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Vorsicht bei Vorurteilen

Vorsicht bei Vorurteilen

Geschichten auf dem Camino del Norte

Wir waren gerade in San Sebastian angekommen und liefen die Promenade entlang Richtung Jugendherberge. Da sprach uns plötzlich ein junger Mann an und fragte uns auf Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch, welche Sprache wir sprächen. Wir reagierten erst nicht und nahmen an, da wolle uns jemand anbetteln. So schritten wir zügig weiter. Der junge Mann ließ aber nicht locker, bis ich endlich – mehr um ihn loszuwerden – etwas ungnädig sagte “deutsch“. Da sprach er uns dann fröhlich an, er sei auch Deutscher und ob wir so wie er auch Pilger auf dem Jakobsweg seien. So kamen wir  ins Gespräch. Er kam aus Leipzig, hatte gerade sein Abitur bestanden und wollte dann auf Lehramt studieren und vorher eben den Camino del Norte gehen.

Er hatte uns angesprochen, da er auch gerade auf dem Weg zur Herberge war und da diese nicht ganz so leicht zu finden war, wollte er uns einfach begleiten und uns den Weg zeigen. Und das tat er auch und noch mehr. Denn als wir bei der Herberge ankamen, war diese schon voll besetzt. So verhandelte er mit der Dame an der Rezeption auf Spanisch, ob sie eine Lösung für uns hätte. Und wirklich, sie konnte uns eine Pension etwas außerhalb von Santander vermitteln und die Pensionswirtin war sogar bereit, uns mit dem Auto abzuholen. Nochmals vielen Dank Jan für Deine Hilfe!!! Denn die Hotelpreise an diesem Wochenende lagen in San Sebastian bei über 200.- €!!!

Und ich habe mir vorgenommen, mit meinen Vorurteilen vorsichtiger umzugehen und erst einmal zu überprüfen, ob der ein oder andere Mensch wirklich in die von mir vermutete Schublade gehört!

Das Pilgern ist hier eine gute Möglichkeit, trifft man doch die unterschiedlichsten Menschen. Jeder begegnet den Mitpilgern so, wie er ist. Es ist nicht wichtig, welche soziale Stellung man zuhause hat, sondern es geht um das Verhalten und die Erlebnisse im hier und jetzt. Es ist die Erfahrung des Gemeinsamen in der Unterschiedlichkeit der einzelnen Pilger. Es finden alle möglichen Arten von Interaktion statt, was wiederum zur eigenen Selbsterfahrung führen kann.

Es gibt schöne Sprüche dazu:

Es kommt niemals ein Pilger nach Hause, ohne ein Vorurteil weniger und eine neue Idee mehr zu haben!       Thomas Morus

Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit.       Mark Twain

Wie funktionieren eigentlich Vorurteile?

Von klein auf lernen wir Menschen in Schubladen zu stecken. Diese Einteilungen helfen uns, die Welt zu ordnen und den Überblick zu behalten. Aber die Kategorisierung hat noch einen anderen Zweck. Sie teilt die Menschen in „wir“ und „die“ ein. Die Mitglieder der Eigengruppe werden geschätzt, die der Fremdgruppe meist distanziert betrachtet. Dann werden diese Schubladen, in die man die Menschen gesteckt hat, etikettiert, d.h. sie werden mit einer positiven oder negativen Bewertung belegt. So wird aus einem zunächst (meist) nur falschem Stereotyp ein Vorurteil. Vorurteile sind somit verallgemeinernde, voreilige, fehlerhafte, pauschalierende Urteile über Menschen.

Durch eine kritische Wahrnehmung und eine offene Einstellung lassen sich Vorurteile auch wieder abbauen. Aber leider haben Vorurteile die Tendenz sich zu verfestigen. Durch eine Zustimmung meiner Bewertung in meiner Eigengruppe kommt es zu einer ersten Verfestigung. Zudem stärkt das gemeinsame Vorurteil das interne Gemeinschaftsgefühl und die bewusste Abgrenzung nach außen. Man fühlt sich anderen gegenüber überlegen. Also warum sollte man an seiner Bewertung zweifeln! Zudem bemerkt man die negativen Zuschreibungen deutlicher und man schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit als jenen Vorkommnissen, die z.T. sogar häufiger und eigentlich positiv zu bewerten wären. Man stuft diese einfach als Ausnahmen ein und kann so sein Vorurteil behalten. Auf Grund dieser Prozesse besteht natürlich keine Notwendigkeit, das Vorurteil in Frage zu stellen. Somit kann es sich weiter verfestigen und es dann sehr schwer, solche Vorurteile aufzubrechen.

Was kann man tun?

  • in uns gehen und versuchen, unsere Vorurteile zu erkennen
  • Kontakte zu Menschen anderer sozialer Gruppen herstellen in positiven druckfreien Situationen
  • auf die eigene Ausdrucksweise achten. gerade auch wenn Kinder dabei sind
  • aber auch eine übertriebene Toleranz zu vermeiden, da der Fokus auf Andersartigkeit und nicht auf Gemeinsamkeit gerichtet ist
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Be happy

Be happy !

Geschichten auf dem Camino del Norte

Jakobsweg Hintergrundwissen Smiley

Er gibt diese Begegnungen auf dem Jakobsweg, die manchmal nur ganz kurz sein mögen, die aber einen tiefen Eindruck hinterlassen und die einem soviel geben, von dem man auch später noch zehrt. So geht es uns mit der Begegnung mit einem  spanischen Pilger.

