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Die Problematik der Eukalyptusplantagen

Die Problematik der Eukalyptusplantagen

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Als ich über die Bäume Galicien erzählen wollte, hatte ich eigentlich nur positive Bilder und Erinnerungen im Kopf. Doch als ich tiefer in Materie eingestiegen bin, wurde mir klar, dass es auch einige zumindest problematische Entwicklungen gab und gibt. Eine davon auf die ich im Folgenden genauer eingehen möchte, ist die Problematik der Eukalyptusplantagen.

Was ist Eukalyptus?

Eukalypten gehören zu den Myrtengewächsen und zählen über 800 verschiedene Arten. Eukalyptusbäume sind schnellwüchsige immergrüne Laubbäume und können bis zu sechzig Meter hoch werden. 

Das Erscheinungsbild der Rinde von Eukalyptusbäumen ändert sich im Laufe des Alters. Wie andere Bäume auch setzen Eukalyptusarten jährlich eine neue Schicht Borke an und erweitern so ihren Stammesumfang. Bei manchen Arten stirbt die äußerste Schicht ab und löst sich darauf in langen Streifen (wie bei Eucalyptus sheathiana) oder in unterschiedlich großen „Flocken“ (Eucalyptus diversicolor, Eucalyptus cosmophylla oder Eucalyptus cladocalyx) vom Baum. Bei vielen Arten kann die tote Rinde jedoch einfach am Baum verbleiben. Durch die Witterungseinflüsse bekommt diese Rinde ihr typisches, alterndes Aussehen. Viele andere Arten sind auch als sogenannte half-barks und blackbutts bekannt, was darauf anspielt, dass bei diesen Arten die abgestorbene Borke nur im unteren Bereich des Stammes oder als große, schwarze Ansammlung direkt am Fuß des Baumes behalten wird. Die glatte, obere und jüngere Rinde der half-barks und die Rinde anderer glattrindiger Eukalyptusarten können bemerkenswerte und höchst interessante Farben annehmen (wie beispielsweise bei Eucalyptus deglupta).

https://vanjabudde.de/die-gruene-geissel-portugals-eukalyptus-monokulturen-befeuern-die-waldbraende/

Eukalyptus in Galicien

 Die zu Recht auf ihre grüne Vegetation stolze nordwestspanische Region Galicien verzeichnet allerdings einen hohen Zuwachs an Eukalyptusbäume. Es ist das Ergebnis einer politisch gewollten Aufforstung. Vor etwa 50 Jahren hatte Diktator Francisco und sein Regime die Idee, den Eukalyptus großflächig in Galicien und in Nordspanien anpflanzen zu lassen mit dem Ziel, weltweit die Zellulose-Industrie beliefern zu können. Ganze Gebiete wurden für die Monokultur freigegeben. Der Baumbestand des Eukalyptus in Galicien hat sich seit den 1990er Jahren fast verdoppelt. Leider habe ich keinen aktuellen Zahlen bezüglich der Größe der Anbauflächen gefunden.

Ursprünglich kommt der Eukalyptusbaum aus Australien. Der Missionar Missionar Fray Rosendo Salvado schickte Mitte des 19. Jahrhunderts einige Samen aus Australien an seine Familie. Die lebten ausgerechnet in Galicien, im charmanten Tuy. Von dort breitete sich die Pflanze über viele Regionen der Iberischen Halbinsel aus (z.B. in Asturien und in der Extremadura). 

Eukalyptusbäume auf der iberischen Halbinsel wachsen förmlich in den Himmel. Schon nach kürzester Zeit entwickeln sie mächtige Baumstämme, obwohl sie noch gar nicht so alt sind. Auf den Wanderungen sind sie für uns Pilger besonders schön, da sie nach ätherischen Ölen duften und sich ihre silbrig glänzenden, blaugrünen Blätter schön im Wind bewegen. Bei jedem Schritt knacken die Samenkapseln unter den Füßen und verströmen Eukalyptus-Aroma. Also vermeintlich ein reines Vergnügen!?

https://www.monumentaltrees.com/de/fotos-eucalyptusglobulus/esp/

Pro und Contra des Anbaus von Eukalytusbäumen

Der Nutzen des Eukalyptus ist nicht unumstritten. Wissenschaftlichen Studien zufolge hat der Eukalyptusbaum einen negativen Einfluss auf die Biodiversität der Bodenpflanzen. Außerdem entzieht er anderen Bäumen das Wasser. Bis zu 500 Liter Wasser braucht der Eukalyptus am Tag, seine Wurzeln bohren sich knapp 20 Meter tief in den Boden und graben der Pflanzenwelt in der Umgebung buchstäblich das Wasser ab. Zudem brennt er aufgrund  seiner luftig-faserigen Struktur und der ätherischen Ölen, die wie Brandbeschleuniger wirken, sehr schnell. Dabei entwickeln sich in kürzester Zeit unfassbar hohe Temperaturen. Und das ist ja gerade nicht angebracht ist, da Galicien eine der am meisten von Waldbränden heimgesuchten Regionen Spaniens ist. Und nicht immer scheinen die Brände reine Naturereignisse zu sein!  Das Problem mit den Eukalyptus ist, dass erstens die brennenden Blätter hunderte Meter weit fliegen und immer neue Brände entfachen. Zweitens „explodiert“ ein brennender Eukalyptus-Baum quasi und schleudere seine Samen weithin in Umkreis von sich. Zu dem Überleben das Temperaturinferno nur wenige Samen, vor allem die Eukalyptussamen als wahre Überlebenskünstler, aber leider kaum die Samen der ursprünglichen Vegetation.

Außerdem gibt es noch ein Phänomen, das man zunächst gar nicht negativ bemerkt. Die Eukalyptuswälder sind still. Falls jemand darin tatsächlich einen einzelnen Vogel sieht oder hört, hat der sich verirrt und noch nicht bemerkt, dass es für ihn darin nichts zu futtern gibt, weder Sämereien noch Insekten, die auch für Kleintiere zur Nahrung taugen würden. Das einzige Tier, das sich von Eukalyptus ernährt, ist der Koala! Für andere Tiere ist er z.T. sogar giftig.

Es gab zahlreiche Proteste von Bauern, da zum einen der Grundwasserspiegel im Umfeld der Eukalyptuswälder deutlich sinkt. Ihr Hauptargument aber sind die schweren Bodenerosionen als Folge des Anbaus. Nicht zu Unrecht: Bevor die Setzlinge gepflanzt werden, muss der Boden samt Gräsern und Büschen tief umgepflügt, dann jahrelang der Witterung ausgesetzt werden, bis die Jungpflanzen endlich treiben. Regenfälle schwemmen in dieser Zeit bis zu 25 Tonnen Humus pro Hektar weg – ein kaum zu ersetzender Verlust bei nur 20 Zentimeter Boden. Nach zehn Jahren werden die Bäume mit Traktoren aus dem Boden gerissen – ein beispielloser Kahlschlag. Oft werden Laub und Äste in die Flüsse gespült, so die Gegner, und das Wasser wird durch das Eukalyptusöl verschmutzt.

Auf der anderen Seite bietet der Eukalyptus durch sein schnelles Wachstum und seine Widerstandsfähigkeit gegen Kornkäfer in kürzester Zeit viel Rohstoff für die unzähligen Papier- und vor allem Zellulosefabriken. Denn trotz seines schnellen Wachstums verfügt der Eukalyptus über eine hervorragende Holzqualität. Nach 7 bis 8 Jahren kann der Baum geschlagen werden und wächst dann genauso schnell wieder nach. Und die Nachfrage ist groß, auch wenn durch die Digitalisierung und Recycling an manchen Stellen schon am Naturprodukt gespart wurde. Aber wenn wir jetzt vom Plastik wegwollen und mehr auf Papier und Pappe setzen, dann wird vermutlich der Hunger danach doch steigen! Die Eukalyptusplantagen weiten sich weiter aus. Es ist eine wichtige Industrie geworden. Denn sie bietet den Menschen in der landschaftlich schönen, aber wirtschaftlich schwachen Berg-Region abseits der von Touristen massenhaft bevölkerten Küste ein Einkommen. Außerdem wird argumentiert, dass durch den hohen Wasserbedarf der Bäume die Gefahr von Überschwemmungen in den Bergregionen gebannt wird, was ja in Galicien eine gewisse Bedeutung hat.

Leider ist das ökologische System sehr komplex und einfache Maßnahmen (z.B. mehr Eukalyptusplantagen = Aufforstung brachliegender Flächen = mehr Rohstoff für Zellulose = hoher ökonomischer Ertrag) führen nicht automatisch zu mehr Nachhaltigkeit!  Ökonomie vor Ökologie wie so oft?

Insgesamt ist der Anbau von Eukalyptusbäumen in Spanien ein kontrovers diskutiertes Thema. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Diskussion und die Maßnahmen in Zukunft entwickeln werden.

https://vanjabudde.de/die-gruene-geissel-portugals-eukalyptus-monokulturen-befeuern-die-waldbraende/

Und was hat das mit Deutschland zu tun?

Ich würde das gerne an einem Beispiel aufzeigen. Ich habe einen interessanten Artikel des Umweltbundesamtes gefunden, auf den ich mich im Folgenden beziehe. Es geht in dem Artikel darum, die Vorteile von Recyclingpapier darzustellen, aber er enthält aber auch wichtige Informationen über den Eukalyptusanbau. Das Thema Recyclingpapier ist nur ein Aspekt, an dem kurz dargestellt werden soll, wie auch unser Verhalten Auswirkungen auf die Entwicklung der Waldressourcen hat, aber auch was jeder Einzelne tun kann.

In dem Artikel wird dargestellt, dass Deutschland Europas größter Papierproduzent ist und bedeutendstes Papier-Exportland. Rund 75 Prozent der in Deutschland verarbeiteten Primärfasern stammen aus Importen. Damit ist der Umwelt belastendste Teil der Papierherstellung ins Ausland verlagert!

Herkunft des Holzes

„Es wird Holz aus der ganzen Welt importiert. Größte Zellstofflieferländer für die deutsche Papierindustrie sind derzeit Brasilien (1 Mio. t Eukalyptus-Kurzfaser), Finnland (0,5 Mio. t überwiegend Nadelholz Langfaser), Schweden (0,45 Mio. t überwiegend Nadelholz Langfaser), Portugal (2,5 Mio. t überwiegend Eukalyptus-Kurzfaser !!), Spanien( 0,27 Mio.t überwiegend Eukalyptus Kurzfaser) und Uruguay (80,23 Mio t. Eukalyptus Kurzfaser). Finnland, neben Schweden unser Hauptlieferant für Papier, importiert wiederum einen Teil seines Rohholzes aus Russland (4,9 Mio. t), wo für die Holzbeschaffung auch Urwälder eingeschlagen werden. Neben den nordischen, sind von der Zerstörung auch tropische Regionen betroffen.“

„Um der wachsenden Holznachfrage bei schwindenden Primärwäldern nachzukommen, werden zunehmend Plantagen angelegt. Auf diesen werden schnell wachsende Baumarten wie Eukalyptus angepflanzt, die bei kurzer Umtriebszeit hohe Erträge versprechen. Doch die Monokulturen laugen durch ihren einseitigen Nährstoffbedarf die Böden aus, sind empfindlich gegenüber Schädlingsbefall und Sturmschäden, verlangen hohe Pestizid- und Düngereinsätze und verschmutzen die Wasserressourcen und Böden. Auch die aktualisierte Ökobilanz kommt bei der Betrachtung der Holzherkünfte zu dem Schluss, dass, die Verwendung von Eukalyptusholz zu einem potenziell höheren Biodiversitätsverlust als die Verwendung von Laub- und Nadelholz aus Mittel- oder Nordeuropa führt. Insbesondere führt die Gewinnung von europäischem Eukalyptusholz zu einem höheren Biodiversitätsverlustpotential als die Verwendung von Eukalyptusholz aus Südamerika. In Südamerika besteht ein realistisches Risiko, dass der Primärwald für brasilianische Holzplantagen umgewandelt wird.“

Bedeutung des recycelten Papiers

 2020 wurden 79,3 Prozent des Papiers nach Gebrauch wieder eingesammelt und überwiegend stofflich verwertet. An der Papier- und Pappe-Produktion machte Altpapier laut Aussage der Papierindustrie einen Anteil von 79 Prozent aus. Wie sieht nun die Bewertung zwischen Recycling und Frischfaserverwendung aus.

