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Der Blick nach vorne, der Blick zurück – beides ein Glück!

Der Blick nach vorne, der Blick zurück - beides ein Glück!

Geschichten

Nachdem ich früher viel in den Bergen unterwegs war, kannte ich beim Wandern eigentlich immer nur den Blick nach vorne, d.h. nach oben. Dort war ja das Ziel – der Gipfel. Erst wenn ich oben war, habe ich bewusst zurückgeschaut.
Durch meine Freundin Marie Louise habe ich erfahren, wie wichtig zwischendurch der Blick zurück ist. Wenn wir auf dem Jakobsweg Pause machen oder nur einmal kurz verschnaufen, dann schaut sie oft auf das gerade zurückgelegte Wegstück und ich mit ihr. Daraus ergeben sich schöne emotionale Momente. Zum einen sind wir stolz über den Streckenabschnitt, den wir gerade geschafft haben. Zum anderen ist es faszinierend, die Landschaft, die Natur, die Orte aus dieser zurückwärtigen Perspektive zu sehen. Die Bäume, die Sträucher, die Felsen, der Weg, die Häuser, das Licht – sie alle zeigen uns ein anderes, ein vermeintlich zweites Gesicht. Dinge, an denen man vielleicht achtlos vorbei gegangen ist, wecken unsere Aufmerksamkeit, faszinieren auf einmal. Vielleicht geht man sogar ein paar Schritte zurück, um sie genauer zu betrachten.

Gleichzeitig hält man so bewusst einen Augenblick inne. Man genießt diesen Moment Ruhe und des In-sich-gehens. Mit dem Blick zurück sage ich „Danke“, wie schön ist die Welt und wie schön ist es, dass ich es bis hier her schon geschafft habe. Mit dem Blick nach vorne sage ich „Ja“. Ich bin bereit, mir diesen Weg weiter zu erobern und ich freue mich darauf (selbst wenn ich manchmal recht müde bin).

Diese Überlegungen sind auch übertragbar auf unser Leben. Gerade der Jakobsweg regt uns zum Nachdenken über unser Leben an. Viele nutzen ihn, um zu erkennen, wie es war und wie es weiter gehen soll. Man ist am Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft und steht doch mitten im Leben. Wichtig, es sollte kein „Blick zurück im Zorn“ sein, sondern ein Blick, um das Vergangene zu verstehen und manchmal um sich zu verzeihen. So kann man positiv nach vorne blicken.

“In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.”  (Unbekannter Autor)

“Verstehen kann man das Leben zur rückwärts. Leben aber muss man es vorwärts.” (Sören Kierkegaard)”

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Camino Aragonés

Auf unsere Rückreise haben wir Station in Saragossa gemacht. Natürlich gehörte zur Stadtbesichtigung auch ein Besuch des Goya-Museums dazu. Francisco de Goya (1747-1828) war ein berühmter spanischer Maler und Graphiker des Barock. In einem seiner Aquatinto-Zeichnungen stoßen wir auf  Bilder von Äsop.
Wer war Äsop? Äsop war ein antiker griechischer Dichter von Fabeln und Gleichnissen, der wahrscheinlich im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte. Die Fabeln sind von aufgrund der von ihnen vermittelten Lebensweisheiten bis in die heutige Zeit ein allgemein beliebter Lesestoff geblieben.
Für Goya hatte dieser Dichter anscheinend eine besondere Bedeutung, sonst hätte er ihn wohl kaum gezeichnet. Normalerweise wären wir wohl achtlos an dem Bild vorbeigegangen. Doch einige Tage zuvor ist mir eine Fabel von Äsop eingefallen, die viele von uns schon einmal gehört haben und die – so finde ich – noch immer  sehr aktuell ist. Fairer Weise muss ich zugeben, dass ich damals auch erst googeln musste, von wem diese Fabel, die ich im Kopf hatte, stammte.

By Francisco de Goya after Diego Velázquez - This file was donated to Wikimedia Commons as part of a project by the National Gallery of Art. Please see the Gallery's Open Access Policy., CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=81978750

Hier die Geschichte:
Wir kamen auf unserem Weg an einer hohen Steinmauer vorbei, an der sich ein Kletterwein mit Trauben hochrankte. Da die unteren Trauben schon geerntet waren, hingen nur noch ganz oben einige blaue Früchte. Leider waren wir zu klein, um sie zu erwischen. Bei unseren missglückten Versuchen fiel mir dann diese Fabel vom Fuchs und den Trauben ein.

Von John Rae - http://www.gutenberg.org/files/24108/24108-h/images/11,1.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10759200

Der Fuchs und die Trauben

(hier übernommen von Christiane Lochmann , https://www.zitronenbande.de/der-fuchs-und-die-trauben/)

An einem warmen Tag im Spätsommer streifte ein Fuchs stolz durch die Landschaft. Sein rotbrauner Pelz glänzte in der Sonne und ein leichter Wind wehte durch die umstehenden Büsche.

Links und rechts zwitscherten ein paar Vögel in den Bäumen und alles schien friedlich und ruhig. Der Fuchs war auf der Suche nach etwas Essbarem und ließ seinen Blick aufmerksam durch die Gegend schweifen.

Sein Magen grummelte fürchterlich, da er den ganzen Tag über noch nichts gegessen hatte. „Ich brauche unbedingt etwas zu Essen, sonst verhungere ich noch!“, dachte der Fuchs.

Plötzlich erblickte er eine prächtige Weinrebe, die am Dach des alten Bauernhofs wuchs. Die unzähligen Weintrauben daran funkelten in kräftigem Blau in der Sonne. „Oh ja – das ist jetzt genau das Richtige!“, jauchzte der Fuchs und rannte zum Bauernhof. 

Dort angekommen konnte er beobachten, wie die kleinen Meisen und Amseln eine Traube nach der anderen naschten. Die kleinen Vögel konnten überhaupt nicht genug von den Trauben bekommen – so gut schienen sie ihnen zu schmecken.

„Na warte – jetzt hole ich mir auch ein paar Trauben. Das ist doch eine Leichtigkeit für mich!“, dachte der Fuchs und nahm einige Schritte Anlauf. Mit einem großen Satz sprang er in die Höhe und griff mit seiner Pfote nach den Trauben. 

Doch der Fuchs sprang nicht hoch genug. Er verfehlte die leuchtend blauen Trauben und landete mit leeren Pfoten wieder auf dem Boden. 

„Da habe ich wohl zu wenig Anlauf genommen.“, dachte er. „Noch zwei, drei Schritte mehr und ich werde die ganze Weinrebe in meinen Pfoten halten“

Und so nahm der Fuchs erneut Anlauf und sprang in die Höhe. Doch auch beim nächsten Versuch griffen seine Pfoten wieder ins Leere. Erneut landete er ohne Weintrauben auf dem Boden. Verärgert versuchte es der Fuchs wieder und wieder. Doch jeder seiner Versuche ein paar Trauben von der Weinrebe zu pflücken missglückte. 

Eine halbe Stunde später hatte der Fuchs unzählige Versuche gewagt und war vollkommen außer Atem. Doch seine Pfoten blieben leer. Voller Wut und Trotz schnaubte er: „Pah! Wenn die Trauben wenigstens reif und süß wären, würde ich mich ja richtig anstrengen. Aber diese sauren Trauben sind meine Mühe überhaupt nicht wert!“

Die Meisen und Amseln waren die ganze Zeit über vollkommen unbeirrt vom Treiben des Fuchses und naschten eine Traube nach der anderen. Der stolze Fuchs wandte sich mit leeren Pfoten und grummelndem Magen ab und streifte weiter durch die Landschaft. 

die zitronenbande.de

Was ist die Moral der Fabel “Der Fuchs und die Trauben”?


Was ist also die belehrende Absicht dieser Fabel? Zum einen zeigt sie, dass es für uns ganz natürlich ist, etwas abzulehnen oder zu verachten, das nicht in unserer Reichweite ist oder sogar dass man oft das hasst, was man nicht haben kann. Manchmal muss man aber akzeptieren, dass Dinge außerhalb unserer Reichweite liegen.

Zum anderen wird verdeutlicht, dass manche Menschen ihr Scheitern im Nachhinein lieber auf die Umstände schieben, als die wahren Ursachen zu benennen.
Manchmal schieben wir viel zu schnell die Verantwortung für unseren Misserfolg auf andere, um nicht über unseren Anteil nachdenken zu müssen. Der Mechanismus hilft uns mit dem Gefühl des Scheiterns umzugehen. In der Psychologie wird ein solches Schönreden eines Versagens auch als Rationalisierung oder Kognitive-Dissonanz-Reduktion bezeichnet.

Die Geschichte betont somit die Bedeutung von Selbstreflexion und die Wichtigkeit, gegebenenfalls unsere Ziele zu überdenken. Sie ermutigt uns auch Misserfolge zu akzeptieren und daraus zu lernen, um so mit Enttäuschungen umzugehen. 

Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fuchs_und_die_Trauben

www.zitronenbande.de/der-fuchs-und-die-trauben/)

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Die „unheimlichen“ Margas oder wie unterschiedlich wir manchmal die Welt wahrnehmen!

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Camino Aragones

Marie Louise und ich kommen auf unserer Wanderung zu den Margas, jener bizarren Mondlandschaft aus grauen kegelförmig erodierten und verbackenen Steinen zwischen Arrés und Artieda.
Las Margas ist eine eigentümliche Landschaft aus grauen Erosionshügeln, auf denen nicht einmal ein Grashalm wächst. Die Erdhügel bestehen aus grauem, lehmigem Mergel aus dem Eozän. Die heutige Form entsteht dann aus Verwitterungsprozessen und Erosionserscheinungen, die zu einer flächenhaften Abtragung führten. Der Boden wurde somit unfruchtbar und eine reine feste Schotterstruktur ist übriggeblieben

Ich bin fasziniert von diesen geologischen Formen und den Prozessen, die eine solche Formation geschaffen haben. Teilweise sehen die vielen Erdhügel wie riesige Dinosaurierfüße aus. Ich betrete eines der Hügel und schlage vor, dort Pause zu machen. Aber Marie Louise weigert sich standhaft. Für sie strahlen diese Hügel etwas Unheimliches aus. Sie hat das Gefühl, wenn sie darauf treten würde, würde sie wie im Treibsand einsinken und verschwinden. Obwohl der Boden ganz hart ist und man definitiv nicht einsinkt, wollen wir es doch nicht riskieren ;)! Also setzen wir unsere Wanderung fort und eine von uns ist ganz froh, als wir die Karstformationen verlassen und sich die Landschaft wieder in grünen und braunen Farben zeigt.

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Arrés – eine Herberge mit besonderer Atmosphäre

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Camino Aragones

Da wir gestern neben dem Besuch des Klosters St. Jean de la Pena eine relative lange und anstrengende Wanderung hinter uns hatten, beschließen wir, es heute langsamer angehen zu lassen und nur eine kurze Strecke zu wandern. Dadurch erreichen wir unser Ziel – die Herberge in Arrés – schon um die Mittagszeit.

Arrés liegt wie die meisten Dörfer in dieser Region auf einem hier felsigen Bergrücken auf 632m Höhe. Es wurde als Wehrdorf angelegt. Die Kirche ist der heiligen Colomba geweiht.
Erstmalige Erwähnung findet er 850 in der Chronik des Klosters San Juan de la Pena. Ein Dokument vom 15. Mai 1090 berichtet vom Austausch einiger Besitzungen zwischen dem Kloster und König Sancho Ramírez, darunter Arrés. Es wechselte häufig den Besitzer. Für 1294 ist ein weiterer Wechsel bekannt: von Artal de Aragón ging es über an König Jaime II. von Aragon, Ende des 15. Jahrhunderts gehört es schließlich zum Kloster Nuestro Señorío de Rueda. Der nie große Ort zählte im 16. Jahrhundert drei Haushalte.
Im Lauf der 1990er Jahre bauten Freiwillige das ehemalige Dorfschullehrerhaus wieder auf und richteten dort eine Pilgerherberge ein. Der stete Durchstrom der Pilger seit Eröffnung der Herberge scheint dem Ort bei seiner Wiederbelebung zu helfen. Inzwischen wurden und werden auch andere Häuser wieder bewohnbar gemacht. Heute leben dort wieder ca. 35 Einwohner. Auf der Spitze des Hügels befindet sich die Bar-Restaurant El Granero del Conde.
Die Herberge hat 22 Betten, ist klein und einfach eingerichtet. Sie arbeiten hier auf Spendenbasis. Soviel zu den „nüchternen“ Daten.

Da wir schon zur Mittagszeit in Arrés ankommen, ist die Herberge noch geschlossen. So wandern wir hinauf zur Bar. Wir stellen einen Tisch der Bar auf ein kleines Plateau in die Sonne, holen uns Essen und Trinken in der Bar und genießen die Ruhe und die herrliche Aussicht über das unter uns liegende Tal und die Pyrenäen in der Ferne.
Nach und nach treffen weitere Pilger ein. So sind wir dann beim leckeren Abendessen fünf deutsche Pilger, ein Franzose, ein italienischer und ein spanischer Hospitalero. Es entwickelte sich in interessantes Gespräch mit einem Sprachengemisch aus deutsch, spanisch und französisch. Neben den üblichen Gesprächen über den Weg wird auch über die Geschichte Spaniens und über die Wunden, die der spanische Bürgerkrieg 1936-39 hinterlassen hat und die auch heute noch nachwirken. So wird auch in Spanien – wie auch in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg – ein wenig der Mantel des Schweigens über diese Zeit gelegt. Das gemütliche Beisammensein und die interessanten Gespräche in einer Herberge, das ist die Situation, die den Jakobsweg auch zu etwas Besonderem machen. Hier in Arrés haben wir sie gefunden. (Leider läuft es nicht in jeder Herberge so.) Anscheinend strömt diese Herberge eine besondere Atmosphäre aus, denn in den Forem finde ich aus 2023 u.a. folgende Bemerkung:
„A memorable evening with a wonderful dinner and companionship at the very welcoming Hospital de Peregrinos.“ Dem können wir uns nur anschließen!

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“Animo!” — “Nur Mut!” Angst lebt im Kopf, Mut im Herzen. Es kommt nur darauf an, von einem zum anderen zu kommen!

"Animo!" -- "Nur Mut"!

Camino Aragones

Bevor wir den Camino Aragones in Angriff nahmen, hatte ich versucht meine Spanischkenntnisse ein wenig aufzufrischen. Aber ehrlich gesagt, sie blieben ziemlich rudimentär. Also nahmen wir einen kleinen Sprachführer mit, der uns die nötigen Hilfestellungen geben sollte. Als ich am ersten Abend den Führer ganz willkürlich an einer Stelle aufschlug, sprang mir ein Wort ins Auge „Animo“ übersetzt mit „Nur Mut“. Überraschend, dass ein solches Wort in einem allgemeinen Sprachführer erwähnt wird. Doch es passte so gut zu unserer Wanderung, dass „Animo“ zum Leitspruch unseres Caminos wurde.

Bedingt durch unser Alter, die doch schwierigen persönlichen Veränderungen in unserem Leben, die im Gegensatz zu den anderen Caminos geringe körperliche Vorbereitung wurde auf dem Camino Aragones manchmal einiges an Konzentration, Anstrengung und auch Mut von uns abverlangt.
In den Pyrenäen war der Weg aufgrund des vielen Starkregens in den Tagen und Wochen zuvor zum Teil recht ausgewaschen, so dass schmale Wege, viele glitschige Steine und große Tritte nach unten schon eine rechte Herausforderung waren.
Auch der Abstieg vom Kloster St Jean de la Pena war nicht ohne! Da in den Foren schon auf die Schwierigkeit hingewiesen wurde, hatten wir zunächst vor, die Straße zu benutzen. Dies wäre aber ein großer Umweg gewesen also dachten wir: „Nur Mut“. So sind wir den kleinen Fußweg abwärts gegangen, der wirklich sehr steinig, schmal und an einigen Stellen vorsorglich mit Seilen gesichert war. Dank unserer Bergerfahrung war es nicht einfach aber doch gut zu meistern.

Und manchmal ist es auch die eigene Überschätzung, die einen nötigten mit animo weiterzugehen, um die letzten Kilometer bis zur Herberge zurückzulegen. Waren wir, was die Distanzen zwischen unseren Etappen betraf, am Anfang noch recht vorsichtig, trauten wir uns von Tag zu Tage mehr zu, zumal auch der Rucksack plötzlich viel leichter wurde, obwohl sich am Inhalt nichts geändert hatte! So dehnten wir die Länge unserer Etappen zwar aus, ohne allerdings genau das Höhenprofil anzuschauen. Kilometer ist halt leider nicht im gleich Kilometer, was die Anstrengungen und Herausforderungen betrifft!
Gerade diese Herausforderungen sind es, die den Weg ausmachen und ein fröhliches „Animo“, das wir uns dann zuriefen, ließ uns jede Anstrengung gut meistern.

Hier vielleicht noch eine Anmerkung: wenn ich manchmal die Fragen in den Foren lese und die Ängste und Unsicherheiten anschaue, die Menschen bei der Planung eines Camino bewegen, dann denke ich oft, „Nur Mut!“, ihr schafft das schon, aber ihr könnt nicht alles absichern und vorausplanen. Pilgern heißt doch auch das Vertraute zu verlassen und Veränderung zuzulassen. Jeder Weg hat seine Unwägsamkeiten – und das ist gut so, denn das macht den Weg aus. Es ist einfach Hunderten von Leuten hinterherzulaufen, aber es verlangt Mut, seinen eigenen Weg zu gehen und spontan mit Schwierigkeiten klar zu kommen. Je mehr einem das gelingt, um so stärker kommt man von diesem Weg zurück, umso mehr Zutrauen hat zu sich und dem Leben!
Ich habe in einem Buch folgenden Spruch gelesen, der mir aus dem Herzen spricht:

                                                                         Angst lebt im Kopf, Mut im Herzen.
                                            Es kommt nur darauf an, von einem zum anderen zu kommen!    

