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Die Höhlenmalerei in Nordspanien

Die Höhlenmalerei in Nordspanien

und eine Zeittafel der Ur- und Frühgeschichte

In der langandauernden älteren und mittleren Altsteinzeit hat es noch keine darstellende Kunst gegeben. Das Jungpaläolithikum, die Zeit der Höhlenmalereien, fällt mit der letzten Eiszeit (Ende gegen 10 000 v. Chr.) zusammen. Es ist die Zeit der jüngeren Altsteinzeit (s. auch die Zeittafel unten). Die Träger der jungpaläolithischen Kulturen waren auf höherer Stufe stehende Jäger und Sammler, die sich in den eisfreien Teilen Europas und Asiens befanden.

Die Kunst der Höhlenbilder hat ihre Zentren in Südfrankreich und in Nordspanien. Sie befindet sich im sogenannten franko-kantabrischen Kreis. Daneben in unmittelbarer territorialer Nähe finden wir die mesolithische Felskunst Ostspaniens, die sich aber auffallend von der Höhlenkunst unterscheidet und zeitlich schon zur Mittelsteinzeit zählt. Auffallend deshalb, weil im franko-kantabrischen Kreis vorwiegend das Tier im Zentrum der Darstellung stand, in der mesolithischen Felskunst der Mensch.

Große klimatische Veränderungen führten zu bedeutenden Umwandlungen der europäischen Flora und Fauna. Jagdobjekte werden neben dem Bison Elch, Hirsch, Wisent oder Wildschwein. Es werden neue Arten von Arbeitswerkzeugen geschaffen, der Bogen als Jagdwaffe entsteht. Allein solche technischen Errungenschaften wie die Erfindung und Verbreitung des Bogens seit dem Jungpaläolithikum machte den Menschen unabhängiger von den Zufällen der Jagd. Und diese Veränderungen beeinflussten natürlich auch die Weltanschauung des Menschen. Sie festigte in ihm das Bewusstsein der eigenen Kraft und Bedeutung.

Was die Höhlenmalerei betrifft, so sind die Bilder im Jungpaläolithikum von künstlerischer Naturtreue gekennzeichnet. Das heißt, die dargestellten Wesen werden durch geringe Stilisierung in ihren typischen Artmerkmalen wiedergegeben. Wichtig sind der Gegenstand, seine Farben und seine Räumlichkeit. Die Höhlenmalereien bestehen aus einzelnen zusammenhangslosen Figuren, was ihrer Qualität keinen Abbruch tut.

Die Zeichnungen sind ein Indikator für Fähigkeiten des Homo sapiens, die seine Vorgänger z.B. der Homo neanderthalensis noch nicht besaßen. Denn es gehören schon bestimmte Fähigkeiten dazu, die Tiere in der dargestellten Form zu gestalten. Die Künstler mussten differenzieren können zwischen den Dingen, die wichtig sind und somit dargestellt werden sollten und jenen Details, die unwichtig sind. Außerdem mussten sie eine Vorstellung von Proportionen haben, um z.B. ein Bison mit Hilfe von Linien und Farben so darzustellen, dass er naturalistisch wirkt. Denn es ist ja nicht so einfach ein dreidimensionales Objekt in eine zweidimensionale Darstellung zu übertragen. Zudem suchten sie an den Wänden bestimmte natürliche Vorsprünge, um den Objekten eine gewisse Art von Relief zu geben und somit eine Art Perspektive herzustellen. Wenn man bedenkt, dass die Integration der Perspektive in die Malerei erst in der Zeit der Renaissance gelang, also 15.000 Jahre später, so kann man die Bedeutung der Höhlenmalerei noch besser einschätzen.

Für die Farben haben die Künstler Holzkohle und Erdfarben – verschieden getönten Ocker, Rötel und schwarze Manganerde – mit Fett oder Eiweiß gemischt, die tief in den Stein eindrangen. Für den Farbauftrag kamen vermutlich Federn zum Einsatz. Aber auch Farbstifte und Röhrenknochen, durch die der Farbstoff aufgeblasen wurde oder ein Farbauftrag mit der Hand waren möglich. Zu Anfangs wurde vor allem die Ritztechnik verwendet.

Die Deutung der Malereien ist spekulativ und es ist keine eindeutige Interpretation möglich. Die Malerei hat  – nach Auffassung einiger Wissenschaftler – einen magisch-kultischen Ursprung. Es war die Beschwörung der zum Lebensunterhalt so dringend notwendigen Jagdbeute. Man wollte durch die bildliche Darstellung einen Zauber ausüben, damit ihre Waffen auch den ersehnten Erfolg erzielten. Es wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass in den meisten Fällen Tiere – wie Pferde, Hirsche oder Bisons – dargestellt werden, die den Menschen nützlich waren und ihnen Nahrung und Material lieferten. Kaum dargestellt wurden z.B. Füchse, Höhlenlöwen, Höhlenbären und Braunbären, die zur selben Zeit in dieser Gegend lebten, aber als gefährlich und bedrohlich eingestuft wurden. Außerdem wird von Wissenschaftlern davon gesprochen, dass die Kunst eine Art “symbolischer Klebstoff” war. Sie hält die Gruppe zusammen und schafft eine Situation, in der die Menschen stärker sind als allein. So wird eine gemeinsame Identität geschaffen, neben der Malerei durch Musik und Geschichten erzählen.

Neben der magisch-kultischen und sozialen Intention der Malerei entwickelte sich – so vermutet man zumindest – durch die fortschreitende Kunstfertigkeit auch der Wunsch nach künstlerischer Betätigung. Man könnte die dargestellten Hände als Signatur und Hinweis auf den Stolz der Künstler über ihre künstlerische Tätigkeit interpretieren, aber es wurde nachgewiesen, dass zahlreiche Hände Frauen- oder Kinderhände sind. Das alles zeigt, dass man sich bei der Interpretation der Malereien doch sehr im spekulativen Bereich befindet, was aber nicht die Bewunderung für die künstlerischen Fähigkeiten zur damaligen Zeit schälert.

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

Die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Höhlen liegen im Baskenland, in Kantabrien und in Asturien

Baskenland

  • Höhle von Santimamiñe in Cortézubi
  • Höhle von Ekain in Deba
  • Höhle von Altxerri in Aya

Kantabrien

  • Höhle von Altamira in Santillana del Mar (s. das eigene Kapitel dazu)
  • Höhle von Chufín in Riclones, Gemeinde Rionansa
  • Höhle von Hornos de la Peña in Tarriba, Gemeinde San Felices de Buelna
  • Höhlen am Monte Castillo in Puente Viesgo: El-Castillo-Höhle, Las Monedas, La Pasiega und Las Chimeneas
  • Höhle von El Pendo in Escobedo de Camargo, Gemeinde Camargo
  • Covalanas in Ramales de la Victoria
  • Höhle La Garma in Omoño, Gemeinde Ribamontán al Monte

Asturien

  • La Cueva de la Peña in San Román, Gemeinde Candamo
  • Cueva de Tito Bustillo in Ribadesella
  • Höhle von Covaciella in Cabrales
  • Höhle von Llonin, Gemeinde Peñamellera Alta
  • Höhle von Pindal in Ribadedeva

Zeittafel der Ur- und Frühgeschichte

Die Steinzeit ist die früheste Epoche der Menschheitsgeschichte.

Frühgeschichte

800 v. Chr. – 5. Jh. n.Chr.                                   

Urgeschichte 

2200 – 800 v. Chr.

2,6 Mill. – 2200 v. Chr

Übersicht Urgeschichte

Holozän

(➚ Frühgeschichte)

Eisenzeit

  späte Bronzezeit

 

  mittlere Bronzezeit

  frühe Bronzezeit

Bronzezeit

    Kupfersteinzeit

 

  Jungsteinzeit

Mittelsteinzeit

Pleistozän

    Jungpaläolithikum

 

    Mittelpaläolithikum

    Altpaläolithikum

  Altsteinzeit

Steinzeit

                                                                     

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Die Höhle von Altamira

Die Höhle von Altamira

bei Santillana del Mar

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

Der Camino del Norte führt uns nach Santillana del Mar 30 km von Santander entfernt. Dieses Städtchen ist nicht nur wegen seiner mittelalterlichen Altstadt berühmt, sondern auch wegen der Höhlen von Altamira mit ihren berühmten Felsmalereien.

Neben Lascaux und Niaux ist die Höhle von Altamira die wohl berühmteste frankokantabrische Höhle (jüngere Altsteinzeit). Die Altamirahöhle wölbt sich über einer Fläche von mehr als 5500 m². Sie wurde von 33.600 v. Chr. bis zum Einsturz des Einganges 11.000 v. Chr. genutzt. Die besonders beeindruckenden Deckengemälde werden dem Zeitraum 16.500 bis 13.000 v. Chr. zugeordnet.

Die Höhle besteht aus mehreren Räumen und enthält etwa 930 altsteinzeitliche Bilder, darunter Ritzzeichnungen, reine Kohlezeichnungen und farbige Darstellungen.  Neben vielen abstrakten oft rechteckigen Zeichen und Mäandern sind Hirsche, Bisons, Hirschkühe, Pferde und Wildscheine dargestellt dazu eingravierte Männerfiguren. Sie enthält polychrome Darstellungen, vor allem die berühmte Bisongruppe an der Decke, solche mit lediglich schwarzer Umrisslinie (sogenannte „schwarze Bildfolge“) und Gravuren (am ältesten). Manche Wandvorsprünge sind zu Masken umgebildet. Die naturnahe Darstellung der Bisons überrascht um so mehr, da die Tiere fast lebensgroß dargestellt auf unebener Decke gemalt wurden, was selbst für einen versierten Künstler keine leichte Sache ist. Die verwendeten Farben beschränken sich auf Rot, Ocker und Schwarz, was die Leistung der Künstler noch größer erscheinen läßt.

Was die Analyse der Zeichnungen betrifft, so beschränkt sich diese meist auf die Datierung, Chronologie und den Vergleich von Stilelementen. Warum und zu welchem Zweck die Höhlenmalereien geschaffen wurden, was die Menschen bewegte, die in diesen dunklen Höhlen längere Zeit ausharren mussten, um diese ganzen Zeichnungen zu erstellen, bleibt uns verborgen. Und was wollten sie ausdrücken, wenn sie ihre Hände mit roter Farbe beschmierten, um Abdrücke auf den Wänden zu hinterlassen?

Immer wieder werden neue Höhlen entdeckt. Die Malereien in der Höhle von El Pendo, nicht weit von Altamira entfernt, wurden als 3000-4000 Jahre älter als Altamira geschätzt. Die Höhle Aurelia bei Castro-Urdiales ist mit Bisondarstellungen ausgemalt, die wiederum eine starke Ähnlichkeit mit denen in Altamira haben. Die meisten öffentlich zugänglichen Höhlen findet man um den Ort Puente Viesgo. 

