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Die Architektur der Gotik und ihre besondere Geschichte in Frankreich

Die Architektur der Gotik und ihre besondere Geschichte in Frankreich - als die Kathedralen in den Himmel wuchsen

Via Podiensis

Begriff und zeitliche Einordnung

Die Bezeichnung „Gotik“ entstand, wie die Namen anderer Stilepochen auch, nicht bereits mit ihrem ersten Auftreten, sondern erst fast 300 Jahre später. Auch wurde der Gotik-Begriff nicht etwa in Frankreich geprägt, wo die Wurzeln der gotischen Architektur liegen, sondern erstmals 1435 in einem Werk des italienischen Architekten und Schriftstellers Leon Battista Alberti erwähnt. Das Wort Gotik stammt vom italienischem „gotico“, das ursprünglich ein Schimpfwort war. Es bedeutet „fremdartig“ oder „barbarisch“ und ist vom Germanenstamm der Goten abgeleitet. Giorgio Vasri, ein Kunsttheoretiker der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike, versuchte mit diesem Wort seine Geringschätzung der europäischen mittelalterlichen Kultur im Vergleich zur „glorreichen“ Antike Ausdruck zu verleihen.
Erst mit Goethe, der in seinem Werk „Von deutscher Baukunst“ über das gotische Münster in Straßburg schrieb, begann ein positiver Bedeutungswandel in Bezug auf den gotischen Architekturstil einzusetzen. Allerdings ist zu bemerken, dass Goethe irrtümlich diese Epoche zu einem deutschen Stil erklärte. Der Stil wurde dann im 19. Jahrhundert von europäischen nationalistischen und romantischen Bewegungen aufgewertet und verherrlicht. So wurde auch Mitte des 19. Jahrhundert Goethes Aussage eines „deutschen Stils“ durch kulturwissenschaftliche Forschungen widerlegt und der korrekte Ursprung der Gotik Frankreich zugesprochen. Heute gilt die Gotik allgemein als einer der künstlerisch brillantesten Momente der westlichen Welt.

Eine zeitliche Einordnung der Gotik ist nicht ganz einfach, da der genau Zeitrahmen von den individuellen Entwicklungen in den einzelnen Ländern abhängt.

Die Gotik entstand um 1140 zunächst in Frankreich. Der neue Baustil gelangten vor allem von den Baustellen in Reims und Amiens (Ostteile) ab 1180 zuerst nach England (Canterbury, Wells, Salisbury, Lincoln, Westminster Abbey, Lichtfield), dann ab etwa 1235 nach Deutschland (Marburg, Trier, ab 1275 nach Köln, Straßburg, Regensburg) und Spanien (Burgos, Toledo, Léon). In Italien wurde der gotische Baustil nach französischer oder mitteleuropäischer Art weder vollständig übernommen noch war er je alleine vorherrschend.

Aber natürlich gab es auch hier gotische Kathedralen wie z.B. den berühmten Mailänder Dom.

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123840 Kathedrale (ehem. Abtei­kirche) Saint-Denis, vor 1140 (im 18. und 19. Jh. ver­ändert, Turmvertlust)

Historischer und philosophischer Hintergrund

Keine andere Strömung vor oder nach der Gotik verstand es, einen solch engen Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft herzustellen. Um nun aber zu verstehen, weshalb sich die gotische Architektur gerade im Frankreich des 12. Jahrhunderts aus der Romanik entwickelte, muss man zunächst einen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten jener Zeit werfen.

Im Jahre 1108 übernahm der Kapetinger Ludwig VI. die königliche Herrschaft im territorial stark zersplitterten Land. Der französische Monarch hatte zu jener Zeit zwar großes Prestige, realiter jedoch nur wenig Macht. Diese lag u.a. in den Händen Heinrichs I., der durch geschickte Heiratspolitik nicht nur Herzog der Normandie, sondern gleichzeitig auch König von England war und so enorme politische, wirtschaftliche und militärische Mittel hinter sich vereinigen konnte. Auch die Grafen der Champagne waren, durch wichtige Messestädte in ihren Gebieten, reicher und dadurch letztlich mächtiger als der französische König. Wesentlich einflussreicher war auch der Graf von Flandern, der das größte Wirtschaftszentrum nördlich der Alpen, ein im 12. Jh. sehr reiches Land regierte. (s. auch Kapitel der 100-jährige Krieg).

Um seine Macht zu stärken und die des Feudaladel im Land zu schwächen, paktierte Ludwig VI. mit der Kirche, vor allem mit seinem engen Berater Suger, dem Abt von Saint-Denis, der zusammen mit ihm in der Klosterschule von St. Denis erzogen worden war. Die Kirche unterstützte das Machtstreben der französischen Monarchie. Der König förderte zudem die zunehmenden Ordensgründungen und holte die Bruderschaften zu sich in die Hauptstadt.

Außerdem wurden durch Freiheitsbriefe, die sich der König von der jeweiligen Stadt beziehungsweise Gemeinde teuer bezahlen ließ, Feudalpflichten aufgehoben, die die wirtschaftliche Entwicklung stark eingeschränkt hatten. So standen diese Städte und einzelne Landgemeinden hinter dem König und gegen den sie früher ausbeutenden Feudaladel.

Mit dem Erstarken und der geographischen Ausweitung des französischen Kronlandes, also der Entwicklung zur zentralistischen Macht, breitete sich auch die für ‚das Neue’ stehende Architektur, die Gotik, aus. Gotische Sakralgebäude galten bald als ‚chic’, so dass jedes Land, jede Stadt und jede noch so kleine Gemeinde alle vorhandenen Mittel darauf verwendete, wenigstens eine etwas größere und neuere Kirche als die des Nachbarn zu bauen. Außerdem spielte auch die Parteinahme von Bündnispartnern in der Politik eine nicht unerhebliche Rolle bei der Expansion der Gotik. Wer innerhalb Frankreichs gotisch baute, bezeugte seine Gewogenheit gegenüber der französischen Krone. Die Baubewegung in Frankreich wurde vor allem in der Anfangszeit dadurch gefördert, dass das Volk und auch der Adel die Bautätigkeit mit finanziellen Mittel oder auch praktischer Arbeitstätigkeit unterstützten. So ist u.a. die große Zahl an Kirchen, Abteikirchen und Kathedralen in Frankreich zu erklären.

Gleichzeitig verbindet sich mit der Gotik eine ganz neue Einstellung zur Gestaltung des Lebens. Der Grund für eine solche Revolution ist die Veränderung der mittelalterlichen Mentalität über vorhandenes Wissen und vorhandene Wahrheit. Im 12. und 13. Jahrhundert wird Platons vom Heiligen Augustinus verteidigter Idealismus überwunden, der die philosophische Grundlage des frühen Mittelalters bildete. Die Philosophie des Aristoteles, die auf der Vorrangstellung der Sinne basierte, erlangte wieder eine große Bedeutung und  wurde von Persönlichkeiten wie dem Heiligen Albert dem Großen und dem Heiligen Thomas von Aquin energisch verteidigt. Dieser Mentalitätswechsel führt in der Architektur dazu, dass sich der Baumeister (Architekt) beim Bauen nicht mehr an regelmäßige Formen halten (im Wesentlichen Kreise und Quadrate) muss, sondern dass er frei arbeiten kann, nicht mehr nur als Geometer, sondern als Ingenieur. Das bedeutete auch, dass man sich an neue Gestaltungselemente heranwagte und herantastete. Dieser technische Empirismus verhalf dazu, geniale tektonische Lösungen zu erfinden, um Räume von großer Höhe und Farbe zu schaffen. Die Art und Weise, das himmlische Jerusalem im 13. Jahrhundert zu symbolisieren, bestand darin, einen großen Raum aus Licht und Farbe zu schaffen. Die Strahlen der Sonne, das Licht Gottes, sollten die ganze Kirche erfassen und das Bauwerk zur gebauten Metaphysik verwandeln. 

Außerdem war es eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Am Anfang der Epoche setzte eine Phase der generellen Umstrukturierung im Wirtschaftsleben des Landes ein. Die Wirtschaft entwickelte sich in bestimmten Regionen und in den Städten positiv. Der Handelsschwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Stadt. Die Landbevölkerung strömte in die Städte (Landflucht). Durch das Wachstum der Städte entstand auch Bedarf an neuen Kirchenbauten und es sind auch die Städte, die die wirtschaftliche Kraft besitzen, um die aufwendigen Bauten der Gotik finanzieren und realisieren zu können. So entstanden sogenannte „Bauten der Macht“ in der Mitte der Stadt.

Es war auch die Zeit der Kreuzzüge. Die Kreuzzüge dienten neben der Eroberung der Stadt Jerusalem vor allem auch der Verbreitung und der Verteidigung des christlichen Glaubens – der Einflussbereich der Muslime sollte zurückgedrängt werden. Es ging dem Papst aber auch um eine erneute macht-politische Stärkung der Kirche und des Papsttums. Die Erstarkung der Kirche zeigte sich auch in der zunehmenden Bedeutung der Ordensgemeinschaften neben den Benediktinern hier vor allem den Zisterziensern, deren Verbreitung für die Gotik eine besondere Bedeutung hat. 

So versuchten der König, der monarchisch orientierte Adel, Domkapitel, Bischöfe und Städte sich in dieser Konkurrenzsituation mit immer prächtigeren Bauten gegenseitig zu übertrumpfen – als Demonstration ihres Führungsanspruchs, aber auch aus echter frommer Begeisterung.

Die Gotik wurde in diesem Zusammenhang in Europa als willkommene Neuerung empfunden. Die neuen Techniken wurden voll Begeisterung übernommen, da durch sie auch die neue spirituelle Einstellung dargestellt werden konnte. England, Deutschland, Italien, Spanien und die anderen europäischen Länder wollten auch demonstrieren, dass sie die neue Kunst wenigstens so gut wie das Ursprungsland Frankreich beherrschten. Zudem verhalf die wachsende Bedeutung des Zisterzienserordens und seine strenge Durchstrukturierung einer weiteren Verbreitung der Gotik. All diese Fakten führten so zu einer breiten aber auch relativ einheitlichen Ausbreitung der Architekturkunst der Gotik.

Die Kathedrale des Mittelalters, das Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulptur, Malerei und Glasmalerei gilt als besonderes Wahrzeichen der Gotik.  “Genie de Lieu “sagen die Franzosen, wenn ein Ort etwas ganz Eigenes und Besonderes atmet. Das kann wohl für die gotischen Kathedralen im Besonderen gelten. Sie spiegeln die Wandlung des mittelalterlichen Weltbildes wider, das mit einer neuen Frömmigkeit und mystischen Strömung einhergeht.

Einen großen Aufschwung nahm auch die profane Baukunst zur Zeit der Gotik, v. a. in den Städten, wo sie die wachsende Macht des aufstrebenden Bürgertums verkörperte. Sie übernahm Formen und Motive der französischen Kathedralgotik. So entstanden Burgen und Befestigungsanlagen, Rathäuser, Zunfthäuser, Hospitäler und Bürgerhäuser im gotischen Stil.

Von Uoaei1 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45346485 Notre Dame de Paris 2015

Spezielle Situation in Frankreich

Die zahlreichen Konflikte zwischen den theologischen Lehrmeinungen erhielten in Frankreich im 12. Jh. durch die Initiativen zweier sehr gegensätzlicher Äbte – den Zisterzienser Bernhard von Clairvaux und den Benediktiner Suger von Saint Denis – eine eminent politische Dimension: Als radikaler, nüchterner Reformer löste Bernhard anfallende Konflikte (Mauren, Türken) vornehmlich mit Waffengewalt. Ihm gelang es nicht nur, König Ludwig VII. zur Teilnahme am zweiten Kreuzzug zu bewegen, sondern auch, die Eroberungsfeldzüge vom Papst sanktionieren zu lassen. Abt Suger hingegen stand im Dienst der Könige von Frankreich und konzentrierte sein Interesse v. a. auf die Neuerungen der Kunst.

Er war gemeinsam mit Ludwig VI. in St-Denis erzogen worden. Abt Sugers ganzes Streben galt der Stärkung der Macht des französischen Königs. Vom Bauernsohn war Suger zum Abt des wichtigsten französischen Klosters in St. Denis und zum engsten Berater zunächst Ludwigs VI. und dann Ludwigs VII. aufgestiegen. Als letzterer 1147 zum Kreuzzug aufbrach, ernannte er Suger zum Regenten Frankreichs. Um die neu erstarkte französische Königsmacht zu demonstrieren, griff er zu einem überaus publikumswirksamen Mittel, das symbolisch-imperialen Wert besaß: er veranlasste den teilweisen Neubau der Klosterkirche von Saint-Denis. Der Bau des gotischen Chors von St. Denis dauerte gerade einmal vier Jahren (1140–1144) und wird heute als Ausgangspunkt der Gotik gesehen. Diese wichtige Voraussetzung für die Ausdehnung der königlichen Herrschaft – und damit einhergehend der Kathedralarchitektur – war das enge Zusammenspiel zwischen geistlicher und weltlicher Macht in Frankreich. So wurden zwischen 1180 und 1270 in Frankreich rund 80 Kathedralen (städtische Bischofskirchen) gebaut. Dazu kommen noch unzählige Neubauten wie Abtei-, Kollegiats- und Pfarrkirchen. Da die französischen Könige, allen voran Philipp August (1180–1223) und Ludwig IX. (1226–1270), die Vormachtstellung Frankreichs in Europa ausbauten, wurde der Stil der französischen Kathedralgotik, die „französische Bauweise“, stilbildend.

Anders als in Deutschland spielte das langsam wieder erstarkende französische Königtum selbst auch als Auftraggeber großer gotischer Kathedralbauten eine wichtige Rolle. Die Abteikirche von St. Denis bei Paris war die Grablege der französischen Könige; Reims der Ort der Krönung, Chartres das bedeutendste Wallfahrtszentrum des Landes. Im Machtzentrum Paris entstanden mit der Kathedrale Notre-Dame und der Sainte-Chapelle, der königlichen Palastkapelle, gleichfalls herausragende kathedrale Bauten. Und auch die Bischofssitze, in denen Kathedralen errichtet wurden, wie Beauvais oder Laon, standen im direkten Einflussbereich der königlichen Macht.

Dass ihre symbolische Bedeutung der Kathedrale von Reims bis in dieses Jahrhundert reicht, zeigt sich an einem kleinen Beispiel: 1962 nahmen Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims gemeinsam an einer Messe teil, um die deutsch-französische Freundschaft zu bekräftigen – eine symbolische Geste, die François Hollande und Angela Merkel 50 Jahre später wiederholten.

Fassade der Kathedrale von Reims Von Johan Bakker, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38255047
Adenauer und De Gaulle in der Kathedrale von Reims Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F013405-0016 / Steiner, Egon / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5451627

Phasen der Gotik in Frankreich

In der Gotik entstand ein neues Raumgefühl, dass jedoch nicht nur nach Höhe, sondern auch nach Licht und sanfter Helligkeit verlangte. Deshalb wurde die kompakte Mauer gleichsam aufgelöst und von hohen Fenstern und riesigen Fens­terrosetten zwischen den Strebepfeilern durchbrochen. Glasmalerei und Steinmetzkunst entwickelten sich zu hoher Blüte. Feingliedrige Strebepfeiler, Ziergiebel (Wimperge), Türmchen (Fialen) und gotisches Dekor wie Maßwerk und Kreuzblumen lassen die Fassaden wie steinernes Spitzenwerk erscheinen. Religiöse Figuren zieren Giebelfelder (Tympana) und Bogenläufe (Archivolten), Gewändefiguren wie Engel und Heilige lösen sich erstmalig aus der Mauer heraus.  

Um einen kurzen Blick auf die Entwicklung der Gotik in Frankreich zu werfen, werden hier die Phasen der Gotik in diesem Land kurz angesprochen.

Gothique primitif       Gothique classique    Gothique rayonnant   Gothique flamoyant

1140-1190                  1190-ca.1230             1231-1350                  1350-1520     

Die erste Phase der Gotik in Frankreich wird als Gothique primitif bezeichnet.

Typisch für den Gothique primitif sind:

  • Emporenbasiliken
  • Runde Arkadensäulen mit korinthischen Kapitellen.
  • spitzbogige Kreuzrippengewölbe, über den Seitenschiffen vierfeldrig, über den Mittelschiffen oft als sechsfeldrige Doppeljoche, gleichsam als Reminiszenz des gebundenes System.

Die zweite Phase der Gotik in Frankreich wird Gothique classique genannt, klassische Gotik. 