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Die Problematik der Eukalyptusplantagen
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Die Castro-Kultur, ein Relikt aus der Eisenzeit

Die Castro-Kultur, ein Relikt aus der Eisenzeit

Camino del Norte, Via de la Plata, Camino Português

Castro-Kultur (prtugiesisch: Cultura Castreja, galicisch: Cultura Castrexa, spanisch: Cultura Castreña) ist eine zusammenfassende archäologische Bezeichnung für eisenzeitliche Kulturen auf der nordwestlichen Iberischen Halbinsel, die seit dem Ende der Bronzezeit (1.Jahrtausend v.Chr.) bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. bestanden. Sie wurde nach den charakteristischen Castros, den befestigten Siedlungen, benannt, die meist auf Hügeln mit guter Sicht angelegt wurden.

Castro de Viladonga De {{{1}}}, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62343224 Castro

Geschichte

Die Castro-Kultur begann sich am Ende der Bronzezeit aufgrund kultureller Einflüsse der zentraleuropäischen und mediterranen Kulturen zu entwickeln. In der anschließenden Periode, die bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. reichte, breiteten sich die Castros vom Süden nach Norden und von der Küste ins Innere der Iberischen Halbinsel aus. Die Expansion setzte sich  fort, bis im 2. Jahrhundert v. Chr. der Einfluss des Römischen Reiches stärker wurde. Mit der Gründung der römischen Provinz Gallaecia war dann das Ende der Castro-Kultur besiegelt. Für die Römer spielten die Vorkommnisse von Gold und anderen Metallen im Norden der iberischen Halbinsel eine wichtige Rolle bei der Eroberung. Diese wurden dann auch in den folgenden Jahrhunderten hier ausgebeutet. So wurden z.B. viele der römischen Münzen mit dem Gold aus Spanien geprägt. Nach einer Übergangsphase war die Castro-Kultur im 4. Jahrhundert n. Chr. verschwunden.

Von Froaringus - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11799792 Schwerpunkt der Castro-Kultur in Galicien

Regionale Verteilung

Die Castro- oder Castrexa-Kultur entwickelte sich im Nordwesten der Iberischen Halbinsel.

Das Gebiet umfasste mit seinem Zentrum im heutigen Galicien zudem den Norden des heutigen Portugals sowie die zentralen und westlichen Gebiete Asturiens und kleine Gebiete weiter südlich bis zum Fluss Duero.

Eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten der portugiesischen, galicischen und asturischen Castros ist ihre exponierte Lage. Die meisten von ihnen befinden sich auf Hügeln, Bergkuppen oder Anhöhen und boten so einen optimalen Schutz gegen Angriffe. Diese Dörfer oder Kleinstädte (manchmal mehr als 1000 Einwohner) waren zudem von Mauern oder Wällen geschützt. Im Innern finden sich meist runde oder auch rechteckige Steinhäuser und schmale Gassen.

Castro de Coana Von Markus Braun - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1304407

Einige Beispiele:

  • Das größte bisher ausgegrabene befestigte Castro de Viladonga  liegt in der Region Lugo. Es nimmt eine Fläche von ca. 4 Hektar innerhalb der Mauern ein, davon umfasst  der Croa (der höchste Teil der Festung)  10.000 qm mit einer unregelmäßigen viereckigen Form ein.
  • Castro Borana in der Nähe der Gemeinde Porto do Son in Galicien ist eines der besterhaltenen und besonders spektakulär liegenden Castros. Es befindet sich auf einer nur über eine tief liegende Landenge verbundenen kleinen Halbinsel direkt am Meer.
  • Das Castro de Coana in Asturien liegt nahe der Stadt Navia und somit in der Nähe des Camino del Norte. Sehr gut erhalten sind die fast 100 meist kreisrunde Fundamente der Steinhäuser der auf einer Bergkuppe gelegenen Siedlung.
  • Am Castro Teso de las Catedrales in Salamanca an der Via de la Plata wurden die Ausgrabungen erst in den letzten Jahren intensiviert.
Von L.Miguel Bugallo Sánchez (http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Lmbuga) - self made, http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Castro_de_BaroNa.Galiza.jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2761701
Castro de Barona Von AnaisGoepner - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59339819
Lage zweier Castros in Salamanca

Lebensform

Die Castro-Wirtschaft basierte auf der Landwirtschaft mit Getreide wie Weizen, Hirse, Hafer und Gerste, Hülsenfrüchten wie Bohnen und Kichererbsen, Kohl, Rüben usw. und Viehwirtschaft mit Kühen, Pferden, Schafen, Ziegen und Schweinen. Sie jagten aber auch Hirsche und Wildschweine, fischten und sammelten Muscheln.

Der Abbau von Gold, Eisen, Kupfer, Zinn und Blei spielte ebenfalls eine Rolle. Die Erze wurden von den Castro-Metallurgen zu Werkzeugen und Schmuck verarbeitet. Zahlreiche Funde von Silber- und Goldreifen, Ohrringen und Ringen weisen auf Prunk- und Schaustücke für die Elite in der Hierarchie der Stämme hin. Die typischen keltischen Torques (offene Halsringe) machen die keltische Zugehörigkeit der Castro-Bevölkerung wahrscheinlich.

Die Skulptur war vor allem in den südlichen Gebieten weit verbreitet. Unter den Waffen stechen die Kurzschwerter und die „Antennen“-Dolche hervor, die allerdings in ihrer Anzahl selten sind.

https://viladonga.xunta.gal/en/museo/coleccions/pezas/torques-or-rigid-collar-open
Von Joseolgon - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19085340
Von Xemenendura - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16347577
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Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien
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Die Architektur der Gotik und ihre besondere Geschichte in Frankreich

Die Architektur der Gotik und ihre besondere Geschichte in Frankreich - als die Kathedralen in den Himmel wuchsen

Via Podiensis

Begriff und zeitliche Einordnung

Die Bezeichnung „Gotik“ entstand, wie die Namen anderer Stilepochen auch, nicht bereits mit ihrem ersten Auftreten, sondern erst fast 300 Jahre später. Auch wurde der Gotik-Begriff nicht etwa in Frankreich geprägt, wo die Wurzeln der gotischen Architektur liegen, sondern erstmals 1435 in einem Werk des italienischen Architekten und Schriftstellers Leon Battista Alberti erwähnt. Das Wort Gotik stammt vom italienischem „gotico“, das ursprünglich ein Schimpfwort war. Es bedeutet „fremdartig“ oder „barbarisch“ und ist vom Germanenstamm der Goten abgeleitet. Giorgio Vasri, ein Kunsttheoretiker der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike, versuchte mit diesem Wort seine Geringschätzung der europäischen mittelalterlichen Kultur im Vergleich zur „glorreichen“ Antike Ausdruck zu verleihen.
Erst mit Goethe, der in seinem Werk „Von deutscher Baukunst“ über das gotische Münster in Straßburg schrieb, begann ein positiver Bedeutungswandel in Bezug auf den gotischen Architekturstil einzusetzen. Allerdings ist zu bemerken, dass Goethe irrtümlich diese Epoche zu einem deutschen Stil erklärte. Der Stil wurde dann im 19. Jahrhundert von europäischen nationalistischen und romantischen Bewegungen aufgewertet und verherrlicht. So wurde auch Mitte des 19. Jahrhundert Goethes Aussage eines „deutschen Stils“ durch kulturwissenschaftliche Forschungen widerlegt und der korrekte Ursprung der Gotik Frankreich zugesprochen. Heute gilt die Gotik allgemein als einer der künstlerisch brillantesten Momente der westlichen Welt.

Eine zeitliche Einordnung der Gotik ist nicht ganz einfach, da der genau Zeitrahmen von den individuellen Entwicklungen in den einzelnen Ländern abhängt.

Die Gotik entstand um 1140 zunächst in Frankreich. Der neue Baustil gelangten vor allem von den Baustellen in Reims und Amiens (Ostteile) ab 1180 zuerst nach England (Canterbury, Wells, Salisbury, Lincoln, Westminster Abbey, Lichtfield), dann ab etwa 1235 nach Deutschland (Marburg, Trier, ab 1275 nach Köln, Straßburg, Regensburg) und Spanien (Burgos, Toledo, Léon). In Italien wurde der gotische Baustil nach französischer oder mitteleuropäischer Art weder vollständig übernommen noch war er je alleine vorherrschend.

Aber natürlich gab es auch hier gotische Kathedralen wie z.B. den berühmten Mailänder Dom.

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123840 Kathedrale (ehem. Abtei­kirche) Saint-Denis, vor 1140 (im 18. und 19. Jh. ver­ändert, Turmvertlust)

Historischer und philosophischer Hintergrund

Keine andere Strömung vor oder nach der Gotik verstand es, einen solch engen Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft herzustellen. Um nun aber zu verstehen, weshalb sich die gotische Architektur gerade im Frankreich des 12. Jahrhunderts aus der Romanik entwickelte, muss man zunächst einen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten jener Zeit werfen.

Im Jahre 1108 übernahm der Kapetinger Ludwig VI. die königliche Herrschaft im territorial stark zersplitterten Land. Der französische Monarch hatte zu jener Zeit zwar großes Prestige, realiter jedoch nur wenig Macht. Diese lag u.a. in den Händen Heinrichs I., der durch geschickte Heiratspolitik nicht nur Herzog der Normandie, sondern gleichzeitig auch König von England war und so enorme politische, wirtschaftliche und militärische Mittel hinter sich vereinigen konnte. Auch die Grafen der Champagne waren, durch wichtige Messestädte in ihren Gebieten, reicher und dadurch letztlich mächtiger als der französische König. Wesentlich einflussreicher war auch der Graf von Flandern, der das größte Wirtschaftszentrum nördlich der Alpen, ein im 12. Jh. sehr reiches Land regierte. (s. auch Kapitel der 100-jährige Krieg).

Um seine Macht zu stärken und die des Feudaladel im Land zu schwächen, paktierte Ludwig VI. mit der Kirche, vor allem mit seinem engen Berater Suger, dem Abt von Saint-Denis, der zusammen mit ihm in der Klosterschule von St. Denis erzogen worden war. Die Kirche unterstützte das Machtstreben der französischen Monarchie. Der König förderte zudem die zunehmenden Ordensgründungen und holte die Bruderschaften zu sich in die Hauptstadt.

Außerdem wurden durch Freiheitsbriefe, die sich der König von der jeweiligen Stadt beziehungsweise Gemeinde teuer bezahlen ließ, Feudalpflichten aufgehoben, die die wirtschaftliche Entwicklung stark eingeschränkt hatten. So standen diese Städte und einzelne Landgemeinden hinter dem König und gegen den sie früher ausbeutenden Feudaladel.

Mit dem Erstarken und der geographischen Ausweitung des französischen Kronlandes, also der Entwicklung zur zentralistischen Macht, breitete sich auch die für ‚das Neue’ stehende Architektur, die Gotik, aus. Gotische Sakralgebäude galten bald als ‚chic’, so dass jedes Land, jede Stadt und jede noch so kleine Gemeinde alle vorhandenen Mittel darauf verwendete, wenigstens eine etwas größere und neuere Kirche als die des Nachbarn zu bauen. Außerdem spielte auch die Parteinahme von Bündnispartnern in der Politik eine nicht unerhebliche Rolle bei der Expansion der Gotik. Wer innerhalb Frankreichs gotisch baute, bezeugte seine Gewogenheit gegenüber der französischen Krone. Die Baubewegung in Frankreich wurde vor allem in der Anfangszeit dadurch gefördert, dass das Volk und auch der Adel die Bautätigkeit mit finanziellen Mittel oder auch praktischer Arbeitstätigkeit unterstützten. So ist u.a. die große Zahl an Kirchen, Abteikirchen und Kathedralen in Frankreich zu erklären.

Gleichzeitig verbindet sich mit der Gotik eine ganz neue Einstellung zur Gestaltung des Lebens. Der Grund für eine solche Revolution ist die Veränderung der mittelalterlichen Mentalität über vorhandenes Wissen und vorhandene Wahrheit. Im 12. und 13. Jahrhundert wird Platons vom Heiligen Augustinus verteidigter Idealismus überwunden, der die philosophische Grundlage des frühen Mittelalters bildete. Die Philosophie des Aristoteles, die auf der Vorrangstellung der Sinne basierte, erlangte wieder eine große Bedeutung und  wurde von Persönlichkeiten wie dem Heiligen Albert dem Großen und dem Heiligen Thomas von Aquin energisch verteidigt. Dieser Mentalitätswechsel führt in der Architektur dazu, dass sich der Baumeister (Architekt) beim Bauen nicht mehr an regelmäßige Formen halten (im Wesentlichen Kreise und Quadrate) muss, sondern dass er frei arbeiten kann, nicht mehr nur als Geometer, sondern als Ingenieur. Das bedeutete auch, dass man sich an neue Gestaltungselemente heranwagte und herantastete. Dieser technische Empirismus verhalf dazu, geniale tektonische Lösungen zu erfinden, um Räume von großer Höhe und Farbe zu schaffen. Die Art und Weise, das himmlische Jerusalem im 13. Jahrhundert zu symbolisieren, bestand darin, einen großen Raum aus Licht und Farbe zu schaffen. Die Strahlen der Sonne, das Licht Gottes, sollten die ganze Kirche erfassen und das Bauwerk zur gebauten Metaphysik verwandeln. 

Außerdem war es eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Am Anfang der Epoche setzte eine Phase der generellen Umstrukturierung im Wirtschaftsleben des Landes ein. Die Wirtschaft entwickelte sich in bestimmten Regionen und in den Städten positiv. Der Handelsschwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Stadt. Die Landbevölkerung strömte in die Städte (Landflucht). Durch das Wachstum der Städte entstand auch Bedarf an neuen Kirchenbauten und es sind auch die Städte, die die wirtschaftliche Kraft besitzen, um die aufwendigen Bauten der Gotik finanzieren und realisieren zu können. So entstanden sogenannte „Bauten der Macht“ in der Mitte der Stadt.

Es war auch die Zeit der Kreuzzüge. Die Kreuzzüge dienten neben der Eroberung der Stadt Jerusalem vor allem auch der Verbreitung und der Verteidigung des christlichen Glaubens – der Einflussbereich der Muslime sollte zurückgedrängt werden. Es ging dem Papst aber auch um eine erneute macht-politische Stärkung der Kirche und des Papsttums. Die Erstarkung der Kirche zeigte sich auch in der zunehmenden Bedeutung der Ordensgemeinschaften neben den Benediktinern hier vor allem den Zisterziensern, deren Verbreitung für die Gotik eine besondere Bedeutung hat. 

So versuchten der König, der monarchisch orientierte Adel, Domkapitel, Bischöfe und Städte sich in dieser Konkurrenzsituation mit immer prächtigeren Bauten gegenseitig zu übertrumpfen – als Demonstration ihres Führungsanspruchs, aber auch aus echter frommer Begeisterung.

Die Gotik wurde in diesem Zusammenhang in Europa als willkommene Neuerung empfunden. Die neuen Techniken wurden voll Begeisterung übernommen, da durch sie auch die neue spirituelle Einstellung dargestellt werden konnte. England, Deutschland, Italien, Spanien und die anderen europäischen Länder wollten auch demonstrieren, dass sie die neue Kunst wenigstens so gut wie das Ursprungsland Frankreich beherrschten. Zudem verhalf die wachsende Bedeutung des Zisterzienserordens und seine strenge Durchstrukturierung einer weiteren Verbreitung der Gotik. All diese Fakten führten so zu einer breiten aber auch relativ einheitlichen Ausbreitung der Architekturkunst der Gotik.

Die Kathedrale des Mittelalters, das Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulptur, Malerei und Glasmalerei gilt als besonderes Wahrzeichen der Gotik.  “Genie de Lieu “sagen die Franzosen, wenn ein Ort etwas ganz Eigenes und Besonderes atmet. Das kann wohl für die gotischen Kathedralen im Besonderen gelten. Sie spiegeln die Wandlung des mittelalterlichen Weltbildes wider, das mit einer neuen Frömmigkeit und mystischen Strömung einhergeht.

Einen großen Aufschwung nahm auch die profane Baukunst zur Zeit der Gotik, v. a. in den Städten, wo sie die wachsende Macht des aufstrebenden Bürgertums verkörperte. Sie übernahm Formen und Motive der französischen Kathedralgotik. So entstanden Burgen und Befestigungsanlagen, Rathäuser, Zunfthäuser, Hospitäler und Bürgerhäuser im gotischen Stil.

Von Uoaei1 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45346485 Notre Dame de Paris 2015

Spezielle Situation in Frankreich

Die zahlreichen Konflikte zwischen den theologischen Lehrmeinungen erhielten in Frankreich im 12. Jh. durch die Initiativen zweier sehr gegensätzlicher Äbte – den Zisterzienser Bernhard von Clairvaux und den Benediktiner Suger von Saint Denis – eine eminent politische Dimension: Als radikaler, nüchterner Reformer löste Bernhard anfallende Konflikte (Mauren, Türken) vornehmlich mit Waffengewalt. Ihm gelang es nicht nur, König Ludwig VII. zur Teilnahme am zweiten Kreuzzug zu bewegen, sondern auch, die Eroberungsfeldzüge vom Papst sanktionieren zu lassen. Abt Suger hingegen stand im Dienst der Könige von Frankreich und konzentrierte sein Interesse v. a. auf die Neuerungen der Kunst.