 

Geschichte der Entdeckung von Altamira

Im Jahr 1868 entdeckte ein Jäger auf dem Wiesengelände bei Santillana den verschütteten Zugang zu einer Höhle. Dies meldete er dem Grundherrn, Don Marcellino de Sautuola, einem begeisterten Heimatforscher. Da es aber zahlreiche Höhlen in der Gegend gab, begann er erst 1879 in Altamira systematisch zu graben. Eines Tages nahm er seine fünfjährige Tochter mit zur Grabungsstätte. Das Mädchen, das sich in der niedrigen Höhle nicht bücken musste, erblickte an der Decke farbige Tierbilder und machte durch seine kindliche Freude den Vater darauf aufmerksam. Der Forscher war begeistert und da er wusste, dass niemand die Höhle seit ihrer Freilegung betreten hatte, konnte er auch eine Datierung vornehmen. Er hatte nämlich bei seinen vorherigen Grabungen einige für den menschlichen Gebrauch zugerichtete Geräte aus Stein und Knochen eiszeitlicher Formung gefunden. Also schloss er daraus, dass die Höhlenmalereien auch aus dieser Zeit stammten. Er kontaktierte Juan Vilanova, einen Professor aus Madrid, der seine Ansicht über das Alter und die Bedeutung der Höhle teilte.

Aber die meisten Wissenschaftler waren nicht  dieser Meinung. Besonders frustrierend für die beiden Forscher war, dass ihnen sogar unterstellt wurde, die Bilder selbst gemalt zu haben, um berühmt zu werden. Der französische Prähistoriker Émile Cartailhac bezeichnete die Malereien als „vulgären Streich eines Schmierers“, die er und seine Zeitgenossen nicht einmal ansehen wollten. Es ist bedauernswert, dass Sautuola 1888 und Vilanova 1893 verstarben, ohne dass sie zu Lebzeiten Anerkennung für ihren Fund und seine Bewertung bekamen. Denn 1895 wurden in Frankreich ähnliche Malereien in der Höhle von Fort-de-Gaume bei Eyzies-de-Tayac-Sireuil im Departement  Dorgogne gefunden. Erst jetzt änderte sich die Meinung der Fachwelt und selbst die skeptischsten Kritiker bestätigten die Authentizität der Höhle von Altamira.

Die Höhle ist seit 1979 nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich, da durch die warme Atemluft der Besucher schwere Schäden entstanden und aufgrund der neu angebrachten Holzgeländer die Malereien zu schimmeln anfingen. Im Jahre 1998 wurde daher das spanische Geographieinstitut damit beauftragt, den ca. 1500 m² großen Eingangsbereich originalgetreu nachzubilden. Die Höhle wurde mit ca. 40.000 Vermessungspunkten pro Quadratmeter vermessen und mit Schaumstoffplatten und originalgetreu bemalten Matten nachgebildet. Die Nachbildung kann man in einem 500 m vom Originalplatz entfernten Besucherzentrum bewundern. Es ist wirklich einen Besuch wert!

Übrigens: Ein Forschungsteam aus Australien datierte eine Jagdszene mit Wildschwein aus einer Höhle in Indonesien auf ein Alter von über 51.000 Jahren – möglich machte das eine neue Methode zur Altersbestimmung. Die Zeichnung ist damit die älteste bekannte gegenständliche Höhlenmalerei.

Höhlenmalerei Höhle von Altamira bei Santillana del Mar
Höhle von Altamira bei Santillana del Mar

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Las Margas – eine bizarre Landschaft

Las Margas

bizarre Landschaft als Folge von Witterungs- und Erosionserscheinungen

Las Margas ist eine eigentümliche Landschaft aus grauen Erosionshügeln, auf denen nicht einmal ein Grashalm wächst. Die Erdhügel bestehen aus grauem, lehmigem, bröseligem Mergel aus dem Eozän. Mergel enthält sowohl Kalk als auch silikatische Bestandteile meist kleiner Korngröße (Ton und/oder Schluff). Gröberes Material (Sand und Kies) ist auch vorhanden. Mergel hat unterschiedliche Entstehungsbedingungen. Er entsteht, wenn gleichzeitig das feine Material (Ton und Schluff) abgelagert und Kalk ausgefällt oder ebenfalls abgelagert wird. Die heutige Form entsteht dann aus Verwitterungsprozessen und Erosionserscheinungen, die zu einer flächenhaften Abtragung führten. Der Boden wurde somit unfruchtbar und eine reine Schotterstruktur ist übriggeblieben.

Was geschieht bei der Verwitterung?

Die Erde in ihrer heutigen Oberflächengestaltung ist das Ergebnis der Entfaltung gewaltiger Kräfte, die ununterbrochen, wenn auch mit wechselnder Intensität auf sie einwirken. Die äußeren Kräfte sind die Witterung und die organische Welt, die alle Gesteine der Erdoberfläche verändern. Die Verwitterung ist darauf zurückzuführen, dass die meisten Gesteine unter Temperatur- und Druckverhältnissen entstanden sind, die von den an der Erdoberfläche herrschenden stark abweichen.

Wie wirken sich diese äußeren Kräfte nun aus?

Fortgesetzte Einwirkung von Temperaturwechsel (Hitze und Kälte), oft unterstützt durch Pflanzenwurzeln, lockern die festen Gesteinsverbände entlang der Oberfläche, zerstückeln sie dann zu Blöcken, grobem Schotter und schließlich zu dem feinkörnigen bis zu pulverigem Gestein.

Diese Gesteinszerstörung durch Temperaturwechsel, Frost, Feuchte bezeichnet man als mechanischer Verwitterung. Dazu kommt die chemische Verwitterung. Die Komponenten dazu sind vor allem Wasser in flüssiger Form, Luft (deren Sauerstoff- und Kohlensäuregehalt), dann auch noch die Lebenstätigkeit organischer Wesen. Der Vorgang der chemischen Verwitterung besteht einmal in der Lösungsfähigkeit des Wassers (Gips, Salze), die noch gesteigert werden durch Gehalt an CO2 (Kalkstein, weniger Dolomit). Aber auch die Aggressivität gegenüber Silikaten wird gesteigert. In der Hauptsache besteht die chemische Verwitterung in der chemischen Wasseraufnahme (Hydrolyse) und in Oxydation. Betroffen. werden davon auch Sedimentgesteinen, die unter Luftabschluss und hohem Druck gebildet wurden. Die Zersetzung des Mergels z.B. führte dann zu großen Tonablagerungen.

Was geschieht dann anschließend bei der Erosion?

Die zertrümmernden und abtragenden Kräfte der Verwitterung werden unterstützt durch die Erorion. Jedes fließende Wasser schleppt infolge seiner lebendigen Kraft Gesteinsteile mit sich. Auf dem Wege talwärts wirken diese noch rauhen, scharfkantigen und eckigen Gesteinstrümmer wie Feile, mit denen sie den Boden wegschaben (abschürfen, erodieren).

Bei Flussbetten aus lockeren Trümmergesteinen (Schotter, Sand, Ton) oder bei Festgesteinen, die in Wasser leicht zerfallen, wie manche Sandsteine, Mergel und Tonschiefer, genügt schon die wirbelnde und wälzende Wasserbewegung, da Gesteine wie Sandsteine mit tonigem Bindemittel, Mergel und Schiefer wasserundurchlässig sind und somit eine größere Erodierung aufweisen. Starke Regenfälle in Verbindung mit sehr erosionsanfälligen Böden in Hanglagen bedeuten eine hohes Risiko für ⁠Erosion. Teilweise sind auch linienförmige Erosionsformen wie Rillen und Rinnen zu beobachten. Diese Prozesse führen dann letztendlich zum Verlust von fruchtbarem Boden.

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Der Geisterbahnhof von Canfranc

Der Geisterbahnhof von Canfranc

Bahnhof Canfranc

Anfang des letzten Jahrhunderts wollten die Regierungen von Frankreich und Spanien eine Zugfernverbindung zwischen Madrid und Paris errichten. Zunächst wurde dazu zwischen 1901 und 1927 die Bahnstrecke zwischen Pau und Saragossa gebaut. Für das Vorhaben wurden Flüsse umgeleitet, Bahndämme aufgeschüttet und Dutzende von Tunneln gegraben. Zur selben Zeit entstand der als Estation Internacional de Confranc bezeichnete Grenzbahnhof, der 1928 fertiggestellt wurde und vom spanischen König Alfons XIII und dem damaligen französischen Staatspräsidenten Gaston Donnergue eröffnet wurde. Der für das Äußere gewählte eklektische Beaux-Arts-Stil wurde von der Kultur der französischen Palastarchitektur inspiriert. Der Bahnhof besaß eine doppelte Nationalität. Er befand sich zwar 8 Kilometer von der Grenze entfernt auf spanischem Boden, da aber auf französischer Seite keine ausreichend große Fläche für einen Bahnhof vorhanden war, wurde er auch von den Franzosen mitgenutzt.

Der Bahnhof hat auf 1195 m Höhe liegend enorme Dimensionen. Mit fast 250 m Länge des Hauptgebäudes, 365 Fenstern und 150 Türen war er zur damaligen Zeit der zweitgrößte Bahnhof Europas !– nach Leipzig. Auf der einen Seite des Gebäudes lagen die Gleise für die Züge aus Frankreich, die die normale europäische Spurbreite von 1435 mm hatten. Auf der anderen Seite fuhren die spanischen Züge auf den Gleisen mit einer Spurbreite von damals 1668 mm. Also mussten alle Passagiere und Güter von der einen Seite des Gebäudes zur anderen Seite wechseln. So gingen die Passagiere durch das Bahnhofsgebäude und erledigten gleichzeitig die Zollformalitäten.

Tausende Reisende sollten hier täglich abgefertigt werden – so war der Plan.

Allerdings zeichnete sich sehr schnell ab, dass dies eine völlig unrealistische Planung war. Dafür waren wohl mehrere Gründe verantwortlich. Zum einen wirkte sich 1929 die Weltwirtschaftskrise auf den Handel aus, so dass weniger Waren transportiert wurden. Zudem waren die Züge durch die vielen Steil – und Kurvenstrecken (auf französischer Seite mit Steigungen bis zu 43%) zu langsam. Des weiteren wurde die Strecke mehrmals geschlossen – während des spanischen Bürgerkrieges zwischen 1936 und 1939 und dann in der Zeit von 1944 bis 1948. Franco ließ die Bahnlinie damals für mehrere Jahre schließen. Er fürchtete, dass spanische Partisanen aus Frankreich nachrücken könnten. Nach dem 2. Weltkrieg fuhren nur noch wenige Züge pro Tag, so das die Strecke eigentlich unrentabel war. 1970 kam für die Strecke das wohl endgültige Aus. Auf der französischen Seite versagten bei einem Güterzug die Bremsen, und die Waggons stürzten mitsamt der Brücke von L´Estanguet in einen kleinen Fluss. Für die Franzosen war dies ein willkommener Anlass, die defizitäre Linie stillzulegen.