„Betrachtet wird der gesamte Produktionsprozess inklusive Vorketten: die Holzentnahme aus dem Wald, die Zellstoffproduktion und die Frischfaserpapierproduktion inklusive aller Transporte; sowie die Altpapiersammlung und -sortierung, das Altpapierrecycling und die Recyclingpapierproduktion inklusive aller Transporte.

Bei allen untersuchten Indikatoren schneidet Recyclingpapier besser ab als Frischfaserpapier. In der gesamten Produktion spart es durchschnittlich:

  • 78 % Wasser
  • 68 % Energie
  • 15 % CO2-Emissionen

Neben den quantifizierbaren Umweltwirkungen berücksichtigt die Ökobilanz erstmals auch qualitative Aspekte wie ⁠Biodiversität, ⁠Landnutzungsänderungen und Kohlenstoffspeicherung in Wäldern. Denn der Druck auf die Wälder in Europa und weltweit nimmt zu.“

„Die Praxis zeigt, dass nur selten negative Erfahrungen mit Recyclingpapier gemacht werden. Insbesondere Recyclingpapiere mit Blauem Engel stehen qualitativ auf gleicher Stufe wie hochwertige Primärfaserpapiere. Sie haben aber auf der Preisebene mit Billigangeboten ohne Herkunftsangabe bzw. Primärfaserpapier aus Eukalyptusplantagen zu kämpfen, das mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Fasern aus Regionen mit Landnutzungsänderungen und Urwaldzerstörung enthält.“ 

Und was können wir Konsumenten tun?

Der Rückgriff auf recyceltem Papier wäre hier schon ein wichtiger Schritt, den jeder von uns tun kann. Denn im Segment der in Deutschland verbrauchten Büropapiere und auch der Hygienepapiere sind noch erhebliche Steigerungspotentiale für den Altpapiereinsatz vorhanden. Der Recyclingpapieranteil der in Deutschland verbrauchten Büropapiere liegt bei gerade einmal 18 Prozent! Während in nahezu allen anderen Papierprodukten der Einsatz an Recyclingfasern steigt, sinkt er bei den Hygieneprodukten Jahr für Jahr! 2000 lag er bei ungefähr 75 %, 2022 bei ca. 43 %.Es liegt also auch an jedem einzelnen von uns, hier eine Veränderung zu bewirken. Es sind ja oft nicht die großen, sondern die vielen kleinen Schritte, die notwendig sind und da ist jeder Einzelne gefragt! Die Zertifizierung mit dem Blauen Engel gibt eine gute Hilfestellung bei der Auswahl der Produkte. Als Orientierung: das Umweltsiegel „Blauer Engel“ (100 % Altpapier bei Hygienepapier) hat bei Privathaushalten in früheren Jahren deutlich geringere Marktanteile (im Diagramm/Trend bis 2020 bei knapp über 10 % Marktanteil). Das zeigt, dass reines Recycling-Toilettenpapier (mit diesem starken Label) nur einen  sehr kleinen Teil des Marktes ausmacht.

Ein Marktcheck von Greenpeace (September 2025) hat für Östererich ergeben: etwa 40 % des Toilettenpapiers in österreichischen Supermärkten & Drogerien stammen aus Recyclingpapier. Greenpeace (Österreich+2OTS.at+2)
Allerdings geben nur rund 8 % der Produkte diese Information tatsächlich auf ihrer Verpackung an! (Greenpeace Österreich+1)
Was sagt uns das? Das bedeutet doch, dass wir Konsumenten anscheinend nicht zu recyceltem Papier greifen – was immer auch die Vorurteile sein mögen, die dahinter stehen, so dass die Firmen aus Marketingaspekten sogar darauf verzichten, ihr doch positives Handeln darzustellen. Was für eine verkehrte Welt!

Auch Holzprodukte aus Eukalyptus wie Parkett, hochwertige Möbel, Sportgeräte könnte man vermeiden, ebenso wie Gartenmöbel, die weder nachhaltig sind noch wetter- und sonnenbeständig.(

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Bäume in Galicien – Espana Verde

Bäume in Galicien – Espana Verde

Camino del Norte, Camino Primitivo, Via de la Plata, Camino Portugues, Camino Frances

Auf den letzten Kilometern des Jakobsweges in Richtung Compostela dominiert in der Landschaft die Farbe Grün. Und das egal, auf welchen Weg man sich dem Wallfahrtsort nähert – Camino frances, Camino Primitivo, Camino del Norte, Via de la Plata, Camino Portugues.

Galicien ist bekannt für die grünen Farbnuancen seiner Landschaften, die insbesondere auf die herrlichen dichten Wälder zurückzuführen sind. Galiciens Waldfläche umfasst ca. 2 Mio Hektar und beherbergt mehr als 1.620 Milliarden Bäume. Nicht umsonst wird es auch „Espana Verde“ genannt. In der Vegetation Galiciens finden sich typische Arten der gemäßigten Regionen und des Mittelmeerraumes, aber als Wald schlechthin gilt der atlantische Wald, der aus Laubbäumen besteht, wobei Eichen überwiegen. An den Flussufern gibt es reichlich Eschen, Erlen und Weidenbäume. An bestimmten Stellen finden wir Unmengen an Eiben, Birken, Lorbeer, Buchen, Stechpalmen, Korkeichen…

Obwohl Wälder immer noch eine wichtige Rolle spielen, nehmen Kiefern- und Eukalyptusplantagen heute einen großen Teil des Territoriums ein. Die Verbindung zwischen natürlichen Wäldern und menschlichen Pflanzungen war schon immer eng, und es gibt viele Arten, die historisch mit der traditionellen Lebensweise der Dörfer verbunden sind, um ihr Holz zu nutzen, ihre Früchte zu essen (Menschen und Vieh) und ihren Schatten zu genießen. Allerdings weisen die Eukalyptusplantagen einige gravierende Probleme auf, auf die unten noch genauer eingegangen wird.

Eiche und Kastanie sind die beiden Baumarten, die am besten die zentrale Rolle der Bäume in der galicischen Gesellschaft repräsentieren. Außerdem haben sie eine starke symbolische Bedeutung, die auch bei Zypressen, Eiben und anderen zu finden ist.

Von Tschubby - Eigenes Werk, Topographischer Hintergrund: NASA Shuttle Radar Topography Mission (public domain). SRTM3 v.2., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=116745684

Eiche (carballo)

Auf Galicisch als carballo bekannt, hat die Stieleiche das Leben der Bewohner Galiciens über Jahrhunderte begleitet. Sie kann mehrere hundert Jahre alt werden und eine Höhe von bis zu 40 Metern erreichen. Sie ist fast im ganzen Gebiet verbreitet, obwohl sie im Südosten durch die Eiche (Quercus pyrenaica, auf Galizisch cerquiño oder rebolo) und im Hochland durch die Traubeneiche (Quercus petraea, auf Galizisch carballo albar) ersetzt wird.

Hunderte von Dörfern in Galicien beziehen sich in ihrem Namen auf den carballo. Als Metapher für Stärke besitzt sie eine wichtige Symbolkraft. Vor allem aber war sie in der ländlichen Wirtschaft von großer Bedeutung. Der Baum lieferte nicht nur Holz, seine Frucht (die Eichel) diente auch als Schweinefutter und unter seinen Ästen fanden Vieh und Bauern einen guten Platz im Schatten.

Die carballeiras standen ursprünglich im Zentrum des dörflichen Lebens und waren Schauplatz von Wallfahrten und Viehmärkten. In Santiago de Compostela gibt es zwei bemerkenswerte Exemplare: Santa Susana und San Lourenzo de Trasouto.

Entlang der Straßen können wir viele andere finden: die Carballeiras von Francos und Caldas de Reis auf dem Portugiesischen Weg, die von Santa Irene auf dem Französischen Weg, die von A Barcia und Trasfontao auf der Via de la Plata oder die von A Casa do Gado auf dem Camino del Norte.

 

Kastanie  (Castiñeiro)

Castiñeiro ist der galicische Name für den Kastanienbaum. Man ging davon aus, dass sie von den Römern in diese Gebiete gebracht wurde, aber die neuesten Forschungen legen nahe, dass sie sich schon vor mehr als 20.000 Jahren im Nordwesten der Iberischen Halbinsel ausbreitete. Auf jeden Fall förderten die Römer den Anbau und sorgten für die Verbreitung im gesamten Gebiet. Es ist bekannt, dass die römischen Legionäre den Befehl hatten, Baumfrüchte wie Kastanien und Eicheln auf den Bergen der eroberten Länder zu verteilen, falls in zukünftigen Feldzügen zusätzliche Nahrung für ihre Armeen benötigt wurden.

Es gibt wilde Exemplare in den Wäldern, aber die großflächigen Kastanienbaumgruppen sind Plantagen, die sich meist am Rande der Dörfer befinden, um die Vorteile ihrer Frucht, der Kastanie, zu nutzen. Seit Jahrhunderten spielt sie eine wichtige Rolle in der Ernährung. Die Kastanie wird deshalb oft auch als „Brotbaum“ bezeichnet. Es überrascht nicht, dass die Kartoffel, als sie aus Amerika nach Europa kam, in Galicien castaña da terra genannt wurde.

Die Kastanie ist immer noch von wirtschaftlicher Bedeutung und wird naturbelassen, getrocknet, als Mehl, Sahne oder kandiert (bekannt als “marron glacé”) vermarktet. Baum und Frucht spielen die Hauptrolle in Sprichwörtern, Legenden und Festen, wie dem magosto, bei dem sich im Herbst die Nachbarn aller Dörfer und Ortsteile versammeln, um geröstete Kastanien zu essen.

Auch für die Qualität seines Holzes, das traditionell im Bauwesen verwendet wird, wird dieser Baum sehr geschätzt. Die Kastanie ist einer der am längsten lebenden Bäume Europas. In Galicien gibt es Exemplare, die über 500 Jahre alt sein können. Der größte ist der Pumbariños, in der Gemeinde Manzaneda, mit über 12 Metern Stammumfang. Ganz in der Nähe der Vía de la Plata finden wir in Baños de Molgas den außergewöhnlichen Kastanienbaum von Santa Eufemia mit einem Stammumfang von 10 Metern.

Die Pilger können mit ihren Händen die raue Haut der prächtigen Exemplare berühren, die auf dem Camino wachsen und denen der Lauf der Zeit das Aussehen ehrwürdiger Ältester verliehen hat. Dies ist der Fall bei den Kastanienbäumen von Soutomerille auf dem Camino Primitivo oder dem Kastanienbaum von Ramil (Triacastela) auf dem Französischen Weg, voller Hohlräume und dicker Äste, die den Baum zu umarmen scheinen. Wenn man an diesen mächtigen Bäumen vorbei wandert, wünscht man sich, er könnte einem etwas aus seinem langen Leben erzählen.

In Baamonde (Gemeinde Begonte) steht ein Kastanienbaum mit einer einzigartigen Geschichte: Vor 50 Jahren schloss sich der örtliche Bildhauer Víctor Corral in seinem Stamm ein, um die Fällung des Baumes zur Verbreiterung einer Straße zu verhindern. Er schuf einen kleinen Schrein für die Virgen del Rosario, woraus er den Namen “Castiñeiro da Capela” ableitete. Der Künstler hat weitere Schnitzereien hinzugefügt, wodurch dieser Baum zu einer Referenz auf dem Camino del Norte wurde.