Er war gemeinsam mit Ludwig VI. in St-Denis erzogen worden. Abt Sugers ganzes Streben galt der Stärkung der Macht des französischen Königs. Vom Bauernsohn war Suger zum Abt des wichtigsten französischen Klosters in St. Denis und zum engsten Berater zunächst Ludwigs VI. und dann Ludwigs VII. aufgestiegen. Als letzterer 1147 zum Kreuzzug aufbrach, ernannte er Suger zum Regenten Frankreichs. Um die neu erstarkte französische Königsmacht zu demonstrieren, griff er zu einem überaus publikumswirksamen Mittel, das symbolisch-imperialen Wert besaß: er veranlasste den teilweisen Neubau der Klosterkirche von Saint-Denis. Der Bau des gotischen Chors von St. Denis dauerte gerade einmal vier Jahren (1140–1144) und wird heute als Ausgangspunkt der Gotik gesehen. Diese wichtige Voraussetzung für die Ausdehnung der königlichen Herrschaft – und damit einhergehend der Kathedralarchitektur – war das enge Zusammenspiel zwischen geistlicher und weltlicher Macht in Frankreich. So wurden zwischen 1180 und 1270 in Frankreich rund 80 Kathedralen (städtische Bischofskirchen) gebaut. Dazu kommen noch unzählige Neubauten wie Abtei-, Kollegiats- und Pfarrkirchen. Da die französischen Könige, allen voran Philipp August (1180–1223) und Ludwig IX. (1226–1270), die Vormachtstellung Frankreichs in Europa ausbauten, wurde der Stil der französischen Kathedralgotik, die „französische Bauweise“, stilbildend.

Anders als in Deutschland spielte das langsam wieder erstarkende französische Königtum selbst auch als Auftraggeber großer gotischer Kathedralbauten eine wichtige Rolle. Die Abteikirche von St. Denis bei Paris war die Grablege der französischen Könige; Reims der Ort der Krönung, Chartres das bedeutendste Wallfahrtszentrum des Landes. Im Machtzentrum Paris entstanden mit der Kathedrale Notre-Dame und der Sainte-Chapelle, der königlichen Palastkapelle, gleichfalls herausragende kathedrale Bauten. Und auch die Bischofssitze, in denen Kathedralen errichtet wurden, wie Beauvais oder Laon, standen im direkten Einflussbereich der königlichen Macht.

Dass ihre symbolische Bedeutung der Kathedrale von Reims bis in dieses Jahrhundert reicht, zeigt sich an einem kleinen Beispiel: 1962 nahmen Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims gemeinsam an einer Messe teil, um die deutsch-französische Freundschaft zu bekräftigen – eine symbolische Geste, die François Hollande und Angela Merkel 50 Jahre später wiederholten.

Fassade der Kathedrale von Reims Von Johan Bakker, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38255047
Adenauer und De Gaulle in der Kathedrale von Reims Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F013405-0016 / Steiner, Egon / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5451627

Phasen der Gotik in Frankreich

In der Gotik entstand ein neues Raumgefühl, dass jedoch nicht nur nach Höhe, sondern auch nach Licht und sanfter Helligkeit verlangte. Deshalb wurde die kompakte Mauer gleichsam aufgelöst und von hohen Fenstern und riesigen Fens­terrosetten zwischen den Strebepfeilern durchbrochen. Glasmalerei und Steinmetzkunst entwickelten sich zu hoher Blüte. Feingliedrige Strebepfeiler, Ziergiebel (Wimperge), Türmchen (Fialen) und gotisches Dekor wie Maßwerk und Kreuzblumen lassen die Fassaden wie steinernes Spitzenwerk erscheinen. Religiöse Figuren zieren Giebelfelder (Tympana) und Bogenläufe (Archivolten), Gewändefiguren wie Engel und Heilige lösen sich erstmalig aus der Mauer heraus.  

Um einen kurzen Blick auf die Entwicklung der Gotik in Frankreich zu werfen, werden hier die Phasen der Gotik in diesem Land kurz angesprochen.

Gothique primitif       Gothique classique    Gothique rayonnant   Gothique flamoyant

1140-1190                  1190-ca.1230             1231-1350                  1350-1520     

Die erste Phase der Gotik in Frankreich wird als Gothique primitif bezeichnet.

Typisch für den Gothique primitif sind:

  • Emporenbasiliken
  • Runde Arkadensäulen mit korinthischen Kapitellen.
  • spitzbogige Kreuzrippengewölbe, über den Seitenschiffen vierfeldrig, über den Mittelschiffen oft als sechsfeldrige Doppeljoche, gleichsam als Reminiszenz des gebundenes System.

Die zweite Phase der Gotik in Frankreich wird Gothique classique genannt, klassische Gotik. 

  • Über den Seitenschiffen von Basiliken werden keine Emporen mehr angelegt. Zur Regel werden Basiliken mit Triforium in Form zum Mittelschiff geöffneter Zwerggalerien gebaut.
  • Binnenchor, Chorumgang und Kapellen schließen polygonal (vieleckig).
  • Die Vorlagen (Dienste) für Gurt- und Arkadenbögen beginnen an den Basen der Arkadenpfeiler, so dass die Mittelschiffe von durchgehenden Senkrechten geprägt sind.
  • Die Kreuzrippengewölbe sind auch über Mittelschiffen und Binnenchören vierfeldrig.

Als Initialbau der dritten Phase der Gotik in Frankreich, des Gothique rayonnant, der strahlenden Gotik, gilt gemeinhin der Chor der Kathedrale von Amiens, errichtet ab 1236, die entscheidenden befensterten Triforien aber wohl erst ab 1258. Vorher erschien diese Neuerung schon beim hochgotischen Umbau der Abteikirche von Saint-Denis ab 1231, davon der Chor bis 1245.

  • Der Gothique rayonnant zeichnet sich durch Vergrößerung der Fensterflächen aus.
  • Die Triforien bekommen Außenfenster oder werden den Obergaden zugeschlagen.
  • Internationale Bedeutung: Nach dem Muster der Kathedrale von Amiens wurde ab 1248 der Kölner Dom errichtet.

Die vierte Phase der Gotik in Frankreich wird als Gothique flambant – „flammende Gotik“ bezeichnet. Als Initialbau wird die 1388 als Schlosskapelle errichtete Sainte-Chapelle in Riom genannt.

  • Kennzeichen ist die kreative Ausweitung des Formenspektrums.
  • Weniger im allgemeinen Bewusstsein, aber auch typisch, sind um eigentlich rechteckige Fenster und Tore geschlungene Kielbögen
  • Die allgemeinen Erläuterungen zu den Stilelementen der Gotik sind weiter unten aufgeführt.
Kathedrale von Chartres Von Olvr - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16331210

Die wichtigsten frühgotischen Kathedralen der Île-de-France

Die gotische Baukunst entstand aus dem Baugefüge und den Formen romanischer Kirchen in Frankreich, genauer in der fruchtbaren Île-de-France (Paris und Umgebung). Zur ersten Blüte gelangte die Gotik mit dem frühgotischen Neubau der Abteikirche von Saint-Denis (1130/35–1144), der königlichen Grablege. Trotz des bewusst neuen Konzeptes besaß der Chor der Abteikirche von Saint-Denis anfangs keinen Modellcharakter. Aber man doch sagen, dass in St.-Denis die Gotik ihren Ausgangspunkt hatte. In der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde in Frankreich noch sehr viel experimentiert und variiert, bis man mit der Kathedrale von Chartres eine Lösung fand, die formal so überzeugend war, dass sie zum Vorbild für viele Nachfolgebauten wurde. In dieser experimentellen Phase entstanden in Frankreich zwischen 1140 und 1194 beispielsweise die frühgotischen Kathedralen von Sens und Laon, sowie wichtige Bauteile der Kathedralen von Soissons und Noyon und schlussendlich die Kathedrale Notre-Dame in Paris.

 

  • Paris, Abteikirche von St.Denis, 1137–1144 – der „Gründungsbau“ der gotischen Architektur
  • Sens (Yonne), Kathedrale Saint-Étienne, 1140–1168
  • Laon (Aisne), Kathedrale Notre-Dame, um 1160–1210
  • Noyon (Oise), Kathedrale Notre-Dame, um 1150
  • Soissons (Aisne), Kathedrale Saint-Gervais et Protais, um 1180/90
  • Paris, Notre-Dame, 1163–1182 Chor / bis 1196 Langhaus / Querhaus nach 1225 Vergrößerung der Fenster
Von ~~ - cropped from File:Frankreich 12. Jh (ohne Süd).png, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=126089316

Beispiel für die Hochgotik in Frankreich

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden die Kathedralen von Chartres, Reims, Amiens (Langhaus) und Bourges, die der Hochgotik in Frankreich zugerechnet werden. Zu den Höhepunkten dieser Phase zählt der vollendete Umbau der Abteikirche von Saint-Denis (Langhaus), die königliche Pfalzkapelle Sainte-Chapelle in Paris, die Kathedrale von Troyes und die königliche Schlosskapelle Saint-Germain-en-Laye. Die tiefe Verankerung der Gotik in Frankreich zeigt sich in ihrem Weiterleben in der Nachgotik, die noch in der Renaissancezeit Bauten wie die Kathedrale von Orléan (ab 1601) oder Saint Eutache (1532–1649) hervorbrachte.

Kathedrale von Chartres                    1145 romanisch/1149 gotisch

Kathedrale von Reims                         1211-1275

Kathedrale von Amiens (Langhaus)   13. Jh. Hochgotik

Kathedrale von Bourges                     1195-1270

Saint-Denis- Umbau                           12./13. Jh.

Sainte Chapelle in Paris                       1244-1248

Kathedrale von Troyes                        ab 1208

Kathedrale von Amiens Von Jean-Pol GRANDMONT - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20453765
Von Karl Baedeker (Firm) - https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14759510006/Source book page: https://archive.org/stream/northernfranc00karl/northernfranc00karl#page/n86/mode/1up, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42713654

Regionale Differenzierung

Anders als in der Romanik bildeten sich innerhalb der gotischen Epoche nur geringfügige Unterschiede in den einzelnen Regionen Frankreichs heraus. Dies stand in engem Zusammenhang mit den politischen Einheitsbestrebungen der Kapetinger und dem sich von der Ile-de-France ausbreitenden Kathedralbauschema. Mit den wachsenden Herrschaftsansprüchen des Königshauses wurde auch die einheitliche Umsetzung des im königlichen Stammgebiet herausgebildeten Bauschemas im ganzen Land umgesetzt. Der gotische Sakralbau galt im 13. Jahrhundert als Zeugnis der königlichen Macht. In den nachfolgenden beiden Jahrhunderten erfuhr die Bedeutung dieses nationalen Kirchenbaus insofern eine Veränderung, als er nicht mehr die königliche Herrschaft, sondern das erstarkende Bürgertum den gotischen Kathedralbau für seine Zwecke in Anspruch nahm. Die großen Sakralgebäude wurden zum Wahrzeichen der Stadt, zum Versammlungsraum der Gemeinde, an dem sich der Bürgerstolz der Zünfte im Reichtum der Ausstattung zeigte.

Im beginnenden 13. Jahrhundert entbrannte zwischen den nordfranzösischen Städten ein Wettlauf um die größte Kathedrale. Doch die neue Technik stieß auch an ihre Grenzen. Der Mut aber auch Hochmut zeigten sich an der Mitte des 13. Jh. in Beauvais darin, dass man eine alles überra­genden Kirche schaffen wollte. 1204 hatte König Philipp II. die Normandie erobert. Die Grenze des Königreichs Frankreichs verschob sich bis an den Atlantik. Der Sieg über die Normannen machte aus der bis dahin strategisch wichtigen Grenzstadt Beauvais plötzlich eine friedvolle Enklave. Damit wurden die bischöflichen Mittel frei, die jahrelange Kriege an der Seite des französischen Königs gebunden hatten. Und so wollte man eine Kathedrale bauen, die alle anderen Kirchen in der Höhe übertrafen. 1247 begannen die Bauarbeiten, das Schiff erreichte eine Höhe von 48 m, das Dach war gedeckt, die Kirche eingeweiht. Doch im Jahr 1284 stürzten Teile des Chores ein. Erst nach einem halben Jahrhundert wurde der Chor wiederaufgebaut, die Struktur wurde durch zusätzliche Pfeiler verstärkt. Anschließend wurden die Bauarbeiten eingestellt.

Erst im 16. Jahrhundert, von 1500 bis 1548, wurde das Querschiff gebaut. 1573 fiel der zentrale – mit etwa 150 Meter Höhe vermutlich viel zu groß geplante – Turm in sich zusammen. Ein Hauptschiff wurde nie errichtet. Zu dieser Zeit war die Gotik nicht mehr modern, auch war kein Geld mehr vorhanden.

Gotische Kathedralen auf der Via Podiensis

Le Puy -en-Velay        Cathédrale du Puy                  ab 12.Jh.

Cahors                            Cathédrale St. Etienne           1080 – 1135

Aire-sur-l´Adour        Cathédrale St.-Jean-Baptiste 11./12.Jh.          (Konkathedrale)

Fréjus                              Cathédrale Saint Léonce         12./13.Jh.          (Konkathedrale)

Condom                         Cathédrale Saint-Pierre         14.-16.Jh.           (ehemalige Kathedrale)

Eauze                              Ancienne C. St. Lupercus       2. Hälfte 15. Jh  (ehemalige Kathedrale)

Lectoure                         Ancienne C. St. Gervais          um 1325             (ehemalige Kathedrale)

Gotische Kathedralen auf der Via Tolosana und dem Camino Aragonés

Auch                           Cathédrale  St. Marie d´Auch   1489

Toulouse                    Cathédrale  St. Étiennne           1272                   (Typ Pilgerkirche)

Arles                            Cathédrale  St. Trophime         12.-15.Jh.          (ehemalige Kathedrale)

Oloron -St. Marie    Cathédrale  St. Marie                 12.-14. Jh.         (ehemalige Kathedrale)

Pamplona                   Catedral       St. Maria la Real   1392

Eine Kathedrale oder Kathedralkirche, auch Bischofskirche, ist eine Kirche, in der ein Bischof residiert und die die Kathedra als dessen Sitz enthält. Ehemalige Kathedralen sind also heute keine Bischofssitze mehr, bestehen aber zum Teil noch als Stadtkirchen. Erläuterungen zu den einzelnen Kathedralen an den Jakobswegen findest du in den Kapiteln zu den jeweiligen Städten.

Zahl der gotischen Kathedralen in Frankreich

Nach Wikipedia bestehen in Frankreich heute noch 96 Kathedralen, von denen mindestens 60 zur Zeit der Gotik entstanden sind, von den 12 Konkathedralen sind es 9 und von den 76 ehemaligen Kathedralen sind es 54. Das verdeutlicht, welche besondere Bedeutung die Gotik in diesem Land hatte und hat, sind doch die Kathedralen immer wieder aufs Neue bewundernswerte Bauwerke und immer eine Reise wert.am

Stilistische Merkmale der Gotik

Was genau verbirgt sich aber nun hinter diesem in der Geschichte so kontrovers betrachteten Begriff der Gotik?

Das Streben nach Höhe ist kennzeichnend für die gotische Architektur. Ebenso wie das Auflösen der massiven Wand, um Platz für große Fensterflächen zu schaffen, die den Kirchenraum erstrahlen lassen. Dazu wurden bestimmte bauliche Elemente – wie das Kreuzrippengewölbe, der Spitzbogen und das Strebewerk – verwandt, um diese Idee des himmlischen Jerusalem zu symbolisieren. Es sollten Räume von großer Höhe aus Licht und Farbe geschaffen werden. Durch das unten beschriebene neue Konstruktionssystem ergeben sich eine Betonung der Vertikalen sowie die Auflösung der Wandflächen, die durch große, farbige Fensterflächen gefüllt werden.

Kreuzrippengewölbe

Kreuzgratgewölbe gab es schon vor der Gotik in römischer Zeit oder im angelsächsischen Raum. Das Kreuzgratgewölbe – das typisch für die Romanik ist – war der Vorläufer des gotischen Kreuzrippengewölbes. Die Konstruktion entsteht durch die Durchdringung von zwei, im rechten Winkel, zu einander stehenden Tonnen von gleicher Höhe. Dadurch entstehen gekrümmten Schnittfläche, auch Grate genannt, die dem Gewölbe auch den Namen Kreuzgratgewölbe geben. Die Bautechnik kann nur durch die römische Technik des Mörtelgusses oder bei sehr kleinen Räumen verwendet werden, da ihr statische Grenzen gesetzt sind.

Demgegenüber werden beim Kreuzrippengewölbe die Grate durch die Rippen unterstützt. Die Neuerung bestand darin, dass beim Gewölbe mit einem viereckigen Grundriss zwei Rundbögen kreuzförmig über die beiden Diagonalen gestellt wurden, zumeist mit einem dekorativen Schlussstein an der Kreuzung. Dadurch war die Stabilität des Gewölbes verbessert, und die Gewölbeschalen konnten dünner und damit leichter sein. Die Gurt- und Schildbögen über den vier Außenseiten wurden spitz nach oben gebaut und konnten so die gleiche Höhe wie die beiden längeren und höheren Rundbögen über den Diagonalen erhalten. Mit Einführung des Spitzbogens erfuhr das Kreuzrippengewölbe eine Steigerung der Gestaltungsvielfalt. Außerdem wurden im Laufe der Jahrhunderte reichere Gewölbekonstruktionen entwickelt wie das Netz-, Stern- und Schlinggewölbe.

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-k/kreuzrippengewoelbe.php

Spitzbogen

Der Spitzbogen gilt als ein zentrales Element der gotischen Baukunst, die deswegen früher auch als „Spitzbogenstil“ bezeichnet wurde. Spitzbögen sind zwar als Einzelelement bereits aus der Romanik bekannt, dort herrschte jedoch noch die Verwendung von Rundbögen vor. Der Spitzbogen ist konstruktiv eine Annäherung an die Bogenform, die dem günstigen statischen Kräfteverlauf einer Parabel entspricht. Spitzbögen bestimmen das Erscheinungsbild gotischer Bauten und finden sich praktisch durchgängig im Querschnitt aller Gewölbe, in der Form der Fenster- und Portalgewände sowie im Maßwerk. Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden (s.u.).

