Klosters betätigten, sondern nicht selten auch im weiteren Verlauf massiv in die Geschicke des Klosters im eigenen Interesse eingriffen, z. B. bei der Bestimmung des Abtes oder bei der Kriegspflicht. Auch die Mönche selbst wurden durch den wachsenden Reichtum in ihrer Lebensweise lax, lebten zum Teil nicht mehr von ihrer Hände Arbeit, sondern von Spenden und Zustiftungen und frönten einer ausschweifenden Lebensweise. Die Ausbildung des Lehnswesens, der Reichtum an Land und Leuten, der sich in den Klöstern angehäuft hatte, schob die Interessen der Bildung und Erziehung, der Religion und Wissenschaft in den Hintergrund, und Interessen weltlicher Art traten vor.

Nach mehreren Reformbewegungen wird die Entwicklung des Benediktinerordens im französischen Cluny im 11. Jh. zum Schlüssel der erneuerten klösterlichen Entwicklung in ganz Europa. Von seinem ersten Gründungsmoment an erlangte der Orden von Cluny absolute Unabhängigkeit von jeglicher weltlichen oder kirchlichen Macht und war nur noch gegenüber dem Papst verantwortlich. Dies galt für Cluny und alle seine am Ende des 13. Jhs. etwa 1200 in ganz Europa mit ihm verbundenen Klöster. Dabei handelt es sich sowohl um Männer- als auch Frauenklöster.

Der andere Faktor, der die Vergrößerung des Ordens von Cluny ermöglichte, war die erfolgreiche Schaffung einer zentralisierenden organischen Struktur im Vergleich zu der üblichen Zerstreuung und Auflösung, die die Benediktinerklöster bis dahin erlebt hatten. Dies war nur möglich dank der internationalen Immunität gegenüber Königen und Adligen, die ihm die päpstliche Abhängigkeit ermöglicht hatte.

Die wesentlichen organisatorischen, politischen und religiösen Aspekte der „Schwarzen Mönche“ lassen sich in folgenden Punkten kurz zusammenfassen:

  • Exklusives Vasallentum an Rom und Verteidigung seines moralischen Vorrangs
  • Das Vorherrschen einer pyramidenförmigen hierarchischen Struktur zwischen Prioraten, untergeordneten Abteien und angeschlossenen Abteien.
  • Mönche aus der Aristrokratie und Unterstützung der feudalen Gesellschaft der Zeit, Aufrechterhaltung guter Beziehungen zu Adligen und Bischöfen (trotz seiner Immunität gegenüber ihnen)
  • Entscheidende Verschärfung der Klerikalisierung(d.h. mehr Einflussnahme der Kirche auf das öffentliche Leben in Staat und Region). Cluny vervielfachte die Zahl der Priester unter seinen Mitgliedern.
  • Verbreitung des liturgischen Gebets und der Chorfeier der Eucharistie im klösterlichen Leben im Vergleich zu manueller Arbeit, die irrelevant wurde und von untergeordnetem Personal (u.a. Laienbrüdern und – schwestern) ausgeführt wurde.
  • Erhaltung und Verbreitung der Kultur dank der Arbeit ihrer Skriptorien, in denen ständig Manuskripte kopiert wurden.
  • Die Ländereien und die darauf erhobenen Abgaben sicherten der von der weltlichen Steuer befreiten Kirche eine wirtschaftliche Unabhängigkeit und eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben
https://www.rdklabor.de/w/index.php?curid=10098 Das idealisierte Benediktinerkloster hier St. Gallen

Kunst und Architektur

Ohne Clunys Beitrag ist die romanische Kunst nicht zu verstehen. Das von Cluniazensermönchen in ganz Europa betriebene Netzwerk von Klöstern und die Kommunikation zwischen den europäischen Königreichen internationalisierten eine künstlerische, kulturelle und religiöse Manifestation, die sich mit großer Einheit im gesamten Westen verbreitete. Gefördert wurde dies noch durch die Unterstützung der Pilgerfahrten durch die Benediktiner.

Die entstehenden Klöster wurden nach einem bestimmten System gestaltet. Der im Äußeren des Klosters am stärksten hervortretende Teil ist auch der Idee nach der erhabenste: die Kirche. Ihr geistiger Mittelpunkt ist der Hauptaltar, von dem aus sich die übrige Anlage entwickelt. Die weitaus vorherrschende, aus der altchristlichen Kunst übernommene Basilika weist vom 8. Jh. an in Bezug auf Grundriss und Aufbau große Mannigfaltigkeit auf.

Wie die mittelalterliche Klosterkirche, so ist auch das zugehörige Klaustrum, der Klosterhof, eine Neuschöpfung der Benediktiner im Anschluss an antike Vorbilder. Die Übernahme des antiken Säulenhof im Klosterbau erwuchs aus der Notwendigkeit, die regulären Räume untereinander und mit der Kirche zusammenzuschließen, um das gemeinsame Leben für eine große Zahl von Mönchen zu ermöglichen. 

An den um die Kirche gruppierten rechteckigen Wohnbezirk des Baus sind die Wirtschaftsgebäude so angeschlossen, dass aus dem Ganzen ein zweites Rechteck entsteht. Für Schuster, Sattler, Gerber, Walker, Schwertfeger, Schildmacher, Bildhauer und Goldschmiede sind besondere Gebäude vorgesehen.

Den ganzen Klosterbezirk umgab die äußere Ringmauer und bildete somit einen Komplex an Einheit und Geschlossenheit. 

Neben dem Klosterbau ist auf die besondere Bedeutung der Benediktiner für die Bilderhauerkunst hinzuweisen. Die Skulpturendarstellung entwickelte sich zu einem beeindruckenden Bauelemente der Romanik. Auch auf die Gemälde an den Wänden der Kirchen, die leider heute nur noch fragmentarisch zu finden sind, sind zu beachten. Es gibt Autoren, die argumentieren, dass die Explosion historischer Skulpturen und Gemälde das Ergebnis eines vorsätzlichen Projekts der Cluniazenser sei, die sich bewusst waren, dass Menschen, meist Analphabeten, aus Bildern lernen mussten, was sie in der Heiligen Schrift nicht lesen konnten.

Von Ángel M. Felicísimo from Mérida, España - Santo Domingo de Silos, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71843978
Abtei Santo Domingo de Silos Von Ugliku - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 es, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35447200 Kapitell mit Fabelwesen in

Die Krise des Ordens von Cluny kam in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Die Gründe für den Niedergang des Ordens in diesen Jahren lassen sich wie folgt kurz zusammenfassen:

  • Übermäßige Starrheit der eigenen Struktur, die die Flexibilität zwischen den verschiedenen Häusern erschwerte und so die gesamte Ordnung lähmte.
  • Dank Steuererleichterungen und Schenkungen wuchsen die Klöster und ihr Reichtum, so dass die Mönche im Laufe des Mittelalters immer weniger körperliche Arbeit verrichten mussten, da sie sich nun auf die Arbeit von Laienbrüdern, Lohnarbeitern oder Leibeigenen (unfreien Arbeitern) verlassen konnten.
  • Die sich daraus teilweise ergebenden Ausschweifungen in Cluny bezüglich Lebensweise und Hybris im Kirchen- und Klosterbau
  • Massive Eingliederung aufstrebender Adliger ohne Berufung, die von den Privilegien des klösterlichen Lebens profitieren wollten und ihre Klöster als Versorgungsanstalten aufsuchten. Wir müssen bedenken, dass die Rekrutierung von Mönchen in Klöstern in den meisten Fällen adeligen Ursprungs war. Die zweiten Söhne dieser Adligen, die den Familientitel nicht erbten, wurden Mönche und nahmen einen Teil des Erbes mit, das sie dem Kloster schenkten.
  • Daraus ergab die Erschlaffung des Eifers für das klösterliche Leben und für wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit, den Grundlagen des benediktinischen Mönchtums.
  • Eine neue fortschreitende Orientierung des westlichen Mönchtums im 12. Jahrhundert hin zu eremitischen und asketischen Aspekten, die die Entstehung neuer Orden wie den der Zisterzienser beeinflusste, und den Benediktiner immer stärker den besten Nachwuchs entzogen.
  • Die Ausbreitung dieser neuen Ordenszweigen, vornehmlich der Zisterzienser, und die Entstehung der Bettelorden im 13. Jhd. taten dem Einfluss des Ordens großen Abbruch, während er bei wachsendem Reichtum immer mehr verweltlichte. 
  • Zudem litt der Orden gerade im Bereich der Wissenschaft sehr durch die Rivalität der beinahe allmächtig gewordenen Jesuiten.
  • Die Reformationszeit hinterließen dann tiefe Spuren im Benediktinerorden.

Von den insgesamt 15.107 Klöstern des 15. Jhs. lässt die Reformation nur etwa 5000 übrig. Im 14. Jahrhundert gehörten dem Orden 37.000 Mitglieder an, im 15. Jahrhundert nur noch knapp halb so viele, zur Reformationszeit zählte die Ordensfamilie gerade noch 5000 Mitglieder.

 

Zunächst aber wurde Cluny zum geistigen Oberhaupt eines europäischen Netzwerks von Klöstern und Prioraten. Cluny muss als wichtiger Einflussfaktor in religiöser, sozialer, wirtschaftlicher und künstlerischer Hinsicht für das Europa des 10. und 11. Jahrhunderts anerkannt werden:

die endgültige Einführung eines strukturierten Benediktinerordens, der viel für die am stärksten benachteiligten Schichten der Gesellschaft tat,

die Förderung von Pilgerfahrten – insbesondere auch nach Santiago de Compostela–, der fruchtbare Austausch von Ideen, Wissen und Techniken zwischen den europäischen Gebieten,

die Vereinheitlichung der Liturgie und

die Förderung jener großen gesamteuropäischen Kunst führte, die wir heute Romanik nennen

Einige wichtige Benediktinerklöster entlang der Caminos (Angaben aus wikipedia plus Ergänzungen):

  • Kloster San Juan de la Pena (920-1798)   Camino Aragonés
  • Kloster San Salvador de Leyre (848 bis 1273, dann bis 1836 Zisterzienser, ab 1945 wieder Benediktiner       Camino Aragonés
  • Kloster Santa Maria la Real de Irache bei Estella (914-1824, aufgehoben)      Camino francés
  • Kloster Santa Domingo de Silos (929, bestehend) gilt wegen ihres romanischen Kreuzgangs als „eines der berühmtesten und kunsthistorisch bedeutendsten Klöster Spaniens“            Camino del Cid, Ruta de la Lana
  • Kloster Santo Toribio de Liebana (1125? – 1835, seit 1961 Franziskaner)      Camino Lebaniego nahe Camino del Norte
  • Kloster Sobrados dos Moxes (10.-12.Jh., 1142-1835 Zisterzienser, seit 1966 Trappisten      Camino Francés, Camino Primitivo
  • Santa Maria de Real de Nájera (1052, 1079-1486 Benediktiner, ab 1895 Franziskaner)       Camino Francés
  • Kloster von Samos, Kloster de San Julián y Sante Basilisa (5./6.Jh. eines der ältesten Klöster der Welt, 10./11. Jh. -1835 Benediktiner ab 1880 wieder)        Camino Francés