Von tree-species - Flickr [1], CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6502036

Korkeiche (Sobreira)

Die Korkeiche, auf Galizisch sobreira, ist ebenfalls ein Baum, der aufgrund seines Nutzens in der Gesellschaft verwurzelt ist. Aus seiner Rinde wird der Kork gewonnen, der heutzutage zur Herstellung von Weinflaschenverschlüssen und als Isoliermaterial verwendet wird, und früher auch zum Bau von Bienenstöcken, den sogenannten cortizos. (s. Kapitel Korkeiche)

Obwohl sie in anderen Regionen der Iberischen Halbinsel häufiger vorkommt, kann man in der südlichen Hälfte Galiciens kleine Wälder finden, wie z.B. in O Faro (Oia), in der Nähe des Portugiesischen Weges  entlang der Küste, und solche, die an den Ufern der Flüsse Ulla und Arnego stehen.
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Interessant ist, dass es in Galicien große vereinzelte Exemplare gibt. Mehrere von ihnen befinden sich in der Nähe der Vía de la Plata, in einem Gebiet, in dem es Ende des 19. Jahrhunderts eine Weinkorkenfabrik gab. Möglicherweise haben monumentale Exemplare wie die Korkeiche von Siador jahrelang ihre Rinde zu dieser Industrie beigetragen. Mit einem Baumwipfel von mehr als 23 m Durchmesser wurde der Baum schätzungsweise mehr als 100 Mal entkorkt.

 

 

Buche  (faia)

Dank ihrer robusten Größe, ihrer vertikalen Ausrichtung auf bis zu 40 Meter Höhe und der Schönheit der wechselnden Farben ihrer Blätter im Laufe der Jahreszeiten, ist es leicht, sich in die Buche zu verlieben. Auf Galicisch heißt sie faia, und ist ein seltener Baum, der sich auf die Berge von Os Ancares und O Courel beschränkt.

Auf dem Französischen Weg, zwischen O Cebreiro und Alto do Poio, liegt der Faial de Liñares. Es handelt sich um einen der wenigen galicischen Buchenwälder und den einzigen, der von einem Pilgerweg durchquert wird.

Von Alpsdake - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11832595

Esche  (freixo)

Im Galicischen ist dieser Baum als freixo bekannt, der an den Ufern von Flüssen vorkommt, wo er zusammen mit Weiden (salgueiros), Erlen (amieiros) und anderen Bäumen und Sträuchern einen wesentlichen Bestandteil des Auwaldes ausmacht. Im Norden Galiciens gibt es den gewöhnlichen (Fraxinus excelsior) und im Süden den schmalblättrigen Baum (Fraxinus angustifolia).

In den ländlichen Gegenden Galiciens wurde sein hartes Holz zur Herstellung von landwirtschaftlichen Geräten sowie von Musikinstrumenten verwendet. In Porta, in Sobrado (Camino del Norte) gibt es vier außergewöhnliche Eschen. Die größte von ihnen ist 31 Meter hoch.

 

https://www.monumentaltrees.com/de/esp-fraxinusexcelsior/

Eibe (teixo))

Der typische Wald Galiciens besteht hauptsächlich aus Laubbäumen, aber es gibt auch einige einheimische immergrüne Arten. Keine ist so legendär wie die Eibe (auf Galicisch teixo). Sie wurde an der Tür von Häusern als Symbol des Lebens und in Kirchen und auf Friedhöfen als Symbol des Todes gepflanzt. (s. Kapitel über Eiben)

Alle Teile der Eibe sind giftig, außer der Samenhülle. Römische Historiker weisen darauf hin, dass im Jahr 22 v. Chr. eine Schlacht zwischen den Bewohnern des Nordwestens der Iberischen Halbinsel und den römischen Legionen auf dem Berg Medulio stattfand, wobei der Ort unpräzise ist. Die letzten galicischen Krieger sollen mit einem aus der Eibe gewonnenen Gift Selbstmord begangen haben.

In den Ausläufern der Pena Trevinca, dem höchsten Punkt Galiciens, versteckt sich das Teixedal de Casaio, einer der herausragendsten Eibenwälder Europas. Und in der Nähe der Jakobswege gibt es hundertjährige Exemplare, wie zum Beispiel das in A Fontaneira (in Baleira, am Camino Primitivo), mit einem geschätzten Alter von 500 Jahren oder die beiden Eiben an der Kirche „Iglesia de San Martin“ in Salas  (camino primitivo) mit einem geschätzten Alter von 300 bzw. 500 Jahren (s. Kapitel Das Kloster San Salvador in Canellana und das hübsche Städtchen Salas).

Von Elfo del bosque - Foto propia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2570165

Stechpalme  (Ilex aquifolium)

Dieser immergrüne Strauch, flach, starr und glänzend, ist im Galicischen als acivro bekannt. In vielen europäischen Kulturen wird er mit verschiedenen Winterriten in Verbindung gebracht, was zu seiner Assoziation mit Weihnachten geführt hat. Sie wachsen inmitten von Wäldern und carballeiras überall in Galicien und sind in den östlichen Bergen häufiger anzutreffen, wo sie kleine Wälder wie Cabana Vella, in Os Ancares, bilden können.

Ihre Blätter haben an den Rändern Dornen, diese verschwinden aber meist an den höheren Stellen, die von den pflanzenfressenden Tieren nicht erreicht werden. Normalerweise erreicht sie eine Höhe von 2 bis 5 Metern, obwohl wir im Pazo von Casanova, in O Pino, in der Nähe des Französischen Weges, auf ein 16 Meter hohes Exemplar treffen.

 

Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9360

Der Eukalyptusbaum

Eigentlich wollte ich hier nur kurz auf den Eukalyptusbaum und seine wachsende Bedeutung  in Galicien eingehen, obwohl der Eukalyptus nicht zu den einheimischen Bäumen zählt. Aber bei meinen Recherchen kamen so viele Informationen und Probleme zusammen, so dass ich entschloss, die Problematik der Eukalyptusplantagen in einem eigenen Kapitel darzustellen

Das Image vom „immergrünen Paradies“

Wenn man sich an den herrlichen Wäldern Galiciens erfreut, denkt man vielleicht, Nordspanien war und ist ein immergrünes Paradies. Aber die Vergangenheit erzählt uns eine andere Geschichte. Man vergisst manchmal, dass seit dem Mittelalter der größte Teil der Bergflächen und Küstenregionen baumlos war. Schon die iberischen Könige des Mittelalters nutzten die Wälder rücksichtslos für die Erbauung ihrer Armada, mit der sie die Welt zu erobern gedachten. Für den Schiffsbau wurde aus dem ganzen Land das beste Holz an die Küste transportiert. Die Küstengebirge sind damals schon bald fast alle kahl. Zwar versuchte man zwischenzeitlich den Raubbau am Wald einzudämmen, aber im 18. Jahrhundert wurde zur Staatsfinanzierung fast der gesamte verbliebene staatliche Waldbesitz an Privatbesitzer verkauft. Das erwies sich als großer Fehler. Denn die Privatbesitzer konnten nun ungehindert abholzen, um am Verkauf des Holzes zu verdienen.

So kam es bis ins 20. Jh. zu massiven Eingriffen in die Natur, den man auch jetzt noch erkennen kann. Heute sind in Galicien viele Berggegenden immer noch nur von einer dürren Macchia aus Erika, Ginster und anderen Heidesträuchern begrünt trotz zahlreicher Maßnahmen zur Wiederanpflanzung von vielen Nadel- und Laubbäumen. Denn im 20. Jahrhundert werden in Spanien Forstämter eingerichtet und Gesetze zum Schutz des Waldes erlassen. Denn man hatte festgestellt, dass etwa die Hälfte der Fläche Spaniens stark von Erosion betroffen ist. Ist der Boden abgespült, sind Erdrutsche, Gerölllawinen und Überschwemmungen die Folge. Einen wirksamen Schutz gegen die Erosionsgefahr kann nur eine dichte Pflanzendecke bieten, am besten durch Wälder. Die teilweise Aufforstung mit schnellwachsenden Bäumen ua. Pappeln, Kiefern und Eukalyptus, die auch ökonomisch besser verwertbar sind, stößt dabei auf ein sehr geteiltes Echo. Die Befürworter argumentieren, dass, hätte man an vielen dieser brachliegenden Landschaften nicht Eukalyptus oder Kiefern angebaut, würden sie noch immer brachliegen mit der Gefahr von Bodenerosion. Einige der Gegenargumente findet ihr im Kapitel „Die Problematik der Eukalyptusplangen“.

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Die Jakobsmuschel – Symbol des Jakobsweges

Die Jakobsmuschel – Symbol des Jakobsweges

Die atlantische Jakobsmuschel, die Große Pilgermuschel (Pecten maximus) ist das begleitende Symbol aller Jakobspilger.

 

Der Legende nach hat das Symbol folgenden Ursprung:

Ein junger Adliger ritt einst dem Schiff entgegen, mit dem der Leichnam des Apostels Jakobus nach Spanien gebracht wurde. Unglücklicherweise versank er dabei im Meer; jedoch rettete Jakobus auf wundersame Weise sein Leben und half dem Ritter, das Ufer zu erreichen. Dadurch war sein Körper über und über von Muscheln bedeckt und aus diesem Grund wird die Muschel seitdem als Schutzzeichen getragen.

 

In den Frühzeiten der Pilgerbewegung wurde die Muschel als Nachweis der Ankunft ausgegeben und war somit ein Vorläufer der heutigen Pilgerurkunde. Die Muschel wurde am Wallfahrtsort verkauft und von den Pilgern am Hut oder Umhang getragen. Im Mittelalter ging man den Jakobsweg als Hin- und Rückweg. Die Pilgermuschel trugen somit nur Personen, die den Jakobsweg bereits auf dem Rückweg gingen. Der Verkauf war eine wichtige Einnahmequelle des Wallfahrtsortes. Seit dem 13. Jahrhundert wurde die Pilgerschaft nicht mehr mit der Muschel, sondern mit einer Urkunde beglaubigt.

 

Im Codex Calixtinus, einem Sammelwerk des Jakobuskult aus dem 12. Jh., wird schon die Bedeutung der Jakobsmuschel betont. Die beiden Schalen der Muschel, heißt es dort, stünden für die Gebote der christlichen Liebe, die es immer zu verteidigen gelte: Gott über allen Dingen zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Außerdem gleiche die Muschel einer Hand, die sich zur Verrichtung guter Werke öffne. Ob die Pilger heute noch der Muschel  diesen Sinngehalt zusprechen, ist sicher zu bezweifeln. Aber sie ist auf jeden Fall ein stolz getragenes Symbol zur Unterscheidung gegenüber landläufigen Wanderern. Deshalb wird sie heute auch schon zu Beginn des Jakobsweges an der Kleidung oder vor allem am Rucksack befestigt.

Stein vor der Kathedrale in Santiago de Compostela

In europäischen Gräbern vor allem aus dem 11. bis 14. Jahrhundert sind bis nach Skandinavien hinauf wiederholt Große Pilgermuscheln gefunden worden. Aus derartigen Grabfunden lassen sich alte Pilgertraditionen, ihre zeitliche Zuordnung und ihre lokale Bedeutung nachvollziehen. Man glaubt, dass die Pilger des Mittelalters mit der Muschel des Jakobswegs begraben wurden, um sich im Jenseits als Pilger zu identifizieren. So zeigten sie nach dem Leben, dass sie die in Compostela vollkommene Vergebung erhielten und glaubten daran, dass Jakobus der Ältere in der anderen Welt für sie Fürbitte hielt.