Strebewerk

Das Strebewerk ist ein weiteres zentrales konstruktives und gestalterisches Element der höher werdenden Kirchenbauten. Es ist ein statisches System, das sich in Strebepfeiler und Strebebogen unterteilen lässt und zur Lastabtragung der Kräfte beiträgt. Es dient bei einer Basilika dazu, den seitlichen Gewölbeschub und die Windlast von Mittelschiff und Hochchor aufzufangen. Die Stabilität der Strebepfeiler wird durch Auflasten erhöht, die als Zierelemente wie Fialen (schlanke, spitz zulaufende, flankierende Türmchen) gestaltet sein können. In das Strebewerk wurden auch die Abläufe für Regen- und Schmelzwasser integriert, das über Wasserspeier im Bogen vom Gebäude wegschießt und so von Mauerwerk und Fundamenten ferngehalten wurde. 

Die Schubkraft aus den Gewölben drückt schräg gegen die Hochschiffspfeiler, die ohne den Gegendruck der Strebebögen, einstürzen würden. Das Entgegenwirken der beiden diagonal verlaufenden Kräfte hebt ihre Kraftrichtungen auf, sodass der resultierende Kräfteverlauf vertikal im Pfeilerkern gehalten werden kann. Dies ermöglicht es die Pfeiler trotz der enormen Höhen so schlank auszugestalten. 

Der Strebebogen dient somit dem Weiterleiten des Gewölbe- und Winddrucks, letzterer nimmt aufgrund der ansteigenden Windgeschwindigkeit mit der Höhe zu. Der Kräfteverlauf aus beiden Faktoren entspricht einer Parabelkurve, die bei Windstille steil ist, jedoch bei Windeinwirkung flacher wird. Dann sind zwei Strebebögen notwendig, um den auftretenden Horizontalschub widerstehen zu können. Der untere Strebebogen, der in Höhe des Obergadens ansetzt, leitet überwiegend den Gewölbeschub weiter. Der obere, der an der Traufe beginnt, ist wegen des Winddrucks angebracht worden.

Während das Strebewerk in der Frühzeit der Gotik vor allem statische Funktion hatte und nach innen verlagert war, entwickelte es sich später zu einem wichtigen baukünstlerischen Element und wird deutlich hervorgehoben und von außen sichtbar. Die Strebebögen werden ab 1160 bei Chören (Saint Germain des Pres in Paris) und ab 1180 beim Langhaus (Notre Dame in Paris) frei sichtbar oberhalb der Dachflächen angesetzt.

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-s/strebewerk.php
http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-s/strebewerk.php

Auflösung der Wand

Bei der Gotik ermöglichten nun die leichtere Bauweise durch Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe, Strebewerk und Strebepfeiler eine Verlagerung der tragenden Elemente in den Außenbau, eine starke Reduzierung der Mauerstärken sowie eine weitgehende Durchbrechung der Wände durch Fenster. Die statische Funktion der Bauglieder wird im Innenraum bewusst überspielt, um eine Illusion von Leichtigkeit und Schwerelosigkeit der Architektur zu schaffen. Im Innenraum wird über den Arkaden zu den Seitenschiffen und zum Chorumgang hin ein als Triforium bezeichneter Laufgang in die Wand eingelassen. In die Außenwand wurde eine Vielzahl großflächiger Fenster eingelassen, die das Gebäude leicht und lichtdurchflutet erscheinen lassen. In der Hochgotik wird schließlich auch noch die Rückwand des Triforiums durchfenstert, sodass die Wand vollständig durchbrochen erscheint. Dennoch ist praktisch jedes Element eines gotischen Baukörpers tragend. Die Baumeister der Gotik schufen neue Konstruktionen durch evolutionäre Weiterentwicklung nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“. Deswegen stürzten einige Bauten schon während der Bauphase ein (z.B. die Kathedrale von Beauvais) oder mussten nachträglich aufgrund auftretender Risse mit weiteren kraftableitenden Elementen verstärkt werden. Es entsprach aber – wie oben erläutert – ganz dem damaligen Denken des technischen Empirismus, der auch Fehlschläge mit einkalkulierte.

Das Maßwerk und die Fenster

Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden. Das Maßwerk besteht aus geometrischen Mustern, die als Steinprofile umgesetzt werden, wobei der Stein komplett durchbrochen (skelettiert) wird. Das Maßwerk ist ein Element der gotischen Architektur und ist eines der wichtigsten Merkmale der Hoch- und Spätgotik, wo es ein unabdingbarer Bestandteil der Fenster war. Diese Fenster aus Buntglas stellen abstrakte Bilder dar oder Szenen aus dem biblischen Leben.

In der bildenden Kunst bezeichnet der Begriff „Buntglas“ gewöhnlich Glas, dem bei der Herstellung lichtdurchlässige Farbe hinzugefügt wurde: ein Verfahren, das seinen Höhepunkt in der gotischen Architektur erreichte, in den malerischen erzählenden Fenstern der großen christlichen Kathedralen. Die Kunstfertigkeit der Glasmaler, die solche mittelalterlichen Meisterwerke wie die Fensterrose an der Westfassade der Kathedrale von Chartres schufen, ist in der Tat selten und außergewöhnlich.

Der Künstler (in der Praxis eine Gruppe von Künstlern) überwachte nicht nur den gesamten Produktionsprozess, um die Unversehrtheit und die richtige Pigmentierung des Glases zu gewährleisten, sondern war auch für die Gestaltung, die Komposition und die Effekte der Glasmalerei verantwortlich. Er begann in der Regel mit einer Reihe von Kohleskizzen oder Skizzen) des gewünschten Bildes. Daraus wurde eine Reihe von Entwurfsplänen in Originalgröße erstellt, die in der Regel direkt auf die Oberfläche aufgetragen wurden, die zum Schneiden, Malen und Zusammensetzen des Glasmosaiks verwendet wurde. Besonderes Augenmerk wurde auf die genauen Details und die Farbgebung der in der Glasmalerei dargestellten Bilderzählung gelegt. Es konnte sich dabei um die Darstellung einer biblischen Episode aus dem Alten oder Neuen Testament handeln, um das Leben von Propheten oder Heiligen, um ein Ereignis aus dem Leben Christi oder der Heiligen Familie.

Gewöhnlich wurden auch zusätzliche Symbole oder Motive eingefügt, die die Person oder die Zunft identifizierten, die für das Fenster bezahlt hatte. All dies erforderte eine sorgfältige Vorplanung, bevor der Produktionsprozess begann.

Um die optimale Farbgestaltung eines Glasfensters zu gewährleisten, musste der Künstler außerdem den Winkel, die Menge und die Intensität des einfallenden Lichts beurteilen. Helles Licht erfordert zum Beispiel hellere und dunklere Farben. Dies musste mit der Notwendigkeit eines Farbkontrasts sowie mit der Notwendigkeit, je nach Tages- und Jahreszeit unterschiedliche Lichtverhältnisse zu schaffen, in Einklang gebracht werden. Kurz gesagt, die Kunst der Glasmalerei umfasste architektonisches Design, Glasherstellung, Farbchemie, Cloisonné -Emaille und ein Dutzend anderer Künste und Handwerke.

Von Photo by PtrQs, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54491069 Rosette Nord von Chartres
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=321662
Saint Chapelle oberer Teil Von Didier B (Sam67fr) - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1109265

Skulpturen in der Gotik

Die Skulpturen wurden zunächst für Kathedralen gefertigt und dort entweder innen oder außen an den Mauern der Kathedrale angebracht. Die gotische Plastik entsteht zunächst aus dem Wunsch heraus, die Fassaden der Kathedralen mit Standbildern, Reliefs und Figuren zu schmücken, die die Heilsgeschichte symbolisieren. Daher wurden gotische Skulpturen mit den hinter ihnen befindlichen Wandteilen aus einem Stück Stein gehauen. Dennoch wirken sie unabhängig von der Architektur, weil sie nahezu voll rund gearbeitet sind. Ein Ensemble aus Tympanon, Bogenfries, Säulen, Statuen und Fundamentverkleidung macht das historische gotische Portal aus. Unter den eingemeißelten Themen finden wir neben der Apokalypse und dem Jüngsten Gericht auch Szenen aus dem Alten Testament, die typologisch mit denen des Neuen Testaments korrespondieren. 

So unmittelbar an die Architektur gebunden stehen die säulenhaften Figuren mit starrem Blick immer im Bezug zum Wandhintergrund, benötigen eine Konsole, auf der sie stehen und einen Baldachin über dem Kopf. Die Figuren wurden zunehmend individualisiert, das heißt, sie bekamen eine eigene Gestik und Mimik, sowie eine eigene Körperhaltung. Die Skulpturen in der Romanik haben keinen Schwung in sich, was bei den Skulpturen in der Gotik anders ist, denn sie haben eine bewegte Darstellung. Mit einer ungezwungenen Eleganz und mit einem weich fließenden Gewand wird die Haltung der Personen in einer leichten S-Kurve dargestellt, was man auch als S-Schwung bezeichnet. Auch an der Kleidung der Skulpturen wurde gearbeitet, denn sie bekamen einen ausgeprägten Faltenwurf, der die gesamte Skulptur lebendiger aussehen ließ. Noch dazu wurden den Skulpturen mehr Details verliehen, sodass sie insgesamt näher an der Realität sind als die Skulpturen der Romanik. Zunächst waren die Skulpturen noch relativ statisch. Doch in der zweiten Hälfe des 14. Jhs. regte ein neuer Realitätssinn dazu an, weitere Gestaltungsmerkmale zu verwenden. 

Westliche Portalanlage von Chartres Von Rolf Kranz - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85693799
Gewände des Mittelportals der Westfassade der Kathedrale von Reims Von Szeder László - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3734097

Auch auf dem Gebiet der Plastik war zunächst Frankreich führend. Berühmte Beispiele sind die West- und Querhausportalfiguren von Chartres – um 1145 – sowie die Figuren der Kathedralen in Reims, Paris und Amiens. Im 13. Jahrhundert zur Stauferzeit schufen auch die deutschen Künstler Meisterwerke der gotischen Plastik.

Allein die 33 lebensgroßen und 200 kleinen Figuren auf einer vergleichsweise kleinen Fläche an den drei großen Westportalen der Kathedrale von Reims zeugen von einer bewundernswerten Kreativität und einem großen handwerklichen Können. Die Säulenstatuen an den drei Westportalen der Kathedrale von Chartres gehören wohl zu den berühmtesten Werken der gotischen Bildhauerei überhaupt. Die Steinmetze in Chartres kleideten die Dargestellten in reiche höfische Gewänder des 12. Jhs., wodurch sie ein neues Verhältnis zum Menschen und zur Natur offenbaren. Sie machten harten Stein geschmeidig.

Und wenn man bedenkt, dass man solch wunderbare Sammlungen gotischer Skulpturen auf hunderten von ähnlichen Kirchen findet, so kann man nur die außergewöhnliche Produktivität der Steinmetze des 13. Und 14. Jhs. bewundern. Viele Leistungen der Künstler in Frankreich, Spanien, England und im Heiligen römischen Reich deutscher Nation bleiben dennoch die Schöpfungen anonymer Kunstschaffender

Die neue Form der Bauhütten

Von besonderer Bedeutung für die Gotik war die Ausbildung von Bauhütten seit dem 13. Jahrhundert, ein Verband aller an einem großen Kirchenbau beteiligten Steinmetzen, Handwerkern und Bauleuten, die unabhängig von der städtischen Zunftordnung und mit einer eigenen strengen Ordnung arbeiteten. Vor allem waren sie an die „Arkandisziplin“ gebunden. Das Arkanprinzip (von lateinisch arcanum – „Geheimnis“) ist der Grundsatz, Informationen nur einem Kreis von Eingeweihten – hier den Mitgliedern der Bauhütte – zugänglich zu machen. Waren bisher überwiegend Mönche oder Priester in die Geheimnisse der Baukunst eingeweiht, so verlagerte sich das Wissen nun zu profanen Baumeistern (sie zeichneten die Pläne – allerdings nicht maßstabgetreu), sowie Steinmetzen, Malern und Bildhauern. Und eben alle diese weltlichen Handwerker, die am Bau eines Gotteshauses beschäftigt waren, schlossen sich zu einer Bauhütte zusammen. Aus dem Zusammenwirken in einer Bauhütte lässt sich u.a. der einheitliche Eindruck gotischen Kathedralen erklären.

Die Leiter der Bauausführung hießen oft Werkmeister (wercmeistere) oder Baumeister; sie gingen zumeist aus dem Steinmetzhandwerk hervor und waren die mittelalterlichen Architekten. Auch Bezeichnungen wie magister operis kamen vor. Bei der Ausführung hatten der Steinmetzmeister (magister lapicidae) und der Maurermeister (magister caementari) sowie der Sculptor  (Bildhauer) Bedeutung. Die Meister der Bauausführung wechselten bei jedem Bauwerk häufiger, schon auf Grund der langen Bauzeiten.

Die Baumeister waren im Grunde die mittelalterlichen Architekten und eigentlichen Schöpfer der Baukunst. Das neue Verständnis und das neue Selbstbewusstsein der Baumeister zeigten sich auch darin, dass erstmals Baumeister und Künstler namentlich hervortraten. Kennen wir aus der Zeit der Romanik kaum einen Namen, so besaßen in der Gotik zahlreiche Baumeister einen besonderen Ruf und wurden gezielt mit der Errichtung von Kathedralen beauftragt.

Einige bekannte Grössen waren:

  • Meister Gerhard, Meister Arnold, Johannes von Köln, Meister Michael, Andreas von Everdingen, Nikolaus van Bueren und Konrad Kuene van der Hallen für den Kölner Dom
  • Wilhelm von Sens für die Kathedrale von Canterbury und von Sens
  • Michael Knab, Wenzel Parler, Hans Puchsbaum, Anton Pilgram und Jörg Öchsl für den Stephansdom in Wien
  • Baumeisterfamilie Parler, die gleich mehrere bekannte Kathedralen mitgestalteten, so das Basler, FreiburgerGmünder, Straßburger und Ulmer Münster sowie den Veitsdom in Prag
  • Werkmeister Guerin von der Kathedrale von St, Denis (13. Jh.), der wohl ersten gotischen Kathedrale
  • Werkmeister Hugues Liebergier (1229–1263) von der Abteikirche St.-Nicaise von Reimes
  • Werkmeister Pierre de Montreuil (um 1250) von der Kathedrale Notre-Dame de Paris
  • Juan Guas für die Kathedralen von Avila und Segovia
  • „Meister Enrique“ von Narbonne (Südfrankreich) für die Kathedralen von Léon und Burgos
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Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien

Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien - als die Kathedralen in den Himmel wuchsen -

Via Aragonés, Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo, Camino Francés

Begriff und zeitliche Einordnung

Die Bezeichnung „Gotik“ entstand, wie die Namen anderer Stilepochen auch, nicht bereits mit ihrem ersten Auftreten, sondern erst fast 300 Jahre später. Auch wurde der Gotik-Begriff nicht etwa in Frankreich geprägt, wo die Wurzeln der gotischen Architektur liegen, sondern erstmals 1435 in einem Werk des italienischen Architekten und Schriftstellers Leon Battista Alberti erwähnt. Das Wort Gotik stammt vom italienischem „gotico“, das ursprünglich ein Schimpfwort war. Es bedeutet „fremdartig“ oder „barbarisch“ und ist vom Germanenstamm der Goten abgeleitet. Giorgio Vasri, ein Kunsttheoretiker der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike, versuchte mit diesem Wort seine Geringschätzung der europäischen mittelalterlichen Kultur im Vergleich zur glorreichen Antike Ausdruck zu verleihen.
Erst mit Goethe, der in seinem Werk „Von deutscher Baukunst“ über das gotische Münster in Straßburg schrieb, begann ein positiver Bedeutungswandel in Bezug auf den gotischen Architekturstil einzusetzen. Allerdings ist zu bemerken, dass Goethe irrtümlich diese Epoche zu einem deutschen Stil erklärte. Der Stil wurde dann im 19. Jahrhundert von europäischen nationalistischen und romantischen Bewegungen aufgewertet und verherrlicht. So wurde auch Mitte des 19. Jahrhundert Goethes Aussage eines „deutschen Stils“ durch kulturwissenschaftliche Forschungen widerlegt und der korrekte Ursprung der Gotik Frankreich zugesprochen. Heute gilt die Gotik allgemein als einer der künstlerisch brillantesten Momente der westlichen Welt.

Eine zeitliche Einordnung der Gotik ist nicht ganz einfach, da der genau Zeitrahmen von den individuellen Entwicklungen in den einzelnen Ländern abhängt. Die Gotik entstand um 1140 zunächst in Frankreich. Der neue Baustil gelangten vor allem von den Baustellen in Reims und Amiens (Ostteile) ab 1180 zuerst nach England (Canterbury, Wells, Salisbury, Lincoln, Westminster Abbey, Lichtfield), dann ab etwa 1235 nach Deutschland (Marburg, Trier, ab 1275 nach Köln, Straßburg, Regensburg) und Spanien (Burgos, Toledo, Léon). In Italien wurde der gotische Baustil nach französischer oder mitteleuropäischer Art weder vollständig übernommen noch war er je alleine vorherrschend. Aber natürlich gab es auch hier gotische Kathedralen wie z.B. den berühmten Mailänder Dom.

Von User:Liesel - Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2894483 Kathedrale von Burgos

Phasen der Gotik

In der Architektur wird unterschieden in Früh-, Hoch- und Spätgotik, die sich in den verschiedenen Regionen unterschiedlich entwickelten:

Frankreich

Gothique primitif
1140–1190

Gothique classique
1190–ca. 1230

Gothique rayonnant
1231–1350

Gothique flamoyant
1350–1520

England

Early English
1170–1250

Decorated
1250–1350

Perpendicular
1350–1485

Tudor Style
1485–1603 ff.

Italien

 

seit 1200

Deutschland,
Mitteleuropa

Spanien s.u.