Wir waren jenem großen kräftigen Spanier schon mehrmals in den Herbergen auf unserer Wanderung begegnet. Wir hatten uns stets mit einem freundlichen Lächeln begrüßt aber sonst kein Wort miteinander gewechselt. Unser Spanisch war für eine Konversation zu schlecht und wir hörten ihn auch nur mit Spaniern reden. Am letzten Tag seiner Reise trafen wir ihn in Santander. Wir gingen gemeinsam aus der Herberge und so kamen wir – auf Englisch – ins Gespräch. Er sagte, dass er nun nach Hause fahre und zeigte uns noch ein Café in Bahnhofsnähe, dass sehr guten Kaffee habe. Dann trennten sich unsere Wege. Da dieses Café aber gerade an diesem Tag zu hatte, suchten wir weiter und fanden schließlich ein kleines Café. Wir setzten uns an einen kleinen Tisch und dann entdeckten wir „unseren“ Spanier an der Bar, dem wir freundlich zuwinkten. Kurze Zeit später kam er an unseren Tisch, sagte sein Zug ginge gleich und dann fielen jene Worte, die uns noch heute mit Freude erfüllen. „I wish you bien camino, a good life and be happy!“ Da stand dieser fast 2 m große kräftige Mann vor uns und sagte so zarte berührende Worte! Schade, dass wir nicht schon früher miteinander gesprochen haben, es wären sicher interesssante Gespräche geworden. Aber schön, dass diese kurze Begegnung stattgefunden hat!

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Kulinarisches Baskenland

Kulinarisches Baskenland

Sterneköche, Pintxos und Txokos

Sterneköche

Im Baskenland gibt es nach Kyoto die meisten Michelin Sterne-Köche pro Einwohner weltweit gibt. Schon allein in und um die kulinarische Hochburg San Sebastian glänzen stolze 16 Sterne. Kultstatus haben vor allem die altbewährten Dreisternerestaurants Arzak, Akelarre und Martin Berasategui.

Den ersten Meilenstein für eine neue „cocina vasca“ legten bereits die Pioniere Juan Mari Arzak und Pedro Subijana, als sie in den 70er Jahren aus Frankreich zurückkehrten. Sie hatten mit dem renommierten Chef Paul Bocuse gekocht und brachten eine radikal neue Vision der „nouvelle cuisine“ mit, die revolutionär war. Der „Patriarch“ unter den baskischen Chefs war jedoch Luis Irizar mit seiner neuartigen Schule für Hotel- und Gaststättengewerbe Euromar. Die jungen ambitionierten Köche konnten sich dort kreativ entwickeln und mit dem Einfluss des katalanischen Kollegen Ferrán Adrià hat sich nach und nach eine neue Philosophie der modernen Küche etabliert.

In Bilbao sind die berühmtesten Sterneköche sind neben Azurmendi etwa Mina, Etxanobe, Nerua, Aizian, Andre Mari, Zarate und Etxabarri.

In San Sebastian sind die Sternerestaurants Arzak, Akelarre, Martin Bersategen, Muraritz, Kokotxa, Mirador de Ulia, Basque Culinary Center.

Pintxos

Neben diesen Spitzenrestaurants, die nicht unbedingt für jeden Geldbeutel geeignet sind, gibt es für jedermann jene Kunstwerke in Miniaturform.

Ein wahrer Augenschmaus sind die „Pintxos“, die baskischen Tapas. Sie zeigen fantasievolle Kunstwerke in Miniaturform, die an unzähligen Tabernentheken angepriesen werden. Für die Einheimischen sind das allerdings Appetithäppchen vor der eigentlichen Mahlzeit. Das Sozialleben findet auf der Straße und in den Bars statt, man zieht um die Häuser, von Kneipe zu Kneipe. „Poteo“ nennen es die Basken.

Die Pintxos sind in sämtlichen kleinen Kneipen, Bars und Restaurants allgegenwärtig. Pintxos sind ein wesentlicher Bestandteil der baskischen Esskultur und spiegeln die gesamte Bandbreite der baskischen Kulinarik wider. Der Name stammt vom spanischen Verb „pinchar“, was „aufspießen“ bedeutet. Dieser Vorgang beschreibt das Pintxo schon recht gut: Kleine kulinarische Köstlichkeiten werden mit einem Zahnstocher auf einem Stück gerösteten Brot aufgespießt. Aber auch andere leckere Kleinigkeiten ohne Brot fallen unter den Sammelbegriff.

Generell ist bei der Zubereitung Fantasie gefragt, denn Pintxos leben von der kreativen und teilweise extravaganten Kunst der Kombination verschiedener Zutaten. So verwundert es nicht, dass das Angebot in baskischen Bars riesig ist – auf dem Tresen findet man oft eine große Auswahl traditioneller Pintxos z.B. Sardellen auf Serrano-Schinken und Ziegenkäse, Glasaal auf mit gekochtem Ei, gefüllter Zucchini, Fisch wie Seehecht, Thunfisch, Kabeljau, oder auch Kartoffelomelett, gefüllte Paprika, Kroketten aber es gibt auch außergewöhn-lichere Zubereitungen. Üblicherweise isst man ein oder zwei Pintxos und zieht dann in die nächste Bar weiter. 

Wie bestellt man Pintxos? Üblicherweise gehen Sie in der Bar an die Theke und bitten den Kellner oder Barmann um einen Teller. Darauf stapeln Sie sich eine Auswahl der Pintxos. Je nach Bar zeigen Sie entweder dem Kellner anschließend Ihre Auswahl, der diese dann abrechnet oder es werden Ihnen zum Schluss die Anzahl der übriggebliebenen Zahnstocher berechnet. 

