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Guernica – ein dunkles Kapitel deutsch-spanischer Geschichte

Guernica – ein dunkles Kapitel deutsch-spanischer Geschichte

Vorgeschichte

Zwischen 1936 und 1939 tobte in Spanien ein Bürgerkrieg zwischen den Truppen der demokratisch gewählten Regierung der Zweiten spanischen Republik und den nationalistischen Putschisten unter General Francisco Franco. Der Bürgerkrieg forderte mindestens 500.000 Todesopfer und verwüstete das Land. Schließlich siegten die Faschisten und marschierten am 28. März 1938 in Madrid ein. Von nun an herrschte ein faschistisches Regime unter General Franco in Spanien bis zu dessen Tod im Jahre 1975. Beide Seiten erhielten während des Bürgerkrieges Unterstützung durch ausländische Truppenverbände und Waffenlieferungen. So versorgte die stalinistische Sowjetunion die Republikaner, während das national-sozialistische Deutschland und das faschistische Italien auf der Seite der Nationalisten stand.

Luftangriff

Wissenschaftlich und politisch wird um den Luftangriff der deutschen Legion Condor im März 1937 bis heute gestritten. Allerdings nicht über die faktischen Ereignisse und Abläufe, sondern um die Absichten und Motive hinter dem Angriff.

Unstrittig ist, dass der Luftangriff auf die Stadt Guernica im Wesentlichen von den deutschen Flugzeugen der Legion Condor assistiert von einem italischen Verband geflogen wurde. Der eigentliche Luftangriff erfolgte in mehreren Wellen – von deutscher Seite waren Flugzeuge der Typen Do 17, Heinkel-He-51, He-111, Junkers Ju 52/3m und Messerschmidt 109 beteiligt. Am Nachmittag des 26. April 1937 legten die Bomber innerhalb von dreieinhalb Stunden das Zentrum des Städtchens mit damals etwa 5000 bis 6000 Einwohnern in Schutt und Asche. Etwa 200 bis 300 Menschen verloren dabei ihr Leben. Frühere Zahlen von 1600 Opfern erwiesen sich als übertrieben. Die exakte Bestimmung der Opferzahl war und ist auch deshalb nicht möglich, weil sich (unregistrierte) Flüchtlinge in Guernica aufhielten. Wenige Tage nach den Bombardements nahmen die Franco-Truppen über die Rentería-Brücke kommend die Gegend und auch die Stadt ein. Sie stießen auf keinerlei Widerstand mehr.

Gründe

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, aus welchem militärischen Grund die Legion Condor die Stadt überhaupt bombardierte. In einer Umfrage unter den Überlebenden im Jahre 1992 äußerten 38 Prozent der Befragten, sie wüssten auch nach 45 Jahren noch nicht, warum man sie angegriffen habe. Wahrscheinlich wird dies nie ganz geklärt werden; bisher wurden fünf Gründe genannt:

  1. Von deutscher Seite wird in der Regel behauptet, das Hauptziel des Angriffs sei die 25 m lange und rund 10 Meter lange Brücke über den Fluss Oca am Stadtrand gewesen, die den Stadtkern mit dem Ortsteil Rentería verbindet, um so den Nachschub für die gegnerischen Fronttruppen zu unterbinden. Der Bombenmix mit einem hohen Anteil an leichten Brandbomben spricht allerdings dafür, dass Stadt und Bevölkerung von vorneherein als Ziel ausgewählt worden seien und nicht die steinerne Brücke, auf der die Brandsätze keine Wirkung hätten entfalten können.  Außerdem ist die Brücke beim Angriff gar nicht getroffen worden. Stattdessen wurde in Guernica fast alles zerstört. Am Abend haben deutschen Jäger sogar aus der Stadt Fliehende im Tiefflug mit ihren Bordwaffen beschossen – auch hier dürfte es keinen Zweifel gegeben haben, dass es sich um Zivilsten und nicht um Soldaten gehandelt hat. Da die republikanischen Truppen überall auf dem Rückzug waren, hätte zudem eine Zerstörung der Brücke nur die Absetzbewegungen unterbunden und so die Kämpfe entlang des Frontverlaufs eher verschärft.
  1. Das Ziel des Angriffs könnte auch die Waffenfabrik Unceta südlich der Brücke gewesen sein. Aber auch deren Gebäude wurden nicht beschädigt. Da Guernica wenige Tage nach dem Luftangriff von den faschistischen Bodentruppen – die über die Rentería-Brücke kamen – eingenommen wurde, wäre eine Zerstörung der Fabrik militärisch kontraproduktiv gewesen. So aber konnten die Nationalisten die Fabrik besetzen und die Waffenproduktion für die eigene Seite fortsetzen, zumal der Waffenfabrikant Rufino Unceta ein Franco-Anhänger war.
  1. Die dritte These lautet, Ziele des Angriffs seien das Parlamentsgebäude und der Eichenbaum gewesen. Die Eiche von Guernica war ja das Sinnbild für die baskische Identität. Aber auch sie wurden beim Angriff nicht getroffen. Eine Zerstörung der baskischen Nationalsymbole hätte den militärischen Widerstand im Baskenland anfachen können, das damals zu einem Großteil schon von den faschistischen Truppen besetzt war. Außerdem ist kaum anzunehmen, dass

dem deutschen Kommando die besondere Rolle Guernicas im Mittelalter als Symbol für die Unabhängigkeit der Basken überhaupt bekannt war.

  1. Möglicherweise wäre der Luftangriff eine Vergeltungsaktion für die Lynchjustiz der zivilen Bevölkerung an abgeschossenen Piloten der Legion Condor. Allerdings war in Guernica und seiner näheren Umgebung nie ein deutscher Flieger abgeschossen worden.
  1. So wird häufig die Ansicht vertreten, mit dem Angriff sei ein Konzept zur Terrorisierung der Zivilbevölkerung erprobt worden. Dies wäre die praktische Umsetzung der Strategie des “Totalen Krieges”, die 1935 von Ex-General Erich Ludendorff entworfen worden war. Die deutsche Luftwaffe, die seit 1935 in Deutschland neu aufgebaut wurde, sollte Kampferfahrung sammeln und die Entwicklung neuer Flugzeugtypen und Luftkampftaktiken sollte vorangetrieben werden.

Für die letzte Vermutung, dass es den Deutschen auf der iberischen Halbinsel vor allem darum ging, moderne Kriegstechnik und -taktik für eine künftige militärische Auseinandersetzung unter realistischen Bedingungen auszuprobieren, spricht auch der umfassende Munitionseinsatz und die Dauer des Angriffs sowie das Verhalten der Piloten, die im Tiefflug gezielt auf Frauen und Kinder erschossen haben sollen. Tatsächlich dürfte die Erprobung von Waffen und Angriffstechniken eine entscheidende Bedeutung bei der Planung gehabt habe, um die totale Zerstörung einer Stadt im Kleinformat zu testen und durchzuführen. So wurde auch davon gesprochen, dass die Gebäude im Baskenland denen der europäischen Nachbarn entspräche und man so die Wirkung der Bomben gut testen könne.

Wolfram von Richthofen, Stabschef der Legion Condor und nicht direkt mit dem “Roten Baron” Manfred von Richthofen verwandt, war verantwortlich für den Angriff. Bei ihm findet sich keine Reue über die Untaten. Er notierte in seinem Tagebuch: “Die 250er (Bomben) warfen eine Anzahl Häuser um und zerstörten die Wasserleitung. Die Brandbomben hatten nun Zeit, sich zu entfalten und zu wirken. Die Bauart der Häuser: Ziegeldächer, Holzgalerie und Holzfachwerkhäuser, führte zur völligen Vernichtung. (..) Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.” 

Propaganda und Aufarbeitung (?)

Die deutsche Wehrmacht nutzte Spanien während der Intervention des deutschen Reiches zugunsten Francos als Übungsplatz unter realistischen Bedingungen. Nach dem Angriff setzten fieberhafte Propagandaaktivitäten ein, da ein britischer Journalist, der zufällig in Bilbao war und nach der Bombardierung nach Guernica reiste und zwei Tage später davon berichtete. Die Legion Condor und spanische Faschisten verbreiteten daraufhin die Lüge, die Republikaner bzw. „Bolschewisten“ hätten die Stadt auf ihrem Rückzug selbst eingeäschert. Die faschistische Putschregierung wies jede Verantwortung von sich. So konnte auch nie geklärt werden, ob auch spanische Piloten beim Angriff auf Guernica beteiligt gewesen waren. In Deutschland war der Einsatz der Legion Condor zunächst als “Geheime Reichssache” eingestuft worden. Auf Grund der britischen Nachrichten über die Bombardierung der Stadt wurde u.a. in der Wochenschau behauptet, keine Deutschen wären an dem Angriff beteiligt gewesen und die Bevölkerung selbst hätte auf der Flucht die Stadt selbst in Brand gesetzt.

Der Luftangriff auf Guernica war während der Franco-Diktatur ein Tabu-Thema. Erst im Jahre 1970 wurde vom Franco-Regime erstmals eingestanden, dass es in Guernica tatsächlich einen Luftangriff gegeben hatte. Aber auch nach dem Tod Francos und der Installierung der neuen Demokratie in Spanien wurde das Thema des spanischen Bürgerkrieges und auch die Bombardierung Guernicas mehr oder minder todgeschwiegen.

Ab Mitte der siebziger Jahre erschienen in der BRD die ersten Bücher, die die historischen Fakten des Luftangriffs auf Guernica darstellten. Aber auch danach wurde die deutsche Beteiligung und Schuld immer wieder geleugnet. Diese Politik des Leugnens war so vorherrschend, dass ausgerechnet diejenigen, die die historischen Fakten darlegten, sich dem Vorwurf ausgesetzt sahen, sie würden die geschichtlichen Tatsachen verfälschen.

Noch am 24. April 1997 lehnte der Deutsche Bundestag es ab, für die Zerstörung von Guernica ein Schuldeingeständnis abzulegen, wie der Historiker Michael Kasper berichtet. In dieser Situation wurde an den Bundespräsidenten die Bitte herangetragen, zur Verständigung beizutragen. Aus Anlass des sechzigsten Jahrestages der Bombardierung richtete Roman Herzog am 27. April 1997 ein Grußwort an die Einwohner von Guernica: “Ich möchte mich der Vergangenheit stellen und mich zur schuldhaften Verstrickung deutscher Flieger ausdrücklich bekennen. An Sie als Überlebende des Angriffs, als Zeugen des erlittenen Grauens richte ich meine Botschaft des Gedenkens, des Mitgefühls und der Trauer. (..) Ihnen, die die Wunden der Vergangenheit noch in sich tragen, biete ich meine Hand mit der Bitte um Versöhnung.” Eine finanzielle Wiedergutmachung gab es nicht.

Anzumerken ist vielleicht noch, dass Deutsche in Guernica heute gern gesehene Gäste sind. In der Stadt Guernica existierte das, was die Friedensforscher “Versöhnungshorizont” nennen, d.h. der ehrliche Wille zur Versöhnung mit dem ehemaligen Gegner. Insofern ist es keine bloße Fremdenverkehrswerbung, dass sich Guernica heute als Stadt der Kultur und des Friedens darstellt. So berichtete es Michael Kasper, der als Lehrer und Journalist 10 Jahre in Guernica lebt.

 

 

Von Bundesarchiv, Bild 183-H25224 / Autor/-in unbekannt / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5434009

https://de.wikipedia.org/wiki/Gernika#/media/Datei:Mural_del_Gernika.jpg

 

Das Bild „Guernica“ von Pablo Picasso

Der Angriff auf Guernica war keineswegs der erste Luftangriff auf zivile Ziele. Bereits am 31. März 1937, also knapp einen Monat vor Guernica, wurde die etwa 20 Kilometer entfernte Kleinstadt Durango von deutschen Flugzeugen bombardiert. Bei den Angriffen starben über 330 Menschen. Das Bombardement erlangte kaum Bekanntheit. Heute wird gemeinhin angenommen, dass die Deutschen in Durango ihre Flugzeuge und Waffensysteme für den anstehenden Luftangriff auf Guernica testen wollten.

Dass uns Guernica im Gedächtnis geblieben ist und weniger die anderen Luftangriffe der deutschen Wehrmacht im spanischen Bürgerkrieg, liegt wohl vor allem am Bild von Pablo Picasso. Ohne diese Mahnung wäre womöglich der Luftangriff auf Guernica auch in Vergessenheit geraten. Der spanische Maler Pablo Picasso, der vor den Faschisten nach Frankreich geflohen war, erhielt von der offiziell noch amtierenden Regierung den Auftrag, für den spanischen (! ) Pavillon der Pariser Weltausstellung 1937 ein Gemälde zu schaffen. Picasso hatte schon mit Vorarbeiten zu dem Gemälde „Maler und Modell“ begonnen, als eine Woche später der Luftangriff auf Guernica erfolgte. Unter dem Eindruck der aktuellen Berichterstattung änderte er sein Konzept und schuf mit “Guernica” ein surrealistisches Anti-Kriegsgemälde.

Picasso äußerte sich zu seiner künstlerischen Haltung folgendermaßen:

„Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern, dass ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann.“

– Picasso: Dezember 1937

Die bis zum heutigen Tag anhaltende Ausstrahlung des 3,49 mal 7,77 Meter großen, allein in Schwarzweißschattierungen gehaltenen Tableaus gründet auf einem komplexen symbolischen Geflecht. Es ist kein provokantes Bild. Es fließt z.B. kein Blut. Stattdessen legt sich der Terror wie ein Leichentuch über das Bild. Der Angriff von oben selbst ist spürbar – alle Bewegung richtet sich gen Himmel, von wo aus der Feind massiv attackiert, aber er bleibt unsichtbar und abstrakt. Wir sehen nur das Leid seiner Opfer, den Schmerz der Kreaturen, den Krieger mit zerbrochenem Schwert, das verwundete Pferd, weinende Frauen, die Frau mit dem toten Kind, Feuer. Eine Szene der Verheerung und der Unentrinnbarkeit. Einzelne Szenen sind zu einem komplexen Bild des Grauens zusammengestellt, das sich als eine allgemeine intensive Klage gegen Krieg und Zerstörung darstellt. Das Bild ist zunächst ein Symbol für den Schreckens des Faschismus und später für Schrecken der Bombenkriege generell.

Picasso, der nie mehr nach Spanien zurückkehrte, hatte verfügt, dass das Werk erst nach der Demokratisierung Spaniens in seinem Heimatland ausgestellt werden sollte. Am 11. September 1981 wurde das riesige Bild von New York nach Madrid überführt, wo es unter Polizeischutz im Museo Nacional Reina Sofia präsentiert wurde. Nachdem das Gemälde jahrelang dazu beigetragen hatte, dass der Luftangriff auf Guernica nicht in Vergessenheit geriet, ist das Bild heute möglicherweise bekannter als das historische Ereignis, auf das es sich bezieht.

Sehenswürdigkeiten von Guernica

Wer heute nach Guernica kommt, für den könnten u.a. folgende Sehenswürdigkeiten von Interesse sein:

  • Das Friedensmuseum – Museo de la Paz. Es thematisiert allgemeine Aspekte von Konflikten und Frieden, die Geschichte der Bombardierung von Guernica und den baskischen Konflikt.
  • Das baskische Museum. Es gibt einen Einblick in die Geschichte, Kunst und Kultur des Baskenlandes.
  • Die als Denkmal geschützte Eiche von Guernica. Hier versammelten sich schon im Mittelalter die Volksvertreter der Provinz, der sogenannte Ältestenrat, zur Beratung aller anstehenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen. Die Eiche wird als historischer Sammelpunkt der baskischen Identität verstanden.
  • Park der Völker Europas (Europako Herrien Parkea)mit Statuen von Henry Moore und Eduardo Chillida.
  • die gotische Kirche Santa Maria
Von Shaury (Shaury Nash) aus (optional) - Flickr, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1552551 Denkmal der alten Eiche von Guernica
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Kritische Betrachtung der komplexen acht Jahrhunderte der islamischen Invasion und der Reconquista

„Mehr als irgendwo sonst in der islamischen Welt gab es in al-Andalus Ansätze zur Überwindung engstirniger Dogmen, der Unterdrückung der Frau, der Ausgrenzung andere Religionen. ….. Mehr als irgendwo sonst durchdrangen sich islamische, jüdische und christliche Kultur in einer fruchtbaren Symbiose. Über das muslimische Spanien sind unzählige Bücher publiziert worden, wobei der Tenor gemäß dem Blickwinkel von einer Verklärung der arabisch-berberischen Herrschaft bis zur Heroisierung des christlichen Kampfes gegen die Invasoren aus Nordafrika reicht. Aber die Schablone „Islam kontra Christentum“ lässt sich für die meisten der Ereignisse nicht so einfach anwenden, ebenso wenig der Kampf der Kulturen oder die Reconquista als reiner Kreuzzug oder heiliger Krieg, eine Vorstellung, die aus einer viel späteren Epoche stammt und meist aus politischen und propagandistischen Zwecken beschworen wird. Der wichtigste Bezugspunkt für die soziale Identität ist sicher die religiöse Gemeinschaft, aber es gibt auch noch andere Faktoren wie Machtbedürfnis, wirtschaftliche Dominanz, gesellschaftliches Überlegenheitsgefühl u.a., die eine Rolle spielen.