Frühgotik, einschl. Romano-Gotik
1180–ca. 1290 (überlappend)

Hochgotik
1235 oder 1248–1350

Spätgotik
1350–ca. 1520 ff.

Die zeitlichen Abgrenzungen gelten ausschließlich für die Architektur. Bei Malerei und Plastik ist eine klare Abgrenzung nicht möglich.
 

Von Uoaei1 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45346485 Notre Dame de Paris 2015

Historischer und philosophischer Hintergrund

Keine andere Strömung vor oder nach der Gotik verstand es, einen solch engen Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft herzustellen. Um nun aber zu verstehen, weshalb sich die gotische Architektur gerade im Frankreich des 12. Jahrhunderts aus der Romanik entwickelte, muss man zunächst einen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten jener Zeit werfen.

Es war eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Es war auch die Zeit der Kreuzzüge und einer erstarkenden Kirche, die Zeit, in der das Heilige Römische Reich langsam zerfiel und das französische Königshaus immer mehr an Macht gewann.

Im Jahre 1108 übernahm der Kapetinger Ludwig VI. die königliche Herrschaft im territorial stark zersplitterten Land. Der französische Monarch hatte zu jener Zeit zwar großes Prestige, realiter jedoch nur wenig Macht. Diese lag u.a. in den Händen Heinrichs I., der durch geschickte Heiratspolitik nicht nur Herzog der Normandie, sondern gleichzeitig auch König von England war und so enorme politische, wirtschaftliche und militärische Mittel hinter sich vereinigen konnte. Auch die Grafen der Champagne waren, durch wichtige Messestädte in ihren Gebieten, reicher und dadurch letztlich mächtiger als der französische König. Wesentlich einflussreicher war auch der Graf von Flandern, der das größte Wirtschaftszentrum nördlich der Alpen, ein im 12. Jh. sehr reiches Land regierte. (s. auch Kapitel der 100-jährige Krieg).

Um seine Macht zu stärken und die des Feudaladel im Land zu schwächen, paktierte Ludwig VI. mit der Kirche, vor allem mit seinem engen Berater Suger, dem Abt von Saint-Denis, der zusammen mit ihm in der Klosterschule von St. Denis erzogen worden war. Die Kirche unterstützte das Machtstreben der französischen Monarchie. Der König förderte zudem die zunehmenden Ordensgründungen und holte die Bruderschaften zu sich in die Hauptstadt.

Außerdem wurden durch Freiheitsbriefe, die sich der König von der jeweiligen Stadt beziehungsweise Gemeinde teuer bezahlen ließ, Feudalpflichten aufgehoben, die die wirtschaftliche Entwicklung stark eingeschränkt hatten. So standen diese Städte und einzelne Landgemeinden hinter dem König und gegen den sie früher ausbeutenden Feudaladel.

Mit dem Erstarken und der geographischen Ausweitung des französischen Kronlandes, also der Entwicklung zur zentralistischen Macht, breitete sich auch die für ‚das Neue’ stehende Architektur, die Gotik, aus. Gotische Sakralgebäude galten bald als ‚chic’, so dass jedes Land, jede Stadt und jede noch so kleine Gemeinde alle vorhandenen Mittel darauf verwendete, wenigstens eine etwas größere und neuere Kirche als die des Nachbarn zu bauen. Außerdem spielte auch die Parteinahme von Bündnispartnern in der Politik eine nicht unerhebliche Rolle bei der Expansion der Gotik. Wer innerhalb Frankreichs gotisch baute, bezeugte seine Gewogenheit gegenüber der französischen Krone. Die Baubewegung in Frankreich wurde vor allem in der Anfangszeit dadurch gefördert, dass das Volk und auch der Adel die Bautätigkeit mit finanziellen Mittel oder auch praktischer Arbeitstätigkeit unterstützten. So ist u.a. die große Zahl an Kirchen, Abteikirchen und Kathedralen (fast 20) in Frankreich zu erklären.

Gleichzeitig verbindet sich mit der Gotik eine ganz neue Einstellung zur Gestaltung des Lebens. Der Grund für eine solche Revolution ist die Veränderung der mittelalterlichen Mentalität über vorhandenes Wissen und vorhandene Wahrheit. Im 12. und 13. Jahrhundert wird Platons vom Heiligen Augustinus verteidigter Idealismus überwunden, der die philosophische Grundlage des frühen Mittelalters bildete. Die Philosophie des Aristoteles, die auf der Vorrangstellung der Sinne basierte, erlangte wieder eine große Bedeutung und  wurde von Persönlichkeiten wie dem Heiligen Albert dem Großen und dem Heiligen Thomas von Aquin energisch verteidigt. Dieser Mentalitätswechsel führt in der Architektur dazu, dass sich der Architekt beim Bauen nicht mehr an regelmäßige Formen halten (im Wesentlichen Kreise und Quadrate) muss, sondern dass er frei arbeiten kann, nicht mehr nur als Geometer, sondern als Ingenieur. Das bedeutete auch, dass man sich an neue Gestaltungselemente heranwagte und herantastete. Dieser technische Empirismus verhalf dazu, geniale tektonische Lösungen zu erfinden, um Räume von großer Höhe und Farbe zu schaffen. Die Art und Weise, das himmlische Jerusalem im 13. Jahrhundert zu symbolisieren, bestand darin, einen großen Raum aus Licht und Farbe zu schaffen. Die Strahlen der Sonne, das Licht Gottes, sollten die ganze Kirche erfassen und das Bauwerk zur gebauten Metaphysik verwandeln. 

Außerdem war es eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Am Anfang der Epoche setzte eine Phase der generellen Umstrukturierung im Wirtschaftsleben des Landes ein. Die Wirtschaft entwickelte sich in bestimmten Regionen und in den Städten positiv. Der Handelsschwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Stadt. Die Landbevölkerung strömte in die Städte (Landflucht). Durch das Wachstum der Städte entstand auch Bedarf an neuen Kirchenbauten und es sind auch die Städte, die die wirtschaftliche Kraft besitzen, um die aufwendigen Bauten der Gotik finanzieren und realisieren zu können. So entstanden sogenannte „Bauten der Macht“ in der Mitte der Stadt.

Es war auch die Zeit der Kreuzzüge. Die Kreuzzüge dienten neben der Eroberung der Stadt Jerusalem vor allem auch der Verbreitung und der Verteidigung des christlichen Glaubens – der Einflussbereich der Muslime sollte zurückgedrängt werden. Es ging dem Papst aber auch um eine erneute macht-politische Stärkung der Kirche und des Papsttums. Die Erstarkung der Kirche zeigte sich auch in der zunehmenden Bedeutung der Ordensgemeinschaften neben den Benediktinern hier vor allem den Zisterziensern, deren Verbreitung für die Gotik eine besondere Bedeutung hat. 

So versuchten der König, der monarchisch orientierte Adel, Domkapitel, Bischöfe und Städte sich in dieser Konkurrenzsituation mit immer prächtigeren Bauten gegenseitig zu übertrumpfen – als Demonstration ihres Führungsanspruchs, aber auch aus echter frommer Begeisterung.

Die Gotik wurde in diesem Zusammenhang in Europa als willkommene Neuerung empfunden. Ausgehend von Frankreich entstehen Kirchen, die alle bisherigen Maßstäbe sprengen. Ein Baustil erfasst wie eine Revolution das Europa des 12. Jahrhunderts. Es werden Gotteshäuser gebaut, die zu ihrer Zeit die größten Gebäude überhaupt sind. Die neuen Techniken wurden voll Begeisterung übernommen, da durch sie auch die neue spirituelle Einstellung dargestellt werden konnte. England, Deutschland, Italien, Spanien und die anderen europäischen Länder wollten auch demonstrieren, dass sie die neue Kunst wenigstens so gut wie das Ursprungsland Frankreich beherrschten. Zudem verhalf die wachsende Bedeutung des Zisterzienserordens und seine strenge Durchstrukturierung einer weiteren Verbreitung der Gotik. All diese Fakten führten so zu einer breiten aber auch relativ einheitlichen Ausbreitung der Architekturkunst der Gotik.

Die Kathedrale des Mittelalters, das Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulptur, Malerei und Glasmalerei gilt als besonderes Wahrzeichen der Gotik. “Genie de Lieu” sagen die Franzosen, wenn ein Ort etwas ganz Eigenes und Besonderes atmet. Das kann wohl für die gotischen Kathedralen im Besonderen gelten. Sie spiegeln die Wandlung des mittelalterlichen Weltbildes wider, das mit einer neuen Frömmigkeit und mystischen Strömung einhergeht.

Einen großen Aufschwung nahm auch die profane Baukunst zur Zeit der Gotik, v. a. in den Städten, wo sie die wachsende Macht des aufstrebenden Bürgertums verkörperte. Sie übernahm Formen und Motive der französischen Kathedralgotik. So entstanden Burgen und Befestigungsanlagen, Rathäuser, Zunfthäuser, Hospitäler und Bürgerhäuser im gotischen Stil. Ein Baustil erfasst wie eine Revolution das Europa des 12. Jahrhunderts. 

Stilistische Merkmale der Gotik

Was genau verbirgt sich aber nun hinter diesem in der Geschichte so kontrovers betrachteten Begriff der Gotik?

Das Streben nach Höhe ist kennzeichnend für die gotische Architektur. Ebenso wie das Auflösen der massiven Wand, um Platz für große Fensterflächen zu schaffen, die den Kirchenraum erstrahlen lassen. Dazu wurden bestimmte bauliche Elemente – wie das Kreuzrippengewölbe, der Spitzbogen und das Strebewerk – verwandt, um diese Idee des himmlischen Jerusalem zu symbolisieren. Es sollten Räume von großer Höhe aus Licht und Farbe geschaffen werden. Durch das unten beschriebene neue Konstruktionssystem ergeben sich eine Betonung der Vertikalen sowie die Auflösung der Wandflächen, die durch große, farbige Fensterflächen gefüllt werden. Auch biblisch bedeutsame Zahlen wie die Drei (Dreieinigkeit Gottes), sieben (Wochentage, Todsünden), sowie zwölf (Apostel) wurden sinnbildlich umgesetzt.

Kreuzrippengewölbe

Kreuzgratgewölbe gab es schon vor der Gotik in römischer Zeit oder im angelsächsischen Raum. Das Kreuzgratgewölbe – das typisch für die Romanik ist – war der Vorläufer des gotischen Kreuzrippengewölbes. Die Konstruktion entsteht durch die Durchdringung von zwei, im rechten Winkel, zu einander stehenden Tonnen von gleicher Höhe. Dadurch entstehen gekrümmten Schnittfläche, auch Grate genannt, die dem Gewölbe auch den Namen Kreuzgratgewölbe geben. Die Bautechnik kann nur durch die römische Technik des Mörtelgusses oder bei sehr kleinen Räumen verwendet werden, da ihr statische Grenzen gesetzt sind.

Demgegenüber werden beim Kreuzrippengewölbe die Grate durch die Rippen unterstützt. Die Neuerung bestand darin, dass beim Gewölbe mit einem viereckigen Grundriss zwei Rundbögen kreuzförmig über die beiden Diagonalen gestellt wurden, zumeist mit einem dekorativen Schlussstein an der Kreuzung. Dadurch war die Stabilität des Gewölbes verbessert, und die Gewölbeschalen konnten dünner und damit leichter sein. Die Gurt- und Schildbögen über den vier Außenseiten wurden spitz nach oben gebaut und konnten so die gleiche Höhe wie die beiden längeren und höheren Rundbögen über den Diagonalen erhalten. Mit Einführung des Spitzbogens erfuhr das Kreuzrippengewölbe eine Steigerung der Gestaltungsvielfalt. Außerdem wurden im Laufe der Jahrhunderte reichere Gewölbekonstruktionen entwickelt wie das Netz-, Stern- und Schlinggewölbeb

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-k/kreuzrippengewoelbe.php

Spitzbogen

Der Spitzbogen gilt als ein zentrales Element der gotischen Baukunst, die deswegen früher auch als „Spitzbogenstil“ bezeichnet wurde. Spitzbögen sind zwar als Einzelelement bereits aus der Romanik bekannt, dort herrschte jedoch noch die Verwendung von Rundbögen vor. Der Spitzbogen ist konstruktiv eine Annäherung an die Bogenform, die dem günstigen statischen Kräfteverlauf einer Parabel entspricht. Spitzbögen bestimmen das Erscheinungsbild gotischer Bauten und finden sich praktisch durchgängig im Querschnitt aller Gewölbe, in der Form der Fenster- und Portalgewände sowie im Maßwerk. Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden (s.u.).

Strebewerk

Das Strebewerk ist ein weiteres zentrales konstruktives und gestalterisches Element der höher werdenden Kirchenbauten. Es ist ein statisches System, das sich in Strebepfeiler und Strebebogen unterteilen lässt und zur Lastabtragung der Kräfte beiträgt. Es dient bei einer Basilika dazu, den seitlichen Gewölbeschub und die Windlast von Mittelschiff und Hochchor aufzufangen. Die Stabilität der Strebepfeiler wird durch Auflasten erhöht, die als Zierelemente wie Fialen (schlanke, spitz zulaufende, flankierende Türmchen) gestaltet sein können. In das Strebewerk wurden auch die Abläufe für Regen- und Schmelzwasser integriert, das über Wasserspeier im Bogen vom Gebäude wegschießt und so von Mauerwerk und Fundamenten ferngehalten wurde. 

Die Schubkraft aus den Gewölben drückt schräg gegen die Hochschiffspfeiler, die ohne den Gegendruck der Strebebögen, einstürzen würden. Das Entgegenwirken der beiden diagonal verlaufenden Kräfte hebt ihre Kraftrichtungen auf, sodass der resultierende Kräfteverlauf vertikal im Pfeilerkern gehalten werden kann. Dies ermöglicht es die Pfeiler trotz der enormen Höhen so schlank auszugestalten. 

Der Strebebogen dient somit dem Weiterleiten des Gewölbe- und Winddrucks, letzterer nimmt aufgrund der ansteigenden Windgeschwindigkeit mit der Höhe zu. Der Kräfteverlauf aus beiden Faktoren entspricht einer Parabelkurve, die bei Windstille steil ist, jedoch bei Windeinwirkung flacher wird. Dann sind zwei Strebebögen notwendig, um den auftretenden Horizontalschub widerstehen zu können. Der untere Strebebogen, der in Höhe des Obergadens ansetzt, leitet überwiegend den Gewölbeschub weiter. Der obere, der an der Traufe beginnt, ist wegen des Winddrucks angebracht worden.

Während das Strebewerk in der Frühzeit der Gotik vor allem statische Funktion hatte und nach innen verlagert war, entwickelte es sich später zu einem wichtigen baukünstlerischen Element und wird deutlich hervorgehoben und von außen sichtbar. Die Strebebögen werden ab 1160 bei Chören (Saint Germain des Pres in Paris) und ab 1180 beim Langhaus (Notre Dame in Paris) frei sichtbar oberhalb der Dachflächen angesetzt.

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-s/strebewerk.php
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Auflösung der Wand

Bei der Gotik ermöglichten nun die leichtere Bauweise durch Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe, Strebewerk und Strebepfeiler eine Verlagerung der tragenden Elemente in den Außenbau, eine starke Reduzierung der Mauerstärken sowie eine weitgehende Durchbrechung der Wände durch Fenster. Die statische Funktion der Bauglieder wird im Innenraum bewusst überspielt, um eine Illusion von Leichtigkeit und Schwerelosigkeit der Architektur zu schaffen. Im Innenraum wird über den Arkaden zu den Seitenschiffen und zum Chorumgang hin ein als Triforium bezeichneter Laufgang in die Wand eingelassen. In die Außenwand wurde eine Vielzahl großflächiger Fenster eingelassen, die das Gebäude leicht und lichtdurchflutet erscheinen lassen. In der Hochgotik wird schließlich auch noch die Rückwand des Triforiums durchfenstert, sodass die Wand vollständig durchbrochen erscheint. Dennoch ist praktisch jedes Element eines gotischen Baukörpers tragend. Die Baumeister der Gotik schufen neue Konstruktionen durch evolutionäre Weiterentwicklung nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“. Deswegen stürzten einige Bauten schon während der Bauphase ein (z.B. die Kathedrale von Beauvais) oder mussten nachträglich aufgrund auftretender Risse mit weiteren kraftableitenden Elementen verstärkt werden. Es entsprach aber – wie oben erläutert – ganz dem damaligen Denken des technischen Empirismus, der auch Fehlschläge mit einkalkulierte.

Das Maßwerk und die Fenster

Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden. Das Maßwerk besteht aus geometrischen Mustern, die als Steinprofile umgesetzt werden, wobei der Stein komplett durchbrochen (skelettiert) wird. Das Maßwerk ist ein Element der gotischen Architektur und ist eines der wichtigsten Merkmale der Hoch- und Spätgotik, wo es ein unabdingbarer Bestandteil der Fenster war. Diese Fenster aus Buntglas stellen abstrakte Bilder dar oder Szenen aus dem biblischen Leben. Die Lichtmystik inspiriert Baumeister dazu, großflächige Fenster einzubauen, die Innenräume erhellen und den Besuch der Kathedralen zu einem, im wahrsten Sinne des Wortes, erhellenden Erlebnis machen.

In der bildenden Kunst bezeichnet der Begriff „Buntglas“ gewöhnlich Glas, dem bei der Herstellung lichtdurchlässige Farbe hinzugefügt wurde: ein Verfahren, das seinen Höhepunkt in der gotischen Architektur erreichte, in den malerischen erzählenden Fenstern der großen christlichen Kathedralen. Die Kunstfertigkeit der Glasmaler, die solche mittelalterlichen Meisterwerke wie die Fensterrose an der Westfassade der Kathedrale von Chartres schufen, ist in der Tat selten und außergewöhnlich.