Pintxos Baskische Küche

Txokos

Doch nicht nur die Gastronomie floriert im Baskenland, auch private Kochvereine sind hier seit jeher weit verbreitet und zeugen davon, wie tief die Kulinarik in der Region verwurzelt ist: Viele Basken treffen sich in sogenannten “Txokos”, eigenständigen Gesellschaften zum gemeinsamen Kochen und Genießen. 1870 begann diese Tradition, die lange Zeit ausschließlich baskischen Männern vorbehalten war und deren Mitgliedschaft von Vater zum Sohn weitervererbt wurde. Die Txokos, übersetzt in etwa Winkel oder Refugium, sind traditionelle Männerclubs aus der Nachbarschaft eines Viertels, die sich zum Kochen, Fluchen, natürlich Trinken und Albern sein treffen. Frauen hatten und haben hier i.d.R. keinen Zutritt. Soziologen erklären das Phänomen als einen Ausgleich zum traditionellen baskischen Matriarchat. Denn in den Fischerhütten und den Arbeitersiedlungen hatte die Frau die Schürze und darunter die Hose an.

Baskisches Cafe
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Camino del Norte Geographisches Geographisches

Die herrlichen Flysch-Klippen von Zumaia

Die herrlichen Flysch-Klippen von Zumaia

Die herrlichen Flysch-Klippen von Zumaia

Die Flysch-Klippen von Zumaia

Flysch

Flysch bezeichnet in der Geologie eine marine sedimentäre Gesteinsschicht, die meistens durch eine Wechselfolge von Tonerden und grobkörnigerem Gestein (typischerweise Sandstein) gekennzeichnet ist. Die Sedimente sind oftmals nachträglich gefaltet. Flyschserien entstehen während gebirgsbildender Prozesse.

Die Flysch-Klippen von Zumaia

Zumaia liegt an der Küste von Guipúzcoa in der spanischen Autonomen Region Baskenland. Berühmt ist es für die sensationelle Geologie, die am Playa de Itzurum in Zumaia am deutlichsten zu sehen ist. Es handelt sich hier um Flysch Formationen von außergewöhnlicher Schönheit und Bedeutung. Häufig vertikal geschichtet ziehen sich die Schichten ungestört dahin über 13 km zwischen Mutriku, Deba und Zumaia. Die Sedimentabfolgen von Kalken, kalkhaltigen Tonen, Mergeln und grobkörnigeren Sandsteinen entstanden von der Kreide bis ins Paläogen, eine Zeitspanne von bis zu 100 Millionen Jahren.

In den Schichten finden sich Spuren bedeutender Phänomene und großer Katastrophen. Der Kreide-Paläogen-Übergang ist der Zeitpunkt eines bedeutenden geologischen Ereignisses. Vor etwa 66 Mio. Jahren kam es zum größten Massensterben der Erdgeschichte, was unter anderem auch zum Aussterben der Dinosaurier führte, wohl auf Grund eines Meteoriteneinschlages auf der Erde.

Die geologische Geschichte der Flyschklippen begann vor etwa 110 Millionen Jahren und ist verbunden mit dem Öffnen und Schließen des Golfs von Biskaya, der Bildung der Pyrenäen und der „jüngeren“ Erosion durch Meer und Regen.

Als sich die Öffnung des Golfs von Biskaya verlangsamte (Bild 2 oben), wurde das Gebiet, das heute ein Geopark ist, zum Boden eines tiefen und ruhigen Meeres, in dem sich Schichten aus Kalkstein, Mergel und Sandstein in horizontalen Schichten ablagerten. Dieses Sediment wurde zum Flysch, der heute zwischen Deba und Zumaia zu sehen ist. Durch die enorme Materialmenge entstand ein über 3000 m dicker Meeresboden. In ihm kann man lesen wie in einem großen Buch, dessen Seiten man einzeln umblättern kann, um mehr als 15 Millionen Jahre Erdgeschichte zu enthüllen. In den Schichten finden sich Spuren bedeutender Phänomene und großer Katastrophen. Der Kreide-Paläogen-Übergang ist der Zeitpunkt eines bedeutenden geologischen Ereignisses. Vor etwa 66 Mio. Jahren kam es zum größten Massensterben der Erdgeschichte, was unter anderem auch zum Aussterben der Dinosaurier führte, wohl auf Grund eines Meteoriteneinschlages auf der Erde.

Die Iberische Halbinsel drehte sich dann weiter gegen den Uhrzeigersinn, bis sie auf Eurasien stieß, wo sie den Golf von Biskaya endgültig abschloss und die Pyrenäen-Gebirgskette bildete (Bild 3 oben). Das marine Sediment faltete sich auf und es kam zu Brüchen und Verwerfungen.

Die Landformen, die man heute sieht, sind das Ergebnis eines Erosionsprozesses durch das Meer und den Regen in den letzten 5 Millionen Jahren (Bild 4 oben). Die Intensität und Art des Prozesses wurden mit den Klimaschwankungen in jüngster Zeit und mit Schwankungen des Meeresspiegels in Verbindung gebracht. In dieser Zeit kam es Entstehung bestimmter regionaler Erscheinungen, darunter die Entwicklung des Flussnetzes und die Schaffung von Flusstälern, die Bildung von Abriebplattformen und Stränden, das Auffüllen von Flussmündungen, die Karstbildung von Höhlen, Zinnen und Hohlräumen (Poljen) und schließlich das Auftreten von Vegetation und menschliche Siedlungen.