 

Die Jakobsmuschel dient auch als Wegweiser. Eine gelbe Muschel auf blauem Grund zeigt an, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Sie dient uns als Orientierung und man findet sie oft auf Straßenschildern, Randsteinen und Wegekreuzen oder anderen Gegenständen am Weg. Dabei fungiert die Muschel teilweise sogar als eine Art Pfeil: Zeigt das Muschelende, also der dünnere Teil, nach links, so setzt sich der Jakobsweg in der linken Richtung fort und umgekehrt. Allerdings gibt es auch unterschiedliche Interpretationen. In Galicien wird es z.B. anders interpretiert als in Asturien. In Asturien wird sie als Sternsymbol verstanden wird, dessen geschlossenes Ende den Weg anzeigt, weil dem Stern der Schweif folgt und für sie alle Straßen nach Santiago führen. In Galicien ist es eine Muschel, deren offenes Ende nach Santiago de Compostela zeigt. Für die Galicier symbolisiert der geschlossene Teil der Muschel Santiago de Compostela und für sie beginnen alle Jakobuswege dort. Die Unterschiede kann man auf dem Camino Primitivo in Acebo an der Grenze zwischen Asturien und Galicien beobachten.

Zudem ist die Muschel ein kunsthistorisches Zeugnis auf den Wegen. Wenn man durch die Dörfer geht, durch die der Jakobsweg führt, findet man häufig Gebäude, Brunnen oder Skulpturen mit der Pilgermuschel. Wir erkennen die Muschel als Dekoration an Kirchenfassaden und -portalen. Auch findet man in den Kirchen am Weg viele Darstellungen des hl. Jakobs als Pilger mit Brotbeutel, Wanderstab und Muschel.

älteste erhaltene Steinskulptur des Apostels aus dem 11. Jh. an der Kirche Santa Marta de Tera in Santa Croya de Tera
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Der Mudéjar-Stil- ein einzigartiger spanischer Architekturstil

Der Mudéjar-Stil - ein einzigartiger spanischer Architekturstil

Der spanische Islam zeigte häufig eine große Toleranz gegenüber anderen Religionen (vgl. die Ausführungen zur Islamisierung und zur Reconquista – Via Tolosana). Nicht selten mietete er sich in christliche Kirchen ein, so dass dasselbe Gebäude zeitweise gleichzeitig von den Christen als Kirche und von den Muslimen als Moschee genutzt wurden. Außerdem konnten die mozarabischen Christen zum Teil ungehindert auf islamischem Territorium Kirchen erbauen. Andererseits bauten islamische Bauherren auch jüdische Synagogen. Nach der Reconquista entwickelte sich dann bei Neubauten von Kirchen und Profanbauten ein neuer Baustil, der Mudéjar-Stil .

 

Der Mudéjar-Stil entstand dadurch, dass islamische Handwerker in den wiedereroberten Gebieten zurückgeblieben sind. Sie durften zwar ihre Religion frei ausüben, mussten sich aber ihrer christlichen Umgebung anpassen und besaßen auch nicht die gleichen Rechte wie jedermann. Unter ihnen befanden sich viele Handwerker, Tischler, Maurer, Töpfer und Gärtner, deutlich mehr als in den unteren christlichen Schichten. Aus dem Zusammentreffen von christlichem und islamischem Kunsthandwerk und der Architektur entwickelte sich der neue Stil. Er wurde Mudéjar genannt und bedeutet so viel wie »die, die bleiben durften«.

 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Mudejaren#/media/Datei:Cimborrio_Mud%C3%A9jar_Catedral_de_Teruel.png

Der Mudéjarstil begann im ausgehenden 12. Jahrhundert und erreichte vom 14. bis 16. Jahrhundert seine Blüte. Wie die Karte zeigt, verbreitete sich der Madejarstil in fast ganz Spanien. Viele der bemerkenswerten weltlichen und religiösen Bauten stehen auf der Weltkulturliste der Unesco. Die Madéjaren erstellten im Auftrag christlicher Bauherren zahlreiche Bauten und übten so als Baumeister einen erheblichen Einfluss auf die Baukunst in Spanien aus.

Der Mudéjarstil bildete keine neuen Strukturen oder Formen heraus (wie etwa Gotik oder Romanik). Vielmehr handelte es sich um eine Neuauslegung der westlichen Baustile unter dem Einfluss moslemischer Architektur. Das Nebeneinander und die Symbiose von Techniken eines unterschiedlichen Architekturverständnisses, die ihren Ursprung im Zusammenleben der jüdischen, moslemischen und christlichen Kultur hatten, brachten diesen Mudéjar-Stil hervor.

Toledo gilt als Geburtsstätte des Mudéjarstils mit seiner spezifischen Bau- und Zierweise (vor allem Zierrat aus Gips und Ziegelstein). Von Toledo aus gelangt der Stil Richtung Norden (León, Ávila, Segovia,…), und wird bald ‘Románico de Ladrillo’ (Backstein-Romanik) genannt. 

Da die maurische Kunst in Spanien allgegenwärtig war, griffen natürlich auch christliche Künstler auf diese Anregungen zurück. Der Mudéjar-Stil ist quasi eine kulturelle Verschmelzung von Ost und West, eine über Jahrhunderte entwickelte Kunst. Auf Grund seiner “Universalität, Einzigartigkeit und Authentizität” wurde er  2001 zum UNESCO Weltkulturerbe. Er kommt nur in Spanien vor.

Mudéjar_architecture_in_Spain_&_Portugal.png

Was macht den Mudéjar-Stil so besonders?

Der Mudéjar-Stil verwendet viele „»weiche« Materialien wie Ziegel, Gips, Keramik und Holz. Mit ihnen lassen sich besonders gut dekorative Elemente gestalten. Bestimmte architektonische Elemente und dekorative Themen tauchen im Mudéjar-Stil immer wieder auf. Die verwendeten Materialien sind zwar bescheiden, doch durch ihre kunstvolle Verwendung und Zusammenstellung zu schachbrettartigen und Fischgrät-Mustern, Rundbögen, Friesen, Rauten und christlichen Kreuzen entfalten sie eine besondere Wirkung. Bemalte Holzdecken sind repräsentativ für den Mudéjar-Stil.

Es wurden somit Materialien, Bauformen sowie Dekor aus der islamischen Architektur mit den Stilelementen der Romanik, Gotik und Renaissance verbunden.

Typische islamische Stilelemente, die integriert wurden, sind:

  • Backstein, glasierte Ziegeln
  • Hufeisenbögen
  • Rippengewölbe
  • Artesonado-Decken, d.h. kunstvoll verzierte Holzdecken
  • Stuck, Fayencen, emaillierte stilisierte Pflanzen
  • Arabische Schriftzeichen zum Lob Allahs in christlichen Kirchen

Die eigentliche Epoche der Mudejarstils endete im 16. Jahrhunderts. Allerdings erlebt der Stil im 19. Jh. eine Renaissance. Der sogenannte Neo-Mudéjar wird geboren. Vor allem öffentliche Bauten wie Bahnhöfe, Verwaltungsgebäude und Stierkampfarenen erhalten Holzelemente, arabeske Strukturen und bunte Keramikfliesen. Heute findet man den Stil noch in Hotelbauten im typisch »spanischen Stil

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Kritische Betrachtung der komplexen acht Jahrhunderte der islamischen Invasion und der Reconquista

Kritische Betrachtung der komplexen acht Jahrhunderte der islamischen Invasion und der Reconquista

„Mehr als irgendwo sonst in der islamischen Welt gab es in al-Andalus Ansätze zur Überwindung engstirniger Dogmen, der Unterdrückung der Frau, der Ausgrenzung andere Religionen. ….. Mehr als irgendwo sonst durchdrangen sich islamische, jüdische und christliche Kultur in einer fruchtbaren Symbiose. Über das muslimische Spanien sind unzählige Bücher publiziert worden, wobei der Tenor gemäß dem Blickwinkel von einer Verklärung der arabisch-berberischen Herrschaft bis zur Heroisierung des christlichen Kampfes gegen die Invasoren aus Nordafrika reicht. Aber die Schablone „Islam kontra Christentum“ lässt sich für die meisten der Ereignisse nicht so einfach anwenden, ebenso wenig der Kampf der Kulturen oder die Reconquista als reiner Kreuzzug oder heiliger Krieg, eine Vorstellung, die aus einer viel späteren Epoche stammt und meist aus politischen und propagandistischen Zwecken beschworen wird. Der wichtigste Bezugspunkt für die soziale Identität ist sicher die religiöse Gemeinschaft, aber es gibt auch noch andere Faktoren wie Machtbedürfnis, wirtschaftliche Dominanz, gesellschaftliches Überlegenheitsgefühl u.a., die eine Rolle spielen.

Wie oben schon aufgezeigt, gibt es zwischen 711 und 1492 nicht pausenlos religiöse Kriege, Muslime und Christen leben auf der iberischen Halbinsel sehr viel länger in Friedens- als in Kriegszeiten und sie kämpfen nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern auch sehr häufig gegen die eigenen Feinde im Innern. Die christlichen Reiche bekämpfen sich oft erbittert, und immer wieder müssen sich deren Fürsten gegen aufsässige Adelige zur Wehr setzen – eine Strukturschwäche, die schon das Westgotenreich plagte.

Die muslimischen Herrschaften dagegen leiden unter den lang tradierten arabischen Clanrivalitäten, überlagert von der oft an Feindschaft grenzenden Herablassung gegenüber den als minderwertig angesehenen Berberstämmen, ohne deren Kampfkraft jedoch al-Andalus weder erobert noch so lange hätte gehalten werden können. Die Angehörigen der muslimischen Eliten sind auch zu Bündnissen mit christlichen Lokalmächten bereit, selbst dann, wenn sie gegen ihre Glaubensbrüder gerichtet sind. Die Realpolitik triumphiert zumindest am Anfang der Eroberung Spaniens über die religiöse Identität. Politische Auseinandersetzungen finden nicht nur entlang religiöser Grenzlinien, sondern ebenso oft auch innerhalb der muslimischen und der christlichen Gemeinschaften statt. Allerdings führt der Niedergang des Kalifats, das eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte in Spanien hervorgerufen hat, zur Errichtung von Teilreichen, welche sich letztlich durch gegenseitige Reibereien erschöpfen und so selbst den Grundstein zur späteren Rückeroberung durch die christlichen Herrscher legen.

Die sogenannte Reconquista verläuft ebenfalls nicht geradlinig, es gibt vielmehr wechselnde Allianzen sowohl zwischen christlichen als auch muslimischen Herrschern. Ähnlich wie bei den westeuropäischen Staaten kommt es zu stärkeren Machtbildungen, welche dann jeweils durch schwächere Herrscher oder Todesfälle in Frage gestellt werden. Erst als die christlichen Reiche durch Erbfolge mit einander verbunden werden, können sie ihre Machtdominanz vergrößern.

Und was die Bevölkerung betrifft, so ist sie in den von Mauren eroberten Gebieten noch lange christlich, nur die Oberschicht war zunächst muslimisch, wobei viele Westgoten zum Islam übertreten, um ihren Besitz und z.T. auch ihre Macht behalten zu können. Sie müssen aber die Autorität der muslimischen Oberherren anerkennen. So finden die Eroberer schnell willige Verbündete. Außerdem sind die islamischen Herrscher bei der Verwaltung der neuen Territorien auf die Kollaboration der Bevölkerung angewiesen. Sie sind sowohl auf die Zusammenarbeit mit Verwaltungsbeamten und Richtern angewiesen wie auch auf die Kooperation der Kirche und des Klerus, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Da aber der landbesitzende Adel, der für die von ihnen abhängige Bevölkerung Kirchen baut, immer mehr zum Islam übertritt, gibt es immer weniger Seelsorger, Kirchen verfallen und werden aufgegeben. So treten allmählich mehr und mehr christliche Bewohner zum Islam über. Bis 840 ist rund ein Drittel konvertiert. Die Konversion spielt langfristig bei der Islamisierung der iberischen Halbinsel eine wichtige Rolle. Die damit z.T. verbundene Akkulturation ist so tiefgreifend, dass andalusische Christen, die im 11. Jh. nach Nordspanien kommen, Mozaraber genannt wurden. Zudem wird ein Netzwerk von Verbindungen geknüpft, bei denen es zu zahlreichen Eheschließungen zwischen Muslimen und Christen kommt, obwohl dies eigentlich von beiden Religionen untersagt ist. Unter den stark religiös motivierten Herrschern der Almoraviden (1091-1145) und Almohaden (1145-1236) verschwindet die christliche Minderheit dann aber zum großen Teil aus dem verbleibenden islamischen Herrschaftsbereich.