  • Über den Seitenschiffen von Basiliken werden keine Emporen mehr angelegt. Zur Regel werden Basiliken mit Triforium in Form zum Mittelschiff geöffneter Zwerggalerien gebaut.
  • Binnenchor, Chorumgang und Kapellen schließen polygonal (vieleckig).
  • Die Vorlagen (Dienste) für Gurt- und Arkadenbögen beginnen an den Basen der Arkadenpfeiler, so dass die Mittelschiffe von durchgehenden Senkrechten geprägt sind.
  • Die Kreuzrippengewölbe sind auch über Mittelschiffen und Binnenchören vierfeldrig.

Als Initialbau der dritten Phase der Gotik in Frankreich, des Gothique rayonnant, der strahlenden Gotik, gilt gemeinhin der Chor der Kathedrale von Amiens, errichtet ab 1236, die entscheidenden befensterten Triforien aber wohl erst ab 1258. Vorher erschien diese Neuerung schon beim hochgotischen Umbau der Abteikirche von Saint-Denis ab 1231, davon der Chor bis 1245.

  • Der Gothique rayonnant zeichnet sich durch Vergrößerung der Fensterflächen aus.
  • Die Triforien bekommen Außenfenster oder werden den Obergaden zugeschlagen.
  • Internationale Bedeutung: Nach dem Muster der Kathedrale von Amiens wurde ab 1248 der Kölner Dom errichtet.

Die vierte Phase der Gotik in Frankreich wird als Gothique flambant – „flammende Gotik“ bezeichnet. Als Initialbau wird die 1388 als Schlosskapelle errichtete Sainte-Chapelle in Riom genannt.

  • Kennzeichen ist die kreative Ausweitung des Formenspektrums.
  • Weniger im allgemeinen Bewusstsein, aber auch typisch, sind um eigentlich rechteckige Fenster und Tore geschlungene Kielbögen
  • Die allgemeinen Erläuterungen zu den Stilelementen der Gotik sind weiter unten aufgeführt.
Kathedrale von Chartres Von Olvr - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16331210

Die wichtigsten frühgotischen Kathedralen der Île-de-France

Die gotische Baukunst entstand aus dem Baugefüge und den Formen romanischer Kirchen in Frankreich, genauer in der fruchtbaren Île-de-France (Paris und Umgebung). Zur ersten Blüte gelangte die Gotik mit dem frühgotischen Neubau der Abteikirche von Saint-Denis (1130/35–1144), der königlichen Grablege. Trotz des bewusst neuen Konzeptes besaß der Chor der Abteikirche von Saint-Denis anfangs keinen Modellcharakter. Aber man doch sagen, dass in St.-Denis die Gotik ihren Ausgangspunkt hatte. In der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde in Frankreich noch sehr viel experimentiert und variiert, bis man mit der Kathedrale von Chartres eine Lösung fand, die formal so überzeugend war, dass sie zum Vorbild für viele Nachfolgebauten wurde. In dieser experimentellen Phase entstanden in Frankreich zwischen 1140 und 1194 beispielsweise die frühgotischen Kathedralen von Sens und Laon, sowie wichtige Bauteile der Kathedralen von Soissons und Noyon und schlussendlich die Kathedrale Notre-Dame in Paris.

 

  • Paris, Abteikirche von St.Denis, 1137–1144 – der „Gründungsbau“ der gotischen Architektur
  • Sens (Yonne), Kathedrale Saint-Étienne, 1140–1168
  • Laon (Aisne), Kathedrale Notre-Dame, um 1160–1210
  • Noyon (Oise), Kathedrale Notre-Dame, um 1150
  • Soissons (Aisne), Kathedrale Saint-Gervais et Protais, um 1180/90
  • Paris, Notre-Dame, 1163–1182 Chor / bis 1196 Langhaus / Querhaus nach 1225 Vergrößerung der Fenster
Von ~~ - cropped from File:Frankreich 12. Jh (ohne Süd).png, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=126089316

Beispiel für die Hochgotik in Frankreich

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden die Kathedralen von Chartres, Reims, Amiens (Langhaus) und Bourges, die der Hochgotik in Frankreich zugerechnet werden. Zu den Höhepunkten dieser Phase zählt der vollendete Umbau der Abteikirche von Saint-Denis (Langhaus), die königliche Pfalzkapelle Sainte-Chapelle in Paris, die Kathedrale von Troyes und die königliche Schlosskapelle Saint-Germain-en-Laye. Die tiefe Verankerung der Gotik in Frankreich zeigt sich in ihrem Weiterleben in der Nachgotik, die noch in der Renaissancezeit Bauten wie die Kathedrale von Orléan (ab 1601) oder Saint Eutache (1532–1649) hervorbrachte.

Kathedrale von Chartres                    1145 romanisch/1149 gotisch

Kathedrale von Reims                         1211-1275

Kathedrale von Amiens (Langhaus)   13. Jh. Hochgotik

Kathedrale von Bourges                     1195-1270

Saint-Denis- Umbau                           12./13. Jh.

Sainte Chapelle in Paris                       1244-1248

Kathedrale von Troyes                        ab 1208

Kathedrale von Amiens Von Jean-Pol GRANDMONT - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20453765
Von Karl Baedeker (Firm) - https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14759510006/Source book page: https://archive.org/stream/northernfranc00karl/northernfranc00karl#page/n86/mode/1up, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42713654

Regionale Differenzierung

Anders als in der Romanik bildeten sich innerhalb der gotischen Epoche nur geringfügige Unterschiede in den einzelnen Regionen Frankreichs heraus. Dies stand in engem Zusammenhang mit den politischen Einheitsbestrebungen der Kapetinger und dem sich von der Ile-de-France ausbreitenden Kathedralbauschema. Mit den wachsenden Herrschaftsansprüchen des Königshauses wurde auch die einheitliche Umsetzung des im königlichen Stammgebiet herausgebildeten Bauschemas im ganzen Land umgesetzt. Der gotische Sakralbau galt im 13. Jahrhundert als Zeugnis der königlichen Macht. In den nachfolgenden beiden Jahrhunderten erfuhr die Bedeutung dieses nationalen Kirchenbaus insofern eine Veränderung, als er nicht mehr die königliche Herrschaft, sondern das erstarkende Bürgertum den gotischen Kathedralbau für seine Zwecke in Anspruch nahm. Die großen Sakralgebäude wurden zum Wahrzeichen der Stadt, zum Versammlungsraum der Gemeinde, an dem sich der Bürgerstolz der Zünfte im Reichtum der Ausstattung zeigte.

Im beginnenden 13. Jahrhundert entbrannte zwischen den nordfranzösischen Städten ein Wettlauf um die größte Kathedrale. Doch die neue Technik stieß auch an ihre Grenzen. Der Mut aber auch Hochmut zeigten sich an der Mitte des 13. Jh. in Beauvais darin, dass man eine alles überra­genden Kirche schaffen wollte. 1204 hatte König Philipp II. die Normandie erobert. Die Grenze des Königreichs Frankreichs verschob sich bis an den Atlantik. Der Sieg über die Normannen machte aus der bis dahin strategisch wichtigen Grenzstadt Beauvais plötzlich eine friedvolle Enklave. Damit wurden die bischöflichen Mittel frei, die jahrelange Kriege an der Seite des französischen Königs gebunden hatten. Und so wollte man eine Kathedrale bauen, die alle anderen Kirchen in der Höhe übertrafen. 1247 begannen die Bauarbeiten, das Schiff erreichte eine Höhe von 48 m, das Dach war gedeckt, die Kirche eingeweiht. Doch im Jahr 1284 stürzten Teile des Chores ein. Erst nach einem halben Jahrhundert wurde der Chor wiederaufgebaut, die Struktur wurde durch zusätzliche Pfeiler verstärkt. Anschließend wurden die Bauarbeiten eingestellt.

Erst im 16. Jahrhundert, von 1500 bis 1548, wurde das Querschiff gebaut. 1573 fiel der zentrale – mit etwa 150 Meter Höhe vermutlich viel zu groß geplante – Turm in sich zusammen. Ein Hauptschiff wurde nie errichtet. Zu dieser Zeit war die Gotik nicht mehr modern, auch war kein Geld mehr vorhanden.

Gotische Kathedralen auf der Via Podiensis

Le Puy -en-Velay        Cathédrale du Puy                  ab 12.Jh.

Cahors                            Cathédrale St. Etienne           1080 – 1135

Aire-sur-l´Adour        Cathédrale St.-Jean-Baptiste 11./12.Jh.          (Konkathedrale)

Fréjus                              Cathédrale Saint Léonce         12./13.Jh.          (Konkathedrale)

Condom                         Cathédrale Saint-Pierre         14.-16.Jh.           (ehemalige Kathedrale)

Eauze                              Ancienne C. St. Lupercus       2. Hälfte 15. Jh  (ehemalige Kathedrale)

Lectoure                         Ancienne C. St. Gervais          um 1325             (ehemalige Kathedrale)

Gotische Kathedralen auf der Via Tolosana und dem Camino Aragonés

Auch                           Cathédrale  St. Marie d´Auch   1489

Toulouse                    Cathédrale  St. Étiennne           1272                   (Typ Pilgerkirche)

Arles                            Cathédrale  St. Trophime         12.-15.Jh.          (ehemalige Kathedrale)

Oloron -St. Marie    Cathédrale  St. Marie                 12.-14. Jh.         (ehemalige Kathedrale)

Pamplona                   Catedral       St. Maria la Real   1392

Eine Kathedrale oder Kathedralkirche, auch Bischofskirche, ist eine Kirche, in der ein Bischof residiert und die die Kathedra als dessen Sitz enthält. Ehemalige Kathedralen sind also heute keine Bischofssitze mehr, bestehen aber zum Teil noch als Stadtkirchen. Erläuterungen zu den einzelnen Kathedralen an den Jakobswegen findest du in den Kapiteln zu den jeweiligen Städten.

Zahl der gotischen Kathedralen in Frankreich

Nach Wikipedia bestehen in Frankreich heute noch 96 Kathedralen, von denen mindestens 60 zur Zeit der Gotik entstanden sind, von den 12 Konkathedralen sind es 9 und von den 76 ehemaligen Kathedralen sind es 54. Das verdeutlicht, welche besondere Bedeutung die Gotik in diesem Land hatte und hat, sind doch die Kathedralen immer wieder aufs Neue bewundernswerte Bauwerke und immer eine Reise wert.am

Stilistische Merkmale der Gotik

Was genau verbirgt sich aber nun hinter diesem in der Geschichte so kontrovers betrachteten Begriff der Gotik?

Das Streben nach Höhe ist kennzeichnend für die gotische Architektur. Ebenso wie das Auflösen der massiven Wand, um Platz für große Fensterflächen zu schaffen, die den Kirchenraum erstrahlen lassen. Dazu wurden bestimmte bauliche Elemente – wie das Kreuzrippengewölbe, der Spitzbogen und das Strebewerk – verwandt, um diese Idee des himmlischen Jerusalem zu symbolisieren. Es sollten Räume von großer Höhe aus Licht und Farbe geschaffen werden. Durch das unten beschriebene neue Konstruktionssystem ergeben sich eine Betonung der Vertikalen sowie die Auflösung der Wandflächen, die durch große, farbige Fensterflächen gefüllt werden.

Kreuzrippengewölbe

Kreuzgratgewölbe gab es schon vor der Gotik in römischer Zeit oder im angelsächsischen Raum. Das Kreuzgratgewölbe – das typisch für die Romanik ist – war der Vorläufer des gotischen Kreuzrippengewölbes. Die Konstruktion entsteht durch die Durchdringung von zwei, im rechten Winkel, zu einander stehenden Tonnen von gleicher Höhe. Dadurch entstehen gekrümmten Schnittfläche, auch Grate genannt, die dem Gewölbe auch den Namen Kreuzgratgewölbe geben. Die Bautechnik kann nur durch die römische Technik des Mörtelgusses oder bei sehr kleinen Räumen verwendet werden, da ihr statische Grenzen gesetzt sind.

Demgegenüber werden beim Kreuzrippengewölbe die Grate durch die Rippen unterstützt. Die Neuerung bestand darin, dass beim Gewölbe mit einem viereckigen Grundriss zwei Rundbögen kreuzförmig über die beiden Diagonalen gestellt wurden, zumeist mit einem dekorativen Schlussstein an der Kreuzung. Dadurch war die Stabilität des Gewölbes verbessert, und die Gewölbeschalen konnten dünner und damit leichter sein. Die Gurt- und Schildbögen über den vier Außenseiten wurden spitz nach oben gebaut und konnten so die gleiche Höhe wie die beiden längeren und höheren Rundbögen über den Diagonalen erhalten. Mit Einführung des Spitzbogens erfuhr das Kreuzrippengewölbe eine Steigerung der Gestaltungsvielfalt. Außerdem wurden im Laufe der Jahrhunderte reichere Gewölbekonstruktionen entwickelt wie das Netz-, Stern- und Schlinggewölbe.

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-k/kreuzrippengewoelbe.php

Spitzbogen

Der Spitzbogen gilt als ein zentrales Element der gotischen Baukunst, die deswegen früher auch als „Spitzbogenstil“ bezeichnet wurde. Spitzbögen sind zwar als Einzelelement bereits aus der Romanik bekannt, dort herrschte jedoch noch die Verwendung von Rundbögen vor. Der Spitzbogen ist konstruktiv eine Annäherung an die Bogenform, die dem günstigen statischen Kräfteverlauf einer Parabel entspricht. Spitzbögen bestimmen das Erscheinungsbild gotischer Bauten und finden sich praktisch durchgängig im Querschnitt aller Gewölbe, in der Form der Fenster- und Portalgewände sowie im Maßwerk. Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden (s.u.).

Strebewerk

Das Strebewerk ist ein weiteres zentrales konstruktives und gestalterisches Element der höher werdenden Kirchenbauten. Es ist ein statisches System, das sich in Strebepfeiler und Strebebogen unterteilen lässt und zur Lastabtragung der Kräfte beiträgt. Es dient bei einer Basilika dazu, den seitlichen Gewölbeschub und die Windlast von Mittelschiff und Hochchor aufzufangen. Die Stabilität der Strebepfeiler wird durch Auflasten erhöht, die als Zierelemente wie Fialen (schlanke, spitz zulaufende, flankierende Türmchen) gestaltet sein können. In das Strebewerk wurden auch die Abläufe für Regen- und Schmelzwasser integriert, das über Wasserspeier im Bogen vom Gebäude wegschießt und so von Mauerwerk und Fundamenten ferngehalten wurde. 

Die Schubkraft aus den Gewölben drückt schräg gegen die Hochschiffspfeiler, die ohne den Gegendruck der Strebebögen, einstürzen würden. Das Entgegenwirken der beiden diagonal verlaufenden Kräfte hebt ihre Kraftrichtungen auf, sodass der resultierende Kräfteverlauf vertikal im Pfeilerkern gehalten werden kann. Dies ermöglicht es die Pfeiler trotz der enormen Höhen so schlank auszugestalten. 

Der Strebebogen dient somit dem Weiterleiten des Gewölbe- und Winddrucks, letzterer nimmt aufgrund der ansteigenden Windgeschwindigkeit mit der Höhe zu. Der Kräfteverlauf aus beiden Faktoren entspricht einer Parabelkurve, die bei Windstille steil ist, jedoch bei Windeinwirkung flacher wird. Dann sind zwei Strebebögen notwendig, um den auftretenden Horizontalschub widerstehen zu können. Der untere Strebebogen, der in Höhe des Obergadens ansetzt, leitet überwiegend den Gewölbeschub weiter. Der obere, der an der Traufe beginnt, ist wegen des Winddrucks angebracht worden.

Während das Strebewerk in der Frühzeit der Gotik vor allem statische Funktion hatte und nach innen verlagert war, entwickelte es sich später zu einem wichtigen baukünstlerischen Element und wird deutlich hervorgehoben und von außen sichtbar. Die Strebebögen werden ab 1160 bei Chören (Saint Germain des Pres in Paris) und ab 1180 beim Langhaus (Notre Dame in Paris) frei sichtbar oberhalb der Dachflächen angesetzt.