Wie oben schon aufgezeigt, gibt es zwischen 711 und 1492 nicht pausenlos religiöse Kriege, Muslime und Christen leben auf der iberischen Halbinsel sehr viel länger in Friedens- als in Kriegszeiten und sie kämpfen nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern auch sehr häufig gegen die eigenen Feinde im Innern. Die christlichen Reiche bekämpfen sich oft erbittert, und immer wieder müssen sich deren Fürsten gegen aufsässige Adelige zur Wehr setzen – eine Strukturschwäche, die schon das Westgotenreich plagte.

Die muslimischen Herrschaften dagegen leiden unter den lang tradierten arabischen Clanrivalitäten, überlagert von der oft an Feindschaft grenzenden Herablassung gegenüber den als minderwertig angesehenen Berberstämmen, ohne deren Kampfkraft jedoch al-Andalus weder erobert noch so lange hätte gehalten werden können. Die Angehörigen der muslimischen Eliten sind auch zu Bündnissen mit christlichen Lokalmächten bereit, selbst dann, wenn sie gegen ihre Glaubensbrüder gerichtet sind. Die Realpolitik triumphiert zumindest am Anfang der Eroberung Spaniens über die religiöse Identität. Politische Auseinandersetzungen finden nicht nur entlang religiöser Grenzlinien, sondern ebenso oft auch innerhalb der muslimischen und der christlichen Gemeinschaften statt. Allerdings führt der Niedergang des Kalifats, das eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte in Spanien hervorgerufen hat, zur Errichtung von Teilreichen, welche sich letztlich durch gegenseitige Reibereien erschöpfen und so selbst den Grundstein zur späteren Rückeroberung durch die christlichen Herrscher legen.

Die sogenannte Reconquista verläuft ebenfalls nicht geradlinig, es gibt vielmehr wechselnde Allianzen sowohl zwischen christlichen als auch muslimischen Herrschern. Ähnlich wie bei den westeuropäischen Staaten kommt es zu stärkeren Machtbildungen, welche dann jeweils durch schwächere Herrscher oder Todesfälle in Frage gestellt werden. Erst als die christlichen Reiche durch Erbfolge mit einander verbunden werden, können sie ihre Machtdominanz vergrößern.

Und was die Bevölkerung betrifft, so ist sie in den von Mauren eroberten Gebieten noch lange christlich, nur die Oberschicht war zunächst muslimisch, wobei viele Westgoten zum Islam übertreten, um ihren Besitz und z.T. auch ihre Macht behalten zu können. Sie müssen aber die Autorität der muslimischen Oberherren anerkennen. So finden die Eroberer schnell willige Verbündete. Außerdem sind die islamischen Herrscher bei der Verwaltung der neuen Territorien auf die Kollaboration der Bevölkerung angewiesen. Sie sind sowohl auf die Zusammenarbeit mit Verwaltungsbeamten und Richtern angewiesen wie auch auf die Kooperation der Kirche und des Klerus, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Da aber der landbesitzende Adel, der für die von ihnen abhängige Bevölkerung Kirchen baut, immer mehr zum Islam übertritt, gibt es immer weniger Seelsorger, Kirchen verfallen und werden aufgegeben. So treten allmählich mehr und mehr christliche Bewohner zum Islam über. Bis 840 ist rund ein Drittel konvertiert. Die Konversion spielt langfristig bei der Islamisierung der iberischen Halbinsel eine wichtige Rolle. Die damit z.T. verbundene Akkulturation ist so tiefgreifend, dass andalusische Christen, die im 11. Jh. nach Nordspanien kommen, Mozaraber genannt wurden. Zudem wird ein Netzwerk von Verbindungen geknüpft, bei denen es zu zahlreichen Eheschließungen zwischen Muslimen und Christen kommt, obwohl dies eigentlich von beiden Religionen untersagt ist. Unter den stark religiös motivierten Herrschern der Almoraviden (1091-1145) und Almohaden (1145-1236) verschwindet die christliche Minderheit dann aber zum großen Teil aus dem verbleibenden islamischen Herrschaftsbereich.

Was die christlichen Herrscher betrifft, so vertreiben sie die Muslime in der Regel nicht aus den Gebieten, die sie erobert haben. Sie versuchen vielmehr, sie zum Bleiben zu bewegen, meist mit Erfolg. Denn ein Großteil der Muslime, deren Ahnen ja schon in Spanien gelebt haben, ziehen ein Leben im „Heimatland“ einer Flucht vor, wenn sie damit auch Untertanen ungläubiger Könige werden. Und die christlichen Herrscher schätzen die wirtschaftlichen und künstlerischen Fähigkeiten der Muslime. Diese Haltung endet aber mit der Eroberung des Nasridenreiches und letztendlich mit der Vertreibung der Juden und Muslime im Jahre 1614.

Georg Bossong bewertet die Situation so:

-Andalus wurde zerrieben zwischen christlichem und islamischem Fundamentalismus…. Es kam zum gnadenlosen Kampf zwischen einem europäischen radikalisierten Christentum und einem afrikanisch radikalisierten Islam, Kreuzzug gegen Djihad.“

Wer an Romanen über die Zeit der Reconquista und die unmittelbaren Folgen danach interessiert ist, dem sind u.a. die folgenden Historienromane zu empfehlen.

 

Frank Baer, Die Brücke von Alcantara, München 2015: Spannender Historien-Roman. Der Leser gewinnt einen guten Einblick in das Leben der Mauren, Christen und Juden im 11. Jh. und in die politischen Zusammenhänge zur Zeit der spanischen Reconquista. Es ist ein Gemälde der Zeit zwischen 1063 und 1086.

Noah Gordon, Der Medicus von Saragossa, München 2000. Die Handlung beginnt mit dem Jahr 1492 in Spanien. Der Roman ist spannend zu lesen und vermittelt einen Eindruck von den damaligen Konflikten zwischen Christen, Mauren und Juden und dem Einfluss der Inquisition auf das Leben in Spanien.

Tariq Ali, Im Schatten des Granatapfelbaums, München 1994. Der Roman von Tariq Ali beschreibt das Leben im maurischen Andalusien um 1490 in Granada. Die Familiengeschichte vor den Hintergrund politischer Umwälzungen ist spannend zu lesen und führt den Leser in eine verschwundene Welt. Viele historische Informationen werden nebenbei vermittelt. Die Reconquista steht kurz vor ihrer Vollendung und unterdrückt und zerstört eine vergleichsweise weltoffene reiche Kultur, die aus der Koexistenz von Islam, Judentum und Christentum entstanden ist.

Lea Korte, Die Maurin, München 2010. Der Roman spielt in der Zeit zwischen 1478-1491 im maurischen Andalusien vor allem in den Städten Granada, Sevilla und Cordoba. Er erzählt die Geschichte einer maurischen Hofdame, die in ein grausames Spiel aus Intrigen und rücksichtslosen Machtkämpfen hineingerät.

Quellen

Catlos, Brian, al Andalus: Geschichte des islamischen Spanien, München 2019

Jaspert, Nikolas, Die Reconquista: Christen und Muslime auf der iberischen Halbinsel, München 2019

 

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Die Reconquista

Die Reconquista

Die Reconquista in Spanien (718 – 1492) – ein kurzer Überblick

Von Chocofrito - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46508562

Auch für die Darstellung der Reconquista gelten dieselben Aussagen wie bei dem Kapitel der Eroberung. Hier kann nur ein kurzer Überblick über die Reconquista zusammengestellt werden. Auch hier verweise ich zusätzlich auf das Extrakapitel „Kritische Betrachtungen“.

Reconquista ist die spanische und portugiesische Bezeichnung für das Entstehen und die Ausdehnung des Herrschaftsbereiches der christlichen Königreiche auf der iberischen Halbinsel unter Zurückdrängung des muslimischen Machtbereiches im Mittelalter. Der Begriff entstand allerdings erst im 18. Jahrhundert und er ist zum Teil sehr stark ideologisch verwendet worden. Zudem ist der Begriff etwas irrführend, da er den Eindruck vermittelt, dass es sich um einen einheitlichen und gemeinsamen Prozess der christlichen Akteure gehandelt habe. Das ist aber keineswegs der Fall. Es gab Zeiten des Vordringens, Zeiten des Zurückzugs und Zeiten des Stillstands der christlichen Reiche. Somit ist es keine 700-jährige Geschichte von blutigen Kämpfen zwischen Christen und Moslems, sondern es gibt auch vielschichtige Prozesse kulturellen Austauschs sowie ethnisch-religiöser Vielfalt. Auch die Motivlage hat sich wohl im Laufe dieses langen Zeitraums immer wieder verändert. Hier soll nur ein grober Überblick über die vielen wechselhaften Begebenheiten in dieser Zeit gegeben werden.

Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass sich die Geschichtsschreibung keineswegs einig darüber ist, wie der Prozess der Reconquista genau abgelaufen ist und welche Motivationslagen jeweils dahinterstanden. Das liegt u.a. daran, dass im Mittelalter nur wenige Menschen lesen und schreiben konnten, neben den Juden und den gebildeten Arabern vor allem die Mönche. Aber gerade die Letzteren hielten sich nicht immer an die Wahrheit, sondern versuchten die Geschichtsschreibung in ihrem „christlichen“ Sinn zu beeinflussen. Aber auch die neuere Geschichtsschreibung ist nicht frei von speziellen Blickwinkeln und ideologischen Ideen. Meine kurze Darstellung der Reconquista stellt somit einige Aspekte zusammen, die mir persönlich vom Verständnis her am plausibelsten erschienen.

Die Reconquista kann man auch grob in drei Phasen unterteilen.

Erste Phase 718 – 1085

Die Schlacht von Covadonga im Jahre 718 (oder 720?) wird in Spanien traditionell als Beginn der Reconquista betrachtet. Ausgangspunkt des Widerstandes ist das Gebiet der kantabrischen-asturischen Berge, denn dieses schwer zugängliche Gebiet können die Araber wie vor ihnen schon die Römer nie vollständig unterwerfen. Ein christliches Aufgebot unter dem Heerführer Pelayo besiegte damals in Covadonga, in dem heute als Picos de Europa bekannten Teil des Kantabrischen Gebirges im Norden Spaniens eine muslimische Streitkraft. Er kann so seinen Herrschaftsbereich behaupten, aus dem dann offiziell das Königreich Asturien hervorgeht. Ob hier aber schon die Idee der Rückeroberung eine Rolle spielt oder ob als Motiv die Anknüpfung an das Westgotenreich vorherrscht oder einfach das regionale Streben nach Selbständigkeit und gegen Fremdherrschaft ist nicht eindeutig geklärt. In manchen Mönchchroniken in späteren Jahrhunderten wird die Schlacht allerdings stark überhöht und als bahnbrechenden Sieg des Christentums über den Islam hochstilisiert. Aber man kann eigentlich nicht wirklich von der Reconquista sprechen. Für die Araber ist die Region, die zudem schwer zu kontrollieren ist, auf Grund der bergigen Struktur relativ uninteressant, da sie eine arme rückständige Peripherie darstellt. Es gibt keine die Bodenschätze, da die Goldminen in der Römerzeit ausgeschöpft wurden, so dass nur geringe Tributzahlungen zu erwarten sind. Somit stellt der christliche Norden Spaniens für die Mauren zunächst nur eine sehr schwache Bedrohung dar.

Bis 750 können die Könige von Asturien ihr Machtgebiet deutlich ausweiten und Galicien, Asturien und Kantabrien unter ihre Herrschaft bringen. Am Beginn des 10. Jahrhunderts wird León zur neuen Hauptstadt des asturischen Königreiches. Der Duero wird lange Zeit die Grenze zwischen dem christlichen und dem maurischen Spanien. Zur Sicherung werden Städte und vor allem Burgen ausgebaut, so dass das Land wegen der castillos Kastilien genannt wird.

In den Pyrenäen sind in Abhängigkeit von Südfrankreich einige Grafschaften entstanden, von denen sich im 9. Jahrhundert eines zum Königreich Navarra entwickelt. Aragón, das lange von Navarra abhängig ist, wird 1035 zum eigenen Königreich erhoben. Im 10. Jahrhundert kann das Königreich Navarra bis zum Ebro und die Rioja vordringen. Dabei spielen die Klöster bei der Wiederbesiedlung der zum Teil entvölkerten Landstriche entlang der Grenze zum maurischen Reich eine wichtige Rolle.

Im 11. Jahrhundert erlangen weitere ehemalige Grafschaften den Status von selbständigen Königreichen: neben Asturien im Westen Leóns Portugal, im Süden Leóns Kastilien, im Süden Navarras Aragón. Die Königreiche werden mehrfach in Personalunion verbunden und wieder geteilt; ab 1072 sind Kastilien und León, ab 1137 Aragón und die Grafschaft Barcelona (Katalanien) endgültig in Personalunion vereinigt. Fortan sollen die vier Mächte – Portugal, Kastilien-Leon, Navarra und die Krone Aragon mal in Kooperation, mal im Konflikt miteinander das Herrschaftsgefüge im christlichen Norden bestimmen.

In dieser ersten Phase von der Mitte des 7. bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts besetzen die christlichen Herrscher zum großen Teil Gebiete, die für die Araber nur von geringer – wohl auch aus wirtschaftlicher Sicht – Bedeutung sind. Man kann jedoch keineswegs von einer generellen Rückeroberungspolitik sprechen. Zum Teil waren diese Territorien sogar vom Karolingerreich und von muslimischen Mächten abhängig. Diese (vermeintliche) „Phase der Reconquista“ war durch eine weitgehende politische und religiöse Toleranz gekennzeichnet.

Zweite Phase 1086 – 1212

Das ändert sich aber Ende des 11. Jhs.. Nun beginnt die Expansion der christlichen Staaten zu Lasten der Taifas, die 1085 in der Eroberung Toledos durch Kastilien ihren ersten Höhepunkt findet. Damit dringen die Christen in die Kerngebiete des muslimischen Herrschaftsbereiches ein. Dieser spektakuläre Erfolg der Reconquista führt als Reaktion der Muslime zur Invasion der nordafrikanischen Berberstamm der Almorawiden, die von einigen Taifenherrschern um militärische Unterstützung gegen die Christen gebeten werden. Allerdings führt das dazu, dass die Almoraviden nach und nach alle Taifenreiche unter ihre Herrschaft bringen. Durch Siege gegen die Kastilier und Leoneser ist dann die Macht der neuen Berberdynastie auf der Iberischen Halbinsel gesichert.

Allerdings können die christlichen Truppen trotzdem ihre Expansion in drei Bereiche vorantreiben. Im Westen schiebt der portugiesische König sein Herrschaftsgebiet bis nach Lissabon an den Tejo vor, im Süden weitet der kastilische König allerdings nur kurzfristig seine Herrschaft bis an die Mittelmeerküste bei Almeria aus und im Osten sichern die Könige Kastilien/Aragon und die Grafen Barcelonas dauerhaft die Ebrogrenze. Ende des 11.Jh. entsteht durch die Eroberungen entlang des Ebros sowie durch die Eroberung Valencias durch Rodrigo de Vivar – genannt „El Cid“ – der Mythos dieses spanischen Helden (s. Kapitel El Cid). Die christlichen Staaten sind sehr optimistisch über den weiteren Verlauf der Eroberung und teilen in Verträgen sogar schon einmal das zu erobernde Land unter sich auf.

