Historischer und philosophischer Hintergrund
Keine andere Strömung vor oder nach der Gotik verstand es, einen solch engen Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft herzustellen. Um nun aber zu verstehen, weshalb sich die gotische Architektur gerade im Frankreich des 12. Jahrhunderts aus der Romanik entwickelte, muss man zunächst einen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten jener Zeit werfen.
Es war eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Es war auch die Zeit der Kreuzzüge und einer erstarkenden Kirche, die Zeit, in der das Heilige Römische Reich langsam zerfiel und das französische Königshaus immer mehr an Macht gewann.
Im Jahre 1108 übernahm der Kapetinger Ludwig VI. die königliche Herrschaft im territorial stark zersplitterten Land. Der französische Monarch hatte zu jener Zeit zwar großes Prestige, realiter jedoch nur wenig Macht. Diese lag u.a. in den Händen Heinrichs I., der durch geschickte Heiratspolitik nicht nur Herzog der Normandie, sondern gleichzeitig auch König von England war und so enorme politische, wirtschaftliche und militärische Mittel hinter sich vereinigen konnte. Auch die Grafen der Champagne waren, durch wichtige Messestädte in ihren Gebieten, reicher und dadurch letztlich mächtiger als der französische König. Wesentlich einflussreicher war auch der Graf von Flandern, der das größte Wirtschaftszentrum nördlich der Alpen, ein im 12. Jh. sehr reiches Land regierte. (s. auch Kapitel der 100-jährige Krieg).
Um seine Macht zu stärken und die des Feudaladel im Land zu schwächen, paktierte Ludwig VI. mit der Kirche, vor allem mit seinem engen Berater Suger, dem Abt von Saint-Denis, der zusammen mit ihm in der Klosterschule von St. Denis erzogen worden war. Die Kirche unterstützte das Machtstreben der französischen Monarchie. Der König förderte zudem die zunehmenden Ordensgründungen und holte die Bruderschaften zu sich in die Hauptstadt.
Außerdem wurden durch Freiheitsbriefe, die sich der König von der jeweiligen Stadt beziehungsweise Gemeinde teuer bezahlen ließ, Feudalpflichten aufgehoben, die die wirtschaftliche Entwicklung stark eingeschränkt hatten. So standen diese Städte und einzelne Landgemeinden hinter dem König und gegen den sie früher ausbeutenden Feudaladel.
Mit dem Erstarken und der geographischen Ausweitung des französischen Kronlandes, also der Entwicklung zur zentralistischen Macht, breitete sich auch die für ‚das Neue’ stehende Architektur, die Gotik, aus. Gotische Sakralgebäude galten bald als ‚chic’, so dass jedes Land, jede Stadt und jede noch so kleine Gemeinde alle vorhandenen Mittel darauf verwendete, wenigstens eine etwas größere und neuere Kirche als die des Nachbarn zu bauen. Außerdem spielte auch die Parteinahme von Bündnispartnern in der Politik eine nicht unerhebliche Rolle bei der Expansion der Gotik. Wer innerhalb Frankreichs gotisch baute, bezeugte seine Gewogenheit gegenüber der französischen Krone. Die Baubewegung in Frankreich wurde vor allem in der Anfangszeit dadurch gefördert, dass das Volk und auch der Adel die Bautätigkeit mit finanziellen Mittel oder auch praktischer Arbeitstätigkeit unterstützten. So ist u.a. die große Zahl an Kirchen, Abteikirchen und Kathedralen (fast 20) in Frankreich zu erklären.
Gleichzeitig verbindet sich mit der Gotik eine ganz neue Einstellung zur Gestaltung des Lebens. Der Grund für eine solche Revolution ist die Veränderung der mittelalterlichen Mentalität über vorhandenes Wissen und vorhandene Wahrheit. Im 12. und 13. Jahrhundert wird Platons vom Heiligen Augustinus verteidigter Idealismus überwunden, der die philosophische Grundlage des frühen Mittelalters bildete. Die Philosophie des Aristoteles, die auf der Vorrangstellung der Sinne basierte, erlangte wieder eine große Bedeutung und wurde von Persönlichkeiten wie dem Heiligen Albert dem Großen und dem Heiligen Thomas von Aquin energisch verteidigt. Dieser Mentalitätswechsel führt in der Architektur dazu, dass sich der Architekt beim Bauen nicht mehr an regelmäßige Formen halten (im Wesentlichen Kreise und Quadrate) muss, sondern dass er frei arbeiten kann, nicht mehr nur als Geometer, sondern als Ingenieur. Das bedeutete auch, dass man sich an neue Gestaltungselemente heranwagte und herantastete. Dieser technische Empirismus verhalf dazu, geniale tektonische Lösungen zu erfinden, um Räume von großer Höhe und Farbe zu schaffen. Die Art und Weise, das himmlische Jerusalem im 13. Jahrhundert zu symbolisieren, bestand darin, einen großen Raum aus Licht und Farbe zu schaffen. Die Strahlen der Sonne, das Licht Gottes, sollten die ganze Kirche erfassen und das Bauwerk zur gebauten Metaphysik verwandeln.
