Die Geschichte des Camino Português
Der Camino Português, der Portugiesische Jakobsweg, gehört zu den traditionsreichsten Pilgerwegen Europas. Er verbindet Portugal mit Santiago de Compostela in Galicien und führt durch eine Landschaft, in der sich jahrhundertealte Geschichte, religiöse Tradition, Handel und kultureller Austausch miteinander verbinden.
Die Entdeckung des Apostelgrabes
Der Ursprung der Jakobswallfahrt wird traditionell in das frühe 9. Jahrhundert datiert. Um das Jahr 820–830 sollen die Überreste des Apostels Jakobus in der Nähe des heutigen Santiago de Compostela entdeckt worden sein. Der Überlieferung zufolge machte der Eremit Pelagius die Entdeckung, die anschließend von Bischof Teodomiro aus Iria Flavia bestätigt wurde. König Alfons II. von Asturien erkannte die Bedeutung der Entdeckung und ließ an der Stelle eine Kirche errichten. Aus diesem bescheidenen Anfang entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte die heutige Kathedrale von Santiago de Compostela. Santiago wurde zu einem der bedeutendsten christlichen Wallfahrtsorte Europas – neben Jerusalem und Rom. Pilger machten sich aus nahezu allen Teilen Europas auf den Weg nach Galicien.
Die ersten Wege durch Portugal
Auch aus Portugal kamen bereits früh Pilger nach Santiago. Der Camino Português entstand dabei nicht als völlig neu angelegter Pilgerweg. Vielmehr nutzten die Pilger bereits vorhandene Straßen und Handelswege, deren Geschichte teilweise bis in die Römerzeit zurückreicht wie die Via XIX, die im 1. Jahrhundert n. Chr. erbaut wurde und Braga mit Astorga über Ponte de Lima, Tui, Pontevedra, Santiago und Lugo verband und eine der wichtigsten römischen Straßen war. Die Pilger benutzten aber nicht eine einzelne, festgelegte Route. Es gab ein Netz verschiedener Wege, die aus unterschiedlichen Teilen Portugals nach Norden führten.
Auch wenn der Camino Central üblicherweise stärker mit der klassischen historischen Route durch das portugiesische Landesinnere verbunden ist, so gab es doch auch entlang der Küste zahlreiche Pilgerbewegungen, was auch die zahlreichen kulturellen Stätten belegen..
Über all diese Verkehrswege bewegten sich im Mittelalter nicht nur Pilger, sondern auch Händler, Geistliche, Soldaten und Reisende. Der Camino Português war deshalb von Anfang an mehr als ein religiöser Weg. Er war Teil eines weit größeren Netzes von Verkehrs- und Handelsverbindungen auf der Iberischen Halbinsel.
s. auch Kapitel “Der Camino Portugues und seine verschiedenen Varianten”
Die portugiesische Unabhängigkeit und die Blüte des Weges
Ein entscheidender Wendepunkt kam im 12. Jahrhundert mit der Entstehung des unabhängigen Königreichs Portugal. Nach der portugiesischen Unabhängigkeit intensivierten sich die Beziehungen zwischen Portugal und dem benachbarten Galicien. Menschen, Waren und Ideen bewegten sich über die Grenze. Der Weg nach Santiago gewann dadurch zunehmend an wirtschaftlicher, kultureller und religiöser Bedeutung.
Entlang der Routen entstanden Kirchen, Klöster, Hospitäler und Herbergen, die den Pilgern Unterkunft und Versorgung boten. Städte und Gemeinden entwickelten Strukturen, die den stetig wachsenden Pilgerverkehr unterstützten. Der Camino Português wurde so zu einem festen Bestandteil des europäischen Pilgernetzes. Hinzu kam, dass über die portugiesischen Häfen viele ausländische Pilger den Camino erreichten.