Allerdings stoppen die Muslime das Vorringen, wobei ihnen Streitigkeiten zwischen den miteinander verwandten Herrschern Leons und Kastiliens einerseits sowie die notorischen Spannungen der Königreiche Kastilien und Aragon mit Navarra andererseits zu Pass kommen. Die Almoraviden bringen die Rückeroberung islamischer Gebiete durch die christlichen Staaten zum Stehen und können diese teilweise sogar wieder umkehren. Dabei schliessen sie auch Bündnisse mit christlichen Herrschern.

Die Auseinandersetzung erhält zwischen den Muslimen und den christlichen Herrschern mit der Herrschaft der Almoraviden und dann der Almohaden eine neue Qualität. Es bedeutet das Ende des friedlichen Zusammenlebens, der convivencia, zwischen Christen und Mauren. Durch den asketischen Fanatismus der Almoraviden und später vor allem der Almohaden endet auf muslimischer Seite die Jahrhunderte lang praktizierte Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Aber auch von christlicher Seite wird die Reconquista nun verstärkt als Kampf für die gesamte Christenheit und als Heiliger Krieg und Kreuzzug wahrgenommen. Diese Anschauung wird stark forciert und geprägt durch die Unterstützung der Päpste in Rom sowie die Einflüsse des Klosters von Cluny.

Der entscheidende Wendepunkt, der den Christen die endgültige Übermacht in Spanien brachte, war die Schlacht bei La Navas de Tolosa im Jahr 1212. Am 16. Juli 1212 prallen in Südspanien zwei gigantische Heere aufeinander mit „Gotteskriegern“ auf beiden Seiten. Es geht um Macht, Einfluss und letztendlich um die Vorherrschaft auf der iberischen Halbinsel. Vermutlich stehen sich 12000 bis 14000 Christen ca. 25000 – 30000 Muslime gegenüber. In dieser Schlacht – wohl einer der größten des Mittelalters – besiegen die Truppen der verbündeten Königreiche die Almohaden vernichtend. Die christliche Seite setzt sich aus den Königreichen von Kastilien, Navarra, Aragon und Leon sowie französischen Kontingente der Erzbischöfe von Narbonne und Bordeaux sowie Männern der christlichen Ritterorden von Calatrava und Santiago, der Templer und Johanniter zusammen. Die Kreuzzugsaufrufe des Papstes, die versprochenen Kreuzzugsablässe sowie die Hoffnung auf Beute tragen dazu bei, dass die doch sehr unterschiedlichen christlichen Herrscher vereint in den Kampf ziehen. Der Sieg der Christen ist überwältigend, seine Bedetung für den Fortgang der Reconquista gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Schlacht von Las Navas de Tolosa markiert den Wendepunkt der muslimischen Herrschaft in Al Andalus.

Dritte Phase 1213 – 1492

In den dreißig Jahren zwischen 1220 und 1250 können drei christliche Königreiche auch durch die Unterstützung der Bischöfe und der Ritterorden ihre jeweiligen Territorien stark erweitern. Nach der Eroberung Cordobas (1236) und Sevilla (1248) fällt auch die fruchtbare Ebene des Guadalquirvir bis zur Mittelmeerküste an Kastilien. So kann Kastilien-Leon sein Territorium in rund vier Jahrzenten um fast 50 Prozent vergrößern.

Valencia (1238) und das gleichnamige Königreich werden durch Aragon annektiert und Portugal kann bis an die Algarveküste (1250) vorstoßen. Nur Navarra kann sich nicht vergrößern, da es von Kastilien und Aragon eingekreist ist.

Allein das Nasriden-Emirat von Granada als kastilischer Vasallenstaat bleibt muslimisch. Dahinter stehen aber vor allem wirtschaftliche Interessen, denn so kann Kastilien über die Nasriden und deren nordafrikanische Freunde an Gold aus Afrika gelangen, das die Nasriden teilweise als Tribut abführen müssen. Das Nasrdenreich von Granada ist dicht bevölkert und durch günstige natürliche Gegebenheiten gekennzeichnet. Hohe Berge im Norden bildeten für die Reihe fruchtbarer Ebenen Schutz vor den christlich beherrschten Gebieten. Außerdem verfügen die Nasriden über einige günstig gelegene Hafenstädte (z.B. Almeria und Malaga). Im Nordwesten sichern eine Vielzahl von Burgen die Grenzregionen. Bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts hat sich das Reich zu einem kulturell hochstehenden, wirtschaftlich prosperierenden und politisch stabilen Gemeinwesen entwickelt. In dieser Zeit entsteht auch der weltberühmte Alhambrapalast in Granada. Das Reich der Nasriden kann sich auch dadurch stabilisieren, dass sich die christlichen Herrscher permanent bekämpften.

Die verschiedenen Stoßrichtungen der christlichen Reiche – Portugal entlang der Atlantikküste, Kastilien-Leon durch das Zentrum und ins heutige Andalusien, die Krone von Aragon  Richtung Italien und den Balearen spiegelt sich noch heute in der Sprachverteilung auf der Iberischen Halbinsel wieder. (Portugiesisch, Kastilisch, Katalanisch und im äußersten Norden Baskisch). In der Mitte des 13. Jahrhunderts hat sich das Kastilische allerdings auf über die Hälfte der Iberischen Halbinsel ausgedehnt und somit auch die Sprachentwicklung in Spanien deutlich dominiert.

Durch die Eheschließung der „katholischen Könige“ Isabella I von Kastilien und Ferdinands II von Aragon werden die beiden Königreiche vereinigt. Sie nahmen die Reconquista wieder auf und vollenden sie mit der Eroberung von Granada im Jahre 1492. Der nasridische König Mohammad XII: Boabdil übergibt die Schlüssel der Alhambra an Ferdinand und Isabella. Im selben Jahr „entdeckte“ übrigens Kolumbus Amerika. Eine fast 800 Jahre alte Geschichte von Eroberungen und Rückeroberungen in Spanien findet somit mit dem Fall Granadas ein Ende. Allerdings bleiben bis 1614 noch Hunderttausende Muslime in Spanien, erleben allerdings Diskriminierung, Zwangsbekehrung und schließlich die Vertreibung.

Mit der Regentschaft der beiden Könige endet die teilweise noch bestehende friedliche Koexistenz zwischen Christen, Juden und Muslimen. Mit der Religionsfreiheit ist es endgültig vorbei. Das gesellschaftliche Klima ändert sich vollständig und führt zur konsequenten Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien. Die Inquisition tut ihr übriges. Aber das ist eine neue für das Christentum nicht sehr rühmliche Geschichte.

Von besonderer Bedeutung ist auch, dass die Reconquista neben der politischen Umstrukturierung große Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Struktur der iberischen Halbinsel hatte. Das eroberte Land fällt der Krone bzw. dem Adel, der Kirche und den Ritterorden als Belohnung für ihre kriegerische Unterstützung zu. So entstehen riesige Latifundien vor allem zwischen Tajo und Guadiana, auf denen eine extensive Landwirtschaft (zum großen Teil Schafhaltung) betrieben wird, während die kleinen Bauern leer ausgehen. Die Auswirkungen sind heute noch zu beobachten zum Beispiel in der Extremadura, wo u.a. die Besitzverhältnisse einen wichtigen Einfluss auf die Veränderung des Gebietes haben (vgl. dazu auch die Ausführungen über die „Dehesas“ auf der „Via de la Plata“)

Quellen:

Bolleé, Annegret/ Neumann-Holzschuh, Ingrid, 2008: Spanische Sprachgeschichte. Barcelona: Klett.

Georg Bossong, Das maurische Spanien, Geschichte und Kultur, München, 4. Aufl. 2020

Brian A. Catlos, „Al Andalus“ Geschichte des islamischen Spanien, München 2020

Klaus Herbers, Jakobsweg, Geschichte und Kultur einer Pilgerfahrt, München 2011

Campi, Jesus Mestre, Sabate, Flocel, Atlas der Reconquista, Barcelona 1998

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Die Arabisierung Spaniens

Die Arabisierung Spaniens

ein kurzer Überblick - und die Einflüsse der maurischen Kultur auf Spanien und Europa

Die folgende Darstellung soll einen kurzen Überblick über die verschiedenen Phasen der Eroberung Spaniens durch die Mauren darstellen. Es kann nur ein kurzer Abriss der Geschehnisse sein, eine ausführliche Beschreibung würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen. Zudem habe ich ein extra Kapitel  „Kritische Betrachtung“ hinzugefügt, in dem ich darauf hinweisen will, dass man sich vor einfachen Pauschalierungen hüten sollte, sondern dass man sich im Klaren ist, die Eroberung und die Reconquista haben viele verschiedene Facetten. Wer sich für die genauen Zusammenhänge interessiert, dem kann ich das Buch von

Catlos, Brian, al Andalus: Geschichte des islamischen Spanien, München 2019 empfehlen. Allerdings sind die Ausführungen in ihrer Ausführlichkeit manchmal anstrengend zu lesen.

Bei der Eroberung und Besetzung Spaniens durch die Araber kann man pauschal drei Perioden unterscheiden.

 

  1. Periode der Arabisierung- die Zeit des Emirats 711 – 756

Vor der Eroberung Spaniens durch die Araber herrschen die Westgoten auf der Iberischen Halbinsel (ehemals Hispanien, heute Spanien und Portugal). Sie kontrollieren das Land vom 5. bis zum 8. Jh. Unter ihrer Herrschaft war Toledo zum ersten Mal die Hauptstadt des Reiches. Allerdings befinden sich Adel und König Anfang des 8. Jahrhunderts in einem bürgerkriegsartigen Zustand. Dies ist eine der Tatsache, die den Arabern die fortschreitende Eroberung Spaniens erleichtern.

Im Jahr 711 wird die Iberische Halbinsel erstmals von den Arabern angegriffen.

Im Frühjahr 711 sendet Musa, Umayyaden-Gouverneur von Nordafrika, seinen Feldherrn, den Berber Tariq, mit etwa 12.000 Mann (7.000 Soldaten und 5.000 Berber) über die Meerenge. Die Landungsstelle wird nach ihm Berg des Tariq ( arabisch gabal Tariq)  – Gibraltar – genannt. Am 9. Juli 711 kommt es am Río Guadelete zur Schlacht gegen die Westgoten. Die zahlenmäßig weit überlegenen Westgoten unter ihrem König Roderich werden vernichtend geschlagen, u.a. durch die Mithilfe einer inneren Oppositionspartei der Westgoten. König Roderich stirbt auf dem Schlachtfeld. Das Heer Roderichs ist durch eine Auseinandersetzung mit den Basken im Norden schon ermüdet, als es im Süden ankommt.

Tariq, der im Dienste der in Damaskus residierenden Kalifen aus dem Geschlecht der Umayyaden steht und als Gouverneur für die nordafrikanischen Gebiete zuständig ist,  nutzt die politischen Wirren in Hispania und zieht gegen die ungeschützte Hauptstadt des Westgotenreichs Toledo, die er mühelos einnimmt. Im folgenden Jahr vereinigt sich das Heer von Tarq und Musa zu einer Größe von 18.000 Mann. Sie ziehen dann weiter gegen Norden, so dass sie im Jahr 719 praktisch ganz Spanien erobert haben. Nur ein paar kleinere Gebirgsregionen im Norden können die Araber nicht besetzen. Christlich bleiben nur Asturien an der nördlichen Küste sowie Navarra, das Grenzgebiet zum Frankenreich (“spanische Mark”). Ein Vorstoß  der Araber in das Frankenreich im Jahr 732 wird durch Karl Martell in der Schlacht von Tours und Poitiers gestoppt, doch ist die Bedeutung der Schlacht lange Zeit eher überschätzt worden, da es sich wohl eher um einen begrenzten Raubzug  als um einen Eroberungsversuch der Mauren handelt.

Insgesamt kapitulieren das Land und die großen Städte, auch die Hauptstadt Toledo, ohne größeren militärischen Widerstand. Die für die damalige Zeit überraschend schnelle und erfolgreiche Eroberung hat seine wahren Gründe in der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zerrüttung des Westgotenreichs. Außerdem gehen die Eroberer geschickt vor. Sie sichern lediglich vereinzelte städtische Vorposten militärisch und arrangieren sich gezielt mit lokalen Machthabern. Sie lassen deren Herrschaft weitgehend intakt, solange sie die muslimische Oberhoheit anerkennen. Aber die Muslime sind gekommen, um zu bleiben, zumal al-Andalus, wie das eroberte Gebiet genannt wird, geographisch und klimatisch große Ähnlichkeit mit dem Maghreb hat.

Bei der Übernahme der Städte garantieren die Moslems zu Anfang weitgehend die geltende Rechtsordnung und Religionsfreiheit. Nach damaliger Auslegung des islamischen Gesetzes sind die muslimischen Herrscher dazu verpflichtet, die Gegenwart anderer Buchreligionen – also auf der iberischen Halbinsel der Christen und Juden – zu tolerieren. Sie dürfen ihren Glauben behalten und in kleinen Gemeinschaften ausleben. Allerdings unterliegen sie einigen Einschränkungen. Dazu gehört, dass es ihnen nicht gestattet ist, ohne Erlaubnis Gotteshäuser zu bauen, sie müssen sich im öffentlichen Raum unauffällig benehmen, sind zur Abgabe einer Kopfsteuer verpflichtet und müssen Muslimen gegenüber ihre Ehrerbietung zeigen. So treten nach und nach viele Hispanogoten z.T. auch angezogen von der neuen Religion lieber zum Islam über. Sie werden „muladíes“ genannt. Andere behalten ihren christlichen Glauben, aber sie übernehmen sehr wohl die arabische Sprache. Sie werden also arabisiert, nicht jedoch islamisiert und entwickeln kulturelle Eigenheiten, die sie von ihren Glaubensgenossen in christlich beherrschten Gebieten unterscheiden. Sie werden daher auch „mozárabes“ (Arabisierter oder Freund der Araber) genannt. Neben den christlichen gab es auch zahlreiche jüdische Gemeinschaften im Land. Vor allem die Juden sehen hier gute Einkommensmöglichkeiten und Chancen aufzusteigen, die ihnen anderswo in Europa verwehrt werden. So werden die Jahrhunderte jüdischen Lebens auf der iberischen Halbinsel auch oft als „goldenes Zeitalter“ des iberischen Judentums bezeichnet.

Welche religiösen Gruppierungen gibt es also:

      –    Muslime

      –     Christen

  • Muladies: zum Islam konvertierte Christen
  • Moriscos: zum Christentum konvertierte Muslime
  • Mozarabes: unter dem Islam lebende Christen
  • Mudejares: unter dem Christentum lebende Muslime
  • Juden

Die Araber ersetzen die westgotische Zentralregierung, schöpfen die wirtschaftlichen Überschüsse ab und erbeuten die Reichtümer der Kirchen und Klöster. Gleichzeitig sind die ersten Jahrzehnte der Araberherrschaft (716-755) auf der Iberischen Halbinsel durch arabische Stammesfehden und innenpolitisches Chaos gekennzeichnet. Die Berber und Araber sind untereinander zerstritten. Die Gouverneure wechseln häufig. Diese erste Phase der arabischen Herrschaft mit den vielen verschiedenen Gouverneuren, die dem Kalifat in Damaskus unterstellt sind, und den zahlreichen Clankämpfen untereinander wird mit der Gründung des Emirats von Córdoba durch Abd-ar-Rahman beendet.