Geblieben ist der monströse Geisterbahnhof, einer jener Lost Places in Europa mit seinen immensen Ausmaßen und seiner vielschichtigen Geschichte.

Es ist aber interessant, sich die Geschichte der Strecke und des Bahnhofs genauer anzuschauen, denn sie birgt zahlreiche Geheimnisse grausame und berührende und zeigt seine gerade im zweiten Weltkrieg besondere strategische Bedeutung.

Eines dieser Geheimnisse entdeckte der Busfahrer Jonathan Diaz auf, Fahrer des Linienbusses zwischen Canfranc und dem französischen Städtchen Oloron-Sainte-Marie. Im November des Jahres 2001 schlenderte der Franzose über die von Gras und Büschen überwucherten Gleise der Station. Bis zur Abfahrt seines Busses blieb noch etwas Zeit. Er kam an einem Haufen alter Unterlagen aus den verlassenen Zollbüros vorbei und steckte sich eine Hand voll dieser Papiere in die Jackentasche, machte sich zunächst über den Fund keine weiteren Gedanken. Daheim sah er sich die Zollpapiere aus der Kriegszeit dann genauer an.

Da fiel sein Blick auf die Eintragung: “Drei Tonnen Goldbarren.” Nun wurde ihm plötzlich klar, dass seine Entdeckung von größter Brisanz sein könnte. Denn der Busfahrer hatte die Leute in Canfranc schon häufiger davon munkeln hören, dass Raubgold des deutschen Hitler-Regimes über die Grenzstation nach Spanien und Portugal verschoben worden sei. Noch in derselben Nacht setzte er sich in sein Auto, fuhr über die Grenze nach Canfranc und sammelte in Plastiktüten weitere Papiere auf. Vorsichtig untersuchte Diaz die Unterlagen. Das Pergamentpapier war vergilbt und teilweise vermodert oder von Ratten und Insekten angefressen. Der Zoll hatte darauf alle jene Güter registriert, die die Grenze passierten.

Der 40-Jährige hielt ein Stück brisanter Geschichte in den Händen. Die von ihm eingesammelten Dokumente belegen, dass zwischen Juni 1942 und Dezember 1943 in Canfranc 86,6 Tonnen Gold die Grenze passierten. Davon gelangten 74,5 Tonnen nach Portugal und 12,1 nach Spanien. Weitere Dokumente, die in Archiven gefunden worden, gehen von mehr als 100 Tonnen Gold aus.

Die Papiere sind zwar nur Durchschriften, aber ihre Echtheit wird von niemandem angezweifelt. Wo die Originale sind, weiß niemand. Die Entdeckung bedeutete eine Sensation. Bisher hatte nämlich kein Wissenschaftler von den Goldtransporten über Canfranc gewusst. In den bisherigen Expertengutachten über die Gold-Lieferungen taucht der Name des Pyrenäendorfes nirgends auf. Die Papiere belegen, dass Spanien und Portugal mehr Raubgold vom Nazi-Regime erhielten, als bisher bekannt war. Wie kam es dazu?

Die Bahnstation wurde im zweiten Weltkrieg zum Umschlagsplatz für Handelsgüter neben Lebensmitteln und Textilien vor allem von Wolfram-Erzen aus Portugal und Spanien nach Deutschland und als Gegenleistung von Gold aus Deutschland via Schweiz nach Spanien/Portugal. Die Rohstoffe von der iberischen Halbinsel wurden von den Deutschen dabei mit sogenanntem Raubgold bezahlt. Von den insgesamt 184 Tonnen Gold, die während des zweiten Weltkrieges von 1942-44 über den Schweizer Grenzort Bellegarde und durch Frankreich nach Spanien und Portugal gingen, sind rund 86,7 Tonnen in Canfranc verschoben worden.

Der Grund für die Goldtransporte lag darin, dass die im zweiten Weltkrieg „neutralen“ Länder Spanien und Portugal sich weigerten, Reichsmark für ihre Produkte anzunehmen, da diese für ihren Handel mit den Alliierten wertlos war. Also wurden nur Schweizer Franken und Gold als Zahlungsmittel akzeptiert. Für die Deutschen war der Handel mit Spanien und Portugal aber kriegswichtig, da beide Länder ja das für die Waffenproduktion wichtige Wolfram lieferten. Es wird vermutet, dass ohne die Wolframlieferungen aus diesen Ländern Deutschland den Krieg nicht so lange hätte fortsetzen können.

In Spanien und Portugal herrschten zur damaligen Zeit Francesco Franco und Antonio Oliveira Salazar, zwei den Nazis gewogene faschistische Diktatoren, die aber stets ihre Neutralität erklärten und so den Krieg dazu benutzten, von beiden Seiten – von den Nazis und von den Alliierten – zu profitieren. Allgemein kann man wohl feststellen, dass im 2. Weltkrieg sogenannte neutrale Länder u.a. auf Grund ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten mit Deutschland den Verlauf des Krieges mit beeinflussten. Das geschah nicht nur durch die Lieferung von Wolfram aus Spanien und Portugal, sondern auch durch die Lieferung von Chrom und Kohle aus der Türkei und von Eisenerz aus Schweden. Auch die Schweiz hatte durch den Tausch von Nazigold in Schweizer Franken und durch den Transport von Nazigold nach Spanien einen nicht unerheblichen Einfluss.

Zwar behaupteten beide Länder -Spanien und Portugal – nach dem Weltkrieg, nichts von der Herkunft des Goldes gewusst zu haben, doch musste es beiden ebenso wie der Schweizer Nationalbank klar gewesen sein, dass das Gold keineswegs nur aus Goldreserven der deutschen Regierung bestehen konnte. Das Nazigold stammte wohl zum einen aus den Tresoren eroberter Länder und zum anderen von Opfern in den Konzentrationslagern und von enteigneten Bürgern und Verfolgten. Es war somit zumindest teilweise sogenanntes „Totengeld“. Mit dem Gold wurden dann entweder die Spanier und Portugiesen direkt bezahlt oder es wurde an die Schweizer Nationalbank im Gegenzug für Schweizer Franken oder portugiesische Escudos verkauft.

Als sich die Niederlage Hitlers abzeichnete, konnten sich einige der schlimmsten Naziverbrecher u.a. über den Bahnhof Canfranc nach Südamerika absetzen. Zudem  dienten wohl Goldreserven der Nazis in Portugal, Spanien und auch Argentinien dazu, dass sich einige Nazigrößen später ein gutes Leben in Südamerika leisten konnten. Nach Kriegsende ließen sich ca. 80.000 Deutsche und Österreicher in Lateinamerika nieder, unter ihnen mindestens 800 hochrangige Nazis und 200 gesuchte Kriegsverbrecher.

Paradoxerweise diente in den Jahren davor dieselbe Bahnhofstrecke vielen Flüchtlingen als Fluchtweg vor dem Nazis–Regime und als Zwischenstation auf ihrem Weg ins Exil über Lissabon nach Nord- oder Südamerika.

In Spanien verfolgte die Franco-Diktatur gegenüber den Flüchtlingen eine zwiespältige Linie. Einerseits ließ das Regime Juden über Spanien nach Nordafrika oder nach Lissabon und von dort nach Amerika entkommen. Denn Franco war auf die Öllieferungen von Briten und Amerikanern angewiesen. Andererseits stand der Diktator beim NS-Regime in der Schuld, weil Hitler ihn im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) unterstützt hatte. Um die Nazis nicht zu verärgern, sorgte Franco dafür, dass der Flüchtlingsstrom nicht zu sehr anwuchs.

Zudem wehte 1942 die Hakenkreuzfahne über dem Bahnhof.  Die Wehrmacht hatte den Süden Frankreichs besetzt und war auch in das Pyrenäendorf eingerückt – und das, obwohl der Ort acht Kilometer weit auf spanischem Gebiet liegt und Spanien nicht am Krieg beteiligt war. Als Vorwand für den Einmarsch diente den NS-Truppen die Tatsache, dass der Bahnhof nicht nur spanischer, sondern auch französischer Souveränität unterstand. Durch die Dorfstraßen patrouillierten spanische Polizisten, spanische Soldaten und deutsches Militär. Canfranc ist die einzige spanische Gemeinde, die von den Nazis besetzt wurde!

Bei der schwierigen Flucht von Juden und anderer Verfolgter spielte Albert Le Lay, Chef des Zolls auf französischer Seite, eine wichtige Rolle. Lange Zeit blieb sein Handeln unbekannt, denn er hatte seiner Familie nach dem 2. Weltkrieg verboten, über seine Tätigkeiten zu berichten. Erst durch die Recherchen von José Antonio Blanco und Manuel Priede González, die gemeinsam einen Dokumentarfilm mit dem Titel „El Rey de Canfranc“  produziert haben, brach einer der Enkel das Schweigen. So muss Le Lay Tausende von Flüchtlingen die Flucht nach Spanien ermöglicht haben, zum Teil indem er sie in bestimmte präparierte Hohlräume in den Zügen versteckte und so der Kontrolle entzog. Einige der bekanntesten Flüchtlinge über den Bahnhof Canfranc sind Marc Chagall, Max Ernst (s. Exkurs unten) und Josephine Baker. Dankesschreiben aus der ganzen Welt u.a. aus Japan und von der amerikanischen Botschaft belegen die Hilfsaktivitäten Le Lays. Er selbst führte u.a. ein Register, in dem er die Namen derer aufzeichnete, die ihm vor dem Grenzübertritt ihr französisches Geld überlassen hatten. Albert Le Lay verwendete die angesammelte Summe, um eine Schule in Canfranc zu eröffnen. Außerdem war er ein Verbindungsmann zwischen den französischen Widerstandskämpfern und den Alliierten.

Der auch als König von Canfranc bezeichnete Le Lay wurde dann aber durch die Gestapo entlarvt. Auf Grund eines Tipps konnte er sich allerdings mit einer abenteuerlichen Flucht nach Algerien rechtzeitig der Verhaftung entziehen. Nach dem Krieg kehrte er in seine Gemeinde zurück, ohne aber je wieder über seine Aktivitäten zu sprechen. Im Jahr 1988 starb er hier.

Zudem wurde der Bahnhof auch von den Spionen der Alliierten genutzt, die über ein Spionagenetz Informationen an Frankreich und Spanien weitergaben, um so unter anderem auch den französischen Widerstand, la Résistance, zu unterstützen. Es ist anzunehmen, dass natürlich auch die Nazis hier ihre Spione hatten, um genau das zu verhindern.

Wer mehr über die schwierige Flucht jüdischer Intellektueller aus Frankreich über Spanien und Portugal nach Übersee wissen möchte, dem empfehle ich das Buch von Uwe Wittstock “Marseille 1940”, die große Flucht der Literatur; München 2024 . Unter diesen Flüchtlingen waren Alma Mahler-Werfel, Franz Werfel, Oskar Kokoschka, Heinrich Mann und seine Frau Nelly, Golo Mann, Thomas Manns Sohn, Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta , Walter Benjamin, um nur einige Namen zu nennen, die allerdings auf anderen Fluchtwege die Pyrenäen überquerten.

