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Elias Valina – Visionär des modernen Jakobsweges und „Erfinder“ des gelben Pfeils

Elias Valina – Visionär des modernen Jakobsweges und „Erfinder“ des gelben Pfeils

Hier kommt die Zuordnung

Wer war dieser Elias Valina Sompredo (* 2. Februar 1929; † 11. Dezember 1989)?
Elias Valina Sampedro ist der Visionär, der in den 70iger Jahren des 20. Jhs. den Jakobsweg wiederbelebte und die Pilgerfahrt, wie wir sie heute kennen, ins Leben rief. Er wurde 1929 in der Nähe von Sarria geboren. Mit einer fundierten Ausbildung war Elías promovierter Theologe und Experte für Kirchenrecht. Nach der Priesterweihe wurde er 1959 im Alter von 30 Jahren Pfarrer in O Cebreiro, einem einfachen abgelegenen Bergdorf direkt am Eingang des Französischen Weges in Galicien. Ein Erklärung, warum er, der auf Grund seiner Qualifikation für ein höheres kirchliches Amt prädestiniert war, nach O Ceibreiro versetzt wurde, konnte ich nicht finden. Er verstarb am 11. Dezember 1989 in O Cebreiro, wo er in seiner Basilika Santa Maria Real begraben wurde. Vor dem Gotteshaus erinnert eine Statue an diesen Mann, der die verschiedenen Förderer des Jakobswegs maßgeblich prägte und vielen noch heute als Vorbild dient. Valiña starb mit Mitte sechzig und konnte die Früchte seiner Arbeit und seines Engagements für die Wiederentdeckung, Förderung und Verbreitung des Jakobswegs nur teilweise miterleben. Ob er allerdings mit der heutigen Entwicklung des von ihm favorisierten Camino Francés zufrieden wäre, ist zumindest zweifelhaft

Von vicky_petereit - Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1333101

Persönlich zeichnete sich Elias Valina wohl durch eine bemerkenswerte Einfachheit, Offenheit und Klarheit in Denken und Handeln aus. Er wird als unermüdlich beschrieben, als ein geborener Arbeiter an allen Fronten, der sich auch nicht vor Konfrontationen mit der amtlichen Kirche scheute. Für sein Handeln war die Vision einer Wiederbelebung der mittelalterlichen Pilgerfahrt von entscheidender Bedeutung. Leider gibt es bis heute kein umfassendes, abgerundetes und im Kontext der damaligen Zeit erstelltes Porträt von Elías Valiña. So bleiben einige Aussagen doch recht vage und bestimmte Ungereimtheiten lassen sich nicht klären. Eine Zusammenstellung von Artikeln, Dokumentationen, Bildern und eine Dokumentarfilm über Elias Valina findet man unter: https://arraianos.com/wordpress2024/elias-valina/

https://arraianos.com/wordpress2024/elias-valina/

Sein Weg
Nachdem Elias Valiña nach O Cebreiro versetzt wurde, wurde er sofort aktiv und begann den Ort grundlegend zu verändern. Er rettete die baufällige vorromanische Kirche vor dem Einsturz und renovierte die Nebengebäude. Außerdem sorgte er durch seinen Einsatz bei Regierung, Kirche und Versorgungsunternehmen für Wasser, Strom und Verkehrsanbindung in der Gemeinde.
Aber er war nicht nur Priester, sondern auch Historiker, Forscher und Schriftsteller. Er war besonders an der Geschichte des Jakobsweges interessiert und verfasste kultur-wissenschaftliche Schriften zum Jakobsweg, zu denen u.a. seine Dissertationsschrift von 1965 El Camino de Santiago. Estudio histórico-jurídico gehört, und den Guia del Peregrino, den ersten modern Pilgerführer für den Camino Francés. Seine Doktorarbeit, die er 1965 an der Päpstlichen Universität Salamanca verteidigte, wurde mit dem angesehenen Antonio-de-Nebrija-Preis des CSIC ausgezeichnet.

Neben seinen Forschungen verfolgte Elías eine ganz persönliche Mission: dem alten Jakobspilgerweg in Nordspanien, der damals stark in Vergessenheit geraten war, neues Leben einzuhauchen. Er bereiste den heute „Camino Francés“ genannten Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela zu Fuß und im Kleinbus und orientierte sich dabei anhand historischer Karten, verfallener Kirchen und Ortsnamen. So restaurierte er zahlreiche verlorene Abschnitte dieser Route von Frankreich bis Galicien und markierte den Weg mit dem gelben Pfeil. Dabei wurde er von Bürgermeistern, Pfarreien und Pilgervereinen unterstützt. Dies geschah Ende der 70er und Anfang der 80iger Jahre. Unterwegs knüpfte er Freundschaften mit Menschen und baute so langfristig ein Netzwerk von Unterstützern auf, die wie er die Idee des Jakobsweges wiederbeleben wollten. Ihm verdankt die iberische Halbinsel somit nicht nur die Belebung der Jakobspilgerschaft sondern auch den Wiederaufbau eines Pilgerherbergsnetzes entlang des Camino Santiago. Die treibende Kraft hinter der weiteren Wiederbelebung waren auch die aufstrebenden spanischen und europäischen Jakobinervereinigungen, die Elías Valina unermüdlich als Verteidiger des Weges und seiner Werte gefördert hatte. Diese Vereinigungen, in denen Elias Valiña von 1985 bis 1987 als Kommissar des Jakobswegs fungierte, legten auf dem renommierten Ersten Internationalen Jakobinerkongress im September 1987 den Grundstein. Dieser Kongress fiel zeitlich mit der Erklärung des Jakobswegs zur Ersten Europäischen Kulturroute durch den Europarat zusammen.

Der gelbe Pfeil
Eines der bekanntesten Vermächtnisse von Elías Valiña ist der gelbe Pfeil als Wegweiser für Pilger. Er selbst, mit Pinsel und der Hilfe von Freiwilligen, malte Hunderte davon von Roncesvalles bis Santiago. Auch wenn nicht sicher ist, ob er der erste war, so war er doch derjenige, der die gelben Pfeile verbreitete und als Symbol des Weges etablierte. Es gibt eine legendäre Geschichte, wonach er in den Pyrenäen von der Guardia Civil beim Pfeile malen aufgegriffen wurde. Auf die Frage, wer er sei und was er da mache, soll er denen, die ihn als Kollaborateur der ETA verdächtigten, provokativ geantwortet haben: „Ich bereite eine Invasion vor“. Betrachtet man die Entwicklung der Jakobsbewegung gerade auch in den letzten Jahren, kann man ihn mit Fug und Recht als Visionär bezeichnen.
Neben den praktischen Tätigkeiten prägte er auch eine Vision des Weges als spirituellen, kulturellen und menschlichen Begegnungsraum. 1966 eröffnete er in O Cebreiro eine Herberge und ein Gasthaus für Pilger. Seine Herberge setzte Maßstäbe für viele gemeinnützige Pilgerherbergen.

„Boletín del Camino de Santiago“
Ab 1985 förderte er als Koordinator des Jakobswegs die Gründung der meisten spanischen Jakobusvereine und leitete in der Anfangsphase das „ Camino de Santiago Bulletin“ .
Zwischen 1985 und 1987 verfasste und redigierte Valiña persönlich das Bulletin eine handgemachte, aber wichtige Publikation zur Wiederbelebung des Weges. Ihr Ziel war es, Menschen, die sich für den Jakobsweg engagierten, zu vernetzen, Neuigkeiten, Erfahrungen und Initiativen zu teilen und die junge Jakobusbewegung zu stärken.

Elías-Valiña-Preis
1996 rief die Xunta de Galicia den Elías-Valiña-Preis ins Leben, um Personen und Organisationen auszuzeichnen, die sich besonders für die Erhaltung und Förderung des Jakobswegs eingesetzt haben. Dieser jährlich vergebene Preis ehrt sein Andenken und würdigt jene, die seinem Beispiel folgen – ein Aufruf, den Geist des Jakobswegs, den er wiederbelebte, lebendig zu halten.
So kann man hoffen, dass gerade der französische Weg, der ihm ja so am Herzen lag, sich nicht zu einer reinen touristischen Attraktion entwickelt – eine Gefahr, die mit dem Verlust der religiösen oder zumindest spirituellen Komponente der Route einhergeht, und zur fortschreitenden Kommerzialisierung und Trivialisierung des Erlebnisses führt.

Übrigens:

Santiago de Compostela, Spanien, 9. Februar 2026 – Die Xunta de Galicia hat bekannt gegeben, dass die Jakobusbruderschaft Kroatien mit dem 26. Elías-Valiña-Preis ausgezeichnet wurde. Sie gehört damit zu einer ausgewählten Gruppe von Pilgerorganisationen, die sich für den Erhalt der Werte des Jakobswegs einsetzen.Der Jakobsweg ist seit jeher eine gemeinsame europäische Reise, auf der Pilger aus ganz Europa seit über tausend Jahren nach Santiago de Compostela und wieder zurück wandern. Kroatiens Jakobsweg-Tradition reicht bis ins Jahr 1203 n. Chr. zurück, archäologische Funde deuten sogar auf noch ältere jakobinische Traditionen hin. Heute führt Kroatiens 2.400 km langes Wegenetz des Jakobswegs dieses Erbe fort und verbindet kulturelles Erbe, atemberaubende Landschaften und authentische Gastfreundschaft.

Von Willyman - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39386121 Teil seines Wohnhauses
Von amaianos - originally posted to Flickr as O Cebreiro, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9397322 Kirche Santa Maria in O Cebreiro
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Aufstieg und Fall der Templer: ein Mythos, der nicht sterben will

Aufstieg und Fall der Templer: ein Mythos, der nicht sterben will

Die meisten von uns kennen die Templer u.a. durch den Bestseller „Sakrileg“ von Dan Brown. Das Buch hat aber ehrlicherweise fast nichts mit der realen Geschichte der Templer zu tun. Außerdem spinnen sich auch einige Legenden und Verschwörungstheorien ohne stichhaltige Beweise um die Templer. Hier werden der Symbolismus, die Regeln und die Überzeugungen der Templer zweckentfremdet, um eigene moderne Ziele zu verfolgen.

Sie symbolisieren wohl etwas Exotisches, Sonderbares und Mysteriöses, das uns heute sowohl fremd als auch verlockend erscheint.

Daher ist es sinnvoll, hier eine kurze Geschichte der Templer zusammenzustellen.

Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon

Wer waren die Templer oder genauer die „Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem“?

 Nach dem Ersten Kreuzzug, als die muslimische Besatzung Jerusalems von der christlichen abgelöst wurde, gab es viele Pilger und Siedler, die in die Stadt zogen. Aber viele wurden auf dem Weg von Banditen überfallen und getötet. In Tagebüchern finden sich Beschreibungen von Leichen, die sich entlang der Straßen türmten, wo sie von Räubern überfallen und ermordet wurden. Um 1119 beschloss deshalb eine Gruppe von Rittern aus der Champagne eine Schutztruppe für Pilger zu gründen. Im Jahre 1125 erlebte der Orden den ersten Aufschwung durch den Beitritt des Grafen Hugo I. von Champagne, der ein Freund des Abtes Bernhard von Clairvaux gewesen war. Bernhard war Abt war ein bekannter Kreuzzugprediger und Kirchenlehrer. Er gilt als einer der bedeutendsten Mönche des Zisterzienserordens, für dessen Ausbreitung über ganz Europa er verantwortlich war. Nach anfänglicher Skepsis setzte er sich ab 1129 wortgewaltig für die Unterstützung des Templerordens ein, was für die Akzeptanz des Templerordens von großer Wichtigkeit war.

Die militärische Ausrichtung, die den Orden von Beginn an bestimmte, unterschied ihn von den beiden anderen religiösen Rittergemeinschaften des 12. Jahrhunderts, dem Johanniterorden und dem Deutschen Orden. Der Templerorden entwickelte sich zu einer elitären, paramilitärischen Einheit in den Armeen der Kreuzzüge. Wichtig war, dass er vom Papst bestätigt wurde.  Auf dem Konzil in Troyes wurden ihnen aber 1128 strenge Regeln auferlegt, die Bernhard von Clairvaux entworfen hatte und die den Klosterregeln der Zisterzienser nachgebildet waren.

