Warum ist das maurische Erbe auf unseren Wegen sichtbarer als das jüdische?

Hier kommt die Zuordnung

Auf unserer Pilgerschaft begegnen wir immer wieder Elementen der muslimischen Kultur (z.B. Alcazare, Paläste, die Mudéjar-Kunst), aber in kaum einer Stadt gibt es noch sichtbare Objekte des jüdischen Erbes. Man fragt sich, voran liegt das?
(s. dazu auch die Ausführungen im Kapitel „Die Situation der Juden im Mittelalter in Spanien“)

Das maurische Erbe ist in Spanien sichtbarer als das jüdische, weil historische Dauer, Machtverhältnisse, Vertreibungspolitik und materielle Hinterlassenschaften sehr unterschiedlich waren. Die wichtigsten Gründe im Überblick:

1. Politische Macht, Dauer und Erbe
• Die muslimische-maurische Herrschaft (al-Andalus) dauerte rund 700-800 Jahre (711-1492) über fast die ganze iberische Halbinsel
Muslime stellten über lange Zeit die politische und kulturelle Elite: Emirate, Kalifate, Königreiche
• Wer herrscht, demonstriert seine Macht mit sichtbaren Monumenten: Palästen, Moscheen, Städten
• Die Juden dagegen lebten fast immer als Minderheit ohne politische Macht, auch wenn sie zeitweise großen Einfluss als Gelehrte, Ärzte oder Verwaltungsbeamte hatten.
Das Maurische Erbe war sichtbar, monumental und spektakulär.
Das Jüdische Erbe war mehr immateriell – intellektuell (Philosophie, Medizin, Übersetzungen, Recht). Zudem gingen viele Texte verloren oder wurden durch aus Spanien vertriebene Juden im Exil weitergeführt.

Alcazar von Granada Von Jebulon - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9846975

2. Architektur und materielle Kultur
• Das maurische Erbe ist architektonisch spektatulär, z.B. die Alhambra (Granada), die Mezquita (Cordoba), die Giralda (Sevilla) oder die vielen Alcazare (Burgen)
• Diese Bauwerke waren zu groß, zu wertvoll und zu funktional, um sie komplett zu zerstören; oft wurden sie auch für christliche Nutzung umfunktioniert.
• Jüdisches Leben hinterließ weniger monumentale Bauten.
Synagogen waren eher kleiner, wurden teilweise zerstört oder umgebaut.
Juderías (jüdische Viertel) sind architektonisch wenig sichtbar im Stadtbild

Mezquita -Kathedrale von Cordoba Von Richard Mortel from Riyadh, Saudi Arabia - Great Mosque of Cordoba, interior, 8th - 10th centuries (38), CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69778364

3. Vertreibung und gezielte Auslöschung
• 1492 – das Alhambra—Edikt mit seinen Konsequenzen für die Juden -Zwangskonversion, Exil oder Tod – führten zu einer massiven Vertreibung der Juden.
• Die Inquisition mit ihrem brutalen Vorgehen gegen die „Conversos“ (die getauften Juden) und die systematische Vernichtung jüdischer Symbole, Bücher und Rituale führte zu einer Zerstörung sichtbaren jüdischen Lebens.
• Ziel war die systematische Vernichtung des jüdischen Erbes – die Auslöschung einer jüdischen Identität. Juden wurden stärker mit „Unreinheit“ und Verrat assoziiert als Muslime und Jüdisches wurde theologisch als gefährlich eingestuft.

4. Umgang mit dem maurischen Erbe nach der Reconquista
• Auch Muslime wurden verfolgt und schließlich vertrieben. Moriscos – Muslime unter christlicher Herrschaft – wurden 1492 zur Konversion gezwungen und zwischen 1609-1614 systematisch vertrieben
• Aber:
Maurische Architektur wurde als „exotisch“ und „kunstvoll“ eingeschätzt
Der Mudéjar-Stil – die Mischung aus christlichen und maurischen Elementen bei christlichen und profanen Bauwerken – wurde ein Teil der christlich-spanischen Identität. Er findet sich auch heute nur in Spanien.
• Das maurische Erbe wurde später im Europa der 19. Jhs. romantisiert.

Das maurische Erbe ist sichtbarer, weil es von Herrschern geschaffen, architektonisch monumentaler, weniger vollständig zerstörbar und kulturell akzeptiert wurde.
Das jüdische Erbe hingegen wurde gezielt zerstört, entmachtet und aus dem nationalen Gedächtnis verdrängt.

Wo ist jüdisches Leben des Mittelalters heute noch entlang der Jakobswege gut sichtbar?

Die Judenviertel (Judérias) lagen meist innerhalb der Mauern, aber am Rande der Altstadt, oft wegen des Handels in der Nähe eines Stadttores. Typische sind sehr enge verwinkelte Gassen und Sackgassen, damit das Viertel nachts relativ leicht geschlossen werden konnte. Die Häuser hatten eine schlichte Fassade und einen Innenhof, da das Leben eher nach inneren gerichtet war. Einige Synagogen wurden in Kirchen umgewandelt.