Exkurs:

Max Ernst hat allerdings den Übergang von Canfranc genutzt. Wittstock erzählt dazu folgende Episode.

Juni 1941 versucht Max Ernst über den Grenzbahnhof von Canfranc nach Spanien zu kommen, obwohl seine Ausreisepapiere unvollständig sind. Man benötigte ein Ausreisegenehmigung von Frankreich und ein Transitvisa für Spanien und Portugal, wobei das Vichy-Regime sehr restriktiv mit den Ausreisevisas umging. Max Ernst packt also seine Bilder zusammen, einige Leinwände rollt er zusammen, andere in Keilrahmen schnürt er zu einem großen Paket. Dann leiht er sich fünfzig Dollar Reisegeld, denn er hat inzwischen kein Geld mehr und fährt über Toulouse und Pau in die Pyrenäen. Der Beamte, der seine Papiere überprüft, bemerkt, dass sein Ausreisevisum ungültig ist und beschlagnahmt seinen Pass. Ohne Pass kann Max Ernst jederzeit von der Polizei aufgegriffen werden und in ein Internierungslager gebracht werden. Trotzdem geht er auf die andere Seite des Bahnhofs zu den spanischen Kontrollen. Hier rollt er seine Leinwände aus und breitet seine Arbeiten in der Bahnhofshalle aus. Die Zöllner und auch die anderen Passagiere schauen sich bewundernd seine Bilder an. Durch die Unruhe im Bahnhof aufmerksam geworden, kommt auch der französische Grenzer in die Halle. Lange betrachtet er die Bilder. Dann bittet er Max Ernst in sein Büro. Hier zeigt er sich beeindruckt vom Talent und den Bilder von Max Ernst. Dann gibt er ihm den Pass zurück, zeigt ihm den richtigen Zug nach Spanien und verschwindet. Max Ernst packt seine Bilder wieder zusammen und steigt in den Zug nach Madrid und Lissabon ein. 1953 kehrt Max Ernst – jetzt allerdings als anerkannter und geehrter Künstler des Surrealismus – nach Frankreich zurück und lebte dort bis zu seinem Tod in Paris im Jahr 1976.

 

Heutige Situation des Bahnhofs

Inzwischen gibt es viele Initiativen und Aktionen, um den Bahnhof und seine Gebäude wieder zu aktivieren und den Ort touristisch aufzuwerten, bislang allerdings ohne großen Erfolg. 

Diese Aussage von 2018 trifft inzwischen nicht mehr zu. Nachdem der Bahnhof 2002 zum Kulturgut erklärt wurde und zum historischen Kulturerbe der Eisenbahn sind sowohl die Aktivitäten der Eisenbahn als auch der Gemeinde Canfranc nun von Erfolg gekrönt. Der Bahnhof wurde von der Barcelo Hotel Group in einem jahrelangen Prozess liebevoll und sehr aufwendig restauriert und erstrahlt in neuem Glanz. Im Januar 2023 eröffnete das fünf Sterne Royal Hideway Hotel Confranc. Bei der Innengestaltung ist eine wunderschöne Symbiose zwischen modernen Ansprüchen und historischen Elementen, die sich an der Blütezeit des Bahnhofs orientieren, gelungen. 

Die Gemeinde erhofft sich nun eine weitere Belebung des Tourismus. Im März 2023 wurde auch ein neues Pilgerbüro am Bahnhof eingerichtet. Zudem soll auch der Bahnverkehr aktiviert werden. Bislang kommen nur spanische Züge an der spanischen Grenze an. Man hofft aber, dass bis 2026 die Eisenbahnstrecke zwischen Spanien und Frankreich reaktiviert wird.

Im Somport-Eisenbahntunnel befindet sich auch das Laboratorio subterráneo de Canfranc (LSC, dt. Unterirdisches Labor von Canfranc). Es ist eine unterirdische Versuchsstation für Experimente der Teilchenphysik. Die drei Experimentierhallen haben durch das Bergmassiv eine Abschirmung vor kosmischer Strahlung, die 700, 1.400 bzw. 2.450 m Wasser entspricht.

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RHCE_EXT_9 Hotelhomepage
Nach der Restaurierung RHCE_INT_26 Hotelhomepage
Vor der Restaurierung 230203110519-01-body-confrranc-station
Nach der Restaurierung RHCE_INT_26 Hotelhomepage
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Die Unberührbaren

Die Unberührbaren - die Cagots

Cagots – von Frankreich und Spanien und die Funktion von Vorurteilen

Gesicht eines Cagots

In einem Kriminalroman aus der Baztan-Trilogie von Dolores Redondo wurde die Gruppe der Cagots mehrmals erwähnt. Mir sagte das zunächst nichts. Aber wie das ja häufig der Fall ist, wird man erst einmal auf etwas aufmerksam, dann findet man plötzlich mehr Informationen, über die man normalerweise hinweggegangen wäre. So stieß ich auf einer Seite von www.mein-frankreich.com auf einen Artikel über die Cagots und  auch im Buch von Arno Geiger “Reise nach Laredo” spielt ein Cagot  Geschwisterpaar eine wichtige Rolle. So entschloss ich mich, hier darüber zu berichten. Auch wenn die Geschichte der Cagots vielleicht Vergangenheit ist, so ist es das Thema der Diskriminierung von Menschen sicher nicht.

Name und Verbreitungsgebiet

Als Cagots (baskisch Agotak) bezeichnete man eine Personengruppe, die vom 13. bis 19. Jahrhundert in Frankreich und Spanien diskriminiert wurde. Obwohl sie jahrhundertelang auf Beziehungen untereinander reduziert waren, bildeten sie keine geschlossene Gruppe, sondern sie lebten in kleinen Gruppen von mehreren Familien am Rande von Städten und Dörfern.

Cagots gab es in Frankreich von der Gascogne bis ins Baskenland, im Armagnac, im Bearn und in den Pyrenäentälern, in Spanien in Aragon, im Süden Navarras, im Baskenland und in Asturien. Im Bereich der Pyrenäen war die Bezeichnung Cagot oder Cahet üblich, aber es sonst auch andere Bezeichnungen wie Agots, Capins, Kognards (wegen der Entenfüße, die sie z.T. tragen mussten) oder Chretien oder Chretias.

Über Ihre Herkunft gibt es keine gesicherten Aussagen. Die einen vermuten, dass die Cagots von den arianischen Westgoten abstammen, andere halten sie für Nachfahren der Sarazenen und vor allem im Baskenland für eingewanderte Romas.

Ausgrenzungsgründe

Worauf die Abgrenzung beruht, ist auf Grund der Literaturlage nur teilweise nachvollziehbar. Es gibt erste Information über sie im 10. Jh., aber wirklich bekannt wurden sie erst ab dem 12. Jh.

Sie lebten am Rande der Dörfer und Städte als segregierte Gemeinschaft. Eigentlich unterschieden sie sich nicht von ihren Nachbarn in Sprache, Ethik oder Religion, aber auf Grund ihrer Historie wurden sie mit der Krankheit Lepra in Verbindung gebracht. Die Ängste in der Bevölkerung  bezüglich Lepra drückten sich dann in fantastischen Vorwürfen gegen dieser Gruppe aus, die keineswegs der Realität entsprachen. Wenn es zunächst vielleicht Leprakranke waren, die sich am Rande der Dörfer ansiedelten, so wurden dann die späteren Nachfahren mit dem Stigma der Krankheit belegt, obwohl sie keine Kranken oder Überträger mehr waren, was sogar um 1600 offiziell von Ärzten der Universität Toulouse bestätigt wurde. Trotzdem wurde der Begriff weiter als nicht sichtbares Abgrenzungsmerkmal verwendet. Zusätzlich spielte auch die wirtschaftliche Situation eine Rolle. Da die Cagots nur bestimmte Berufe ausüben konnten und diese gesellschaftlich meist als  minderwertig erachtet wurden, waren die Cagots meist arm. Aber Armut wurde in der gesellschaftlichen Entwicklung im stärker diskriminiert. So führte eine Kombination von ihrem marginalen Status, ungeachtet der wirklichen Gesundheit, und Armut zu einer Verstärkung der Marginalisierung.

Sie wurden als Aussätzige behandelt und das über sechs Jahrhunderte!  So mussten sie zum Teil ein markantes Erkennungszeichen tragen, nämlich Krähen- oder Entenfüße aus rotem Stoff auf der Kleidung. Die Krähenfüße sehen ähnlich wie ein Feigenblatt aus. Das Feigenblatt war im neuen Testament ein Stigmatisierungszeichen für Leprakranke und gleichzeitig ein Hinweis auf ein Heilmittel gegen Lepra. Durch diese Stigmatisierung waren sie die Unberührbaren.

Interessant ist aber die Tatsache, dass Cagots nie Opfer von Gewalt in der Gesellschaft wurden wie z.B. die Juden oder die fahrenden Völker. Das zeugt von einer gewissen Integration in die Gemeinden, obwohl sie segregiert waren. Sie waren – wenn auch ein verachteter und unangenehmer – Teil einer Gemeinschaft. Dies verlangte Kontrolle über sie, aber nicht Bestrafung oder Vernichtung.

Diskriminierungen

Diese Marginalisierung mit ihrer vielfältige Ausgrenzung kann über Jahrhunderte nachgewiesen werden.

  • Sie mussten in eigenen Stadtvierteln leben. Sie hatten eigene Brunnen und eigene Waschhäuser. Es war ihnen nicht erlaubt, die der „Normalen Bewohner“ zu benutzen. Sie durften nichts anfassen, was auch „Nicht Cagots“ anfassten. Tiere durften nur für den Eigenbedarf gehalten werden und keinesfalls verkauft werden.
  • In den Kirchen hatten sie einen eigenen niedrigen Seiteneingang. Die Kommunion wurde ihnen nur mit einem langen Löffel gereicht. Sie mussten einen eigenen Friedhof benutzen. Auf der Taufurkunde stand nur der Vorname und dann Cagot.
  • Sie durften nicht mit „Nicht Cagots“ zusammen essen. Außerdem war es ihnen verboten, „Nicht Cagots“ zu heiraten. So suchten sie sich ihre Partner in anderen Familien außerhalb ihrer eigenen Wohngemeinschaften um Inzucht zu vermeiden, was wohl nicht immer gelang.
  • Außerdem bestand ein Verbot für die Ausübung der meisten Berufe. Da man glaubte, dass Holz und Eisen keine Leprakrankheiten übertrugen, waren die Berufe, die sie ausüben konnten, vor allem Tischler, Schreiner, Holzfäller, Totengräber und Schmiede aber auch Korbmacher und Schneider. Da sie Experten für Holzbau waren, sind nachweislich viele Kirchen in den Pyrenäen von ihnen mitgestaltet worden. Sie werden als freundliche und fleißige Handwerker beschrieben.