Die Tempelritter wurden von einem Großmeister angeführt, unter diesem bestanden drei Rangfolgen: Ritter, Kapläne und dienende Brüder. Nur die Ritter durften die Ordenstracht, einen weißen Mantel mit achtspitzigem rotem Kreuz auf der linken Brustseite, tragen.

Die Ritter unterwarfen sich den drei großen Prinzipien des Mönchtums: Keuschheit, Armut und Gehorsam. Doch ihren Weg zu Gott wollten sie nicht in der friedlichen Abgeschiedenheit eines Klosters suchen, sondern auf dem Schlachtfeld.

Am 29. März 1139 wurde die Organisation der Templer von Papst Innozenz II. durch die Bulle „Omne datum optimum“ erneut bestätigt und der Orden wurde direkt dem Papst unterstellt. Dadurch bildete er faktisch einen Staat im Staat und war für weltliche Herrscher nahezu unantastbar. Die Templer waren der erste Orden dieser Art, der dann zum Vorbild für weitere Ordensgründungen wurde.

Auch wenn man bei den Templern von Mönchrittern sprach, waren die Mitglieder wie bereits gesagt weniger Mönche, obwohl sie ein mönchähnliches Leben führten, sondern mehr Ritter und Kämpfer. Zunächst waren sie besonders für die Sicherheit der Pilger zuständig, entwickelten sich aber dann zu einer wichtigen militärischen Macht während der Kreuzzüge.

 

Die Templer als wirtschaftliche Macht 

Schon in frühen Jahren erhielten sie zahlreiche materielle und finanzielle Spenden von Christen, die sich so Pluspunkte für ihr Seelenheil erhofften. Teilweise wurden den Templern ganze Güter vermacht. So bauten sie mit der Zeit ein Netzwerk aus Land- und Grundbesitz in Irland, England und Frankreich und in den Königreichen Spanien, Portugal, Italien, Ungarn, Deutschland und Zypern auf. Etwa 15.000 Ordensmitglieder verwalteten um die 9000 über ganz Europa verstreute Besitzungen (von denen nur ein geringer Teil eigenständige Komtureien/Niederlassungen waren). Die Besitzungen wurden streng ökonomisch verwaltet und sollten einen möglich hohen Gewinn erbringen. Außerdem waren die Templer nicht nur von der Steuer befreit, sondern durften selbst Steuern erheben. Der Orden häufte so mit der Zeit einen immensen Reichtum an Geld und Besitz an.

Zudem funktionierte der Orden auch als eine Art Kreditinstitut, indem er u.a. dem englischen und französischen König Geld verlieh – gegen Zinsen, was zwar verboten war, aber stillschweigend hingenommen wurde. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts machten die Templer Geldanleihen dann zu einer regulären geschäftlichen Betätigung und wurden zu einer europaweiten Finanzmacht. Sie unterstützten z.B. finanziell die Könige bei den Kreuzzügen, wenn diesen das Geld ausging.

Sie erfanden auch eine eigene Art der Kreditbriefe (Vorläufer der heutigen Reiseschecks). Wer einen Betrag in einer ihrer vielen Komtureien in Europa einzahlte, konnte man z.B. die gefährliche Reise ins Heilige Land bargeldlos antreten. Der Reisende konnte mit der entsprechenden Quittung unterwegs in den Besitzungen der Templer jederzeit Geld abheben. So war er davor geschützt, bei einem Überfall sein ganzes Geld zu verlieren.

Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon

Untergang der Templer

1291 gingen die Gebiete der Kreuzfahrer im Heiligen Land verloren und die Templer wurden aus dem Land geworfen. Sie mussten sich umorientieren, aber der französische König wollte die Templer aufgrund ihrer großen finanziellen Macht ganz vernichten. So wurden die Templer 1305 schwerer Vergehen bezichtigt – von Ketzerei, Götzenanbetung und sogar Sodomie war die Rede. Am 14. Oktober 1307 wurden sämtliche Templer verhaftet auch mit Unterstützung des Papstes. Sie wurden gefoltert und ihnen wurde z.T. über Jahre der Prozess gemacht.

Allerdings war lange Zeit nicht bekannt, dass Papst Clemens V. den Templern im Jahr 1308 die Absolution erteilt hatte, nachdem sich diese für allerlei Missstände in ihrem Orden entschuldigt hatten. Zugleich nahm er sie wieder in die Kirchengemeinschaft auf. Damit stand fest, dass die Templer keine Ketzer waren und der Pontifex den Orden, der ihm allein unterstellt war, reformieren und erhalten wollte. Der gesundheitlich angeschlagene Clemens V. residierte seinerzeit in Avignon. So war er aber dem Druck des mächtigen französischen Königs Philipp des Schönen ausgesetzt, der die Templer vernichten wollte und eine Verleumdungskampagne gegen den Ritterorden entfesselt hatte. Daher wagte es der Papst nicht, sein Urteil zu veröffentlichen.

So wurden die Templer auf Betreiben Philipp des Schönen weiterverfolgt, eingekerkert und gefoltert. Philipp dem Schönen ging es darum, das Vermögen der Templer an sich zu reißen und die Kirche durch die Zerschlagung des Ordens zu schwächen. Auch konnte er sich so einer drückenden Geldschuld entledigen, die er bei den Templern hatte. Über 1000 Ordensniederlassungen fielen an die Krone. 1312 wurde der Orden endgültig aufgelöst und der Großmeister Jacques de Molay auf der Île de la Cité in Paris lebendig verbrannt. Nachdem es keinen Orden mehr gab, war kein Prozess mehr möglich; es blieb bei Ermittlungsverfahren. Die verbleibenden Templer kamen bei anderen Orden unter.

Die Besitzungen der Templer gingen aber nur teilweise an die Krone. Denn der Papst machte einen Strich durch die Rechnung Philipps des Schönen. Clemens übertrug Güter der Ordensgemeinschaft offiziell an die Johanniter/Hospitaliter, die als Brüder der Templer im Geiste ihre Arbeit bis 1789 fortführten. In Spanien knüpfte der spanische Ritterorden von Montesa unmittelbar nach der Auflösung des Templerordens an dessen Geschichte an. Der Orden von Montesa wurde 1316 von Jakob II. von Aragón gegründet und mit den Gütern des Templerordens ausgestattet. Dieser Orden wurde zunächst hauptsächlich zu dem Zweck gegründet, den Templern Unterschlupf zu bieten.

Es gibt noch eine vollständige Burg des alten Templerordens in Europa – die Burg von Ponferrada in Spanien-, alle anderen wurden zwischenzeitlich zerstört. Allerdings finden sich sowohl in Frankreich als auch in Spanien noch zahlreiche Türme und Burgruinen.

 

Von de:Benutzer:Dietmar_Gikjohann at http://de.wikipedia.org/ - photo by de:Benutzer:Dietmar_Gikjohann, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1694223 Templerburg Ponferrada am Jakobsweg in Spanien
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Die Pons Valentré in Cahors – eine der schönsten befestigten Brücken des Mittelalters

Die Pons Valentré in Cahors – eine der schönsten befestigten Brücken des Mittelalters

Via Podiensis

Der Pont Valentré (okzitanisch Pont de Balandras) ist eine Brücke, die den Fluss Lot im Westen von Cahors überquert. Mit ihren drei befestigten Türmen, den sechs Bögen und den mit spitzen Bastionen bewehrten Pfeilern bildet sie ein außergewöhnliches Beispiel eines mittelalterlichen Verteidigungsbauwerkes.

 

Cahors liegt auf einer Halbinsel in einer engen Flussschleife des Lot, der die Stadt im Westen, Süden und Osten umgibt. Von den drei Brücken, die den Zugang zur Stadt im Mittelalter schützten, steht heute nur noch der Pont Valentré. Die Brücke wurde in der Zeit der englisch-französischen Kriege erbaut und ist eines der wenigen Beispiele von Militärarchitektur aus dieser Epoche, die heute noch existieren. Sie wird als eine der schönsten befestigten Brücken des Mittelalters angesehen. (s. auch Artikel „Der Hundertjährige Krieg“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Pont_Valentr%C3%A9#/media/Datei:Pont_Valentr%C3%A9_23078.jpg

Beschreibung

Die geschwungene Brücke erreicht mit ihren sechs gotischen Spitzbögen von durchschnittlich je 16,50 Metern Breite eine Länge von 138 Metern. Zusammen mit zwei weiteren schmalen Bögen, die sich über den Ufern erheben, ist sie 172 Meter lang. Die fünf im Wasser stehenden, 6 Meter breiten Pfeiler besitzen mit Zinnen bewehrte dreieckige Vorsprünge. Die Fahrbahn hat eine Breite von 6 Metern. Drei quadratische Türme versperren den Weg und erheben sich 40 Meter über dem Wasser, die Straße führt durch spitzbogige Durchfahrten in ihren Füßen. Diese konnten mit Fallgattern und Toren versperrt werden, so dass keine Schiffe hindurchfahren konnten. Die Türme sind ebenfalls mit Zinnen sowie Reihen von Wurf- und Gussöffnungen versehen. Schießscharten in Form eines Doppelkreuzes dienten der Aufstellung von Bogenschützen. Der Zugang zum ersten Obergeschoss der Brückentürme erfolgt über zinnenbewehrte Steintreppen, die übrigen sind innen über hölzerne Treppen erreichbar.

Zwei Barbarkane (bei mittelalterlichen Befestigungswerken ein dem Festungstor vorgelagertes Außenwerk) schützten den Zugang, jedoch ist nur die auf der östlichen Seite erhalten. Die äußere westliche Torburg wurde im 18. Jahrhundert abgerissen. Sie reichte bis an die Felsabhänge der anschließenden Hügel, der Zugang erfolgte durch ein Tor auf der Südseite. In ihr war eine der Jungfrau Maria geweihte Kapelle untergebracht.

Von Peter Gugerell - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3171706

Geschichte

Möglich wurde die Brücke durch das starke Selbstbewusstsein seiner aufstrebenden Bürgerschaft. Im Spätmittelalter wählten die sogenannten „Caorsins”,

lombardische Bankiers,reiche Kaufleute  und Händler die Stadt Cahors als ihren Stützpunkt in Südfrankreich. Indem sie sich über kirchliche Verbote hinwegsetzten, bescherten sie der Stadt unermesslichen Reichtum. Ihre Macht im 13. und 14. Jh. ist auch heute noch an den reichen Hausfassaden der Hauptachsen der Altstadt erkennbar. Die zuvor tonangebenden Bischöfe wurden von den Konsuln als neue Stadtherren abgelöst.

Die Stadtväter wollten ihre Reichtümer besser absichern. Jacques Arnaud Duèze, Sohn eines einheimischen Bankiers und Bischof von Fréjus (der spätere Papst Johannes XXII.)  überredete am 17. Juni 1308 die Stadtväter, eine wehrhafte Brücke über den Fluss zu schlagen. Ihre Aufgabe sollte die einer Festung sein und Cahors gegen Angriffe aus südlicher Richtung absichern. 1308 begann man mit dem Bau. Erst 1355 konnten Pilger und Kaufleute die Brücke über den an dieser Stelle 138 Meter breiten Lot erstmals passieren. Der Bau wurde frühestens 1378 vollendet. Zwischen 1867 – 1879 wurde die Brücke saniert und renoviert.

Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=905852

Mit der Festung wollte man sich auch gegen Angriff der beiden Kriegsparteien des Hundertjährigen Krieges, den Engländern und Franzosen, zur Wehr setzen. Allerdings hat keine Partei die Stadt je angegriffen. Und doch wurde sie zum Spielball der Mächte. Denn im Friedenvertrag von Brétigny 1360 überließen die Franzosen den Engländern die Gascogne, das Limousine und Calais und verzichteten auf die Souveränität über die Gebiete. Als Gegenleistung verzichtete der englische König Eduard III. auf den französischen Thron. Da aber beide Seiten den Vertrag nicht bestätigten, setzte sich der Krieg 1369 wieder fort. Cahors kam erst 1428 wieder an Frankreich. Sein Reichtum war dann allerdings dahin.