Der Künstler (in der Praxis eine Gruppe von Künstlern) überwachte nicht nur den gesamten Produktionsprozess, um die Unversehrtheit und die richtige Pigmentierung des Glases zu gewährleisten, sondern war auch für die Gestaltung, die Komposition und die Effekte der Glasmalerei verantwortlich. Er begann in der Regel mit einer Reihe von Kohleskizzen oder Skizzen) des gewünschten Bildes. Daraus wurde eine Reihe von Entwurfsplänen in Originalgröße erstellt, die in der Regel direkt auf die Oberfläche aufgetragen wurden, die zum Schneiden, Malen und Zusammensetzen des Glasmosaiks verwendet wurde. Besonderes Augenmerk wurde auf die genauen Details und die Farbgebung der in der Glasmalerei dargestellten Bilderzählung gelegt. Es konnte sich dabei um die Darstellung einer biblischen Episode aus dem Alten oder Neuen Testament handeln, um das Leben von Propheten oder Heiligen, um ein Ereignis aus dem Leben Christi oder der Heiligen Familie. Gewöhnlich wurden auch zusätzliche Symbole oder Motive eingefügt, die die Person oder die Zunft identifizierten, die für das Fenster bezahlt hatte. All dies erforderte eine sorgfältige Vorplanung, bevor der Produktionsprozess begann.

Um die optimale Farbgestaltung eines Glasfensters zu gewährleisten, musste der Künstler außerdem den Winkel, die Menge und die Intensität des einfallenden Lichts beurteilen. Helles Licht erfordert zum Beispiel hellere und dunklere Farben. Dies musste mit der Notwendigkeit eines Farbkontrasts sowie mit der Notwendigkeit, je nach Tages- und Jahreszeit unterschiedliche Lichtverhältnisse zu schaffen, in Einklang gebracht werden. Kurz gesagt, die Kunst der Glasmalerei umfasste architektonisches Design, Glasherstellung, Farbchemie, Cloisonné -Emaille und ein Dutzend anderer Künste und Handwerke.

Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=321662
Von Photo by PtrQs, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54491069 Rosette Nord von Cahrtres

Die neue Form der Bauhütten

Von besonderer Bedeutung für die Gotik war die Ausbildung von Bauhütten seit dem 13. Jahrhundert, ein Verband aller an einem großen Kirchenbau beteiligten Steinmetzen, Handwerkern und Bauleuten, die unabhängig von der städtischen Zunftordnung und mit einer eigenen strengen Ordnung arbeiteten. Vor allem waren sie an die „Arkandisziplin“ gebunden. Das Arkanprinzip (von lateinisch arcanum – „Geheimnis“) ist der Grundsatz, Informationen nur einem Kreis von Eingeweihten – hier den Mitgliedern der Bauhütte – zugänglich zu machen. Waren bisher überwiegend Mönche oder Priester in die Geheimnisse der Baukunst eingeweiht, so verlagerte sich das Wissen nun zu profanen Baumeistern ( sie zeichneten die Pläne – allerdings nicht maßstabgetreu), sowie Steinmetzen, Malern und Bildhauern. Und eben alle diese weltlichen Handwerker, die am Bau eines Gotteshauses beschäftigt waren, schlossen sich zu einer Bauhütte zusammen. Aus dem Zusammenwirken in einer Bauhütte lässt sich u.a. der einheitliche Eindruck gotischen Kathedralen erklären.

Die Leiter der Bauausführung hießen oft Werkmeister (wercmeistere) oder Baumeister; sie gingen zumeist aus dem Steinmetzhandwerk hervor und waren die mittelalterlichen Architekten. Auch Bezeichnungen wie magister operis kamen vor. Bei der Ausführung hatten der Steinmetzmeister (magister lapicidae) und der Maurermeister (magister caementari) sowie der Sculptor  (Bildhauer) Bedeutung. Die Meister der Bauausführung wechselten bei jedem Bauwerk häufiger, schon auf Grund der langen Bauzeiten.

Die Baumeister waren im Grunde die mittelalterlichen Architekten und eigentlichen Schöpfer der Baukunst. Sie waren Universalgenies, Menschen, die über ein enormes Wissen verfügten, Meister der Baukunst, aber auch der Physik, Mathematik und Chemie. Träger von Wissen, das sie geheim hielten. Das neue Verständnis und das neue Selbstbewusstsein der Baumeister zeigten sich darin, dass erstmals Baumeister und Künstler namentlich hervortraten. Kennen wir aus der Zeit der Romanik kaum einen Namen, so besaßen in der Gotik zahlreiche Baumeister einen besonderen Ruf und wurden gezielt mit der Errichtung von Kathedralen beauftragt.

Einige bekannte Grössen waren:

  • Meister Gerhard, Meister Arnold, Johannes von Köln, Meister Michael, Andreas von Everdingen, Nikolaus van Bueren und Konrad Kuene van der Hallen für den Kölner Dom
  • Wilhelm von Sens für die Kathedrale von Canterbury und von Sens
  • Michael Knab, Wenzel Parler, Hans Puchsbaum, Anton Pilgram und Jörg Öchsl für den Stephansdom in Wien
  • Baumeisterfamilie Parler, die gleich mehrere bekannte Kathedralen mitgestalteten, so das Basler, FreiburgerGmünder, Straßburger und Ulmer Münster sowie den Veitsdom in Prag
  • Werkmeister Guerin von der Kathedrale von St, Denis (13. Jh.), der wohl ersten gotischen Kathedrale
  • Werkmeister Hugues Liebergier (1229–1263) von der Abteikirche St.-Nicaise von Reimes
  • Werkmeister Pierre de Montreuil (um 1250) von der Kathedrale Notre-Dame de Paris
  • Juan Guas für die Kathedralen von Avila und Segovia
  • „Meister Enrique“ von Narbonne (Südfrankreich) für die Kathedralen von Léon und Burgos
Von David Jiménez Llanes - Eigenes WerkBenton, Janetta Rebold (2002) Art of the Middle Ages, World of Art, Thames & Hudson, S. 228–230 ISBN: 978-0-500-20350-7., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31695037 Kathedrale von León

Skulpturen in der Gotik

Die Skulpturen wurden zunächst für Kathedralen gefertigt und dort entweder innen oder außen an den Mauern der Kathedrale angebracht. Die gotische Plastik entsteht zunächst aus dem Wunsch heraus, die Fassaden der Kathedralen mit Standbildern, Reliefs und Figuren zu schmücken, die die Heilsgeschichte symbolisieren. Daher wurden gotische Skulpturen mit den hinter ihnen befindlichen Wandteilen aus einem Stück Stein gehauen. Dennoch wirken sie unabhängig von der Architektur, weil sie nahezu voll rund gearbeitet sind. Ein Ensemble aus Tympanon, Bogenfries, Säulen, Statuen und Fundamentverkleidung macht das historische gotische Portal aus. Unter den eingemeißelten Themen finden wir neben der Apokalypse und dem Jüngsten Gericht auch Szenen aus dem Alten Testament, die typologisch mit denen des Neuen Testaments korrespondieren. 

So unmittelbar an die Architektur gebunden stehen die säulenhaften Figuren mit starrem Blick immer im Bezug zum Wandhintergrund, benötigen eine Konsole, auf der sie stehen und einen Baldachin über dem Kopf. Die Figuren wurden zunehmend individualisiert, das heißt, sie bekamen eine eigene Gestik und Mimik, sowie eine eigene Körperhaltung. Die Skulpturen in der Romanik haben keinen Schwung in sich, was bei den Skulpturen in der Gotik anders ist, denn sie haben eine bewegte Darstellung. Mit einer ungezwungenen Eleganz und mit einem weich fließenden Gewand wird die Haltung der Personen in einer leichten S-Kurve dargestellt, was man auch als S-Schwung bezeichnet. Auch an der Kleidung der Skulpturen wurde gearbeitet, denn sie bekamen einen ausgeprägten Faltenwurf, der die gesamte Skulptur lebendiger aussehen ließ. Noch dazu wurden den Skulpturen mehr Details verliehen, sodass sie insgesamt näher an der Realität sind als die Skulpturen der Romanik. Zunächst waren die Skulpturen noch relativ statisch. Doch in der zweiten Hälfe des 14. Jhs. regte ein neuer Realitätssinn dazu an, weitere Gestaltungsmerkmale zu verwenden. 

Westliche Portalanlage von Chartres Von Rolf Kranz - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85693799
Gewände des Mittelportals der Westfassade der Kathedrale von Reims Von Szeder László - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3734097

Auch auf dem Gebiet der Plastik war zunächst Frankreich führend. Berühmte Beispiele sind die West- und Querhausportalfiguren von Chartres – um 1145 – sowie die Figuren der Kathedralen in Reims, Paris und Amiens. Im 13. Jahrhundert zur Stauferzeit schufen auch die deutschen Künstler Meisterwerke der gotischen Plastik.

Allein die 33 lebensgroßen und 200 kleinen Figuren auf einer vergleichsweise kleinen Fläche an den drei großen Westportalen der Kathedrale von Reims zeugen von einer bewundernswerten Kreativität und einem großen handwerklichen Können. Die Säulenstatuen an den drei Westportalen der Kathedrale von Chartres gehören wohl zu den berühmtesten Werken der gotischen Bildhauerei überhaupt. Die Steinmetze in Chartres kleideten die Dargestellten in reiche höfische Gewänder des 12. Jhs., wodurch sie ein neues Verhältnis zum Menschen und zur Natur offenbaren. Sie machen harten Stein geschmeidig.

Und wenn man bedenkt, dass man solch wunderbare Sammlungen gotischer Skulpturen auf hunderten von ähnlichen Kirchen findet, so kann man nur die außergewöhnliche Produktivität der Steinmetze des 13. Und 14. Jhs. bewundern. Viele Leistungen der Künstler in Frankreich, Spanien, England und im Heiligen römischen Reich deutscher Nation bleiben dennoch die Schöpfungen anonymer Kunstschaffender.

Gotische Architektur in Spanien

Phasen:     1150 – 1250 Frühgotik, 1200-1350 Hochgotik, 1350-1550 Spätgotik (u.a. der Isabellastil) 1480-1510

Viel mehr noch als die romanische Bauweise hat sich die gotische Architektur in Spanien zuerst im Norden über den Jakobsweg in Richtung Westen ausgebreitet. In dieser Zeit entstanden einige der reinsten gotischen Kathedralen Spaniens, die der deutschen und französischen Gotik am nächsten standen.

Der gotische Baustil kam erst Ende des 12. Jh. mit der spanischen Architektur in Berührung. So kam es zu einer Übergangsphase mit einer Mischung des romanischen und gotischen Stils. Im 13. Jh. machte die Romanik schließlich den Weg für die reine Gotik frei. Mit dem Erfolg der Rückeroberung, dem Wachsen des spanischen Reiches und der später zufälligen aber dennoch lukrativen Entdeckung Amerikas fiel die gotische Architektur mit einer der erfolgreichsten Epochen der spanischen Geschichte zusammen. Sie ist auch hier voll von spektakulären und atemberaubenden Bauten besonderer Größe und Pracht.

Die Ausbreitung der gotischen Architektur in Spanien hatte drei Hauptgründe.

Der erste Grund war die enge Verbindung nach Frankreich. Ursache hierfür war, dass der Bezug zu Frankreich geographisch und vor allem politisch immer näher gelegen hatte. Schon in der Phase der Stabilisierung der christlichen spanischen Reiche während des 11. Jahrhunderts, die sich noch bis 1492 mit der muslimischen Herrschaft auf dem Südteil der Halbinsel auseinandersetzen mussten, war die Orientierung an französischer Kultur ein wichtiges Mittel gewesen, um Spanien wieder in das christliche Abendland zu integrieren. Entlang des Pilgerwegs ins galicische Santiago spielte die französische Kultur eine besonders große Rolle, denn auf dem camino francés waren nicht nur die Pilger aus Frankreich besonders zahlreich, sondern es gab dort auch eine Reihe von Städten, die ganz oder teilweise von französischstämmigen Einwohnern besiedelt waren.

Der zweite Grund ist die Ausbreitung des Zisterzienserordens und die damit verbundene straffe einheitliche Architektur, die zum Aufbau der großen Konvente des reformierten Ordens führten. Zuvor bestanden schon intensive Kontakte zum Kloster von Cluny, wurde doch die riesige Kirche von Cluny mit Geldern aus den Tributzahlungen der Mauren an die christlichen Herrscher mitfinanziert.

Der dritte Grund liegt in Heiratsverhalten der Könige von Kastilien und Leon begründet, da die Ehen mehrerer Könige mit Prinzessinnen aus den Häusern von Anjou, Burgund und Plantagenet die Einführung der französischen Gotik stark beeinflussten.

So ist nicht verwunderlich, dass die frühen großen gotischen Kathedralen Spaniens in Burgos, Toledo und León noch deutlich den französischen Vorbildern folgten; erst ab etwa 1300 beginnt eine größere Eigenständigkeit der spanischen Sakralarchitektur. Auf die verschiedenen Stile der spanischen Gotik wie Flamboyant-Stil oder isabellinischer Stil wird hier nicht genauer eingegangen.

Zu erwähnen ist noch als Besonderheit Spaniens, dass sich parallel zur Gotik der sogenannte Mudéjar-Stil entwickelte, der seinen Höhepunkt im 14.-16. Jh. hatte. So wurden mancherorts Pfarrkirchen oder andere Bauwerke von Mudéjares errichtet, bei denen die islamische Bautradition und romanische oder gotische Baukunst miteinander verschmolzen wurden. Der Mudéjar-Stil entstand dadurch, dass islamische Handwerker nach der Reconquista in den wiedereroberten Gebieten zurückgeblieben sind und hier ihr Handwerk ausüben durften. (s. Kapitel Mudéjar-Stil)

Hier werden einige der wichtigsten Kathedralen Spaniens aufgeführt, dabei wird nur der Beginn der Bauten angegeben, da die Fertigstellungen sich oft lange hinzogen (am Kölner Dom wurde 632 Jahre lang gebaut!) und es dadurch auch teilweise zu Überformungen mit anderen Stilen kam. Übrigens eine Kirche ist dann eine Kathedrale, wenn in ihr ein Bischof seinen Sitz hat. Auf die einzelnen Kathedralen muss gesondert eingegangen werden. Die Kathedrale von Santiago de Compostela wird nicht aufgeführt, da in ihr romanische und barocke Elemente deutlich überwiegen und nur kleine Bereiche (z.B. der Kreuzgang) gotisch sind. Auf die einzelnen Kathedralen kann auf Grund der Fülle der Informationen nur in eigenen Kapiteln eingegangen werden.

Cuenca                       ab 1196   Frühgotik

Burgos                       ab 1221  erste rein gotische Kathedrale in Spanien (Camino Francés)

Toledo                        ab 1226   (Camino de Levante)

Palma de Mallorca  ab 1229

Burgo de Osma        ab 1232

León                             ab 1255  (Camino Francés)

Barcelona                   ab 1298

Oviedo                        ab ca. 1300 (Camino del Norte und Camino Primitivo)

Girona                         ab 1312   breitestes Gewölbe der Gotik  (Camino de Gerona)

Pamplona                   ab 1391    (Camino Francés)

Sevilla                          ab 1401   größte gotische Kirche der Welt (Via de la Plata)

Salamanca                  ab 1513   (Via de la Plata)

Cordoba                      ab 1523   Einbau eines gotischen Kirchenschiffs in die ehemalige Moschee  (Camino Mozarabe)

Segovia                        ab 1525   letzte gotische Kirche in Spanien  (Camino de Madrid)

Von Ingo Mehling - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37545223 Kathedrale von Sevilla
Von McPolu - Image taken by the user from a balloon and uploaded to Flickr. The user changed its license to a commons-compatible one under request., CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1088120 Kathedralevon Segovia
Westfassade Kathedrale von ToledoCC BY-SA 3.0, htts://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=407620 Westfassa
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Santa Cruz de la Serós – ein malerisches Dorf am Rande des Jakobsweges und seine Kirchen Caprasio und Santa Maria

Santa Cruz de la Serós – ein malerisches Dorf am Rande des Jakobsweges mit seinen Kirchen San Caprasio und Santa Maria

Camino Aragonés

Zwei romanischen Kirchen, die Lage im Tal des Flusses Aragón und der Blick auf die Gipfel der Pyrenäen sind die Attraktionen von Santa Cruz de la Serós. Die Ortschaft zählt zu den schönsten Dörfern im Norden von Aragón.

Der Baustil der Häuser ist typisch für die Dörfer in den Bergen von Aragón. Erbaut aus Natursteinen, bedecken Schindeln die Satteldächer. An den Sonnenseiten sind Holzbalkone angebracht. Die Fenster sind klein und schützten so vor Sonne und Kälte. Auffällig sind die Köpfe der Schonsteine aus Keramik oder Tuffstein. Neben dem malerischen Ortskern zieht die Kette der Pyrenäen in der Ferne immer wieder die Blicke auf sich.

https://www.xn--santacruzdelasers-vyb.es/arquitectura-popular typische Schornsteine
Von Zarateman - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 es, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16479573

San Caprasio

Santa Cruz de la Seros war im 10. Jh. nach der Vertreibung der Araber ein wichtiges religiöses Zentrum in Aragon. Hier entstanden nahe bei einander zwei Benediktinerklöster, eines für Mönche und eines für Nonnen. Leider sind heute nur noch die beiden Kirchen erhalten.

Die ältere der beiden ist die Kirche San Caprasio. Der kleine einschiffige Saal hat nur eine Grundfläche von 30 qm. Das Gewölbe besteht aus zwei quadratischen Kreuzgraten.

Die Wände sind aus nur geringfügig bearbeiteten Bruchsteinen. Typisch für den hier vorherrschenden romanisch-lombardischen Stil ist auch der Verzicht auf Bauskulptur

sowie der unter dem Dachansatz gestaltete Fries mit kleinen Blendarkaden. Alle architekturrelevanten Linien sind im Wandbereich durch Vorlagen betont und Scharfkantig bis zum Boden durchgezogen. Der Glockenturm kam erst im 12. Jh. dazu, wobei zu dieser Zeit das Kloster schon aufgelassen war.