Integration

Die Diskriminierung richtete sich gegen die Cagots allein aufgrund des Makels ihrer Verarmung, des Stigmas der Segregation und der über Generationen hinweg verkrusteten negativen Stereotype. Seit mindestens dem 13. Jahrhundert waren die Cagots Diskriminierung ausgesetzt, allein weil sie Cagots waren. Als eigenständiges Phänomen existierten sie nur so lange, wie sie marginalisiert wurden.

Es war die Französische Revolution, die es ihnen ermöglichte, in Frankreich endgültig Vollbürger zu werden. De facto wurden die Cagots jedoch vielerorts noch lange danach diskriminiert; besonders aus der Bretagne wanderten viele von ihnen nach Amerika aus, um dort ein neues Leben zu beginnen. 

In Spanien dauerte es bis 1819, bis das Parlament die Marginalisierung von Cagots ausdrücklich untersagte.

Die Diskriminierung definierte die Cagots, und als sie nachließ, verschwanden sie. Aber wie sieht es heute wirklich aus?

Hilke schreibt in ihrem Blog www.mein-frankreich.com dazu:

Ich verzichte bewusst auf die Darstellung der diskriminierten Menschen. Inzwischen habe ich einige von ihnen persönlich kennengelernt. Einstimmig berichteten sie, dass die cagots bis heute nicht vollständig in der Gesellschaft akzeptiert und integriert sind.

Und ein englischer Reporter, der eine Frau, die von den Cagots abstammt, interviewte, wollte sie und ihre Kinder fotografieren. Sie hat das für sich akzeptiert, aber ihre Kinder wollte sie nicht fotografieren lassen. Hier ihre Begründung:

“I’m sorry but no. It is OK for me to admit where I come from. But if people knew about my children’s background, it might be difficult for them.”

She gazes out of the window, at the distant green Pyrenees. “In some places, the hatred lingers. Even now. The Cagots may be silent but I can still hear it.”

Aber es gibt auch eine Erinnerungskultur. So befindet sich das Musée des Cagots in dem Städtchen Arreau in den Hautes Pyrenées. Allerdings versteckt sich das musée des cagots im Château d’Arreau im ersten Stock und besteht aus einem einzigen Saal. Außerdem weisen gelegentliche Straßenschilder auf ihre frühere Anwesenheit hin. Ab und zu findet man auch an den Kirchen noch die kleinen Seiteneingänge für die damaligen Cagots. Manche dieser Eingänge sind inzwischen auch zugemauert.

Die Cagots und ihr Name mögen verschwunden sein, aber ihre Geschichte sollte nicht aus Scham verdrängt werden. Denn die Erinnerung an ihre Geschichte birgt auch die Chance, das Thema Marginalisierung und Diskriminierung und die Problematik von Vorurteilen zu thematisieren. Denn Vorurteile sind zu jeder Zeit – also auch heute – ein wichtiges gesellschaftliches Thema, mit dem man sich auseinandersetzen sollte. Daher sind unten einige grundsätzlichen Erkenntnisse zu Vorurteilen zusammengestellt

Quellen

Wie funktionieren eigentlich Vorurteile?

Von klein auf lernen wir Menschen in Schubladen zu stecken. Diese Einteilungen helfen uns, die Welt zu ordnen und den Überblick zu behalten. Aber die Kategorisierung hat noch einen anderen Zweck. Sie teilt die Menschen in „wir“ und „die“ ein. Die Mitglieder der Eigengruppe werden geschätzt, die der Fremdgruppe meist distanziert betrachtet. Dann werden diese Schubladen, in die man die Menschen gesteckt hat, etikettiert, d.h. sie werden mit einer positiven oder negativen Bewertung belegt. So wird aus einem zunächst (meist) nur falschem Stereotyp ein Vorurteil. Vorurteile sind somit verallgemeinernde, voreilige, fehlerhafte, pauschalierende Urteile über Menschen.

Ein Vorurteil ist eine ungerechtfertigte und in der Regel negative Einstellung gegenüber einer Gruppe und ihren Mitgliedern. Vorurteile beinhalten also stereotype Überzeugungen, negative Gefühle und die Bereitschaft zu diskriminierendem Verhalten. Ein Vorurteil ist somit eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, von einer Gruppe oder ihren einzelnen Mitgliedern in günstiger oder ungünstiger Weise zu denken, eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Der Ausdruck Vorurteil betont dabei den emotionalen, wahrnehmungsmäßigen und kognitiven Gehalt der inneren Prädispositionen und Erfahrungen eines Individuums. Das Verhalten muss nicht notwendigerweise mit diesen Erfahrungen übereinstimmen. (Stangl, 2026).

Als Maße für die Stärke von Vorurteilen können sowohl tatsächlich ausgedrückte Emotionen als auch die Konsistenz in verschiedenen Situationen herangezogen werden, am häufigsten wird jedoch der Grad von positivem (oder negativem) Gefühl gegenüber einer bestimmten und oft ethnisch definierten Gruppe herangezogen. Meist beziehen sich Vorurteile auf negative, abwertende Einstellungen gegenüber Außengruppen bzw. Minoritäten. Die kognitive Komponente der Vorurteile das subjektive Wissen bzw. die Meinungen über die Außengruppe wird dann als Stereotyp bezeichnet. Soziale Vorurteile sind extrem änderungsresistent, daher stereotyp, als sie bei hoher Verschiedenartigkeit der Situationen minimale Unterschiede in den Urteilen zeigen und auf umfangreichere, soziologisch definierte Klassen von Personen bezogen sind. Vorurteile beinhalten dabei immer Gefühle und ein System mehr oder weniger deutlicher Überzeugungen. Vorurteile implizieren im Alltag oft eine ablehnende oder sogar feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe gehört, der man die zu beanstandenden Eigenschaften zuschreibt. (Stangl, 2026).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2026, 6. Jänner). Vorurteil. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/4678/vorurteil

Durch eine kritische Wahrnehmung und eine offene Einstellung lassen sich Vorurteile auch wieder abbauen. Aber leider haben Vorurteile die Tendenz sich zu verfestigen. Durch eine Zustimmung meiner Bewertung in meiner Eigengruppe kommt es zu einer ersten Verfestigung. Zudem stärkt das gemeinsame Vorurteil das interne Gemeinschaftsgefühl und die bewusste Abgrenzung nach außen. Man fühlt sich anderen gegenüber überlegen. Also warum sollte man an seiner Bewertung zweifeln! Zudem bemerkt man die negativen Zuschreibungen deutlicher und man schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit als jenen Vorkommnissen, die z.T. sogar häufiger und eigentlich positiv zu bewerten wären. Man stuft diese einfach als Ausnahmen ein und kann so sein Vorurteil behalten. Auf Grund dieser Prozesse besteht natürlich keine Notwendigkeit, das Vorurteil in Frage zu stellen. Somit kann es sich weiter verfestigen und es dann sehr schwer, solche Vorurteile aufzubrechen.

Quellen

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Historisches Historisches Via Podiensis

Das Quercy

Das Quercy

als Beispiel für die wechselhafte Geschichte einer Landschaft im Vorfeld und während des 100jährigen Krieges

Quercy ist eine alte Provinz und liegt zwischen den beiden Flüssen Dordogne (im Norden) und Tarn (im Süden).  Sie grenzt im Norden an das Limousin, im Westen ans Périgord und Agenais, im Süden an die Gascogne und das Languedoc, sowie im Osten an Rouergue und die Auvergne. Das heutige Departemente Lot (46) und etwa die Hälfte des Departements Tarn et Garonne (..) entsprechen in etwa dem alten Quercy. 

Zur Zeit der Römer war die Provinz Quercy ein Teil von Aquitania prima. Im 4. Jahrhundert wurde die Region christianisiert. Zwei Jahrhunderte später fiel die Provinz an die Franken und im 9. Jahrhundert wurde sie ein Teil des fränkischen Königreichs Aquitanien. Ende des 10. Jahrhunderts waren seine Herren die mächtigen Grafen von Toulouse. Im Mittelalter führte die Via Podiensis über Figeac, Cahors und Moissac quer durch das Quercy, das mit Rocamadour eines der wichtigsten Pilgerziele Frankreichs besaß.

Während des 100-jährigen Krieges zwischen England und Frankreich besetzten die Engländer 1156 das Quercy und errichteten verschiedene Garnisonen. Durch den Frieden von Abbeville 1259 kam die Provinz Quercy unter englische Oberhoheit. Die genaue Abgrenzung erfolgte aber erst 1285. Zwischen 1292 und 1302 beschlagnahmte der König von Frankreich wiederum das Gebiet. Durch den Frieden von Bretigny 1360 fiel die Provinz an England, in den Jahren 1373–1380 eroberte Bertrand du Guesclin das Gebiet für die französische Krone zurück, dann ging es wieder an die Engländer. 1389 wurde das Rocamadour-Heiligtum von den Engländern eingenommen und geplündert, aber 1440 wurden sie schließlich definitiv aus dem Quercy vertrieben. Zwischen 1259 und 1453, d.h. während des englischen Besitztums, hieß das Königreich Aquitanien Guyenne, zudem eben auch das Quercy gehörte. Während dieses ganzen Hin und Her der Besitzverhältnisse bestätigten und erweiterten sowohl die Monarchen von England wie auch die Könige von Frankreich die Privilegien der Städte und Distrikte, beide in der Hoffnung, die Einwohner auf ihre Seite ziehen zu können.

Quercy
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Die Bastiden

Die Bastiden

als Zeichen von Städtgründungen und kriegerischen Auseinandersetzungen

Ein sichtbares Relikt der Städtgründungen aber auch der kriegerischen Zeiten des Mittelalters in Frankreich sind die Bastiden, die Wehrdörfer, denen wir immer wieder auf unserer Wanderung begegnen. Bastide (occitanisch: bastir = „bauen“) ist eigentlich die Bezeichnung für die im Mittelalter gegründeten und weitgehend in einem Zug erbauten Städte Okzitaniens, also des Südwesten Frankreichs. In der Zeit von 1222 bis 1373 (Beginn des 100jährigen Krieges) wurden hier zwischen 300 bis 500 neu gegründete Städte errichtet. Sie bildeten örtliche politische und wirtschaftliche Zentren mit Selbstverwaltung.

Gründer waren weltliche Seigneurs (u.a. auch die Könige von Frankreich und England sowie Grafen und lokale Fürsten als Lehnsherren) sowie kirchliche Herren (hier Bischöfe und Zisterzienserklöster), die mit den Grundherren spezielle notariell beglaubigte Verträge abschlossen.