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Die herrlichen Flyschklippen von Zumaia

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Camino del Norte Historisches Historisches

Die Höhlenmalerei in Nordspanien

Die Höhlenmalerei in Nordspanien

und eine Zeittafel der Ur- und Frühgeschichte

In der langandauernden älteren und mittleren Altsteinzeit hat es noch keine darstellende Kunst gegeben. Das Jungpaläolithikum, die Zeit der Höhlenmalereien, fällt mit der letzten Eiszeit (Ende gegen 10 000 v. Chr.) zusammen. Es ist die Zeit der jüngeren Altsteinzeit (s. auch die Zeittafel unten). Die Träger der jungpaläolithischen Kulturen waren auf höherer Stufe stehende Jäger und Sammler, die sich in den eisfreien Teilen Europas und Asiens befanden.

Die Kunst der Höhlenbilder hat ihre Zentren in Südfrankreich und in Nordspanien. Sie befindet sich im sogenannten franko-kantabrischen Kreis. Daneben in unmittelbarer territorialer Nähe finden wir die mesolithische Felskunst Ostspaniens, die sich aber auffallend von der Höhlenkunst unterscheidet und zeitlich schon zur Mittelsteinzeit zählt. Auffallend deshalb, weil im franko-kantabrischen Kreis vorwiegend das Tier im Zentrum der Darstellung stand, in der mesolithischen Felskunst der Mensch.

Große klimatische Veränderungen führten zu bedeutenden Umwandlungen der europäischen Flora und Fauna. Jagdobjekte werden neben dem Bison Elch, Hirsch, Wisent oder Wildschwein. Es werden neue Arten von Arbeitswerkzeugen geschaffen, der Bogen als Jagdwaffe entsteht. Allein solche technischen Errungenschaften wie die Erfindung und Verbreitung des Bogens seit dem Jungpaläolithikum machte den Menschen unabhängiger von den Zufällen der Jagd. Und diese Veränderungen beeinflussten natürlich auch die Weltanschauung des Menschen. Sie festigte in ihm das Bewusstsein der eigenen Kraft und Bedeutung.

Was die Höhlenmalerei betrifft, so sind die Bilder im Jungpaläolithikum von künstlerischer Naturtreue gekennzeichnet. Das heißt, die dargestellten Wesen werden durch geringe Stilisierung in ihren typischen Artmerkmalen wiedergegeben. Wichtig sind der Gegenstand, seine Farben und seine Räumlichkeit. Die Höhlenmalereien bestehen aus einzelnen zusammenhangslosen Figuren, was ihrer Qualität keinen Abbruch tut.

Die Zeichnungen sind ein Indikator für Fähigkeiten des Homo sapiens, die seine Vorgänger z.B. der Homo neanderthalensis noch nicht besaßen. Denn es gehören schon bestimmte Fähigkeiten dazu, die Tiere in der dargestellten Form zu gestalten. Die Künstler mussten differenzieren können zwischen den Dingen, die wichtig sind und somit dargestellt werden sollten und jenen Details, die unwichtig sind. Außerdem mussten sie eine Vorstellung von Proportionen haben, um z.B. ein Bison mit Hilfe von Linien und Farben so darzustellen, dass er naturalistisch wirkt. Denn es ist ja nicht so einfach ein dreidimensionales Objekt in eine zweidimensionale Darstellung zu übertragen. Zudem suchten sie an den Wänden bestimmte natürliche Vorsprünge, um den Objekten eine gewisse Art von Relief zu geben und somit eine Art Perspektive herzustellen. Wenn man bedenkt, dass die Integration der Perspektive in die Malerei erst in der Zeit der Renaissance gelang, also 15.000 Jahre später, so kann man die Bedeutung der Höhlenmalerei noch besser einschätzen.

Für die Farben haben die Künstler Holzkohle und Erdfarben – verschieden getönten Ocker, Rötel und schwarze Manganerde – mit Fett oder Eiweiß gemischt, die tief in den Stein eindrangen. Für den Farbauftrag kamen vermutlich Federn zum Einsatz. Aber auch Farbstifte und Röhrenknochen, durch die der Farbstoff aufgeblasen wurde oder ein Farbauftrag mit der Hand waren möglich. Zu Anfangs wurde vor allem die Ritztechnik verwendet.

Die Deutung der Malereien ist spekulativ und es ist keine eindeutige Interpretation möglich. Die Malerei hat  – nach Auffassung einiger Wissenschaftler – einen magisch-kultischen Ursprung. Es war die Beschwörung der zum Lebensunterhalt so dringend notwendigen Jagdbeute. Man wollte durch die bildliche Darstellung einen Zauber ausüben, damit ihre Waffen auch den ersehnten Erfolg erzielten. Es wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass in den meisten Fällen Tiere – wie Pferde, Hirsche oder Bisons – dargestellt werden, die den Menschen nützlich waren und ihnen Nahrung und Material lieferten. Kaum dargestellt wurden z.B. Füchse, Höhlenlöwen, Höhlenbären und Braunbären, die zur selben Zeit in dieser Gegend lebten, aber als gefährlich und bedrohlich eingestuft wurden. Außerdem wird von Wissenschaftlern davon gesprochen, dass die Kunst eine Art “symbolischer Klebstoff” war. Sie hält die Gruppe zusammen und schafft eine Situation, in der die Menschen stärker sind als allein. So wird eine gemeinsame Identität geschaffen, neben der Malerei durch Musik und Geschichten erzählen.