Außerdem war es eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Am Anfang der Epoche setzte eine Phase der generellen Umstrukturierung im Wirtschaftsleben des Landes ein. Die Wirtschaft entwickelte sich in bestimmten Regionen und in den Städten positiv. Der Handelsschwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Stadt. Die Landbevölkerung strömte in die Städte (Landflucht). Durch das Wachstum der Städte entstand auch Bedarf an neuen Kirchenbauten und es sind auch die Städte, die die wirtschaftliche Kraft besitzen, um die aufwendigen Bauten der Gotik finanzieren und realisieren zu können. So entstanden sogenannte „Bauten der Macht“ in der Mitte der Stadt.
Es war auch die Zeit der Kreuzzüge. Die Kreuzzüge dienten neben der Eroberung der Stadt Jerusalem vor allem auch der Verbreitung und der Verteidigung des christlichen Glaubens – der Einflussbereich der Muslime sollte zurückgedrängt werden. Es ging dem Papst aber auch um eine erneute macht-politische Stärkung der Kirche und des Papsttums. Die Erstarkung der Kirche zeigte sich auch in der zunehmenden Bedeutung der Ordensgemeinschaften neben den Benediktinern hier vor allem den Zisterziensern, deren Verbreitung für die Gotik eine besondere Bedeutung hat.
So versuchten der König, der monarchisch orientierte Adel, Domkapitel, Bischöfe und Städte sich in dieser Konkurrenzsituation mit immer prächtigeren Bauten gegenseitig zu übertrumpfen – als Demonstration ihres Führungsanspruchs, aber auch aus echter frommer Begeisterung.
Die Gotik wurde in diesem Zusammenhang in Europa als willkommene Neuerung empfunden. Ausgehend von Frankreich entstehen Kirchen, die alle bisherigen Maßstäbe sprengen. Ein Baustil erfasst wie eine Revolution das Europa des 12. Jahrhunderts. Es werden Gotteshäuser gebaut, die zu ihrer Zeit die größten Gebäude überhaupt sind. Die neuen Techniken wurden voll Begeisterung übernommen, da durch sie auch die neue spirituelle Einstellung dargestellt werden konnte. England, Deutschland, Italien, Spanien und die anderen europäischen Länder wollten auch demonstrieren, dass sie die neue Kunst wenigstens so gut wie das Ursprungsland Frankreich beherrschten. Zudem verhalf die wachsende Bedeutung des Zisterzienserordens und seine strenge Durchstrukturierung einer weiteren Verbreitung der Gotik. All diese Fakten führten so zu einer breiten aber auch relativ einheitlichen Ausbreitung der Architekturkunst der Gotik.
Die Kathedrale des Mittelalters, das Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulptur, Malerei und Glasmalerei gilt als besonderes Wahrzeichen der Gotik. “Genie de Lieu” sagen die Franzosen, wenn ein Ort etwas ganz Eigenes und Besonderes atmet. Das kann wohl für die gotischen Kathedralen im Besonderen gelten. Sie spiegeln die Wandlung des mittelalterlichen Weltbildes wider, das mit einer neuen Frömmigkeit und mystischen Strömung einhergeht.
Einen großen Aufschwung nahm auch die profane Baukunst zur Zeit der Gotik, v. a. in den Städten, wo sie die wachsende Macht des aufstrebenden Bürgertums verkörperte. Sie übernahm Formen und Motive der französischen Kathedralgotik. So entstanden Burgen und Befestigungsanlagen, Rathäuser, Zunfthäuser, Hospitäler und Bürgerhäuser im gotischen Stil. Ein Baustil erfasst wie eine Revolution das Europa des 12. Jahrhunderts.