Ziele waren zum einen die Grenzmarkierung von Herrschaftsgebieten zum anderen die Zuwanderung in entvölkerte Landstriche und dadurch die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen als Einkommensquelle für die Gründer sowie die Entwicklung von Märkten. U.a. durch die zunehmende Bevölkerungsentwicklung und die Seßhaftmachung der Halbnomaden in diesen Regionen konnten diese Gebiete besiedelt werden. Meist entstanden diese Bastiden an Orten ohne Vorgeschichte, bei aufgelassenen Dörfern, an Kreuzungen und in Gebieten mit guter Bodenqualität und Wasser. Sie wurden häufig verteidigungsstrategisch auf einer Kuppe oder einem Plateau errichtet und sollten der Landbevölkerung Schutz in Zeiten von kriegerischen Auseinandersetzungen geben. So wurden sie auch oft – allerdings meist erst einige Zeit nach ihrer Gründung – mit Stadtmauern befestigt.  Raymond VII., Graf von Toulouse (1222-1249), sicherte so sein Reich mit dem Bau von Bastiden vor und nach dem Albigenser-Kreuzzug, wie die Katharer auch genannt werden. Alfons von Poitiers (1250-1270) setzte sein Werk fort und gründete gleich 54 Bastiden, um während der englisch-französischen Kriege seine Westgrenze zum Herzogtum Aquitanien abzusichern.

Der englische König Edward I.  reagierte darauf mit dem Bau von Bastiden in seinem Reich. Als 1337 der 100-jährige Krieg zwischen England und Frankreich begann, läutete der das Ende des Bastiden-Booms ein. Labastide-d’Anjou in Aude gehörte zu den letzten, die vollendet wurde.

Ihr Aufbau ist geplant und besteht meist aus einem rechtwinkligen Straßenmuster mit einem zentralen Marktplatz, an dem die Kirche, das Rathaus und oft eine Markthalle liegen. Er wird von Häusern häufig mit Arkadengängen gesäumt. Man konnte bei einem Angriff von allen Häusern relativ schnell zur Stadtmauer gelangen, um von dort den Ort zu verteidigen. Gerade im 100jährigen Krieg konnten die befestigten Städte überleben, während viele andere unbefestigte Städte wieder zerstört wurden.

Um die Bevölkerung anzulocken, gab es eine Reihe von lokalen Privilegien, ohne das grundsätzliche Feudalsystem zu ändern:

  • Steuererleichterungen
  • Gleichheit der Landverteilung
  • Rechtliche Gleichstellung
  • Freiheit für Leibeigene
  • Marktrechte für den Ort

An die Grundherren musste eine Grundsteuer gezahlt werden und ein Zehnt ging an die Pfarrei. Die Privilegien wurden auch beim Wechselspiel der Besitzverhältnisse zwischen den englischen und französischen Königen bestätigt und zum Teil ausgeweitet, um so die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

Welche Bastiden liegen u.a. auf dem Weg der Via Podiensis?

Lauzerte

Lauzerte entstand im Zuge des 100-jährigen Krieges, als die Grafschaften sich anschickten, ihre Grenzen und strategisch wichtigen Punkte durch befestigte Ortschaften vor den englischen Truppen zu schützen. Trotzdem wurde Lauzerte im 100- jährigen Krieg und auch in den Religionskriegen teilweise zerstört. Die Häuser um den Marktplatz mit ihren Fassaden aus dem Mittelalter und der Renaissance wurden renoviert.

Larressingle

Rund 270 Meter völlig intaktes Mauerwerk sowie ein Burggraben umschließen die wenigen Häuser sowie die Burg und die Burgruine. Noch immer verleihen die alten Häuser, die gleichzeitig die Festungsmauer bilden, dem Dorf ein mittelalterliches Flair. Die massive Wehrkirche St. Sigismund ist im Innern in ein romanisches und gotisches Schiff geteilt. Im 13. Jh. erhoben sowohl die französische wie auch die englische Krone Anspruch auf die Provinz Aquitanien. Um seinen Machtanspruch zu demonstrieren, ließ der französische König Larressingle und zahlreiche andere Siedlungen in der Region zu Bastiden ausbauen.

Montreal-du-Gers

Zu den frühen Bastiden gehört auch Montréal-sur-Gers, das Alphonse de Poitier im Herzen der Gascogne 1255 auf einem Hügel oberhalb des Auzoue gründete, direkt am Pilgerweg Via Podiensis nach Santiago de Compostela. Dass bereits hier die Römer ein Oppidum namens Celtiberum hatten, verrät eine kleine archäologische Ausstellung, das auch die Funde der Villa von Séviac aus dem 4. Jahrhundert birgt.

Die Stadt ist eine typische gascognische Bastide aus dem 13. Jh. Im Jahre 1320 wurde sie wie viele andere Städte der Region an das Herzogtum Guyenne angeschlossen, das sich im Besitz der englischen Krone befand. Daraufhin belagerte 1350 Karl der Schreckliche, König von Navarra, den Ort und übergab ihn 1368 dem Comte d’Armagnac. Von der ehemaligen Stadtbefestigung sind allerdings nur noch wenige Reste erhalten. Aber der Marktplatz, den bis heute die typischen Arkaden säumen, und die Straßen, die wie einst noch in Rechtecken angeordnet sind, sind noch in ihrer ursprünglichen Form vorhanden.

Montreal-du-Gers Marktplatz

Miramont-Sensacq

Das Dorf wurde 1276 durch den König von England als Bastide gegründet.

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Der 100jährige Krieg

Der 100 jährige Krieg zwischen England und Frankreich und seine Vorgeschichte

The War of Thrones

Wandert man durch Frankreich, so stößt man immer wieder auf Zeugen des 100- jährigen Krieges. Es lohnt daher, sich kurz einmal mit diesem Krieg (1337-1453) und seiner Vorgeschichte auseinanderzusetzen. Dabei wird hier weniger auf die einzelnen Kriege und Konflikte eingegangen, sondern bemerkenswert sind vor allem jene Aspekte, die damals tragende Elemente der Auseinandersetzungen waren. Und wenn man es genau betrachtet, so sind es immer noch dieselben Elemente, die auch heute noch viele z.T. auch kriegerische Auseinandersetzungen bestimmen.

 

Zu nennen sind hier u.a.:

  1. Macht- und Gebietsansprüche und ihre Legitimation
  2. wirtschaftliche Gründe, die hinter fast allen Kriegen offen oder verdeckt stehen
  3. die tiefe Religiosität jener Zeit und ein gewisser Heilsglaube
  4. das Entstehen eines Nationalbewusstseins in Frankreich und England
  5. und ein über Jahrhunderte bestehendes Misstrauen zwischen diesen beiden europäischen Ländern

 

Die Vorgeschichte des Krieges, die für das Verständnis der Auseinandersetzungen von großer Bedeutung ist, reicht bis ins 12. und 13. Jh. zurück. Die Plantagenets, also das englische Herrschergeschlecht, haben schon unter Heinrich I (1154-1189) große Teile Frankreichs durch Erbschaft, Heirat und Zukäufe unter ihre Herrschaft gebracht. So waren sie einerseits die Könige von England und somit dem französischen König gleichgestellt und andererseits verfügten sie in Frankreich als Grafen und Herzöge nur über die Rechtstitel, die mit ihren französischen Besitzungen verbunden waren. Sie   waren also dem französischen König lehensrechtlich für diese Besitzungen untergeordnet. Zu diesen gehörten zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung (um 1173) die Herzogtümer Normandie, Aquitanien, Gascogne und Bretagne sowie die Grafschaften Anjou, Maine und Torraine (vgl. die Karte). Das bedeutete, dass der englische König zu dieser Zeit der größte Großgrundbesitzer Frankreichs war. Der französische König Philipp II. versuchte deshalb seinerseits, seine Besitzungen vor allem nach Norden auszudehnen, hier vorwiegend in das Gebiet der Herzöge von Flandern.

 

Und jetzt kommen bereits wesentliche wirtschaftliche Faktoren ins Spiel. Durch diese Ausdehnung nach Norden waren zentrale Wirtschaftsinteressen Englands gefährdet. Denn die flämische Tuchindustrie war der wichtigste Absatzmarkt für die englische Wolle. England reagierte, indem es die rechtliche Hoheit über den Ärmelkanal beanspruchte. So wollte es die zentralen Handelsbeziehungen absichern.

Im Laufe des 13. Jh. kam es dann zu verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen dem Franzosen und Engländern, in deren Verlauf Frankreich die Normandie, Torraine und Anjou sowie die Bretagne und Teile Aquitaniens zurückeroberte und im Vertag von Paris 1259 absicherte. Die französischen Könige verdrängten den englischen Einfluss aus Frankreich. Nur die Gascogne und Teile Aquitaniens verblieben den Engländern und wurden zur Grafschaft Guyenne zusammengefasst. Bis Anfang des 14. Jh. kam es zu einer gewissen Beruhigung, allerdings bestanden die grundsätzlichen Gegensätze auch weiterhin und flammten Anfang des 14. Jh. erneut auf. Sie führten dann zu den zahlreichen Auseinandersetzungen des sogenannten 100-jährigen Krieges, der allerdings nicht als ein kontinuierlicher Prozess zu verstehen ist, sondern es gibt sehr unterschiedliche Phasen des Konflikts, die unter diesem Oberbegriff zusammengefasst wurden. Auch die zeitliche Eingrenzung auf die Zeit von 1337 – 1457 wird von einigen Historikern als etwas willkürlich angesehen.

Die 1. Phase des Hundertjährigen Krieges (1337-1386)

Ein wesentlicher Aspekt dieser Phase ist der Thronfolgestreit, nachdem mit Charles IV. der letzte Kapetinger stirbt. Philipp von Valois, ein Cousin Charles aus der nächsten Verwandtschaftslinie der Kapetinger, lässt sich als Philipp VI. zum französischen König krönen. Zwar wurde dies zunächst vom englischen Königshaus akzeptiert, aber nachdem sich Philipp in die Auseinandersetzungen zwischen England und Schottland einmischte, erhob Edward III. von England Ansprüche auf den französischen Thron, die er über seine Mutter (eine Tochter Philipp III.) ableitete. Juristisch stand dieser Anspruch auf wackeligen Beinen, da die Thronfolge über weibliche Nachkommen eigentlich ausgeschlossen war. Trotzdem waren damit die politischen Bedingungen für den nun beginnenden Krieg umrissen. Der französische König ging nach seinem Verständnis gegen einen sich unrechtmäßig erhebenden Vasallen vor, während der englische König seinen vermeintlich legitimen Anspruch auf den französischen Thron durchsetzen wollte.  Beide Auffassungen standen sich im nun folgenden Hundertjährigen Krieg unversöhnlich gegenüber und führten dazu, dass es dann nicht mehr nur um eine feudale Auseinandersetzung zwischen zwei Herrschern ging, sondern fundamentaler um den Kampf zweier Länder und Völker um die Existenz eines eigenständigen französischen Staates. Der Historiker Kenneth Fowler betont dabei, dass die Geschichte des 100jährigen Krieges als eine anglo-französische und nicht englisch-französische Auseinandersetzung verstanden werden sollte, da es ein „England“ oder „Frankreich“ vor 1337 nicht gab, sondern die beiden vorstaatlichen Gebilde eng miteinander verflochten waren. Die Ereignisse dieses Krieges führten dann allerdings zur Entwicklung von zwei eigenständigen Nationalstaaten.