Was die christlichen Herrscher betrifft, so vertreiben sie die Muslime in der Regel nicht aus den Gebieten, die sie erobert haben. Sie versuchen vielmehr, sie zum Bleiben zu bewegen, meist mit Erfolg. Denn ein Großteil der Muslime, deren Ahnen ja schon in Spanien gelebt haben, ziehen ein Leben im „Heimatland“ einer Flucht vor, wenn sie damit auch Untertanen ungläubiger Könige werden. Und die christlichen Herrscher schätzen die wirtschaftlichen und künstlerischen Fähigkeiten der Muslime. Diese Haltung endet aber mit der Eroberung des Nasridenreiches und letztendlich mit der Vertreibung der Juden und Muslime im Jahre 1614.

Georg Bossong bewertet die Situation so:

-Andalus wurde zerrieben zwischen christlichem und islamischem Fundamentalismus…. Es kam zum gnadenlosen Kampf zwischen einem europäischen radikalisierten Christentum und einem afrikanisch radikalisierten Islam, Kreuzzug gegen Djihad.“

Wer an Romanen über die Zeit der Reconquista und die unmittelbaren Folgen danach interessiert ist, dem sind u.a. die folgenden Historienromane zu empfehlen.

 

Frank Baer, Die Brücke von Alcantara, München 2015: Spannender Historien-Roman. Der Leser gewinnt einen guten Einblick in das Leben der Mauren, Christen und Juden im 11. Jh. und in die politischen Zusammenhänge zur Zeit der spanischen Reconquista. Es ist ein Gemälde der Zeit zwischen 1063 und 1086.

Noah Gordon, Der Medicus von Saragossa, München 2000. Die Handlung beginnt mit dem Jahr 1492 in Spanien. Der Roman ist spannend zu lesen und vermittelt einen Eindruck von den damaligen Konflikten zwischen Christen, Mauren und Juden und dem Einfluss der Inquisition auf das Leben in Spanien.

Tariq Ali, Im Schatten des Granatapfelbaums, München 1994. Der Roman von Tariq Ali beschreibt das Leben im maurischen Andalusien um 1490 in Granada. Die Familiengeschichte vor den Hintergrund politischer Umwälzungen ist spannend zu lesen und führt den Leser in eine verschwundene Welt. Viele historische Informationen werden nebenbei vermittelt. Die Reconquista steht kurz vor ihrer Vollendung und unterdrückt und zerstört eine vergleichsweise weltoffene reiche Kultur, die aus der Koexistenz von Islam, Judentum und Christentum entstanden ist.

Lea Korte, Die Maurin, München 2010. Der Roman spielt in der Zeit zwischen 1478-1491 im maurischen Andalusien vor allem in den Städten Granada, Sevilla und Cordoba. Er erzählt die Geschichte einer maurischen Hofdame, die in ein grausames Spiel aus Intrigen und rücksichtslosen Machtkämpfen hineingerät.

Quellen

Catlos, Brian, al Andalus: Geschichte des islamischen Spanien, München 2019

Jaspert, Nikolas, Die Reconquista: Christen und Muslime auf der iberischen Halbinsel, München 2019

 

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Die Reconquista

Die Reconquista

Die Reconquista in Spanien (718 – 1492) – ein kurzer Überblick

Von Chocofrito - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46508562

Auch für die Darstellung der Reconquista gelten dieselben Aussagen wie bei dem Kapitel der Eroberung. Hier kann nur ein kurzer Überblick über die Reconquista zusammengestellt werden. Auch hier verweise ich zusätzlich auf das Extrakapitel „Kritische Betrachtungen“.

Reconquista ist die spanische und portugiesische Bezeichnung für das Entstehen und die Ausdehnung des Herrschaftsbereiches der christlichen Königreiche auf der iberischen Halbinsel unter Zurückdrängung des muslimischen Machtbereiches im Mittelalter. Der Begriff entstand allerdings erst im 18. Jahrhundert und er ist zum Teil sehr stark ideologisch verwendet worden. Zudem ist der Begriff etwas irrführend, da er den Eindruck vermittelt, dass es sich um einen einheitlichen und gemeinsamen Prozess der christlichen Akteure gehandelt habe. Das ist aber keineswegs der Fall. Es gab Zeiten des Vordringens, Zeiten des Zurückzugs und Zeiten des Stillstands der christlichen Reiche. Somit ist es keine 700-jährige Geschichte von blutigen Kämpfen zwischen Christen und Moslems, sondern es gibt auch vielschichtige Prozesse kulturellen Austauschs sowie ethnisch-religiöser Vielfalt. Auch die Motivlage hat sich wohl im Laufe dieses langen Zeitraums immer wieder verändert. Hier soll nur ein grober Überblick über die vielen wechselhaften Begebenheiten in dieser Zeit gegeben werden.

Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass sich die Geschichtsschreibung keineswegs einig darüber ist, wie der Prozess der Reconquista genau abgelaufen ist und welche Motivationslagen jeweils dahinterstanden. Das liegt u.a. daran, dass im Mittelalter nur wenige Menschen lesen und schreiben konnten, neben den Juden und den gebildeten Arabern vor allem die Mönche. Aber gerade die Letzteren hielten sich nicht immer an die Wahrheit, sondern versuchten die Geschichtsschreibung in ihrem „christlichen“ Sinn zu beeinflussen. Aber auch die neuere Geschichtsschreibung ist nicht frei von speziellen Blickwinkeln und ideologischen Ideen. Meine kurze Darstellung der Reconquista stellt somit einige Aspekte zusammen, die mir persönlich vom Verständnis her am plausibelsten erschienen.

Die Reconquista kann man auch grob in drei Phasen unterteilen.

Erste Phase 718 – 1085

Die Schlacht von Covadonga im Jahre 718 (oder 720?) wird in Spanien traditionell als Beginn der Reconquista betrachtet. Ausgangspunkt des Widerstandes ist das Gebiet der kantabrischen-asturischen Berge, denn dieses schwer zugängliche Gebiet können die Araber wie vor ihnen schon die Römer nie vollständig unterwerfen. Ein christliches Aufgebot unter dem Heerführer Pelayo besiegte damals in Covadonga, in dem heute als Picos de Europa bekannten Teil des Kantabrischen Gebirges im Norden Spaniens eine muslimische Streitkraft. Er kann so seinen Herrschaftsbereich behaupten, aus dem dann offiziell das Königreich Asturien hervorgeht. Ob hier aber schon die Idee der Rückeroberung eine Rolle spielt oder ob als Motiv die Anknüpfung an das Westgotenreich vorherrscht oder einfach das regionale Streben nach Selbständigkeit und gegen Fremdherrschaft ist nicht eindeutig geklärt. In manchen Mönchchroniken in späteren Jahrhunderten wird die Schlacht allerdings stark überhöht und als bahnbrechenden Sieg des Christentums über den Islam hochstilisiert. Aber man kann eigentlich nicht wirklich von der Reconquista sprechen. Für die Araber ist die Region, die zudem schwer zu kontrollieren ist, auf Grund der bergigen Struktur relativ uninteressant, da sie eine arme rückständige Peripherie darstellt. Es gibt keine die Bodenschätze, da die Goldminen in der Römerzeit ausgeschöpft wurden, so dass nur geringe Tributzahlungen zu erwarten sind. Somit stellt der christliche Norden Spaniens für die Mauren zunächst nur eine sehr schwache Bedrohung dar.

Bis 750 können die Könige von Asturien ihr Machtgebiet deutlich ausweiten und Galicien, Asturien und Kantabrien unter ihre Herrschaft bringen. Am Beginn des 10. Jahrhunderts wird León zur neuen Hauptstadt des asturischen Königreiches. Der Duero wird lange Zeit die Grenze zwischen dem christlichen und dem maurischen Spanien. Zur Sicherung werden Städte und vor allem Burgen ausgebaut, so dass das Land wegen der castillos Kastilien genannt wird.

In den Pyrenäen sind in Abhängigkeit von Südfrankreich einige Grafschaften entstanden, von denen sich im 9. Jahrhundert eines zum Königreich Navarra entwickelt. Aragón, das lange von Navarra abhängig ist, wird 1035 zum eigenen Königreich erhoben. Im 10. Jahrhundert kann das Königreich Navarra bis zum Ebro und die Rioja vordringen. Dabei spielen die Klöster bei der Wiederbesiedlung der zum Teil entvölkerten Landstriche entlang der Grenze zum maurischen Reich eine wichtige Rolle.

Im 11. Jahrhundert erlangen weitere ehemalige Grafschaften den Status von selbständigen Königreichen: neben Asturien im Westen Leóns Portugal, im Süden Leóns Kastilien, im Süden Navarras Aragón. Die Königreiche werden mehrfach in Personalunion verbunden und wieder geteilt; ab 1072 sind Kastilien und León, ab 1137 Aragón und die Grafschaft Barcelona (Katalanien) endgültig in Personalunion vereinigt. Fortan sollen die vier Mächte – Portugal, Kastilien-Leon, Navarra und die Krone Aragon mal in Kooperation, mal im Konflikt miteinander das Herrschaftsgefüge im christlichen Norden bestimmen.

In dieser ersten Phase von der Mitte des 7. bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts besetzen die christlichen Herrscher zum großen Teil Gebiete, die für die Araber nur von geringer – wohl auch aus wirtschaftlicher Sicht – Bedeutung sind. Man kann jedoch keineswegs von einer generellen Rückeroberungspolitik sprechen. Zum Teil waren diese Territorien sogar vom Karolingerreich und von muslimischen Mächten abhängig. Diese (vermeintliche) „Phase der Reconquista“ war durch eine weitgehende politische und religiöse Toleranz gekennzeichnet.

Zweite Phase 1086 – 1212

Das ändert sich aber Ende des 11. Jhs.. Nun beginnt die Expansion der christlichen Staaten zu Lasten der Taifas, die 1085 in der Eroberung Toledos durch Kastilien ihren ersten Höhepunkt findet. Damit dringen die Christen in die Kerngebiete des muslimischen Herrschaftsbereiches ein. Dieser spektakuläre Erfolg der Reconquista führt als Reaktion der Muslime zur Invasion der nordafrikanischen Berberstamm der Almorawiden, die von einigen Taifenherrschern um militärische Unterstützung gegen die Christen gebeten werden. Allerdings führt das dazu, dass die Almoraviden nach und nach alle Taifenreiche unter ihre Herrschaft bringen. Durch Siege gegen die Kastilier und Leoneser ist dann die Macht der neuen Berberdynastie auf der Iberischen Halbinsel gesichert.

Allerdings können die christlichen Truppen trotzdem ihre Expansion in drei Bereiche vorantreiben. Im Westen schiebt der portugiesische König sein Herrschaftsgebiet bis nach Lissabon an den Tejo vor, im Süden weitet der kastilische König allerdings nur kurzfristig seine Herrschaft bis an die Mittelmeerküste bei Almeria aus und im Osten sichern die Könige Kastilien/Aragon und die Grafen Barcelonas dauerhaft die Ebrogrenze. Ende des 11.Jh. entsteht durch die Eroberungen entlang des Ebros sowie durch die Eroberung Valencias durch Rodrigo de Vivar – genannt „El Cid“ – der Mythos dieses spanischen Helden (s. Kapitel El Cid). Die christlichen Staaten sind sehr optimistisch über den weiteren Verlauf der Eroberung und teilen in Verträgen sogar schon einmal das zu erobernde Land unter sich auf.

Allerdings stoppen die Muslime das Vorringen, wobei ihnen Streitigkeiten zwischen den miteinander verwandten Herrschern Leons und Kastiliens einerseits sowie die notorischen Spannungen der Königreiche Kastilien und Aragon mit Navarra andererseits zu Pass kommen. Die Almoraviden bringen die Rückeroberung islamischer Gebiete durch die christlichen Staaten zum Stehen und können diese teilweise sogar wieder umkehren. Dabei schliessen sie auch Bündnisse mit christlichen Herrschern.