 

Von © MathieuMD / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23539634

Legende

Entnervt von dem langsamen Fortgang der Arbeiten schloss der Baumeister einen Pakt mit dem Teufel. Dieser sollte seine gesamten Fähigkeiten in den Dienst des Baus stellen. Befolgte er alle ihm gegebenen Befehle, würde der Baumeister ihm seine Seele verschreiben. Die Brücke wuchs schnell empor, und mit dem Ende der Arbeiten nahte die Zeit für die Bezahlung. Um seine Seele zu retten und nicht die Ewigkeit in den Feuern der Hölle verbringen zu müssen, forderte der Meister den Teufel auf, für den letzten Mörtel mit einem Sieb Wasser für die Arbeiter zu holen.

Natürlich war der Teufel dazu nicht in der Lage und konnte so seinen Vertrag nicht erfüllen. Er beschloss, sich zu rächen und erschien nun jede Nacht, um den Schlussstein aus dem mittleren Turm, der auch Teufelsturm genannt wird, herauszubrechen, sodass die Maurer ihn am nächsten Tag immer wieder ersetzen mussten.Im Zuge von Restaurierungsarbeiten an der Brücke fügte der Architekt Paul Gout 1879 in dieser Lücke einen behauenen Stein ein., um an die alte Legende zu erinnern. Dieser Stein zeigt den Dämon, wie er vergeblich versucht, den Stein herauszureißen – seine Klauen bleiben im Zement stecken.

 

Auf dem Jakobsweg führt unser Weg über die Brücke und hinauf auf die Kalkhochfläche der Quercy Blanc. Es ist ein steiler Aufstieg über viele Stufen und steile Wege. Von oben hat man allerdings noch einmal einen grandiosen Blick auf die Altstadt von Cahors und die Brücke von Valentré.

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Jean-Francois Champollion und die sensationelle Entschlüsselung der Hieroglyphen

Jean-Francois Champollion und die sensationelle Entschlüsselung der Hieroglyphen

Der berühmteste Bürger Figeacs ist sicher Jean-Francois Champollion (1790 – 1832), gelang ihm doch vor 200 Jahren die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen.

 

Champollion wurde als siebtes von achten Kindern des Buchhändlers Jacques Champollion und seiner Ehefrau Jeannne-Francoise Gualien im Jahr 1790 in Figeac geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Aber er war ein Sprachgenie. So lernte er als Jugendlicher schon sechs Sprachen – Latein, Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Syrisch und Aramäisch und mit 17 Jahren noch Koptisch und Persisch. Von 1807-09 studierte er in Paris Arabisch, Persisch und Koptisch. 1810 wurde er mit 19 Jahren Professor für Geschichte des Altertums an der Akademie in Grenobel. Nach politischen Wirren und seiner Ämter beraubt reiste er im Jahr 1821 wieder nach Paris, wo er sich vor allem auf Übersetzungen konzentrierte.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jean-Fran%C3%A7ois_Champollion,_by_L%C3%A9on_Cogniet.jpg

Fasziniert durch den Ägyptenfeldzug Napoleons und die archäologischen Funde fing Champollion schon 1808 an, sich mit einer Kopie der Schriften des Rosette-Steines zu beschäftigen. Den Stein von Rosette hat er allerdings nie in natura sehen können, da die monumentale Tafel nach dem erzwungenen Rückzug Napoleons von den Engländern beschlagnahmt wurde und im British Museum in London landete. Dort ist sie heute noch zu besichtigen.

 

Das Besondere an dem bei Napoleons Feldzug in Ägypten gefundene Stein von Rosette ist, dass er quasi eine Übersetzungsanleitung enthält. Der Stein besteht nämlich aus drei Teilen. Auf dem über eine Dreivierteltonne schweren Block aus granitähnlichem Gestein befindet sich eine fragmentarische Inschrift in drei verschiedenen Schriften – dem Altgriechischen ebenso wie zwei damals unlesbaren Schriftsystemen, dem Demotischen sowie den ägyptischen Hieroglyphen. Oben sind ägyptische Hieroglyphen – damals noch als Sakralschrift von ägyptischen Gelehrten genutzt –, in der Mitte ist die ägyptische Gebrauchsschrift Hieratisch für die altägyptische Sprache Demotisch und unten ist eine Übersetzung in das in der Verwaltung gebräuchliche Altgriechische.

In den letzten Zeilen des griechischen Textes versteckte sich die Sensation. Dort war zu lesen, dass der Beschluss in drei Schriften aufgeschrieben werden sollte. Somit war klar, dass das, was in Hieroglyphen und Demotisch zu sehen war, den gleichen Inhalt wie der griechische Text haben musste.

 

Par Awikimate — Travail personnel, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84378499

Seine Kenntnisse vor allem der koptischen Schrift – es handelt sich dabei um die letzte Vertreterin einer sonst ausgestorbenen ägyptischen Sprachenfamilie, zu der auch die Sprache der Pharaonen zählte – halfen ihm bei der Entschlüsselung.

Nach Meinung Champollions war das bis heute existierende Koptisch die späteste Form der altägyptischen Sprache und somit wesentlicher Anhaltspunkt zur Entschlüsselung der hieroglyphischen Schrift. Sein Verständnis der koptischen Sprache ist somit ein Teil seines späteren Erfolges.

Außerdem kennt Champollion die Arbeiten der anderen Gelehrten mit all ihren richtigen Erkenntnissen und auch Fehlern. So hatte der englische Physiker Thomas Young kurz zuvor nachgewiesen, dass die oval umrundeten Hieroglyphen (“Kartuschen”) Königsnamen enthalten. Young gelang bereits die Entzifferung des griechischen Herrschernamens Ptolemäus. Doch er ging wie viele andere Gelehrte davon aus, dass die Hieroglyphen eine symbolische Bilderschrift sein müssten und scheiterte daher an der vollkommenen Entzifferung.

 

Erst Champollion bricht mit der allgemeinen Annahme, Hieroglyphen seien eine rein symbolische Bilderschrift. Eine recht einfache Überlegung bringt ihn in eine andere Richtung.

Der hieroglyphische Teil auf dem Stein von Rosette enthält mehr hieroglyphische Zeichen, als Worte im griechischen Teil zu finden sind. Wie soll da jedes Zeichen einer ganzen Idee, einem ganzen Wort entsprechen? Außerdem werden innerhalb des hieroglyphischen Textes auf dem Stein von Rosette die hieroglyphischen Zeichen mehrmals wiederholt.

Auch Champollion untersucht, wie andere Gelehrte vor ihm, zunächst die Königsnamen in den ovalen Kartuschen. Im griechischen Text des Steins von Rosette wird der Name Ptolemäus erwähnt. Ein fremder griechischer Name könne nicht einfach in das hieroglyphische Schriftsystem übertragen worden sein. Dieser griechische Personenname müsse, das hatte bereits Thomas Young herausgefunden, auch in der hieroglyphischen Schrift lautschriftlich verfasst worden sein. So ergeben sich die Hieroglyphen der Buchstaben p, t, o, l, m, ai und s.

Tatsächlich gelingt es Champollion, über die vielen Herrschernamen nach und nach immer mehr Lautzeichen zu entziffern. Champollion ist der erste Gelehrte, der versteht, dass die Hieroglyphen eine Mischung aus Laut- und Bilderschrift sind. Im September 1822 gelang es ihm, ein vollständiges System zur Entzifferung der Hieroglyphen aufzustellen Sein neu entdecktes System lässt sich fortan auf alle altägyptischen Inschriften anwenden und bedarf nur weniger Nachbesserungen.

 

Am 27. September 1822 präsentierte François Champollion seine Entzifferung der Hieroglyphen, erlebte allerdings zunächst eine große Enttäuschung. Vor der berühmten “Académie des In­s­crip­ti­ons et Bel­les-​Lett­res” in Paris stellte er seine Forschungen zur Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen vor. Doch kaum hatte er geendet, fielen die Gelehrten über ihn her, nannten ihn einen Scharlatan und Plagiator und fanden überhaupt, dass sich der gerade einmal 31-jährige Philologe zu viel herausnehme. Aber Champollion gab nicht auf. Er veröffentlichte Teile der Arbeit im Oktober 1822 in einem Brief an M. Dacier, den Ständigen Sekretär des ehrwürdigen Instituts und veröffentlichte eine ausführliche Erläuterung im April 1824. Das war dann der Durchbruch. 1830 wurde Champollion selbst zum Mitglied der Académie gewählt.

 

Seinen Traum, Ägypten mit eigenen Augen zu sehen, konnte er sich wenige Jahre nach seiner Entschlüsselung erfüllen. Von August 1828 bis Dezember 1829 leitete Champollion eine französisch-toskanische Expedition den Nil entlang bis Wadi Hafla. Begeistert schrieb er: „Unser Alphabet ist richtig! Es kann mit demselben Erfolg bei den ägyp­ti­schen Denk­mä­lern der Rö­mer-​ und Pto­le­mä­er­zeit und bei sämt­li­chen In­schrif­ten von Tempeln, Palästen und Gräbern der Pha­rao­nen­zeit an­ge­wen­det werden.” Es sollte seine letzte Reise werden, danach verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Am 4. März 1832 starb Champollion 41-jährig an einem Schlaganfall. Er ruht auf dem Friedhof  Pere Lachaise in Paris.

 

Seine Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen. Er ist eine Legende im Bereich der Ägyptologie. Seine Entschlüsselung der Hieroglyphen wurde der Schlüssel zur Geschichte Altägyptens und seiner 4000 Jahre dauernden Zivilisation.

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Der Geisterbahnhof von Canfranc

Der Geisterbahnhof von Canfranc

Bahnhof Canfranc

Anfang des letzten Jahrhunderts wollten die Regierungen von Frankreich und Spanien eine Zugfernverbindung zwischen Madrid und Paris errichten. Zunächst wurde dazu zwischen 1901 und 1927 die Bahnstrecke zwischen Pau und Saragossa gebaut. Für das Vorhaben wurden Flüsse umgeleitet, Bahndämme aufgeschüttet und Dutzende von Tunneln gegraben. Zur selben Zeit entstand der als Estation Internacional de Confranc bezeichnete Grenzbahnhof, der 1928 fertiggestellt wurde und vom spanischen König Alfons XIII und dem damaligen französischen Staatspräsidenten Gaston Donnergue eröffnet wurde. Der für das Äußere gewählte eklektische Beaux-Arts-Stil wurde von der Kultur der französischen Palastarchitektur inspiriert. Der Bahnhof besaß eine doppelte Nationalität. Er befand sich zwar 8 Kilometer von der Grenze entfernt auf spanischem Boden, da aber auf französischer Seite keine ausreichend große Fläche für einen Bahnhof vorhanden war, wurde er auch von den Franzosen mitgenutzt.

Der Bahnhof hat auf 1195 m Höhe liegend enorme Dimensionen. Mit fast 250 m Länge des Hauptgebäudes, 365 Fenstern und 150 Türen war er zur damaligen Zeit der zweitgrößte Bahnhof Europas !– nach Leipzig. Auf der einen Seite des Gebäudes lagen die Gleise für die Züge aus Frankreich, die die normale europäische Spurbreite von 1435 mm hatten. Auf der anderen Seite fuhren die spanischen Züge auf den Gleisen mit einer Spurbreite von damals 1668 mm. Also mussten alle Passagiere und Güter von der einen Seite des Gebäudes zur anderen Seite wechseln. So gingen die Passagiere durch das Bahnhofsgebäude und erledigten gleichzeitig die Zollformalitäten.

Tausende Reisende sollten hier täglich abgefertigt werden – so war der Plan.

Allerdings zeichnete sich sehr schnell ab, dass dies eine völlig unrealistische Planung war. Dafür waren wohl mehrere Gründe verantwortlich. Zum einen wirkte sich 1929 die Weltwirtschaftskrise auf den Handel aus, so dass weniger Waren transportiert wurden. Zudem waren die Züge durch die vielen Steil – und Kurvenstrecken (auf französischer Seite mit Steigungen bis zu 43%) zu langsam. Des weiteren wurde die Strecke mehrmals geschlossen – während des spanischen Bürgerkrieges zwischen 1936 und 1939 und dann in der Zeit von 1944 bis 1948. Franco ließ die Bahnlinie damals für mehrere Jahre schließen. Er fürchtete, dass spanische Partisanen aus Frankreich nachrücken könnten. Nach dem 2. Weltkrieg fuhren nur noch wenige Züge pro Tag, so das die Strecke eigentlich unrentabel war. 1970 kam für die Strecke das wohl endgültige Aus. Auf der französischen Seite versagten bei einem Güterzug die Bremsen, und die Waggons stürzten mitsamt der Brücke von L´Estanguet in einen kleinen Fluss. Für die Franzosen war dies ein willkommener Anlass, die defizitäre Linie stillzulegen.