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-s/strebewerk.php
http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-s/strebewerk.php

Auflösung der Wand

Bei der Gotik ermöglichten nun die leichtere Bauweise durch Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe, Strebewerk und Strebepfeiler eine Verlagerung der tragenden Elemente in den Außenbau, eine starke Reduzierung der Mauerstärken sowie eine weitgehende Durchbrechung der Wände durch Fenster. Die statische Funktion der Bauglieder wird im Innenraum bewusst überspielt, um eine Illusion von Leichtigkeit und Schwerelosigkeit der Architektur zu schaffen. Im Innenraum wird über den Arkaden zu den Seitenschiffen und zum Chorumgang hin ein als Triforium bezeichneter Laufgang in die Wand eingelassen. In die Außenwand wurde eine Vielzahl großflächiger Fenster eingelassen, die das Gebäude leicht und lichtdurchflutet erscheinen lassen. In der Hochgotik wird schließlich auch noch die Rückwand des Triforiums durchfenstert, sodass die Wand vollständig durchbrochen erscheint. Dennoch ist praktisch jedes Element eines gotischen Baukörpers tragend. Die Baumeister der Gotik schufen neue Konstruktionen durch evolutionäre Weiterentwicklung nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“. Deswegen stürzten einige Bauten schon während der Bauphase ein (z.B. die Kathedrale von Beauvais) oder mussten nachträglich aufgrund auftretender Risse mit weiteren kraftableitenden Elementen verstärkt werden. Es entsprach aber – wie oben erläutert – ganz dem damaligen Denken des technischen Empirismus, der auch Fehlschläge mit einkalkulierte.

Das Maßwerk und die Fenster

Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden. Das Maßwerk besteht aus geometrischen Mustern, die als Steinprofile umgesetzt werden, wobei der Stein komplett durchbrochen (skelettiert) wird. Das Maßwerk ist ein Element der gotischen Architektur und ist eines der wichtigsten Merkmale der Hoch- und Spätgotik, wo es ein unabdingbarer Bestandteil der Fenster war. Diese Fenster aus Buntglas stellen abstrakte Bilder dar oder Szenen aus dem biblischen Leben.

In der bildenden Kunst bezeichnet der Begriff „Buntglas“ gewöhnlich Glas, dem bei der Herstellung lichtdurchlässige Farbe hinzugefügt wurde: ein Verfahren, das seinen Höhepunkt in der gotischen Architektur erreichte, in den malerischen erzählenden Fenstern der großen christlichen Kathedralen. Die Kunstfertigkeit der Glasmaler, die solche mittelalterlichen Meisterwerke wie die Fensterrose an der Westfassade der Kathedrale von Chartres schufen, ist in der Tat selten und außergewöhnlich.

Der Künstler (in der Praxis eine Gruppe von Künstlern) überwachte nicht nur den gesamten Produktionsprozess, um die Unversehrtheit und die richtige Pigmentierung des Glases zu gewährleisten, sondern war auch für die Gestaltung, die Komposition und die Effekte der Glasmalerei verantwortlich. Er begann in der Regel mit einer Reihe von Kohleskizzen oder Skizzen) des gewünschten Bildes. Daraus wurde eine Reihe von Entwurfsplänen in Originalgröße erstellt, die in der Regel direkt auf die Oberfläche aufgetragen wurden, die zum Schneiden, Malen und Zusammensetzen des Glasmosaiks verwendet wurde. Besonderes Augenmerk wurde auf die genauen Details und die Farbgebung der in der Glasmalerei dargestellten Bilderzählung gelegt. Es konnte sich dabei um die Darstellung einer biblischen Episode aus dem Alten oder Neuen Testament handeln, um das Leben von Propheten oder Heiligen, um ein Ereignis aus dem Leben Christi oder der Heiligen Familie.

Gewöhnlich wurden auch zusätzliche Symbole oder Motive eingefügt, die die Person oder die Zunft identifizierten, die für das Fenster bezahlt hatte. All dies erforderte eine sorgfältige Vorplanung, bevor der Produktionsprozess begann.

Um die optimale Farbgestaltung eines Glasfensters zu gewährleisten, musste der Künstler außerdem den Winkel, die Menge und die Intensität des einfallenden Lichts beurteilen. Helles Licht erfordert zum Beispiel hellere und dunklere Farben. Dies musste mit der Notwendigkeit eines Farbkontrasts sowie mit der Notwendigkeit, je nach Tages- und Jahreszeit unterschiedliche Lichtverhältnisse zu schaffen, in Einklang gebracht werden. Kurz gesagt, die Kunst der Glasmalerei umfasste architektonisches Design, Glasherstellung, Farbchemie, Cloisonné -Emaille und ein Dutzend anderer Künste und Handwerke.

Von Photo by PtrQs, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54491069 Rosette Nord von Chartres
Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=321662
Saint Chapelle oberer Teil Von Didier B (Sam67fr) - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1109265

Skulpturen in der Gotik

Die Skulpturen wurden zunächst für Kathedralen gefertigt und dort entweder innen oder außen an den Mauern der Kathedrale angebracht. Die gotische Plastik entsteht zunächst aus dem Wunsch heraus, die Fassaden der Kathedralen mit Standbildern, Reliefs und Figuren zu schmücken, die die Heilsgeschichte symbolisieren. Daher wurden gotische Skulpturen mit den hinter ihnen befindlichen Wandteilen aus einem Stück Stein gehauen. Dennoch wirken sie unabhängig von der Architektur, weil sie nahezu voll rund gearbeitet sind. Ein Ensemble aus Tympanon, Bogenfries, Säulen, Statuen und Fundamentverkleidung macht das historische gotische Portal aus. Unter den eingemeißelten Themen finden wir neben der Apokalypse und dem Jüngsten Gericht auch Szenen aus dem Alten Testament, die typologisch mit denen des Neuen Testaments korrespondieren. 

So unmittelbar an die Architektur gebunden stehen die säulenhaften Figuren mit starrem Blick immer im Bezug zum Wandhintergrund, benötigen eine Konsole, auf der sie stehen und einen Baldachin über dem Kopf. Die Figuren wurden zunehmend individualisiert, das heißt, sie bekamen eine eigene Gestik und Mimik, sowie eine eigene Körperhaltung. Die Skulpturen in der Romanik haben keinen Schwung in sich, was bei den Skulpturen in der Gotik anders ist, denn sie haben eine bewegte Darstellung. Mit einer ungezwungenen Eleganz und mit einem weich fließenden Gewand wird die Haltung der Personen in einer leichten S-Kurve dargestellt, was man auch als S-Schwung bezeichnet. Auch an der Kleidung der Skulpturen wurde gearbeitet, denn sie bekamen einen ausgeprägten Faltenwurf, der die gesamte Skulptur lebendiger aussehen ließ. Noch dazu wurden den Skulpturen mehr Details verliehen, sodass sie insgesamt näher an der Realität sind als die Skulpturen der Romanik. Zunächst waren die Skulpturen noch relativ statisch. Doch in der zweiten Hälfe des 14. Jhs. regte ein neuer Realitätssinn dazu an, weitere Gestaltungsmerkmale zu verwenden. 

Westliche Portalanlage von Chartres Von Rolf Kranz - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85693799
Gewände des Mittelportals der Westfassade der Kathedrale von Reims Von Szeder László - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3734097

Auch auf dem Gebiet der Plastik war zunächst Frankreich führend. Berühmte Beispiele sind die West- und Querhausportalfiguren von Chartres – um 1145 – sowie die Figuren der Kathedralen in Reims, Paris und Amiens. Im 13. Jahrhundert zur Stauferzeit schufen auch die deutschen Künstler Meisterwerke der gotischen Plastik.

Allein die 33 lebensgroßen und 200 kleinen Figuren auf einer vergleichsweise kleinen Fläche an den drei großen Westportalen der Kathedrale von Reims zeugen von einer bewundernswerten Kreativität und einem großen handwerklichen Können. Die Säulenstatuen an den drei Westportalen der Kathedrale von Chartres gehören wohl zu den berühmtesten Werken der gotischen Bildhauerei überhaupt. Die Steinmetze in Chartres kleideten die Dargestellten in reiche höfische Gewänder des 12. Jhs., wodurch sie ein neues Verhältnis zum Menschen und zur Natur offenbaren. Sie machten harten Stein geschmeidig.

Und wenn man bedenkt, dass man solch wunderbare Sammlungen gotischer Skulpturen auf hunderten von ähnlichen Kirchen findet, so kann man nur die außergewöhnliche Produktivität der Steinmetze des 13. Und 14. Jhs. bewundern. Viele Leistungen der Künstler in Frankreich, Spanien, England und im Heiligen römischen Reich deutscher Nation bleiben dennoch die Schöpfungen anonymer Kunstschaffender

Die neue Form der Bauhütten

Von besonderer Bedeutung für die Gotik war die Ausbildung von Bauhütten seit dem 13. Jahrhundert, ein Verband aller an einem großen Kirchenbau beteiligten Steinmetzen, Handwerkern und Bauleuten, die unabhängig von der städtischen Zunftordnung und mit einer eigenen strengen Ordnung arbeiteten. Vor allem waren sie an die „Arkandisziplin“ gebunden. Das Arkanprinzip (von lateinisch arcanum – „Geheimnis“) ist der Grundsatz, Informationen nur einem Kreis von Eingeweihten – hier den Mitgliedern der Bauhütte – zugänglich zu machen. Waren bisher überwiegend Mönche oder Priester in die Geheimnisse der Baukunst eingeweiht, so verlagerte sich das Wissen nun zu profanen Baumeistern (sie zeichneten die Pläne – allerdings nicht maßstabgetreu), sowie Steinmetzen, Malern und Bildhauern. Und eben alle diese weltlichen Handwerker, die am Bau eines Gotteshauses beschäftigt waren, schlossen sich zu einer Bauhütte zusammen. Aus dem Zusammenwirken in einer Bauhütte lässt sich u.a. der einheitliche Eindruck gotischen Kathedralen erklären.

Die Leiter der Bauausführung hießen oft Werkmeister (wercmeistere) oder Baumeister; sie gingen zumeist aus dem Steinmetzhandwerk hervor und waren die mittelalterlichen Architekten. Auch Bezeichnungen wie magister operis kamen vor. Bei der Ausführung hatten der Steinmetzmeister (magister lapicidae) und der Maurermeister (magister caementari) sowie der Sculptor  (Bildhauer) Bedeutung. Die Meister der Bauausführung wechselten bei jedem Bauwerk häufiger, schon auf Grund der langen Bauzeiten.

Die Baumeister waren im Grunde die mittelalterlichen Architekten und eigentlichen Schöpfer der Baukunst. Das neue Verständnis und das neue Selbstbewusstsein der Baumeister zeigten sich auch darin, dass erstmals Baumeister und Künstler namentlich hervortraten. Kennen wir aus der Zeit der Romanik kaum einen Namen, so besaßen in der Gotik zahlreiche Baumeister einen besonderen Ruf und wurden gezielt mit der Errichtung von Kathedralen beauftragt.

Einige bekannte Grössen waren:

  • Meister Gerhard, Meister Arnold, Johannes von Köln, Meister Michael, Andreas von Everdingen, Nikolaus van Bueren und Konrad Kuene van der Hallen für den Kölner Dom
  • Wilhelm von Sens für die Kathedrale von Canterbury und von Sens
  • Michael Knab, Wenzel Parler, Hans Puchsbaum, Anton Pilgram und Jörg Öchsl für den Stephansdom in Wien
  • Baumeisterfamilie Parler, die gleich mehrere bekannte Kathedralen mitgestalteten, so das Basler, FreiburgerGmünder, Straßburger und Ulmer Münster sowie den Veitsdom in Prag
  • Werkmeister Guerin von der Kathedrale von St, Denis (13. Jh.), der wohl ersten gotischen Kathedrale
  • Werkmeister Hugues Liebergier (1229–1263) von der Abteikirche St.-Nicaise von Reimes
  • Werkmeister Pierre de Montreuil (um 1250) von der Kathedrale Notre-Dame de Paris
  • Juan Guas für die Kathedralen von Avila und Segovia
  • „Meister Enrique“ von Narbonne (Südfrankreich) für die Kathedralen von Léon und Burgos
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Moissac – nicht nur eine Hochburg der romanischen Kunst

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Camino Podiensis

Geschichte der Abtei und Stadt

Moissac die Stadt am Zusammenfluss von Tarn und Garonne entwickelte sich um die Benediktinerabtei St Pierre und ist eine der bedeutendsten Stationen auf dem Camino Podiensis. Mit über 13.000 Einwohnern ist Moissac die zweitgrößte Stadt im Département Tarn-et-Garonne.

Eine erste Gründung der Abtei Sankt Peter soll es um das Jahr 500 durch den Merowinger -König Chlodwig gegeben haben. Dies konnte aber durch die Wissenschaft nicht belegt werden. Erst in der Mitte des 7. Jahrhunderts ist die erste Gründung durch den heiligen Didier (den Bischof von Cahors) belegt. Sie fand während der Eroberungszüge der Araber und Normannen statt. Im 11. Jh. stand die Abtei kurz vor dem Ruin. 1030 stürzte das Dach ein und 12 Jahre später wurde die Abtei durch den Vizegrafen niedergebrannt, dem das Kloster als weltlicher Abt unterstellt war. Dies führte aber zu einer Gegenreaktion. Das Kloster wurde dem Kloster von Cluny, der mächtigsten Abtei im Abendland, unterstellt. Da Cluny direkt dem Papst unterstellt war, hatte die Abtei in Moissac Immunität gegenüber den weltlichen Mächten und erhielt sein Vermögen und seine Ländereien zurück. 1047 wird Durandus von Cluny als Abt in Moissac eingesetzt. Wenig später wurde er auch Bischof von Toulouse. Er nimmt den Wiederaufbau der Abteikirche in Angriff. Im Jahre 1063 wurde die neue Kirche prunkvoll eröffnet. 1100 wird durch den Abt Ansquitil der Kreuzgang fertiggestellt, dessen Skulpturen auf Kapitellen und Pfeilern einen der Höhepunkte der romanischen Kunst darstellen. Mit dem Aufschwung, den das Kloster nahm, entwickelte sich auch der Ort im Schatten der Abtei. Das goldene Zeitalter von Abtei und Stadt währte aber nur bis zum 14. Jh.

Der Hundertjährige Krieg, in dessen Verlauf Moissac zweimal von den Engländern besetzt wurde, setzte der Abtei schwer zu. Kurz nach der Belagerung und Einnahme der Stadt durch ein englisches Heer wurde die romanische Kirche 1188 bei einem Stadtbrand zerstört. Erst etwa hundert Jahre später begann der Wiederaufbau, nun in gotischem Stil und in Backstein, und dauerte in mehreren Bauphasen bis weit ins 15. Jahrhundert. Auch die Hugenottenkriege belasteten Abtei und Stadt schwer. Während der Französischen Revolution werden 1792 die Archive und Kunstschätze des Klosters geplündert oder zerstört. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entgeht die Abtei nur knapp der völligen Zerstörung, denn Kreuzgang und Konvent sollen dem Bau der Bahnlinie Bordeaux – Sète weichen. Einer Initiative des Denkmalschutzes ist es zu verdanken, dass die Pläne nicht ausgeführt wurden.

Die ersten Einwohner waren Fischer, später wurde die Stadt jedoch zu einem wichtigen Hafen für die Verschiffung von Maismehl nach Bordeaux. Die Moulin de Moissac (s.auch unten) beschäftigte einst etwa zwei Drittel der Stadtbevölkerung. Mit der Einführung der Eisenbahn und dem anschließenden Zusammenbruch des Flusshandels schrumpfte jedoch die Bevölkerung der Stadt. Heute ist die Stadt ein Touristenmagnet und eine der wichtigsten Stationen auf dem Camino Podiensis.

Von Abxbay - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16183027

Die Abteikirche St. Pierre

Nach dem Anschluss an Cluny begann die Errichtung der neuen Kirche (Moissac I) 1063, die Mitte des 12 Jh.s umgewandelt wurde (Moissac II). Der Bau wurde zu Beginn des 13. Jh.s niedergebrannt. Wie durch ein Wunder überlebte das Portal die Feuersbrunst. Erst nach Ende des Hundertjährigen Krieges entstand die Abteikirche aufs Neue, diesmal in Gestalt eines Saalraums mit gotischem Kreuzrippengewölbe (Moissac III). Der Raum ist nicht besonders attraktiv, die Architektur von Moissac spielt deshalb keine Rolle. Nach dem herrlichen romanischen Portal ist das Kircheninnere eher eine Enttäuschung. Daher richtet sich das Augenmerk voll und ganz auf das Portal (1110-1131) und den Kreuzgang (1059-1131) mit ihren herrlichen romanischen Skulpturen, die zu den europäischen Meisterwerken ihrer Zeit zählen (s. auch das Kapitel „Französische Romanik“).

Das Portal

Das Portal ist mit zahlreichen Reliefszenen geschmückt und gilt daher als bedeutendstes Zeugnis romanischer Bildhauerkunst in Südwestfrankreich. Das berühmte Stufenportal öffnet sich zur Südseite in einer tiefen Vorhalle. Es erscheint als eigener, der Kirche zugewandter Baukörper.