 

Der Zisterzienserorden

 Geschichte

Bevor Robert von Molesme, ein Mönch und Förderer des Zisterzienserordens, im Jahr 1075 das Kloster Molestes gründete, war Cluny der einflussreichste Orden in Europa. Aber die oben genannten Gründe führten wieder zu neuen Reformbewegungen, unter denen die Zisterzienser die bedeutendste war. 1098 legte Robert von Molesme den Grundstein für diesen Orden mit der Gründung des Klosters von Citeaux in einer Einöde in der Nähe von Dijon. Alberich und Stephan Harding, zwei Äbte, die ihm folgten, gaben dem Orden wenig später seine Verfassung. Doch ohne den hl. Bernhard von Clairvaux (1090-1153) hätte diese Neugründung (erkennbar an ihrem weißen Untergewand mit dem schwarzen Skapulier darüber) höchstwahrscheinlich allein personell die Anfangsjahre nicht überstanden. Zunächst entstanden in waldigen Einöden La Ferté (Firmitas), Pontigny (Pontis nidus), Clairveaux (Clara vallis) und Morimond (Mors mundi). Von diesen fünf Klöstern leiteten sich später alle weiteren ab. Mit seiner fesselnden, charismatischen Art brachte Bernhard, Abt von Clairveaux, nicht nur bereits bei seinem Eintritt knapp 30 Verwandte und Freunde mit in den Orden, sondern gründete im Laufe seines Lebens 165 Filiationen (Töchterklöster, die ihrem Mutterkloster verbunden blieben), was die Hälfte aller damals bestehenden Zisterzen ausmachte. Dabei sollten neue Zisterzen für Mönche zunächst nur in unbewohnten und wasserreichen Gegenden erbaut werden und die Möglichkeit für eine ausgedehnte Landwirtschaft im Eigenbau bieten.

Von Chabacano - Own work based on Image:BlankMap-Europe no boundaries.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1647214

Die Ausbreitung der Zisterzienser im 12. Und 13. Jh.

Die Ausbreitung der Zisterzienser auf ganz Europa erfolgte schrittweise durch die Tochterabteien, die im 12. und 13. Jahrhundert errichtet wurden. Die vier Gründerhäuser aller anderen Zisterzienserklöster waren somit Citeaux, La Ferté, Pontigny, Morimond und Clairvaux. Die übrigen Abteien sind Töchter oder Tochtergesellschaften ersten, zweiten oder dritten Grades. Dabei konnte die Gründung der Klöster auf drei verschiedenen Arten geschehen, erstens durch Neugründungen meist in entlegenen Gebieten, zweitens durch die Übernahme von bestehenden Einsiedlergemeinschaften und drittens durch die Übernahme bereits bestehender Klöster durch den Zisterzienserorden. So lässt sich erklären, warum einige der oben genannten Benediktinerklöster später von Zisterziensern geleitet wurden.

Wir können davon ausgehen, dass das Ende des 13. Jahrhunderts mit der größten Verbreitung des Ordens zusammenfiel und 700 Abteien erreichte. Der Orden hatte Niederlassungen in allen Ländern Westeuropas. Frankreich, das Mutterhaus der Zisterzienser, hatte mit 244 Abteien die größte Zahl. Es folgten Italien mit 98, das Heilige Römische Reich mit 71, England mit 65 und Spanien mit 57. Der Rest verteilte sich auf die Niederlande, Polen, Schweden, Österreich, Böhmen, Ungarn, Portugal und Irland. Es ist anerkannt, dass interessanter Weise dem galicischen Kloster Sobrado im Westen Spaniens der Anspruch zusteht, das älteste Zisterzienserkloster der Iberischen Halbinsel zu sein.

Die regulative Strenge der Zisterzienser hielt allerdings nicht lange an, und gegen Ende des 13. Jhds. wurde allgemein über die Verweltlichung auch dieses Ordens geklagt. Reichtum und Laxheit wurden schon im 15. Jhd. so arg, dass auch hier viele Mönche für die ursprüngliche Strenge auftraten, neue unabhängige Orden gründeten und dadurch das Ansehen immer mehr schwächten. Die Reformation schwächte den Orden zusätzlich. Letztendlich brachte die Säkularisierung nahezu den Untergang des Ordens.

Der Hauptgrund für den schlechten Zustand, in dem sich viele Zisterzienserklosterkomplexe befinden – bis hin zu den fortgeschrittenen Ruinen –, ist genau ihre abgelegene Lage von städtischen Zentren. Nach der Beschlagnahmung von Mendizábal im 19. Jahrhundert wurden diese Klöster aufgegeben oder gelangten in private Hände, die kaum in der Lage oder willens waren, sie zu unterhalten.

Während wir den Cluniazensern zahlreiche Beiträge zum Aufbau Europas verdanken, werden die Zisterzienser durch eine stärker auf Armut und Arbeit ausgerichtete Religiosität gekennzeichnet, die sich – neben vielen anderen Errungenschaften – in der Rodung und Erschließung von für die Landwirtschaft unwirtlichem Land niederschlug. Die Zisterzienserorden brachten viele Anregungen und Fortschritte auf dem wirtschaftlich-technischen Gebiet des Acker – und Gartenbau ein. Damit beeinflusste er maßgeblich das Siedlungswesen im Hochmittelalter und war als Kultivator des Bodens von entscheidendem Einfluss für die Landwirtschaft.

s. Jaspert Zisterzienserklöster in Spanien und Portugal (nach LEKAl)

Besonderheiten in Spanien

Insbesondere in den hispanisch-christlichen Gebieten spendeten die Könige Land für die Gründung von Zisterzienserklöstern in unbesiedelten und zerklüfteten Gebieten nahe der Grenze zu den Muslimen, da sie wussten, dass sie in der Lage waren, karge Gebiete zum Leben zu erwecken. Darüber hinaus weigerten sie sich nicht, sich zu opfern, wenn die gegnerischen Armeen sie angriffen.

Für die Klöster in Spanien gab es noch zwei weitere Besonderheiten gegenüber denen in anderen Ländern. Hier ist zum einen die Königsnähe der Zisterzienser zu nennen. Viele Gründungen gingen auf Initiative der verschiedenen Königshäuser zurück, zum Teil erkennbar auch an den Grablegungen der Königsdynastien in den Zisterzienserklöstern.

Zum anderen ist seine institutionelle Verknüpfung mit den spanischen Ritterorden zu nennen. Diese lässt sich bereits beim ältesten iberischen Ritterorden, dem Calatravaorden, beobachten. Die zunehmende Monastisierung der Ordensritter, ihre Integration in bestehende Formen und Strukturen religiösen Lebens zeigt sich bei dem Calatravaorden in einem komplexen Prozess von der Aufnahme der Ritter im Jahre 1164 — also als Konversen — bis  zur förmlichen Affiliation des Jahres 1187 und der Unterstellung unter Morimond. Dies war zunächst einer besonderen Situation geschuldet:

Als im Herbst des Jahres 1157 die Templerbesatzung der Burg Calatrava in der Mancha, also im südlichen Kastilien, vom vermeintlichen Anrücken eines bedeutenden muslimischen Kontingents erfuhr, beschloss sie, diesen militärischen Vorposten in die Hände des kastilischen Königs zurückzugeben. In dieser Ausnahmesituation formierte sich auf Initiative des zusammen mit dem kastilischen König Sancho III. erzogenen, ehemaligen Ritters und nunmehrigen Zisterzienserbruders Diego Veläzquez unter der Führung des Abtes Raimund aus dem Kloster Fitero eine Bruderschaft christlicher Ritter, um die Feste zu halten. Im Januar 1158 übertrug König Sancho Burg und Ortschaft von Calatrava den Zisterziensern mit dem Auftrag, sie zu verteidigen und das Christentum gegenüber den Muslimen auszubreiten.

Die Tradition, neu gegründete Ritterorden den Zisterziensern zu unterstellen, endete keineswegs mit dem 13. Jahrhundert, denn die beiden bedeutendsten Neuschöpfungen des 14. Jahrhunderts waren ebenfalls zisterziensischer Observanz: Nach der Auflösung des Templerordens riefen die Könige von Portugal und Aragon mit dem Christusorden und dem Orden von Montesa (1317) zwei neue Ritterorden ins Leben, welche die Besitzungen der Templer übernahmen. Insgesamt lassen sich auf der Iberischen Halbinsel nicht weniger als acht Ritterorden zisterziensischer Ausrichtung — die Orden von Calatrava, San Julian de Pereiro-Alcäntara, Evora-Avis, Montjoie, Trujillo, Santa Maria de Espana, Montesa und Christus — identifizieren, eine wahrhaft beeindruckende Zahl.

Dabei ging die Initiative nicht vom Zisterzienserorden aus, sondern die Ritter wandten sich an die Mönche, bzw. einzelne Zisterziensermönche übernahmen die geistliche Betreuung der Kämpfer. Den Mönchen fiel also die Betreuung und Juridiktion der Ritterorden und ihrer Mitglieder zu.

Zur Ergänzung damit kein falscher Eindruck entsteht, der Zisterzienserorden besaß neben den Männerklöstern auch eine große Zahl von Nonnenklöstern in Spanien.

https://www.rdklabor.de/w/index.php?curid=28031 typischer Grundriss eines Zisterzienserklosters

Architektur

Die meisten Zisterzienserbauten sind im Wesentlichen romanisch, weisen jedoch in vielen Fällen als Neuheit das einfache Kreuzrippengewölbe und häufig auch den Spitzbogen auf.

Bis vor wenigen Jahren galt die Zisterzienserarchitektur als eigenständiger Stil, der als Übergangsglied zwischen der Romanik und der Gotik diente. In diesem Sinne wurde sie manchmal als protogotische Architektur bezeichnet. Heutzutage wird allerdings nicht mehr angenommen, dass die Gotik als bloße Evolution oder Weiterentwicklung der Romanik zu sehen ist, sondern vielmehr, dass die gotische Architektur als ein Sprung in der Mentalität und im architektonischen Verständnis entstand. Zisterzienserbauten können daher nicht als Glied dieser Kette betrachtet werden.

Die Zisterzienserarchitektur ist für ihre ornamentale Nüchternheit bekannt. Aufgrund der vom Heiligen Bernhard geforderten „Trunkenheit der Nüchternheit“ sind die Kapitelle, Konsolen und anderen Räume der Zisterzienserkirchen und Klostergebäude überwiegend durch pflanzliche oder geometrische Motive belebt. Diese absichtliche ornamentale Strenge war als Maßnahme gedacht, um den Mönch in seiner Meditation und seinem Gebet zu isolieren, damit er nicht durch Gemälde, Skulpturen oder bunte Glasmalereien abgelenkt werden konnte. Sie sollte aber nicht auf einfache Dorfkirchen übertragen werden.