Geblieben ist der monströse Geisterbahnhof, einer jener Lost Places in Europa mit seinen immensen Ausmaßen und seiner vielschichtigen Geschichte.

Es ist aber interessant, sich die Geschichte der Strecke und des Bahnhofs genauer anzuschauen, denn sie birgt zahlreiche Geheimnisse grausame und berührende und zeigt seine gerade im zweiten Weltkrieg besondere strategische Bedeutung.

Eines dieser Geheimnisse entdeckte der Busfahrer Jonathan Diaz auf, Fahrer des Linienbusses zwischen Canfranc und dem französischen Städtchen Oloron-Sainte-Marie. Im November des Jahres 2001 schlenderte der Franzose über die von Gras und Büschen überwucherten Gleise der Station. Bis zur Abfahrt seines Busses blieb noch etwas Zeit. Er kam an einem Haufen alter Unterlagen aus den verlassenen Zollbüros vorbei und steckte sich eine Hand voll dieser Papiere in die Jackentasche, machte sich zunächst über den Fund keine weiteren Gedanken. Daheim sah er sich die Zollpapiere aus der Kriegszeit dann genauer an.

Da fiel sein Blick auf die Eintragung: “Drei Tonnen Goldbarren.” Nun wurde ihm plötzlich klar, dass seine Entdeckung von größter Brisanz sein könnte. Denn der Busfahrer hatte die Leute in Canfranc schon häufiger davon munkeln hören, dass Raubgold des deutschen Hitler-Regimes über die Grenzstation nach Spanien und Portugal verschoben worden sei. Noch in derselben Nacht setzte er sich in sein Auto, fuhr über die Grenze nach Canfranc und sammelte in Plastiktüten weitere Papiere auf. Vorsichtig untersuchte Diaz die Unterlagen. Das Pergamentpapier war vergilbt und teilweise vermodert oder von Ratten und Insekten angefressen. Der Zoll hatte darauf alle jene Güter registriert, die die Grenze passierten.

Der 40-Jährige hielt ein Stück brisanter Geschichte in den Händen. Die von ihm eingesammelten Dokumente belegen, dass zwischen Juni 1942 und Dezember 1943 in Canfranc 86,6 Tonnen Gold die Grenze passierten. Davon gelangten 74,5 Tonnen nach Portugal und 12,1 nach Spanien. Weitere Dokumente, die in Archiven gefunden worden, gehen von mehr als 100 Tonnen Gold aus.

Die Papiere sind zwar nur Durchschriften, aber ihre Echtheit wird von niemandem angezweifelt. Wo die Originale sind, weiß niemand. Die Entdeckung bedeutete eine Sensation. Bisher hatte nämlich kein Wissenschaftler von den Goldtransporten über Canfranc gewusst. In den bisherigen Expertengutachten über die Gold-Lieferungen taucht der Name des Pyrenäendorfes nirgends auf. Die Papiere belegen, dass Spanien und Portugal mehr Raubgold vom Nazi-Regime erhielten, als bisher bekannt war. Wie kam es dazu?

Die Bahnstation wurde im zweiten Weltkrieg zum Umschlagsplatz für Handelsgüter neben Lebensmitteln und Textilien vor allem von Wolfram-Erzen aus Portugal und Spanien nach Deutschland und als Gegenleistung von Gold aus Deutschland via Schweiz nach Spanien/Portugal. Die Rohstoffe von der iberischen Halbinsel wurden von den Deutschen dabei mit sogenanntem Raubgold bezahlt. Von den insgesamt 184 Tonnen Gold, die während des zweiten Weltkrieges von 1942-44 über den Schweizer Grenzort Bellegarde und durch Frankreich nach Spanien und Portugal gingen, sind rund 86,7 Tonnen in Canfranc verschoben worden.

Der Grund für die Goldtransporte lag darin, dass die im zweiten Weltkrieg „neutralen“ Länder Spanien und Portugal sich weigerten, Reichsmark für ihre Produkte anzunehmen, da diese für ihren Handel mit den Alliierten wertlos war. Also wurden nur Schweizer Franken und Gold als Zahlungsmittel akzeptiert. Für die Deutschen war der Handel mit Spanien und Portugal aber kriegswichtig, da beide Länder ja das für die Waffenproduktion wichtige Wolfram lieferten. Es wird vermutet, dass ohne die Wolframlieferungen aus diesen Ländern Deutschland den Krieg nicht so lange hätte fortsetzen können.

In Spanien und Portugal herrschten zur damaligen Zeit Francesco Franco und Antonio Oliveira Salazar, zwei den Nazis gewogene faschistische Diktatoren, die aber stets ihre Neutralität erklärten und so den Krieg dazu benutzten, von beiden Seiten – von den Nazis und von den Alliierten – zu profitieren. Allgemein kann man wohl feststellen, dass im 2. Weltkrieg sogenannte neutrale Länder u.a. auf Grund ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten mit Deutschland den Verlauf des Krieges mit beeinflussten. Das geschah nicht nur durch die Lieferung von Wolfram aus Spanien und Portugal, sondern auch durch die Lieferung von Chrom und Kohle aus der Türkei und von Eisenerz aus Schweden. Auch die Schweiz hatte durch den Tausch von Nazigold in Schweizer Franken und durch den Transport von Nazigold nach Spanien einen nicht unerheblichen Einfluss.

Zwar behaupteten beide Länder -Spanien und Portugal – nach dem Weltkrieg, nichts von der Herkunft des Goldes gewusst zu haben, doch musste es beiden ebenso wie der Schweizer Nationalbank klar gewesen sein, dass das Gold keineswegs nur aus Goldreserven der deutschen Regierung bestehen konnte. Das Nazigold stammte wohl zum einen aus den Tresoren eroberter Länder und zum anderen von Opfern in den Konzentrationslagern und von enteigneten Bürgern und Verfolgten. Es war somit zumindest teilweise sogenanntes „Totengeld“. Mit dem Gold wurden dann entweder die Spanier und Portugiesen direkt bezahlt oder es wurde an die Schweizer Nationalbank im Gegenzug für Schweizer Franken oder portugiesische Escudos verkauft.

Als sich die Niederlage Hitlers abzeichnete, konnten sich einige der schlimmsten Naziverbrecher u.a. über den Bahnhof Canfranc nach Südamerika absetzen. Zudem  dienten wohl Goldreserven der Nazis in Portugal, Spanien und auch Argentinien dazu, dass sich einige Nazigrößen später ein gutes Leben in Südamerika leisten konnten. Nach Kriegsende ließen sich ca. 80.000 Deutsche und Österreicher in Lateinamerika nieder, unter ihnen mindestens 800 hochrangige Nazis und 200 gesuchte Kriegsverbrecher.

Paradoxerweise diente in den Jahren davor dieselbe Bahnhofstrecke vielen Flüchtlingen als Fluchtweg vor dem Nazis–Regime und als Zwischenstation auf ihrem Weg ins Exil über Lissabon nach Nord- oder Südamerika.

In Spanien verfolgte die Franco-Diktatur gegenüber den Flüchtlingen eine zwiespältige Linie. Einerseits ließ das Regime Juden über Spanien nach Nordafrika oder nach Lissabon und von dort nach Amerika entkommen. Denn Franco war auf die Öllieferungen von Briten und Amerikanern angewiesen. Andererseits stand der Diktator beim NS-Regime in der Schuld, weil Hitler ihn im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) unterstützt hatte. Um die Nazis nicht zu verärgern, sorgte Franco dafür, dass der Flüchtlingsstrom nicht zu sehr anwuchs.

Zudem wehte 1942 die Hakenkreuzfahne über dem Bahnhof.  Die Wehrmacht hatte den Süden Frankreichs besetzt und war auch in das Pyrenäendorf eingerückt – und das, obwohl der Ort acht Kilometer weit auf spanischem Gebiet liegt und Spanien nicht am Krieg beteiligt war. Als Vorwand für den Einmarsch diente den NS-Truppen die Tatsache, dass der Bahnhof nicht nur spanischer, sondern auch französischer Souveränität unterstand. Durch die Dorfstraßen patrouillierten spanische Polizisten, spanische Soldaten und deutsches Militär. Canfranc ist die einzige spanische Gemeinde, die von den Nazis besetzt wurde!

Bei der schwierigen Flucht von Juden und anderer Verfolgter spielte Albert Le Lay, Chef des Zolls auf französischer Seite, eine wichtige Rolle. Lange Zeit blieb sein Handeln unbekannt, denn er hatte seiner Familie nach dem 2. Weltkrieg verboten, über seine Tätigkeiten zu berichten. Erst durch die Recherchen von José Antonio Blanco und Manuel Priede González, die gemeinsam einen Dokumentarfilm mit dem Titel „El Rey de Canfranc“  produziert haben, brach einer der Enkel das Schweigen. So muss Le Lay Tausende von Flüchtlingen die Flucht nach Spanien ermöglicht haben, zum Teil indem er sie in bestimmte präparierte Hohlräume in den Zügen versteckte und so der Kontrolle entzog. Einige der bekanntesten Flüchtlinge über den Bahnhof Canfranc sind Marc Chagall, Max Ernst (s. Exkurs unten) und Josephine Baker. Dankesschreiben aus der ganzen Welt u.a. aus Japan und von der amerikanischen Botschaft belegen die Hilfsaktivitäten Le Lays. Er selbst führte u.a. ein Register, in dem er die Namen derer aufzeichnete, die ihm vor dem Grenzübertritt ihr französisches Geld überlassen hatten. Albert Le Lay verwendete die angesammelte Summe, um eine Schule in Canfranc zu eröffnen. Außerdem war er ein Verbindungsmann zwischen den französischen Widerstandskämpfern und den Alliierten.

Der auch als König von Canfranc bezeichnete Le Lay wurde dann aber durch die Gestapo entlarvt. Auf Grund eines Tipps konnte er sich allerdings mit einer abenteuerlichen Flucht nach Algerien rechtzeitig der Verhaftung entziehen. Nach dem Krieg kehrte er in seine Gemeinde zurück, ohne aber je wieder über seine Aktivitäten zu sprechen. Im Jahr 1988 starb er hier.

Zudem wurde der Bahnhof auch von den Spionen der Alliierten genutzt, die über ein Spionagenetz Informationen an Frankreich und Spanien weitergaben, um so unter anderem auch den französischen Widerstand, la Résistance, zu unterstützen. Es ist anzunehmen, dass natürlich auch die Nazis hier ihre Spione hatten, um genau das zu verhindern.

Wer mehr über die schwierige Flucht jüdischer Intellektueller aus Frankreich über Spanien und Portugal nach Übersee wissen möchte, dem empfehle ich das Buch von Uwe Wittstock “Marseille 1940”, die große Flucht der Literatur; München 2024 . Unter diesen Flüchtlingen waren Alma Mahler-Werfel, Franz Werfel, Oskar Kokoschka, Heinrich Mann und seine Frau Nelly, Golo Mann, Thomas Manns Sohn, Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta , Walter Benjamin, um nur einige Namen zu nennen, die allerdings auf anderen Fluchtwege die Pyrenäen überquerten.

Exkurs:

Max Ernst hat allerdings den Übergang von Canfranc genutzt. Wittstock erzählt dazu folgende Episode.