Das Tympanon wird auf 1120/30 datiert und ist damit eines der ältesten figürlichen Tympana überhaupt. Getragen wird es von dem Trumeaupfeiler in der Mitte des Eingangs. An den Seitenwänden der Portalvorhalle befinden sich weitere Relieffiguren. Die Portalanlage gehört mit denjenigen von Beaulieu-sur-Dordogne, Conques, Vezelay und Autun zu den Meisterwerken der romanischen Bildhauerei in Frankreich.

In der Mitte des Bogenfeldes dominiert Christus. Ihn umgeben die vier Evangelistensymbole und zwei schlanke Engelsgestalten, über dem Haupt Christi erkennt man die Andeutung einer Mandorla (Aura um die ganze Figur). Den übrigen Raum nehmen, im Bedeutungsmaßstab verkleinert und in drei Registern übereinander angeordnet, die 24 Ältesten der Apokalypse ein. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem Thema der Wiederkunft Christi auf Erden. Das Wellenband zu Füßen Christi deuten die Wogen des Gläsernen Meeres an. Der seltsame, aus Bestienmäulern wachsende Mäander am Rand des Bogenfeldes wird als Fessel des Höllenhundes Cerberus gedeutet. Unterfangen wird das Tympanon vom Türsturz mit Blütenrosetten. Sie werden als „Feuerräder“ gedeutet, die das höllische Feuer der Apokalypse symbolisierten oder in ihrer Rotation ein Sinnbild der ewigen göttlichen Kraft seien. Für die Sündhaftigkeit der irdischen Welt stehen die zahllosen Tiere, die zu Seiten des Portals in mehreren Zügen emporkriechen.

Wie vor der Wand schwebend erscheinen neben den beiden Türöffnungen Reliefstatuen Petrus und Jesaja. Ein Meisterwerk für sich ist der an allen vier Seiten skulptierte Trumeau (Pfeiler in der Türöffnung).

Auf die Nennung der einzelnen Bildinhalte wird hier nur teilweise eingegangen. Abgesehen von der theologischen Aussage legt dieses Portal eindringlich Zeugnis ab vom Gottesverständnis des 12. Jh.s.  Selbst eine genauere Darstellung kann für uns nur einen Teil des tiefen Symbolgehalts anreißen.

Es gibt einen Spruch, der besagt , »Qui n’a pas vu le portail de Moissac, celui-là n’a rien vu!« Der nicht das Portal von Moissac gesehen hat, der hat nicht gesehen.

Von Membeth - Own photography by Membeth; originally from de.wikipedia; description page is/was here.(Originaltext: selbst photographiert), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2303705
Von 13okouran - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62172528

Der Kreuzgang

Der Kreuzgang nimmt einen ähnlich hohen Stellenwert in der mittelalterlichen Kunst ein wie das Portal. Das Jahr 1100 als Zeitpunkt der Fertigstellung kann aufgrund einer Gravierung in einem Mittelpfeiler genau angegeben werden. Daraus ergibt sich, dass Moissac mit seinen 76 Arkaden nicht nur den größten, sondern auch den ältesten mit skulptierten Kapitellen geschmückte Kreuzgang besitzt. Mit seinen zehn Marmorreliefs an den Eckpfeilern und seinen ehemals 88 Kapitellen ist er nicht nur einer der umfassendsten, ältesten und schönsten in Frankreich, sondern zugleich der größte und am reichsten ausgestattete Kreuzgang der gesamten Romanik.

76 Kapitelle schmücken die Säulen bzw. Doppelsäulen, die wechselweise zur Stütze der 20 Arkaden angeordnet sind. Die Kapitelle der Säulen zeigen eine umfangreiche Sammlung von Szenen und Figuren des Alten und des Neuen Testaments sowie den Taten und Leiden der Heiligen. Wie nachgewiesene Farbspuren zeigen, waren zumindest teilweise farbig gefasst.

Die Forschung hat nicht weniger als sechs verschiedene Künstler identifiziert, die möglicherweise im Zentrum in Toulouse tätig waren. Auf eine eingehende Würdigung jedes einzelnen Kapitells wird hier verzichtet, aber man sollte sich Zeit lassen, um dieses Meisterwerk in seiner Schönheit zu betrachten und zu würdigen.

Es stimmt schon, was Nooteboom sagt, nämlich dass aus diesem Lehrstück für die damalige Bevölkerung ein Kunstwerk für uns geworden ist, dessen tiefere Bedeutung uns verborgen bleibt. Aber dieser „genie de lieu“, das Eigene und Besondere dieser Orte, fängt auch uns bei der Betrachtung ein und hinterlässt bei jedem von uns – gerade vielleicht auch als Pilger – tiefergehende Emotionen.

Von Abxbay - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16183027
Kreuzgang von Moissac Abtei Saint-Pierre
Von Abxbay - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16183027

Moissac und sein Art Déco Viertel

Moissac hat neben der Abtei aber noch weitere Sehenswürdigkeiten. Die Stadt verblüfft mit einer der höchsten Konzentrationen an Art Déco-Gebäuden in ganz Südwestfrankreich! Grund hierfür ist jedoch ein Drama: 1930 zerstörte eine Überschwemmung des Flusses Tarn einen Teil des Stadtzentrums von Moissac, forderte 120 Todesopfer und machte Tausende von Menschen obdachlos. Der Wiederaufbau begann mit einem Dutzend Architekten aus Toulouse, inspiriert vom Stil ihrer Zeit, dem Art Déco: geometrische Formen, klar definierte Winkel, kühne Öffnungen, Eisenarbeiten, Wandfresken. Vom Viertel Sainte-Blanche bis zum Rand des Tarn findet man im Art Déco-Stil u.a. den kuriosen Pavillon de l’Uvarium mit einem bunten Freskengewölbe, die Konzerthalle der Stadt, ein Geschenk der Stadt Paris namens Hall de Paris und weitere schöne Gebäude.

 

Hafenflair – der Kanalhafen und die Kanalbrücke

Die Stadt Moissac liegt am rechten Ufer der Tarn und wird darüber hinaus vom Garonne-Seitenkanal, den Verlängerungen des Canal du Midi, erschlossen. Etwa 1,5 km flussaufwärts vom Jachthafen überquert der Garonne-Kanal den Tarn über die majestätische 365 Meter lange Kanalbrücke „Pont Canal du Cacor“. Diese um 1845 erbaute Kanalbrücke stellt durch ihre Dimensionen, die Klarheit ihrer Linien, die harmonische Verwendung des Steins von Quercy und des „Ziegels von Toulouse“ ein wichtiges architektonisches Element der Region dar. Der „Canal latéral à la Garonne“ bildet zusammen mit dem Canal du Midi einen Wasserweg vom Atlantik (Bordeaux) ins Mittelmeer (Sète). Der Garonne-Seitenkanal hat heute für die Binnenschifffahrt keine Bedeutung mehr, wird aber als touristische Wasserstraße genutzt.

 

www.tourisme-tarnetgaronne.fr/en/offers/le-pont-canal-moissac-en-3227650/

Moissac – Zufluchtsort für Hunderte jüdische Kinder im 2. Weltkrieg

Entlang des Flusses befindet sich auch ein Hotel in der „Le Moulin de Moissac“ mit einer reichen Geschichte. Die Mühle wurde 1474, kurz nach dem Ende des 100-jährigen Krieges, auf den Ruinen einer anderen Mühle errichtet, die kurz zuvor niedergebrannt war. Im Laufe mehrerer Jahrhunderte entwickelte sich die Mühle zur größten im Südwesten Frankreichs und ihr Mehl galt als ausgezeichnet. Sie war der größte Arbeitgeber der Stadt. Doch im Ersten Weltkrieg brannte die Mühle und das Gelände wurde aufgegeben. In den Goldenen Zwanzigern wurde die Mühle zu einem Luxushotel gestaltet, das jedoch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs geschlossen wurde.

Danach stößt man auf ein Stück Geschichte, das einen sehr bewegt: 

Hier in Moissac fanden im Zweiten Weltkrieg Hunderte von jüdischen Kindern Zuflucht. Die Stadt und ihre Menschen boten diesen Kindern während des Krieges einen Zufluchtsort. Hier waren Kinder untergebracht, deren Eltern bereits deportiert waren oder die ihre Kinder in die Hände von sozialen Einrichtungen gaben, um sie zu retten. Sie wussten nie, ob sie sich wiedersehen!

Das von den jüdischen Pfadfindern (Éclaireurs Israélites de France, EIF) in der Mühle eröffnete große Kinderheim gewann sehr bald doppelte Bedeutung: als Heimstatt für Hunderte von bedrohten jüdischen Kindern und als einer der lokalen organisatorischen Knotenpunkte der jüdischen Résistance. Anfang Juni 1940, wenige Tage vor der Besetzung von Paris, verlegte der Generalsekretär der jüdischen Pfadfinder, Simon Lévitte, das Generalsekretariat der EIF nach Moissac. Im Spätherbst 1940 begannen Simon Lévitte und seine Frau Denise dort mit dem Aufbau eines geheimen jüdischen Dokumentationszentrums, und bald wurden in Moissac auch gefälschte Papiere für die Flüchtlinge hergestellt. Denn seit dem Judenstatut vom Oktober 1940 verschärften sich die Maßnahmen der Verfolgung in atemberaubendem Tempo.

Im August 1942 war, wie viele andere, auch das Heim in Moissac von einer Razzia betroffen. Zwar erfuhr die Heimleitung rechtzeitig davon und konnte die gesamte Bewohnerschaft für einige Tage nach Bourganeuf im Department Creuse evakuieren. Aber von diesem Zeitpunkt an standen auch in Moissac die Zeichen auf Auflösung der Heime. Die Kinder mussten verteilt werden. Die Pfadfinderorganisation brachte die jüdischen Kinder und Jugendliche dann illegal in nichtjüdischen Kinderheimen oder bei nichtjüdischen Familien in Moissac und in der Umgebung unter, die bereit waren, sie aufzunehmen.

Da diese Kinder zum Teil Schwierigkeiten hatten, sich in den katholischen Familien zurecht zu finden, und oft einen fremden Akzent sprachen, barg ihr Aufenthalt große Risiken. Deshalb wurde beiderseits der französisch-schweizerischen Grenze eine Fluchthilfe organisiert. Kleine Gruppen von Kindern wurden in nächtlichen Reisen durch Südfrankreich etappenweise über die Grenze in die Schweiz gebracht. Drei bis vier dieser heimlichen Kindertransporte gingen wöchentlich bis 1944 in Richtung Schweizer Grenze. In den Dokumentationen wird hier immer wieder der Name Marianne Cohn erwähnt.  Sie lebte zeitweise in Moissac und begleitete u.a. viele der Kindertransporte. Als sie am 31. Mai 1944 die 28 Kinder ihres letzten Konvois übernahm, hatte Marianne Cohn schon viele dieser in dichter Folge an die Schweizer Grenze gebrachten Transporte begleitet. Die Zahl der Kinder, denen sie das Leben gerettet hat, wird auf 200 geschätzt. Sie wurde verhaftet, gefoltert und kurze Zeit später im Alter vom 22 Jahren ermordet.

Die Esplanade des Justes entlang des Tarn wurde zu Ehren der Stadt und ihrer heldenhaften Bürger errichtet.

Die Mühle von Moissac ist nicht die einzige Zufluchsstätte in Frankreich, in der jüdische Kinder aufgenommen wurden. Ich möchte hier nur noch zwei Beispiele erinnern, an das traurige Schicksal der Kinder in Izieu, die ein halbes Jahr vor Kriegsende noch verraten, deportiert und in Auschwitz ermordet wurden und das von den jüdischen Jugendlichen in La Hille, die trotz des Schutzes des Roten Kreuzes verhaftet wurden, aber noch einmal gerettet wurden und auch heimlich in die Schweiz gebracht wurden. Viele dieser Hilfen wären aber ohne die anonyme Hilfe und Unterstützung der französischen Bevölkerung nicht möglich gewesen. Auch ihrer sollte man an in Dankbarkeit gedenken.

https://www.thelocalbuzzmag.com/the-quiet-appeal-of-moissac/

Exkurs

Die Schweizer Seite

Die „Oeuvre de Secours aux Enfants“ war eine jüdische Organisation, die im besetzten Frankreich jüdische Kinder, die deportiert werden sollten, versteckte. Als das immer gefährlicher wurde, schleuste sie die Kinder außer Landes, nach Spanien und hauptsächlich in die Schweiz. Dafür wurden Papiere gefälscht, typisch jüdische Namen ersetzt, das Alter der Kinder angepasst – Kinder unter 16 durften nicht zurückgeschickt werden.

Freiwillige Helfer brachten die Kinder in der Regel nach Annemasse, die letzte Bahnstation vor der Schweiz in der Nähe des Genfer Sees. Die kleine Stadt war bei Jugendgruppen als Fe­rien­ort beliebt, fremde Kinder fielen dort kaum auf. Für die letzte Strecke über die Grenze waren bezahlte Schlepper zuständig, Einheimische, die sich auskannten und vor dem Krieg vielleicht schon Waren geschmuggelt hatten. Die Preise lagen zwischen drei- und fünftausend Francs pro Kind. Das Risiko war groß: Nicht nur in Frankreich, auch in der Schweiz drohten Gefängnisstrafen. 1944 verstärkten die Deutschen die Grenzkontrollen, die Passagen wurden zu gefährlich.

Offiziell konnte und wollte man sich von Schweizer Seite auch der des Roten Kreuzes (SRK) nicht gegen die Anordnungen der deutschen und französischen Vichy-Regierung stellen, um die Neutralität der Schweiz nicht zu gefährden. Damit entstand eine Kluft zwischen den politischen Auffassungen, die am Sitz des SRK in Bern vertreten wurden, und der düsteren Realität, mit der die humanitären Helfer vor Ort konfrontiert waren. Die Ermahnung des Exekutivkomitees an die in Frankreich tätigen Mitarbeiter bringt die Unvereinbarkeit der beiden Positionen gut zum Ausdruck: “Die Gesetze und Dekrete der französischen Regierung sind genauestens zu befolgen. Sie haben nicht zu beurteilen, ob diese Ihren persönlichen Überzeugungen widersprechen……” Trotzdem leisteten einige MitarbeiterInnen weiterhin unter großen Risiken Fluchthilfe für die Kinder in die Schweiz und konnten so noch viele Kinder und Jugendliche vor dem sicheren Tod bewahren.

 

Die Chasselas-Traube aus Moissac

Bei der Traubensorte Chasselas de Moissac handelt es sich um eine frische Tafeltraube mit geschützter Ursprungsbezeichnung (AOP = Appellation d’Origine Protégée). Ihren Namen hat die Traube von ihrem Ursprungsort Moissac. Sie wird besonders für ihr süßes Aroma und die knackige Fruchtschale geschätzt und ist reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Da die Traube sehr robust ist und sich gut aufbewahren lässt, findet man sie von September bis Dezember im Handel.

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Die Baskenmütze – vielmehr als nur eine Kopfbedeckung

Die Baskenmütze – vielmehr als nur eine Kopfbedeckung

Camino del Norte, Camino Primitivo, Via Podiensis, Via Tolosana

Begriff

Die Baskenmütze ist eine traditionell aus Wolle gewalkte Mütze in der Art eines Baretts. Sie hat keinen Schirm und keine Krempe. Ihre Besonderheit ist die flache Form, die nach innen gebogene Kopföffnung und der ca. ein bis zwei Zentimeter lange Zipfel in der Mitte (baskisch txertena, ‚Schwänzchen‘), der beim Filzvorgang entsteht, und auch als Schlinge gearbeitet sein kann. In Frankreich nennt man sie bérets und in Spanien boinas, auf baskisch txapela (was eigentlich Hut heißt). Die Hirten waschen ihre Mütze nicht, sondern es heißt ausschütteln, abklopfen, aufsetzen nach dem Motto “la vie continue”!

Während die ursprüngliche Baskenmütze entweder marineblau oder rot war, ist sie heute in einer Vielzahl von Farben erhältlich. Man findet es beim Militär, bei Schülern und in den Kollektionen namhafter Designer. Schon früh drückte es aber auch eine Geisteshaltung seiner Träger aus.

Geschichte

Eine Art Baskenmütze wurde schon um das Jahr 1000 herum zuerst von Geistlichen als Schutz gegen Sonnen- und Mückenstiche getragen. Erst waren wie aus der Wolle der Schafe gestrickt. Seit dem Hochmittelalter gab es in Europa Walkmühlen, einfache Mühlen aus Holz, die die Wolle durch Druck zu Filz pressten. So wurde damals auch der Rohstoff für die Mützen hergestellt. 