Die Auseinandersetzung erhält zwischen den Muslimen und den christlichen Herrschern mit der Herrschaft der Almoraviden und dann der Almohaden eine neue Qualität. Es bedeutet das Ende des friedlichen Zusammenlebens, der convivencia, zwischen Christen und Mauren. Durch den asketischen Fanatismus der Almoraviden und später vor allem der Almohaden endet auf muslimischer Seite die Jahrhunderte lang praktizierte Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Aber auch von christlicher Seite wird die Reconquista nun verstärkt als Kampf für die gesamte Christenheit und als Heiliger Krieg und Kreuzzug wahrgenommen. Diese Anschauung wird stark forciert und geprägt durch die Unterstützung der Päpste in Rom sowie die Einflüsse des Klosters von Cluny.

Der entscheidende Wendepunkt, der den Christen die endgültige Übermacht in Spanien brachte, war die Schlacht bei La Navas de Tolosa im Jahr 1212. Am 16. Juli 1212 prallen in Südspanien zwei gigantische Heere aufeinander mit „Gotteskriegern“ auf beiden Seiten. Es geht um Macht, Einfluss und letztendlich um die Vorherrschaft auf der iberischen Halbinsel. Vermutlich stehen sich 12000 bis 14000 Christen ca. 25000 – 30000 Muslime gegenüber. In dieser Schlacht – wohl einer der größten des Mittelalters – besiegen die Truppen der verbündeten Königreiche die Almohaden vernichtend. Die christliche Seite setzt sich aus den Königreichen von Kastilien, Navarra, Aragon und Leon sowie französischen Kontingente der Erzbischöfe von Narbonne und Bordeaux sowie Männern der christlichen Ritterorden von Calatrava und Santiago, der Templer und Johanniter zusammen. Die Kreuzzugsaufrufe des Papstes, die versprochenen Kreuzzugsablässe sowie die Hoffnung auf Beute tragen dazu bei, dass die doch sehr unterschiedlichen christlichen Herrscher vereint in den Kampf ziehen. Der Sieg der Christen ist überwältigend, seine Bedetung für den Fortgang der Reconquista gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Schlacht von Las Navas de Tolosa markiert den Wendepunkt der muslimischen Herrschaft in Al Andalus.

Dritte Phase 1213 – 1492

In den dreißig Jahren zwischen 1220 und 1250 können drei christliche Königreiche auch durch die Unterstützung der Bischöfe und der Ritterorden ihre jeweiligen Territorien stark erweitern. Nach der Eroberung Cordobas (1236) und Sevilla (1248) fällt auch die fruchtbare Ebene des Guadalquirvir bis zur Mittelmeerküste an Kastilien. So kann Kastilien-Leon sein Territorium in rund vier Jahrzenten um fast 50 Prozent vergrößern.

Valencia (1238) und das gleichnamige Königreich werden durch Aragon annektiert und Portugal kann bis an die Algarveküste (1250) vorstoßen. Nur Navarra kann sich nicht vergrößern, da es von Kastilien und Aragon eingekreist ist.

Allein das Nasriden-Emirat von Granada als kastilischer Vasallenstaat bleibt muslimisch. Dahinter stehen aber vor allem wirtschaftliche Interessen, denn so kann Kastilien über die Nasriden und deren nordafrikanische Freunde an Gold aus Afrika gelangen, das die Nasriden teilweise als Tribut abführen müssen. Das Nasrdenreich von Granada ist dicht bevölkert und durch günstige natürliche Gegebenheiten gekennzeichnet. Hohe Berge im Norden bildeten für die Reihe fruchtbarer Ebenen Schutz vor den christlich beherrschten Gebieten. Außerdem verfügen die Nasriden über einige günstig gelegene Hafenstädte (z.B. Almeria und Malaga). Im Nordwesten sichern eine Vielzahl von Burgen die Grenzregionen. Bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts hat sich das Reich zu einem kulturell hochstehenden, wirtschaftlich prosperierenden und politisch stabilen Gemeinwesen entwickelt. In dieser Zeit entsteht auch der weltberühmte Alhambrapalast in Granada. Das Reich der Nasriden kann sich auch dadurch stabilisieren, dass sich die christlichen Herrscher permanent bekämpften.

Die verschiedenen Stoßrichtungen der christlichen Reiche – Portugal entlang der Atlantikküste, Kastilien-Leon durch das Zentrum und ins heutige Andalusien, die Krone von Aragon  Richtung Italien und den Balearen spiegelt sich noch heute in der Sprachverteilung auf der Iberischen Halbinsel wieder. (Portugiesisch, Kastilisch, Katalanisch und im äußersten Norden Baskisch). In der Mitte des 13. Jahrhunderts hat sich das Kastilische allerdings auf über die Hälfte der Iberischen Halbinsel ausgedehnt und somit auch die Sprachentwicklung in Spanien deutlich dominiert.

Durch die Eheschließung der „katholischen Könige“ Isabella I von Kastilien und Ferdinands II von Aragon werden die beiden Königreiche vereinigt. Sie nahmen die Reconquista wieder auf und vollenden sie mit der Eroberung von Granada im Jahre 1492. Der nasridische König Mohammad XII: Boabdil übergibt die Schlüssel der Alhambra an Ferdinand und Isabella. Im selben Jahr „entdeckte“ übrigens Kolumbus Amerika. Eine fast 800 Jahre alte Geschichte von Eroberungen und Rückeroberungen in Spanien findet somit mit dem Fall Granadas ein Ende. Allerdings bleiben bis 1614 noch Hunderttausende Muslime in Spanien, erleben allerdings Diskriminierung, Zwangsbekehrung und schließlich die Vertreibung.

Mit der Regentschaft der beiden Könige endet die teilweise noch bestehende friedliche Koexistenz zwischen Christen, Juden und Muslimen. Mit der Religionsfreiheit ist es endgültig vorbei. Das gesellschaftliche Klima ändert sich vollständig und führt zur konsequenten Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien. Die Inquisition tut ihr übriges. Aber das ist eine neue für das Christentum nicht sehr rühmliche Geschichte.

Von besonderer Bedeutung ist auch, dass die Reconquista neben der politischen Umstrukturierung große Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Struktur der iberischen Halbinsel hatte. Das eroberte Land fällt der Krone bzw. dem Adel, der Kirche und den Ritterorden als Belohnung für ihre kriegerische Unterstützung zu. So entstehen riesige Latifundien vor allem zwischen Tajo und Guadiana, auf denen eine extensive Landwirtschaft (zum großen Teil Schafhaltung) betrieben wird, während die kleinen Bauern leer ausgehen. Die Auswirkungen sind heute noch zu beobachten zum Beispiel in der Extremadura, wo u.a. die Besitzverhältnisse einen wichtigen Einfluss auf die Veränderung des Gebietes haben (vgl. dazu auch die Ausführungen über die „Dehesas“ auf der „Via de la Plata“)

Quellen:

Bolleé, Annegret/ Neumann-Holzschuh, Ingrid, 2008: Spanische Sprachgeschichte. Barcelona: Klett.

Georg Bossong, Das maurische Spanien, Geschichte und Kultur, München, 4. Aufl. 2020

Brian A. Catlos, „Al Andalus“ Geschichte des islamischen Spanien, München 2020

Klaus Herbers, Jakobsweg, Geschichte und Kultur einer Pilgerfahrt, München 2011

Campi, Jesus Mestre, Sabate, Flocel, Atlas der Reconquista, Barcelona 1998

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Die Reconquista Die Reconquista in Spanien (718 – 1492)...
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Die Arabisierung Spaniens

Die Arabisierung Spaniens

ein kurzer Überblick - und die Einflüsse der maurischen Kultur auf Spanien und Europa

Die folgende Darstellung soll einen kurzen Überblick über die verschiedenen Phasen der Eroberung Spaniens durch die Mauren darstellen. Es kann nur ein kurzer Abriss der Geschehnisse sein, eine ausführliche Beschreibung würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen. Zudem habe ich ein extra Kapitel  „Kritische Betrachtung“ hinzugefügt, in dem ich darauf hinweisen will, dass man sich vor einfachen Pauschalierungen hüten sollte, sondern dass man sich im Klaren ist, die Eroberung und die Reconquista haben viele verschiedene Facetten. Wer sich für die genauen Zusammenhänge interessiert, dem kann ich das Buch von

Catlos, Brian, al Andalus: Geschichte des islamischen Spanien, München 2019 empfehlen. Allerdings sind die Ausführungen in ihrer Ausführlichkeit manchmal anstrengend zu lesen.

Bei der Eroberung und Besetzung Spaniens durch die Araber kann man pauschal drei Perioden unterscheiden.

 

  1. Periode der Arabisierung- die Zeit des Emirats 711 – 756

Vor der Eroberung Spaniens durch die Araber herrschen die Westgoten auf der Iberischen Halbinsel (ehemals Hispanien, heute Spanien und Portugal). Sie kontrollieren das Land vom 5. bis zum 8. Jh. Unter ihrer Herrschaft war Toledo zum ersten Mal die Hauptstadt des Reiches. Allerdings befinden sich Adel und König Anfang des 8. Jahrhunderts in einem bürgerkriegsartigen Zustand. Dies ist eine der Tatsache, die den Arabern die fortschreitende Eroberung Spaniens erleichtern.

Im Jahr 711 wird die Iberische Halbinsel erstmals von den Arabern angegriffen.

Im Frühjahr 711 sendet Musa, Umayyaden-Gouverneur von Nordafrika, seinen Feldherrn, den Berber Tariq, mit etwa 12.000 Mann (7.000 Soldaten und 5.000 Berber) über die Meerenge. Die Landungsstelle wird nach ihm Berg des Tariq ( arabisch gabal Tariq)  – Gibraltar – genannt. Am 9. Juli 711 kommt es am Río Guadelete zur Schlacht gegen die Westgoten. Die zahlenmäßig weit überlegenen Westgoten unter ihrem König Roderich werden vernichtend geschlagen, u.a. durch die Mithilfe einer inneren Oppositionspartei der Westgoten. König Roderich stirbt auf dem Schlachtfeld. Das Heer Roderichs ist durch eine Auseinandersetzung mit den Basken im Norden schon ermüdet, als es im Süden ankommt.

Tariq, der im Dienste der in Damaskus residierenden Kalifen aus dem Geschlecht der Umayyaden steht und als Gouverneur für die nordafrikanischen Gebiete zuständig ist,  nutzt die politischen Wirren in Hispania und zieht gegen die ungeschützte Hauptstadt des Westgotenreichs Toledo, die er mühelos einnimmt. Im folgenden Jahr vereinigt sich das Heer von Tarq und Musa zu einer Größe von 18.000 Mann. Sie ziehen dann weiter gegen Norden, so dass sie im Jahr 719 praktisch ganz Spanien erobert haben. Nur ein paar kleinere Gebirgsregionen im Norden können die Araber nicht besetzen. Christlich bleiben nur Asturien an der nördlichen Küste sowie Navarra, das Grenzgebiet zum Frankenreich (“spanische Mark”). Ein Vorstoß  der Araber in das Frankenreich im Jahr 732 wird durch Karl Martell in der Schlacht von Tours und Poitiers gestoppt, doch ist die Bedeutung der Schlacht lange Zeit eher überschätzt worden, da es sich wohl eher um einen begrenzten Raubzug  als um einen Eroberungsversuch der Mauren handelt.

Insgesamt kapitulieren das Land und die großen Städte, auch die Hauptstadt Toledo, ohne größeren militärischen Widerstand. Die für die damalige Zeit überraschend schnelle und erfolgreiche Eroberung hat seine wahren Gründe in der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zerrüttung des Westgotenreichs. Außerdem gehen die Eroberer geschickt vor. Sie sichern lediglich vereinzelte städtische Vorposten militärisch und arrangieren sich gezielt mit lokalen Machthabern. Sie lassen deren Herrschaft weitgehend intakt, solange sie die muslimische Oberhoheit anerkennen. Aber die Muslime sind gekommen, um zu bleiben, zumal al-Andalus, wie das eroberte Gebiet genannt wird, geographisch und klimatisch große Ähnlichkeit mit dem Maghreb hat.