Könige und Königinnen auf dem Weg nach Santiago
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit machten sich auch Mitglieder des portugiesischen Königshauses auf den Weg nach Santiago. Besonders bekannt ist Elisabeth von Portugal, die im 14. Jahrhundert zweimal nach Santiago pilgerte. Ihre Reisen gehören zu den bedeutendsten Zeugnissen der portugiesischen Jakobusverehrung. Sie ging später als „Heilige Königin“ in die Geschichte ein. Auch König Alfons II. von Portugal soll im 13. Jahrhundert nach Santiago gepilgert sein. Ein weiterer berühmter Pilger war König Manuel I., der 1502 von Lissabon nach Santiago reiste. Der Monarch ließ in der Kathedrale von Santiago eine Lampe anbringen, die Tag und Nacht brennen sollte. Solche Pilgerreisen waren weit mehr als persönliche Glaubensakte. Sie machten den Jakobsweg sichtbar und stärkten seine Bedeutung innerhalb der portugiesischen Gesellschaft.
Der Camino Português als kulturelle Verbindung
Während des Mittelalters und der frühen Neuzeit entwickelte sich der Weg zu einer wichtigen Verbindung zwischen Portugal und Galicien. Pilger waren dabei nur ein Teil der Reisenden. Kaufleute nutzten die gleichen Wege, ebenso Geistliche, Handwerker und Vertreter des Adels. Dadurch entstanden intensive kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen. Weil der Camino seit der galicischen Prähistorie eine Hauptkommunikationsverbindung gewesen ist, hat der Portugiesische Weg mehr urbane Zentren als jeder andere Weg. Er war somit ein Ort der Begegnung. Sprache, Bräuche, religiöse Vorstellungen, kulinarische Traditionen und handwerkliches Wissen wurden über die Grenze hinweg weitergegeben.
Viele der Kirchen, Kapellen, Wegkreuze und Darstellungen des Apostels Jakobus, die man heute im Norden Portugals findet, erinnern noch an die lange Tradition des portugiesischen Jakobsweges. Übriges: Die Schutzpatronin der Provinz Pontevedra und des Portugiesischen Weges ist die Virgen Peregrina, die ihr Heiligtum in einer Kirche mitten im Stadtzentrum hat. Laut lokaler Tradition ist der Grundriss des Gebäudes in Form einer Jakobsmuschel gestaltet, zu Ehren der Jungfrau, die die Pilger leitete.
Der Camino in der frühen Neuzeit
Auch im 16. und 17. Jahrhundert blieb der Weg nach Santiago lebendig. Zahlreiche Geistliche, Adlige und Gelehrte reisten auf den portugiesischen Wegen nach Galicien.
Besonders wertvoll sind die Aufzeichnungen des italienischen Priesters Juan Bautista Confalonieri, der 1594 von Lissabon nach Santiago reiste. Er legte seine Erfahrungen schriftlich fest und hinterließ damit eine wichtige historische Quelle für die Kenntnis des Camino Português. In dieser Zeit wurde der Jakobsweg zunehmend dokumentiert. Reiseberichte, Pilgerführer und persönliche Aufzeichnungen geben heute Einblick in die damaligen Wege, Orte und Reisebedingungen.
Krisen und Niedergang
Die Geschichte des Camino verlief jedoch nicht ununterbrochen aufwärts.
Kriege, politische Konflikte, wirtschaftliche Krisen und Krankheiten erschwerten die Pilgerreisen. Die Reformation und die religiösen Auseinandersetzungen Europas veränderten außerdem die Bedeutung vieler Wallfahrten. Vom späten 18. bis weit ins 19. Jahrhundert ging die Zahl der Pilger deutlich zurück. Der Jakobsweg geriet vielerorts in Vergessenheit und seine Infrastruktur verfiel teilweise. Ein besonders dramatischer Moment für Santiago war das Jahr 1589. Aus Angst vor einem Angriff des englischen Admirals Francis Drake wurden die Reliquien des Apostels Jakobus versteckt. Sie gerieten anschließend für Jahrhunderte in Vergessenheit.