Von GFreihalter - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27793141

Santa Maria

Das Nonnenkloster steht isoliert am Ortsende, die Klostergebäude sind verfallen und abgetragen. Seine Geschichte begann mit der umfangreichen Stiftung, die Sancho II. Garcés, König von Navarra und seine Gemahlin Urraca dem Kloster im Jahr 992 zukommen ließ.

Die Kirche des Nonnenklosters ist deutlich auffälliger als die der Mönche. Sie wurde Ende des 11. Jh. errichtet zur Zeit der Hochromanik, wobei das Benediktinerinnenkloster ja schon vorher bestand. Das Kloster entwickelte sich zum angesehensten Frauenkonvent Aragons, in das Mitglieder der königlichen Familie und viele adelige Damen eintraten. Zum Kloster gehörten zahlreiche Dörfer, Kirchen und Besitzungen, in denen die Äbtissinnen die Grundherrschaft ausübten. 1555 übersiedelten die Nonnen nach Jaca. Dort wird jetzt der prächtige Sarkophag der Äbtissin Doña Sancha aufbewahrt.

Die Kirche im westromanischen Stil wirkt relativ schlicht auch durch die großen behauenen Quadern des Bauwerks. Sie hat den Grundriss eines lateinischen Kreuzes und besitzt eine Art Querschiff und drei Apsiden. Das Langhaus ist ein einschiffiger Saal, der sich im Osten zum Chor erweitert. Es ist mit einem Tonnengewölbe gedeckt, das auf Pilastern mit Säulenvorlagen und Kapitellen mit figürlichen Szenen ruht. Auffällig ist der sich über dem südlichen Querhausarm erhebende viergeschossige Turm, der Mitte des 12. Jhs. errichtet wurde. Die Kuppel sitzt auf einem achteckigen Aufbau von geringer Höhe. Im Zusammenklang mit dem raffinierten Kuppelraum über der Vierung gibt er der Kirche ihr eigentümliches Erscheinungsbild.

In der Kuppel versteckt sich im Innern eine geheime Kammer. Ihr Zugang an der Nordseite des Schiffes, unterhalb des Gewölbeansatzes, war ursprünglich nur mit einer Leiter erreichbar. Heute ermöglicht eine moderne Wendeltreppe den Zugang. Auch von außen ist der Raum nicht zu erkennen, da er den Platz der sonst üblichen Vierungskuppel einnimmt. Vielleicht diente er als Rückzugsort der Nonnen in Zeiten von Gefahr.

Das Westportal wird von Archivolten umgeben und seitlich von je zwei Säulen gerahmt. Die Kapitelle sind mit stilisierten Blattdarstellungen und figürlichen Szenen von Menschen und wilden Tieren versehen. Auf dem Tympanon ist wieder in der Mitte ein Chrismon mit zwei Löwen dargestellt ähnlich dem der Kathedrale in Jaca.  Auf dem Rand des Türsturzes ist die lateinische Inschrift eingemeißelt: „CORRIGE TE PRIMUM VALEAS QUO POSCERE XRISTUM“ (Bessere dich bevor du Christus anrufst). Eine weitere Inschrift befindet sich auf dem Kreis des Chrismons, deren Übersetzung lautet: „Ich bin die einfache Tür, tretet ein durch mich, Gläubige, ich bin die Quelle des Lebens, habt mehr Durst nach mir als nach Wein, alle, die ihr in diesen seligen Tempel der Jungfrau tretet“. Zu erwähnen sind auch die um den Dachansatz verlaufenden Gesimse mit ihren zahlreichen Kragsteinen mit Menschen- und Tierdarstellungen. Man kann Schlangen, Hasen, Menschenköpfe aber auch Früchte erkennen.

Von Zarateman - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30391642

Quellen

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Die Klöster der Benediktiner und Zisterzienser in Spanien – eine kurze Darstellung ihrer Geschichte, ihrer Bedeutung und ihrer Architektur –

Die Klöster der Benediktiner und Zisterzienser in Spanien – eine kurze Darstellung ihrer Geschichte, ihrer Bedeutung und ihrer Architektur –

Camino Aragonés, Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo

Ihre allgemeine Bedeutung

Die Klöster im Mittelalter waren wohl mit einer der wichtigsten, wenn nicht vielleicht sogar die wichtigsten religiösen Institutionen. Sie wurden von verschiedenen Orden geführt. Unter einem Orden versteht man eine Gemeinschaft von Männern oder Frauen, die nach bestimmten, festgelegten Regeln leben und sehr häufig ein Ordensgewand, den Habit, tragen. Zentral und für ihre spirituelle Ausrichtung entscheidend sind dabei drei Lebensprinzipien: Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam.

Als Kultur- und Bildungszentren bewahrten und vermittelten die Ordensgemeinschaften das Wissen der Antike, trieben selbst Forschung und schufen Handschriften und Kunstwerke, die noch heute staunen lassen. Außerdem ist die romanische Kunst ohne den Einfluss der Orden der Benediktiner und Zisterzienser kaum zu verstehen.

Teilweise als Eigentum von Königen, Adligen oder Bischöfen aber auch später eigenständig nur dem Papst unterstellt waren sie z.T. eng mit dem politischen Geschehen verknüpft. Als Großgrundbesitzer und Landwirte versorgten sie zudem in den wenig entwickelten Gegenden, in denen viele der Klöster lagen, das Umfeld mit Nahrung und Gütern oder boten Arbeitspätze für die Einheimischen.

Auch für die Entwicklung des Pilgerwesens waren sie von besonderer Bedeutung. So beherbergten Klöster und ihre karitativen Einrichtungen entlang dieser Routen die Pilger. Die Verpflichtung zur Aufnahme von Gästen ist teilweise in den Ordensregeln festgeschrieben und findet sich – gut nachvollziehbar für den Benediktinerorden – in deren Regeln, in Kapitel 53, welche die Aufnahme von Gästen der von Jesu gleichstellt. Mit der Reformation wurden viele Klöster aufgelöst und ihre karitativen Aufgaben mussten von den zivilen Behörden übernommen werden. Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela, waren im Mittelalter unzählige Menschen unterwegs. Die Pilger durften  – wie auch heute noch größtenteils – meist nur für einen Tag unter sicherer Obhut übernachten.

In Spanien kam noch hinzu, dass die Klöster im Rahmen der Reconquista ein wichtiger Faktor waren für die Wiederbesiedlung und Stabilisierung unfruchtbarer oder umstrittener Gebiete zwischen Mauren und Christen. Hier sind – wie unten noch aufgezeigt wird – die Zisterzienser von besonderer Bedeutung.

Bildnis von Giovanni Bellini 15. Jh. Von Didier Descouens - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52066438

Die Vorgeschichte und die Bedeutung des heiligen Benedikt, des „Vaters der mittelalterlichen Klöster“

Schon kurz nach Gleichstellung der Religionen durch die Mailänder Vereinbarung von 313 zieht es damals Scharen frommer Frauen und Männer in die Wüsten Ägyptens, Syriens und Palästinas. Fern von der übrigen christlichen Gemeinde und den Verführungen der Städte wollten sie als Einsiedler (Eremiten, griech. eremos, Wüste) oder Teil einer Eremitenkolonie (Koninobiten, griech. koinos, gemeinsam) ein bedingungslos frommes Leben, die Vita religiosa, führen. Harte körperliche Arbeit und Kontemplation, Askese und Abgeschiedenheit prägten den Alltag der Aussteiger. Um dem gemeinsamen Leben eine Ordnung zu geben, unterwarfen sie sich bald verbindlichen Regeln. Das ist die Geburtsstunde des ersten Mönchsordens.

Der wahre „Vater“ des westlichen mittelalterlichen Klosters war der Heilige Benedikt von Nursia. Der heilige Benedikt gründete nach einem intensiven Ordensleben, darunter drei Jahre Eremitenleben, das Kloster Monte Cassino in der Provinz Frosinone in Italien. Dort verfasste er um das Jahr 540 seine berühmten Regeln, die Demut, Selbstverleugnung und Gehorsam als Grundpfeiler des Mönchslebens festlegen. Beim Eintritt in die Gemeinschaft verlässt man die Welt, indem man die Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams akzeptiert, da das Klostermodell von San Benito die Klausur als eine Möglichkeit zur Wahrung der moralischen Integrität etabliert.

Ein weiterer wichtigster Grundsatz der Benediktinerregeln, die für die Entwicklung der mittelalterlichen Welt von grundlegender Bedeutung sein wird, war die Aufforderung:

„Ora et labora“ .

Dies ist von grundlegender Bedeutung, da mittelalterliche Klöster im Allgemeinen und romanische Klöster im Besonderen Zentren der Spiritualität waren. Das „labora“ bezieht sich zum einen auf die landwirtschaftliche Produktion, denn jedes Kloster musste seinen Unterhalt selber verdienen. Zum anderen bezog es sich auch auf die handwerkliche und künstlerische Produktion, insbesondere in den Bereichen Eboraria (Kunst der Elfenbeinskulptur), Emailverarbeitung, Goldschmiedekunst und Buchmalerei.

Der Benediktinerorden (Ordenskürzel OSB für Ordo Sancti Benedicti) darf wohl als der älteste, traditionsreichste und wirkmächtigste Orden des Christentums gelten. Sie sind heute noch an ihrem komplett schwarzen Ordensgewand erkennbar.

Nordansicht und Grundriss im späten 17./frühen 18. Jh. des Klosters Cluny

Die Cluniazensklöster

In Nordspanien existierten im 8. und 9. Jh. bis ins 10. Jh. zahlreiche Klöster, die dann nach und nach die Regeln des hl. Benedikt übernahmen. Dabei handelte es sich um kleine Klöster, die von bescheidenen Spendern unterstützt wurden. Doch im Laufe der Jahrhunderte geriet die radikale Ausrichtung an der Lebensweise Jesu auch im Mönchtum immer wieder in Vergessenheit und es kam zu einer häufig problematischen Beziehung zu den weltlichen Herrschern, die sich nicht nur als Stifter eines Klosters betätigten, sondern nicht selten auch im weiteren Verlauf massiv in die Geschicke des Klosters im eigenen Interesse eingriffen, z. B. bei der Bestimmung des Abtes oder bei der Kriegspflicht. Auch die Mönche selbst wurden durch den wachsenden Reichtum in ihrer Lebensweise lax, lebten zum Teil nicht mehr von ihrer Hände Arbeit, sondern von Spenden und Zustiftungen und frönten einer ausschweifenden Lebensweise. Die Ausbildung des Lehnswesens, der Reichtum an Land und Leuten, der sich in den Klöstern angehäuft hatte, schob die Interessen der Bildung und Erziehung, der Religion und Wissenschaft in den Hintergrund, und Interessen weltlicher Art traten vor.

Nach mehreren Reformbewegungen wird die Entwicklung des Benediktinerordens im französischen Cluny im 11. Jh. zum Schlüssel der erneuerten klösterlichen Entwicklung in ganz Europa. Von seinem ersten Gründungsmoment an erlangte der Orden von Cluny absolute Unabhängigkeit von jeglicher weltlichen oder kirchlichen Macht und war nur noch gegenüber dem Papst verantwortlich. Dies galt für Cluny und alle seine am Ende des 13. Jhs. etwa 1200 in ganz Europa mit ihm verbundenen Klöster. Dabei handelt es sich sowohl um Männer- als auch Frauenklöster.

Der andere Faktor, der die Vergrößerung des Ordens von Cluny ermöglichte, war die erfolgreiche Schaffung einer zentralisierenden organischen Struktur im Vergleich zu der üblichen Zerstreuung und Auflösung, die die Benediktinerklöster bis dahin erlebt hatten. Dies war nur möglich dank der internationalen Immunität gegenüber Königen und Adligen, die ihm die päpstliche Abhängigkeit ermöglicht hatte.

Die wesentlichen organisatorischen, politischen und religiösen Aspekte der „Schwarzen Mönche“ lassen sich in folgenden Punkten kurz zusammenfassen:

  • Exklusives Vasallentum an Rom und Verteidigung seines moralischen Vorrangs
  • Das Vorherrschen einer pyramidenförmigen hierarchischen Struktur zwischen Prioraten, untergeordneten Abteien und angeschlossenen Abteien.
  • Mönche aus der Aristrokratie und Unterstützung der feudalen Gesellschaft der Zeit, Aufrechterhaltung guter Beziehungen zu Adligen und Bischöfen (trotz seiner Immunität gegenüber ihnen)
  • Entscheidende Verschärfung der Klerikalisierung(d.h. mehr Einflussnahme der Kirche auf das öffentliche Leben in Staat und Region). Cluny vervielfachte die Zahl der Priester unter seinen Mitgliedern.
  • Verbreitung des liturgischen Gebets und der Chorfeier der Eucharistie im klösterlichen Leben im Vergleich zu manueller Arbeit, die irrelevant wurde und von untergeordnetem Personal (u.a. Laienbrüdern und – schwestern) ausgeführt wurde.
  • Erhaltung und Verbreitung der Kultur dank der Arbeit ihrer Skriptorien, in denen ständig Manuskripte kopiert wurden.
  • Die Ländereien und die darauf erhobenen Abgaben sicherten der von der weltlichen Steuer befreiten Kirche eine wirtschaftliche Unabhängigkeit und eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben
https://www.rdklabor.de/w/index.php?curid=10098 Das idealisierte Benediktinerkloster hier St. Gallen

Kunst und Architektur

Ohne Clunys Beitrag ist die romanische Kunst nicht zu verstehen. Das von Cluniazensermönchen in ganz Europa betriebene Netzwerk von Klöstern und die Kommunikation zwischen den europäischen Königreichen internationalisierten eine künstlerische, kulturelle und religiöse Manifestation, die sich mit großer Einheit im gesamten Westen verbreitete. Gefördert wurde dies noch durch die Unterstützung der Pilgerfahrten durch die Benediktiner.

Die entstehenden Klöster wurden nach einem bestimmten System gestaltet. Der im Äußeren des Klosters am stärksten hervortretende Teil ist auch der Idee nach der erhabenste: die Kirche. Ihr geistiger Mittelpunkt ist der Hauptaltar, von dem aus sich die übrige Anlage entwickelt. Die weitaus vorherrschende, aus der altchristlichen Kunst übernommene Basilika weist vom 8. Jh. an in Bezug auf Grundriss und Aufbau große Mannigfaltigkeit auf.

Wie die mittelalterliche Klosterkirche, so ist auch das zugehörige Klaustrum, der Klosterhof, eine Neuschöpfung der Benediktiner im Anschluss an antike Vorbilder. Die Übernahme des antiken Säulenhof im Klosterbau erwuchs aus der Notwendigkeit, die regulären Räume untereinander und mit der Kirche zusammenzuschließen, um das gemeinsame Leben für eine große Zahl von Mönchen zu ermöglichen. 

An den um die Kirche gruppierten rechteckigen Wohnbezirk des Baus sind die Wirtschaftsgebäude so angeschlossen, dass aus dem Ganzen ein zweites Rechteck entsteht. Für Schuster, Sattler, Gerber, Walker, Schwertfeger, Schildmacher, Bildhauer und Goldschmiede sind besondere Gebäude vorgesehen.

Den ganzen Klosterbezirk umgab die äußere Ringmauer und bildete somit einen Komplex an Einheit und Geschlossenheit. 

Neben dem Klosterbau ist auf die besondere Bedeutung der Benediktiner für die Bilderhauerkunst hinzuweisen. Die Skulpturendarstellung entwickelte sich zu einem beeindruckenden Bauelemente der Romanik. Auch auf die Gemälde an den Wänden der Kirchen, die leider heute nur noch fragmentarisch zu finden sind, sind zu beachten. Es gibt Autoren, die argumentieren, dass die Explosion historischer Skulpturen und Gemälde das Ergebnis eines vorsätzlichen Projekts der Cluniazenser sei, die sich bewusst waren, dass Menschen, meist Analphabeten, aus Bildern lernen mussten, was sie in der Heiligen Schrift nicht lesen konnten.

Von Ángel M. Felicísimo from Mérida, España - Santo Domingo de Silos, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71843978
Abtei Santo Domingo de Silos Von Ugliku - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 es, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35447200 Kapitell mit Fabelwesen in

Die Krise des Ordens von Cluny kam in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Die Gründe für den Niedergang des Ordens in diesen Jahren lassen sich wie folgt kurz zusammenfassen:

  • Übermäßige Starrheit der eigenen Struktur, die die Flexibilität zwischen den verschiedenen Häusern erschwerte und so die gesamte Ordnung lähmte.
  • Dank Steuererleichterungen und Schenkungen wuchsen die Klöster und ihr Reichtum, so dass die Mönche im Laufe des Mittelalters immer weniger körperliche Arbeit verrichten mussten, da sie sich nun auf die Arbeit von Laienbrüdern, Lohnarbeitern oder Leibeigenen (unfreien Arbeitern) verlassen konnten.
  • Die sich daraus teilweise ergebenden Ausschweifungen in Cluny bezüglich Lebensweise und Hybris im Kirchen- und Klosterbau
  • Massive Eingliederung aufstrebender Adliger ohne Berufung, die von den Privilegien des klösterlichen Lebens profitieren wollten und ihre Klöster als Versorgungsanstalten aufsuchten. Wir müssen bedenken, dass die Rekrutierung von Mönchen in Klöstern in den meisten Fällen adeligen Ursprungs war. Die zweiten Söhne dieser Adligen, die den Familientitel nicht erbten, wurden Mönche und nahmen einen Teil des Erbes mit, das sie dem Kloster schenkten.
  • Daraus ergab die Erschlaffung des Eifers für das klösterliche Leben und für wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit, den Grundlagen des benediktinischen Mönchtums.
  • Eine neue fortschreitende Orientierung des westlichen Mönchtums im 12. Jahrhundert hin zu eremitischen und asketischen Aspekten, die die Entstehung neuer Orden wie den der Zisterzienser beeinflusste, und den Benediktiner immer stärker den besten Nachwuchs entzogen.
  • Die Ausbreitung dieser neuen Ordenszweigen, vornehmlich der Zisterzienser, und die Entstehung der Bettelorden im 13. Jhd. taten dem Einfluss des Ordens großen Abbruch, während er bei wachsendem Reichtum immer mehr verweltlichte. 
  • Zudem litt der Orden gerade im Bereich der Wissenschaft sehr durch die Rivalität der beinahe allmächtig gewordenen Jesuiten.
  • Die Reformationszeit hinterließen dann tiefe Spuren im Benediktinerorden.