Juni 1941 versucht Max Ernst über den Grenzbahnhof von Canfranc nach Spanien zu kommen, obwohl seine Ausreisepapiere unvollständig sind. Man benötigte ein Ausreisegenehmigung von Frankreich und ein Transitvisa für Spanien und Portugal, wobei das Vichy-Regime sehr restriktiv mit den Ausreisevisas umging. Max Ernst packt also seine Bilder zusammen, einige Leinwände rollt er zusammen, andere in Keilrahmen schnürt er zu einem großen Paket. Dann leiht er sich fünfzig Dollar Reisegeld, denn er hat inzwischen kein Geld mehr und fährt über Toulouse und Pau in die Pyrenäen. Der Beamte, der seine Papiere überprüft, bemerkt, dass sein Ausreisevisum ungültig ist und beschlagnahmt seinen Pass. Ohne Pass kann Max Ernst jederzeit von der Polizei aufgegriffen werden und in ein Internierungslager gebracht werden. Trotzdem geht er auf die andere Seite des Bahnhofs zu den spanischen Kontrollen. Hier rollt er seine Leinwände aus und breitet seine Arbeiten in der Bahnhofshalle aus. Die Zöllner und auch die anderen Passagiere schauen sich bewundernd seine Bilder an. Durch die Unruhe im Bahnhof aufmerksam geworden, kommt auch der französische Grenzer in die Halle. Lange betrachtet er die Bilder. Dann bittet er Max Ernst in sein Büro. Hier zeigt er sich beeindruckt vom Talent und den Bilder von Max Ernst. Dann gibt er ihm den Pass zurück, zeigt ihm den richtigen Zug nach Spanien und verschwindet. Max Ernst packt seine Bilder wieder zusammen und steigt in den Zug nach Madrid und Lissabon ein. 1953 kehrt Max Ernst – jetzt allerdings als anerkannter und geehrter Künstler des Surrealismus – nach Frankreich zurück und lebte dort bis zu seinem Tod in Paris im Jahr 1976.

 

Heutige Situation des Bahnhofs

Inzwischen gibt es viele Initiativen und Aktionen, um den Bahnhof und seine Gebäude wieder zu aktivieren und den Ort touristisch aufzuwerten, bislang allerdings ohne großen Erfolg. 

Diese Aussage von 2018 trifft inzwischen nicht mehr zu. Nachdem der Bahnhof 2002 zum Kulturgut erklärt wurde und zum historischen Kulturerbe der Eisenbahn sind sowohl die Aktivitäten der Eisenbahn als auch der Gemeinde Canfranc nun von Erfolg gekrönt. Der Bahnhof wurde von der Barcelo Hotel Group in einem jahrelangen Prozess liebevoll und sehr aufwendig restauriert und erstrahlt in neuem Glanz. Im Januar 2023 eröffnete das fünf Sterne Royal Hideway Hotel Confranc. Bei der Innengestaltung ist eine wunderschöne Symbiose zwischen modernen Ansprüchen und historischen Elementen, die sich an der Blütezeit des Bahnhofs orientieren, gelungen. 

Die Gemeinde erhofft sich nun eine weitere Belebung des Tourismus. Im März 2023 wurde auch ein neues Pilgerbüro am Bahnhof eingerichtet. Zudem soll auch der Bahnverkehr aktiviert werden. Bislang kommen nur spanische Züge an der spanischen Grenze an. Man hofft aber, dass bis 2026 die Eisenbahnstrecke zwischen Spanien und Frankreich reaktiviert wird.

Im Somport-Eisenbahntunnel befindet sich auch das Laboratorio subterráneo de Canfranc (LSC, dt. Unterirdisches Labor von Canfranc). Es ist eine unterirdische Versuchsstation für Experimente der Teilchenphysik. Die drei Experimentierhallen haben durch das Bergmassiv eine Abschirmung vor kosmischer Strahlung, die 700, 1.400 bzw. 2.450 m Wasser entspricht.

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Die Unberührbaren

Die Unberührbaren - die Cagots

Cagots – von Frankreich und Spanien und die Funktion von Vorurteilen

Gesicht eines Cagots

In einem Kriminalroman aus der Baztan-Trilogie von Dolores Redondo wurde die Gruppe der Cagots mehrmals erwähnt. Mir sagte das zunächst nichts. Aber wie das ja häufig der Fall ist, wird man erst einmal auf etwas aufmerksam, dann findet man plötzlich mehr Informationen, über die man normalerweise hinweggegangen wäre. So stieß ich auf einer Seite von www.mein-frankreich.com auf einen Artikel über die Cagots und  auch im Buch von Arno Geiger “Reise nach Laredo” spielt ein Cagot  Geschwisterpaar eine wichtige Rolle. So entschloss ich mich, hier darüber zu berichten. Auch wenn die Geschichte der Cagots vielleicht Vergangenheit ist, so ist es das Thema der Diskriminierung von Menschen sicher nicht.

Name und Verbreitungsgebiet

Als Cagots (baskisch Agotak) bezeichnete man eine Personengruppe, die vom 13. bis 19. Jahrhundert in Frankreich und Spanien diskriminiert wurde. Obwohl sie jahrhundertelang auf Beziehungen untereinander reduziert waren, bildeten sie keine geschlossene Gruppe, sondern sie lebten in kleinen Gruppen von mehreren Familien am Rande von Städten und Dörfern.

Cagots gab es in Frankreich von der Gascogne bis ins Baskenland, im Armagnac, im Bearn und in den Pyrenäentälern, in Spanien in Aragon, im Süden Navarras, im Baskenland und in Asturien. Im Bereich der Pyrenäen war die Bezeichnung Cagot oder Cahet üblich, aber es sonst auch andere Bezeichnungen wie Agots, Capins, Kognards (wegen der Entenfüße, die sie z.T. tragen mussten) oder Chretien oder Chretias.

Über Ihre Herkunft gibt es keine gesicherten Aussagen. Die einen vermuten, dass die Cagots von den arianischen Westgoten abstammen, andere halten sie für Nachfahren der Sarazenen und vor allem im Baskenland für eingewanderte Romas.

Ausgrenzungsgründe

Worauf die Abgrenzung beruht, ist auf Grund der Literaturlage nur teilweise nachvollziehbar. Es gibt erste Information über sie im 10. Jh., aber wirklich bekannt wurden sie erst ab dem 12. Jh.

Sie lebten am Rande der Dörfer und Städte als segregierte Gemeinschaft. Eigentlich unterschieden sie sich nicht von ihren Nachbarn in Sprache, Ethik oder Religion, aber auf Grund ihrer Historie wurden sie mit der Krankheit Lepra in Verbindung gebracht. Die Ängste in der Bevölkerung  bezüglich Lepra drückten sich dann in fantastischen Vorwürfen gegen dieser Gruppe aus, die keineswegs der Realität entsprachen. Wenn es zunächst vielleicht Leprakranke waren, die sich am Rande der Dörfer ansiedelten, so wurden dann die späteren Nachfahren mit dem Stigma der Krankheit belegt, obwohl sie keine Kranken oder Überträger mehr waren, was sogar um 1600 offiziell von Ärzten der Universität Toulouse bestätigt wurde. Trotzdem wurde der Begriff weiter als nicht sichtbares Abgrenzungsmerkmal verwendet. Zusätzlich spielte auch die wirtschaftliche Situation eine Rolle. Da die Cagots nur bestimmte Berufe ausüben konnten und diese gesellschaftlich meist als  minderwertig erachtet wurden, waren die Cagots meist arm. Aber Armut wurde in der gesellschaftlichen Entwicklung im stärker diskriminiert. So führte eine Kombination von ihrem marginalen Status, ungeachtet der wirklichen Gesundheit, und Armut zu einer Verstärkung der Marginalisierung.

Sie wurden als Aussätzige behandelt und das über sechs Jahrhunderte!  So mussten sie zum Teil ein markantes Erkennungszeichen tragen, nämlich Krähen- oder Entenfüße aus rotem Stoff auf der Kleidung. Die Krähenfüße sehen ähnlich wie ein Feigenblatt aus. Das Feigenblatt war im neuen Testament ein Stigmatisierungszeichen für Leprakranke und gleichzeitig ein Hinweis auf ein Heilmittel gegen Lepra. Durch diese Stigmatisierung waren sie die Unberührbaren.

Interessant ist aber die Tatsache, dass Cagots nie Opfer von Gewalt in der Gesellschaft wurden wie z.B. die Juden oder die fahrenden Völker. Das zeugt von einer gewissen Integration in die Gemeinden, obwohl sie segregiert waren. Sie waren – wenn auch ein verachteter und unangenehmer – Teil einer Gemeinschaft. Dies verlangte Kontrolle über sie, aber nicht Bestrafung oder Vernichtung.

Diskriminierungen

Diese Marginalisierung mit ihrer vielfältige Ausgrenzung kann über Jahrhunderte nachgewiesen werden.

  • Sie mussten in eigenen Stadtvierteln leben. Sie hatten eigene Brunnen und eigene Waschhäuser. Es war ihnen nicht erlaubt, die der „Normalen Bewohner“ zu benutzen. Sie durften nichts anfassen, was auch „Nicht Cagots“ anfassten. Tiere durften nur für den Eigenbedarf gehalten werden und keinesfalls verkauft werden.
  • In den Kirchen hatten sie einen eigenen niedrigen Seiteneingang. Die Kommunion wurde ihnen nur mit einem langen Löffel gereicht. Sie mussten einen eigenen Friedhof benutzen. Auf der Taufurkunde stand nur der Vorname und dann Cagot.
  • Sie durften nicht mit „Nicht Cagots“ zusammen essen. Außerdem war es ihnen verboten, „Nicht Cagots“ zu heiraten. So suchten sie sich ihre Partner in anderen Familien außerhalb ihrer eigenen Wohngemeinschaften um Inzucht zu vermeiden, was wohl nicht immer gelang.
  • Außerdem bestand ein Verbot für die Ausübung der meisten Berufe. Da man glaubte, dass Holz und Eisen keine Leprakrankheiten übertrugen, waren die Berufe, die sie ausüben konnten, vor allem Tischler, Schreiner, Holzfäller, Totengräber und Schmiede aber auch Korbmacher und Schneider. Da sie Experten für Holzbau waren, sind nachweislich viele Kirchen in den Pyrenäen von ihnen mitgestaltet worden. Sie werden als freundliche und fleißige Handwerker beschrieben.

Integration

Die Diskriminierung richtete sich gegen die Cagots allein aufgrund des Makels ihrer Verarmung, des Stigmas der Segregation und der über Generationen hinweg verkrusteten negativen Stereotype. Seit mindestens dem 13. Jahrhundert waren die Cagots Diskriminierung ausgesetzt, allein weil sie Cagots waren. Als eigenständiges Phänomen existierten sie nur so lange, wie sie marginalisiert wurden.

Es war die Französische Revolution, die es ihnen ermöglichte, in Frankreich endgültig Vollbürger zu werden. De facto wurden die Cagots jedoch vielerorts noch lange danach diskriminiert; besonders aus der Bretagne wanderten viele von ihnen nach Amerika aus, um dort ein neues Leben zu beginnen. 

In Spanien dauerte es bis 1819, bis das Parlament die Marginalisierung von Cagots ausdrücklich untersagte.

Die Diskriminierung definierte die Cagots, und als sie nachließ, verschwanden sie. Aber wie sieht es heute wirklich aus?

Hilke schreibt in ihrem Blog www.mein-frankreich.com dazu:

Ich verzichte bewusst auf die Darstellung der diskriminierten Menschen. Inzwischen habe ich einige von ihnen persönlich kennengelernt. Einstimmig berichteten sie, dass die cagots bis heute nicht vollständig in der Gesellschaft akzeptiert und integriert sind.

Und ein englischer Reporter, der eine Frau, die von den Cagots abstammt, interviewte, wollte sie und ihre Kinder fotografieren. Sie hat das für sich akzeptiert, aber ihre Kinder wollte sie nicht fotografieren lassen. Hier ihre Begründung:

“I’m sorry but no. It is OK for me to admit where I come from. But if people knew about my children’s background, it might be difficult for them.”

She gazes out of the window, at the distant green Pyrenees. “In some places, the hatred lingers. Even now. The Cagots may be silent but I can still hear it.”

Aber es gibt auch eine Erinnerungskultur. So befindet sich das Musée des Cagots in dem Städtchen Arreau in den Hautes Pyrenées. Allerdings versteckt sich das musée des cagots im Château d’Arreau im ersten Stock und besteht aus einem einzigen Saal. Außerdem weisen gelegentliche Straßenschilder auf ihre frühere Anwesenheit hin. Ab und zu findet man auch an den Kirchen noch die kleinen Seiteneingänge für die damaligen Cagots. Manche dieser Eingänge sind inzwischen auch zugemauert.