Toledo (Camino de Levante / Camino del Sureste)
Toledo entwickelte sich nach der christlichen Eroberung zu einem einzigartigen Ort des Wissenstransfers. In der sogenannten Übersetzerschule von Toledo arbeitete ein Kollegium von Mozarabern, Juden und lateinischen Autoren daran, wissenschaftliche und philosophische Schriften aus der Antike ( u.a. Aristoteles, Platon) aber auch genuin arabische Schriften aus dem Arabischen ins Lateinische zu übersetzen. Jüdische Gelehrten lieferten hier auf Grund ihrer Mehrsprachigkeit einen großen Beitrag. Toledo war eines der wichtigsten Zentren jüdischen Lebens im mittelalterlichen Kastilien.
• Hier stehen zwei mittelalterliche Synagogen: Santa María la Blanca und El Tránsito (auch Sephardisches Museum) – heute als Monumente erhalten.
• Die historische Judería mit engen Gassen ist gut erkennbar.

Synagoge von Corduba By © José Luiz Bernardes Ribeiro, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25181308

Cordoba (Camino Mozárabe /andalusischer Jakobsweg)
Cordoba war im 10. Jh. eines der wichtigsten Zentren jüdisch-arabischer Kultur. Hier lebten Gelehrte, Ärzte und Dichter in enger Nachbarschaft zu muslimischen Eliten.
• Eine der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Synagogen Spaniens befindet sich in Córdoba.
• Sie gehört zu den bedeutendsten gotisch-mudéjarischen Bauwerken jüdischer Architektur.
• Die Judería ist noch deutlich mit ihren engen Gassen zu erkennen.

Von Menesteo - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7674241

Segovia (Camino de Madrid)
Segovia war ebenfalls eine wichtige jüdische Gemeinde im Mittelalter.
• Diese Stadt verfügt über ein prächtiges saniertes Jüdisches Viertel mit einem didaktischen Zentrum Centro Didáctico de la Judería.
• Die Alte Hauptsynagoge im ehemaligen jüdischen Viertel ist heute als Fronleichnamskirche erhalten, wurde aber restauriert und zeigt die mittelalterliche Struktur.
• „El Pinarillo“,der alte jüdische Friedhof, liegt sehr schön, enthält allerdings keine Grabsteine mehr.

Barrio de Santa Cruz ehemals jüdisches Viertel in Sevilla CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1624393

Sevilla (Via de la Plata, Camino Mozárabe)
war durch eine große, kulturell und wirtschaftlich bedeutende Gemeinde geprägt mit dem Viertel Barrio Santa Cruz. Es beherbergte das größte jüdische Viertel in Andalusien und das zweitwichtigste im Königreich Kastilien.
• Das Judenviertel Santa Cruz ist Zeugnis der Geschichte mit einem Besucherzentrum
• Ehemalige Synagoge, heute die Kirche Santa Maria la Blanca

Sagunto (Camino de Levante)
Sagunto lag im Mittelalter der der Nähe wichtiger Pilger- und Handelswege.
• gut erhaltener jüdischer Stadtteil. Die Straßenführung ist praktisch genauso erhalten, wie sie von den ab dem 1. Jh. in Sagunto lebenden Sepharden angelegt wurde.
• jüdischer Friedhof

Tudela (Navarra) (Camino del Ebro)
Tudela war ein bedeutendes jüdisches Zentrum Navarras mit mindestens drei Synagogen im alten und zwei im neuen Judenviertel.
• alte Judería erkennbar im Stadtbild durch die eindeutig jüdische Prägung der Gassen sowie die Häuser aus Lehmziegeln und Backsteinen mit Verzierungen im Mudéjar-Stil
• keine große Synagoge mehr erhalten

Lorca (Region Murcia) (Camino del Sureste)
Dank archäologischer Ausgrabungen in der Burg von Lorca ist erkennbar, dass es an der Ostseite der Burg ein Judenviertel gab.
• Archäologische Reste einer mittelalterlichen Synagoge im ehemaligen Judenviertel wurden freigelegt.
• Es wurden mehrere Häuser entdeckt, aus denen verschiedene Objekte ins Städtische Museum für Archäologie gebracht wurden.

Von vielen weiteren bedeutenden jüdischen Siedlungen in verschiedenen Städten Spaniens sind heute wenige sichtbare Überreste erhalten.

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Sagunto (Camino de Levante)
lag im Mittelalter der der Nähe wichtiger Pilger- und Handelswege.
• gut erhaltener jüdischer Stadtteil. Die Straßenführung ist praktisch genauso erhalten, wie sie von den ab dem 1. Jh. in Sagunto lebenden Sepharden angelegt wurde.
• jüdischer Friedhof

Tudela (Navarra) (Camino del Ebro)
Tudela war ein bedeutendes jüdisches Zentrum Navarras mit mindestens drei Synagogen im alten und zwei im neuen Judenviertel.
• alte Judería erkennbar im Stadtbild durch die eindeutig jüdische Prägung der Gassen sowie die Häuser aus Lehmziegeln und Backsteinen mit Verzierungen im Mudéjar-Stil
• keine große Synagoge mehr erhalten

Lorca (RegionMurcia) (Camino del Sureste)

Dank archäologischer Ausgrabungen in der Burg von Lorca ist erkennbar, dass es an der Ostseite der Burg ein Judenviertel gab.
• Archäologische Reste einer mittelalterlichen Synagoge im ehemaligen Judenviertel wurden freigelegt.
• Es wurden mehrere Häuser entdeckt, aus denen verschiedene Objekte ins Städtische Museum für Archäologie gebracht wurden.

Von vielen weiteren bedeutenden jüdischen Siedlungen in verschiedenen Städten Spaniens sind heute wenige sichtbare Überreste erhalten.

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