Bei der Übernahme der Städte garantieren die Moslems zu Anfang weitgehend die geltende Rechtsordnung und Religionsfreiheit. Nach damaliger Auslegung des islamischen Gesetzes sind die muslimischen Herrscher dazu verpflichtet, die Gegenwart anderer Buchreligionen – also auf der iberischen Halbinsel der Christen und Juden – zu tolerieren. Sie dürfen ihren Glauben behalten und in kleinen Gemeinschaften ausleben. Allerdings unterliegen sie einigen Einschränkungen. Dazu gehört, dass es ihnen nicht gestattet ist, ohne Erlaubnis Gotteshäuser zu bauen, sie müssen sich im öffentlichen Raum unauffällig benehmen, sind zur Abgabe einer Kopfsteuer verpflichtet und müssen Muslimen gegenüber ihre Ehrerbietung zeigen. So treten nach und nach viele Hispanogoten z.T. auch angezogen von der neuen Religion lieber zum Islam über. Sie werden „muladíes“ genannt. Andere behalten ihren christlichen Glauben, aber sie übernehmen sehr wohl die arabische Sprache. Sie werden also arabisiert, nicht jedoch islamisiert und entwickeln kulturelle Eigenheiten, die sie von ihren Glaubensgenossen in christlich beherrschten Gebieten unterscheiden. Sie werden daher auch „mozárabes“ (Arabisierter oder Freund der Araber) genannt. Neben den christlichen gab es auch zahlreiche jüdische Gemeinschaften im Land. Vor allem die Juden sehen hier gute Einkommensmöglichkeiten und Chancen aufzusteigen, die ihnen anderswo in Europa verwehrt werden. So werden die Jahrhunderte jüdischen Lebens auf der iberischen Halbinsel auch oft als „goldenes Zeitalter“ des iberischen Judentums bezeichnet.

Welche religiösen Gruppierungen gibt es also:

      –    Muslime

      –     Christen

  • Muladies: zum Islam konvertierte Christen
  • Moriscos: zum Christentum konvertierte Muslime
  • Mozarabes: unter dem Islam lebende Christen
  • Mudejares: unter dem Christentum lebende Muslime
  • Juden

Die Araber ersetzen die westgotische Zentralregierung, schöpfen die wirtschaftlichen Überschüsse ab und erbeuten die Reichtümer der Kirchen und Klöster. Gleichzeitig sind die ersten Jahrzehnte der Araberherrschaft (716-755) auf der Iberischen Halbinsel durch arabische Stammesfehden und innenpolitisches Chaos gekennzeichnet. Die Berber und Araber sind untereinander zerstritten. Die Gouverneure wechseln häufig. Diese erste Phase der arabischen Herrschaft mit den vielen verschiedenen Gouverneuren, die dem Kalifat in Damaskus unterstellt sind, und den zahlreichen Clankämpfen untereinander wird mit der Gründung des Emirats von Córdoba durch Abd-ar-Rahman beendet.

  1. Periode der Arabisierung – die Zeit des Kalifats 756-1031

756 trifft Abd al-Rahman I., letzter Spross der in Damaskus entthronten Kalifendynastie der Omayaden, nach einer abenteuerlichen Flucht über Nordafrika in Spanien ein. Er nutzt die innenpolitischen Spannungen geschickt aus. Offensichtlich verschafft ihm sein Charisma breite Unterstützung, so dass er es nach kurzer Zeit schafft, die rivalisierenden Stämme zu einigen. Nach einer siegreichen Schlacht bei Cordoba übernimmt er die Herrschaft der Mauren in Spanien. Er nennt sein muslimisches Reich Al Andalus und gründet das Emirat von Cordoba. Er schafft es, dass die lokalen muslimischen Potentaten ihn mehr oder minder freiwillig anerkennen und einen Teil ihrer Macht an ihn abgeben. Allerdings muss er sein Reich mehrmals gegen muslimische Aufständige und mit ihnen verbündeten Einheimische verteidigen. Die weit entfernten Regionen der Pyrenäen, Kantabrien und Galizien kann er allerdings nicht beherrschen, was ihm aber wohl auch nicht so wichtig ist, da diese Regionen nur von geringer ökonomischer Bedeutung sind.

Abd al –Rahman macht Cordoba zum politischen und kulturellen Zentrum des islamischen Gebietes (“Al-Andalus”). Er schafft neue Strukturen der Verwaltung und Jurisdiktion, eine effektive Steuerreform, teilt das Staatsgebiet in Provinzen auf, erneuert die Infrastruktur, läßt Moscheen bauen und richtet militärisch gesicherte Marken zur Grenzkontrolle im Norden ein. Auch lässt er in einer Zeit, da die Christen nach wie vor die Bevölkerungsmehrheit bilden, jene beeindruckende Moschee von Cordoba bauen als Zeichen der Überlegenheit des Islams über das Christentum. Insgesamt betrachtet legt er für die kommenden Jahrhunderte das Fundament einer geeinten islamischen Herrschaft in Spanien, ohne die al-Andalus wohl zerfallen wäre. Er stirbt 788 in Cordoba.

Seine Nachfolger können ein gefestigtes, geordnetes Reich gestalten. Sie können die zahlreichen Aufstände im Land niederschlagen und ihre Macht festigen. Aus Spanien wird mit der Zeit auf Grund der Konversion der Bevölkerung ein islamisches Reich und der Wohlstand im Land steigt deutlich an. Allerdings müssen sich die folgenden Herrscher immer wieder gegen rebellische Gouverneure, fränkische Heere und Überfälle der Wikinger zur Wehr setzen, die immer wieder die Macht der Umayyaden zu zerstören drohen. Im Norden können die christlichen Fürsten weitgehend in Schach gehalten werden. Im dritten Viertel des 9. Jhs. ist in den ausgedehnten Ebenen nördlich des Duero eine ungefähre Grenze zwischen Asturien und dem Emirat errichtet worden.

912 kommt Abd-ar-Rahman III. (912-961) an die Macht, interessanterweise war er Muslime, aber auch Sohn und Enkel christlicher Frauen. Die Annäherungen der Religionen zeigt sich in diesen religiösen Mischehen, wobei allerdings nach islamischem Recht nur muslimische Männer christliche Frauen heiraten dürfen. Abd-ar-Rahmann III ist der erste Umayyade von al-Andalus, der den Kalifentitel für sich reklamiert. Er setzt sich also als „Nachfolger“ oder „Stellvertreter des Gesandten Gottes“ ein, also als Oberhaupt der gesamten muslimischen Gemeinschaft, und somit in Konkurrenz zu den beiden anderen Kalifaten in Bagdad und Kairo.

Unter ihm und seinem Nachfolger al-Hakam II. (961- 976) entsteht das Kalifat von Córdoba, das zu einem der bedeutendsten Reiche Europas und der islamischen Welt wird, wobei Abd-ar-Rahman mit starker, z.T. grausamer Hand regiert. Allerdings hatte er sich auch gegen zahlreiche Rebellionen in Catmona, Sevilla, Merida, Badajoz, Valencia und Toledo zur Wehr zu setzen ebenso wie gegen Angriffe aus dem christlichen Norden.

Die arabische Kultur wird zu dieser Zeit zur vollen Blüte gebracht. Muslime, Christen und Juden leben in seinem Reich in Eintracht zusammen und machen al-Andalus zu einer kosmopolitischen arabisch-islamistischen Gesellschaft. Diese Zeit des friedlichen Zusammenlegens der Religionen wird auch “convivencia” genannt.

Die Bevölkerung wächst stark an. Córdoba hat 113.000 Häuser, 600 Moscheen und prächtige Paläste, darunter den Alcázar. 785 beginnt man mit dem Bau der berühmten Moschee von Cordoba, der Mezquita, die in den nächsten 200 Jahren mehrmals erweitert wird. Cordoba wird mit einer Bevölkerung von vielleicht 500.000 Einwohnern schließlich die größte und wohlhabendste Stadt in Europa noch vor Konstantinopel. Die Stadt wird zum Anziehungspunkt für Gelehrte und Wissenschaftler und zum Modell einer kosmopolitischen Aufklärung. Das Kalifat existiert zwar nur knapp hundert Jahre, aber das von Abd al-Rahman III. begründete Verwaltungswesen, der Anstieg der landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktion sowie seine Investitionen in die Infrastruktur lösten in al-Andalus einen wahren Verstädterungsboom aus. Ein letztes Aufleben des Kalifats findet unter al Mansur Ende des Jahrhunderts statt. Er dringt mehrmals in die christlichen Reiche im Norden ein und kommt sogar bis nach Santiago de Compostela. Er plündert die Stadt, verbietet aber, das Grab des hl. Jacobus zu entweihen. Mit seinen Vorstößen gegen die Christen will er deren Vordringen einen Riegel vorschieben. Dennoch geht das in den 750er Jahren von Abd al-Rahman I. gegründete und unter Abd al Rahman III. zu Pracht und Herrlichkeit aufgestiegene Reich seinem Ende entgegen. Das Reich wird zum Ort der Auseinandersetzung zwischen den erstarkenden Christen und ihrer Reconquista und puritanischen intoleranteren Berbern.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Spaniens#/media/Datei:Al-Andalus-de-910.jpg
Von Alexandre Vigo - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10312430

3. Periode der Arabisierung – die Zeit der Taifas (1041-1091), die Herrschaft der Almoraviden (1091-1145) und Almohaden (1145-1236) und das Emirat von Granada (-1492)

 

In den folgenden Jahrzehnten beginnt der Niedergang des arabischen Einheitsreiches in Spanien. Mit der Absetzung des letzten Kalifen 1031 bricht Al-Andalus politisch zusammen und endet 1031.  Nach zweiundzwanzig Jahren Bürgerkrieg und ethnischer Zwietracht, Gegenputschen und Pogromen war das Kalifat beendet. Der Glanz Cordobas verblasst, aber die Provinzstädte erwachen zum Leben. Es bilden sich zahlreiche islamische Kleinstaaten, die sog. Taifas. Darunter sind u.a. 1009-1076 die Amiriden in Denia1010-1090, die Ziriden in Granada, 1016-1085die Nuniden in Toledo und Cordoba 1023-1091 die Abbadiden in Sevilla.

Im Jahr 1031 sind ungefähr 24 Reiche der Reyes de Taifas, der Kleinkönige, entstanden, welche sich jedoch gegenseitig bekämpfen. Dabei bedienen sie sich auch der Hilfe der christlichen Staaten, die inzwischen in Spanien erstarkt sind. Während unter Abd al-Rahman III. al-Andalus noch die Hegemonie über die christlichen Staaten ausübt und auch in Erbstreitigkeiten eingreifen kann, kehrt sich das Verhältnis allmählich um, so dass mehrere Taifas von den christlichen Staaten tributabhängig werden. Diese Zeit dauert von 1031-1091. Der wirtschaftliche Wohlstand in den Taifas blieb erhalten, aber der politische Niedergang setzte sich unaufhaltsam fort. Die Schwäche erkennen auch die Nachbarn, die christlichen Fürsten im Norden und die Berber in Nordafrika, die schon in der Zeit des Kalifats enge Beziehungen zu den Mauren in Spanien aufgebaut haben.