Die folgende Darstellung des Krieges will chronologisch, aber nur stichwortartig einige wichtige Ereignisse und ihre Bedeutung herausarbeiten. Auf einige besondere Aspekte wird dann etwas ausführlicher eingegangen. Dabei handelt es sich zum einen um die Bedeutung einzelner Schlachten für die Entwicklung der modernen Heere, zum anderen um eine kurze Darstellung der Bedeutung Jeanne d`Arcs für diesen Krieg sowie um die Folgen dieses Krieges für die beiden Länder.

  • Ab 1337: Einmischung der Franzosen in den Krieg zwischen England und Schottland, Gefechte im Ärmelkanal, Überfälle auf die englische Küste
  • 1340: Eduard III. ernennt sich selbst zum französischen König und zieht mit Truppen nach Frankreich
  • 1346: Edward III. schlägt die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Crécy, insbesondere auf Grund der englischen Langbögen
  • 1347: Die Engländer nehmen Calais, den wichtigen Handelsstützpunkt nach elfmonatiger Belagerung ein.
  • 1348 In Frankreich grassiert die Pest und 1/3 der französischen Bevölkerung wird dahingerafft. In Europa werden ca. 25 Millionen Menschen an der Pest sterben.
  • 1356: Der Schwarze Prinz (Prince of Wales) siegt in der Schlacht von Poitiers und es kommt zur Gefangennahme des französischen König Jean II.
  • 1360: Frieden von Bretigny – Edward verzichtet auf den franz. Thron; Jean II. wird gegen Lösegeld freigelassen; Guyenne, Gascogne und Limousin und somit das ganze südwestliche Frankreich fallen an Edward
  • 1369 – 1376: Der franz. König Charles V. nimmt den Kampf wieder auf und kann die verloren gegangenen Gebiete zurückerobern
  • 1386: Beendigungen der Kampfhandlungen (Friedensvertrag 1396)

Die 2. Phase des Hundertjährigen Krieges (1415-1435)

  • 1407: Im Kampf um Einfluss und Ehre am königlichen Hof beginnt der innerfranzösische Krieg zwischen den Armagnacs (Unterstützer des Könighauses Valois) und den Bourguignons
  • 1413 wiedererwachendes Interesse Englands an den reichen Städten Flanderns und den Gütern in Aquitanien
  • 1414: auf Grund der innerfranzösischen Auseinandersetzungen und der Bevorzugung der Armagnacs durch den König verbündet sich Burgund mit England
  • 1415: Die Engländer schlagen die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Azincourt . Mehr als 5000 Mann der Franzosen fallen, 1000 werden gefangen genommen. Bei den Engländern gibt es nur geringe Verluste. Es war eine verheerende Niederlage, die das Selbstbewusstsein der Engländer stärkte und der französischen Krone neben dem Verlust eines Großteils des Adels auch die Initiativkraft nahm. Dem französischen Königtum drohte der Untergang.

Exkurs: Die Bedeutung von Crecy und vor allem Azincourt für die Zukunft der Heere

Crecy und Azincourt sind für die Engländer und sicher auch für die Länder in Europa   ganz besondere Ereignisse. „Es ist der Sieg der Schwachen über die Starken, des gemeinen Mannes über die Ritter hoch zu Ross, des Verzweifelten, in die Eck Gedrängten und fern der Heimat Kämpfenden über den Vermögenden und Dünkelhaften“ schrieb der britische Historiker John Keegan. Denn der Sieg der Engländer mit ihren Fußsoldaten über die französischen adeligen Ritter stellt eine Epochenwende dar.

Das englische Heer bestand aus ca. 2000 Rittern und 8000 Fußsoldaten, zumeist Bogenschützen. Und gerade diese Bogenschützen waren es, die den Sieg herbeiführten. Der Bogen, den sie benutzten, war nicht nur eine Waffe, sondern auch ein soziales Zeichen, denn der Bogen wies den Träger als freien Mann aus, der in einem Heer Dienst tat und dafür bezahlt wurde. Im Gegensatz dazu waren bei den Franzosen neben den Rittern ihre unfreiwillig Hörigen beteiligt.

Der Bogen war deshalb so gefährlich, weil erfahrene Schützen ( und man musste den Umgang mit der Waffe intensiv trainieren) mit den bis zu zwei Meter langen Bögen aus Eibenholz zehn Schuss pro Minute abschießen konnten bei einer Reichweite von ca. 250 Metern, während mit einer Armbrust in der selben Zeit maximal zwei Schuss mit geringerer Reichweite abgefeuert werden konnten. Die Eibenrohlinge stammten aus England und vor allem aus Süddeutschland und Norditalien. Durch den intensiven Handel, der sich wegen der großen Nachfrage entwickelte, wurde die Eibe rücksichtslos abgeholzt. Heute findet man sie in der freien Natur nur noch in einigen speziellen Verbreitungsgebieten in Europa. Sie steht deshalb bei uns nach dem Bundesartenschutzgesetz unter besonderem Schutz.

Der Einsatz der englischen Langbogenschützen im Verbund mit abgesessenen Rittern und der Nutzung von Pfählen als Deckung haben die Schlacht von Azincourt mitentschieden. Das französische Heer unterlag, da es auf die veraltete Taktik mit dem Schwergewicht auf den Rittern setzte.

Ab dieser Zeit sollte die Zukunft den großen Heeren leichtbewaffneten Fußsoldaten und Söldnern gehören und nicht mehr adeligen Rittern, die oft im Heer als Einzelkämpfer aufgetreten waren. Diese neuen Armeen konnten aber wiederum nur von Herrschern mit den nötigen finanziellen Ressourcen aufgestellt werden, was natürlich nicht selten ein großes Problem darstellte.

  • 1417: Die Engländer bringen weite Teile von Nordfrankreich unter ihre Kontrolle
  • 1420: Im Vertrag von Troyes wird Henry V. von England zum franz. Thronfolger bestimmt
  • 1422: Nachdem Henry V. (England) und Charles VI. (Frankreich) sterben, erkennen die Franzosen den Vertrag von Troyes nicht mehr an und rufen Charles VII. (Valois) als König aus
  • 1428: Nach der Eroberung von Nordfrankreich belagern die Engländer die Stadt Orléans, den Schlüssel nach Südfrankreich, bis zum 08. März 1429. Die folgenden Ereignisse wurden von Shakespeare in seinem Drama „Heinrich VI“ ausführlich erzählt.          
  • 1429: Die Wende trat erst mit dem Erscheinen der „Jungfrau von Orlean“ ein. Jeanne d‘Arc von ihren göttlichen Visionen geleitet und von der Kirche unterstützt, überzeugt den Dauphin, dass sie die Franzosen zum Sieg führen werde. So führt sie die Kriegswende bei Orléans herbei und kämpft erfolgreich gegen die Engländer.

Exkurs: Kurze Geschichte der Jeanne d`Arc

Man stellt sich natürlich die Frage, wie es einem einfachen Bauernmädchen erlaubt wurde, ein Heer gegen die Engländer zu führen. Hierzu in Kürze die Geschichte von Jeanne d`Arc.

Sie erblickte um 1412 in Domrémy, einem kleinen Dorf an der Maas (Lothringen) als Tochter von Jacques Darc und Isabelle Rommêe das Licht der Welt. Ihre Eltern zählten zur sogenannten Schicht der Laboreurs, einer Art Oberschicht innerhalb der ländlichen Bevölkerung. Sie wurde somit in eine für das Dorf Domrémy wohlhabende Familie hineingeboren. Allerdings wurde die Schreibweise mit d`Arc erst seit dem 16. Jh. gewählt, um eine gewisse Wertigkeit der Familie hervorzuheben.

Nach Gerichtsprotokollen hatte Jeanne d`Arc mit 13 Jahren ihre ersten Visionen. Sie hörte angeblich die Stimme der hl. Katharina sowie des Erzengels Michael und der hl. Margareta. Die Erscheinungen wiederholten sich und gaben ihr den Befehl, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum König krönen zu lassen. Ende Dezember 1428 verließ Jeanne ihr Elternhaus, um ihre Visionen zu realisieren. Am 1. Januar 1429 im Alter von fast 17 Jahren machte sich Jeanne auf den Weg zum Stadtkommandanten der Festung Vaucouleurs, Robert d`Baudricaurt. Sie musste allerdings feststellen, dass sich die Aufgabe, die ihr die Stimmen aufgetragen hatten, als schwieriger gestaltete als gedacht. Sie wurde zweimal abgewiesen und der Stadthauptmann empfahl dringend, dass ihr Vater ihr besser ein paar Ohrfeigen geben sollte.

Beim dritten Versuch bekam sie dann doch eine Audienz, in der sie den Kommandanten doch von ihrem Glauben und ihren Visionen überzeugen konnte. Er gab ihr eine Eskorte mit, die sie zu Karl VII. nach Chinon begleiten sollte. Nach elf Tagen durch Feindesland kam sie am 5. März 1429 dort an. Dank des Empfehlungsschreibens Baudricourts wurde sie vom Dauphin empfangen. Niemand weiß genau, wie Jeanne es schaffte, den Dauphin davon zu überzeugen, dass sie gekommen sei, um Frankreich von den Engländern zu befreien und ihn in Reims zum König krönen zu lassen. Sie hatten sich allein in ein Zimmer zurückgezogen und angeblich hat sie ihn an einer ihrer Visionen teilhaben lassen.

Dies allein reichte aber natürlich noch nicht aus. So wurde sie in Poitiers drei Wochen lang von Geistlichen und hochgestellten Personen auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft. Zudem wurde sie von Hofdamen auf ihre Jungfräulichkeit untersucht. Die Keuschheit einer Frau ging zu dieser Zeit Hand in Hand mit ihrer Glaubwürdigkeit. Nachdem sie beide Prüfungen erfolgreich bestanden hatte, beschloss der Kronrat ihr eine kleine militärische Einheit zur Verfügung zu stellen. Ihr Auftrag bestand darin, einen Proviantzug in die von Engländern eingeschlossene und belagerte Stadt Orléans durchzubringen. Am 29. April 1429 gelang ihr dies. Durch diesen Erfolg ermutigt wagten die Truppen von Orléans den Ausbruch. Jeanne d`Arc ritt voraus, wurde von einem Pfeil getroffen, blieb aber auf dem Feld und machte so ihren Mitkämpfern weiter Mut. Einen Tag später zogen die Engländer ab. Bis Juni 1429 gelang es unter Mitwirkung Jeannes die Engländer aus den Burgen südlich der Loire zu vertreiben. Von der Rückeroberung Orléans rührt dann auch der Name Johanna von Orléans her.