Neben der magisch-kultischen und sozialen Intention der Malerei entwickelte sich – so vermutet man zumindest – durch die fortschreitende Kunstfertigkeit auch der Wunsch nach künstlerischer Betätigung. Man könnte die dargestellten Hände als Signatur und Hinweis auf den Stolz der Künstler über ihre künstlerische Tätigkeit interpretieren, aber es wurde nachgewiesen, dass zahlreiche Hände Frauen- oder Kinderhände sind. Das alles zeigt, dass man sich bei der Interpretation der Malereien doch sehr im spekulativen Bereich befindet, was aber nicht die Bewunderung für die künstlerischen Fähigkeiten zur damaligen Zeit schälert.

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

Die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Höhlen liegen im Baskenland, in Kantabrien und in Asturien

Baskenland

  • Höhle von Santimamiñe in Cortézubi
  • Höhle von Ekain in Deba
  • Höhle von Altxerri in Aya

Kantabrien

  • Höhle von Altamira in Santillana del Mar (s. das eigene Kapitel dazu)
  • Höhle von Chufín in Riclones, Gemeinde Rionansa
  • Höhle von Hornos de la Peña in Tarriba, Gemeinde San Felices de Buelna
  • Höhlen am Monte Castillo in Puente Viesgo: El-Castillo-Höhle, Las Monedas, La Pasiega und Las Chimeneas
  • Höhle von El Pendo in Escobedo de Camargo, Gemeinde Camargo
  • Covalanas in Ramales de la Victoria
  • Höhle La Garma in Omoño, Gemeinde Ribamontán al Monte

Asturien

  • La Cueva de la Peña in San Román, Gemeinde Candamo
  • Cueva de Tito Bustillo in Ribadesella
  • Höhle von Covaciella in Cabrales
  • Höhle von Llonin, Gemeinde Peñamellera Alta
  • Höhle von Pindal in Ribadedeva

Zeittafel der Ur- und Frühgeschichte

Die Steinzeit ist die früheste Epoche der Menschheitsgeschichte.

Frühgeschichte

800 v. Chr. – 5. Jh. n.Chr.                                   

Urgeschichte 

2200 – 800 v. Chr.

2,6 Mill. – 2200 v. Chr

Übersicht Urgeschichte

Holozän

(➚ Frühgeschichte)

Eisenzeit

  späte Bronzezeit

 

  mittlere Bronzezeit

  frühe Bronzezeit

Bronzezeit

    Kupfersteinzeit

 

  Jungsteinzeit

Mittelsteinzeit

Pleistozän

    Jungpaläolithikum

 

    Mittelpaläolithikum

    Altpaläolithikum

  Altsteinzeit

Steinzeit

                                                                     

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Camino del Norte Historisches Historisches

Die Höhle von Altamira

Die Höhle von Altamira

bei Santillana del Mar

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

Der Camino del Norte führt uns nach Santillana del Mar 30 km von Santander entfernt. Dieses Städtchen ist nicht nur wegen seiner mittelalterlichen Altstadt berühmt, sondern auch wegen der Höhlen von Altamira mit ihren berühmten Felsmalereien.

Neben Lascaux und Niaux ist die Höhle von Altamira die wohl berühmteste frankokantabrische Höhle (jüngere Altsteinzeit). Die Altamirahöhle wölbt sich über einer Fläche von mehr als 5500 m². Sie wurde von 33.600 v. Chr. bis zum Einsturz des Einganges 11.000 v. Chr. genutzt. Die besonders beeindruckenden Deckengemälde werden dem Zeitraum 16.500 bis 13.000 v. Chr. zugeordnet.

Die Höhle besteht aus mehreren Räumen und enthält etwa 930 altsteinzeitliche Bilder, darunter Ritzzeichnungen, reine Kohlezeichnungen und farbige Darstellungen.  Neben vielen abstrakten oft rechteckigen Zeichen und Mäandern sind Hirsche, Bisons, Hirschkühe, Pferde und Wildscheine dargestellt dazu eingravierte Männerfiguren. Sie enthält polychrome Darstellungen, vor allem die berühmte Bisongruppe an der Decke, solche mit lediglich schwarzer Umrisslinie (sogenannte „schwarze Bildfolge“) und Gravuren (am ältesten). Manche Wandvorsprünge sind zu Masken umgebildet. Die naturnahe Darstellung der Bisons überrascht um so mehr, da die Tiere fast lebensgroß dargestellt auf unebener Decke gemalt wurden, was selbst für einen versierten Künstler keine leichte Sache ist. Die verwendeten Farben beschränken sich auf Rot, Ocker und Schwarz, was die Leistung der Künstler noch größer erscheinen läßt.

Was die Analyse der Zeichnungen betrifft, so beschränkt sich diese meist auf die Datierung, Chronologie und den Vergleich von Stilelementen. Warum und zu welchem Zweck die Höhlenmalereien geschaffen wurden, was die Menschen bewegte, die in diesen dunklen Höhlen längere Zeit ausharren mussten, um diese ganzen Zeichnungen zu erstellen, bleibt uns verborgen. Und was wollten sie ausdrücken, wenn sie ihre Hände mit roter Farbe beschmierten, um Abdrücke auf den Wänden zu hinterlassen?

Immer wieder werden neue Höhlen entdeckt. Die Malereien in der Höhle von El Pendo, nicht weit von Altamira entfernt, wurden als 3000-4000 Jahre älter als Altamira geschätzt. Die Höhle Aurelia bei Castro-Urdiales ist mit Bisondarstellungen ausgemalt, die wiederum eine starke Ähnlichkeit mit denen in Altamira haben. Die meisten öffentlich zugänglichen Höhlen findet man um den Ort Puente Viesgo. 