Von den insgesamt 15.107 Klöstern des 15. Jhs. lässt die Reformation nur etwa 5000 übrig. Im 14. Jahrhundert gehörten dem Orden 37.000 Mitglieder an, im 15. Jahrhundert nur noch knapp halb so viele, zur Reformationszeit zählte die Ordensfamilie gerade noch 5000 Mitglieder.

 

Zunächst aber wurde Cluny zum geistigen Oberhaupt eines europäischen Netzwerks von Klöstern und Prioraten. Cluny muss als wichtiger Einflussfaktor in religiöser, sozialer, wirtschaftlicher und künstlerischer Hinsicht für das Europa des 10. und 11. Jahrhunderts anerkannt werden:

die endgültige Einführung eines strukturierten Benediktinerordens, der viel für die am stärksten benachteiligten Schichten der Gesellschaft tat,

die Förderung von Pilgerfahrten – insbesondere auch nach Santiago de Compostela–, der fruchtbare Austausch von Ideen, Wissen und Techniken zwischen den europäischen Gebieten,

die Vereinheitlichung der Liturgie und

die Förderung jener großen gesamteuropäischen Kunst führte, die wir heute Romanik nennen

Einige wichtige Benediktinerklöster entlang der Caminos (Angaben aus wikipedia plus Ergänzungen):

  • Kloster San Juan de la Pena (920-1798)   Camino Aragonés
  • Kloster San Salvador de Leyre (848 bis 1273, dann bis 1836 Zisterzienser, ab 1945 wieder Benediktiner       Camino Aragonés
  • Kloster Santa Maria la Real de Irache bei Estella (914-1824, aufgehoben)      Camino francés
  • Kloster Santa Domingo de Silos (929, bestehend) gilt wegen ihres romanischen Kreuzgangs als „eines der berühmtesten und kunsthistorisch bedeutendsten Klöster Spaniens“            Camino del Cid, Ruta de la Lana
  • Kloster Santo Toribio de Liebana (1125? – 1835, seit 1961 Franziskaner)      Camino Lebaniego nahe Camino del Norte
  • Kloster Sobrados dos Moxes (10.-12.Jh., 1142-1835 Zisterzienser, seit 1966 Trappisten      Camino Francés, Camino Primitivo
  • Santa Maria de Real de Nájera (1052, 1079-1486 Benediktiner, ab 1895 Franziskaner)       Camino Francés
  • Kloster von Samos, Kloster de San Julián y Sante Basilisa (5./6.Jh. eines der ältesten Klöster der Welt, 10./11. Jh. -1835 Benediktiner ab 1880 wieder)        Camino Francés

 

Der Zisterzienserorden

 Geschichte

Bevor Robert von Molesme, ein Mönch und Förderer des Zisterzienserordens, im Jahr 1075 das Kloster Molestes gründete, war Cluny der einflussreichste Orden in Europa. Aber die oben genannten Gründe führten wieder zu neuen Reformbewegungen, unter denen die Zisterzienser die bedeutendste war. 1098 legte Robert von Molesme den Grundstein für diesen Orden mit der Gründung des Klosters von Citeaux in einer Einöde in der Nähe von Dijon. Alberich und Stephan Harding, zwei Äbte, die ihm folgten, gaben dem Orden wenig später seine Verfassung. Doch ohne den hl. Bernhard von Clairvaux (1090-1153) hätte diese Neugründung (erkennbar an ihrem weißen Untergewand mit dem schwarzen Skapulier darüber) höchstwahrscheinlich allein personell die Anfangsjahre nicht überstanden. Zunächst entstanden in waldigen Einöden La Ferté (Firmitas), Pontigny (Pontis nidus), Clairveaux (Clara vallis) und Morimond (Mors mundi). Von diesen fünf Klöstern leiteten sich später alle weiteren ab. Mit seiner fesselnden, charismatischen Art brachte Bernhard, Abt von Clairveaux, nicht nur bereits bei seinem Eintritt knapp 30 Verwandte und Freunde mit in den Orden, sondern gründete im Laufe seines Lebens 165 Filiationen (Töchterklöster, die ihrem Mutterkloster verbunden blieben), was die Hälfte aller damals bestehenden Zisterzen ausmachte. Dabei sollten neue Zisterzen für Mönche zunächst nur in unbewohnten und wasserreichen Gegenden erbaut werden und die Möglichkeit für eine ausgedehnte Landwirtschaft im Eigenbau bieten.

Von Chabacano - Own work based on Image:BlankMap-Europe no boundaries.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1647214

Die Ausbreitung der Zisterzienser im 12. Und 13. Jh.

Die Ausbreitung der Zisterzienser auf ganz Europa erfolgte schrittweise durch die Tochterabteien, die im 12. und 13. Jahrhundert errichtet wurden. Die vier Gründerhäuser aller anderen Zisterzienserklöster waren somit Citeaux, La Ferté, Pontigny, Morimond und Clairvaux. Die übrigen Abteien sind Töchter oder Tochtergesellschaften ersten, zweiten oder dritten Grades. Dabei konnte die Gründung der Klöster auf drei verschiedenen Arten geschehen, erstens durch Neugründungen meist in entlegenen Gebieten, zweitens durch die Übernahme von bestehenden Einsiedlergemeinschaften und drittens durch die Übernahme bereits bestehender Klöster durch den Zisterzienserorden. So lässt sich erklären, warum einige der oben genannten Benediktinerklöster später von Zisterziensern geleitet wurden.

Wir können davon ausgehen, dass das Ende des 13. Jahrhunderts mit der größten Verbreitung des Ordens zusammenfiel und 700 Abteien erreichte. Der Orden hatte Niederlassungen in allen Ländern Westeuropas. Frankreich, das Mutterhaus der Zisterzienser, hatte mit 244 Abteien die größte Zahl. Es folgten Italien mit 98, das Heilige Römische Reich mit 71, England mit 65 und Spanien mit 57. Der Rest verteilte sich auf die Niederlande, Polen, Schweden, Österreich, Böhmen, Ungarn, Portugal und Irland. Es ist anerkannt, dass interessanter Weise dem galicischen Kloster Sobrado im Westen Spaniens der Anspruch zusteht, das älteste Zisterzienserkloster der Iberischen Halbinsel zu sein.

Die regulative Strenge der Zisterzienser hielt allerdings nicht lange an, und gegen Ende des 13. Jhds. wurde allgemein über die Verweltlichung auch dieses Ordens geklagt. Reichtum und Laxheit wurden schon im 15. Jhd. so arg, dass auch hier viele Mönche für die ursprüngliche Strenge auftraten, neue unabhängige Orden gründeten und dadurch das Ansehen immer mehr schwächten. Die Reformation schwächte den Orden zusätzlich. Letztendlich brachte die Säkularisierung nahezu den Untergang des Ordens.

Der Hauptgrund für den schlechten Zustand, in dem sich viele Zisterzienserklosterkomplexe befinden – bis hin zu den fortgeschrittenen Ruinen –, ist genau ihre abgelegene Lage von städtischen Zentren. Nach der Beschlagnahmung von Mendizábal im 19. Jahrhundert wurden diese Klöster aufgegeben oder gelangten in private Hände, die kaum in der Lage oder willens waren, sie zu unterhalten.

Während wir den Cluniazensern zahlreiche Beiträge zum Aufbau Europas verdanken, werden die Zisterzienser durch eine stärker auf Armut und Arbeit ausgerichtete Religiosität gekennzeichnet, die sich – neben vielen anderen Errungenschaften – in der Rodung und Erschließung von für die Landwirtschaft unwirtlichem Land niederschlug. Die Zisterzienserorden brachten viele Anregungen und Fortschritte auf dem wirtschaftlich-technischen Gebiet des Acker – und Gartenbau ein. Damit beeinflusste er maßgeblich das Siedlungswesen im Hochmittelalter und war als Kultivator des Bodens von entscheidendem Einfluss für die Landwirtschaft.

s. Jaspert Zisterzienserklöster in Spanien und Portugal (nach LEKAl)

Besonderheiten in Spanien

Insbesondere in den hispanisch-christlichen Gebieten spendeten die Könige Land für die Gründung von Zisterzienserklöstern in unbesiedelten und zerklüfteten Gebieten nahe der Grenze zu den Muslimen, da sie wussten, dass sie in der Lage waren, karge Gebiete zum Leben zu erwecken. Darüber hinaus weigerten sie sich nicht, sich zu opfern, wenn die gegnerischen Armeen sie angriffen.

Für die Klöster in Spanien gab es noch zwei weitere Besonderheiten gegenüber denen in anderen Ländern. Hier ist zum einen die Königsnähe der Zisterzienser zu nennen. Viele Gründungen gingen auf Initiative der verschiedenen Königshäuser zurück, zum Teil erkennbar auch an den Grablegungen der Königsdynastien in den Zisterzienserklöstern.

Zum anderen ist seine institutionelle Verknüpfung mit den spanischen Ritterorden zu nennen. Diese lässt sich bereits beim ältesten iberischen Ritterorden, dem Calatravaorden, beobachten. Die zunehmende Monastisierung der Ordensritter, ihre Integration in bestehende Formen und Strukturen religiösen Lebens zeigt sich bei dem Calatravaorden in einem komplexen Prozess von der Aufnahme der Ritter im Jahre 1164 — also als Konversen — bis  zur förmlichen Affiliation des Jahres 1187 und der Unterstellung unter Morimond. Dies war zunächst einer besonderen Situation geschuldet:

Als im Herbst des Jahres 1157 die Templerbesatzung der Burg Calatrava in der Mancha, also im südlichen Kastilien, vom vermeintlichen Anrücken eines bedeutenden muslimischen Kontingents erfuhr, beschloss sie, diesen militärischen Vorposten in die Hände des kastilischen Königs zurückzugeben. In dieser Ausnahmesituation formierte sich auf Initiative des zusammen mit dem kastilischen König Sancho III. erzogenen, ehemaligen Ritters und nunmehrigen Zisterzienserbruders Diego Veläzquez unter der Führung des Abtes Raimund aus dem Kloster Fitero eine Bruderschaft christlicher Ritter, um die Feste zu halten. Im Januar 1158 übertrug König Sancho Burg und Ortschaft von Calatrava den Zisterziensern mit dem Auftrag, sie zu verteidigen und das Christentum gegenüber den Muslimen auszubreiten.

Die Tradition, neu gegründete Ritterorden den Zisterziensern zu unterstellen, endete keineswegs mit dem 13. Jahrhundert, denn die beiden bedeutendsten Neuschöpfungen des 14. Jahrhunderts waren ebenfalls zisterziensischer Observanz: Nach der Auflösung des Templerordens riefen die Könige von Portugal und Aragon mit dem Christusorden und dem Orden von Montesa (1317) zwei neue Ritterorden ins Leben, welche die Besitzungen der Templer übernahmen. Insgesamt lassen sich auf der Iberischen Halbinsel nicht weniger als acht Ritterorden zisterziensischer Ausrichtung — die Orden von Calatrava, San Julian de Pereiro-Alcäntara, Evora-Avis, Montjoie, Trujillo, Santa Maria de Espana, Montesa und Christus — identifizieren, eine wahrhaft beeindruckende Zahl.

Dabei ging die Initiative nicht vom Zisterzienserorden aus, sondern die Ritter wandten sich an die Mönche, bzw. einzelne Zisterziensermönche übernahmen die geistliche Betreuung der Kämpfer. Den Mönchen fiel also die Betreuung und Juridiktion der Ritterorden und ihrer Mitglieder zu.

Zur Ergänzung damit kein falscher Eindruck entsteht, der Zisterzienserorden besaß neben den Männerklöstern auch eine große Zahl von Nonnenklöstern in Spanien.

https://www.rdklabor.de/w/index.php?curid=28031 typischer Grundriss eines Zisterzienserklosters

Architektur

Die meisten Zisterzienserbauten sind im Wesentlichen romanisch, weisen jedoch in vielen Fällen als Neuheit das einfache Kreuzrippengewölbe und häufig auch den Spitzbogen auf.

Bis vor wenigen Jahren galt die Zisterzienserarchitektur als eigenständiger Stil, der als Übergangsglied zwischen der Romanik und der Gotik diente. In diesem Sinne wurde sie manchmal als protogotische Architektur bezeichnet. Heutzutage wird allerdings nicht mehr angenommen, dass die Gotik als bloße Evolution oder Weiterentwicklung der Romanik zu sehen ist, sondern vielmehr, dass die gotische Architektur als ein Sprung in der Mentalität und im architektonischen Verständnis entstand. Zisterzienserbauten können daher nicht als Glied dieser Kette betrachtet werden.

Die Zisterzienserarchitektur ist für ihre ornamentale Nüchternheit bekannt. Aufgrund der vom Heiligen Bernhard geforderten „Trunkenheit der Nüchternheit“ sind die Kapitelle, Konsolen und anderen Räume der Zisterzienserkirchen und Klostergebäude überwiegend durch pflanzliche oder geometrische Motive belebt. Diese absichtliche ornamentale Strenge war als Maßnahme gedacht, um den Mönch in seiner Meditation und seinem Gebet zu isolieren, damit er nicht durch Gemälde, Skulpturen oder bunte Glasmalereien abgelenkt werden konnte. Sie sollte aber nicht auf einfache Dorfkirchen übertragen werden.

Die Sparsamkeit der Gestaltung sollte aber nicht mit Armut verwechselt werden, denn wenn diese geometrischen und pflanzlichen Motive auftauchen, sind sie von großer plastischer Qualität und hinter ihnen sind große Künstler zu sehen. Die schmucklose Strenge der Zisterzienserbauten ging in der Regel nicht mit baulichen Einschränkungen einher. Häufig kam es vor, dass, nachdem sich die Mönchsgemeinschaften etabliert hatten, monumentale Bauprojekte initiiert wurden, bei denen perfektes Quadermauerwerk zum Einsatz kam. Im christlichen Spanien beispielsweise waren im 12. Jahrhundert, abgesehen von einigen Kathedralen, zweifellos die Zisterzienserklosteranlagen die größten Gebäude.

Die Zisterzienser entwickelten ein eigenes Bauprogramm. Das Herz der Anlage war der Kreuzgang, der nur der klösterlichen Gemeinschaft vorbehalten war. Um diesen gruppierten sich die wichtigen Räume der Mönche wie Kapitelsaal, Bibliothek, Skriptorium, das Refektorium und die Schlafsäle.

Außerhalb des Kreuzgangs befanden sich je nach Größe des Klosters Nebengebäude. 

Das waren so unterschiedliche Einrichtungen wie das Gasthaus, die Krankenstation, die Mühle, die Schmiede, den Taubenschlag, den Bauernhof, die Werkstätten und alles, was einer autarken Gemeinschaft diente, umfasste. Darüber hinaus wurden die notwendigen Einrichtungen reserviert, um die Armen und Pilger mit Großzügigkeit zu empfangen, wie es die Regel des Heiligen Benedikt vorsieht.

Ornamentale Strukturen arteguias.com Kloster Valdedios

Einige wichtige Zisterzienserklöster an den Caminos:

Kloster Valdedíos in Villaviciosa (1200-1836, 1992-2008)          Camino del Norte

Kloster Zenarruza 1379-19.Jh. Kollegiatstift (d.h. keine Ordensgemeinschaft) seit 1988 Trappisten

                                                                                                                      Camino del Norte

Kloster Oseira 1141-1835, seit 1923 Trappisten                                Via de la Plata

Kloster Sobrado in Sobrado (1142-1835, ab 1966 Trappisten)     Camino Fransés/Camino Primitivo

Kloster Mareruela in Granja de Mareruela (1131/33 – ?)               Via de la Plata

Kloster Santa María de Jesús in Salamanca (1552-1958)               Via de la Plata

Kloster San Isidoro del Campo nahe Sevilla

(1301-15. Jh.,Hieronymus-Orden Auflösung 1836, restauriert)    Via de la Plata

Kurze Erläuterung: Zisterzienser der strengen Observanz, kurz Trappisten genannt, gehören zu den strengsten Orden der katholischen Kirche.

Von P.Lameiro - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31253163 Sobrado dos Monxes

Bedeutung der Nonnenklöster im Mittelalter

Kurz eine Bemerkung zu den Nonnenklöstern. Sie haben eine lange Tradition. Schon im 5. Jh. bildeten Frauen erste religiöse Gemeinschaften. Die Gründe für den Eintritt in ein Kloster waren vielfältig:
– religiöse Überzeugung
– Spiritualität
– Flucht vor einer Zwangsehe
– Abschiebung durch die Familie
– Zugang zu höherer Bildung
– soziale Absicherung oder
– die Chance, sich familiären Normen zu entziehen.

Sie führten hinter hohen Klostermauern nicht nur ein zurückgezogenes Leben, sondern beschäftigten sich auch mit weltlichen Angelegenheiten und sie hatten oft auch große politische Macht (z.B. Elisabeth von Wetzikon). Zum Ende des Mittelalters kam es allerdings zu einem rapiden Abfall der Sitten. Generell kann man sagen, dass die Frauen oder zumindest die Nonnen im Mittelalter literarisch entwickelter und akzeptierter waren als in der Aufklärung. Es gibt heute noch zahlreiche Zisterzienserinnenklöster in Spanien.

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