So entwickelte sich wahrscheinlich um 1570/1580 aus dem in Euroüa verbreiteten Barett die Baskenmütze zur Kopfbedeckung der Bauern und Hirten in den Pyrenäen, insbesondere im Béarn. Von dort gelangte sie ins benachbarte Baskenland, wo vor allem blaue und schwarze Baskenmützen insbesondere von Fischern und Seeleuten getragen wurden. Quellen legen nahe, dass die Baskenmütze auf diese Weise seit dem 16. Jahrhundert im Baskenland weit verbreitet war. Deshalb schwelt im Südwesten seit Jahrhunderten die ewige Streitfrage, ob die wirklich bérets basques waren − oder etwa doch bérets béarnais.

Der Legende nach sprach Napoleon III. eher versehentlich das entscheidende Machtwort: Als er um 1855 nach den Baufortschritten an seinem Sommerpalast in Biarritz sah, staunte er laut über die „baskischen Hauben“ der arbeitenden Männer. Niemand wagte es, den Kaiser zu berichtigen und so war die ‚Baskenmütze‘ geboren.

Künstler und Kämpfer trugen Baskenmütze

Fest steht, dass die Baskenmütze im Frankreich des 19. und vor allem des frühen 20. Jahrhundert viel von Intellektuellen und Künstlern getragen wurde, darunter Rodin, Pablo Picasso, Monet, Cezanne, Ernest Hemingway, Richard Wagner und Heinrich Böll. Bevor dieser Hype unter Künstlern begann, fand man sie bereits auf Selbstporträts der holländischen Maler Vermeer und Rembrandt. Seit etwa 1927 ist sie immer wieder als modisch-sportliche Kopfbedeckung unabhängig vom Geschlecht in Gebrauch. So ließ sich etwa Marlene Dietrich in den 1930er Jahren häufig mit Baskenmütze ablichten,  Greta Gabor trug sie privat,  Lisa Fonssagrives war 1950 auf dem Cover der amerikanischen Vogue mit roter Baskenmütze und Baguette im Arm zu sehen. 1967 trug  Faye Dunaway als Bonnie im Film Bonnie und Clyde Baskenmütze. In der Mode wurde die Baskenmütze unter anderem von Louis Viutton und Sonia Rykiel neu interpretiert. Erst im 20. Jh. wurde die Baskenmütze in den angelsächsischen Ländern zu einem Symbol, das mit dem Image der Franzosen in Verbindung gebracht wird, obwohl sie eigentlich ein typisches Attribut des ganzen Baskenlandes ist.

Im Zweiten Weltkrieg war das Barett dann die Kopfbedeckung des französischen Widerstandes. Die Baskenmütze war eines der Symbole der Résistance. Aber auch die Gegner der Résistance, insbesondere die Miliz, trugen die Baskenmütze, allerdings auf eine andere, steifere Art und Weise. Später wurde die Baskenmütze zum Symbol verschiedener Widerstandsbewegungen und der Volksbefreiung. “Che” Guevara machte sie in den 60iger Jahren zu einem der Symbole der Revolution.

1975 bestellte aber auch die irakische Armee eine Million Baskenmützen. Die Mitglieder der ETA zeigten sich ebenfalls häufig mit Baskenmütze. Zudem bekommen im Baskenland traditionell die Sieger oder Siegerinnen von Wettbewerben eine Baskenmütze aufgesetzt und werden txapeldun genannt. Die Fans von Athletic Bilbao tragen häufig Baskenmützen als Teil ihrer Fankleidung. Man sieht, die Baskenmütze hat im Laufe der Geschichte die unterschiedlichsten Funktionen und Bedeutungen.

 

Das „béret basque“ hat damit das geschafft, was weltweit nur wenigen Kleidungsstücken gelingt:

Gleichzeitig ein Symbol für Widerstand und Revolution, Teil einer Uniform, ein modisches Statement und ein nationales Symbol zu sein!

Herstellung

Die Herstellung von Baskenmützen, die in Frankreich einst blühte, wurde von der Krise der Textilindustrie und der Konkurrenz aus Ländern mit niedrigen Arbeitskosten stark in Mitleidenschaft gezogen. Da die Baskenmütze zudem heute an Bedeutung verloren hat, gibt es nur noch wenige Fabriken, die die echten Baskenmützen herstellen. In dem kleinen Ort Oloron-Sainte-Marie sitzt die 1830 gegründete Firma Laulhère, der letzte große Baskenmützenproduzent Frankreichs. Laulhère ist übrigens eine Ableitung von ouélhé oder aoulhé, was im Béarnais „Hirte“ bedeutet. Es gibt auch kleine Manufakturen, wie Après La Pluie im Badeort Saint-Jean-de-Luz, die neben Laulhère die Mütze herstellen. Die einzige Fabrik, die im spanischen Baskenland noch existiert, ist die Firma Elosegui, die Boinas in Tolosa produziert.

Gut die Hälfte der gesamten Produktion geht in Frankreich an das Militär. Das Militär verzichtet aber auf typische “Schwänzchen”, in Frankreich cabillou genannt. Die 40 Mitarbeiter im spanischen Tolosa produzieren zur Hälfte für die autonome Polizei des Baskenlandes.

Die dortige ertzaintza wird nicht etwa mit eintönig schwarzen Filzmützen, sondern mit leuchtend roten boinas ausgestattet. Und weil das so gut aussieht, bekam sie im James Bond-Film »Die Welt ist nicht genug« (1999) einen dramatisch-farbenfrohen Auftritt für einige Sekunden.

Und wie trägt man nun die Baskenmütze?

Man kann sie tragen, wie es einem gefällt. Es gibt keine festen Vorgaben. Je nach Anlass, persönlicher  Stimmung, eigener Kopfform oder Modetrend kann man den Sitz der Mütze auf dem Kopf variieren. Viel Spaß beim Probieren!

Übrigens: die Baskenmützen sind der angesagteste Modetrend für 2022 – laut Influencer:innen und der Zeitschrift „Elle“ . Allerdings entsprechen diese Modeaccesscoirs nur noch in der Form ihren Wurzeln. Ansonsten kommen sie jetzt in ausgefallenen Ausführungen u.a. in Webpelz- oder Häkel-Optik und in leuchtenden Farben wie rosa und grün.

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Via Podiensis

Pays de Cocagne – Land des Pastel

Die Via Podiensis läuft von Figeac über Cahors, Moissac, Lectoure bis Condom entlang der Nordwestgrenze der Region Okzitanien.  In Frankreich ist das fruchtbare Dreieck zwischen Toulouse, Albi und Carcassonne auch unter dem Namen „Pays de Cocagne” bekannt.

Im 15. und 16. Jahrhundert wurden jährlich aus den Blättern dem rund einen Meter hohen Pastel oder auch Färberwaids, der im Frühling die Landschaft in ein gelbes Blütenmeer verwandelte, die begehrteste Farbe des Mittelalters gewonnen: Blau. Und damit war der Reichtum der Region begründet.

Wissen Sie, woher der Ausdruck “Pays de Cocagne” stammt? Er bedeutet in etwa “Land des Überflusses” oder „Schlaraffenland“. Als “cocagnes” bezeichnete man die Bündel aus getrockneten Blättern des Pastels, die aus Okzitanien über den Fluss Garonne nach ganz Europa exportiert wurden und so den Reichtum Okzitaniens im Mittelalter ausmachten. In Toulouse sowie in Albi zeugen die Stadtpalais der Pastelhändler von der Opulenz dieses goldenen Zeitalters. In Toulouse bestehen heute noch etwa 20 solcher herrschaftlichen Bauten im opulenten Renaissancestil. Aber nicht nur die Waidbauern und –händler profitierten von der starken Nachfrage nach diesem Farbstoff, sondern auch für Müller, Färber, Mauleseltreiber, Schiffer u.a. florierten deshalb damals die Geschäfte.

Prachtvolles Pastell-Palais: das Hôtel de Bernuy. Foto: Hilke Maunder

Pastel, jene Pflanze, die man auch unter der Bezeichnung “Färberwaid” oder “Deutscher Indigo” kennt, hat zwar gelbe Blüten, aber schon in der Renaissance färbte sie die Kleidung der Könige royalblau! Blau war die edelste Farbe des Mittelalters. Nur Könige, reiche Adeligen und der hohe Klerus konnten sie sich leisten. Denn bis zur Entdeckung des Indigos aus Asien im Jahr 1560 gab es nur ein einziges Verfahren – und eine einzige Pflanze – um den Rohstoff zum Färben zu erhalten. Das ist jener zweijähriger Kreuzblüter, der bis zu einem Meter hoch auf den Feldern des Pays de Cocagne  blühte: Isatis tinctoria, zu Deutsch Färberwaid oder Pastell.

Gewinnung aus heimischem Färberwurz

War die Pflanze ein Jahr alt, stießen die Pastelbauern einst mit dem Waideisen die langen, dicken Blätter ab. Nur sie enthalten das farblose Pigment Glycosid Indican, dass sich beim stundenlangen Färben ins Blau verwandelt.

In den Indigopflanzen findet sich nirgends ein blauer Farbstoff. Alle Teile der Pflanze und vor allem die Blätter enthalten eine Vorstufe des Indigos, die Zuckerverbindung Indican. Zur Gewinnung von Indigo aus Färberwaid zerstampften die Bauern früher die Waidblätter in einer Waidmühle. Das zerquetschte Material schichteten sie auf einen Haufen und ließen es zwei Wochen lang gären. Aus dem vergorenen Brei formten sie kleine Bällchen, sogenannte Waidkugeln. Diese wurden von den Waidhändlern auf den Märkten gekauft. Eine sehr übelriechende Tätigkeit übernahmen die Angestellten der Waidhändler, die Waidknechte: Sie feuchteten die Waidkugeln mit Urin an und setzten sie erneut einer Gärung aus. Nach einer Lagerzeit von etwa zwei Jahren kam der vergorene Waid in die Färbehäuser. Dort wurde er nochmals mit Urin und Pottasche bei 60°C verrührt. Erst nach drei Tagen entstand eine Brühe, die Küpe, welche zum Färben geeignet war. Die Textilien wurden für eine Stunde in die Küpe getaucht. Beim Herausziehen der gefärbten Stoffe waren diese zunächst gelb eingefärbt. Erst an der Luft entwickelte sich durch eine Oxidation der blaue Farbton des Indigos.

Pastel wurde ursprünglich als Färbemittel für Kleider genutzt, kaum für die Malerei. Die Reste aus den Bottichen der Färber nutzte man allerdings, um Karren und Fensterläden damit zu bemalen als Schutz gegen Pilze und selbst die Hörner der Rinder wurden blau gefärbt, was Mücken fernhalten sollte. Heute verdanken wir Künstlern mit einer Leidenschaft für Pastel eine ganze Bandbreite von Kunstwerken und Textilien in den 13 Nuancen des okzitanischen Blautons (Künstlern wie Delcroix, Boudin, Millet, Szafrans, Picasso) Die Farbnuancen wurden im 17. Jahrhundert festgelegt und variieren vom sehr hellen “Blauweiß” (bleu blanc) über “Höllenblau” (bleu d’enfer), das schon beinahe ins Grau/Schwarz geht, bis hin zu “Königsblau” (bleu de roi) und “Königinblau” (bleu de reine).

Die Pflanze wird seit der Antike auch als Heilpflanze eingesetzt. Schon Hippokrates verwendete die Blätter des Färberwaids zur Wundbehandlung. Da die Pflanze reich an Omega 3, 6 und 9 ist, werden die dermatologischen Eigenschaften der Färberpflanze auch heute genutzt, um Naturkosmetik herzustellen.

Gewinnung aus dem indischen Indigo

Die Pastelpflanze wurde dann aber Anfang des 17. Jahrhunderts durch die Indigopflanze ersetzt. Der portugiesische Forschungsreisende Vasco da Gama entdeckte im 15. Jahrhundert in Asien eine Pflanze, die 30x mehr Blau enthielt als die Färberwaide. Diese Pflanze erhielt den Namen Indigofera Tinctoria und das daraus gewonnene Blau den Namen Indigo.

Die Indigopflanze ist ein Schmetterlingsblütler; sie wächst in Indien, Afrika und China. Mit der Gründung der ostindischen Handelsgesellschaft im Jahr 1602 durch die Holländer war der Untergang des europäischen Indigos besiegelt: Die holländischen Seefahrer begannen, Indigo aus Indien zu importieren. 

Die Pflanzenteile wurden nicht per Schiff eingeführt, sondern in Indien vor Ort verarbeitet. Zur Gärung legte man sie in große, in den Boden eingelassene Becken. Hierbei wandelte sich das Indican in Indoxyl und Traubenzucker um. Nach etwa 15 Stunden wurde die gelbe Flüssigkeit in ein tiefergelegenes Becken gelassen, in das durch einfaches Schlagen oder mit Hilfe von Schaufelrädern Luft hinzugefügt wurde. Der durch das Schlagen in die Becken eingebrachte Sauerstoff oxidierte das wasserlösliche, gelbe Indoxyl zu blauem Indigo. Der so gewonnene Farbstoff war nicht mehr wasserlöslich und setzte sich am Boden ab. Er wurde getrocknet und danach zu Blöcken verarbeitet.

Mit der Entwicklung von industriellen Syntheseverfahren zur Herstellung der blauen Farbe gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann die großtechnische und kostengünstige Produktion von Indigo, worauf der Markt für natürliches Indigo zusammenbrach., Picassozu

Von H. Zell - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10507607
Von Frédéric Neupont au Muséum du Pastel de Toulouse-Labège - Eigenes Werk avec l'aimable collaboration du Muséum du Pastel de Toulouse-Labège, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122796740Von H. Zell - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10507607

Renaissance des Pastel in Ozitanien

Beinahe in Vergessenheit geraten, erlebt das “blaue Gold” von Okzitanien nun eine wahre Renaissance! Diese ausgesprochen dauerhafte Naturfarbe, die sehr wasch- und lichtbeständig ist, ist erneut gefragt und kann nun dank moderner Verfahren einfacher hergestellt werden kann.

Die Renaissance des Pastels im Gers im Nordwesten von Toulouse begann mit dem Belgier Henri Lambert und seiner US-amerikanischen Frau Denise, die 1994 in der alten Gerberei von Pont de Pile die Firma Bleu de Lectoure gründeten und gemeinsam mit der École Nationale de Chimie de Toulouse neue Verfahren der Verarbeitung und des Färbens entwickelten.

Zu den Pionieren der Pastel-Revolution gehören auch die Deutsch-Französin Annette Hardouin und ihr Mann Yves. Das Duo kreiert bereits seit 2005 in der Atelier-Boutique im Toulouser Minimes-Viertel Kleidung und Accessoires aus Naturstoffen.

Am 16. September 2022 eröffnete Terre de Pastel seine Maison du Pastel in einem der schönsten Herrenhäuser aus der Renaissance an der Place d’Assézat 9 in Toulouse. Drinnen findet man eine breite Palette an Pastell-Produkten sowie einen Museumsbereich, in dem man die Geschichte des Färberwaids und seine Verbindungen zu Toulouse kennenlernen kann.

Das Chateau de Magrin, der einstige Stammsitz eines Pastelhändlers aus dem Tarn, liegt zwischen Lavaur und Puylaurens. Auf 400 qm wird in diesem Pastelmuseum die Geschichte der Pflanze von der Herstellung bis zum Handel erzählt und dokumentiert.

Annette-Hardouin. Foto: Marie Lise Gauthier (Pressefoto Ducasse-Schetter PR)

Ursprung der Redewendung “blau machen”

Dazu erzählt man sich folgende Geschichte: Die Redewendung “blau machen” kommt ursprünglich vom “Blauen Montag”. Der blaue Montag war nämlich ein freier Tag, ganz ohne Arbeit. Das ist allerdings schon lange her und war damals bei Färbern gebräuchlich. Die legten nämlich die Stoffe, die sie färben wollten, am Sonntag in ein Färbebad, in dem die Farbe in das Gewebe einwirken sollte.

Montags wurde die gefärbte Wolle dann aus dem Bad genommen und an der Luft getrocknet. Die zunächst gelbe Farbe zeigte dann eine chemische Reaktion mit der Luft – und wurde blau.

Während die Wolle an der Luft trocknete und blau wurde, hatten die Färbergesellen nichts zu tun – schließlich mussten sie warten, bis die Wolle fertig  gefärbt war. Also konnten sie ganz in Ruhe “blau machen” – und zwar die Wolle.