Die Sparsamkeit der Gestaltung sollte aber nicht mit Armut verwechselt werden, denn wenn diese geometrischen und pflanzlichen Motive auftauchen, sind sie von großer plastischer Qualität und hinter ihnen sind große Künstler zu sehen. Die schmucklose Strenge der Zisterzienserbauten ging in der Regel nicht mit baulichen Einschränkungen einher. Häufig kam es vor, dass, nachdem sich die Mönchsgemeinschaften etabliert hatten, monumentale Bauprojekte initiiert wurden, bei denen perfektes Quadermauerwerk zum Einsatz kam. Im christlichen Spanien beispielsweise waren im 12. Jahrhundert, abgesehen von einigen Kathedralen, zweifellos die Zisterzienserklosteranlagen die größten Gebäude.

Die Zisterzienser entwickelten ein eigenes Bauprogramm. Das Herz der Anlage war der Kreuzgang, der nur der klösterlichen Gemeinschaft vorbehalten war. Um diesen gruppierten sich die wichtigen Räume der Mönche wie Kapitelsaal, Bibliothek, Skriptorium, das Refektorium und die Schlafsäle.

Außerhalb des Kreuzgangs befanden sich je nach Größe des Klosters Nebengebäude. 

Das waren so unterschiedliche Einrichtungen wie das Gasthaus, die Krankenstation, die Mühle, die Schmiede, den Taubenschlag, den Bauernhof, die Werkstätten und alles, was einer autarken Gemeinschaft diente, umfasste. Darüber hinaus wurden die notwendigen Einrichtungen reserviert, um die Armen und Pilger mit Großzügigkeit zu empfangen, wie es die Regel des Heiligen Benedikt vorsieht.

Ornamentale Strukturen arteguias.com Kloster Valdedios

Einige wichtige Zisterzienserklöster an den Caminos:

Kloster Valdedíos in Villaviciosa (1200-1836, 1992-2008)          Camino del Norte

Kloster Zenarruza 1379-19.Jh. Kollegiatstift (d.h. keine Ordensgemeinschaft) seit 1988 Trappisten

                                                                                                                      Camino del Norte

Kloster Oseira 1141-1835, seit 1923 Trappisten                                Via de la Plata

Kloster Sobrado in Sobrado (1142-1835, ab 1966 Trappisten)     Camino Fransés/Camino Primitivo

Kloster Mareruela in Granja de Mareruela (1131/33 – ?)               Via de la Plata

Kloster Santa María de Jesús in Salamanca (1552-1958)               Via de la Plata

Kloster San Isidoro del Campo nahe Sevilla

(1301-15. Jh.,Hieronymus-Orden Auflösung 1836, restauriert)    Via de la Plata

Kurze Erläuterung: Zisterzienser der strengen Observanz, kurz Trappisten genannt, gehören zu den strengsten Orden der katholischen Kirche.

Von P.Lameiro - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31253163 Sobrado dos Monxes

Bedeutung der Nonnenklöster im Mittelalter

Kurz eine Bemerkung zu den Nonnenklöstern. Sie haben eine lange Tradition. Schon im 5. Jh. bildeten Frauen erste religiöse Gemeinschaften. Die Gründe für den Eintritt in ein Kloster waren vielfältig:
– religiöse Überzeugung
– Spiritualität
– Flucht vor einer Zwangsehe
– Abschiebung durch die Familie
– Zugang zu höherer Bildung
– soziale Absicherung oder
– die Chance, sich familiären Normen zu entziehen.

Sie führten hinter hohen Klostermauern nicht nur ein zurückgezogenes Leben, sondern beschäftigten sich auch mit weltlichen Angelegenheiten und sie hatten oft auch große politische Macht (z.B. Elisabeth von Wetzikon). Zum Ende des Mittelalters kam es allerdings zu einem rapiden Abfall der Sitten. Generell kann man sagen, dass die Frauen oder zumindest die Nonnen im Mittelalter literarisch entwickelter und akzeptierter waren als in der Aufklärung. Es gibt heute noch zahlreiche Zisterzienserinnenklöster in Spanien.

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Die Treidlerinnen von Bilbao

Die Treidlerinnen von Bilbao

Camino del Norte, Camino Primitivo

Der Begriff „Treideln“

Kennt Ihr das Wort treideln? Treideln (von lat. tragulare), auch Schiffziehen, Halferei, schweizerisch Recken, ist das Ziehen von Schiffen auf Wasserwegen durch Menschen oder Zugtiere, seltener auch durch Zugmaschinen oder Treidelloks.

Den Begriff kennt man nicht mehr überall, am ehesten in Regionen, die eine Fluss- oder Meereskultur aufweisen. An manchen Uferwegen großer Flüsse finden sich bis heute Bezeichnungen wie “alter Treidelpfad” oder “Leinpfad”. Sie erinnern an die archaische Arbeit der TreidlerInnen, mit der wir heute allerdings nur noch wenig verbinden können. Dabei hat es bis zum Aufkommen der Dampfschifffahrt an fast allen großen Flüssen Europas Treidler oder Schiffszieher gegeben – je nach Flusslauf, Flussabschnitt, wirtschaftlicher Nutzung und Saison in unterschiedlicher Anzahl. Die TreidlerInnen (in der Mehrheit Männer, in Bilbao ausschließlich Frauen) galten als Randgestalten der Gesellschaft.

In den Habsburgischen Erblanden wurde von 1783 bis 1790 Schiffziehen sogar als Strafe verhängt, nachdem Joseph II. die Todesstrafe so gut wie abgeschafft hatte. Von den 1173 Sträflingen, die zwischen 1784 und 1789 zum Treideln verurteilt worden waren, starben 721 bis zum Jahr 1790, was ein guter Hinweise auf die Härte der Arbeit ist.

Diese Frauen von Bilbao (baskisch “Zirgariak“, spanisch “Sirgueras“) zogen die Schiffe vom Ufer aus mit Hilfe eines dicken Schlepptaus von der Flussmündung in Getxo in den 14 Kilometer entfernten Hafen

Titelbild: Makeip – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=105658641

Ochsen durch Frauen ersetzt

Der Hafen von Bilbao war im 19. Jahrhundert eine der wichtigsten Handelsenklaven im Norden der iberischen Halbinsel, viele Waren wurden über ihn abgewickelt. Vor allem der Abbau von hochwertigem Eisenerz und dessen Verschiffung verlieh der Hauptstadt von Bizkaia Macht und Reichtum. Die Handelsschiffe jedoch stießen auf Höhe des heutigen Stadtteils Bilbao-Olabeaga auf eine unüberwindbare Barriere. Dort sammelte sich der Sand und die großen Überseeschiffe konnten sich nicht weiter Richtung Altstadt-Hafen bewegen.

Das bedeutete, dass die Waren auf Lastkähne umgeladen werden mussten, die wiederum mit Hilfe des Schleppseils vom Ufer aus in den Hafen gezogen wurden. Diese Arbeit wurde anfangs aufgrund der Schwere der Tätigkeit von Lasttieren, vornehmlich von Ochsen ausgeführt. Dabei ergab sich ein finanzielles Problem. Lasttiere wurden zu teuer, sie brauchten Nahrung, mussten untergebracht und gepflegt werden. Und wenn viele Schiffe gleichzeitig ankamen, mussten mehrere Ochsenpaare zur Verfügung stehen. Auch Männer hätten für diese schwere körperliche Arbeit in Frage kommen können, allerdings war ihre Verfügbarkeit durch die vielen Kriege im Laufe des 19. Jahrhunderts stark eingeschränkt (Napoleonische Kriege, Karlistenkriege). So kamen die Reeder auf die Idee, Frauen mit der Schlepp-Arbeit zu beauftragen und dabei höhere Profite zu machen. Denn Frauen wurden (wie bis heute und fast überall) geringere Löhne bezahlt.

Treidlerinnen in Bilbao

Der Treidelpfad

 Die Schiffe mussten an der Mündung auf Höhe der Stadt Portugalete zunächst eine breite Sandbank passieren, um flussaufwärts die verschiedenen Anleger anzulaufen und schließlich den Hafen von Bilbao zu erreichen. Diese Sandbank, “la barra de Portugalete“ genannt, war nicht die einzige Schwierigkeit, die es zu überwinden galt. Auf einer Strecke von 14 Kilometern von Portugalete bis zum Hafen vor der Brücke San Antón musste stets auf die Höhe des Wasserspiegels geachtet werden, besonders bei Ebbe, denn der Fluss wies mehrere flache Stellen auf, auch mehrere kleinere Sandbänke, die sich auf unberechenbare Weise bewegten. Teilweise gab es auch Marschland und Erhebungen am Grund, auf denen sich Sand oder Schlamm ansammelten.

Flussabwärts wurden von Bilbao bis zur Mündung alle Boote entlang des gesamten linken Ufers vertäut, um das rechte Ufer freizulassen, an dem die Kähne und Boote am Schlepptau gezogen wurden. Dafür gab es auf der gesamten Länge des rechten Flussufers einen ununterbrochenen Weg, von Areeta / Las Arenas (Getxo) bis Bilbao. Dieser Weg wurde Treidelpfad genannt. Der Schleppdienst war vom Hafeningenieur abhängig und wurde per Auktion vergeben, wobei Kähne und kleine Boote den gleichen Service genossen wie Segelschiffe.

 

Ende der Treidlerei in Bilbao

 Unter diesen naturgegebenen Bedingungen der Flussmündung des Nervión war die Zuhilfenahme des Schleppseils bis Ende des 19.Jahrhunderts unabdingbar. Die zunehmende Bedeutung des Hafens von Bilbao im Zusammenhang mit dem wachsenden Eisenerzabbau und der Industrialisierung der gesamten Region führte dazu, dass sich immer mehr und immer größere Schiffe einfanden. Der Fluss wurde zum entscheidenden Handelsweg und das starke Verkehrsaufkommen drängte nach einer Lösung.

Im Jahr 1877 wurde der für Straßen, Kanäle und Häfen zuständige Bauingenieur Evaristo de Churruca y Brunet (1841-1917), mit dem Bau einer Kaimauer beauftragt, die die Mündung vom Problem der Sandbank befreien sollte. Nach mehrjähriger Bautätigkeit wurden im Jahr 1887 gleich zwei Kaimauern eingeweiht.