  1. Periode der Arabisierung – die Zeit des Kalifats 756-1031

756 trifft Abd al-Rahman I., letzter Spross der in Damaskus entthronten Kalifendynastie der Omayaden, nach einer abenteuerlichen Flucht über Nordafrika in Spanien ein. Er nutzt die innenpolitischen Spannungen geschickt aus. Offensichtlich verschafft ihm sein Charisma breite Unterstützung, so dass er es nach kurzer Zeit schafft, die rivalisierenden Stämme zu einigen. Nach einer siegreichen Schlacht bei Cordoba übernimmt er die Herrschaft der Mauren in Spanien. Er nennt sein muslimisches Reich Al Andalus und gründet das Emirat von Cordoba. Er schafft es, dass die lokalen muslimischen Potentaten ihn mehr oder minder freiwillig anerkennen und einen Teil ihrer Macht an ihn abgeben. Allerdings muss er sein Reich mehrmals gegen muslimische Aufständige und mit ihnen verbündeten Einheimische verteidigen. Die weit entfernten Regionen der Pyrenäen, Kantabrien und Galizien kann er allerdings nicht beherrschen, was ihm aber wohl auch nicht so wichtig ist, da diese Regionen nur von geringer ökonomischer Bedeutung sind.

Abd al –Rahman macht Cordoba zum politischen und kulturellen Zentrum des islamischen Gebietes (“Al-Andalus”). Er schafft neue Strukturen der Verwaltung und Jurisdiktion, eine effektive Steuerreform, teilt das Staatsgebiet in Provinzen auf, erneuert die Infrastruktur, läßt Moscheen bauen und richtet militärisch gesicherte Marken zur Grenzkontrolle im Norden ein. Auch lässt er in einer Zeit, da die Christen nach wie vor die Bevölkerungsmehrheit bilden, jene beeindruckende Moschee von Cordoba bauen als Zeichen der Überlegenheit des Islams über das Christentum. Insgesamt betrachtet legt er für die kommenden Jahrhunderte das Fundament einer geeinten islamischen Herrschaft in Spanien, ohne die al-Andalus wohl zerfallen wäre. Er stirbt 788 in Cordoba.

Seine Nachfolger können ein gefestigtes, geordnetes Reich gestalten. Sie können die zahlreichen Aufstände im Land niederschlagen und ihre Macht festigen. Aus Spanien wird mit der Zeit auf Grund der Konversion der Bevölkerung ein islamisches Reich und der Wohlstand im Land steigt deutlich an. Allerdings müssen sich die folgenden Herrscher immer wieder gegen rebellische Gouverneure, fränkische Heere und Überfälle der Wikinger zur Wehr setzen, die immer wieder die Macht der Umayyaden zu zerstören drohen. Im Norden können die christlichen Fürsten weitgehend in Schach gehalten werden. Im dritten Viertel des 9. Jhs. ist in den ausgedehnten Ebenen nördlich des Duero eine ungefähre Grenze zwischen Asturien und dem Emirat errichtet worden.

912 kommt Abd-ar-Rahman III. (912-961) an die Macht, interessanterweise war er Muslime, aber auch Sohn und Enkel christlicher Frauen. Die Annäherungen der Religionen zeigt sich in diesen religiösen Mischehen, wobei allerdings nach islamischem Recht nur muslimische Männer christliche Frauen heiraten dürfen. Abd-ar-Rahmann III ist der erste Umayyade von al-Andalus, der den Kalifentitel für sich reklamiert. Er setzt sich also als „Nachfolger“ oder „Stellvertreter des Gesandten Gottes“ ein, also als Oberhaupt der gesamten muslimischen Gemeinschaft, und somit in Konkurrenz zu den beiden anderen Kalifaten in Bagdad und Kairo.

Unter ihm und seinem Nachfolger al-Hakam II. (961- 976) entsteht das Kalifat von Córdoba, das zu einem der bedeutendsten Reiche Europas und der islamischen Welt wird, wobei Abd-ar-Rahman mit starker, z.T. grausamer Hand regiert. Allerdings hatte er sich auch gegen zahlreiche Rebellionen in Catmona, Sevilla, Merida, Badajoz, Valencia und Toledo zur Wehr zu setzen ebenso wie gegen Angriffe aus dem christlichen Norden.

Die arabische Kultur wird zu dieser Zeit zur vollen Blüte gebracht. Muslime, Christen und Juden leben in seinem Reich in Eintracht zusammen und machen al-Andalus zu einer kosmopolitischen arabisch-islamistischen Gesellschaft. Diese Zeit des friedlichen Zusammenlegens der Religionen wird auch “convivencia” genannt.

Die Bevölkerung wächst stark an. Córdoba hat 113.000 Häuser, 600 Moscheen und prächtige Paläste, darunter den Alcázar. 785 beginnt man mit dem Bau der berühmten Moschee von Cordoba, der Mezquita, die in den nächsten 200 Jahren mehrmals erweitert wird. Cordoba wird mit einer Bevölkerung von vielleicht 500.000 Einwohnern schließlich die größte und wohlhabendste Stadt in Europa noch vor Konstantinopel. Die Stadt wird zum Anziehungspunkt für Gelehrte und Wissenschaftler und zum Modell einer kosmopolitischen Aufklärung. Das Kalifat existiert zwar nur knapp hundert Jahre, aber das von Abd al-Rahman III. begründete Verwaltungswesen, der Anstieg der landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktion sowie seine Investitionen in die Infrastruktur lösten in al-Andalus einen wahren Verstädterungsboom aus. Ein letztes Aufleben des Kalifats findet unter al Mansur Ende des Jahrhunderts statt. Er dringt mehrmals in die christlichen Reiche im Norden ein und kommt sogar bis nach Santiago de Compostela. Er plündert die Stadt, verbietet aber, das Grab des hl. Jacobus zu entweihen. Mit seinen Vorstößen gegen die Christen will er deren Vordringen einen Riegel vorschieben. Dennoch geht das in den 750er Jahren von Abd al-Rahman I. gegründete und unter Abd al Rahman III. zu Pracht und Herrlichkeit aufgestiegene Reich seinem Ende entgegen. Das Reich wird zum Ort der Auseinandersetzung zwischen den erstarkenden Christen und ihrer Reconquista und puritanischen intoleranteren Berbern.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Spaniens#/media/Datei:Al-Andalus-de-910.jpg
Von Alexandre Vigo - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10312430

3. Periode der Arabisierung – die Zeit der Taifas (1041-1091), die Herrschaft der Almoraviden (1091-1145) und Almohaden (1145-1236) und das Emirat von Granada (-1492)

 

In den folgenden Jahrzehnten beginnt der Niedergang des arabischen Einheitsreiches in Spanien. Mit der Absetzung des letzten Kalifen 1031 bricht Al-Andalus politisch zusammen und endet 1031.  Nach zweiundzwanzig Jahren Bürgerkrieg und ethnischer Zwietracht, Gegenputschen und Pogromen war das Kalifat beendet. Der Glanz Cordobas verblasst, aber die Provinzstädte erwachen zum Leben. Es bilden sich zahlreiche islamische Kleinstaaten, die sog. Taifas. Darunter sind u.a. 1009-1076 die Amiriden in Denia1010-1090, die Ziriden in Granada, 1016-1085die Nuniden in Toledo und Cordoba 1023-1091 die Abbadiden in Sevilla.

Im Jahr 1031 sind ungefähr 24 Reiche der Reyes de Taifas, der Kleinkönige, entstanden, welche sich jedoch gegenseitig bekämpfen. Dabei bedienen sie sich auch der Hilfe der christlichen Staaten, die inzwischen in Spanien erstarkt sind. Während unter Abd al-Rahman III. al-Andalus noch die Hegemonie über die christlichen Staaten ausübt und auch in Erbstreitigkeiten eingreifen kann, kehrt sich das Verhältnis allmählich um, so dass mehrere Taifas von den christlichen Staaten tributabhängig werden. Diese Zeit dauert von 1031-1091. Der wirtschaftliche Wohlstand in den Taifas blieb erhalten, aber der politische Niedergang setzte sich unaufhaltsam fort. Die Schwäche erkennen auch die Nachbarn, die christlichen Fürsten im Norden und die Berber in Nordafrika, die schon in der Zeit des Kalifats enge Beziehungen zu den Mauren in Spanien aufgebaut haben.

Die Expansion der christlichen Staaten ging immer stärker zu Lasten der Taifas und findet in der Eroberung Toledos durch Kastilien den ersten Höhepunkt. Es ist die erste größere Stadt in al-Andalus, die einem christlichen Herrscher zufällt. Zwar zielt diese Eroberung nicht auf Vertreibung der Muslime ab, sondern man will die muslimische Bevölkerung als Untertanen der christlichen Reiche behalten. Doch aus Toledo wandert ein Großteil der muslimischen Elite ab. Diesen spektakulären Erfolg der Christen empfinden viele Muslime

als Tragödie und einen großen Verlust. Dies führt dann zur Invasion der nordafrikanischen Almorawiden, die von den Muslimen zur Hilfe gerufen werden. Sie bringen die Rückeroberung islamischer Gebiete durch die christlichen Staaten zum Stehen, kehren sie teilweise sogar wieder um. Die Almoraviden, nordafrikanische Wüstenkrieger und streng orthodoxe Gläubige, übernehmen die Herrschaft in al-Andalus.

Empört über den „dekadenten“ Lebensstil und die „Aufweichung“ der Religion, die sie vorfinden, beginnen sie im Einverständnis mit Rechtsgelehrten, die das Versagen der Kleinkönige beim Schutz des Islams hervorheben, mit der Unterwerfung der Taifa-Reiche. Diese endet 1110 mit dem Sturz der Hudiden von Saragossa. Al-Andalus wurde nun Teil eines Reiches, das seinen Mittelpunkt in Nordwestafrika hat mit der Hauptstadt Marrakesch und der Regionalhauptstadt Sevilla.

Durch den asketischen Fanatismus der Neuankömmlinge endet auf muslimischer Seite die Jahrhunderte lange Tradition der Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Die christlichen Mozaraber werden ausgewiesen, wenige später auch viele Juden. Doch städtisches Leben und Handel florieren und mit der Zeit werden auch die strengen Sitten gelockert. Allerdings werden die Almorawiden seit 1147 von den ebenfalls aus Nordafrika stammenden Almohaden verdrängt, die noch sittenstrenger sind. Beide Stämme können während ihrer Herrschaft die spanisch-maurische Kultur weiter ausbauen. Doch die Unzufriedenheit der Untertanen mit der streng-religösen Herrschaft droht die Herrschaft der Almohaden zu schwächen. Das nutzen die christlichen Herrscher und die Reconquista verdrängt die Araber allmählich trotz einiger Niederlagen bis Ende des 13. Jahrhunderts fast vollständig aus dem Land. (Siehe dazu die Ausführungen zur Reconquista)

Einzig das Nasriden-Reich von Granada, zudem auch größere Städte wie Málaga, Almería und Marbella gehören, besteht noch bis 1492. Dann muss Mohammad XII. den Schlüssel der Stadt Granada an das Ehepaar, die Könige Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. von Kastilien übergeben und abziehen.

Eine kurze Zeittafel zur politischen Geschichte

 

710-756          Islamische Eroberung und Anfänge

711                  Invasion der Mauren unter Taliq

711                  Schlacht am Rio Guadelete – Niederlage der Westgoten unter König Roderich

719                  Fast ganz Spanien unter maurischer Herrschaft

721                  Pelago besiegt die Mauren bei Covadonga- angeblicher Beginn der Reconquista

756-1031        Emirat und Kalifat von Cordoba

 

756                  Begründung des Umayyaden Emirats durch Abd al Rahmann I

912-961          Abd ar Rahman, Blüte des Emirats

929                  Abd ar Rahman ernennt sich zum Kalifen

961-976          Al Hakan II , Blüte der arabischen Kultur

1031                Niedergang des Kalifats

1041-1091      Entstehung der Taifas, der regionalen Königreiche

                        u.a.:

1009-1076      Amiriden in Denia

1010-1090      Ziriden in Granada

1016-1085      Nuniden in Toledo und Cordoba

1023-1091      Abbadiden in Sevilla

1085                Alfons VI von Kastilien erobert Toledo im Zentrum der Halbinsel

 

 1091-1248      Almoraviden und Almohaden

1090-1116      die Almoraviden erobern die Taifas Königreiche

1094                El Cid erobert Valencia, das bis 1102 gehalten wird

1118                Aragon erobert Zaragoza

1212                Kastilien besiegt die Almohaden bei Las Navas de Tolosa

1229                Aragon erobert Mallorca

1236                Kastilien erobert Cordoba

1238                Portugal erobert Algave

1238                Aragon erobert Valencia

1248                Kastilien erobert Sevilla  – Ende der großen „Reconquista“

1237-1492      Die Nasriden in Granada

             

Die Einflüsse der maurischen Kultur auf Spanien und Europa

 „Der Reiz Spaniens ist es, der Ort zu sein, wo Orient und Okzident einander begegnet sind“ (Emile Male). Denn neben den militärischen Auseinandersetzungen, den Tributzahlungen und Phasen der Intoleranz und des Fanatismus wird die muslimische Präsenz in Spanien auch mit einem bedeutenden kulturellen und wissenschaftlichen Aufschwung in Verbindung gebracht. Auch der Umgang mit Andersgläubigen – solang sie einer monotheistischen Religion anhängen – muss man – zumindest am Anfang der Herrschaft der Mauren – gerade auch für die damalige Zeit als sehr tolerant und fortschrittlich bezeichnen. Als Vollbürger werden sie aber nicht anerkannt. Sie leisten keinen Militärdienst und zahlen eine Sondersteuer und sie sind dem Staatsvolk der Muslime untergeordnet. Sie haben jedoch ein Recht darauf, ihre eigene Religion auszuüben mit all ihren Bräuchen und Vorschriften.

Die christlichen Untertanen der neuen islamischen Herren scheinen, nachdem ihre ersten Erhebungen und Aufstände niedergeschlagen worden sind, vor allem in der Epoche des Emirats und des Kalifats von Córdoba (756–1013) mindestens teilweise von der damals offenkundigen zivilisatorischen Überlegenheit der islamischen Macht  beeindruckt zu sein. Teile der gebildeten Schichten greifen bereitwillig viele kulturelle und wirtschaftliche Ideen der Mauren auf. Der Name, den sie erhalten, mozarabes (von must’arab, einer, der gern Araber sein möchte, sich als Araber gibt), spricht zumindest dafür.

Will man kurz auf diese positiven Aspekte der Arabisierung der iberischen Halbinsel eingehen, so muss man von einem komplexen Vorgang ausgehen, der in viele Lebensbereiche Einzug hielt. Hier einige Beispiele.

Die islamische Bodenpolitik führt zu einer ausgesprochenen Klein- und Mittelbesitzstruktur und steht somit im Gegensatz zu der Struktur von Latifundien, deren Entwicklung schon unter den Römern begonnen haben. Durch die Reconquista wird diese kleinräumigere Agrarstruktur aber wieder zerstört. Denn hier kommt es wieder zur Bildung von Latifundien als Geschenk an die Unterstützer der spanischen Herrscher. Diese Latifundien sind bis heute ein großes Hemmnis für die Entwicklung der spanischen Landwirtschaft.

In der Folge der Agrarpolitik der Mauren kommt es zu einem Aufschwung der Landwirtschaft vor allem auch durch die Einführung neuer Kulturpflanzen. Die wichtigsten neuen Kulturpflanzen sind die Zitrone, die Pomeranze, die Banane, das Zuckerrohr, der Reis, die Baumwolle und die Wassermelone.

Auch die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte z.B. im Rahmen der Leder-Textil- und Teppichherstellung sowie Papierherstellung wird deutlich verbessert. So wird z.B. Baumwolle, Hanf und Safran (zum Färben) nach al-Andalus importiert, was die aufstrebende Textilindustrie stark ankurbelt. Auch die Seidenmanifaktur wird durch die große Nachfrage der Eliten ausgebaut.

Entscheidend für die Gestaltung der Agrarlandschaft sind auch die künstlichen Bewässerungssysteme. Zwei wichtige neuartige Systeme der Wassergewinnung sind die Wasserhebevorrichtungen (Norias) und die Qanate. Bei den Norias handelt es sich um ein Wasserschöpfrad, während die Qanate ein ausgeklügeltes System von unterirdischen Wasserleitungen ist, das über viele Kilometer reicht.