Die Cagots und ihr Name mögen verschwunden sein, aber ihre Geschichte sollte nicht aus Scham verdrängt werden. Denn die Erinnerung an ihre Geschichte birgt auch die Chance, das Thema Marginalisierung und Diskriminierung und die Problematik von Vorurteilen zu thematisieren. Denn Vorurteile sind zu jeder Zeit – also auch heute – ein wichtiges gesellschaftliches Thema, mit dem man sich auseinandersetzen sollte. Daher sind unten einige grundsätzlichen Erkenntnisse zu Vorurteilen zusammengestellt

Quellen

Wie funktionieren eigentlich Vorurteile?

Von klein auf lernen wir Menschen in Schubladen zu stecken. Diese Einteilungen helfen uns, die Welt zu ordnen und den Überblick zu behalten. Aber die Kategorisierung hat noch einen anderen Zweck. Sie teilt die Menschen in „wir“ und „die“ ein. Die Mitglieder der Eigengruppe werden geschätzt, die der Fremdgruppe meist distanziert betrachtet. Dann werden diese Schubladen, in die man die Menschen gesteckt hat, etikettiert, d.h. sie werden mit einer positiven oder negativen Bewertung belegt. So wird aus einem zunächst (meist) nur falschem Stereotyp ein Vorurteil. Vorurteile sind somit verallgemeinernde, voreilige, fehlerhafte, pauschalierende Urteile über Menschen.

Ein Vorurteil ist eine ungerechtfertigte und in der Regel negative Einstellung gegenüber einer Gruppe und ihren Mitgliedern. Vorurteile beinhalten also stereotype Überzeugungen, negative Gefühle und die Bereitschaft zu diskriminierendem Verhalten. Ein Vorurteil ist somit eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, von einer Gruppe oder ihren einzelnen Mitgliedern in günstiger oder ungünstiger Weise zu denken, eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Der Ausdruck Vorurteil betont dabei den emotionalen, wahrnehmungsmäßigen und kognitiven Gehalt der inneren Prädispositionen und Erfahrungen eines Individuums. Das Verhalten muss nicht notwendigerweise mit diesen Erfahrungen übereinstimmen. (Stangl, 2026).

Als Maße für die Stärke von Vorurteilen können sowohl tatsächlich ausgedrückte Emotionen als auch die Konsistenz in verschiedenen Situationen herangezogen werden, am häufigsten wird jedoch der Grad von positivem (oder negativem) Gefühl gegenüber einer bestimmten und oft ethnisch definierten Gruppe herangezogen. Meist beziehen sich Vorurteile auf negative, abwertende Einstellungen gegenüber Außengruppen bzw. Minoritäten. Die kognitive Komponente der Vorurteile das subjektive Wissen bzw. die Meinungen über die Außengruppe wird dann als Stereotyp bezeichnet. Soziale Vorurteile sind extrem änderungsresistent, daher stereotyp, als sie bei hoher Verschiedenartigkeit der Situationen minimale Unterschiede in den Urteilen zeigen und auf umfangreichere, soziologisch definierte Klassen von Personen bezogen sind. Vorurteile beinhalten dabei immer Gefühle und ein System mehr oder weniger deutlicher Überzeugungen. Vorurteile implizieren im Alltag oft eine ablehnende oder sogar feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe gehört, der man die zu beanstandenden Eigenschaften zuschreibt. (Stangl, 2026).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2026, 6. Jänner). Vorurteil. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/4678/vorurteil

Durch eine kritische Wahrnehmung und eine offene Einstellung lassen sich Vorurteile auch wieder abbauen. Aber leider haben Vorurteile die Tendenz sich zu verfestigen. Durch eine Zustimmung meiner Bewertung in meiner Eigengruppe kommt es zu einer ersten Verfestigung. Zudem stärkt das gemeinsame Vorurteil das interne Gemeinschaftsgefühl und die bewusste Abgrenzung nach außen. Man fühlt sich anderen gegenüber überlegen. Also warum sollte man an seiner Bewertung zweifeln! Zudem bemerkt man die negativen Zuschreibungen deutlicher und man schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit als jenen Vorkommnissen, die z.T. sogar häufiger und eigentlich positiv zu bewerten wären. Man stuft diese einfach als Ausnahmen ein und kann so sein Vorurteil behalten. Auf Grund dieser Prozesse besteht natürlich keine Notwendigkeit, das Vorurteil in Frage zu stellen. Somit kann es sich weiter verfestigen und es dann sehr schwer, solche Vorurteile aufzubrechen.

Quellen

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Historisches Historisches Via Podiensis

Das Quercy

Das Quercy

als Beispiel für die wechselhafte Geschichte einer Landschaft im Vorfeld und während des 100jährigen Krieges

Quercy ist eine alte Provinz und liegt zwischen den beiden Flüssen Dordogne (im Norden) und Tarn (im Süden).  Sie grenzt im Norden an das Limousin, im Westen ans Périgord und Agenais, im Süden an die Gascogne und das Languedoc, sowie im Osten an Rouergue und die Auvergne. Das heutige Departemente Lot (46) und etwa die Hälfte des Departements Tarn et Garonne (..) entsprechen in etwa dem alten Quercy. 

Zur Zeit der Römer war die Provinz Quercy ein Teil von Aquitania prima. Im 4. Jahrhundert wurde die Region christianisiert. Zwei Jahrhunderte später fiel die Provinz an die Franken und im 9. Jahrhundert wurde sie ein Teil des fränkischen Königreichs Aquitanien. Ende des 10. Jahrhunderts waren seine Herren die mächtigen Grafen von Toulouse. Im Mittelalter führte die Via Podiensis über Figeac, Cahors und Moissac quer durch das Quercy, das mit Rocamadour eines der wichtigsten Pilgerziele Frankreichs besaß.

Während des 100-jährigen Krieges zwischen England und Frankreich besetzten die Engländer 1156 das Quercy und errichteten verschiedene Garnisonen. Durch den Frieden von Abbeville 1259 kam die Provinz Quercy unter englische Oberhoheit. Die genaue Abgrenzung erfolgte aber erst 1285. Zwischen 1292 und 1302 beschlagnahmte der König von Frankreich wiederum das Gebiet. Durch den Frieden von Bretigny 1360 fiel die Provinz an England, in den Jahren 1373–1380 eroberte Bertrand du Guesclin das Gebiet für die französische Krone zurück, dann ging es wieder an die Engländer. 1389 wurde das Rocamadour-Heiligtum von den Engländern eingenommen und geplündert, aber 1440 wurden sie schließlich definitiv aus dem Quercy vertrieben. Zwischen 1259 und 1453, d.h. während des englischen Besitztums, hieß das Königreich Aquitanien Guyenne, zudem eben auch das Quercy gehörte. Während dieses ganzen Hin und Her der Besitzverhältnisse bestätigten und erweiterten sowohl die Monarchen von England wie auch die Könige von Frankreich die Privilegien der Städte und Distrikte, beide in der Hoffnung, die Einwohner auf ihre Seite ziehen zu können.

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Historisches Historisches Via Podiensis

Die Bastiden

Die Bastiden

als Zeichen von Städtgründungen und kriegerischen Auseinandersetzungen

Ein sichtbares Relikt der Städtgründungen aber auch der kriegerischen Zeiten des Mittelalters in Frankreich sind die Bastiden, die Wehrdörfer, denen wir immer wieder auf unserer Wanderung begegnen. Bastide (occitanisch: bastir = „bauen“) ist eigentlich die Bezeichnung für die im Mittelalter gegründeten und weitgehend in einem Zug erbauten Städte Okzitaniens, also des Südwesten Frankreichs. In der Zeit von 1222 bis 1373 (Beginn des 100jährigen Krieges) wurden hier zwischen 300 bis 500 neu gegründete Städte errichtet. Sie bildeten örtliche politische und wirtschaftliche Zentren mit Selbstverwaltung.

Gründer waren weltliche Seigneurs (u.a. auch die Könige von Frankreich und England sowie Grafen und lokale Fürsten als Lehnsherren) sowie kirchliche Herren (hier Bischöfe und Zisterzienserklöster), die mit den Grundherren spezielle notariell beglaubigte Verträge abschlossen.

Ziele waren zum einen die Grenzmarkierung von Herrschaftsgebieten zum anderen die Zuwanderung in entvölkerte Landstriche und dadurch die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen als Einkommensquelle für die Gründer sowie die Entwicklung von Märkten. U.a. durch die zunehmende Bevölkerungsentwicklung und die Seßhaftmachung der Halbnomaden in diesen Regionen konnten diese Gebiete besiedelt werden. Meist entstanden diese Bastiden an Orten ohne Vorgeschichte, bei aufgelassenen Dörfern, an Kreuzungen und in Gebieten mit guter Bodenqualität und Wasser. Sie wurden häufig verteidigungsstrategisch auf einer Kuppe oder einem Plateau errichtet und sollten der Landbevölkerung Schutz in Zeiten von kriegerischen Auseinandersetzungen geben. So wurden sie auch oft – allerdings meist erst einige Zeit nach ihrer Gründung – mit Stadtmauern befestigt.  Raymond VII., Graf von Toulouse (1222-1249), sicherte so sein Reich mit dem Bau von Bastiden vor und nach dem Albigenser-Kreuzzug, wie die Katharer auch genannt werden. Alfons von Poitiers (1250-1270) setzte sein Werk fort und gründete gleich 54 Bastiden, um während der englisch-französischen Kriege seine Westgrenze zum Herzogtum Aquitanien abzusichern.

Der englische König Edward I.  reagierte darauf mit dem Bau von Bastiden in seinem Reich. Als 1337 der 100-jährige Krieg zwischen England und Frankreich begann, läutete der das Ende des Bastiden-Booms ein. Labastide-d’Anjou in Aude gehörte zu den letzten, die vollendet wurde.

Ihr Aufbau ist geplant und besteht meist aus einem rechtwinkligen Straßenmuster mit einem zentralen Marktplatz, an dem die Kirche, das Rathaus und oft eine Markthalle liegen. Er wird von Häusern häufig mit Arkadengängen gesäumt. Man konnte bei einem Angriff von allen Häusern relativ schnell zur Stadtmauer gelangen, um von dort den Ort zu verteidigen. Gerade im 100jährigen Krieg konnten die befestigten Städte überleben, während viele andere unbefestigte Städte wieder zerstört wurden.

Um die Bevölkerung anzulocken, gab es eine Reihe von lokalen Privilegien, ohne das grundsätzliche Feudalsystem zu ändern:

  • Steuererleichterungen
  • Gleichheit der Landverteilung
  • Rechtliche Gleichstellung
  • Freiheit für Leibeigene
  • Marktrechte für den Ort

An die Grundherren musste eine Grundsteuer gezahlt werden und ein Zehnt ging an die Pfarrei. Die Privilegien wurden auch beim Wechselspiel der Besitzverhältnisse zwischen den englischen und französischen Königen bestätigt und zum Teil ausgeweitet, um so die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

Welche Bastiden liegen u.a. auf dem Weg der Via Podiensis?

Lauzerte

Lauzerte entstand im Zuge des 100-jährigen Krieges, als die Grafschaften sich anschickten, ihre Grenzen und strategisch wichtigen Punkte durch befestigte Ortschaften vor den englischen Truppen zu schützen. Trotzdem wurde Lauzerte im 100- jährigen Krieg und auch in den Religionskriegen teilweise zerstört. Die Häuser um den Marktplatz mit ihren Fassaden aus dem Mittelalter und der Renaissance wurden renoviert.

Larressingle

Rund 270 Meter völlig intaktes Mauerwerk sowie ein Burggraben umschließen die wenigen Häuser sowie die Burg und die Burgruine. Noch immer verleihen die alten Häuser, die gleichzeitig die Festungsmauer bilden, dem Dorf ein mittelalterliches Flair. Die massive Wehrkirche St. Sigismund ist im Innern in ein romanisches und gotisches Schiff geteilt. Im 13. Jh. erhoben sowohl die französische wie auch die englische Krone Anspruch auf die Provinz Aquitanien. Um seinen Machtanspruch zu demonstrieren, ließ der französische König Larressingle und zahlreiche andere Siedlungen in der Region zu Bastiden ausbauen.