Mit diesem Bau wurde das Problem der Schiffbarkeit des Hafens von Bilbao weitgehend gelöst, nachdem eine etwa achtzig Meter breite Passage mit einer Mindesttiefe von 4,58 Metern bei Ebbe geschaffen wurde. Damit gehörte das Schleppseil der Vergangenheit an

Canal de Midi Treidelpfade Von Peter Gugerell, Vienna, Austria - Own Photopraph, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2868903

Verächtlich betrachtete Tagelöhnerinnen

Jene Frauen, die diese knüppelharte Arbeit in der Not auf sich nahmen, waren dazu gezwungen, um ihr täglich Brot zu verdienen. Deshalb wurden sie verächtlich auch als “ganapanes” (Brot-Verdienerinnen) bezeichnet. Dieser abwertende Spitzname kam zustande, weil sie nach einem arbeitsreichen Tag gerade mal die allernötigsten Lebensmittel erwerben konnten. Not und Spott fielen wieder einmal zusammen. Die Treidlerinnen waren von der Gunst der Reeder abhängig. Sie mussten sich an Ort und Stelle präsentieren, wurden jedoch nicht immer ausgewählt und beauftragt, weshalb sie bisweilen unverrichteter Dinge heimkehrten mussten und keine Tageseinnahme hatten. Dieses Prinzip spiegelt sich im Begriff “Tagelöhner“ wider. Sie verdingten sich für einen Tag, ohne zu wissen, was am Folgetag geschehen würde.

Die Frauen waren mit einem dicken Schleppseil, das ihnen um Brust und Schulter gelegt war, miteinander verbunden. So bildeten sie eine Kette und zogen in gebeugter Haltung unter größtmöglicher körperlicher Anstrengung die Schiffe vom Ufer aus. Wenn das Seil versagte, kam es vor, dass die Frauen aufgrund ihrer nach vorn gebeugten Haltung mit dem Gesicht voran auf den Boden fielen. Teilweise hatten sie auch ein Messer oder Beil dabei, um bei Gefahr das Seil zu kappen.

Erinnerung an die Treidlerinnen in Bilbao

Dieses Stigma schloss sie aus der offiziellen Geschichtsschreibung Bizkaias aus. Tatsache ist, dass ihre Geschichte praktisch unbekannt war, bis ihnen vor wenigen Jahren Imanol Barbería eine Forschungsarbeit mit anschließender Buchveröffentlichung widmete.

Die Treidlerinnen von Bilbao sind seit dem 1. Mai 2021 mit einer Skulptur an der Uferpromenade in der Nähe des Guggenheim Museums verewigt (s. Bild oben). Die Künstlerin Dora Salazar war mit der Aufgabe betraut worden, eine Skulptur in Erinnerung an die Treidlerinnen zu errichten. Diese besteht aus vier Frauen von 2,5 Metern Höhe, die mit einem dicken Seil miteinander verbunden sind. Sie würdigt den schweren und zermürbenden Arbeitseinsatz dieser Frauen.

Bereits im Dezember 2016 war ein Fußweg im Bilbao-Stadtteil Olabeaga nach ihnen benannt worden: “Muelle Sirgueras“ (Mole der Treidlerinnen).

Die Wolgatreidler, Gemälde von Ilja Repin

Das Schicksal der TreidlerInnen in anderen Ländern

Es hat bis zum Aufkommen der Dampfschifffahrt an fast allen großen Flüssen Europas Treidler gegeben – je nach Flusslauf, Flussabschnitt, wirtschaftlicher Nutzung und Saison in unterschiedlicher Anzahl.

So ist z.B. das Treideln am Rhein seit dem 8. Jahrhundert belegt und auf der Weser wurden seit dem Mittelalter Weserkähne gegen die Strömung getreidelt. Vor allem in Frankreich, wo ab dem 17. Jahrhundert zahlreiche schiffbare Kanäle entstanden, wurden vielfach Schiffe getreidelt. Kanäle wie der 1694 fertiggestellte Canal de Midi, wo mit Menschen und Pferden getreidelt wurde, weisen nach wie vor beidseitig Leinpfade auf.

Tatsächlich waren die Arbeitsbedingungen für Tier und Mensch überaus hart und mühevoll und alles andere als beschaulich. Oft aber ist das Wissen und die Erinnerung an die TreidlerInnen verloren gegangen. Denn die TreidlerInnen galten als Randgestalten, die selbst für die Künstler uninteressant waren. So haben sie kaum die Vorstellungen vom Arbeitslebens an den Flüssen geprägt.

Auch von den Treidlern an der Wolga wissen wir bis heute wenig. Die Schiffszieher an der Wolga, auf Russisch Burlaki, waren im Handel zwischen Moskau und dem Kaspischen Meer eine nicht wegzudenkende Größe. Fernab der großen Städte führten sie ein beschwerliches, manchmal auch freies Leben. Treideln an der Wolga war eine saisonale Tätigkeit, die vor allem von jungen Männern aus dem Bauernstand ausgeübt wurde. Sie versprach zusätzliche Einkünfte in einer Zeit, in der nicht nur der Handel zunahm, sondern sich auch die Leibeigenschaft verschärfte. Der Lohn ging größtenteils an den Gutsbesitzer, ein kleinerer Teil blieb bei der Familie. Sie waren viele und ihre Lieder, die in Russland sehr beliebt waren, erinnern noch an ihre mühevolle Arbeit.

Dass sie berühmt geworden sind, verdanken wir einem Gemälde. Der ukrainisch-russische Maler Ilja Repin (1844-1930) malte 1873 das Bild “Die Wolgatreidler“, das ihn selbst fast über Nacht berühmt machte. 

Die Wolgatreidler, Gemälde von Ilja Repin
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Die Küste der Dinosaurier – von Ribadesella bis Gijon

Die Küste der Dinosaurier - von Ribadesella bis Gijon

Camino del Norte, Camino Primitivo

Vor mehr als 150 Millionen Jahren, in der Jurazeit, bevölkerten die Dinosaurier die Erde. Es dauerte noch 63 Millionen Jahre, bis der Mensch auf der Erde erschien! Vom Durchzug dieser Kreaturen durch die asturischen Gebiete gibt es auch heute noch zahlreiche Spuren an der Ostküste.

Als Küste der Dinosaurier wird die nordspanische Atlantikküste zwischen Gijon und Ribadesella im Osten von Asturien bezeichnet. Entlang an einem etwa 65 km langen Küstenstreifen sind zwischen herrlichen weiten Sandstränden und Steilküste unzählige Spuren von Sauriern im Gestein verborgen. Die Küste der Dinosaurier ist charakterisiert durch eindrucksvolle Knochenfunde und versteinerte Spuren aus der Zeit der Dinosaurier vor 150 bis 200 Millionen Jahren. Der gute Zustand, die breite morphologische Vielfalt und die hohe Anzahl erhaltener Spuren tragen mit dazu bei, dass die asturischen Ichnitenfunde (versteinerte Fußabdrücke) zu den wichtigsten europäischen Fundstätten dieser Art gehören. Ein hervorragendes Dinosaurier-Museum befindet sich in der Nähe von Lastres, nicht weit von der Playa La Griega (Colunga).

Sauropode des Oberjura Von Creator:Dmitry Bogdanov - dmitrchel@mail.ru, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4012480

Die Abdrücke der Dinosaurier

Wenn sich die Dinosaurier über den Schlamm oder Sand der Gegend bewegten, hinterließen sie Fußabdrücke, die auch als Ichniten bekannt sind. Die Sedimentationsbedingungen sind sehr günstig für die Erhaltung von Fußabdrücken und Knochen von Dinosauriern und anderen Reptilien der damaligen Zeit, wie Plesiosauriern, Pterosauriern, Ichthyosauriern und Krokodilen. Als sich die Ichniten bildeten, war der Boden weich.  Aufgrund der Sedimentbedingungen mit den entsprechenden Flut-, Delta- und Seekonditionen wurden sie zu hartem Fels und sind bis heute fast intakt erhalten geblieben.

https://www.turismoasturias.es/de/descubre/naturaleza/espacios-protegidos/monumento-natural-de-los-yacimientos-de-icnitas

Die Ichniten der asturischen Küste weisen eine Reihe von Merkmalen auf, die sie zu einem einzigartigen Beispiel machen, wenn es darum geht, das Leben einer Gemeinschaft von erstaunlichen Lebewesen zu rekonstruieren. Sie sind ein Beweis für den Reichtum und die Vielfalt der Dinosaurier, die Asturien während der Jurazeit bewohnten. Aus ihrer Untersuchung geht hervor, dass sowohl zweibeinige Dinosaurier (Tropopoden und Ornithopoden) als auch Vierbeiner (vor allem Sauropoden) in diesem Gebiet lebten. Nach der Größe dieser Fußabdrücke zu urteilen, gab es in Asturien Dinosaurier von sehr unterschiedlicher Größe: von sehr klein, etwa so groß wie ein Vogel, bis hin zu riesig, wie im Fall der Brachiosauriden. Die Ichniten vom Strand von La Griega sind die größten in Spanien und gehören zu den größten der Welt. Der größte Abtritt misst hier 1,20 Meter im Durchmesser und ist damit der zweitgrößte, der weltweit jemals gefunden wurde. Unten sind die Dinosaurier dargestellt, deren Fußabdrücke man an der asturischen Küste gefunden hat.

Kurz Erläuterung:

Tropoden sind eine systematische Gruppe, die traditionell den Echsenbeckensaurier (Saurischia) zugeordnet wird. Die fossilen Vertreter bewegten sich zweibeinig und waren zum größten Teil Fleischfresser. Kladistisch gesehen umfassen die Theropoden auch die Vögel, die im Jura nachweislich aus nicht flugfähigen Theropoden hervorgingen.

Die Ornithopoden sind eine Unterordnung der Dinosaurier innerhalb der Vogelbeckensaurier. Ihre Angehörigen waren fast ausschließlich zweibeinige.

Die Sauropoden sind eine Gruppe von Echsenbeckensauriern und waren eine  der artenreichsten und am weitesten verbreiteten Gruppen vierfüßigen pflanzenfressender Dinosaurier. Sie gehören zu den in der Populärkultur am häufigsten dargestellten Dinosauriern und treten in vielen Dokumentar- und Spielfilmen auf. 

 

https://www.ferienwohnungen-spanien.de/Colunga/artikel/costa-de-los-dinosaurios-die-kuste-der-dinosaurier-asturien Dinosaurier an der spanischen Nordküste

Route der Fundstätten

Es gibt eine überraschende Route zur Entdeckung der Fundstätten, der man durch drei Gemeinden folgen kann.

In Villaviciosa sollte man den Strand von Merón, die Steilküste von Oles und den Leuchtturm und Hafen von Tazones besuchen;

in Colunga die Steilküste von Llastres und den Strand von La Griega;  

in Ribadesella den Strand von Vega, die Steilküste von Tereñes und den Strand von Ribadesella/Ribeseya.

Zum Einstieg in die Zeiten von Tyrannosaurus und Co. empfiehlt sich Ribadesella. Das asturische Örtchen verfügt über einen lang gezogenen Sandstrand, die Playa de Santa Marina. Östlich davon wechselt der Untergrund von sandig auf felsig. Graublaue und lehmiggrüne Felswände bauen sich auf. Dann plötzlich, in etwa sieben Meter Höhe, sind deutlich zentimetertiefe Fußspuren zu erkennen, klobige, rundliche Dinofußspuren.