Die Wiederentdeckung des Apostelgrabes
1879 kam es zu einem Ereignis, das für die spätere Wiederbelebung des Jakobswegs von großer Bedeutung war: Die lange verborgenen Reliquien des Apostels Jakobus wurden in Santiago wiederentdeckt. Papst Leo XIII. bestätigte 1884 mit der päpstlichen Bulle Deus Omnipotens die Verehrung der Reliquien. Ein besonderes Heiliges Jahr folgte 1885. Wenn der 25. Juli, der Festtag des Apostels Jakobus, auf einen Sonntag fällt, wird in Santiago ein Heiliges Jahr gefeiert. Die Tradition geht auf das Mittelalter zurück; als frühe mögliche Heilige Jahre werden 1428 oder 1434 genannt. Diese Ereignisse gaben der Wallfahrt nach Santiago neuen Auftrieb. Dennoch dauerte es noch viele Jahrzehnte, bis der Jakobsweg wieder zu einer international bedeutenden Pilgerroute wurde.
Das Heilige Jahr (Año Santo Jacobeo) ist ein besonderes katholisches Jahr in Santiago de Compostela, das immer dann stattfindet, wenn der 25. Juli (Fest des Apostels Jakobus) auf einen Sonntag fällt. Im Jahr 2027 ist es wieder soweit.
Für Pilger auf dem Jakobsweg hat es eine besondere Bedeutung:
• Pilgerfahrt: Wer nach Santiago pilgert und dort das Grab des Apostels Jakobus besucht, kann unter bestimmten kirchlichen Voraussetzungen einen vollständigen Ablass erhalten.
• Pforte der Vergebung: In einem Heiligen Jahr wird traditionell die Heilige Pforte der Kathedrale von Santiago geöffnet.
• Besonders festliche Atmosphäre: Es gibt zusätzliche Gottesdienste, Prozessionen und religiöse Veranstaltungen.
• Mehr Pilger: Der Jakobsweg ist in Heiligen Jahren meist deutlich voller, sodass Unterkünfte und beliebte Routen stärker ausgelastet sein können.
Die Wiedergeburt des Jakobswegs im 20. Jahrhundert
Die eigentliche moderne Wiederentdeckung des Camino begann vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den 1950er- und 1960er-Jahren entstanden neue Jakobusgesellschaften, die sich für die Erforschung, Markierung und Wiederbelebung der historischen Wege einsetzten.
Auch die Heiligen Jahre von Santiago trugen dazu bei, das Interesse an der Wallfahrt neu zu wecken.Ein besonderer Meilenstein war das Jahr 1982, als Papst Johannes Paul II. Santiago de Compostela besuchte. Seine Rede in Santiago und sein Appell für ein geeintes Europa machten den Jakobsweg erneut zu einem Symbol europäischer Geschichte und Identität. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die internationale Aufmerksamkeit rapide.
Der Camino Português heute
Seit den 1990er-Jahren erlebt der Camino de Santiago eine außergewöhnliche Renaissance. Immer mehr Menschen aus aller Welt entdecken die verschiedenen Jakobswege – nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch aus kulturellem Interesse, als persönliche Herausforderung oder auf der Suche nach Ruhe und Begegnung.
Auch der Camino Português hat von dieser Entwicklung stark profitiert.
Heute beginnen Pilger ihre Reise unter anderem in Lissabon, Porto oder an verschiedenen Orten im Norden Portugals. Von dort führt der Weg durch historische Städte und Dörfer, über alte Brücken und römische Verkehrswege, durch Weinregionen und entlang der Atlantikküste oder über die traditionelle Inlandroute nach Galicien. Nach dem Grenzübertritt bei Tui führt der Weg weiter durch Galicien über weitere historische Orte, bevor die Pilger Santiago de Compostela erreichen. Inzwischen hat sich der Camino Portugués, was die Zahl der Pilger betrifft, zum zweit meistbesuchten Jakobsweg nach dem Camino Francés entwickelt.
Die Geschichte des Camino Português ist mehr als eine Abfolge von Jahreszahlen und berühmten Pilgern. Über mehr als tausend Jahre hinweg war dieser Weg Pilgerroute, Handelsweg, kulturelle Verbindung und Begegnungsraum. Könige und Königinnen, Geistliche, Händler und einfache Menschen haben ihn genutzt und ihre Spuren hinterlassen.
Die heutigen Pilger folgen denselben historischen Verbindungen und erleben die herrlichen Landschaften und kulturellen Schätze Portugals und Galiciens wie schon Generationen vor ihnen.
Quellen
(Bücher beispiele:)
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