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Die Jakobsmuschel – Symbol des Jakobsweges

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Die atlantische Jakobsmuschel, die Große Pilgermuschel (Pecten maximus) ist das begleitende Symbol aller Jakobspilger.

 

Der Legende nach hat das Symbol folgenden Ursprung:

Ein junger Adliger ritt einst dem Schiff entgegen, mit dem der Leichnam des Apostels Jakobus nach Spanien gebracht wurde. Unglücklicherweise versank er dabei im Meer; jedoch rettete Jakobus auf wundersame Weise sein Leben und half dem Ritter, das Ufer zu erreichen. Dadurch war sein Körper über und über von Muscheln bedeckt und aus diesem Grund wird die Muschel seitdem als Schutzzeichen getragen.

 

In den Frühzeiten der Pilgerbewegung wurde die Muschel als Nachweis der Ankunft ausgegeben und war somit ein Vorläufer der heutigen Pilgerurkunde. Die Muschel wurde am Wallfahrtsort verkauft und von den Pilgern am Hut oder Umhang getragen. Im Mittelalter ging man den Jakobsweg als Hin- und Rückweg. Die Pilgermuschel trugen somit nur Personen, die den Jakobsweg bereits auf dem Rückweg gingen. Der Verkauf war eine wichtige Einnahmequelle des Wallfahrtsortes. Seit dem 13. Jahrhundert wurde die Pilgerschaft nicht mehr mit der Muschel, sondern mit einer Urkunde beglaubigt.

 

Im Codex Calixtinus, einem Sammelwerk des Jakobuskult aus dem 12. Jh., wird schon die Bedeutung der Jakobsmuschel betont. Die beiden Schalen der Muschel, heißt es dort, stünden für die Gebote der christlichen Liebe, die es immer zu verteidigen gelte: Gott über allen Dingen zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Außerdem gleiche die Muschel einer Hand, die sich zur Verrichtung guter Werke öffne. Ob die Pilger heute noch der Muschel  diesen Sinngehalt zusprechen, ist sicher zu bezweifeln. Aber sie ist auf jeden Fall ein stolz getragenes Symbol zur Unterscheidung gegenüber landläufigen Wanderern. Deshalb wird sie heute auch schon zu Beginn des Jakobsweges an der Kleidung oder vor allem am Rucksack befestigt.

Stein vor der Kathedrale in Santiago de Compostela

In europäischen Gräbern vor allem aus dem 11. bis 14. Jahrhundert sind bis nach Skandinavien hinauf wiederholt Große Pilgermuscheln gefunden worden. Aus derartigen Grabfunden lassen sich alte Pilgertraditionen, ihre zeitliche Zuordnung und ihre lokale Bedeutung nachvollziehen. Man glaubt, dass die Pilger des Mittelalters mit der Muschel des Jakobswegs begraben wurden, um sich im Jenseits als Pilger zu identifizieren. So zeigten sie nach dem Leben, dass sie die in Compostela vollkommene Vergebung erhielten und glaubten daran, dass Jakobus der Ältere in der anderen Welt für sie Fürbitte hielt.

 

Die Jakobsmuschel dient auch als Wegweiser. Eine gelbe Muschel auf blauem Grund zeigt an, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Sie dient uns als Orientierung und man findet sie oft auf Straßenschildern, Randsteinen und Wegekreuzen oder anderen Gegenständen am Weg. Dabei fungiert die Muschel teilweise sogar als eine Art Pfeil: Zeigt das Muschelende, also der dünnere Teil, nach links, so setzt sich der Jakobsweg in der linken Richtung fort und umgekehrt. Allerdings gibt es auch unterschiedliche Interpretationen. In Galicien wird es z.B. anders interpretiert als in Asturien. In Asturien wird sie als Sternsymbol verstanden wird, dessen geschlossenes Ende den Weg anzeigt, weil dem Stern der Schweif folgt und für sie alle Straßen nach Santiago führen. In Galicien ist es eine Muschel, deren offenes Ende nach Santiago de Compostela zeigt. Für die Galicier symbolisiert der geschlossene Teil der Muschel Santiago de Compostela und für sie beginnen alle Jakobuswege dort. Die Unterschiede kann man auf dem Camino Primitivo in Acebo an der Grenze zwischen Asturien und Galicien beobachten.

Zudem ist die Muschel ein kunsthistorisches Zeugnis auf den Wegen. Wenn man durch die Dörfer geht, durch die der Jakobsweg führt, findet man häufig Gebäude, Brunnen oder Skulpturen mit der Pilgermuschel. Wir erkennen die Muschel als Dekoration an Kirchenfassaden und -portalen. Auch findet man in den Kirchen am Weg viele Darstellungen des hl. Jakobs als Pilger mit Brotbeutel, Wanderstab und Muschel.

älteste erhaltene Steinskulptur des Apostels aus dem 11. Jh. an der Kirche Santa Marta de Tera in Santa Croya de Tera
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Euskara – baskisch – die älteste Sprache der Welt

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Ich habe gerade im Buch von Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“ über einen Übersetzer gelesen habe, der seine Gefängniszeit nur überstand, weil er ein Buch aus dem Russischen ins Baskische übersetzte. Nun habe ich nachgedacht, was ich über die baskische Sprache weiß: Es ist eine sehr alte Sprache, die nicht mit anderen europäischen Sprachen verwandt ist. Vielmehr fiel mir nicht dazu ein – also ziemlich wenig. Also habe ich mich ein wenig schlau gemacht. Hier meine neuen Erkenntnisse.

Die baskische Sprache – die Eigenbezeichnung ist Euskara oder Eskuara – wird vor allem im Baskenland gesprochen. Das Baskenland (Euskal Herria oder Vasconia) befindet sich im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Spanien. Zum Baskenland gehören sieben Provinzen, in denen Baskisch gesprochen wird. Drei von ihnen (Lapurdi, Behe Nafarroa und Zuberoa) liegen in Frankreich und werden als „Nördliches Baskenland“ bezeichnet (Iparralde). Die in Spanien liegenden Provinzen werden Hegoalde genannt. Dazu gehören die Foralgemeinschaft Nafarroa sowie die Autonome Baskische Gemeinschaft, die aus den drei Provinzen Gipuzkoa, Bizkaia und Araba besteht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Baskische_Sprache#/media/Datei:Euskalkiak_koldo_zuazo_2008.png

Man schätzt, dass ca. 1.185.500 Menschen baskisch sprechen, davon 700.300 in Spanien und 51.200 in Frankreich, die restlichen wohnen in Europa und Amerika. Das Baskische gilt neben dem Hebräischen als älteste Sprache der Welt. Es ist nach gängiger Forschungsmeinung eine isolierte Sprache, die mit keiner anderen europäischen Sprachgruppe genetisch verwandt ist. Ihr Ursprung ist trotz aller über Jahrhunderte entwickelten Theorien unbekannt, zumal auch keine Verwandtschaft mit irgendeiner anderen Sprache nachgewiesen wird. Daher waren sich die Basken schon seit Jahrhunderten ihrer Einzigkeit bewusst. Dieses Selbstwahrnehmung zieht sich dann auch durch ihre ganze Geschichte durch.

Die Sprache hat sehr komplexe Verben, zwölf Fälle, ca. 200.000 verschiedene Wörter. Das Baskische besitzt zudem keine hochsprachliche Form, sondern insgesamt 8 Dialekte. Der Wortschatz wird durch Hinzufügung immer neuen Nachsilben bedeutend erweitert. Außerdem gibt es ein reiches Vokabular an Naturphänomenen. Die Basken selber haben kein eigenes Wort für baskisch. Das einzige Wort um einen Angehörigen der Gruppe zu bezeichnen, ist „euskaldun“, das bezeichnet jemanden, der Euskara spricht. Das Land nennen die Basken „Euskal Herria“, Land der Euskara-Sprecher.

Da Euskara jahrhundertelang hauptsächlich mündlich überliefert wurde, gibt es kaum Schriftzeugnisse. Das älteste Buch stammt gerade einmal aus dem Jahr 1545. Festgelegte syntaktische und orthographische Normen gibt es erst seit 1968; doch ganz abgeschlossen ist der Prozess der Standardisierung noch immer nicht.

Insgesamt kann man wohl sagen, dass das Baskische eine schwierige Sprache ist, da sie so ganz anders ist, als die anderen uns bekannten europäischen Sprachen. Wie eine Legende erzählt, wurde  der Teufel einst von Gott dazu verdammt, Baskisch zu lernen. Er scheiterte jedoch an den Verbalformen.  Diese konnte selbst der Teufel nicht lernen!

https://de.wikipedia.org/wiki/Baskische_Sprache#/media/Datei:Irakatsia.png Baskisch in der Schulbildung: Anteile der Schüler mit baskischem Unterricht

Die Karte zeigt die unterschiedliche Verteilung der baskischen Sprache, die in den französischen Regionen nicht mehr so stark verbreitet ist. Als Ironie der Geschichte mag gelten, dass ausgerechnet die Französische Revolution, von der sich viele fortschrittliche Reformen erhofften, der baskischen Autonomie in Frankreich ein jähes Ende bereitete. Ein einheitlicher Schullehrplan für ganz Frankreich verbot das Baskische und andere Regionalsprachen, was sich erst 1981 mit der Wahl Francois Mitterands wieder änderte. Allerdings wird das Euskara von offizieller Seite nicht bewusst fördert.

Bereits Wilhelm von Humbodt, der sich intensiv mit der Erforschung der baskischen Sprache auseinandergesetzt hat, war der Überzeugung, dass das Baskische eine aussterbende Sprache sei, die allein in den abgelegenen Tälern der Pyrenäen überdauern könnte. Aber da irrte er sich. Selbst als während der Diktatur des Generals Francisco Franco, das Baskische ebenso verboten war wie alle anderen regionalen Sprachen Spaniens, schaffte ein nationalistisch geprägtes baskisches Bewusstsein die Sprache zu erhalten. Unter Franco wurden die Baskinnen und Basken sowie ihre Sprache brutal verfolgt. Selbst baskische Vornamen und Grabinschriften waren verboten. Euskara zu sprechen war Subversion und eine Möglichkeit, antifaschistische Gesinnung zu dokumentieren. Ab 1965 wurden die Restriktionen etwas gelockert. Im Jahre 1978, also 3 Jahre nach dem Tod Francos und dem Ende der Diktatur, setzte die neue spanische Verfassung dieser Unterdrückung des Baskischen ein Ende. Es war nun offiziell als Minderheitensprache anerkannt. 

Was die Verbreitung des Baskischen betrifft, so spielen die Schulen eine wichtige Rolle. Anfang der 60-er Jahre wurden die ersten ikastolas (Schulen, die ausschließlich auf baskisch unterrichten) gegründet zunächst in aller Heimlichkeit aber mit großer Unterstützung durch die baskischen Familien. Ende der 60-er Jahre wurden die ikastolas dann legalisiert und erfuhren einen hohen Zuwachs an Schülern. Seit Anfang der 1980er Jahre können Baskinnen und Basken in der CAV zwischen drei verschiedenen Schulformen wählen. An Schulen der A-Linie wird auf Spanisch unterrichtet, an Schulen der B-Linie auf Spanisch und Baskisch, in der D-Linie werden alle Fächer auf Baskisch gelehrt. 

In der Autonomen Baskischen Gemeinschaft (CAV) trägt die positive Sprachpolitik der letzten Jahre Früchte. Dort nimmt die Zahl der baskophonen Sprecherinnen und Sprecher stetig zu. Mehr und mehr Klassiker werden ins Euskara übersetzt und inspirieren Leserinnen und Leser ebenso wie Autorinnen und Autoren auf der Suche nach literarischen Ausdrucksmöglichkeiten. An den Schulen, an denen heute der Unterricht auch auf Baskisch stattfindet, wachsen neue lesende Generationen heran – ein Grund dafür, dass viele anspruchsvolle Kinder- und Jugendbücher verlegt werden. Auch der Roman und Kurzgeschichten erfreuen sich großer Beliebtheit. Die jährliche Literaturmesse in Durango ist ein Muss für lesefreudige Baskinnen und Basken und beliebtes Ziel. Zudem wird das Baskische auch über die Medien wieder stärker verbreitet u.a. auch durch mehrere Radiosender und einen Fernsehkanal.

Aufgrund der vielen und sehr unterschiedlichen Dialekte, war die Schaffung einer Einheitssprache von großer Bedeutung. Durch eine Sprachnormierung wollte man die baskische Sprache zukunftsfähig machen. Im Jahre 1968 begann man mit einer Vereinheitlichung des Baskischen, die schon lange zuvor von baskischen Schriftstellern gefordert wurde. So hat man in den letzten Jahren begonnen die Orthographie, die Deklination, das Basisvokabular und die Hilfsverben zu vereinheitlichen. Es ist interessant, dass sich das Baskische trotz seiner Eigenart und vieler Einschränkungen erhalten hat. Man kann von einer sehr robusten Sprache ausgehen und einem starken Identitätsgefühl ihrer Bewohner.

Interessant ist auch, dass sich auch die EU um die sprachliche Vielfalt kümmert. Die Europäische Union verfolgt mit ihrer Sprachenpolitik das Ziel, die Zusammenarbeit in Europa zu stärken und gleichzeitig die Vielfalt zu erhalten. Sie setzt daher Maßnahmen zur Förderung und zum Erhalt der Vielsprachigkeit und des kulturellen Reichtums sowie zur Verbesserung der Sprachkompetenz der Bevölkerung. 

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Die Silberdistel – Wetterbarometer und Schutzsymbol gegen Hexen

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Auf unserm Weg durch das Baskenland finden wir sowohl auf der französischen wie auf der spanischen Seite immer wieder Bauernhöfe oder Häuser, deren Haustüren eine Silberdistel ziert. Dabei hatte die Silberdistel ursprünglich mehrere Funktionen.

Die Silberdistel als Wetterbarometer

 

Silberdisteln sind Barometerpflanzen. Sie spüren Veränderungen im Druck und im Feuchtigkeitsgehalt der Luft. Die silbrig-weißen Hüllblätter der Silberdistel sind hygroskopisch, d.h. sie schließen sich bei feuchter Luft, bei Nässe und kalter Witterung, um die das Körbchen füllenden Blüten vor dem Regen, die Früchtchen vor dem Verkleben ihrer Flugschirmchen zu schützen – daher auch der bei uns bezeichnende Pflanzenname “Wetterdistel”. Das Schließen der Hüllblätter wird dadurch bewirkt, dass ein Streifen dickwandiger, auf der Rückseite der Hüllblätter verlaufender Zellen mehr Feuchtigkeit aufnimmt und sich dadurch stärker streckt als die nach innen gewanden Teile des Zellgewebes. Dadurch erfolgt ein Zusammenbiegen nach innen. Demzufolge misst die Barometerpflanze den Luftdruck und den Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre und übertrifft in ihrer “Vegetabilischen Barometrik” kurzfristig sogar an Genauigkeit die der modernen technischen Hilfsmittel unserer Zeit.

Die Silberdistel als Schutzsymbol gegen Hexen

 

Das Weltbild der baskischen Mythologie weist Bezüge zum Sonnenkult auf. Die Mythologie ist schwer zugänglich, da die Mythen durch die Inquisition im späten Mittelalter aus der Religion in den Bereich der Volksmärchen verdrängt wurden. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die Götter nur in sehr verschwommener Form in Erinnerung geblieben sind. Man kann aber sagen, dass die meisten Götter der baskischen Mythologie weiblich waren. Die Silberdistel ist ein bis heute im Baskenland bekanntes Symbol für die weibliche Sonne. Sonnendistel, baskisch Eguzkilore, bedeutet „Blume der Sonne“.

 

Diese „Blume der Sonne“ war in der baskischen Mythologie zudem ein bedeutsames Schutzsymbol gegen Dämonen und Hexen. Die Silberdistel an der Türe erzwingt nämlich ein Ritual, bei dem die Hexen erst alle Stacheln der Silberdistel zählen müssen, bevor sie ins Haus dürfen. Da dieses Auszählen aber „ewig“ dauert, dämmert es bereits, bis sie fertig sind, so dass sie sich dringend ein Versteck suchen müssen und somit das Haus vor ihrem Eindringen geschützt ist.