Vor allem aber kann man bei den Einflüssen der Mauren auf die Blüte der Wissenschaften verweisen. So bringen die Araber Wissen aus den Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften, der Baukunst, der Medizin, der Astronomie und Mathematik nach Spanien. Allein die Bibliothek des Kalifen Abd al-Rahman in Cordoba umfasst angeblich mehr als 400.000 Bücher. Viele Bücher wurden auch aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt und auch vom Arabischen ins Lateinische. Auch die bei uns heute üblichen (arabischen) Ziffern hat Europa von den Arabern übernommen. Ursprünglich kommt das Ziffernsystem allerdings aus Indien.

Voraussetzung für die Entfaltung der Wissenschaften ist ein gut ausgebautes Bildungssystem. So gibt es ein weit verbreitetes Netz von Elementarschulen, die die Basis für die Universitäten bilden. Im 10 Jh. gibt es bereits 17 Universitäten in al-Andalus. Der muslimische Einfluss schlägt sich auch im Bereich der Schönen Künste – hier vor allem der Dichtkunst und Musik – nieder.

Interessant ist auch, dass die erhaltenen Quellen aufzeigen, dass neben den Männern auch Frauen eine wichtige Rolle spielen und zwar nicht nur als Kopistinnen und Übersetzerinnen sondern auch als Wissenschaftlerinnen und Autorinnen. Frauen der Oberschicht haben Mittel und Möglichkeiten, kulturellen Interessen nachzugehen. Sie schreiben Gedichte, kopieren den Koran, geben juristische Texte heraus und gründen bedeutende Bibliotheken, studieren Wissenschaften und Religion. Eine der bekanntesten war Lubna von Cordoba. Bekannt ist, dass sie in eine Sklavenfamilie geboren wurde, die im Palast von Abd ar-Rahman III. in Medina Azahara arbeitete, und dass sie innerhalb dieser Mauern aufwuchs. Sie war nicht nur Chefsekretärin (katiba al-kubra) des Kalifen, sondern bekleidete auch zahlreiche weitere Ämter: Sie war Kopistin, Schreiberin, Expertin für den Erwerb von Büchern für die königliche Bibliothek, Privatsekretärin und Mathematikerin. Aus diesem Grund wurde sie zur Kuratorin der Großen Bibliothek von Córdoba ernannt und verwaltete dort über 500.000 Bücher.

In der Bibliothek von Córdoba war Lubna für die Reproduktion, das Schreiben und Übersetzen vieler Handschriften zuständig. Gemeinsam mit dem jüdischen Gelehrten Hasday ibn Shaprut war sie maßgeblich an der Entstehung der berühmten Bibliothek von Medina Azahara beteiligt. Sie war nicht nur Schriftstellerin und Übersetzerin, sondern verfasste auch Kommentare zu diesen Büchern. Darüber hinaus unterrichtete sie arme Kinder in al-Andalus in Mathematik. Lubna bereiste den gesamten Nahen Osten auf der Suche nach Büchern für ihre Bibliothek in Kairo, Damaskus und Bagdad. Sie kopierte zahlreiche wichtige Texte und versah sie mit handschriftlichen Anmerkungen, die die Herkunft des Autors und eine kurze Zusammenfassung des Werkes enthielten; sie verfasste sogar eigene Gedichte über das Leben im Palast.

Die großen Städte – wie Cordoba, Toledo und Granada – sind auf Grund der –zumindest zeitweise herrschenden – intellektuellen Freiheit und religiösen Toleranz dem übrigen, doch z.T. recht rückständigen Europa klar überlegen. Da sich von diesen Zentren kontinuierlich das Wissen auf andere geistige Zentren in Europa ausbreitet, kann das Zusammentreffen von muslimischer und abendländischer Kultur im Laufe der Zeit auch im übrige Europa Einfluss ausüben und zur kulturellen Entwicklung des Abendlandes vor der Renaissance beitragen. Dabei spielen die arabisierten Christen eine wichtige Rolle, da sie sowohl die christlichen Reiche Nordspaniens als auch Italien und die fränkischen Herrschaftsgebiete bereisen.

(s. auch das Kapitel: Wechselbeziehung zwischen islamischer,christlicher und jüdischer Baukunst in Spanien und der Madéjar-Stil – Via de la Plata)

Quellen

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Ritterorden in Spanien

Historisches auf dem Via de la Plata

Wenn man an die Ritterorden denkt, dann fällt einem wohl als erstes der Templerorden ein, den man als ältesten Ritterorden bezeichnen kann. Er und der Johanniterorden waren international agierende Orden, die vor allem bei den Kreuzzügen ins Heilige Land aktiv waren. Ihre wichtigsten Aufgabenbereiche lagen daher auch in dieser Region. Allerdings hatten sie natürlich auch einige Häuser in Spanien. Der Ritterorden vereinte die Ideale des adligen Rittertums mit denen der Mönche, bis dahin waren diese beiden Stände streng voneinander getrennt gewesen. Die Ritterorden waren durch ein ordensähnliches Gemeinschaftsleben in Armut, Gehorsam und Keuchheit gekennzeichnet, welches verknüpft war mit caritativen Aufgaben, bewaffnetem Pilgerschutz und militärischem Einsatz gegen äußere und gelegentlich auch innere Feinde der Christenheit. Sie waren streng hierarchisch organisiert. Hoch-bzw. Großmeister standen an ihrer Spitze. Aufgrund der Ordensregeln verpflichten sich die Mitglieder in allen Belangen zu absolutem Gehorsam gegenüber ihrem Großmeister. Einige geistliche Ritterorden, auch die spanischen und portugiesischen Ritterorden nach Ende der Reconquista wurden im 15./16. Jahrhundert dem jeweiligen König unterstellt, der die Großmeisterwürde erhielt und fortan vererbte.

Templer-Orden

Jahr der Gründung: 1118 Jerusalem / Sitz in Spanien: Castillo de Ponferrada (Kastilien-León) / International tätiger Ritterorden. Dem Templerorden folgte in Spanien der Montesa-Orden nach.

Orden de Hospital (Johanniterorden)

Jahr der Gründung: 1048 in Jerusalem / Sitz in Spanien: Castillo de Consuegra (Toledo, Kastilien-La Mancha) / International tätiger Ritterorden

Orden, die vor allem in Spanien agierten

Die spanischen Ritterorden, zu denen auch Ritter aus ganz Europa stießen, sahen ihre Aufgaben vor allem innerhalb Spaniens. Sie spielten gerade während der Reconquista, der Rückeroberung Spaniens durch die christlichen Königreiche, eine besondere Rolle.

Zudem brachen Menschen aus aller Herren Länder auf, um am Grab des heiligen Apostels Jakobus in Compostela zu beten. Diese Pilger, jährlich Hunderttausende und mehr, sollten und mussten geschützt werden: vor Dieben, Wegelagerern, Räubern, aber auch und gerade vor den Mauren. Die spanischen Ritterorden waren infolge ihres Auftrags weniger dem Papst denn dem jeweiligen König verpflichtet.

Der älteste Ritterorden in Spanien ist der Orden de Calatrava (Calatrava-Orden), er wurde bereits im Jahre 1158 gegründet. Danach folgten weitere Gründungen von Ritterorden wie der Orden de Santiago (1170), Orden de Alcantara (1176) und der Orden von Montesa (1317).

Calatrava-Orden

Jahr der Gründung: 1158 / Königreich von Kastilien / Sitz: Castillo de Calatrava La Nueva (Ciudad Real, Kastilien-La Mancha) Gegründet wurde der große spanische Ritterorden Calatrava-Orden von Abt Raimundo Serrat im Jahre 1158. Der Orden von Calatrava hatte ursprünglich die Aufgabe, die Burg Calatrava vor den Mauren zu schützen. Eine Aufgabe, die zunächst 1147 zunächst den Templern übertragen worden war.

Alcantara-Orden

Jahr der Gründung: 1176 / Königreich León / Sitz: Convento San Benito (Cáceres, Extremadura) Der Alcántaraorden wurde zum Schutz des Ortes Ciudad Rodrigo im Jahre 1156 als Orden de San Julián de Pereiro gegründet. Erst im 13. Jahrhundert als der Ritterorden die Festung Alcántara übernahm und eine wichtige Römerbrücke über den Rio Tajo schützen sollte, folgte die Umbenennung.

Santiago-Orden

Jahr der Gründung: 1170 / Königreich León / Sitz: Monasterio de Uclés (Cuenca, Kastilien-La Mancha) / Auch der Santiagoorden wurde im Zuge der Reconquista gegründet und betätigte sich hauptsächlich auf der iberischen Halbinsel. Zunächst sahen die Mitglieder dieses Ritterordens ihre Hauptaufgabe im Schutz der Pilger nach Santiago de Compostela.

Montesa-Orden

Jahr der Gründung: 1317 / Königreich Aragón / Sitz: Castillo de Montesa (Valencia) / Der Orden von Montesa wurde erst 1316 von König Jakob II. von Aragón gegründet also nach der Auflösung des Templerordens und so wurde der Montesa-Orden mit den Gütern des Templerordens ausgestattet. Im neu gegründeten Orden fanden auch die nun ordenslosen Tempelritter Unterschlupf. 1400 wird der Montesa-Orden mit dem Orden von San Jorge de Alfama zusammengelegt, der neue Orden heißt nun Orden von Montesa und San Jorge de Alfama. ^

Orden von San Jorge de Alfama

Jahr der Gründung: 1201 / Alfama / Der Orden von San Jorge de Alfama wurde von König Peter II. von Aragón zu Ehren des heiligen Georg (San Jorge) 1201 gegründet. Vom Papst wurde der Orden von San Jorge de Alfama allerdings erst 1363 anerkannt. 1400 wurde der Orden mit dem Orden von Montesa vereinigt, der neue Orden hieß von nun an Orden von Montesa und San Jorge de Alfama.

Alle spanischen Ritterorden fühlten sich stärker den Königen als dem Papst verpflichtet. Trotzdem kam es im Laufe der Geschichte zu Unstimmigkeiten zwischen den Orden und der Krone, was sicherlich mit der zunehmenden Macht, dem Reichtum und der Unabhängigkeit der Orden zusammenhing. Die Orden erhielten als Anerkennung für militärische Leistungen zahlreiche Schenkungen und verfügte über ausgedehnte Ländereien und Privilegien sowie über hohe Geldbeträge, obwohl die Ritter sich u.a. beim Eintritt in den Orden der Armut verschrieben hatten. Da dies der spanischen Krone langfristig nicht gefiel, gingen die Ämter des Großmeisters nicht ganz freiwillig, sondern oft mit Unterstützung des Papstes nach und nach auf die spanische Krone über, die dann nur noch vererbt wurden.

  

Übrigens bestehen noch heute Ritterorden, die zum einen der Protektion des Heiligen Stuhls unterstehen ( Souveräner Malteserorden,  Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem) oder zum anderen als Ordensinstitution bestehen ( Deutscher Orden,  Mercedarierorden,  Ritterorden der Kreuzherren mit dem Roten Stern).

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Historisches Historisches Via de la Plata

Römische Relikte auf der Via de la Plata – Italica/Capalla/Merida

Römische Relikte auf der Via de la Plata

Italica/Capalla/Merida

Die Via de la Plata verläuft in Teilen entlang einer in der Römerzeit  entstandenen Nord-Südverbindung durch die Extremadura (siehe auch Artikel zur Romanisierung). Diese Verbindung spielte damals eine wichtige Rolle, verband diese sogenannte „Silberstraße“ doch die Erzminen Kastiliens und Galiciens mit Andalusien und dem Süden. 800 Kilometer lang war dieser Handelsweg. Deshalb treffen wir auf unserer Wanderung auch immer wieder auf Relikte aus der Römerzeit. Neben vielen Meilensteinen am Wegesrand, Teilstücken des alten gepflasterten Römerweges sowie zahlreichen kleinen und größeren Brücken (z.B. die Römerbrücke bei Aldea del Cano oder die Brücke nach Salamanca) sind es vor allem die Ausgrabungsstätten von Italica und  Capalla  sowie die vielen römischen Bauwerke in der Stadt Merida die unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Italica (heute Santiponce)

Die ehemalige Römerstadt Italica vor den Toren Sevillas (10 km nördlich von Sevilla) ist die erste Station auf der Via de la Plata, die uns verstärkt die Zeit der Römer in Spanien verdeutlicht. Italica war eine berühmte Stadt des römischen Reiches. Sie geht zurück auf die Gründung eines Lazaretts für römische Krieger nach der Schlacht von Ilipa im 2. Punischen Krieg (206 v. Ch.)  und wurde dann zu einem Militärposten ausgebaut als Bollwerk gegen die Angriffe der Karthager. Italica wurde ein wichtiges Verwaltungs-zentrum, von dem auch später eine verstärkte Romanisierung des Landes ausging.

Spätestens unter Caesar erhielt die Stadt den Status zum Municipium. In der Kaiserzeit, beginnend bereits mit Caesar erhielten auch Städte in den Provinzen außerhalb Italiens (allerdings fast nur im Westen des Reiches) das Recht eines Municipiums. Das bedeutete, dass den Bürger die vollen Bürgerrechte zugestanden wurden, also auch das Stimm- und Wahlrecht. Die damalige Bedeutung der Stadt lässt sich auch an ihrem Reichtum ablesen. Belege dafür sind das noch teilweise erhaltene Amphitheater und zahlreiche wunderschöne Fußbodenmosaike. Leider ist von den anderen Gebäuden relativ wenig übriggeblieben, da die Stadt später verlassen und als „Steinbruch“ verwendet wurde.

Ihre besondere Stellung zeigt sich auch darin, dass die römischen Kaiser Trajan und Hadrian dort beheimatet waren.

Für Cineasten vielleicht noch interessant: Der Ort diente auch als Drehort der Drachengrube aus dem Finale der 7. Staffel der Serie „Game of Thrones“.

Die Römerstadt Caparra und der Arco de Caparra

Auf dem Weg von Carcobos und Banos de Montemayor treffen wir auf den Arco de Caparra, ein stattliches Tor der einst monumentalen Römerstadt Caparra. Nachdem Caparra 74 n.Chr. unter Kaiser Vespasian die Stadtrechte (Municipium) erhielt, begann – begünstigt auch durch die Lage an der Verbindungsstraße zwischen Merida und Astorga der wirtschaftliche Aufschwung. Als Station an der stark frequentierten Handelsroute profitierte es von den fahrenden Händlern und Reisenden. Die Stadt hatte bald eine Ausdehnung von ca. 15-16 Hektar. Ihre Blütezeit lag im 2. und 3. Jh. n.Chr. Viele bedeutende Gebäude wie ein Amphitheater, ein riesiges Forum und Thermen wurden errichtet.

Leider sind nur noch die Grundrisse der Gebäude auf dem Ausgrabungsgelände nachvollziehbar. Überlebt hat all die Jahre der Arco de Caparra aus dem 1. Jh. n.Chr. Das in Spanien einzigartige vierbogige Tor ist aber kein Triumphbogen, wie man meinen könnte, sondern ein von Marcus Fidius Maar zu Ehren seiner Eltern gestifteter Gedenkbogen. Damals stand er mitten in der Stadt, heute steht er etwas verloren mitten in der Landschaft.

Merida

Das prachtvolle Kulturerbe Méridas läßt den Besucher in die römische Antike eintauchen. Die Hauptstadt der spanischen Extremadura bietet prachtvolle römische Bauwerke, darunter ein Theater, einen Zirkus, eine Pferderennbahn, zwei Aquädukte, eine intakte Brücke. Das Museo Nacional de Arte Romano besitzt eine Sammlung von unschätzbarem Wert— kurzum alles, was einen Römerfan in Entzückung versetzen kann. 