Die Expansion der christlichen Staaten ging immer stärker zu Lasten der Taifas und findet in der Eroberung Toledos durch Kastilien den ersten Höhepunkt. Es ist die erste größere Stadt in al-Andalus, die einem christlichen Herrscher zufällt. Zwar zielt diese Eroberung nicht auf Vertreibung der Muslime ab, sondern man will die muslimische Bevölkerung als Untertanen der christlichen Reiche behalten. Doch aus Toledo wandert ein Großteil der muslimischen Elite ab. Diesen spektakulären Erfolg der Christen empfinden viele Muslime

als Tragödie und einen großen Verlust. Dies führt dann zur Invasion der nordafrikanischen Almorawiden, die von den Muslimen zur Hilfe gerufen werden. Sie bringen die Rückeroberung islamischer Gebiete durch die christlichen Staaten zum Stehen, kehren sie teilweise sogar wieder um. Die Almoraviden, nordafrikanische Wüstenkrieger und streng orthodoxe Gläubige, übernehmen die Herrschaft in al-Andalus.

Empört über den „dekadenten“ Lebensstil und die „Aufweichung“ der Religion, die sie vorfinden, beginnen sie im Einverständnis mit Rechtsgelehrten, die das Versagen der Kleinkönige beim Schutz des Islams hervorheben, mit der Unterwerfung der Taifa-Reiche. Diese endet 1110 mit dem Sturz der Hudiden von Saragossa. Al-Andalus wurde nun Teil eines Reiches, das seinen Mittelpunkt in Nordwestafrika hat mit der Hauptstadt Marrakesch und der Regionalhauptstadt Sevilla.

Durch den asketischen Fanatismus der Neuankömmlinge endet auf muslimischer Seite die Jahrhunderte lange Tradition der Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Die christlichen Mozaraber werden ausgewiesen, wenige später auch viele Juden. Doch städtisches Leben und Handel florieren und mit der Zeit werden auch die strengen Sitten gelockert. Allerdings werden die Almorawiden seit 1147 von den ebenfalls aus Nordafrika stammenden Almohaden verdrängt, die noch sittenstrenger sind. Beide Stämme können während ihrer Herrschaft die spanisch-maurische Kultur weiter ausbauen. Doch die Unzufriedenheit der Untertanen mit der streng-religösen Herrschaft droht die Herrschaft der Almohaden zu schwächen. Das nutzen die christlichen Herrscher und die Reconquista verdrängt die Araber allmählich trotz einiger Niederlagen bis Ende des 13. Jahrhunderts fast vollständig aus dem Land. (Siehe dazu die Ausführungen zur Reconquista)

Einzig das Nasriden-Reich von Granada, zudem auch größere Städte wie Málaga, Almería und Marbella gehören, besteht noch bis 1492. Dann muss Mohammad XII. den Schlüssel der Stadt Granada an das Ehepaar, die Könige Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. von Kastilien übergeben und abziehen.

Eine kurze Zeittafel zur politischen Geschichte

 

710-756          Islamische Eroberung und Anfänge

711                  Invasion der Mauren unter Taliq

711                  Schlacht am Rio Guadelete – Niederlage der Westgoten unter König Roderich

719                  Fast ganz Spanien unter maurischer Herrschaft

721                  Pelago besiegt die Mauren bei Covadonga- angeblicher Beginn der Reconquista

756-1031        Emirat und Kalifat von Cordoba

 

756                  Begründung des Umayyaden Emirats durch Abd al Rahmann I

912-961          Abd ar Rahman, Blüte des Emirats

929                  Abd ar Rahman ernennt sich zum Kalifen

961-976          Al Hakan II , Blüte der arabischen Kultur

1031                Niedergang des Kalifats

1041-1091      Entstehung der Taifas, der regionalen Königreiche

                        u.a.:

1009-1076      Amiriden in Denia

1010-1090      Ziriden in Granada

1016-1085      Nuniden in Toledo und Cordoba

1023-1091      Abbadiden in Sevilla

1085                Alfons VI von Kastilien erobert Toledo im Zentrum der Halbinsel

 

 1091-1248      Almoraviden und Almohaden

1090-1116      die Almoraviden erobern die Taifas Königreiche

1094                El Cid erobert Valencia, das bis 1102 gehalten wird

1118                Aragon erobert Zaragoza

1212                Kastilien besiegt die Almohaden bei Las Navas de Tolosa

1229                Aragon erobert Mallorca

1236                Kastilien erobert Cordoba

1238                Portugal erobert Algave

1238                Aragon erobert Valencia

1248                Kastilien erobert Sevilla  – Ende der großen „Reconquista“

1237-1492      Die Nasriden in Granada

             

Die Einflüsse der maurischen Kultur auf Spanien und Europa

 „Der Reiz Spaniens ist es, der Ort zu sein, wo Orient und Okzident einander begegnet sind“ (Emile Male). Denn neben den militärischen Auseinandersetzungen, den Tributzahlungen und Phasen der Intoleranz und des Fanatismus wird die muslimische Präsenz in Spanien auch mit einem bedeutenden kulturellen und wissenschaftlichen Aufschwung in Verbindung gebracht. Auch der Umgang mit Andersgläubigen – solang sie einer monotheistischen Religion anhängen – muss man – zumindest am Anfang der Herrschaft der Mauren – gerade auch für die damalige Zeit als sehr tolerant und fortschrittlich bezeichnen. Als Vollbürger werden sie aber nicht anerkannt. Sie leisten keinen Militärdienst und zahlen eine Sondersteuer und sie sind dem Staatsvolk der Muslime untergeordnet. Sie haben jedoch ein Recht darauf, ihre eigene Religion auszuüben mit all ihren Bräuchen und Vorschriften.

Die christlichen Untertanen der neuen islamischen Herren scheinen, nachdem ihre ersten Erhebungen und Aufstände niedergeschlagen worden sind, vor allem in der Epoche des Emirats und des Kalifats von Córdoba (756–1013) mindestens teilweise von der damals offenkundigen zivilisatorischen Überlegenheit der islamischen Macht  beeindruckt zu sein. Teile der gebildeten Schichten greifen bereitwillig viele kulturelle und wirtschaftliche Ideen der Mauren auf. Der Name, den sie erhalten, mozarabes (von must’arab, einer, der gern Araber sein möchte, sich als Araber gibt), spricht zumindest dafür.

Will man kurz auf diese positiven Aspekte der Arabisierung der iberischen Halbinsel eingehen, so muss man von einem komplexen Vorgang ausgehen, der in viele Lebensbereiche Einzug hielt. Hier einige Beispiele.

Die islamische Bodenpolitik führt zu einer ausgesprochenen Klein- und Mittelbesitzstruktur und steht somit im Gegensatz zu der Struktur von Latifundien, deren Entwicklung schon unter den Römern begonnen haben. Durch die Reconquista wird diese kleinräumigere Agrarstruktur aber wieder zerstört. Denn hier kommt es wieder zur Bildung von Latifundien als Geschenk an die Unterstützer der spanischen Herrscher. Diese Latifundien sind bis heute ein großes Hemmnis für die Entwicklung der spanischen Landwirtschaft.

In der Folge der Agrarpolitik der Mauren kommt es zu einem Aufschwung der Landwirtschaft vor allem auch durch die Einführung neuer Kulturpflanzen. Die wichtigsten neuen Kulturpflanzen sind die Zitrone, die Pomeranze, die Banane, das Zuckerrohr, der Reis, die Baumwolle und die Wassermelone.

Auch die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte z.B. im Rahmen der Leder-Textil- und Teppichherstellung sowie Papierherstellung wird deutlich verbessert. So wird z.B. Baumwolle, Hanf und Safran (zum Färben) nach al-Andalus importiert, was die aufstrebende Textilindustrie stark ankurbelt. Auch die Seidenmanifaktur wird durch die große Nachfrage der Eliten ausgebaut.

Entscheidend für die Gestaltung der Agrarlandschaft sind auch die künstlichen Bewässerungssysteme. Zwei wichtige neuartige Systeme der Wassergewinnung sind die Wasserhebevorrichtungen (Norias) und die Qanate. Bei den Norias handelt es sich um ein Wasserschöpfrad, während die Qanate ein ausgeklügeltes System von unterirdischen Wasserleitungen ist, das über viele Kilometer reicht.

Vor allem aber kann man bei den Einflüssen der Mauren auf die Blüte der Wissenschaften verweisen. So bringen die Araber Wissen aus den Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften, der Baukunst, der Medizin, der Astronomie und Mathematik nach Spanien. Allein die Bibliothek des Kalifen Abd al-Rahman in Cordoba umfasst angeblich mehr als 400.000 Bücher. Viele Bücher wurden auch aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt und auch vom Arabischen ins Lateinische. Auch die bei uns heute üblichen (arabischen) Ziffern hat Europa von den Arabern übernommen. Ursprünglich kommt das Ziffernsystem allerdings aus Indien.

Voraussetzung für die Entfaltung der Wissenschaften ist ein gut ausgebautes Bildungssystem. So gibt es ein weit verbreitetes Netz von Elementarschulen, die die Basis für die Universitäten bilden. Im 10 Jh. gibt es bereits 17 Universitäten in al-Andalus. Der muslimische Einfluss schlägt sich auch im Bereich der Schönen Künste – hier vor allem der Dichtkunst und Musik – nieder.

Interessant ist auch, dass die erhaltenen Quellen aufzeigen, dass neben den Männern auch Frauen eine wichtige Rolle spielen und zwar nicht nur als Kopistinnen und Übersetzerinnen sondern auch als Wissenschaftlerinnen und Autorinnen. Frauen der Oberschicht haben Mittel und Möglichkeiten, kulturellen Interessen nachzugehen. Sie schreiben Gedichte, kopieren den Koran, geben juristische Texte heraus und gründen bedeutende Bibliotheken, studieren Wissenschaften und Religion. Eine der bekanntesten war Lubna von Cordoba. Bekannt ist, dass sie in eine Sklavenfamilie geboren wurde, die im Palast von Abd ar-Rahman III. in Medina Azahara arbeitete, und dass sie innerhalb dieser Mauern aufwuchs. Sie war nicht nur Chefsekretärin (katiba al-kubra) des Kalifen, sondern bekleidete auch zahlreiche weitere Ämter: Sie war Kopistin, Schreiberin, Expertin für den Erwerb von Büchern für die königliche Bibliothek, Privatsekretärin und Mathematikerin. Aus diesem Grund wurde sie zur Kuratorin der Großen Bibliothek von Córdoba ernannt und verwaltete dort über 500.000 Bücher.

In der Bibliothek von Córdoba war Lubna für die Reproduktion, das Schreiben und Übersetzen vieler Handschriften zuständig. Gemeinsam mit dem jüdischen Gelehrten Hasday ibn Shaprut war sie maßgeblich an der Entstehung der berühmten Bibliothek von Medina Azahara beteiligt. Sie war nicht nur Schriftstellerin und Übersetzerin, sondern verfasste auch Kommentare zu diesen Büchern. Darüber hinaus unterrichtete sie arme Kinder in al-Andalus in Mathematik. Lubna bereiste den gesamten Nahen Osten auf der Suche nach Büchern für ihre Bibliothek in Kairo, Damaskus und Bagdad. Sie kopierte zahlreiche wichtige Texte und versah sie mit handschriftlichen Anmerkungen, die die Herkunft des Autors und eine kurze Zusammenfassung des Werkes enthielten; sie verfasste sogar eigene Gedichte über das Leben im Palast.

Die großen Städte – wie Cordoba, Toledo und Granada – sind auf Grund der –zumindest zeitweise herrschenden – intellektuellen Freiheit und religiösen Toleranz dem übrigen, doch z.T. recht rückständigen Europa klar überlegen. Da sich von diesen Zentren kontinuierlich das Wissen auf andere geistige Zentren in Europa ausbreitet, kann das Zusammentreffen von muslimischer und abendländischer Kultur im Laufe der Zeit auch im übrige Europa Einfluss ausüben und zur kulturellen Entwicklung des Abendlandes vor der Renaissance beitragen. Dabei spielen die arabisierten Christen eine wichtige Rolle, da sie sowohl die christlichen Reiche Nordspaniens als auch Italien und die fränkischen Herrschaftsgebiete bereisen.

(s. auch das Kapitel: Wechselbeziehung zwischen islamischer,christlicher und jüdischer Baukunst in Spanien und der Madéjar-Stil – Via de la Plata)

Quellen

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