 

Geschichte der Entdeckung von Altamira

Im Jahr 1868 entdeckte ein Jäger auf dem Wiesengelände bei Santillana den verschütteten Zugang zu einer Höhle. Dies meldete er dem Grundherrn, Don Marcellino de Sautuola, einem begeisterten Heimatforscher. Da es aber zahlreiche Höhlen in der Gegend gab, begann er erst 1879 in Altamira systematisch zu graben. Eines Tages nahm er seine fünfjährige Tochter mit zur Grabungsstätte. Das Mädchen, das sich in der niedrigen Höhle nicht bücken musste, erblickte an der Decke farbige Tierbilder und machte durch seine kindliche Freude den Vater darauf aufmerksam. Der Forscher war begeistert und da er wusste, dass niemand die Höhle seit ihrer Freilegung betreten hatte, konnte er auch eine Datierung vornehmen. Er hatte nämlich bei seinen vorherigen Grabungen einige für den menschlichen Gebrauch zugerichtete Geräte aus Stein und Knochen eiszeitlicher Formung gefunden. Also schloss er daraus, dass die Höhlenmalereien auch aus dieser Zeit stammten. Er kontaktierte Juan Vilanova, einen Professor aus Madrid, der seine Ansicht über das Alter und die Bedeutung der Höhle teilte.

Aber die meisten Wissenschaftler waren nicht  dieser Meinung. Besonders frustrierend für die beiden Forscher war, dass ihnen sogar unterstellt wurde, die Bilder selbst gemalt zu haben, um berühmt zu werden. Der französische Prähistoriker Émile Cartailhac bezeichnete die Malereien als „vulgären Streich eines Schmierers“, die er und seine Zeitgenossen nicht einmal ansehen wollten. Es ist bedauernswert, dass Sautuola 1888 und Vilanova 1893 verstarben, ohne dass sie zu Lebzeiten Anerkennung für ihren Fund und seine Bewertung bekamen. Denn 1895 wurden in Frankreich ähnliche Malereien in der Höhle von Fort-de-Gaume bei Eyzies-de-Tayac-Sireuil im Departement  Dorgogne gefunden. Erst jetzt änderte sich die Meinung der Fachwelt und selbst die skeptischsten Kritiker bestätigten die Authentizität der Höhle von Altamira.

Die Höhle ist seit 1979 nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich, da durch die warme Atemluft der Besucher schwere Schäden entstanden und aufgrund der neu angebrachten Holzgeländer die Malereien zu schimmeln anfingen. Im Jahre 1998 wurde daher das spanische Geographieinstitut damit beauftragt, den ca. 1500 m² großen Eingangsbereich originalgetreu nachzubilden. Die Höhle wurde mit ca. 40.000 Vermessungspunkten pro Quadratmeter vermessen und mit Schaumstoffplatten und originalgetreu bemalten Matten nachgebildet. Die Nachbildung kann man in einem 500 m vom Originalplatz entfernten Besucherzentrum bewundern. Es ist wirklich einen Besuch wert!

Übrigens: Ein Forschungsteam aus Australien datierte eine Jagdszene mit Wildschwein aus einer Höhle in Indonesien auf ein Alter von über 51.000 Jahren – möglich machte das eine neue Methode zur Altersbestimmung. Die Zeichnung ist damit die älteste bekannte gegenständliche Höhlenmalerei.

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar
Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

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Die Unberührbaren

Die Unberührbaren - die Cagots

Cagots – von Frankreich und Spanien und die Funktion von Vorurteilen

Gesicht eines Cagots

In einem Kriminalroman aus der Baztan-Trilogie von Dolores Redondo wurde die Gruppe der Cagots mehrmals erwähnt. Mir sagte das zunächst nichts. Aber wie das ja häufig der Fall ist, wird man erst einmal auf etwas aufmerksam, dann findet man plötzlich mehr Informationen, über die man normalerweise hinweggegangen wäre. So stieß ich auf einer Seite von www.mein-frankreich.com auf einen Artikel über die Cagots und  auch im Buch von Arno Geiger “Reise nach Laredo” spielt ein Cagot  Geschwisterpaar eine wichtige Rolle. So entschloss ich mich, hier darüber zu berichten. Auch wenn die Geschichte der Cagots vielleicht Vergangenheit ist, so ist es das Thema der Diskriminierung von Menschen sicher nicht.

Name und Verbreitungsgebiet

Als Cagots (baskisch Agotak) bezeichnete man eine Personengruppe, die vom 13. bis 19. Jahrhundert in Frankreich und Spanien diskriminiert wurde. Obwohl sie jahrhundertelang auf Beziehungen untereinander reduziert waren, bildeten sie keine geschlossene Gruppe, sondern sie lebten in kleinen Gruppen von mehreren Familien am Rande von Städten und Dörfern.

Cagots gab es in Frankreich von der Gascogne bis ins Baskenland, im Armagnac, im Bearn und in den Pyrenäentälern, in Spanien in Aragon, im Süden Navarras, im Baskenland und in Asturien. Im Bereich der Pyrenäen war die Bezeichnung Cagot oder Cahet üblich, aber es sonst auch andere Bezeichnungen wie Agots, Capins, Kognards (wegen der Entenfüße, die sie z.T. tragen mussten) oder Chretien oder Chretias.

Über Ihre Herkunft gibt es keine gesicherten Aussagen. Die einen vermuten, dass die Cagots von den arianischen Westgoten abstammen, andere halten sie für Nachfahren der Sarazenen und vor allem im Baskenland für eingewanderte Romas.

Ausgrenzungsgründe

Worauf die Abgrenzung beruht, ist auf Grund der Literaturlage nur teilweise nachvollziehbar. Es gibt erste Information über sie im 10. Jh., aber wirklich bekannt wurden sie erst ab dem 12. Jh.