Merida ist heute die Hauptstadt der Autonomen Region Extremadura. Im Römischen Reich war die Stadt unter dem Namen „Emerita Augusta“ die Hauptstadt der Provinz Lusitania. Der Name „Eremita“ (lat. für verdient/ausgedient) deutet schon auf den Ursprung der Stadt hin. Die Stadt wurde Ende des Jahres 25 v.Chr. im Auftrag des Kaisers Augustus gegründet. Er ließ die Stadt als Kolonie für die Veteranen der römischen Legionen V Alandae und X Gemina errichten. Es entstanden zahlreiche repräsentative Einrichtungen: Bäderlandschaften, ein Theater, ein Amphitheater, ein Circus, Tempel, Brücken und Aquädukte, die zum großen Teil heute noch zu besichtigen sind. Seine Blütezeit erlebte Merida – wie viele römische Stadtgründungen in der Region – in den ersten beiden Jahrhunderten n.Chr.. Im Gegensatz zu den beiden anderen Stätten, die ja mehr oder weniger Ruinenstädte sind, kann man in Merida von dem früheren Glanz noch eine ganze Menge sehen. In Mérida kann man Spanien vergessen und zwei, drei Tage lang vollkommen ins Römische abtauchen; dafür sorgt schon das einmalige Ensemble an Bauwerken. 

Wichtige Gebäude aus dieser Zeit, die man besichtigen sollte, sind:

  • die Puente Romano – das weltweit größte erhaltene antike Brückenbauwerk mit 721 Metern und 60 Bögen
  • das Amphitheater – Schauplatz für Gladiatoren- und Tierkämpfe für 15.000 – 20.000 Zuschauer
  • das Teatro Romano – Ort für die Ausführungen von griechischen Tragödien und Komödien mit einem Zuschauerraum für 6.000 Menschen und einem Bühnenkomplex mit Bühnenhaus und der eigentlichen Bühne
  • der Circus – langgestreckte Arena, in der in erster Linie Wagenrennen und seltener Tierkämpfe stattfanden mit einem Fassungsvermögen von 30.000 Zuschauern
  • der Tempel der Diana – zwischen dem 1. Und 2. Jh. gebaut, wurde nicht zur Anbetung der Göttin der Jagd genutzt sondern zur Huldigung des Gott gleichen Kaiser Augustus
  • das Aquädukt Los Milagros – s. die Ausführungen unten

Als Hauptstadt der römischen Provinz Lusitanien entwickelte sich Mérida zu einer der blühendsten Städte des Römischen Reiches. Während der Ausbreitung des Christentums stellte es einbedeutendes religiöses Zentrum dar. Unter westgotischer Herrschaft behielt die Stadt noch eine Zeit lang ihre Rolle als Hauptstadt des Reiches, bis sie diesen Titel an Toledo abgeben mußte. 

Die römische Wasserversorgung

Von besonderer Bedeutung ist auch die römische Wasserversorgung der Stadt. In ihrer Konstruktion und technischen Ausführung ist sie auch heute noch ein wahres Wunderwerk. Dafür errichteten die Römer zwischen 100 und 150 n. Chr. eigens einen Staudamm im etwa 6 km entfernten Prosperina. Seine Dimensionen setzen uns heute noch in Erstaunen.  Die Mauer ist 400 Meter lang und bis zu 21 m hoch und das Reservoir hat ein Fassungsvermögen von 5 Millionen qm. Von hier aus wurde das Wasser über eine etwa 10 km lange Wasserleitung und über insgesamt sieben Aquädukte weitergeleitet, wovon das monumentale “Los-Milagros”-Aquädukt am Rand von Merida das größte ist. Endstation in der Stadt war das “Castellum aquae”, das Wasserreservoir auf dem heutigen ‘Cerro del Calvario’. Wie erstaunlich die Bauleistung ist, lässt sich daraus ermessen, dass das Wasser u.a. einen ins Granitgestein geschlagenen Tunnel durchläuft und zudem ein ganz spezielles Gefälle hat. Die Neigung beträgt durchgehend einen Meter auf zwei Kilometer, die maximale Durchflussmenge beträgt somit 150 Liter pro Sekunde. Welch eine technische Meisterleistung!

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Die Romanisierung Hispaniens

Die Romanisierung Hispaniens

Hintergrundwissen

Kurze Vorgeschichte

Schon vor etwa 12.000 v. Chr. war Spanien bereits besiedelt. Höhlenmalereien belegen dies eindeutig. Die ältesten Hinweise finden sich in der Höhle von Altamira (s. dazu meine Ausführungen auf dem Camino del Norte). Zu den Ureinwohnern Spaniens zählen die Völker der Iberer und der Kelten, die im 5. und 4. Jh. v. Chr. miteinander verschmolzen, sowie die Basken (s. dazu Geschichte der Basken in meinen Ausführungen auf dem Camino del Norte).

Im 11. Jh. v.Chr. siedelten sich die Phönizier an der Südküste an. Später setzen sich die Griechen an der Küste fest. Nach dem 1. Punischen Krieg (237 – 219) eroberten die Karthager den Süden und Osten der iberischen Halbinsel.

Der Prozess der Romanisierung

Die erste Phase - die Zeit des 2. punischen Krieges

Nach dem 2. Punischen Krieg wurden die Karthager von den Römern aus der iberischen Halbinsel vertrieben. So wurde für diese der Weg frei, um ab dieser Zeit Iberien Stück für Stück für das römische Reich einzunehmen. Es dauerte aber mehrere Jahre und mehrere Auseinandersetzungen mit den Karthagern bis diese erste Eroberung erfolgreich war.

Zwischen 210-209 v.Chr. eroberte Publius Cornelius Scipio Africanus zunächst das mediterrane östliche Spanien. Der Hauptgegner im südlichen Spanien war dann Karthago. Diese griff er in der Stadt Cartagena an. Die Stadt war für die Karthager von besonderer strategischer Bedeutung. Von hier aus kam der Nachschub aus Afrika, hier in der Nähe lagerten reiche Silberminen und hier gab es einen Hafen, der auch eine große Flotte aufnehmen konnte. Scipio konnte die Karthager vernichtend schlagen und die Stadt erobern.

Die zweite wichtige Schlacht fand dann im Jahr 208 v.Chr. wahrscheinlich bei der Stadt Bäcula (heute Ubeda) statt, wo die Karthager ca. 8000 Mann verloren. Scipio setzte nach den beiden Schlachten jeweils eine geschickte Taktik ein. Er entließ die mit den Karthagern verbündeten Iberer in die Freiheit und schickte nur die Afrikaner in die Sklaverei. So versuchte er unter den Iberern neue Verbündete zu gewinnen. Außerdem überließ er seinen iberischen Mitkämpfern einen Teil der Beute. So konnte er auf der iberischen Halbinsel Unterstützer finden, die die römische Herrschaft festigen sollten.

Im Jahr 206 kam es dann zu der letzten und entscheidenden Schlacht gegen die Karthager und zur endgültigen Einnahme des südlichen Spaniens. Diese entscheidende Schlacht fand bei der Stadt Ilipa (Alcala de Rio) unweit von Cadiz statt, bei der die Karthager endgültig geschlagen und aus Spanien vertrieben wurden.

Die Römer waren nun an Teilen der Küste Spaniens und im Süden präsent. Die nördliche Mittelmeerküste, also die Regionen am und nördlich des Ebro, Aragonien und Katalonien waren als erstes von den Römern erobert worden. Mit dem Sieg über die Karthager fielen ihnen nun auch die Küsten Valencias, Murcias sowie das Binnenland Andalusiens (das Guadalquivirbecken) in die Hände. Man kann hier aber nur von ersten Ansätzen einer Romanisierung sprechen, denn zunächst handelte es sich mehr um eine Ansammlung von Quartieren des römischen Heeres. Es entstanden nur erste kleine Städte. Durch die Heirat von römischen Soldaten und iberischen Frauen kam es in der Folge zu einer ersten Durchmischung der Bevölkerung.

Die zweite Phase - die Zeit des Widerstandes und der Aufstände

Nach dem Sieg gegen die Karthager versuchten die Römer Spanien endgültig unter ihre Herrschaft zu bringen. Der Unabhängigkeitswille und die Konkurrenz zwischen den einzelnen keltiberischen Stämmen führte dazu, daß sie in ständiger Furcht voreinander lebten, weil sie immer wieder übereinander herfielen. Man könnte meinen, dies ließe es den Römern leicht werden, die Stämme nacheinander zu besiegen. Doch es dauerte über 200 Jahre, bis ihnen alle Stämme der Iberischen Halbinsel zu Füßen lagen.

Auf die einzelnen Aufstände und Überfälle gehe ich im Folgenden nicht explizit ein. Zwischen 197-133 v. Chr. kam es zu zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen der römischen Besatzung und den einheimischen Völkern der Iberer und Lusitanier. Dabei gingen die Römer z.T. mit äußerster Brutalität vor, um die einheimischen Völker einzuschüchtern. Trotzdem konnten sie zunächst nur den Süden und Südwesten der Halbinsel besetzen. Es kam immer wieder zu Überfällen und Kämpfen mit verschiedenen Gruppen der Iberer und es dauerte bis 133 v. Chr. bis mit der Niederlage der Iberer bei Numuntia eine zeitweise Ruhe zwischen den Römern und den Völkern Hispanias herrschte. Allerdings hielt dieser Frieden nicht lang, sondern es kam immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen mit Aufständischen, zum Teil auch bedingt durch die Schwächung der Römer auf Grund des in Italien geführten Bürgerkrieges.  Insgesamt konnten in dieser Zeit das Binnenland, das heutige Kastilien-La Mancha und Kastilien-Leon sowie einige kleine Regionen erobert werden. Die Regionen im Norden,  Asturien, Galicien und Kantabrien, konnten sich auf Grund der topografischen Lage noch dem römischen Einfluss entziehen.

Die dritte Phase - die endgültige Eroberung des gesamten Landes

Erst Julius Caesar, der 61 v. Chr. als Proprätor die Provinz Hispanien Ulterior leitete, gelang es, den Widerstand der lusitanischen Stämme zu brechen und so das heutige Nordportugal und Galicien zu erobern. Allerdings konnte auch er den Nordwesten der Halbinsel nicht beherrschen. Erst unter Augustus wurde auch diese Region befriedet. Er teilte das Land nicht wie bisher in Hispania Citerior (näherliegend) im Osten und Hispania Ulterior (weiter entfernt) im Süden und Westen, sondern er gestaltete drei Provinzen Lusitania im Westen, Baetica im Süden und Traconensis im restlichen Bereich. Die Basken im Norden behielten ihre Unabhängigkeit. Nach der endgültigen Eroberung Spaniens kam es zu keinen nennenswerten Aufständen mehr und es folgte eine Zeit des Friedens, der Pax Romana.

Bedeutung der Romanisierung

Hispanien war das erste große Territorium außerhalb Roms, das von den Römern eingenommen wurde. Hier konnten sie sozusagen ihre Kolonialisierung anderer Länder erproben. Trotz der vielen Kämpfe und Auseinandersetzungen mit den einheimischen Völkern wurde die Eroberung dadurch erleichtert, dass es in Spanien kein einheitliches Staatsgebilde gab und die einzelnen Völker Spaniens leicht gegen einander ausgespielt werden konnten. Die Eroberung des ganzen Landes war auch deshalb für die Römer von Interesse, da sie so an Produkten wie Wein und Öl vor allem aber an die reichen Eisenerz- und Goldvorkommen im Norden und an die Silberbergwerke im Süden Spaniens kamen.

Nach der Eroberung bekam das ganze Land nun zur militärischen Sicherung zahlreiche Kastelle. Ein System von neuen Handelswegen wurde aufgebaut, um den Abbau und Transport der Bodenschätze und den Export landwirtschaftlicher Produkte wie Wein, Öl und Getreide nach Rom zu erleichtern. Der Ausbau des Straßennetzes trug gleichzeitig zur schnelleren Romanisierung der Bevölkerung bei. Die modernen Verkehrswege zwischen den spanischen Großstädten folgen noch heute teilweise dem Verlauf der römischen Verbindungswege.

Durch die Verschmelzung der einheimischen Oberschicht mit den römischen Machthabern wurde die Halbinsel allmählich ein wichtiges Zentrum römischer Kultur.

Wer in die neuen spanischen Provinzen Roms versetzt wurde, suchte die kulturellen Errungenschaften und Gepflogenheiten römischen Lebens so gut wie möglich beizubehalten.  So entstanden in den Städten u.a. Theater, Amphitheater und zahlreiche Tempel.  Zudem errichteten wohlhabende Bürger repräsentative Wohnhäuser nach römischem und griechischem Vorbild.

Die römische Provinz stellte sogar römische Kaiser wie Trajan (53-117 n.Chr.) und Hadrian (76-138 n.Chr.). Auch so angesehene Schriftsteller wie Seneca, Lucan und Martial kamen von hier. Die römische Religion wurde im Land etabliert aber neben der offiziellen Religion bestanden die alten Götter – allerdings unter neuem Namen – weiter.

Der hohe kulturelle und technologische Entwicklungsstand der Römer veränderte tiefgreifend die soziokulturellen Grundlagen der angestammten Bevölkerung im Zuge einer sukzessiven Anpassung. Die Annahme römischer Lebensweisen und Wirtschaftsformen führte zu einer Zurückdrängung traditioneller iberischer und keltischer Kulturformen wie die Gütergemeinschaft, des endogamischen Heiratsverhaltens (soziale Norm  in der eigenen sozialen Gruppe oder Sippe zu heiraten) oder der starken Bindung an den eigenen Stamm oder die Sippe. Allerdings entzogen sich die in den unzugänglichen Gebirgsgegenden lebenden Stämme – so auch die Basken – weitgehend der Romanisierung. In den von den Römern eroberten Gebieten, in denen sich die römische Kultur durchsetzt, kam es zur Urbanisierung, Intensivierung des Ackerbaus und Bürokratisierung. Die nachhaltigste Hinterlassenschaft aus der Römerzeit ist jedoch zweifellos die Sprache. Die auf der Iberischen Halbinsel und im gallischen Raum angestammten Sprachen wurden sukzessive und nahezu flächendeckend durch das Lateinische verdrängt, aus dem sich wiederum in den folgenden Jahrhunderten die verschiedenen romanischen Sprachen entwickelten

Anfang des 5.Jhs. n.Chr. zerfiel das römische Reich und die Westgoten ergriffen aus Norden kommend die Herrschaft in Spanien.

Kritische Betrachtung der Geschichtsschreibung der damaligen Zeit

Kurz möchte ich noch auf die Probleme der Geschichtsschreibung eingehen. Denn da es fast keine karthagischen und iberischen Quellen gibt, stammen die meisten Informationen über die Eroberung Hispaniens aus römischen Quellen. Hierbei handelt es sich somit um eine Siegergeschichtsschreibung. Eine solche Geschichtsschreibung beinhaltet in der Regel eine Fülle subjektiver Darstellungen und Bewertungen – wir kennen dies ja bis in unsere heutigen Tage. So ist es die schwierige Aufgabe der Historiker, Belege für richtige und falsche Aussagen zu finden. Bei jeder nur einseitigen Darstellung von Geschehnissen ist die Gefahr von – wir würden heute sagen – Fake News gegeben und wohl auch sehr wahrscheinlich.

Hier noch eine aktuelle Ergänzung:

Eine interaktive Karte zeigt das römische Straßennetz so umfassend wie nie zuvor und enthüllt die wahre Länge dieser antiken Routen. Die Römerstraßen erstreckten sich demnach über mehr als 299.170 Kilometer Länge, fast doppelt so viel wie bislang angenommen.

Die Römerstraßen waren in der Antike wichtige Verkehrsadern, über die WarenMenschen und Ideen von einem Ende des riesigen Römischen Reichs zum anderen gelangten. Typisch für diese Straßen war ein Fundament aus Steinbrocken, Kies und Sand oder Lehm, auf dem das in der Mitte gewölbte Straßenpflaster gelegt wurde. Ähnlich wie heute waren die Fernstraßen breiter, von Meilensteinen gesäumt und besser ausgebaut. Regionale und lokale Straßen unterstanden den Provinzen uns waren meist einfacher konstruiert. (s. weitere Erläuterungen unter Itiner-e Altas Media/MINERVA und de Soto et al. Scientific Data CC-by4.0. Die Karte von 2025 ist im Internet frei zugänglich)

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Camino del Norte Historisches Historisches

Die Höhlenmalerei in Nordspanien

Die Höhlenmalerei in Nordspanien

und eine Zeittafel der Ur- und Frühgeschichte

In der langandauernden älteren und mittleren Altsteinzeit hat es noch keine darstellende Kunst gegeben. Das Jungpaläolithikum, die Zeit der Höhlenmalereien, fällt mit der letzten Eiszeit (Ende gegen 10 000 v. Chr.) zusammen. Es ist die Zeit der jüngeren Altsteinzeit (s. auch die Zeittafel unten). Die Träger der jungpaläolithischen Kulturen waren auf höherer Stufe stehende Jäger und Sammler, die sich in den eisfreien Teilen Europas und Asiens befanden.