Am 17. Juli 1429 wurde der Dauphin, wie von Jeanne prophezeit, in der Kathedrale von

Reims als Karl VII zum König gekrönt. Jeanne nahm am Altar stehend an der Krönungszeremonie teil. Das war ein Akt von entscheidender politischer Bedeutung: Die Franzosen im besetzten Norden konnten nicht länger ignorieren, dass sie wieder einen nationalen König hatten. Zudem war der Mythos der Jungfrau von Orléans geboren, Frankreich hatte seine Nationalheilige. Ihr Glaube an den göttlichen Auftrag, die Engländer aus dem Land hinauszuwerfen, wirkte auf die ganze Nation. Die Befreiung des Landes war nicht mehr nur eine Angelegenheit rivalisierender Adliger, sondern die Aufgabe eines ganzen Volkes, das im Bann einer Gottgesandten zusammenrückte und wieder neuen Mut schöpfte.

Ihr Ruhm war auf dem Höhepunkt. Aber wie immer, wenn jemand so schnell erfolgreich wird, gab es auch zahlreiche Neider. Vor allem die Ratgeber des Königs fürchteten um ihre Macht und ihren Einfluss. Jeanne wollte die Engländer gänzlich vom Festland vertreiben. So bat sie darum, zunächst Paris befreien zu dürfen. Dies wurde ihr erst nach mehrmaliger Ablehnung erlaubt. Aber die Befreiung von Paris misslang und der König von verschiedenen Interessengruppen beeinflusst wandte sich von ihr ab. Er wollte vor allem Frieden mit den Engländern schließen.

Im Mai 1430 wird Jeanne d‘Arc in Compiegne an die mit England verbündeten Burgunder verraten, von diesen dann an die Engländer ausgeliefert und am 30. Mai 1431 wegen Ketzerei verbrannt, auf Grund eines auch zur damaligen Zeit schon sehr umstrittenen Urteils im Namen der Inquisition, das später auch von der katholischen Kirche revidiert wurde. Ihre Asche wurde im Fluss zerstreut, damit es keinen Ort der Verehrung geben sollte. Obwohl ihre Wirkungszeit nur kurz war, überdauerte ihr Ruhm die Zeiten und Jeanne d`Arc wird noch heute als französische Nationalheldin und Heilige verehrt.

  • 1435: Der Vertrag von Arras (Burgund erkennt Charles VII. als König an im Gegenzug für Gebietsgewinne und einer de facto Unabhängigkeit bei formaler Zugehörigkeit zu Frankreich) bedeutete das Ende des englisch-burgundischen Bündnisses.

Die 3. Phase des Hundertjährigen Krieges (1436-1453)

  • 1436 – 1441: Die Franzosen erobern die Île de France zurück und Charles VII. zieht in Paris ein
  • Ab 1442: Erfolgreiche französische Eroberungen im Südwesten und der Normandie begünstigt auch durch die innenpolitischen Kämpfe in England, die zu einer relative Handlungsunfähigkeit Englands führten
  • 1453: Englische Offensive bei Bordeaux unter John Talbot, aber die Franzosen siegen entscheidend in der Schlacht von Castillon
  • 1453: Nach der Unterwerfung von Bordeaux endet der 100-jährige Krieg, obwohl es keinen Friedensvertrag gab
  • Fast alle von den Engländern beherrschten Gebiete fallen an Frankreich zurück. Allein Calais als wichtiger Handelsstützpunkt bleibt in englischem Besitz.

Dennoch gaben die englischen Könige ihren Anspruch auf die französische Krone, die sie stets im Titel führten, erst Anfang des 19. Jh. auf.

Exkurs: Was waren nun die Folgen dieser Auseinandersetzungen für die beiden Länder?

Für Frankreich bedeutete es zum einen die Befreiung von ausländischen Mächten (mit Ausnahme von Calais). Somit waren die Grundlagen für ein ungeteiltes einheitliches Königreich und den zukünftigen Nationalstaat gelegt. Auch entwickelte sich im Bewusstsein der Bevölkerung ein französisches Nationalbewusstsein.

Zudem wirkt anscheinend der Mythus Jeanne d´Arc bis in die heutige Zeit nach. So wird zumindest behauptet, dass viele französische Bürger in Zeiten der Krise immer wieder Hoffnungen auf einen nationalen Erlöser setzen. Beispiele sind vielleicht Philippe Petain vor Verdun oder Charles de Gaulle 1944 oder möglicherweise zu Beginn seiner Präsidentschaft in Ansätzen auch Emmanuelle Macron.

 

Für England bedeutete es ebenfalls eine Stärkung des englischen Nationalbewusstseins. Es entstand eine eigene politische Identität, in der Krone und Nation symbolisch eine Einheit bildeten. Die Neigung, sich zum Kontinent hin zu orientierten, ging verloren. Das zeigt sich u.a. auch darin, dass sich die englische Oberschicht endgültig von der französischen Sprache verabschiedete.

Letztendlich entstanden zwei separate Staatswesen. Gleichzeitig ist der hundertjährige Krieg aber auch die Grundlage für die englisch-französische Erbfeindschaft der folgenden Jahrhunderte. Selbst Zitate aus dem 20. Jh. belegen noch diese Ressentiments. So spricht Georges Clemenceau 1904 davon, dass England eine französische Kolonie sei, die auf die falsche Bahn geraten sei. Und Charles de Gaulle begründete seine Ablehnung des britischen Beitrittsgesuchs zur Europäischen Gemeinschaft 1963 damit, dass England ein Inselstaat sei, ausgerichtet auf die See. Auch die typischen Sticheleien sind noch existent zwischen den „Rosbifs“, den Roastbeef–Freunden, und den „Froggies“, den Froschschenkelessern.

Bei den Engländern entstand außerdem später das Bewusstsein einer großen Kolonialmacht, das sich dann nach der Kolonialzeit im Commonwealth weiter manifestierte. So lässt sich vielleicht auch die Skepsis der Engländer gegenüber der EU erklären, ist man hier doch nur ein Staat unter vielen und nicht mehr herausgehoben. Vielleicht ist auch der Brexit ein Zeichen für den verzweifelten Versuch, wieder eine Großmacht zu sein.

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Romanische Kirchen – Juwelen auf der Via Podiensis

Romanische Kirchen auf der Via Podiensis

Ein Teil der Kirchen wurde natürlich im Laufe der Jahrhunderte durch andere Stilrichtungen ergänzt oder auch teilweise überformt. Ihre große Zahl allein auf unserem Weg zeugt aber für die Bedeutung, die die Romanik in diesen Regionen hatte. Sicher sind nicht alle diese Kirchen rein kunsthistorisch betrachtet von besonderer Bedeutung. Aber wer den Weg auf sich nimmt, findet hier immer wieder Orte der Ruhe und Entspannung, der Geborgenheit und Reflexion, des Mystischen und des Realen. 

s. auch die Bilder von Klaus Schäfer zu Bilder auf den jakobswegen

https://4sdc.de/twg24/index.php?twg_album=free+Pictures

Auswahl

Le Puy-en-Velay
St. Christophe sur Dolaison
Montbonnet
Rochegude
Monistrol d`Allier
SaugueS
St. Alban-SUR-limaGNOLE
Aumont Aubrac
La Chaze-de-peyre
nasbinals
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Espalion
BEssueJouls
Golinhac
ST Marcel
CONQUES
FIGEAC
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MONTCUQ
MOISSAC
NOGARO
Miramont-Sensacq
PIMBO
CASTILLON
SAUVELADE
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Das Fort du Portalet

Das Fort du Portalet

Relikte aus dem 2. Weltkrieg

Das Fort du Portalet ist eine Festung im Aspe-Tal im Departement Bearn in den französischen Pyrenäen in der Nähe der spanischen Grenze. Es wurde zwischen 1842 und 1870 im Auftrag von Louis Philippe I erbaut. Das Fort liegt auf einem Felsvorsprung oberhalb der Schlucht des Flusses Grave d`Aspe und bewachte somit den Zugang zum Somport-Pass. Es diente als Schutz der Landstraße und zur Verteidigung gegen eine mögliche spanische Invasion.
Fort du Portalet Luftansicht
Das Fort du Portalet in der Luftansicht // Quelle: Wikipedia
Auf einem Höhenunterschied von 150 m wurden auf zwei Etagen eine Kaserne für Soldaten und ein Pavillon für Offiziere errichtet. Es gab Platz für insgesamt 400 Mann und wurde von dem 18. Infanterieregiment zwischen 1871 und 1925 als Depot und Kaserne genutzt. Danach geriet es etwas in Vergessenheit. Allerdings erlangte es im zweiten Weltkrieg wieder eine weniger rühmliche Bekanntheit.
Denn hier hielt die deutschlandfreundliche Vichy-Regierung bekannte französische Politiker in Gewahrsam. Darunter Leon Blum, Edouard Daladier, Paul Reynaud, George Mandels und Maurice Gamelin. In den Rion-Prozessen zwischen Februar 1942 und Mai 1943 versuchte man, den Politikern der Vorgänger-Regierungen die Schuld an der militärischen Niederlage in die Schuhe zu schieben und verurteilte sie zum Teil zu lebenslanger Haft. Leon Blum – früherer Ministerpräsident Frankreichs, wurde später nach Deutschland deportiert und zwischen 1943 und 1945 im KZ Buchenwald interniert.  Edouard Daladier – ehemaliger Ministerpräsident und Kriegsminister – wurde 1943 nach Schloss Itter nahe Wörgl gebracht. Das Schloss diente damals als Außenstation für Sonder- und Ehrenhäftlinge des KZs Dachau. Paul Reynaud – ebenfalls ehemaliger Ministerpräsident – wurde auch in Itter inhaftiert. George Mandels – Innenminister unter Reynaud – wurde ins KZ Oranienburg und dann ins KZ Buchenwald deportiert. 1944 kam er in Gewahrsam der paramilitärischen Milice francaise und wurde von dieser als Vergeltung für die Ermordung eines Propaganda-Ministers der Vichy-Regierung ermordet. Maurice Gamelin – Oberbefehlshaber der französischen Armee 1940 – wurde 1942 ebenfalls nach Schloss Itter gebracht. Die Inhaftierten von Schloss Itter wurden dann im Mai 1945 mit Hilfe einer Einheit der amerikanischen Armee und einer Wehrmachtseinheit, die sich gegen die SS-Besatzung stellte, befreit. Das war das erste und einzige Mal, dass die Wehrmacht und die Amerikaner im 2.Weltkrieg gemeinsam kämpften.
Das Fort du Portalet in der Luftansicht
Das Fort du Portalet // Quelle: Wikipedia
Pikanterweise wurde nach Ende des 2. Weltkrieges Philippe Petain, der Regierungschef der Vichy-Regierung, drei Monate in der Festung Portalet inhaftiert. Das Fort wurde später von der französischen Regierung aufgegeben. 1999 kauften es die örtlichen Behörden und restaurierten es. Heute plant man eine touristische Wiederbelebung des Fort zusammen mit dem Chemin de la Mature Urdos und dem Bahnhof in Canfranc.

Quellen

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