Sie lebten am Rande der Dörfer und Städte als segregierte Gemeinschaft. Eigentlich unterschieden sie sich nicht von ihren Nachbarn in Sprache, Ethik oder Religion, aber auf Grund ihrer Historie wurden sie mit der Krankheit Lepra in Verbindung gebracht. Die Ängste in der Bevölkerung  bezüglich Lepra drückten sich dann in fantastischen Vorwürfen gegen dieser Gruppe aus, die keineswegs der Realität entsprachen. Wenn es zunächst vielleicht Leprakranke waren, die sich am Rande der Dörfer ansiedelten, so wurden dann die späteren Nachfahren mit dem Stigma der Krankheit belegt, obwohl sie keine Kranken oder Überträger mehr waren, was sogar um 1600 offiziell von Ärzten der Universität Toulouse bestätigt wurde. Trotzdem wurde der Begriff weiter als nicht sichtbares Abgrenzungsmerkmal verwendet. Zusätzlich spielte auch die wirtschaftliche Situation eine Rolle. Da die Cagots nur bestimmte Berufe ausüben konnten und diese gesellschaftlich meist als  minderwertig erachtet wurden, waren die Cagots meist arm. Aber Armut wurde in der gesellschaftlichen Entwicklung im stärker diskriminiert. So führte eine Kombination von ihrem marginalen Status, ungeachtet der wirklichen Gesundheit, und Armut zu einer Verstärkung der Marginalisierung.

Sie wurden als Aussätzige behandelt und das über sechs Jahrhunderte!  So mussten sie zum Teil ein markantes Erkennungszeichen tragen, nämlich Krähen- oder Entenfüße aus rotem Stoff auf der Kleidung. Die Krähenfüße sehen ähnlich wie ein Feigenblatt aus. Das Feigenblatt war im neuen Testament ein Stigmatisierungszeichen für Leprakranke und gleichzeitig ein Hinweis auf ein Heilmittel gegen Lepra. Durch diese Stigmatisierung waren sie die Unberührbaren.

Interessant ist aber die Tatsache, dass Cagots nie Opfer von Gewalt in der Gesellschaft wurden wie z.B. die Juden oder die fahrenden Völker. Das zeugt von einer gewissen Integration in die Gemeinden, obwohl sie segregiert waren. Sie waren – wenn auch ein verachteter und unangenehmer – Teil einer Gemeinschaft. Dies verlangte Kontrolle über sie, aber nicht Bestrafung oder Vernichtung.

Diskriminierungen

Diese Marginalisierung mit ihrer vielfältige Ausgrenzung kann über Jahrhunderte nachgewiesen werden.

  • Sie mussten in eigenen Stadtvierteln leben. Sie hatten eigene Brunnen und eigene Waschhäuser. Es war ihnen nicht erlaubt, die der „Normalen Bewohner“ zu benutzen. Sie durften nichts anfassen, was auch „Nicht Cagots“ anfassten. Tiere durften nur für den Eigenbedarf gehalten werden und keinesfalls verkauft werden.
  • In den Kirchen hatten sie einen eigenen niedrigen Seiteneingang. Die Kommunion wurde ihnen nur mit einem langen Löffel gereicht. Sie mussten einen eigenen Friedhof benutzen. Auf der Taufurkunde stand nur der Vorname und dann Cagot.
  • Sie durften nicht mit „Nicht Cagots“ zusammen essen. Außerdem war es ihnen verboten, „Nicht Cagots“ zu heiraten. So suchten sie sich ihre Partner in anderen Familien außerhalb ihrer eigenen Wohngemeinschaften um Inzucht zu vermeiden, was wohl nicht immer gelang.
  • Außerdem bestand ein Verbot für die Ausübung der meisten Berufe. Da man glaubte, dass Holz und Eisen keine Leprakrankheiten übertrugen, waren die Berufe, die sie ausüben konnten, vor allem Tischler, Schreiner, Holzfäller, Totengräber und Schmiede aber auch Korbmacher und Schneider. Da sie Experten für Holzbau waren, sind nachweislich viele Kirchen in den Pyrenäen von ihnen mitgestaltet worden. Sie werden als freundliche und fleißige Handwerker beschrieben.

Integration

Die Diskriminierung richtete sich gegen die Cagots allein aufgrund des Makels ihrer Verarmung, des Stigmas der Segregation und der über Generationen hinweg verkrusteten negativen Stereotype. Seit mindestens dem 13. Jahrhundert waren die Cagots Diskriminierung ausgesetzt, allein weil sie Cagots waren. Als eigenständiges Phänomen existierten sie nur so lange, wie sie marginalisiert wurden.

Es war die Französische Revolution, die es ihnen ermöglichte, in Frankreich endgültig Vollbürger zu werden. De facto wurden die Cagots jedoch vielerorts noch lange danach diskriminiert; besonders aus der Bretagne wanderten viele von ihnen nach Amerika aus, um dort ein neues Leben zu beginnen. 

In Spanien dauerte es bis 1819, bis das Parlament die Marginalisierung von Cagots ausdrücklich untersagte.

Die Diskriminierung definierte die Cagots, und als sie nachließ, verschwanden sie. Aber wie sieht es heute wirklich aus?

Hilke schreibt in ihrem Blog www.mein-frankreich.com dazu:

Ich verzichte bewusst auf die Darstellung der diskriminierten Menschen. Inzwischen habe ich einige von ihnen persönlich kennengelernt. Einstimmig berichteten sie, dass die cagots bis heute nicht vollständig in der Gesellschaft akzeptiert und integriert sind.