Die Kunst der Höhlenbilder hat ihre Zentren in Südfrankreich und in Nordspanien. Sie befindet sich im sogenannten franko-kantabrischen Kreis. Daneben in unmittelbarer territorialer Nähe finden wir die mesolithische Felskunst Ostspaniens, die sich aber auffallend von der Höhlenkunst unterscheidet und zeitlich schon zur Mittelsteinzeit zählt. Auffallend deshalb, weil im franko-kantabrischen Kreis vorwiegend das Tier im Zentrum der Darstellung stand, in der mesolithischen Felskunst der Mensch.

Große klimatische Veränderungen führten zu bedeutenden Umwandlungen der europäischen Flora und Fauna. Jagdobjekte werden neben dem Bison Elch, Hirsch, Wisent oder Wildschwein. Es werden neue Arten von Arbeitswerkzeugen geschaffen, der Bogen als Jagdwaffe entsteht. Allein solche technischen Errungenschaften wie die Erfindung und Verbreitung des Bogens seit dem Jungpaläolithikum machte den Menschen unabhängiger von den Zufällen der Jagd. Und diese Veränderungen beeinflussten natürlich auch die Weltanschauung des Menschen. Sie festigte in ihm das Bewusstsein der eigenen Kraft und Bedeutung.

Was die Höhlenmalerei betrifft, so sind die Bilder im Jungpaläolithikum von künstlerischer Naturtreue gekennzeichnet. Das heißt, die dargestellten Wesen werden durch geringe Stilisierung in ihren typischen Artmerkmalen wiedergegeben. Wichtig sind der Gegenstand, seine Farben und seine Räumlichkeit. Die Höhlenmalereien bestehen aus einzelnen zusammenhangslosen Figuren, was ihrer Qualität keinen Abbruch tut.

Die Zeichnungen sind ein Indikator für Fähigkeiten des Homo sapiens, die seine Vorgänger z.B. der Homo neanderthalensis noch nicht besaßen. Denn es gehören schon bestimmte Fähigkeiten dazu, die Tiere in der dargestellten Form zu gestalten. Die Künstler mussten differenzieren können zwischen den Dingen, die wichtig sind und somit dargestellt werden sollten und jenen Details, die unwichtig sind. Außerdem mussten sie eine Vorstellung von Proportionen haben, um z.B. ein Bison mit Hilfe von Linien und Farben so darzustellen, dass er naturalistisch wirkt. Denn es ist ja nicht so einfach ein dreidimensionales Objekt in eine zweidimensionale Darstellung zu übertragen. Zudem suchten sie an den Wänden bestimmte natürliche Vorsprünge, um den Objekten eine gewisse Art von Relief zu geben und somit eine Art Perspektive herzustellen. Wenn man bedenkt, dass die Integration der Perspektive in die Malerei erst in der Zeit der Renaissance gelang, also 15.000 Jahre später, so kann man die Bedeutung der Höhlenmalerei noch besser einschätzen.

Für die Farben haben die Künstler Holzkohle und Erdfarben – verschieden getönten Ocker, Rötel und schwarze Manganerde – mit Fett oder Eiweiß gemischt, die tief in den Stein eindrangen. Für den Farbauftrag kamen vermutlich Federn zum Einsatz. Aber auch Farbstifte und Röhrenknochen, durch die der Farbstoff aufgeblasen wurde oder ein Farbauftrag mit der Hand waren möglich. Zu Anfangs wurde vor allem die Ritztechnik verwendet.

Die Deutung der Malereien ist spekulativ und es ist keine eindeutige Interpretation möglich. Die Malerei hat  – nach Auffassung einiger Wissenschaftler – einen magisch-kultischen Ursprung. Es war die Beschwörung der zum Lebensunterhalt so dringend notwendigen Jagdbeute. Man wollte durch die bildliche Darstellung einen Zauber ausüben, damit ihre Waffen auch den ersehnten Erfolg erzielten. Es wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass in den meisten Fällen Tiere – wie Pferde, Hirsche oder Bisons – dargestellt werden, die den Menschen nützlich waren und ihnen Nahrung und Material lieferten. Kaum dargestellt wurden z.B. Füchse, Höhlenlöwen, Höhlenbären und Braunbären, die zur selben Zeit in dieser Gegend lebten, aber als gefährlich und bedrohlich eingestuft wurden. Außerdem wird von Wissenschaftlern davon gesprochen, dass die Kunst eine Art “symbolischer Klebstoff” war. Sie hält die Gruppe zusammen und schafft eine Situation, in der die Menschen stärker sind als allein. So wird eine gemeinsame Identität geschaffen, neben der Malerei durch Musik und Geschichten erzählen.

Neben der magisch-kultischen und sozialen Intention der Malerei entwickelte sich – so vermutet man zumindest – durch die fortschreitende Kunstfertigkeit auch der Wunsch nach künstlerischer Betätigung. Man könnte die dargestellten Hände als Signatur und Hinweis auf den Stolz der Künstler über ihre künstlerische Tätigkeit interpretieren, aber es wurde nachgewiesen, dass zahlreiche Hände Frauen- oder Kinderhände sind. Das alles zeigt, dass man sich bei der Interpretation der Malereien doch sehr im spekulativen Bereich befindet, was aber nicht die Bewunderung für die künstlerischen Fähigkeiten zur damaligen Zeit schälert.

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

Die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Höhlen liegen im Baskenland, in Kantabrien und in Asturien

Baskenland

  • Höhle von Santimamiñe in Cortézubi
  • Höhle von Ekain in Deba
  • Höhle von Altxerri in Aya

Kantabrien

  • Höhle von Altamira in Santillana del Mar (s. das eigene Kapitel dazu)
  • Höhle von Chufín in Riclones, Gemeinde Rionansa
  • Höhle von Hornos de la Peña in Tarriba, Gemeinde San Felices de Buelna
  • Höhlen am Monte Castillo in Puente Viesgo: El-Castillo-Höhle, Las Monedas, La Pasiega und Las Chimeneas
  • Höhle von El Pendo in Escobedo de Camargo, Gemeinde Camargo
  • Covalanas in Ramales de la Victoria
  • Höhle La Garma in Omoño, Gemeinde Ribamontán al Monte

Asturien

  • La Cueva de la Peña in San Román, Gemeinde Candamo
  • Cueva de Tito Bustillo in Ribadesella
  • Höhle von Covaciella in Cabrales
  • Höhle von Llonin, Gemeinde Peñamellera Alta
  • Höhle von Pindal in Ribadedeva

Zeittafel der Ur- und Frühgeschichte

Die Steinzeit ist die früheste Epoche der Menschheitsgeschichte.

Frühgeschichte

800 v. Chr. – 5. Jh. n.Chr.                                   

Urgeschichte 

2200 – 800 v. Chr.

2,6 Mill. – 2200 v. Chr

Übersicht Urgeschichte

Holozän

(➚ Frühgeschichte)

Eisenzeit

  späte Bronzezeit

 

  mittlere Bronzezeit

  frühe Bronzezeit

Bronzezeit

    Kupfersteinzeit

 

  Jungsteinzeit

Mittelsteinzeit

Pleistozän

    Jungpaläolithikum

 

    Mittelpaläolithikum

    Altpaläolithikum

  Altsteinzeit

Steinzeit

                                                                     

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Die Höhle von Altamira

Die Höhle von Altamira

bei Santillana del Mar

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

Der Camino del Norte führt uns nach Santillana del Mar 30 km von Santander entfernt. Dieses Städtchen ist nicht nur wegen seiner mittelalterlichen Altstadt berühmt, sondern auch wegen der Höhlen von Altamira mit ihren berühmten Felsmalereien.

Neben Lascaux und Niaux ist die Höhle von Altamira die wohl berühmteste frankokantabrische Höhle (jüngere Altsteinzeit). Die Altamirahöhle wölbt sich über einer Fläche von mehr als 5500 m². Sie wurde von 33.600 v. Chr. bis zum Einsturz des Einganges 11.000 v. Chr. genutzt. Die besonders beeindruckenden Deckengemälde werden dem Zeitraum 16.500 bis 13.000 v. Chr. zugeordnet.

Die Höhle besteht aus mehreren Räumen und enthält etwa 930 altsteinzeitliche Bilder, darunter Ritzzeichnungen, reine Kohlezeichnungen und farbige Darstellungen.  Neben vielen abstrakten oft rechteckigen Zeichen und Mäandern sind Hirsche, Bisons, Hirschkühe, Pferde und Wildscheine dargestellt dazu eingravierte Männerfiguren. Sie enthält polychrome Darstellungen, vor allem die berühmte Bisongruppe an der Decke, solche mit lediglich schwarzer Umrisslinie (sogenannte „schwarze Bildfolge“) und Gravuren (am ältesten). Manche Wandvorsprünge sind zu Masken umgebildet. Die naturnahe Darstellung der Bisons überrascht um so mehr, da die Tiere fast lebensgroß dargestellt auf unebener Decke gemalt wurden, was selbst für einen versierten Künstler keine leichte Sache ist. Die verwendeten Farben beschränken sich auf Rot, Ocker und Schwarz, was die Leistung der Künstler noch größer erscheinen läßt.

Was die Analyse der Zeichnungen betrifft, so beschränkt sich diese meist auf die Datierung, Chronologie und den Vergleich von Stilelementen. Warum und zu welchem Zweck die Höhlenmalereien geschaffen wurden, was die Menschen bewegte, die in diesen dunklen Höhlen längere Zeit ausharren mussten, um diese ganzen Zeichnungen zu erstellen, bleibt uns verborgen. Und was wollten sie ausdrücken, wenn sie ihre Hände mit roter Farbe beschmierten, um Abdrücke auf den Wänden zu hinterlassen?

Immer wieder werden neue Höhlen entdeckt. Die Malereien in der Höhle von El Pendo, nicht weit von Altamira entfernt, wurden als 3000-4000 Jahre älter als Altamira geschätzt. Die Höhle Aurelia bei Castro-Urdiales ist mit Bisondarstellungen ausgemalt, die wiederum eine starke Ähnlichkeit mit denen in Altamira haben. Die meisten öffentlich zugänglichen Höhlen findet man um den Ort Puente Viesgo. 

 

Geschichte der Entdeckung von Altamira

Im Jahr 1868 entdeckte ein Jäger auf dem Wiesengelände bei Santillana den verschütteten Zugang zu einer Höhle. Dies meldete er dem Grundherrn, Don Marcellino de Sautuola, einem begeisterten Heimatforscher. Da es aber zahlreiche Höhlen in der Gegend gab, begann er erst 1879 in Altamira systematisch zu graben. Eines Tages nahm er seine fünfjährige Tochter mit zur Grabungsstätte. Das Mädchen, das sich in der niedrigen Höhle nicht bücken musste, erblickte an der Decke farbige Tierbilder und machte durch seine kindliche Freude den Vater darauf aufmerksam. Der Forscher war begeistert und da er wusste, dass niemand die Höhle seit ihrer Freilegung betreten hatte, konnte er auch eine Datierung vornehmen. Er hatte nämlich bei seinen vorherigen Grabungen einige für den menschlichen Gebrauch zugerichtete Geräte aus Stein und Knochen eiszeitlicher Formung gefunden. Also schloss er daraus, dass die Höhlenmalereien auch aus dieser Zeit stammten. Er kontaktierte Juan Vilanova, einen Professor aus Madrid, der seine Ansicht über das Alter und die Bedeutung der Höhle teilte.

Aber die meisten Wissenschaftler waren nicht  dieser Meinung. Besonders frustrierend für die beiden Forscher war, dass ihnen sogar unterstellt wurde, die Bilder selbst gemalt zu haben, um berühmt zu werden. Der französische Prähistoriker Émile Cartailhac bezeichnete die Malereien als „vulgären Streich eines Schmierers“, die er und seine Zeitgenossen nicht einmal ansehen wollten. Es ist bedauernswert, dass Sautuola 1888 und Vilanova 1893 verstarben, ohne dass sie zu Lebzeiten Anerkennung für ihren Fund und seine Bewertung bekamen. Denn 1895 wurden in Frankreich ähnliche Malereien in der Höhle von Fort-de-Gaume bei Eyzies-de-Tayac-Sireuil im Departement  Dorgogne gefunden. Erst jetzt änderte sich die Meinung der Fachwelt und selbst die skeptischsten Kritiker bestätigten die Authentizität der Höhle von Altamira.

Die Höhle ist seit 1979 nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich, da durch die warme Atemluft der Besucher schwere Schäden entstanden und aufgrund der neu angebrachten Holzgeländer die Malereien zu schimmeln anfingen. Im Jahre 1998 wurde daher das spanische Geographieinstitut damit beauftragt, den ca. 1500 m² großen Eingangsbereich originalgetreu nachzubilden. Die Höhle wurde mit ca. 40.000 Vermessungspunkten pro Quadratmeter vermessen und mit Schaumstoffplatten und originalgetreu bemalten Matten nachgebildet. Die Nachbildung kann man in einem 500 m vom Originalplatz entfernten Besucherzentrum bewundern. Es ist wirklich einen Besuch wert!

Übrigens: Ein Forschungsteam aus Australien datierte eine Jagdszene mit Wildschwein aus einer Höhle in Indonesien auf ein Alter von über 51.000 Jahren – möglich machte das eine neue Methode zur Altersbestimmung. Die Zeichnung ist damit die älteste bekannte gegenständliche Höhlenmalerei.

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar
Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

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Der Geisterbahnhof von Canfranc

Der Geisterbahnhof von Canfranc

Bahnhof Canfranc

Anfang des letzten Jahrhunderts wollten die Regierungen von Frankreich und Spanien eine Zugfernverbindung zwischen Madrid und Paris errichten. Zunächst wurde dazu zwischen 1901 und 1927 die Bahnstrecke zwischen Pau und Saragossa gebaut. Für das Vorhaben wurden Flüsse umgeleitet, Bahndämme aufgeschüttet und Dutzende von Tunneln gegraben. Zur selben Zeit entstand der als Estation Internacional de Confranc bezeichnete Grenzbahnhof, der 1928 fertiggestellt wurde und vom spanischen König Alfons XIII und dem damaligen französischen Staatspräsidenten Gaston Donnergue eröffnet wurde. Der für das Äußere gewählte eklektische Beaux-Arts-Stil wurde von der Kultur der französischen Palastarchitektur inspiriert. Der Bahnhof besaß eine doppelte Nationalität. Er befand sich zwar 8 Kilometer von der Grenze entfernt auf spanischem Boden, da aber auf französischer Seite keine ausreichend große Fläche für einen Bahnhof vorhanden war, wurde er auch von den Franzosen mitgenutzt.

Der Bahnhof hat auf 1195 m Höhe liegend enorme Dimensionen. Mit fast 250 m Länge des Hauptgebäudes, 365 Fenstern und 150 Türen war er zur damaligen Zeit der zweitgrößte Bahnhof Europas !– nach Leipzig. Auf der einen Seite des Gebäudes lagen die Gleise für die Züge aus Frankreich, die die normale europäische Spurbreite von 1435 mm hatten. Auf der anderen Seite fuhren die spanischen Züge auf den Gleisen mit einer Spurbreite von damals 1668 mm. Also mussten alle Passagiere und Güter von der einen Seite des Gebäudes zur anderen Seite wechseln. So gingen die Passagiere durch das Bahnhofsgebäude und erledigten gleichzeitig die Zollformalitäten.

Tausende Reisende sollten hier täglich abgefertigt werden – so war der Plan.