Aber warum auf einer schrägen, beinahe senkrechten Felswand? Die asturischen Dinosaurier konnten natürlich weder die Schwerkraft aushebeln, noch hatten sie Saugnäpfe unter den Sohlen. Die Antwort: Durch Gesteinsverschiebungen im Lauf der Erdgeschichte wurden die einstigen Trampelpfade der mitunter gewaltigen Landwirbeltiere in die Vertikale befördert

Kurz hinter Ribadesella erreicht man auf asphaltierter Straße den Weiler Tereñes. Ein Hinweisschild “Rastros de dinosaurios” weist Richtung Meer.

Auf einem Trampelpfad geht es etwa 500 Meter in Richtung Küste. Das schroffe Ufer, genannt Acantilados de Tereñes, steht bei Flut unter Wasser. Hier hat ein Urzeitlebewesen eine rund 15 Meter lange, inzwischen versteinerte Spur hinterlassen. 

http://www.museojurasicoasturias.com/es/9/la-costa-de-los-dinosaurios/12/la-costa-de-los-dinosaurios/12/acantilados-de-llastres.html

In Colunga, einer typischen asturischen Provinzstadt mit altem Ortskern, folgt man den Hinweisschildern zum Playa de la Griega. Nach etwa einem Kilometer ist auf einer Anhöhe bereits das Museum zu erkennen. Doch statt nach links dorthin abzubiegen, nehmen Dino-Wanderer zunächst den kleinen Weg Richtung Playa de la Griega.

Der Playa de la Griega ist nicht nur wegen seiner idyllischen Lage eine echte Attraktion. Unweit des Sandstrands fanden Forscher vor wenigen Jahren im grauen Fels ein paar der größten Dinosaurierfußspuren, die jemals vermessen wurden.

In Villaviciosa ist der Strand von Meron von Interesse. Die Merón-Dinosaurier-Fußabdruckstätte befindet sich auf der westlichen Seite des Strandes. 

 

http://www.museojurasicoasturias.com/es/9/la-costa-de-los-dinosaurios/12/la-costa-de-los-dinosaurios/12/acantilados-de-llastres.html
http://www.museojurasicoasturias.com/es/9/la-costa-de-los-dinosaurios/12/la-costa-de-los-dinosaurios/12/acantilados-de-llastres.html

Museo del Jurásico de Asturias

Vom Playa de la Griega sind es schließlich noch knapp über zwei Kilometer, bis das Asturische Jura-Museum – natürlich in Form eines Dino-Fußabtritts errichtet – erreicht ist. Über 8000 Fossilien aus dem Trias, dem Jura und der Kreidezeit sind hier zu bestaunen, außerdem ragen gigantische Sauriermodelle bis zur Decke hoch.

 

Der größte Saurier Europas

Übrigens wurde der bislang größte Saurier Europas (30 m lang und 48 Tonnen schwer) ebenso in Spanien gefunden, allerdings nicht in Asturien, sondern in der Provinz La Rioja, weiter östlich. Der 150 Millionen Jahre alte Sauropode (Turiasaurus riodevensi) wurde 2006 von spanischen Paläontologen entdeckt. Es wurden riesige Knochenreste ausgegraben, sein Oberschenkel allein war so groß wie ein Mensch.

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El Cid – eine Legende, die weiterlebt

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Camino del Norte, Camino Primitivo, Via Tolosana

Viele Länder haben einen Nationalhelden, z. B. Frankreich Jeanne d´Arc, Indien Mahatma Ghandi, Südafrika Nelson Mandela, die Schweiz vielleicht Wilhelm Tell und Spanien eben El Cid. Er gilt u.a. als Symbol für die Einheit Spaniens, für den Sieg der Christenheit über den Islam auf der Iberischen Halbinsel, für selbstlose kriegerische Tapferkeit. War er das wirklich oder ist El Cid nur ein Mythos?

Wer ist dieser “El Cid”,  mit eigentlichem Namen Rodrigo de Vivar?

Herkunft und Aufstieg

Er wird um 1043 geboren, in dem Ort Vivar in der Nähe von Burgos in Kastilien. Das genaue Datum seiner Geburt ist nicht bekannt. Dank seines Vaters, der von niedrigem Adel ist, genießt er eine gute Erziehung, neben Jagen, Reiten und Waffengebrauch gehört auch Schreiben und Lesen dazu. Seine Karriere beginnt er 1058 als Page am Hof von König Ferdinand I. von Kastilien und hier wird er auch in den Ritterstand erhoben.

Nach dem Tod von Ferdinand 1065 wird das Reich unter seine drei Söhne aufgeteilt. Der Freund und Förderer Rodrigos Sanchos II. besteigt den Thron Kastiliens, Alfons wird König von Leon und Garcia erhält das unbedeutendere Galicien. Allerdings kommt es schon bald zu einem mörderischen Krieg zwischen den Brüdern mit dem Ergebnis, dass Sanchos die Teilbereiche 1071 wieder unter seine Herrschaft vereinigt. Rodrigo hat als militärischer Berater des Königs und als Ausbilder der Milizen großen Anteil am Sieg Sanchos.

Dieser stirbt allerdings relativ bald durch einen Verräter und sein Bruder Alphons VI. übernimmt die Herrschaft in Kastilien. Rodrigo bleibt zunächst am Königshof, obwohl er nicht mehr der Bannenträger des Königs ist, da dieser ihm misstraut. Er heiratet mit Billigung des Königs im Jahr 1075 die asturische Adelige Jimena, was für ihn gleichzeitig mit einem gesellschaftlichen Aufstieg verbunden ist.

Entgegen der späteren Geschichtsschreibung gibt es zu dieser Zeit noch keine gezielte Reconquista. Vielmehr bekämpfen sich die christlichen Reiche untereinander ebenso wie die muslimischen Taifas. Sie gehen auch zur Durchsetzung ihrer Ziele gegenseitige christlich-muslimische Bündnisse ein. Das erklärt auch die folgenden Ereignisse.

By photographer: ElCaminodeSantiago09 2006 - https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/14/Monumento_al_Cid_%28Burgos%29_01.jpg, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27939493

Verbannung

Im Jahr 1081 kommt es zu einer entscheidenden Wende im Leben Rodrigos. Er wird von Alfons VI. aus dem Königreich Kastilien verbannt, da er einige eigenmächtige Entscheidungen getroffen hat, u.a. da er eigenmächtig das maurische Königreich von Toledo angegriffen hat, das ein Vasall des kastilischen Königs ist, und da er zudem den Schwager des Königs, Graf Ordonez, düpiert hat, der sich mit Verleumdungen gegen Rodrigos rächt.

Allerdings findet Rodrigo schnell wieder einen Dienstherrn, den Muslim al Mu´tamin, den Herrscher des Staates Zaragoza. Er hat bereits früher Kontakt zu diesen gehabt. Der Herrscher von Zaragossa ist 1063 ein Verbündeter Kastiliens bei einem Feldzug gewesen.

Die in der spanischen Geschichtsschreibung häufig zu findende Trennung in brave Christen und gefährliche Muslime traf im Mittelalter keineswegs zu. Die Allianzen zwischen den Herrschaften wurden in der Regel nach realpolitischen Kriterien vorgenommen und nicht aufgrund der Religionszugehörigkeit. Erst später mit dem Eintritt der puritanischen und fanatischen Almoraviden und dem Vormarsch der Reconquista änderte sich dies.

Rodrigo kämpft nun fünf Jahre lang für das muslimische Zaragossa mit einer eigenen Söldnertruppe sowohl gegen Mauren als auch Christen, aber nie gegen seinen früheren Herren. Bei diesen Feldzügen ist er nicht nur siegreich, sondern er wird durch Plünderungen auch reich. Seine Erfolge bringen ihm den Respekt der Mauren ein, so dass diese ihn Al Cid („der Herr“) nennen.

Alfons VI. ist in dieser Zeit bei seinen Feldzügen ebenfalls sehr erfolgreich und kann 1085 Toledo einnehmen. Die Taifa-Fürstentümer rufen nun die Almoraviden in Nordafrika zur Hilfe. Dadurch änderten sich die Machtstrukturen in Hispania. Die Almoraviden, eine fanatisch-religiöse Berberdynastie aus dem Norden Afrikas, die nach Spanien vordringen, schlagen das Heer von Alfons in der Schlacht von Sagrajas vernichtend. Gerade 100 christliche Ritter und der verwundete König können sich retten. So kommt es zur Annäherung zwischen Rodrigo und dem König, der dringend einen erfolgreichen Feldherrn benötigt. Er hebt die Verbannung Rodrigos auf und gesteht ihm das Privileg zu, alle Gebiete, die er von den Mauen einnimmt, als erbliches Lehen zu behalten. Aber das Bündnis zwischen Alfons und Rodrigo hält nicht lange.

By Té y kriptonita - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4774388

Eroberung Valencias

In der Folge beginnt Rodrigo seine Strategie, das muslimische Königreich Valencia unter seine Herrschaft zu bringen. Nach Siegen gegen den christlichen Grafen von Barcelona und die muslimischen Almoraviden erobert er nach dreijähriger Belagerung 1094 Valencia.  Offiziell verwaltet nun El Cid Valencia als oberster Richter und Herr (Señor) für König Alfonso VI, aber faktisch hat der König dort nichts zu sagen.

Zunächst ist El Cid gleich streng und gerecht zu den muslimischen und den christlichen Einwohnern Valencias. Er regiert die Stadt mit Hilfe jüdischer Beamten aus Valencia. Aber im Laufe der Zeit wird sein Regiment doch rigider. Gegner des Regimes werden der Stadt verwiesen und müssen sich außerhalb der Mauern in der Vorstadt Alcúdia ansiedeln, während wohlhabende Parteigänger des Cid ihre Besitzungen und innerstädtischen Häuser behalten dürfen. Zeitgleich wird der Status des Cid zum „Prinzen“ aufgewertet, weil seine Töchter in einflussreiche Familien einheiraten. 

In der Zeit seiner Herrschaft in Valencia gelingt es Rodrigo mehrmals die bislang unbesiegten Almoraviden zu besiegen und so sein Reich, das ja von feindlichen Territorien umgeben ist,  zu sichern. In den Augen von immer mehr spanischen Christen wird der Ritter, der gegen alle Wahrscheinlichkeiten eine Stadt tief im Feindesgebiet hält, zu einem Streiter Gottes, der im Namen des Kreuzes gegen den Islam zu Felde zieht.