Montreal-du-Gers

Zu den frühen Bastiden gehört auch Montréal-sur-Gers, das Alphonse de Poitier im Herzen der Gascogne 1255 auf einem Hügel oberhalb des Auzoue gründete, direkt am Pilgerweg Via Podiensis nach Santiago de Compostela. Dass bereits hier die Römer ein Oppidum namens Celtiberum hatten, verrät eine kleine archäologische Ausstellung, das auch die Funde der Villa von Séviac aus dem 4. Jahrhundert birgt.

Die Stadt ist eine typische gascognische Bastide aus dem 13. Jh. Im Jahre 1320 wurde sie wie viele andere Städte der Region an das Herzogtum Guyenne angeschlossen, das sich im Besitz der englischen Krone befand. Daraufhin belagerte 1350 Karl der Schreckliche, König von Navarra, den Ort und übergab ihn 1368 dem Comte d’Armagnac. Von der ehemaligen Stadtbefestigung sind allerdings nur noch wenige Reste erhalten. Aber der Marktplatz, den bis heute die typischen Arkaden säumen, und die Straßen, die wie einst noch in Rechtecken angeordnet sind, sind noch in ihrer ursprünglichen Form vorhanden.

Montreal-du-Gers Marktplatz

Miramont-Sensacq

Das Dorf wurde 1276 durch den König von England als Bastide gegründet.

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Historisches Historisches Via Podiensis

Der 100jährige Krieg

Der 100 jährige Krieg zwischen England und Frankreich und seine Vorgeschichte

The War of Thrones

Wandert man durch Frankreich, so stößt man immer wieder auf Zeugen des 100- jährigen Krieges. Es lohnt daher, sich kurz einmal mit diesem Krieg (1337-1453) und seiner Vorgeschichte auseinanderzusetzen. Dabei wird hier weniger auf die einzelnen Kriege und Konflikte eingegangen, sondern bemerkenswert sind vor allem jene Aspekte, die damals tragende Elemente der Auseinandersetzungen waren. Und wenn man es genau betrachtet, so sind es immer noch dieselben Elemente, die auch heute noch viele z.T. auch kriegerische Auseinandersetzungen bestimmen.

 

Zu nennen sind hier u.a.:

  1. Macht- und Gebietsansprüche und ihre Legitimation
  2. wirtschaftliche Gründe, die hinter fast allen Kriegen offen oder verdeckt stehen
  3. die tiefe Religiosität jener Zeit und ein gewisser Heilsglaube
  4. das Entstehen eines Nationalbewusstseins in Frankreich und England
  5. und ein über Jahrhunderte bestehendes Misstrauen zwischen diesen beiden europäischen Ländern

 

Die Vorgeschichte des Krieges, die für das Verständnis der Auseinandersetzungen von großer Bedeutung ist, reicht bis ins 12. und 13. Jh. zurück. Die Plantagenets, also das englische Herrschergeschlecht, haben schon unter Heinrich I (1154-1189) große Teile Frankreichs durch Erbschaft, Heirat und Zukäufe unter ihre Herrschaft gebracht. So waren sie einerseits die Könige von England und somit dem französischen König gleichgestellt und andererseits verfügten sie in Frankreich als Grafen und Herzöge nur über die Rechtstitel, die mit ihren französischen Besitzungen verbunden waren. Sie   waren also dem französischen König lehensrechtlich für diese Besitzungen untergeordnet. Zu diesen gehörten zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung (um 1173) die Herzogtümer Normandie, Aquitanien, Gascogne und Bretagne sowie die Grafschaften Anjou, Maine und Torraine (vgl. die Karte). Das bedeutete, dass der englische König zu dieser Zeit der größte Großgrundbesitzer Frankreichs war. Der französische König Philipp II. versuchte deshalb seinerseits, seine Besitzungen vor allem nach Norden auszudehnen, hier vorwiegend in das Gebiet der Herzöge von Flandern.

 

Und jetzt kommen bereits wesentliche wirtschaftliche Faktoren ins Spiel. Durch diese Ausdehnung nach Norden waren zentrale Wirtschaftsinteressen Englands gefährdet. Denn die flämische Tuchindustrie war der wichtigste Absatzmarkt für die englische Wolle. England reagierte, indem es die rechtliche Hoheit über den Ärmelkanal beanspruchte. So wollte es die zentralen Handelsbeziehungen absichern.

Im Laufe des 13. Jh. kam es dann zu verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen dem Franzosen und Engländern, in deren Verlauf Frankreich die Normandie, Torraine und Anjou sowie die Bretagne und Teile Aquitaniens zurückeroberte und im Vertag von Paris 1259 absicherte. Die französischen Könige verdrängten den englischen Einfluss aus Frankreich. Nur die Gascogne und Teile Aquitaniens verblieben den Engländern und wurden zur Grafschaft Guyenne zusammengefasst. Bis Anfang des 14. Jh. kam es zu einer gewissen Beruhigung, allerdings bestanden die grundsätzlichen Gegensätze auch weiterhin und flammten Anfang des 14. Jh. erneut auf. Sie führten dann zu den zahlreichen Auseinandersetzungen des sogenannten 100-jährigen Krieges, der allerdings nicht als ein kontinuierlicher Prozess zu verstehen ist, sondern es gibt sehr unterschiedliche Phasen des Konflikts, die unter diesem Oberbegriff zusammengefasst wurden. Auch die zeitliche Eingrenzung auf die Zeit von 1337 – 1457 wird von einigen Historikern als etwas willkürlich angesehen.

Die 1. Phase des Hundertjährigen Krieges (1337-1386)

Ein wesentlicher Aspekt dieser Phase ist der Thronfolgestreit, nachdem mit Charles IV. der letzte Kapetinger stirbt. Philipp von Valois, ein Cousin Charles aus der nächsten Verwandtschaftslinie der Kapetinger, lässt sich als Philipp VI. zum französischen König krönen. Zwar wurde dies zunächst vom englischen Königshaus akzeptiert, aber nachdem sich Philipp in die Auseinandersetzungen zwischen England und Schottland einmischte, erhob Edward III. von England Ansprüche auf den französischen Thron, die er über seine Mutter (eine Tochter Philipp III.) ableitete. Juristisch stand dieser Anspruch auf wackeligen Beinen, da die Thronfolge über weibliche Nachkommen eigentlich ausgeschlossen war. Trotzdem waren damit die politischen Bedingungen für den nun beginnenden Krieg umrissen. Der französische König ging nach seinem Verständnis gegen einen sich unrechtmäßig erhebenden Vasallen vor, während der englische König seinen vermeintlich legitimen Anspruch auf den französischen Thron durchsetzen wollte.  Beide Auffassungen standen sich im nun folgenden Hundertjährigen Krieg unversöhnlich gegenüber und führten dazu, dass es dann nicht mehr nur um eine feudale Auseinandersetzung zwischen zwei Herrschern ging, sondern fundamentaler um den Kampf zweier Länder und Völker um die Existenz eines eigenständigen französischen Staates. Der Historiker Kenneth Fowler betont dabei, dass die Geschichte des 100jährigen Krieges als eine anglo-französische und nicht englisch-französische Auseinandersetzung verstanden werden sollte, da es ein „England“ oder „Frankreich“ vor 1337 nicht gab, sondern die beiden vorstaatlichen Gebilde eng miteinander verflochten waren. Die Ereignisse dieses Krieges führten dann allerdings zur Entwicklung von zwei eigenständigen Nationalstaaten.

Die folgende Darstellung des Krieges will chronologisch, aber nur stichwortartig einige wichtige Ereignisse und ihre Bedeutung herausarbeiten. Auf einige besondere Aspekte wird dann etwas ausführlicher eingegangen. Dabei handelt es sich zum einen um die Bedeutung einzelner Schlachten für die Entwicklung der modernen Heere, zum anderen um eine kurze Darstellung der Bedeutung Jeanne d`Arcs für diesen Krieg sowie um die Folgen dieses Krieges für die beiden Länder.

  • Ab 1337: Einmischung der Franzosen in den Krieg zwischen England und Schottland, Gefechte im Ärmelkanal, Überfälle auf die englische Küste
  • 1340: Eduard III. ernennt sich selbst zum französischen König und zieht mit Truppen nach Frankreich
  • 1346: Edward III. schlägt die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Crécy, insbesondere auf Grund der englischen Langbögen
  • 1347: Die Engländer nehmen Calais, den wichtigen Handelsstützpunkt nach elfmonatiger Belagerung ein.
  • 1348 In Frankreich grassiert die Pest und 1/3 der französischen Bevölkerung wird dahingerafft. In Europa werden ca. 25 Millionen Menschen an der Pest sterben.
  • 1356: Der Schwarze Prinz (Prince of Wales) siegt in der Schlacht von Poitiers und es kommt zur Gefangennahme des französischen König Jean II.
  • 1360: Frieden von Bretigny – Edward verzichtet auf den franz. Thron; Jean II. wird gegen Lösegeld freigelassen; Guyenne, Gascogne und Limousin und somit das ganze südwestliche Frankreich fallen an Edward
  • 1369 – 1376: Der franz. König Charles V. nimmt den Kampf wieder auf und kann die verloren gegangenen Gebiete zurückerobern
  • 1386: Beendigungen der Kampfhandlungen (Friedensvertrag 1396)

Die 2. Phase des Hundertjährigen Krieges (1415-1435)

  • 1407: Im Kampf um Einfluss und Ehre am königlichen Hof beginnt der innerfranzösische Krieg zwischen den Armagnacs (Unterstützer des Könighauses Valois) und den Bourguignons
  • 1413 wiedererwachendes Interesse Englands an den reichen Städten Flanderns und den Gütern in Aquitanien
  • 1414: auf Grund der innerfranzösischen Auseinandersetzungen und der Bevorzugung der Armagnacs durch den König verbündet sich Burgund mit England
  • 1415: Die Engländer schlagen die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Azincourt . Mehr als 5000 Mann der Franzosen fallen, 1000 werden gefangen genommen. Bei den Engländern gibt es nur geringe Verluste. Es war eine verheerende Niederlage, die das Selbstbewusstsein der Engländer stärkte und der französischen Krone neben dem Verlust eines Großteils des Adels auch die Initiativkraft nahm. Dem französischen Königtum drohte der Untergang.

Exkurs: Die Bedeutung von Crecy und vor allem Azincourt für die Zukunft der Heere

Crecy und Azincourt sind für die Engländer und sicher auch für die Länder in Europa   ganz besondere Ereignisse. „Es ist der Sieg der Schwachen über die Starken, des gemeinen Mannes über die Ritter hoch zu Ross, des Verzweifelten, in die Eck Gedrängten und fern der Heimat Kämpfenden über den Vermögenden und Dünkelhaften“ schrieb der britische Historiker John Keegan. Denn der Sieg der Engländer mit ihren Fußsoldaten über die französischen adeligen Ritter stellt eine Epochenwende dar.

Das englische Heer bestand aus ca. 2000 Rittern und 8000 Fußsoldaten, zumeist Bogenschützen. Und gerade diese Bogenschützen waren es, die den Sieg herbeiführten. Der Bogen, den sie benutzten, war nicht nur eine Waffe, sondern auch ein soziales Zeichen, denn der Bogen wies den Träger als freien Mann aus, der in einem Heer Dienst tat und dafür bezahlt wurde. Im Gegensatz dazu waren bei den Franzosen neben den Rittern ihre unfreiwillig Hörigen beteiligt.

Der Bogen war deshalb so gefährlich, weil erfahrene Schützen ( und man musste den Umgang mit der Waffe intensiv trainieren) mit den bis zu zwei Meter langen Bögen aus Eibenholz zehn Schuss pro Minute abschießen konnten bei einer Reichweite von ca. 250 Metern, während mit einer Armbrust in der selben Zeit maximal zwei Schuss mit geringerer Reichweite abgefeuert werden konnten. Die Eibenrohlinge stammten aus England und vor allem aus Süddeutschland und Norditalien. Durch den intensiven Handel, der sich wegen der großen Nachfrage entwickelte, wurde die Eibe rücksichtslos abgeholzt. Heute findet man sie in der freien Natur nur noch in einigen speziellen Verbreitungsgebieten in Europa. Sie steht deshalb bei uns nach dem Bundesartenschutzgesetz unter besonderem Schutz.