Allerdings zeichnete sich sehr schnell ab, dass dies eine völlig unrealistische Planung war. Dafür waren wohl mehrere Gründe verantwortlich. Zum einen wirkte sich 1929 die Weltwirtschaftskrise auf den Handel aus, so dass weniger Waren transportiert wurden. Zudem waren die Züge durch die vielen Steil – und Kurvenstrecken (auf französischer Seite mit Steigungen bis zu 43%) zu langsam. Des weiteren wurde die Strecke mehrmals geschlossen – während des spanischen Bürgerkrieges zwischen 1936 und 1939 und dann in der Zeit von 1944 bis 1948. Franco ließ die Bahnlinie damals für mehrere Jahre schließen. Er fürchtete, dass spanische Partisanen aus Frankreich nachrücken könnten. Nach dem 2. Weltkrieg fuhren nur noch wenige Züge pro Tag, so das die Strecke eigentlich unrentabel war. 1970 kam für die Strecke das wohl endgültige Aus. Auf der französischen Seite versagten bei einem Güterzug die Bremsen, und die Waggons stürzten mitsamt der Brücke von L´Estanguet in einen kleinen Fluss. Für die Franzosen war dies ein willkommener Anlass, die defizitäre Linie stillzulegen.

Geblieben ist der monströse Geisterbahnhof, einer jener Lost Places in Europa mit seinen immensen Ausmaßen und seiner vielschichtigen Geschichte.

Es ist aber interessant, sich die Geschichte der Strecke und des Bahnhofs genauer anzuschauen, denn sie birgt zahlreiche Geheimnisse grausame und berührende und zeigt seine gerade im zweiten Weltkrieg besondere strategische Bedeutung.

Eines dieser Geheimnisse entdeckte der Busfahrer Jonathan Diaz auf, Fahrer des Linienbusses zwischen Canfranc und dem französischen Städtchen Oloron-Sainte-Marie. Im November des Jahres 2001 schlenderte der Franzose über die von Gras und Büschen überwucherten Gleise der Station. Bis zur Abfahrt seines Busses blieb noch etwas Zeit. Er kam an einem Haufen alter Unterlagen aus den verlassenen Zollbüros vorbei und steckte sich eine Hand voll dieser Papiere in die Jackentasche, machte sich zunächst über den Fund keine weiteren Gedanken. Daheim sah er sich die Zollpapiere aus der Kriegszeit dann genauer an.

Da fiel sein Blick auf die Eintragung: “Drei Tonnen Goldbarren.” Nun wurde ihm plötzlich klar, dass seine Entdeckung von größter Brisanz sein könnte. Denn der Busfahrer hatte die Leute in Canfranc schon häufiger davon munkeln hören, dass Raubgold des deutschen Hitler-Regimes über die Grenzstation nach Spanien und Portugal verschoben worden sei. Noch in derselben Nacht setzte er sich in sein Auto, fuhr über die Grenze nach Canfranc und sammelte in Plastiktüten weitere Papiere auf. Vorsichtig untersuchte Diaz die Unterlagen. Das Pergamentpapier war vergilbt und teilweise vermodert oder von Ratten und Insekten angefressen. Der Zoll hatte darauf alle jene Güter registriert, die die Grenze passierten.

Der 40-Jährige hielt ein Stück brisanter Geschichte in den Händen. Die von ihm eingesammelten Dokumente belegen, dass zwischen Juni 1942 und Dezember 1943 in Canfranc 86,6 Tonnen Gold die Grenze passierten. Davon gelangten 74,5 Tonnen nach Portugal und 12,1 nach Spanien. Weitere Dokumente, die in Archiven gefunden worden, gehen von mehr als 100 Tonnen Gold aus.

Die Papiere sind zwar nur Durchschriften, aber ihre Echtheit wird von niemandem angezweifelt. Wo die Originale sind, weiß niemand. Die Entdeckung bedeutete eine Sensation. Bisher hatte nämlich kein Wissenschaftler von den Goldtransporten über Canfranc gewusst. In den bisherigen Expertengutachten über die Gold-Lieferungen taucht der Name des Pyrenäendorfes nirgends auf. Die Papiere belegen, dass Spanien und Portugal mehr Raubgold vom Nazi-Regime erhielten, als bisher bekannt war. Wie kam es dazu?

Die Bahnstation wurde im zweiten Weltkrieg zum Umschlagsplatz für Handelsgüter neben Lebensmitteln und Textilien vor allem von Wolfram-Erzen aus Portugal und Spanien nach Deutschland und als Gegenleistung von Gold aus Deutschland via Schweiz nach Spanien/Portugal. Die Rohstoffe von der iberischen Halbinsel wurden von den Deutschen dabei mit sogenanntem Raubgold bezahlt. Von den insgesamt 184 Tonnen Gold, die während des zweiten Weltkrieges von 1942-44 über den Schweizer Grenzort Bellegarde und durch Frankreich nach Spanien und Portugal gingen, sind rund 86,7 Tonnen in Canfranc verschoben worden.

Der Grund für die Goldtransporte lag darin, dass die im zweiten Weltkrieg „neutralen“ Länder Spanien und Portugal sich weigerten, Reichsmark für ihre Produkte anzunehmen, da diese für ihren Handel mit den Alliierten wertlos war. Also wurden nur Schweizer Franken und Gold als Zahlungsmittel akzeptiert. Für die Deutschen war der Handel mit Spanien und Portugal aber kriegswichtig, da beide Länder ja das für die Waffenproduktion wichtige Wolfram lieferten. Es wird vermutet, dass ohne die Wolframlieferungen aus diesen Ländern Deutschland den Krieg nicht so lange hätte fortsetzen können.

In Spanien und Portugal herrschten zur damaligen Zeit Francesco Franco und Antonio Oliveira Salazar, zwei den Nazis gewogene faschistische Diktatoren, die aber stets ihre Neutralität erklärten und so den Krieg dazu benutzten, von beiden Seiten – von den Nazis und von den Alliierten – zu profitieren. Allgemein kann man wohl feststellen, dass im 2. Weltkrieg sogenannte neutrale Länder u.a. auf Grund ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten mit Deutschland den Verlauf des Krieges mit beeinflussten. Das geschah nicht nur durch die Lieferung von Wolfram aus Spanien und Portugal, sondern auch durch die Lieferung von Chrom und Kohle aus der Türkei und von Eisenerz aus Schweden. Auch die Schweiz hatte durch den Tausch von Nazigold in Schweizer Franken und durch den Transport von Nazigold nach Spanien einen nicht unerheblichen Einfluss.

Zwar behaupteten beide Länder -Spanien und Portugal – nach dem Weltkrieg, nichts von der Herkunft des Goldes gewusst zu haben, doch musste es beiden ebenso wie der Schweizer Nationalbank klar gewesen sein, dass das Gold keineswegs nur aus Goldreserven der deutschen Regierung bestehen konnte. Das Nazigold stammte wohl zum einen aus den Tresoren eroberter Länder und zum anderen von Opfern in den Konzentrationslagern und von enteigneten Bürgern und Verfolgten. Es war somit zumindest teilweise sogenanntes „Totengeld“. Mit dem Gold wurden dann entweder die Spanier und Portugiesen direkt bezahlt oder es wurde an die Schweizer Nationalbank im Gegenzug für Schweizer Franken oder portugiesische Escudos verkauft.

Als sich die Niederlage Hitlers abzeichnete, konnten sich einige der schlimmsten Naziverbrecher u.a. über den Bahnhof Canfranc nach Südamerika absetzen. Zudem  dienten wohl Goldreserven der Nazis in Portugal, Spanien und auch Argentinien dazu, dass sich einige Nazigrößen später ein gutes Leben in Südamerika leisten konnten. Nach Kriegsende ließen sich ca. 80.000 Deutsche und Österreicher in Lateinamerika nieder, unter ihnen mindestens 800 hochrangige Nazis und 200 gesuchte Kriegsverbrecher.

Paradoxerweise diente in den Jahren davor dieselbe Bahnhofstrecke vielen Flüchtlingen als Fluchtweg vor dem Nazis–Regime und als Zwischenstation auf ihrem Weg ins Exil über Lissabon nach Nord- oder Südamerika.

In Spanien verfolgte die Franco-Diktatur gegenüber den Flüchtlingen eine zwiespältige Linie. Einerseits ließ das Regime Juden über Spanien nach Nordafrika oder nach Lissabon und von dort nach Amerika entkommen. Denn Franco war auf die Öllieferungen von Briten und Amerikanern angewiesen. Andererseits stand der Diktator beim NS-Regime in der Schuld, weil Hitler ihn im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) unterstützt hatte. Um die Nazis nicht zu verärgern, sorgte Franco dafür, dass der Flüchtlingsstrom nicht zu sehr anwuchs.

Zudem wehte 1942 die Hakenkreuzfahne über dem Bahnhof.  Die Wehrmacht hatte den Süden Frankreichs besetzt und war auch in das Pyrenäendorf eingerückt – und das, obwohl der Ort acht Kilometer weit auf spanischem Gebiet liegt und Spanien nicht am Krieg beteiligt war. Als Vorwand für den Einmarsch diente den NS-Truppen die Tatsache, dass der Bahnhof nicht nur spanischer, sondern auch französischer Souveränität unterstand. Durch die Dorfstraßen patrouillierten spanische Polizisten, spanische Soldaten und deutsches Militär. Canfranc ist die einzige spanische Gemeinde, die von den Nazis besetzt wurde!

Bei der schwierigen Flucht von Juden und anderer Verfolgter spielte Albert Le Lay, Chef des Zolls auf französischer Seite, eine wichtige Rolle. Lange Zeit blieb sein Handeln unbekannt, denn er hatte seiner Familie nach dem 2. Weltkrieg verboten, über seine Tätigkeiten zu berichten. Erst durch die Recherchen von José Antonio Blanco und Manuel Priede González, die gemeinsam einen Dokumentarfilm mit dem Titel „El Rey de Canfranc“  produziert haben, brach einer der Enkel das Schweigen. So muss Le Lay Tausende von Flüchtlingen die Flucht nach Spanien ermöglicht haben, zum Teil indem er sie in bestimmte präparierte Hohlräume in den Zügen versteckte und so der Kontrolle entzog. Einige der bekanntesten Flüchtlinge über den Bahnhof Canfranc sind Marc Chagall, Max Ernst (s. Exkurs unten) und Josephine Baker. Dankesschreiben aus der ganzen Welt u.a. aus Japan und von der amerikanischen Botschaft belegen die Hilfsaktivitäten Le Lays. Er selbst führte u.a. ein Register, in dem er die Namen derer aufzeichnete, die ihm vor dem Grenzübertritt ihr französisches Geld überlassen hatten. Albert Le Lay verwendete die angesammelte Summe, um eine Schule in Canfranc zu eröffnen. Außerdem war er ein Verbindungsmann zwischen den französischen Widerstandskämpfern und den Alliierten.

Der auch als König von Canfranc bezeichnete Le Lay wurde dann aber durch die Gestapo entlarvt. Auf Grund eines Tipps konnte er sich allerdings mit einer abenteuerlichen Flucht nach Algerien rechtzeitig der Verhaftung entziehen. Nach dem Krieg kehrte er in seine Gemeinde zurück, ohne aber je wieder über seine Aktivitäten zu sprechen. Im Jahr 1988 starb er hier.

Zudem wurde der Bahnhof auch von den Spionen der Alliierten genutzt, die über ein Spionagenetz Informationen an Frankreich und Spanien weitergaben, um so unter anderem auch den französischen Widerstand, la Résistance, zu unterstützen. Es ist anzunehmen, dass natürlich auch die Nazis hier ihre Spione hatten, um genau das zu verhindern.

Wer mehr über die schwierige Flucht jüdischer Intellektueller aus Frankreich über Spanien und Portugal nach Übersee wissen möchte, dem empfehle ich das Buch von Uwe Wittstock “Marseille 1940”, die große Flucht der Literatur; München 2024 . Unter diesen Flüchtlingen waren Alma Mahler-Werfel, Franz Werfel, Oskar Kokoschka, Heinrich Mann und seine Frau Nelly, Golo Mann, Thomas Manns Sohn, Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta , Walter Benjamin, um nur einige Namen zu nennen, die allerdings auf anderen Fluchtwege die Pyrenäen überquerten.

Exkurs:

Max Ernst hat allerdings den Übergang von Canfranc genutzt. Wittstock erzählt dazu folgende Episode.

Juni 1941 versucht Max Ernst über den Grenzbahnhof von Canfranc nach Spanien zu kommen, obwohl seine Ausreisepapiere unvollständig sind. Man benötigte ein Ausreisegenehmigung von Frankreich und ein Transitvisa für Spanien und Portugal, wobei das Vichy-Regime sehr restriktiv mit den Ausreisevisas umging. Max Ernst packt also seine Bilder zusammen, einige Leinwände rollt er zusammen, andere in Keilrahmen schnürt er zu einem großen Paket. Dann leiht er sich fünfzig Dollar Reisegeld, denn er hat inzwischen kein Geld mehr und fährt über Toulouse und Pau in die Pyrenäen. Der Beamte, der seine Papiere überprüft, bemerkt, dass sein Ausreisevisum ungültig ist und beschlagnahmt seinen Pass. Ohne Pass kann Max Ernst jederzeit von der Polizei aufgegriffen werden und in ein Internierungslager gebracht werden. Trotzdem geht er auf die andere Seite des Bahnhofs zu den spanischen Kontrollen. Hier rollt er seine Leinwände aus und breitet seine Arbeiten in der Bahnhofshalle aus. Die Zöllner und auch die anderen Passagiere schauen sich bewundernd seine Bilder an. Durch die Unruhe im Bahnhof aufmerksam geworden, kommt auch der französische Grenzer in die Halle. Lange betrachtet er die Bilder. Dann bittet er Max Ernst in sein Büro. Hier zeigt er sich beeindruckt vom Talent und den Bilder von Max Ernst. Dann gibt er ihm den Pass zurück, zeigt ihm den richtigen Zug nach Spanien und verschwindet. Max Ernst packt seine Bilder wieder zusammen und steigt in den Zug nach Madrid und Lissabon ein. 1953 kehrt Max Ernst – jetzt allerdings als anerkannter und geehrter Künstler des Surrealismus – nach Frankreich zurück und lebte dort bis zu seinem Tod in Paris im Jahr 1976.

 

Heutige Situation des Bahnhofs

Inzwischen gibt es viele Initiativen und Aktionen, um den Bahnhof und seine Gebäude wieder zu aktivieren und den Ort touristisch aufzuwerten, bislang allerdings ohne großen Erfolg. 

Diese Aussage von 2018 trifft inzwischen nicht mehr zu. Nachdem der Bahnhof 2002 zum Kulturgut erklärt wurde und zum historischen Kulturerbe der Eisenbahn sind sowohl die Aktivitäten der Eisenbahn als auch der Gemeinde Canfranc nun von Erfolg gekrönt. Der Bahnhof wurde von der Barcelo Hotel Group in einem jahrelangen Prozess liebevoll und sehr aufwendig restauriert und erstrahlt in neuem Glanz. Im Januar 2023 eröffnete das fünf Sterne Royal Hideway Hotel Confranc. Bei der Innengestaltung ist eine wunderschöne Symbiose zwischen modernen Ansprüchen und historischen Elementen, die sich an der Blütezeit des Bahnhofs orientieren, gelungen. 

Die Gemeinde erhofft sich nun eine weitere Belebung des Tourismus. Im März 2023 wurde auch ein neues Pilgerbüro am Bahnhof eingerichtet. Zudem soll auch der Bahnverkehr aktiviert werden. Bislang kommen nur spanische Züge an der spanischen Grenze an. Man hofft aber, dass bis 2026 die Eisenbahnstrecke zwischen Spanien und Frankreich reaktiviert wird.

Im Somport-Eisenbahntunnel befindet sich auch das Laboratorio subterráneo de Canfranc (LSC, dt. Unterirdisches Labor von Canfranc). Es ist eine unterirdische Versuchsstation für Experimente der Teilchenphysik. Die drei Experimentierhallen haben durch das Bergmassiv eine Abschirmung vor kosmischer Strahlung, die 700, 1.400 bzw. 2.450 m Wasser entspricht.

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