Im Jahr 1099 stirbt er wohl nach einer Pfeilverletzung. Auch um seinen Tod rangt sich eine Legende. Angeblich nimmt er seinen Gefolgsleuten auf dem Sterbebett das Versprechen ab, den Feind erneut anzugreifen. Seinem Wunsch entsprechend bindet man den sorgfältig geschminkten Leichnam vor der Schlacht in voller Rüstung aufs Pferd. Sein Hengst Babieca trägt den Toten mit dem Schwert in der Hand ins Getümmel voran. Auf diese Weise motiviert, errangen seine Leute einen glänzenden Sieg über die von der Erscheinung des Totgeglaubten erschreckten Berber. Die ganzen Mühen und Bestrebungen des Cid um Valencia sind allerdings auf Dauer vergeblich. Seine Witwe konnte die Stadt noch drei Jahre gegen die Übermacht der Almoraviden halten. Als sie aufgeben muss, greift Alfons in die Auseinandersetzungen ein. Gegen die Übermacht der Mauren lässt der Monarch die Stadt in Flammen aufgehen, um sie nicht den Feinden zu überlassen, ehe er mit Jimena, dem Leichnam El Cids und seinem Gefolge den Rückweg nach Kastilien antritt. El Cid und seine Gemahlin werden in der Kathedrale von Burgos beigesetzt. Schon zur damaligen Zeit verbreitet sich von den Schreibstuben der iberischen Klöster ausgehend der Mythos von “El Cid” – dem loyalen Untertanen und Helden der Christenheit.

Chronik aus dem 16. Jh. Public Domain, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=23298444

Der Mythos El Cid

Für die einen ist er ein skrupelloser Opportunist, dem es vor allem um Ruhm und Reichtum geht. Für die anderen ist er das ritterliche Idol des Mittelalters, ein selbstloser Streiter für die christliche Sache, der Kämpfer für die Reconquista — also ein Held des christlichen Spaniens. Diese letzte Vorstellung ist wohl die, die sich durch die Literatur zu El Cid verfestigt hat. Es ist interessant und  auch irgendwie überraschend, dass man von diesem „spanischen Helden“ erzählt, aber trotzdem den Namen, den die Araber ihm gegeben haben, „El Cid“ ( Der Herr) beibehält und weniger den spanische Ehrentitel „El Campeador“ (Meister des Schlachtfeldes). Er war auf jeden Fall der Meister wechselnder Allianzen und somit ein Symbol für diese verwirrenden Jahrhunderte Spaniens, in denen sich die Grenzen und die Tributpflicht der Emirate und der christlichen Fürsten vielfach veränderten.

Im 12. Jahrhundert kommt das epische Gedicht „El Cantar de mio Cid“ auf, in dem der Cid erstmals namentlich erwähnt und zum Helden des Kreuzzugs gegen die Moslems stilisiert wird. Die mündliche Überlieferung soll im Jahr 1140 entstanden sein, die ein Pere Abat dann 1207 zu Papier gebracht hat, welches aber verschollen ist. Eine Abschrift namens Poema del Cid datiert aus dem Jahr 1235 oder 1309. Sie gehört zu den ältesten und wichtigsten literarischen Werken Spaniens und wird in der Spanischen Nationalbibliothek in Madrid aufbewahrt.

In dem Werk wird der Cid als die Idealfigur spanischen Rittertums verherrlicht und (unhistorisch) als Verfechter oder Vorreiter der Kreuzzugsidee dargestellt. Deshalb wird großzügig darüber hinweggesehen, dass der Cid lange Zeit im Dienste maurischen  Fürsten stand, denn er soll als Verteidiger der Christenheit und als Sieger über die Mauren erscheinen. Das Heldenepos ist eines der großen Werke der spanischen mittelalterlichen Literatur und macht mengenmäßig mehr als die Hälfte der überlieferten spanischen Heldenepik aus. Ab dem späteren Mittelalter wird der literarische Stoff des Cantar zum Sujet  einer Vielzahl von nachgedichteten Ritterromanen, Chronistenberichten und Erzählungen.

Der Stoff und die Figur des Cid beschäftigte Autoren und Komponisten (Il gran Cid von Niccolo Piccini 1766, Die Infantin von Zamora von Johann AndréIl gran Cid von Giovanni Paisiello 1775, Der Cid von Théodore Gouvy 1862, Le Cid von Jules Massenet 1885 und Rodrigue et Chimène von Claude Debussy 1893) bis in die jüngste Zeit hinein. So veröffentlichte auch Herder 1805 eine Ballade über den spanischen Ritter , die besonders in der Romantik großen Anklang fand. In Spanien erschien 1929 das viel beachtete historische Standardwerk La España del Cid (deutsch Das Spanien des Cid, München 1936–1937) des Philologen und Historikers Ramón Menéndez Pidal (1869–1968). Trotz seines wissenschaftlichen Ansatzes trug er mit seinem teilweise verklärten Blick stark zur Überhöhung der Figur zum “Nationalhelden” und zum Weiterleben der Vorstellung von El Cid als einem ritterlichen Helden „ohne Furcht und Tadel“ bei.

Das Leben Rodrigos wurde bislang zwei Mal verfilmt. 1910 drehte Mario Caserini seinen “Il Cid”. Weitaus bekannter ist der von Anthony Mann im Jahre 1961 gedrehte Historienfilm El Cid mit Charlton Heston und Sophia Loren in den Hauptrollen. Im April 2005 kam der spanische Zeichentrickfilm El Cid – Die Legende (2003, Originaltitel: El Cid: La Leyenda) in die deutschen Kinos. Für Prime Video entstand 2020 die fünfteilige Serie El Cid als Geschichtsdrama. 2021 kam die Fortsetzung in einer 2. Staffel, ebenfalls bestehend aus 5 Folgen.

Die Vorstellung: „El Cid kämpfte nie für persönlichen Reichtum oder Ruhm, er kämpfte um die Vergebung seines Königs und für seine Ehre“ wird in all diesen Darstellungen reproduziert.  Dass dies offensichtlich wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat, interessiert dabei kaum. So wird der Mythos „El Cid“ bis in die heutige Zeit weiter verfestig

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„Die Witwen der Lebenden und Toten“ – die zwei Gesichter der Auswanderung nach Südamerika

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Phasen der Auswanderung nach Südamerika

Die neuere Geschichte Spaniens ab dem 19. Jahrhundert ist eine Geschichte des Auswanderns. Selbst in den Glanzzeiten des spanischen Weltreiches verließen Hunderttausende aus wirtschaftlicher Not ihre Heimat, um in anderen Ländern ihr Glück zu suchen. Lateinamerika war seit den Tagen der Entdeckung des neuen Kontinents das Hauptziel der Auswanderer. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts veränderten sich die Wege der Migration.

Bildquelle akg aus planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/auswanderer

Die spanische Auswanderung nach Südamerika begann im frühen 16. Jh. Während des 16.-18. Jahrhunderts hatte die Auswanderung spanischer Bürger in die amerikanischen Kolonien vor allem das Ziel, die dortigen Machtverhältnisse zu stützen und in den Kolonien zu arbeiten: Soldaten (sowie deren Familien) und Geistliche bildeten die beiden großen Gruppen der ersten Einwanderer. Durch die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der Kolonien (vor allem von Argentinien, Brasilien, Kuba, Puerto Rico, Mexiko, Uruguay und Venezuela) nahm der Anteil der Emigranten aus wirtschaftlichen Gründen zu, während die Zahl der Soldaten abnahm. Unter anderem durch die Abschaffung der Sklaverei wuchs der Bedarf an Arbeitskräften in Südamerika schnell, nicht zuletzt auch, weil im Zuge der Kolonialisierung Südamerikas große Teile der indigenen Bevölkerung ausgelöscht wurden.

Als die lateinamerikanischen Kolonien sich unabhängig erklärten und sich von Spanien zu lösen begannen, kam es zu einer Rückreisewelle. Aber viele Spanier blieben und auch neue wurden angeworben, da die Länder einen hohen Bedarf an Arbeitskräften hatten.

Mit der Weltwirtschaftskrise endete die Epoche der lateinamerikanischen Immi­grationspolitik schlagartig: Waren bis 1930 fast 5 Mio. Spanier nach Lateinamerika ausgewandert, so schotteten sich die meisten Länder nach der Krise fast vollständig ab: Die Zahlen lagen zwischen 1880 und 1930 bei durchschnittlich fast 89.000 spanischen Einwanderern jährlich, doch sank die Zahl zwischen 1931 und 1936 auf nur noch 15.500. Außerdem wurde die Auswanderung durch das franquistische Regime unterbunden.

Aber der spanische Bürgerkrieg führte trotzdem zur Auswanderung von einer Million Spanier diesmal aus politischen Gründen.

Mit der Änderung des Auswanderungsgesetzes 1971, welches sich mehr an einer innereuropäischen Migration orientierte und diese förderte, der Demokratisierung Spaniens nach Francos Tod 1975, dem EU-Beitritt 1986 und einer zunehmend als unsicher empfundenen Situation in Amerika, nahm die Zahl der Amerika-Emigranten immer mehr ab. Wenn dann wanderten Spanier zum Arbeiten nach Frankreich, Deutschland oder in andere europäische Staaten. (s. auch unter der Rubrik Geschichten das Kapitel „Altes Mütterchen“) .

South Amerika 1899 Von Henry Lange - "Volksschul-Atlas", Dreihundertste Auflage, George Westermann in Braunschweig, 1899. Scan made by Olahus, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1638733

Das Beispiel Galicien

Eine frühe Welle galicischer Migration begann bereits im 18. Jh., als Tausende Galicier nach Andalusien, Kastilien und Portugal wanderten, um als Tagelöhner bei Großgrundbesitzern oder in den Städten als Dienstboten oder Wasserträger zu arbeiten. Die Hauptphase galicischer Auswanderung nach Übersee begann etwa 1860 und dauerte bis 1936.

Zwischen 1885 und 1930 wanderten mehr als 900.000 Galicier nach Lateinamerika, in vielen Einzeljahren dieser Periode stellten sie das größte Kontingent spanischer Auswanderer. Hauptgrund war die im dörflich geprägten und kaum entwickelten Galicien grassierende Armut. Mehr als die Hälfte der galicischen Auswanderer zog nach Argentinien ; fast ein Drittel wanderte nach Kuba  aus; drittwichtigstes Zielland war Brasilien.

Beweggründe und harte Realität

Die gali­cische und asturische Landbevölkerung war bereits an eine kurzfristige Emigration nach Kastilien gewöhnt, wo sich besonders die Männer als Saisonarbeiter verdingten, um die Familie am Leben zu erhalten. Aufgrund von Armut, Hungersnöte, politische und soziale Erschütterungen, unzureichende Lebensperspektiven ließen viele – vor allem (junge) Männer – ihr Land hinter sich und träumten von einer besseren Zukunft in den Kolonien und davon reich zu werden. Es gibt einen Spruch, der lautet: „Wenn der Galicier hungert, wird er nicht deprimiert, sondern wandert aus“.