 

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Kultur Kultur Via Podiensis

Romanische Kirchen – Juwelen auf der Via Podiensis

Romanische Kirchen auf der Via Podiensis

Ein Teil der Kirchen wurde natürlich im Laufe der Jahrhunderte durch andere Stilrichtungen ergänzt oder auch teilweise überformt. Ihre große Zahl allein auf unserem Weg zeugt aber für die Bedeutung, die die Romanik in diesen Regionen hatte. Sicher sind nicht alle diese Kirchen rein kunsthistorisch betrachtet von besonderer Bedeutung. Aber wer den Weg auf sich nimmt, findet hier immer wieder Orte der Ruhe und Entspannung, der Geborgenheit und Reflexion, des Mystischen und des Realen. 

s. auch die Bilder von Klaus Schäfer zu Bilder auf den jakobswegen

https://4sdc.de/twg24/index.php?twg_album=free+Pictures

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Französische Romanik

Französische Romanik

auf der Via Podiensis

Wenn wir auf der Via Podiensis gehen, begegnet uns kunstgeschichtlich gesehen auf Schritt und Tritt die französische Romanik. Viele Kirchen auf unserem Weg, die wir vor allem auch wegen ihrer schlichten Schönheit bewundern, stammen aus der Zeit der Romanik. Trotz zahlreicher Kriege auch in diesem Landstrich aber auch auf Grund der sicher teilweisen prekäreren wirtschaftlichen Situation in dieser Region sind noch viele Kirchen in ihrer ursprünglichen Struktur erhalten. In anderen Gebieten wurden häufig die alten romanischen Kirchen abgerissen bzw. manchmal sind sie auch abgebrannt. An ihrer Stelle wurden dann prachtvollere gotische Kirchen errichtet. Die alten romanischen Krypten legen häufig noch Zeugnis ab von der früheren Geschichte der Kirche.

1. Geschichtliche und soziale Rahmenbedingungen

Bei der Betrachtung der Romanik soll nicht nur der kunstgeschichtliche Aspekt zum Tragen kommen, sondern ich will auch zum besseren Verständnis der Romanik einige geschichtliche und soziologische Hintergründe kurz erläutern. Denn sie vermitteln wertvolle Erkenntnisse über die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen vermeintliche Einzelerscheinungen erst ein nachvollziehbares Gesamtbild ergeben.

1.1. Bevölkerungspolitische Situation

Nach dem Zerfall des Fränkischen Reiches in ein östliches und westliches Gebiet  (843 , Vertrag von Verdun) und dem Ende der Karolinger Königslinie um 980 kam es zu einer Stabilisierung der politischen Lage in Europa. Zusätzlich fand eine Klimaerwärmung statt. In dem Zeitraum, in dem man diese mittelalterliche Warmperiode verortet (900 – ca. 1400), kam es in Europa zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion, man geht von einer Verdreifachung der Bevölkerung zwischen 1100 und 1400 aus. In Folge der günstigen Klimabedingungen kam es zu einer Expansion der Agrarwirtschaft, vor allem des Getreideanbaus. Die Klimabedingungen gelten aber nicht als die alleinige Ursache für den rasanten Anstieg der Bevölkerung – sondern es gab gleichzeitig agrarkulturelle Fortschritte bei der Nutzung technischer Geräte, bei der Bodennutzung und bei der Diversifizierung von Getreidearten.
In diesem Gesamtkontext entwickelte sich dann auch das gesellschaftliche und religiöse Leben weiter. Der Feudalismus prägte die damalige politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung. Der König, der Adel und die Kirche waren die Grundbesitzer und bildeten die führende Schicht. Ihnen gehörten die Ländereien und sie gaben bestimmte Rechte und Ländereien (Lehen) an ausgewählte Untertanen für treue Dienste weiter. Neben der Schicht der „Herrschenden“ gab es den Stand der „Diener“, der sich aus wenigen freien Bauern und dem überwiegenden Teil der Unfreien zusammensetzte. Sie waren von ihren Herren  fast vollständig abhängig.
In der zweiten Hälfte des 12. Jhs. bildete dann sich aus den Unfreien eine neue Bevölkerungsschicht heraus, die Bürger. Diese lebten in den von Königen und Fürsten angelegten Städten und waren zu keinen Diensten und Abgaben verpflichtet. „Stadtluft macht frei!“ Allerdings kann man keineswegs von einer politischen oder kulturellen Einheit sprechen. Das Land war zersplittert in zahlreiche Fürstentümer. Zwar  konnten die Karpetinger  ab Beginn des 11. Jh. ihren Anspruch auf die Krone behaupten, aber ihre wirkliche Macht konnten sie nur auf der Ile de France  durchsetzen, während ihre Vasallen – die Herzöge von Burgund, Aquitanien, Normandie oder Bretagne – viele Hoheitsrechte in ihren Gebieten wahrnahmen. Erst ab dem frühen 12. Jh. konnte die Krone ihre Position gegenüber den Herzögen stärker ausbauen. Am Ende des 100- jährigen Krieg gelang es dem französischen König dann nach vielen sehr wechselhaften Auseinandersetzungen mit der englische Krone, die zeitweise fast die Hälfte des französischen Kronlandes als Lehen besaß, seine Zentralmacht durchzusetzen.
Dies hatte auch entscheidende Bedeutung für die kulturelle Entwicklung. War in Zeiten der Romanik das Land noch zersplittert, so spiegelte sich dies auch in den unterschiedlichen Kulturlandschaften wieder. So weist die französische Romanik trotz vieler Gemeinsamkeiten auch sehr unterschiedliche regionale Konturen auf. Mit der Zentralisierung gaben auch die Kunstlandschaften Frankreichs ihre Eigenständigkeit auf und so konnte sich kunsthistorisch die Gotik landesweit mit sehr einheitlichen Strukturen durchsetzen.

1.2. Religiöse Bewegungen

Was nun das religiöse Leben betrifft, so wurde im 4. Jh. das Christentum zur Staatskirche erhoben. Damit einher ging eine zunehmende Verweltlichung des Christentums, so dass es als Gegenbewegung zu dieser Entwicklung zu einem Aufschwung des Mönchtums kam. Das Mönchtum – also die Gemeinschaft von Mönchen-  entwickelte sich aus dem Einsiedlertum, d.h. dem Rückzug Einzelner in ein in Einsamkeit und Askese geführtes Leben, das zunächst im 4. Jh. und 5. Jh. verbreitet war. Daraus entstand erst langsam auch ein organisiertes klösterliches Mönchtum.  Die Gestalt und Organisation dieser Bewegungen fanden ihre Basis und Vereinheitlichung in den Klosterregeln des Benedikts von Nursia um 540. Seit ihrer Verfassung ist sie die Grundlage des Ordens der Benediktiner. Da diese Regeln nicht alles, was das Leben im Kloster betraf,  festhielten, wurden sie durch Consuetudines – Ausführungsbestimmungen – ergänzt, die allerdings von Kloster zu Kloster variierten. Die Verbindung zwischen Kloster und Kirche wurde im Konzil von Chalcedon 451 in der Form geregelt, dass die Klöster den bischöflichen Diözesen, in denen sie sich befanden, unterstellt wurden. Den Bischöfen wurde zudem das Recht zugestanden, in ihren Amtsbereichen (Diözesen) Klöster zu gründen und Aufsicht über sie zu führen.

1.3. Bedeutung der Klöster für die Baukunst und die Gemeinschaft

Mit den oben beschriebenen Entwicklungen ging eine intensive Entwicklung der romanischen Baukunst einher. Zwischen 1050 und 1350 (Romanik und Gotik) wurden in Frankreich mehr Steine gebrochen als in der ganzen Zeitperiode des alten Ägyptens – genug um 80 Kathedralen, 500 große Kirchen und Zehntausende von Gemeindekirchen zu errichten. Die Romanische Kunst ist eng mit dem Mönchtum verbunden, so dass ihre Sakralbauten die wichtigsten Zeugnisse dieser Epoche sind. Zunächst waren es vor allem die Benediktiner und später die Zisterzienser, die viele dieser Sakralbauten in Frankreich errichteten. Dabei waren die Kirchen und Klöster nicht nur Ausdruck der sakralen und politischen Macht, sondern sie waren auch Lehrstätten und wichtige Verbreiter des christlichen Glaubens. Die Klöster waren Förderer der Architektur und Kunst und trugen durch Schulgründungen zur Ausbildung der Bevölkerung bei. Sie errichteten große Bibliotheken, in denen alte Bücher archiviert und neue Bücher geschrieben wurden. Neben der Schriftkunst und der Kunst gab es weitere Aspekte von besonders wichtiger Bedeutung für die säkulare Welt u.a. die Weiterentwicklung der Landwirtschaft, der Weinbau, die Medizin und Kräuterkunde sowie die Optik. Auch die Armen- und Krankenfürsorge muss besonders erwähnt werden. Zudem trugen die Mönche durch ihre zahlreichen Reisen durch Europa zur Verbreitung von  Nachrichten und Wissen von Kloster zu Kloster bei. Des Weiteren bildeten die Klöster für die steigende Zahl der Pilger  wichtige Anlaufpunkte. Sie dienten vorwiegend der Unterkunft, wurden aber auch als Hospitäler genutzt, da die Mönche wie oben erwähnt nicht nur Lehrer und Seelsorger waren, sondern auch Ärzte.

1.4. Pilgerreisen

Die Pilgerreisen waren für viele Menschen im Mittelalter ein fester Bestandteil des religiösen Lebens, obwohl das Reisen damals  beschwerlich und gefährlich war. Da die Pilger keine Waffen tragen durften, wurden sie durch Raub, Betrug, Mord oder Versklavung bedroht. Der Wunsch, eine Pilgerreise zu unternehmen, war gleichermaßen in allen gesellschaftlichen Schichten sowie bei Männern und Frauen vorhanden. Man kann sicher von einem Massenphänomen sprechen, in dessen Folge es zur Ausbildung bedeutender Pilgerwege kam,  vor allem zu den großen Zielorten Jerusalem, Rom oder eben Santiago de Compostela.
Die Entdeckung des Jakobusgrabes in Santiago de Compostela im Jahr 818 war ein Ereignis von besonderer Bedeutung . Anfangs besuchten nicht so viele Pilger das Grab, aber als die Cluniazenser 100 Jahre später begannen, die Pilgerfahrt systematisch zu organisieren, erlebte die Wallfahrt nach Santiago de Compostela einen raschen Aufschwung, der im 12. Jh. seinen Höhepunkt erreichte.
In Frankreich bildeten sich damals vier große Pilgerrouten heraus. Die eine führte über St. Gilles (in der Nähe von Arles), Montpellier, Toulouse und den Somport-Pass. Sie wird als Via Tolosana bezeichnet und wurde vor allem von Pilgern aus Italien genutzt. Die zweite ging von Le Puy über Conques, Cahors, Moissac zu den Pyrenäen. Vor allem Pilger aus Osteuropa und Süddeutschland nutzten diese Via Podiensis. Die dritte lief von Vezelay aus und führte über Charite-sur Loire, Limoges zu den Pyrenäen, die sogenannte Via  Lemovicensis. Die vierte Route ging von St. Denis in Paris  (bzw. Paris) über Tours, Poitiers,  Saintes und Bordeaux zu den Pyrenäen. Auf der Via Touronensis zogen vor allem Pilger aus den heutigen Benelux-Staaten in den Süden. Die letzten drei Wege nahmen den Weg über den Cisa-Pass durch die Pyrenäen nach Roncesvalles.  Ab Roncesvalles oder ab dem Somport-Pass führte dann der Weg, der sogenannte Camino frances, durch Nordspanien nach Santiago de Compostela.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ways_of_St._James_in_Europe.png

1.5. Reliquienkult

Die Anziehungskraft von Santiago de Compostela  aber auch vieler anderer Zwischenstationen auf den Wegen ist nur mit der Bedeutung der Reliquien im Mittelalter zu erklären. Die Berührung der Reliquien ermöglichte in der Wahrnehmung der Pilger die Chance, für einen Augenblick der unsichtbaren Jenseitswelt teilhaftig zu werden. Es besteht zwar nach heutigem Wissensstand kein Anhaltspunkt für die Vermutung, dass Jakobus sich tatsächlich auf der iberischen Halbinsel aufgehalten hat noch dass seine Gebeine nach Spanien gebracht wurden, aber die Behauptung dieser Tatsache in Urkunden gekoppelt mit einer gezielten Propaganda taten bald ihre Wirkung. Außerdem unterstrich der vermeintliche Fund des Grabes des Apostels den Machtanspruch der katholischen Kirche und stärkte das im Norden Spaniens entstandene Königreich Asturien,  das sich langsam in das von Mauren besetzte Spanien ausdehnte.
Mit der steigenden Zahl der Pilger nahm auch der Reliquienkult immer größere Ausmaße an. Eine Stätte mit einem Heiligengrab zog mehr Pilger an als eine ohne Reliquien. Sie erlangte dadurch größere Bedeutung, was in der Regel einen finanziellen Aufschwung zur Folge hatte. Dadurch konnten wiederum prächtigere Bauten errichtet werden, die dann wiederum mehr Wallfahrer anzogen.  So sind  z.T. auch die vielen kunsthistorisch wertvollen Bauten und Steinmetzarbeiten aus jener Zeit zu erklären. Die Summen,  die der Reliquienkult z.B. dem Kloster in Conques einbrachte, machten einen guten Teil der Einkünfte der Abtei aus.  Das imposante Jakobinerconvent mit der großen Basilika in Conques legt Zeugnis ab über den Reichtum der Abtei. Die Klöster gewannen auch dadurch an Reichtum, dass ihnen viele Menschen ihren Besitz übertrugen in der Hoffnung, dass die Mönche durch Gebete ihren Übergang vom Fegefeuer in die ewige Glückseligkeit beschleunigten.
Da die Organisation dieser Massenbewegung in den Händen der Klöster lag, wurde die Breitenwirkung der Ordensgemeinschaften weiter gestärkt. Die Pilger führten ein Itinerar mit sich, das ihnen den Weg zu den Stationen auf ihrer Route wies. Darin enthalten waren auch Hinweise auf Umwege zu Gotteshäusern sowie Hinweise auf Hospitäler und andere karitative Einrichtungen, die wiederum ausnahmslos von  Klöstern betrieben wurden. So findet man auch heute noch entlang der oben beschriebenen Pilgerwege trotz zahlreicher Zerstörungen ein dichtes Netz an romanischen Kirchen. Viele dieser romanischen Kirchen vermitteln einen Eindruck von Frieden und Geborgenheit, deren Wirkung der damalige aber auch der heutige Pilger – gerade nach manchen Mühsalen des Weges  – verinnerlichen kann. Aus dem Beschriebenen erkennt man die Kraft der Pilgerschaft. Religiosität, wirtschaftliche Aspekte und Baukunst beeinflussen sich gegenseitig erfolgreich und gleichzeitig wird in einem von Unruhen gezeichneten Europa eine Brücke über alle sprachlichen und politischen Grenzen geschlagen.

1.6. Entwicklung der Bauschulen

Aber nicht jede Gemeinde, jeder Orden, jeder Stifter, die eine neue Kirche, ein Kloster oder gar eine Kathedrale errichten wollten, konnten sich eigene Bauschulen mit angegliederten Werkstätten und fähigen Baumeistern leisten. Da man erst gegen Ende der romanischen Epoche dazu überging, maßstäblich verkleinerte Baupläne zu erstellen, gab es vorher wenige schriftlich fixierte Quellen, aus denen man sein Wissen über solch große Bauwerke hätte holen können. Lediglich einige der Maurer und Steinmetze, von denen viele im Laufe der Zeit durch ihre Erfahrung zu angesehenen Baumeistern wurden, hielten ihre Ideen und Bilder in Musterbüchern fest, um sie den Auftraggebern als Anregung wie auch als eine Art Vertragsgrundlage zu präsentieren. Viele der qualifizierten Baumeister reisten von Baustelle zu Baustelle und nicht selten betreuten sie mehrere Großbaustellen gleichzeitig. So entwickelten sich entlang der großen Pilger- und Handelsstraßen Bauschulen mit stilistischen Eigenarten heraus, deren Handwerker und Baumeister aber immer in regem Austausch mit anderen Baukünstlern standen und so letztendlich die typisch romanischen Baumerkmale verbreiteten.