Und ein englischer Reporter, der eine Frau, die von den Cagots abstammt, interviewte, wollte sie und ihre Kinder fotografieren. Sie hat das für sich akzeptiert, aber ihre Kinder wollte sie nicht fotografieren lassen. Hier ihre Begründung:

“I’m sorry but no. It is OK for me to admit where I come from. But if people knew about my children’s background, it might be difficult for them.”

She gazes out of the window, at the distant green Pyrenees. “In some places, the hatred lingers. Even now. The Cagots may be silent but I can still hear it.”

Aber es gibt auch eine Erinnerungskultur. So befindet sich das Musée des Cagots in dem Städtchen Arreau in den Hautes Pyrenées. Allerdings versteckt sich das musée des cagots im Château d’Arreau im ersten Stock und besteht aus einem einzigen Saal. Außerdem weisen gelegentliche Straßenschilder auf ihre frühere Anwesenheit hin. Ab und zu findet man auch an den Kirchen noch die kleinen Seiteneingänge für die damaligen Cagots. Manche dieser Eingänge sind inzwischen auch zugemauert.

Die Cagots und ihr Name mögen verschwunden sein, aber ihre Geschichte sollte nicht aus Scham verdrängt werden. Denn die Erinnerung an ihre Geschichte birgt auch die Chance, das Thema Marginalisierung und Diskriminierung und die Problematik von Vorurteilen zu thematisieren. Denn Vorurteile sind zu jeder Zeit – also auch heute – ein wichtiges gesellschaftliches Thema, mit dem man sich auseinandersetzen sollte. Daher sind unten einige grundsätzlichen Erkenntnisse zu Vorurteilen zusammengestellt

Quellen

Wie funktionieren eigentlich Vorurteile?

Von klein auf lernen wir Menschen in Schubladen zu stecken. Diese Einteilungen helfen uns, die Welt zu ordnen und den Überblick zu behalten. Aber die Kategorisierung hat noch einen anderen Zweck. Sie teilt die Menschen in „wir“ und „die“ ein. Die Mitglieder der Eigengruppe werden geschätzt, die der Fremdgruppe meist distanziert betrachtet. Dann werden diese Schubladen, in die man die Menschen gesteckt hat, etikettiert, d.h. sie werden mit einer positiven oder negativen Bewertung belegt. So wird aus einem zunächst (meist) nur falschem Stereotyp ein Vorurteil. Vorurteile sind somit verallgemeinernde, voreilige, fehlerhafte, pauschalierende Urteile über Menschen.

Ein Vorurteil ist eine ungerechtfertigte und in der Regel negative Einstellung gegenüber einer Gruppe und ihren Mitgliedern. Vorurteile beinhalten also stereotype Überzeugungen, negative Gefühle und die Bereitschaft zu diskriminierendem Verhalten. Ein Vorurteil ist somit eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, von einer Gruppe oder ihren einzelnen Mitgliedern in günstiger oder ungünstiger Weise zu denken, eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Der Ausdruck Vorurteil betont dabei den emotionalen, wahrnehmungsmäßigen und kognitiven Gehalt der inneren Prädispositionen und Erfahrungen eines Individuums. Das Verhalten muss nicht notwendigerweise mit diesen Erfahrungen übereinstimmen. (Stangl, 2026).

Als Maße für die Stärke von Vorurteilen können sowohl tatsächlich ausgedrückte Emotionen als auch die Konsistenz in verschiedenen Situationen herangezogen werden, am häufigsten wird jedoch der Grad von positivem (oder negativem) Gefühl gegenüber einer bestimmten und oft ethnisch definierten Gruppe herangezogen. Meist beziehen sich Vorurteile auf negative, abwertende Einstellungen gegenüber Außengruppen bzw. Minoritäten. Die kognitive Komponente der Vorurteile das subjektive Wissen bzw. die Meinungen über die Außengruppe wird dann als Stereotyp bezeichnet. Soziale Vorurteile sind extrem änderungsresistent, daher stereotyp, als sie bei hoher Verschiedenartigkeit der Situationen minimale Unterschiede in den Urteilen zeigen und auf umfangreichere, soziologisch definierte Klassen von Personen bezogen sind. Vorurteile beinhalten dabei immer Gefühle und ein System mehr oder weniger deutlicher Überzeugungen. Vorurteile implizieren im Alltag oft eine ablehnende oder sogar feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe gehört, der man die zu beanstandenden Eigenschaften zuschreibt. (Stangl, 2026).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2026, 6. Jänner). Vorurteil. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/4678/vorurteil

Durch eine kritische Wahrnehmung und eine offene Einstellung lassen sich Vorurteile auch wieder abbauen. Aber leider haben Vorurteile die Tendenz sich zu verfestigen. Durch eine Zustimmung meiner Bewertung in meiner Eigengruppe kommt es zu einer ersten Verfestigung. Zudem stärkt das gemeinsame Vorurteil das interne Gemeinschaftsgefühl und die bewusste Abgrenzung nach außen. Man fühlt sich anderen gegenüber überlegen. Also warum sollte man an seiner Bewertung zweifeln! Zudem bemerkt man die negativen Zuschreibungen deutlicher und man schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit als jenen Vorkommnissen, die z.T. sogar häufiger und eigentlich positiv zu bewerten wären. Man stuft diese einfach als Ausnahmen ein und kann so sein Vorurteil behalten. Auf Grund dieser Prozesse besteht natürlich keine Notwendigkeit, das Vorurteil in Frage zu stellen. Somit kann es sich weiter verfestigen und es dann sehr schwer, solche Vorurteile aufzubrechen.

Quellen

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