Sie hatten große Träumen, die meiste Zeit über war das aber nicht das El Dorado, das ihnen versprochen worden war, sondern sie mussten unter harten Bedingungen arbeiten, die z.T. der Sklaverei sehr nahekamen. Viele der Emigranten scheiterten. Gebrochene Illusionen, Lügen und hohe Alkoholgenuss waren teilweise die Realität. Viele kamen arm und nicht wie erträumt reich nach Hause, viele versuchten es trotzdem noch einmal, viele kehrten nie wieder in die Heimat zurück. Ihre Frauen befanden sich in einer komplizierten rechtlichen Situation, da sie zwar keine Witwen waren, ihr Leben aber auch mit niemand anderem teilen konnten. So spricht Rosalia de Catro (1837 – 1885) in einem ihrer Gedichte von den viúdas dos vivos e as viúdas dos mortos (den Witwen der Lebenden und den Witwen der Toten). Dieser Begriff wurde später literarisch vielfach aufgegriffen.

Trotzdem waren die Emi­granten schon ab dem 18. Jahrhundert eine wichtige Geldquelle für die Daheimge­bliebenen. Ohne die „remesas“ (Überweisungen) wäre das Leben gerade in den ärmeren Regionen Spaniens, z.B. Galicien oder Asturien, noch härter gewesen, und viele Familien waren von diesen Geldsendungen abhängig. Dass die Überweisungen der Emigranten für die Daheimgebliebenen z.T. lebenswichtig ist , daran hat sich ja leider in den Jahrhunderten bis heute nichts geändert.

Das Schicksal der Witwen der Lebenden und Toten

Das Oxymoron „Witwen der Lebenden“, das im ländlichen Galizien immer noch im Volksmund verwendet wird, scheint im 19. Jahrhundert entstanden zu sein.

Der männliche Überhang bei der frühen Auswanderung bringt das Gleichgewicht der Geschlechter in den Dörfern durcheinander –  die Männer fehlen. Die wirtschaftliche Situation, die soziale Entwicklung und die populäre Poesie scheinen in Galizien zusammengekommen zu sein, um eine dörfliche Kultur zu entwickeln, die in Liedern und Gedichten auf die Situation der Frauen hinzuweist. Mussten diese Frauen doch in der Einelternfamilie zuhause alles alleine meistern, sei es die Arbeit auf den Feldern, die Armut zuhause, die Erziehung der Kinder. Irgendwo stand einmal die Aussage vor der Geburt eines Kindes „Möge es ein Mädchen werden, denn die werden hier gebraucht!“

Einerseits spielen die Männer eine entscheidende Bedeutung. Selbst wenn sie nicht anwesend waren, bestimmten sie, was mit den Frauen passierte. Wenn man will, sind aber beide sowohl die Männer als auch die Frauen Opfer der Umstände.  Andererseits entwickelten sich aus dieser Überlebensstrategie starke Frauen.

Sie meistern ihre schwierige rechtliche Situation (Witwen der Lebenden), ihre Sehnsucht nach und die Angst um den Mann, die Einsamkeit, die Verzweiflung sowie die ganz alltäglichen Probleme eines Dorflebens in jener Zeit.

Es gibt ein eindrucksvolles Bild vom galicischen Fotografen Virgilio Vieitez, das er in den 60er Jahren des 20. Jh. aufgenommen hat. Eine alte Frau in dem typischen schwarzen Kleid sitzt auf einem Stuhl, neben ihr, auf einem zweiten Stuhl, steht ein Radio. Ihr nach Amerika ausgewanderter Sohn hat ihr Geld geschickt, damit sie sich ein Radio kaufen kann, zum Zeitvertreib. Das Bild hat sie ihm geschickt. Er soll sehen, dass sie nicht mehr allein ist…….

Das Bild berührt und sag mehr als viele Worte über Zurückgelassenen.

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Der Traum vieler, die Realität einiger – die Casonas (Villen) der „Indianos“

Im 19. Jh. emigrierten viele Nordspanier nach Lateinamerika – und einige kamen auch wirklich reich zurück. Als erstes bauten sie sich Prachtvillen, die bis heute gut erhalten sind.

„Indianos“ heißen in Spanien die Emigranten, die reich aus Lateinamerika zurückgekehrt sind. Mit prächtigen Villen bewiesen die Heimkehrer ihren gesellschaftlichen Aufstieg und dass sie in Amerika zu viel Geld gelangt waren. Damit weckten sie natürlich weitere Hoffnung bei potentiellen Emigranten. Die „indianos“ haben eine herrliche Ansammlung von kleinen Palästen und Herrenhäusern im Stil des Eklektizismus, Jugendstil und Historismus hinterlassen. Die „casonas“ der Rückkehrer hatten großartige Fassaden, Aussichtstürme, hohe Decken, Galerien, Balkone und beeindruckende Treppenaufgänge. Gärten voller Palmen, Araukarien, Magnolien, Rhododendren und Kamelien sollen ihren Reichtum repräsentieren.

Um einen ersten Eindruck von der Pracht der „indianischen Häuser“ zu gewinnen, eignet sich besonders eine Reise durch die Gegend von Llanes im Osten des Fürstentums von Asturien. Dort sind herausragende Beispiele dieser besonderen Architekturform zu finden, wie etwa die Casona de Verines und die Paläste von Santa Engracia und Mendoza Cortina in La Borbolla und Pendueles.  Auch in Ribadeo, einem Städtchen an der Grenze zwischen Asturien und Galicien kann man zahlreiche Villen im „Indiano-Stil“ bewundern. Man findet diese Villen natürlich auch in Galicien, Kantabrien und anderen Regionen Spaniens. Eine schöne Zusammenstellung von Bildern der prächtigen Villen in Nordspanien und Portugal findet man in der Zeitschrift „portugal-kultur“ Heft 8.

Nach ihrer Rückkehr aus Amerika spielten die reichen Rückkehrer im Spanien der damaligen Zeit eine wichtige soziale Rolle, bauten Schulen, Rathäuser, öffentliche Badeanstalten, Straßen, Krankenhäuser und Heime. So z.B. auch der reiche Indiano Antonio López y López, der sich in seiner Heimatstadt Comillas zurückgekehrt im späten 19.Jh. eine große Villa errichtete. Er war in Übersee durch die Tabakproduktion und den Tabakhandel reich geworden, hatte aber auch mit Banken und eine transatlantischen Schifffahrtsgesellschaft Erfolg und Geld gemacht. Zurück in seiner Heimat tat er alles um den beginnenden Badetourismus der Madrilenen zu fördern. Noch heute stellt diese Gruppe den Großteil der Sommerurlauber an der kantabrischen Küste und in Comillas.

Doch Ironie der Geschichte: Da diese reich gewordenen „Indianer“ nur unter sich heirateten (das Fachwort dafür heißt Endogamie), die Zahl potenzieller Heiratskandidaten mit der Zeit aber abnahm, gerieten etliche „Indianer“ nicht nur in familiäre, sondern auch in wirtschaftliche Not. In der Folge verkauften sie ihre architektonischen Herrlichkeiten oder öffneten sie der Öffentlichkeit.

So können heutige Besucher in aller Ruhe schauen und staunen. Sie laufen über lackierte Holzböden, befinden sich in detailgetreu gestalteten Museumsecken plötzlich auf einem Schiffsdeck oder auf einer lateinamerikanischen Hazienda-Terrasse wieder, entdecken in Vitrinen Krinolinen, Sonnenschirme und Sepiafotografien der asturischen Auswanderer in den Salons von Havanna oder Valparaíso, streichen über kühle marmorne Balkonbalustraden.

Leider stehen einige der Villen  aber auch leer und verfallen zum Teil. Andere werden zum Verkauf angeboten. In manchen findet man  heute aber auch kleine hübsche ländliche Hotels.

 

Auf unserer Wanderung auf dem Camino del Norte sollte man in Colombres angehalten, gleich hinter der kantabrisch-asturischen Grenze, um das beeindruckende Migrations-Museum zu sehen. Sowohl das Museumsgebäude selbst, als auch die historische Ausstellung sind sehenwert. Die dargestellte Geschichte schildert praktisch und einleuchtend die Realität der früheren Bewohnerinnen der Regionen an der Nordküste der Iberischen Halbinsel. Diese Geschichte gilt nicht nur für Asturien, das Museum könnte genau so gut auch im Baskenland oder in Galicien stehen, denn in den vergangenen Jahrhunderten waren Leute aus allen Regionen aufgrund ihrer Existenzbedingungen dazu gezwungen, in Übersee, vor allem in Südamerika ihr Glück zu suchen. Manchmal war es auch pure Abenteuerlust.

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Aufstieg und Fall der Templer: ein Mythos, der nicht sterben will

Aufstieg und Fall der Templer: ein Mythos, der nicht sterben will

Die meisten von uns kennen die Templer u.a. durch den Bestseller „Sakrileg“ von Dan Brown. Das Buch hat aber ehrlicherweise fast nichts mit der realen Geschichte der Templer zu tun. Außerdem spinnen sich auch einige Legenden und Verschwörungstheorien ohne stichhaltige Beweise um die Templer. Hier werden der Symbolismus, die Regeln und die Überzeugungen der Templer zweckentfremdet, um eigene moderne Ziele zu verfolgen.

Sie symbolisieren wohl etwas Exotisches, Sonderbares und Mysteriöses, das uns heute sowohl fremd als auch verlockend erscheint.

Daher ist es sinnvoll, hier eine kurze Geschichte der Templer zusammenzustellen.

Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon

Wer waren die Templer oder genauer die „Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem“?

 Nach dem Ersten Kreuzzug, als die muslimische Besatzung Jerusalems von der christlichen abgelöst wurde, gab es viele Pilger und Siedler, die in die Stadt zogen. Aber viele wurden auf dem Weg von Banditen überfallen und getötet. In Tagebüchern finden sich Beschreibungen von Leichen, die sich entlang der Straßen türmten, wo sie von Räubern überfallen und ermordet wurden. Um 1119 beschloss deshalb eine Gruppe von Rittern aus der Champagne eine Schutztruppe für Pilger zu gründen. Im Jahre 1125 erlebte der Orden den ersten Aufschwung durch den Beitritt des Grafen Hugo I. von Champagne, der ein Freund des Abtes Bernhard von Clairvaux gewesen war. Bernhard war Abt war ein bekannter Kreuzzugprediger und Kirchenlehrer. Er gilt als einer der bedeutendsten Mönche des Zisterzienserordens, für dessen Ausbreitung über ganz Europa er verantwortlich war. Nach anfänglicher Skepsis setzte er sich ab 1129 wortgewaltig für die Unterstützung des Templerordens ein, was für die Akzeptanz des Templerordens von großer Wichtigkeit war.

Die militärische Ausrichtung, die den Orden von Beginn an bestimmte, unterschied ihn von den beiden anderen religiösen Rittergemeinschaften des 12. Jahrhunderts, dem Johanniterorden und dem Deutschen Orden. Der Templerorden entwickelte sich zu einer elitären, paramilitärischen Einheit in den Armeen der Kreuzzüge. Wichtig war, dass er vom Papst bestätigt wurde.  Auf dem Konzil in Troyes wurden ihnen aber 1128 strenge Regeln auferlegt, die Bernhard von Clairvaux entworfen hatte und die den Klosterregeln der Zisterzienser nachgebildet waren.