2. Baukunst

2.1. Typische Elemente der sakralen romanischen Baukunst

Der Begriff der „Romanik“ leitet sich von dem Wort „romanesque“ ab, das der Franzosen Charles Gerville (1769–1853) im Jahr 1818 wählte, um auf die Verwandtschaft der Romanik zur römischen Architektur hinzuweisen. Man unterteilt die Romanik in Frankreich dabei in die Frühromanik (1000-1080) und die Hochromanik (1080-1150).
Die Urform des romanischen Kirchenbaus orientiert sich an einem typisch römischen Profanbau: der Basilika. Die Kirche hat somit als Vorbild einen antiken Herrscherbau und sollte so zeigen, dass nun Christus der Herrscher ist. Die Form besteht meist aus einem mittleren Hauptschiff und zwei z.T. niedrigeren Seitengängen (Seitenschiffen). Hinzugefügt wurde mit der Romanik das Querschiff, das dem Grundriss die Form eines lateinischen Kreuzes verleiht. Das Kreuz galt als Hauptzeichen des Christentums. Zudem ist die Kirche in W-O-Richtung ausgerichtet. Zum einen war ja das Grab Christi vom Abendland aus gesehen im Osten. Zum anderen spielt das Licht eine besondere Rolle. Da im Osten die Sonne aufgeht und somit „Licht in die Dunkelheit“ bringt, liegt der wichtigste Teil der Kirche, der Chor, im Osten. Im Westen befindet sich die häufig prunkvolle Fassade mit meist drei Portalen und mit einem oder zwei Türmen.
Die Mauern tragen die ganze Last der Gewölbes und des Daches. Deshalb sind diese auch  so dickwandig angelegt. Sie sollten auch möglichst wenig durch Öffnungen wie Fenster und Portale geschwächt werden. Die gewölbten Tür und Fensteröffnungen wurden also nicht nur aus ästhetischen Gründen gewählt. Die Rundungen haben vor allem eine große Bedeutung für die Statik. Durch die Aneinanderreihung der Bögen wird eine Wölbung gestaltet, die den Druck des darauf lastenden Daches abfängt und eine Einsturzgefahr verhindert oder zumindest stark minimiert. Je grösser die Bögen, umso massiver müssen die Stützen und Wände sein. Dadurch entsteht bei diesen Sakralbauten ein massiges, blockartiges, schweres und wuchtiges Erscheinungsbild.
In der Frühromanik findet man meist noch flache Kassettenholzdecken.  Die Einwölbung der Kirchenräume war aber das Ziel der romanischen Baukunst. Dieses Ringen um die Techniken bei der Wölbetechnik hat zum einen formale und ästethische Gründe zum anderen den Wunsch nach größerer Stabilität der Bauwerke, vor allem ein besserer Schutz vor Feuer, das häufig die hölzernen Konstruktionen aus vorromanischer Zeit zerstört hatte. So bildeten sich  bald zwei Gewölbeformtypen aus: das Tonnengewölbe und das Kreuzgratgewölbe. Die Konstruktion eines Tonnengewölbes war die einfachste Art eine Längswölbung und wurde deshalb zuerst angewandt. Zunächst wölbte man nur den Chor, später wie in Conques z.B. die ganze Kirche. Zeitlich parallel entwickelte sich das so genannte Kreuzgratgewölbe, das aus zwei sich einander rechtwinklig überschneidenden Tonnen besteht. Die Schnittstellen der beiden werden als Grate bezeichnet. Fast von Anfang an bemühte man sich um Hilfskonstruktionen in Gestalt von Bogen, die die Kreuzgrate unterstützten. Der nächste Schritt war dann, diese Bogen sichtbar zu machen und so entstand letztendlich das Kreuzrippengewölbe, welches zum wesentlichen Merkmal der gotischen Baukunst wurde.
Mittelschiff Klosterkirche Ste-Foy Conques
Mittelschiff der Klosterkirche Ste-Foy in Conques // Quelle: Wikipedia
Die Ausbildung dieser Gewölbeform war eine enorme Leistung mittelalterlichen Bauhandwerks. Zunächst zumindest arbeitete man ohne Baupläne und verlies sich auf die Erfahrung der Baumeister. Beim Errichten der Gewölbe wurden als Gerüst hölzerne Lehrbögen verwendet, die nach dem Setzen des Abschlusssteins wieder entfernt wurden. Dies war der entscheidende Moment, denn entweder hielten  Gewölbe und  Mauern den Seitenschüben und die Lasten stand oder alles fiel, einem Kartenhaus gleich, in sich zusammen. Monate-, oft jahrelange harte Arbeit wäre dann zunichte gemacht.
Die durch die Rundbögen erzielte Wölbung musste im Innenraum zusätzlich stabilisiert werden. Aus dieser Notwendigkeit entwickelte sich ein weiteres ästhetisches Merkmal der romanischen Architektur, der Stützwechsel. Die sich abwechselnden Säulen und Pfeiler, die als Stützen dienten, ließen zudem viel Freiraum für die Versammlung der Gläubigen, u.a. der großen Zahl an Pilgern innerhalb der Kirche. Während die Säulen die Gewölbelast abfingen, dienten die Pfeiler zur statischen Absicherung der Räume.
Zusätzlich zu den statischen Elementen müssen als sehr wichtige Elemente der Romanik die zahlreichen Verzierungen der Portale und Außenwände genannt werden. Man geht davon aus, dass die Arbeit der Steinmetze von  handwerklichem Können aber auch von spirituellen Empfindungen getragen wurde.  Viele dieser Künstler waren Mönche, die in den Werkstäten der Klöster ausgebildet wurden. So erklären sich  die kunstvollen, eindringlichen und berührenden  Ausschmückungen  in den verschiedenen Kirchen innen und außen sowie in den Kreuzgängen.

2.2. Entwicklung der regionalen Unterschiede

Trotz der typischen baulichen Elemente der Romanik lassen sich auch zahlreiche bauliche Unterschiede herausarbeiten.

Unten Karte der wichtigsten romanischen Kirchen in Frankreich aus; Raymond Oursel, Romanisches Frankreich, Zodiaque 1993

Diese lassen sich u.a. anhand der politischen Situation in Frankreich erklären. Zwar gab es den französischen König, der in Paris residierte und regierte, allerdings hatte er  nur wenig Einfluss auf seine adligen Vasallen. Diese verwalteten, fernab ihres Königs, recht eigenmächtig die ihnen unterstellten Gebiete und versuchten beständig, ihre Macht zu mehren. So wurde der Süden des Landes beispielsweise von den Grafen von Toulouse und den Herzögen Aquitaniens kontrolliert. Im Norden hingegen entstand unter dem Herzog der Normandie und Grafen von Anjou ein weiterer mächtiger Vasall des französischen Königs. Die Versuche, sich politisch von der Ile-de-France abzugrenzen, führten zu einer bewussten gesellschaftlichen Eigenständigkeit einzelner Gebiete, was sich auf die Kultur und damit auch auf die Baukunst der Regionen übertrug.
Die Romanik in Frankreich ist also weniger eine national homogene Epoche, sondern vielmehr ein Konglomerat verschiedener regionaler Stile, die sich im Laufe der Zeit gegenseitig beeinflusst und dadurch auch einander angeglichen haben. Da die Steinmetze aber – wie oben beschrieben – ihre Arbeiten in einem doch relativ begrenzten Raum verrichteten, zeigten einzelne Regionen jeweils ein etwas anderes Gesicht. So unterscheidet man in der Kunstgeschichte – was unseren Pilgerweg betrifft – eigene romanische Baustilrichtungen der Auvergne und Aquitaniens.
In der Auvergne finden sich zahlreiche Emporenhallen-Kirchen. Im strengen Sinne handelt es sich um Staffelhallen, weil ihre Mittelschiffe höher sind als die Emporengewölbe der Seitenschiffe. Diese Bauten sind oft im Mittelschiff tonnen- und in den Seitenschiffen Kreuzgrat gewölbt. Sie besitzen ein recht ausladendes Querhaus zwischen Langhaus und Chor, dessen Seitenschiffe mit unterschiedlichen Tonnenwölbungen ausgestattet sind. In der Literatur spricht man auch von einem “auvergnatischen Querriegel“.
In Aquitanien handelt es sich häufig um Kuppelkirchen ohne Seitenschiffe, deren Mittelschiff dafür aber umso breiter ist und der Länge nach von zwei bis vier Kuppeln ohne hölzernen Dachstuhl gedeckt wird.
In Südwestfrankreich mischen sich die Bauformen der angrenzenden Landschaften. Aber meist herrschen hier noch die Emporenhallen vor. Die Empore mit Vierteltonne als Gewölbeversteifung findet sich zuerst in Conques und in Toulouse in der größten noch erhaltenen romanischen Kirche der Welt, St.-Sernin.
Erst in der Gotik  (bereits ab Mitte des 12. Jh. in Frankreich, in Deutschland erst später) entwickelte sich ein eher einheitlicher Stil ausgehend von Paris, bedingt auch durch die größere Bedeutung des französischen Königs (vgl. auch die Geschichte des 100jährigen Krieges) und die damit verbundene Zentralisierung der Landes.
Neben den regionalen Unterschieden ist zusätzlich jede romanische Kirche in ihrer Gestaltung einzigartig. Das ist zum einen bedingt durch kirchliche Strömungen. So sind die Kirchen der Zisterzienser auf Grund ihrer religiösen Einstellung in der Regel schlichter gehalten als die der Benediktiner. Zum anderen wirkten sich die künstlerischen Einflüsse in den verschiedenen Bauschulen, die unterschiedlichen geologischen Gegebenheiten des Baugrundes (Flachland oder Felsenklippe) und das unterschiedliche Baumaterial, das zur Verfügung stand (z.B. harter Granit, weicher Kalk – und Sandstein oder Pyrenäenmarmor)  auf die Gestaltung der Sakralbauten aus. Im Mittelalter galt ja das Regionalprinzip, das heißt, man baute mit den Materialien, die einen in der näheren Umgebung zur Verfügung standen und vermied so i.d.R. lange Transportwege.

2.3. Die Skulptur der Romanik - Bildhauerkunst der Steinmetze

Viele der Steinmetze, die ja wahre Kunstwerke errichteten, haben sicher nicht daran gedacht, dass ihre Werke „für die Ewigkeit“ gebaut sind und auch heute noch – ca. 1000 Jahre später – mit ihrer Schönheit begeistern.  Viele Elemente erscheinen uns geradezu modern, vor allem die klare Gliederung, die graden schlichten Linien und die einfachen figürlichen Darstellungen. So faszinieren uns nicht nur die großen Kathedralen sondern gerade auch die kleinen romanischen Dorfkirchen und es lohnt sich auf unserem Weg, auch diesen einen Besuch abzustatten.
Es ging den Steinmetzen und Baumeistern weniger um den eigenen Ruhm – sondern um die Ehre Gottes. Die Namen der Stifter, Domherren oder Bischöfe kennt man durch zahlreiche schriftliche Quellen, während über Steinmetze und Baumeister der Romanik heute fast nichts bekannt ist, da sie ihre Werke in der Regel nicht signierten. Dabei waren sie – auch die Steinmetze auf dem Lande – wahre Meister ihrer Kunst. Im Mittelalter hatte der Künstler als Einzelpersönlichkeit keine Bedeutung. Es waren ohne Zweifel hervorragende Handwerker und gesuchte Leute bei den Auftraggebern aber in gewisser Weise zumindest für uns heute  gesichtslos.
Neben der baulichen Gestaltung hatten sie mit ihrer Arbeit den Auftrag, den Menschen das Evangelium näher zu bringen. Denn die Menschen vor allem auf dem Lande hatten meist keine Schulbildung und konnten weder schreiben noch lesen. So erzählen die verschiedenen Darstellungen – seien es die herrlichen Steinmetzarbeiten an den Portalen oder die Bilder an den Wänden der Kirche – Geschichten aus dem alten und neuen Testament. Dadurch wurde von den Mönchen und Künstlern eine neue bildhafte Erzählweise geschaffen. Während allerdings die Malerei der Romanik von geringerer künstlerischer Bedeutung war –  körperlose Darstellungen  und fehlende räumliche Perspektive dominierten – , entwickelte sich die Skulpturendarstellung  zu  einem  beeindruckenden Bauelemente der Romanik. Die romanische Plastik bot den Künstlern durch die dritte Dimension  die Chance, einen lebendigen und starken Ausdruck zu kreieren. Die außergewöhnliche Leistung beruht  auf der Fähigkeit, die Figuren immer mehr als Körper zu begreifen. Waren die ersten Arbeiten noch eher flache Reliefs, so scheinen die Figuren der späteren Werke aus der Wand herauszuwachsen und die ganze Architektur zum Leben zu erwecken. Ihre Schöpfer hatten sich im Laufe der Zeit aus Steinmetzen zu beeindruckenden Bildhauerpersönlichkeiten entwickelt.
Die Plastiken strebten nicht nach realistischen Darstellungen und Proportion, sondern hatten einen meist christlichen Symbolgehalt zu erfüllen. Dramatische Szenen, dämonische Gesichter und Fratzen, eine starke Faltenausprägung der Gewandfigur sollten das Auge fesseln. Der ausgeprägte Kontrast zwischen Symbolen für Gutes und Böses war durchaus gewollt und berechnet. Das Ziel der Bauplastiken – zunächst vor allem an Fassaden und Portalen, später auch im Innenraum –  war es einerseits die Geschichten des alten und neuen Testaments wiedergeben und andererseits den bösen Mächten den Zugang zur Kirche verwehren. Denn in der damaligen Vorstellung befand sich der Mensch permanent im Kampf zwischen heiligen und dämonischen Kräften. Betrachtet man die Gestaltung der Plastik im Zeitablauf der Romanik,  so kann man feststellen, dass sich im Rahmen dieses Prozesses  die Steinmetze zu Bildhauern entwickelten. Es existiert eine romanische Bildsprache, die in Europa beinahe einzigartig ist und deren Phantasievorstellungen fast grenzenlos zu sein scheinen. Das Spektrum reicht von der Darstellung des Gottes als Richter in der Darstellung des Jüngsten Gerichts bis hin zu den dämonischen Wesen und Fratzen in den Figurenkapitellen z.B. in den Kreuzgängen. Ergänzt wird dies durch die Funktion des Ornaments. So werden in zahlreichen Beispielen die Grenzen zwischen konkreten Darstellungen und abstrakten Schmuckformen aufgehoben. Oft liegt den ornamentalen Motiven ein tieferer Sinne in, der sich dem modernen Betrachter nur zum Teil erschließt. So werden z.B. die Rosetten auf den Säulen in Moissac als Feuerräder der Hölle interpretiert. Dass diese faszinierende Bilderwelt sowohl die mittelalterlichen Gläubigen als auch die modernen Betrachter in ihren Bann zieht, ist nur all zugut nachvollziehbar.
Kreuzgang von Moissac Abtei Saint-Pierre
Kreuzgang der Abtei Saint-Pierre (Moissac) // Quelle: Wikipedia
Bemerkenswert ist auch, dass die romanische Skulptur an Portalen und Kapitellen befestigt war und somit Jahrhunderte überdauerte. Es handelt sich um eine Kunstform, die, da sie unverrückbar war, so jedermann zugänglich und somit nicht elitär einigen wenigen vorbehalten war.
Stellvertretend für die romanische Plastik auf unserem Weg ist das südliche Portal mit dem Tympanon in Moissac benennen, das zu einem der Höhepunkte der romanischen Bildhauerei zählt. Es veranschaulicht das vierte Kapitel aus der Offenbarung des Johannes mit dem Hauptthema des Jüngsten Gerichts. Ebenso zu erwähnen ist der dortige Kreuzgang, der auf Grund seiner Vollständigkeit und seiner zahlreichen Skulpturen ein einmaliges Zeugnis romanischer Baukunst ist. Besonders zu erwähnen  sind hier die vielen Figurenkapitelle, die etwa fünfzig Bibelstellen veranschaulichen.
Tympanon Moissac am südlichen Portal der Abtei Saint-Pierre
Tympanon am südlichen Portal der Abtei Saint-Pierre in Moissac // Quelle: Wikipedia
Ein weiteres wunderschönes erhaltenes Tympanon der Romanik findet sich in Conques. Das Tympanon des jüngsten Gerichts erhebt sich über dem Westportal und zählt auf Grund seiner Größe und Originalität ebenfalls zu den Meisterwerken der romanischen Bildhauerkunst.
Tympanon des Eingangsportals der Klosterkirche Ste-Foy in Conques // Quelle: Wikipedia
Neben den großen Meistern der Bildhauerkunst gab es auch eine große Schar an zweitklassigen Künstlern, deren Arbeiten aber für die Klöster aus wirtschaftlicher Sicht von großer Bedeutung waren. Jedes Kloster, das an einer der Pilgerrouten lag, besaß eigene Werkstätten. In diesen wurden Devotionalien und alle möglichen Arten von Souvenirs – Kruzifixe, Heiligenbilder, Heiligenfiguren etc. – hergestellt und dann an die Pilger verkauft – ein Phänomen, das wir ja auch heute (leider) noch in den bekannten Wallfahrtsorten zu Genüge wiederfinden.
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