Der Einsatz der englischen Langbogenschützen im Verbund mit abgesessenen Rittern und der Nutzung von Pfählen als Deckung haben die Schlacht von Azincourt mitentschieden. Das französische Heer unterlag, da es auf die veraltete Taktik mit dem Schwergewicht auf den Rittern setzte.

Ab dieser Zeit sollte die Zukunft den großen Heeren leichtbewaffneten Fußsoldaten und Söldnern gehören und nicht mehr adeligen Rittern, die oft im Heer als Einzelkämpfer aufgetreten waren. Diese neuen Armeen konnten aber wiederum nur von Herrschern mit den nötigen finanziellen Ressourcen aufgestellt werden, was natürlich nicht selten ein großes Problem darstellte.

  • 1417: Die Engländer bringen weite Teile von Nordfrankreich unter ihre Kontrolle
  • 1420: Im Vertrag von Troyes wird Henry V. von England zum franz. Thronfolger bestimmt
  • 1422: Nachdem Henry V. (England) und Charles VI. (Frankreich) sterben, erkennen die Franzosen den Vertrag von Troyes nicht mehr an und rufen Charles VII. (Valois) als König aus
  • 1428: Nach der Eroberung von Nordfrankreich belagern die Engländer die Stadt Orléans, den Schlüssel nach Südfrankreich, bis zum 08. März 1429. Die folgenden Ereignisse wurden von Shakespeare in seinem Drama „Heinrich VI“ ausführlich erzählt.          
  • 1429: Die Wende trat erst mit dem Erscheinen der „Jungfrau von Orlean“ ein. Jeanne d‘Arc von ihren göttlichen Visionen geleitet und von der Kirche unterstützt, überzeugt den Dauphin, dass sie die Franzosen zum Sieg führen werde. So führt sie die Kriegswende bei Orléans herbei und kämpft erfolgreich gegen die Engländer.

Exkurs: Kurze Geschichte der Jeanne d`Arc

Man stellt sich natürlich die Frage, wie es einem einfachen Bauernmädchen erlaubt wurde, ein Heer gegen die Engländer zu führen. Hierzu in Kürze die Geschichte von Jeanne d`Arc.

Sie erblickte um 1412 in Domrémy, einem kleinen Dorf an der Maas (Lothringen) als Tochter von Jacques Darc und Isabelle Rommêe das Licht der Welt. Ihre Eltern zählten zur sogenannten Schicht der Laboreurs, einer Art Oberschicht innerhalb der ländlichen Bevölkerung. Sie wurde somit in eine für das Dorf Domrémy wohlhabende Familie hineingeboren. Allerdings wurde die Schreibweise mit d`Arc erst seit dem 16. Jh. gewählt, um eine gewisse Wertigkeit der Familie hervorzuheben.

Nach Gerichtsprotokollen hatte Jeanne d`Arc mit 13 Jahren ihre ersten Visionen. Sie hörte angeblich die Stimme der hl. Katharina sowie des Erzengels Michael und der hl. Margareta. Die Erscheinungen wiederholten sich und gaben ihr den Befehl, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum König krönen zu lassen. Ende Dezember 1428 verließ Jeanne ihr Elternhaus, um ihre Visionen zu realisieren. Am 1. Januar 1429 im Alter von fast 17 Jahren machte sich Jeanne auf den Weg zum Stadtkommandanten der Festung Vaucouleurs, Robert d`Baudricaurt. Sie musste allerdings feststellen, dass sich die Aufgabe, die ihr die Stimmen aufgetragen hatten, als schwieriger gestaltete als gedacht. Sie wurde zweimal abgewiesen und der Stadthauptmann empfahl dringend, dass ihr Vater ihr besser ein paar Ohrfeigen geben sollte.

Beim dritten Versuch bekam sie dann doch eine Audienz, in der sie den Kommandanten doch von ihrem Glauben und ihren Visionen überzeugen konnte. Er gab ihr eine Eskorte mit, die sie zu Karl VII. nach Chinon begleiten sollte. Nach elf Tagen durch Feindesland kam sie am 5. März 1429 dort an. Dank des Empfehlungsschreibens Baudricourts wurde sie vom Dauphin empfangen. Niemand weiß genau, wie Jeanne es schaffte, den Dauphin davon zu überzeugen, dass sie gekommen sei, um Frankreich von den Engländern zu befreien und ihn in Reims zum König krönen zu lassen. Sie hatten sich allein in ein Zimmer zurückgezogen und angeblich hat sie ihn an einer ihrer Visionen teilhaben lassen.

Dies allein reichte aber natürlich noch nicht aus. So wurde sie in Poitiers drei Wochen lang von Geistlichen und hochgestellten Personen auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft. Zudem wurde sie von Hofdamen auf ihre Jungfräulichkeit untersucht. Die Keuschheit einer Frau ging zu dieser Zeit Hand in Hand mit ihrer Glaubwürdigkeit. Nachdem sie beide Prüfungen erfolgreich bestanden hatte, beschloss der Kronrat ihr eine kleine militärische Einheit zur Verfügung zu stellen. Ihr Auftrag bestand darin, einen Proviantzug in die von Engländern eingeschlossene und belagerte Stadt Orléans durchzubringen. Am 29. April 1429 gelang ihr dies. Durch diesen Erfolg ermutigt wagten die Truppen von Orléans den Ausbruch. Jeanne d`Arc ritt voraus, wurde von einem Pfeil getroffen, blieb aber auf dem Feld und machte so ihren Mitkämpfern weiter Mut. Einen Tag später zogen die Engländer ab. Bis Juni 1429 gelang es unter Mitwirkung Jeannes die Engländer aus den Burgen südlich der Loire zu vertreiben. Von der Rückeroberung Orléans rührt dann auch der Name Johanna von Orléans her.

Am 17. Juli 1429 wurde der Dauphin, wie von Jeanne prophezeit, in der Kathedrale von

Reims als Karl VII zum König gekrönt. Jeanne nahm am Altar stehend an der Krönungszeremonie teil. Das war ein Akt von entscheidender politischer Bedeutung: Die Franzosen im besetzten Norden konnten nicht länger ignorieren, dass sie wieder einen nationalen König hatten. Zudem war der Mythos der Jungfrau von Orléans geboren, Frankreich hatte seine Nationalheilige. Ihr Glaube an den göttlichen Auftrag, die Engländer aus dem Land hinauszuwerfen, wirkte auf die ganze Nation. Die Befreiung des Landes war nicht mehr nur eine Angelegenheit rivalisierender Adliger, sondern die Aufgabe eines ganzen Volkes, das im Bann einer Gottgesandten zusammenrückte und wieder neuen Mut schöpfte.

Ihr Ruhm war auf dem Höhepunkt. Aber wie immer, wenn jemand so schnell erfolgreich wird, gab es auch zahlreiche Neider. Vor allem die Ratgeber des Königs fürchteten um ihre Macht und ihren Einfluss. Jeanne wollte die Engländer gänzlich vom Festland vertreiben. So bat sie darum, zunächst Paris befreien zu dürfen. Dies wurde ihr erst nach mehrmaliger Ablehnung erlaubt. Aber die Befreiung von Paris misslang und der König von verschiedenen Interessengruppen beeinflusst wandte sich von ihr ab. Er wollte vor allem Frieden mit den Engländern schließen.

Im Mai 1430 wird Jeanne d‘Arc in Compiegne an die mit England verbündeten Burgunder verraten, von diesen dann an die Engländer ausgeliefert und am 30. Mai 1431 wegen Ketzerei verbrannt, auf Grund eines auch zur damaligen Zeit schon sehr umstrittenen Urteils im Namen der Inquisition, das später auch von der katholischen Kirche revidiert wurde. Ihre Asche wurde im Fluss zerstreut, damit es keinen Ort der Verehrung geben sollte. Obwohl ihre Wirkungszeit nur kurz war, überdauerte ihr Ruhm die Zeiten und Jeanne d`Arc wird noch heute als französische Nationalheldin und Heilige verehrt.

  • 1435: Der Vertrag von Arras (Burgund erkennt Charles VII. als König an im Gegenzug für Gebietsgewinne und einer de facto Unabhängigkeit bei formaler Zugehörigkeit zu Frankreich) bedeutete das Ende des englisch-burgundischen Bündnisses.

Die 3. Phase des Hundertjährigen Krieges (1436-1453)

  • 1436 – 1441: Die Franzosen erobern die Île de France zurück und Charles VII. zieht in Paris ein
  • Ab 1442: Erfolgreiche französische Eroberungen im Südwesten und der Normandie begünstigt auch durch die innenpolitischen Kämpfe in England, die zu einer relative Handlungsunfähigkeit Englands führten
  • 1453: Englische Offensive bei Bordeaux unter John Talbot, aber die Franzosen siegen entscheidend in der Schlacht von Castillon
  • 1453: Nach der Unterwerfung von Bordeaux endet der 100-jährige Krieg, obwohl es keinen Friedensvertrag gab
  • Fast alle von den Engländern beherrschten Gebiete fallen an Frankreich zurück. Allein Calais als wichtiger Handelsstützpunkt bleibt in englischem Besitz.

Dennoch gaben die englischen Könige ihren Anspruch auf die französische Krone, die sie stets im Titel führten, erst Anfang des 19. Jh. auf.

Exkurs: Was waren nun die Folgen dieser Auseinandersetzungen für die beiden Länder?

Für Frankreich bedeutete es zum einen die Befreiung von ausländischen Mächten (mit Ausnahme von Calais). Somit waren die Grundlagen für ein ungeteiltes einheitliches Königreich und den zukünftigen Nationalstaat gelegt. Auch entwickelte sich im Bewusstsein der Bevölkerung ein französisches Nationalbewusstsein.

Zudem wirkt anscheinend der Mythus Jeanne d´Arc bis in die heutige Zeit nach. So wird zumindest behauptet, dass viele französische Bürger in Zeiten der Krise immer wieder Hoffnungen auf einen nationalen Erlöser setzen. Beispiele sind vielleicht Philippe Petain vor Verdun oder Charles de Gaulle 1944 oder möglicherweise zu Beginn seiner Präsidentschaft in Ansätzen auch Emmanuelle Macron.

 

Für England bedeutete es ebenfalls eine Stärkung des englischen Nationalbewusstseins. Es entstand eine eigene politische Identität, in der Krone und Nation symbolisch eine Einheit bildeten. Die Neigung, sich zum Kontinent hin zu orientierten, ging verloren. Das zeigt sich u.a. auch darin, dass sich die englische Oberschicht endgültig von der französischen Sprache verabschiedete.

Letztendlich entstanden zwei separate Staatswesen. Gleichzeitig ist der hundertjährige Krieg aber auch die Grundlage für die englisch-französische Erbfeindschaft der folgenden Jahrhunderte. Selbst Zitate aus dem 20. Jh. belegen noch diese Ressentiments. So spricht Georges Clemenceau 1904 davon, dass England eine französische Kolonie sei, die auf die falsche Bahn geraten sei. Und Charles de Gaulle begründete seine Ablehnung des britischen Beitrittsgesuchs zur Europäischen Gemeinschaft 1963 damit, dass England ein Inselstaat sei, ausgerichtet auf die See. Auch die typischen Sticheleien sind noch existent zwischen den „Rosbifs“, den Roastbeef–Freunden, und den „Froggies“, den Froschschenkelessern.

Bei den Engländern entstand außerdem später das Bewusstsein einer großen Kolonialmacht, das sich dann nach der Kolonialzeit im Commonwealth weiter manifestierte. So lässt sich vielleicht auch die Skepsis der Engländer gegenüber der EU erklären, ist man hier doch nur ein Staat unter vielen und nicht mehr herausgehoben. Vielleicht ist auch der Brexit ein Zeichen für den verzweifelten Versuch, wieder eine Großmacht zu sein.

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