Die Tempelritter wurden von einem Großmeister angeführt, unter diesem bestanden drei Rangfolgen: Ritter, Kapläne und dienende Brüder. Nur die Ritter durften die Ordenstracht, einen weißen Mantel mit achtspitzigem rotem Kreuz auf der linken Brustseite, tragen.

Die Ritter unterwarfen sich den drei großen Prinzipien des Mönchtums: Keuschheit, Armut und Gehorsam. Doch ihren Weg zu Gott wollten sie nicht in der friedlichen Abgeschiedenheit eines Klosters suchen, sondern auf dem Schlachtfeld.

Am 29. März 1139 wurde die Organisation der Templer von Papst Innozenz II. durch die Bulle „Omne datum optimum“ erneut bestätigt und der Orden wurde direkt dem Papst unterstellt. Dadurch bildete er faktisch einen Staat im Staat und war für weltliche Herrscher nahezu unantastbar. Die Templer waren der erste Orden dieser Art, der dann zum Vorbild für weitere Ordensgründungen wurde.

Auch wenn man bei den Templern von Mönchrittern sprach, waren die Mitglieder wie bereits gesagt weniger Mönche, obwohl sie ein mönchähnliches Leben führten, sondern mehr Ritter und Kämpfer. Zunächst waren sie besonders für die Sicherheit der Pilger zuständig, entwickelten sich aber dann zu einer wichtigen militärischen Macht während der Kreuzzüge.

 

Die Templer als wirtschaftliche Macht 

Schon in frühen Jahren erhielten sie zahlreiche materielle und finanzielle Spenden von Christen, die sich so Pluspunkte für ihr Seelenheil erhofften. Teilweise wurden den Templern ganze Güter vermacht. So bauten sie mit der Zeit ein Netzwerk aus Land- und Grundbesitz in Irland, England und Frankreich und in den Königreichen Spanien, Portugal, Italien, Ungarn, Deutschland und Zypern auf. Etwa 15.000 Ordensmitglieder verwalteten um die 9000 über ganz Europa verstreute Besitzungen (von denen nur ein geringer Teil eigenständige Komtureien/Niederlassungen waren). Die Besitzungen wurden streng ökonomisch verwaltet und sollten einen möglich hohen Gewinn erbringen. Außerdem waren die Templer nicht nur von der Steuer befreit, sondern durften selbst Steuern erheben. Der Orden häufte so mit der Zeit einen immensen Reichtum an Geld und Besitz an.

Zudem funktionierte der Orden auch als eine Art Kreditinstitut, indem er u.a. dem englischen und französischen König Geld verlieh – gegen Zinsen, was zwar verboten war, aber stillschweigend hingenommen wurde. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts machten die Templer Geldanleihen dann zu einer regulären geschäftlichen Betätigung und wurden zu einer europaweiten Finanzmacht. Sie unterstützten z.B. finanziell die Könige bei den Kreuzzügen, wenn diesen das Geld ausging.

Sie erfanden auch eine eigene Art der Kreditbriefe (Vorläufer der heutigen Reiseschecks). Wer einen Betrag in einer ihrer vielen Komtureien in Europa einzahlte, konnte man z.B. die gefährliche Reise ins Heilige Land bargeldlos antreten. Der Reisende konnte mit der entsprechenden Quittung unterwegs in den Besitzungen der Templer jederzeit Geld abheben. So war er davor geschützt, bei einem Überfall sein ganzes Geld zu verlieren.

Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon

Untergang der Templer

1291 gingen die Gebiete der Kreuzfahrer im Heiligen Land verloren und die Templer wurden aus dem Land geworfen. Sie mussten sich umorientieren, aber der französische König wollte die Templer aufgrund ihrer großen finanziellen Macht ganz vernichten. So wurden die Templer 1305 schwerer Vergehen bezichtigt – von Ketzerei, Götzenanbetung und sogar Sodomie war die Rede. Am 14. Oktober 1307 wurden sämtliche Templer verhaftet auch mit Unterstützung des Papstes. Sie wurden gefoltert und ihnen wurde z.T. über Jahre der Prozess gemacht.

Allerdings war lange Zeit nicht bekannt, dass Papst Clemens V. den Templern im Jahr 1308 die Absolution erteilt hatte, nachdem sich diese für allerlei Missstände in ihrem Orden entschuldigt hatten. Zugleich nahm er sie wieder in die Kirchengemeinschaft auf. Damit stand fest, dass die Templer keine Ketzer waren und der Pontifex den Orden, der ihm allein unterstellt war, reformieren und erhalten wollte. Der gesundheitlich angeschlagene Clemens V. residierte seinerzeit in Avignon. So war er aber dem Druck des mächtigen französischen Königs Philipp des Schönen ausgesetzt, der die Templer vernichten wollte und eine Verleumdungskampagne gegen den Ritterorden entfesselt hatte. Daher wagte es der Papst nicht, sein Urteil zu veröffentlichen.

So wurden die Templer auf Betreiben Philipp des Schönen weiterverfolgt, eingekerkert und gefoltert. Philipp dem Schönen ging es darum, das Vermögen der Templer an sich zu reißen und die Kirche durch die Zerschlagung des Ordens zu schwächen. Auch konnte er sich so einer drückenden Geldschuld entledigen, die er bei den Templern hatte. Über 1000 Ordensniederlassungen fielen an die Krone. 1312 wurde der Orden endgültig aufgelöst und der Großmeister Jacques de Molay auf der Île de la Cité in Paris lebendig verbrannt. Nachdem es keinen Orden mehr gab, war kein Prozess mehr möglich; es blieb bei Ermittlungsverfahren. Die verbleibenden Templer kamen bei anderen Orden unter.

Die Besitzungen der Templer gingen aber nur teilweise an die Krone. Denn der Papst machte einen Strich durch die Rechnung Philipps des Schönen. Clemens übertrug Güter der Ordensgemeinschaft offiziell an die Johanniter/Hospitaliter, die als Brüder der Templer im Geiste ihre Arbeit bis 1789 fortführten. In Spanien knüpfte der spanische Ritterorden von Montesa unmittelbar nach der Auflösung des Templerordens an dessen Geschichte an. Der Orden von Montesa wurde 1316 von Jakob II. von Aragón gegründet und mit den Gütern des Templerordens ausgestattet. Dieser Orden wurde zunächst hauptsächlich zu dem Zweck gegründet, den Templern Unterschlupf zu bieten.

Es gibt noch eine vollständige Burg des alten Templerordens in Europa – die Burg von Ponferrada in Spanien-, alle anderen wurden zwischenzeitlich zerstört. Allerdings finden sich sowohl in Frankreich als auch in Spanien noch zahlreiche Türme und Burgruinen.

 

Von de:Benutzer:Dietmar_Gikjohann at http://de.wikipedia.org/ - photo by de:Benutzer:Dietmar_Gikjohann, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1694223 Templerburg Ponferrada am Jakobsweg in Spanien
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Die Entstehung des Camino Primitivo und des Camino del Norte

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Im Jahr 813 wurde im Wald von Lebredon an der Stelle des heutigen Santiago de Compostela ein Grab gefunden. Der zuständige Bischof Theodemir glaubte das Grab des Apostels Jakobus gefunden zu haben. Jakobus war einer der vertrautesten Jünger Jesu und der erste Märtyrer der Christenheit. Im Jahr 44 wurde er in Judäa auf Weisung des Königs Herodes enthauptet. Um den Umstand, wie sein Leichnam möglicherweise nach Spanien gekommen sein soll, ranken sich zahlreiche Legenden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Camino_de_la_Costa#/media/Datei:AM03-RutasJacobeasNorte.jpg

Alfons II von Asturien (791 -842), auch Alfons der Keuche genannt, war dann der erste königliche Pilger, der im Jahr 830 zum vermeintlichen Grab des Jakobus pilgerte. Die Strecke durch die Berge, die er damals zurücklegte, gilt heute als der ursprünglichste und älteste belegte Pilgerweg nach Santiago. Alfons der Keuche ging den Weg von seiner Hauptstadt Oviedo in Richtung Westen. Er führt von der alten asturischen Hauptstadt Oviedo auf 310 Kilometer in anspruchsvoller Weise durch dünn besiedeltes Bergland über das galicische Lugo nach Santiago de Compostela.

Alfons II war davon überzeugt, dass es sich um das Grab des Apostel Jakobus handelte und ordnete den Bau einer Grabeskirche an. Er gründete auch das erste Kloster, das sich um den Altar des Heiligen kümmerte: San Paio de Antealtares. Dies gab den endgültigen Anstoß für die dann einsetzende Pilgerbewegung.

Die Nachricht vom Fund des Leichnams breitete sich in für das Mittelalter rasanter Geschwindigkeit in Europa aus. Waren es zunächst die Menschen aus dem asturischen Königreich, die die Wallfahrt auf sich nahmen, folgten dann die Menschen aus dem gesamten Norden Spaniens und aus Portugal. Alfons III., der die zweite Basilika in Santiago initiierte, pilgerte selbst zweimal den Camino.

Die erste Hälfte der Strecke  des Camino Primitivo durch die Berge von Asturien ist spektakulär. Ihr überquert die Bergketten Tineo, Rañadoiro und San Isidro. Die Höhepunkte auf diesem Pilgerweg sind zahlreich, und stehen im Kontrast zu der geringen Anzahl an Dörfern und Restaurants. So geht man die meiste Zeit tatsächlich in der Natur und kann die Ruhe aber auch Einsamkeit dieser Region genießen. 

Nach dem Camino Primitivo gewann auch der Camino del Norte an Bedeutung. Relativ schnell nach der Entdeckung des Apostelgrabes im 9. Jh. begannen Pilger diesen Weg zu nutzen, da er außerhalb des von Mauren besetzten Gebietes verlief. Über ihn kamen dann auch Pilger aus Frankreich und aus anderen Ländern, die zum Teil auch den Seeweg über die Häfen Nordspaniens nutzten. Im späten Mittelalter erreichten die Pilgerfahrten zu See ihren Höhepunkt. Manche Pilger besuchten auch zuerst Oviedo als Ergänzung zu ihrer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela.

Der gesamte Camino del Norte führt von der Grenze zu Frankreich nach Santigao. Er ist mit 850 km der zweitlängste Pilgerweg (nur die Via de la Plata ist mit 1000 km länger) und läuft immer wieder direkt am Meer entlang, entweder entlang der über dem Meer verlaufenden Steilküste oder auch direkt am Strand mit atemberaubenden  Ausblicken und herrlichen Stränden. Man spürt jeden Tag den Sand unter den Füssen! Allerdings müssen auch einige Höhenmeter überwunden werden. Etwa 200 km vor Santiago nach der Stadt Ribadeo verlässt der Küstenweg das Meer und die Route führt landeinwärts durch die Täler von Vilanova de Lourenza und Mondoriedo sowie über die Ebenen von Vilalba und Guitiriz zum Zielort.

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