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Historisches Historisches Via Podiensis

Der 100jährige Krieg

Der 100 jährige Krieg zwischen England und Frankreich und seine Vorgeschichte

The War of Thrones

Wandert man durch Frankreich, so stößt man immer wieder auf Zeugen des 100- jährigen Krieges. Es lohnt daher, sich kurz einmal mit diesem Krieg (1337-1453) und seiner Vorgeschichte auseinanderzusetzen. Dabei wird hier weniger auf die einzelnen Kriege und Konflikte eingegangen, sondern bemerkenswert sind vor allem jene Aspekte, die damals tragende Elemente der Auseinandersetzungen waren. Und wenn man es genau betrachtet, so sind es immer noch dieselben Elemente, die auch heute noch viele z.T. auch kriegerische Auseinandersetzungen bestimmen.

 

Zu nennen sind hier u.a.:

  1. Macht- und Gebietsansprüche und ihre Legitimation
  2. wirtschaftliche Gründe, die hinter fast allen Kriegen offen oder verdeckt stehen
  3. die tiefe Religiosität jener Zeit und ein gewisser Heilsglaube
  4. das Entstehen eines Nationalbewusstseins in Frankreich und England
  5. und ein über Jahrhunderte bestehendes Misstrauen zwischen diesen beiden europäischen Ländern

 

Die Vorgeschichte des Krieges, die für das Verständnis der Auseinandersetzungen von großer Bedeutung ist, reicht bis ins 12. und 13. Jh. zurück. Die Plantagenets, also das englische Herrschergeschlecht, haben schon unter Heinrich I (1154-1189) große Teile Frankreichs durch Erbschaft, Heirat und Zukäufe unter ihre Herrschaft gebracht. So waren sie einerseits die Könige von England und somit dem französischen König gleichgestellt und andererseits verfügten sie in Frankreich als Grafen und Herzöge nur über die Rechtstitel, die mit ihren französischen Besitzungen verbunden waren. Sie   waren also dem französischen König lehensrechtlich für diese Besitzungen untergeordnet. Zu diesen gehörten zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung (um 1173) die Herzogtümer Normandie, Aquitanien, Gascogne und Bretagne sowie die Grafschaften Anjou, Maine und Torraine (vgl. die Karte). Das bedeutete, dass der englische König zu dieser Zeit der größte Großgrundbesitzer Frankreichs war. Der französische König Philipp II. versuchte deshalb seinerseits, seine Besitzungen vor allem nach Norden auszudehnen, hier vorwiegend in das Gebiet der Herzöge von Flandern.

 

Und jetzt kommen bereits wesentliche wirtschaftliche Faktoren ins Spiel. Durch diese Ausdehnung nach Norden waren zentrale Wirtschaftsinteressen Englands gefährdet. Denn die flämische Tuchindustrie war der wichtigste Absatzmarkt für die englische Wolle. England reagierte, indem es die rechtliche Hoheit über den Ärmelkanal beanspruchte. So wollte es die zentralen Handelsbeziehungen absichern.

Im Laufe des 13. Jh. kam es dann zu verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen dem Franzosen und Engländern, in deren Verlauf Frankreich die Normandie, Torraine und Anjou sowie die Bretagne und Teile Aquitaniens zurückeroberte und im Vertag von Paris 1259 absicherte. Die französischen Könige verdrängten den englischen Einfluss aus Frankreich. Nur die Gascogne und Teile Aquitaniens verblieben den Engländern und wurden zur Grafschaft Guyenne zusammengefasst. Bis Anfang des 14. Jh. kam es zu einer gewissen Beruhigung, allerdings bestanden die grundsätzlichen Gegensätze auch weiterhin und flammten Anfang des 14. Jh. erneut auf. Sie führten dann zu den zahlreichen Auseinandersetzungen des sogenannten 100-jährigen Krieges, der allerdings nicht als ein kontinuierlicher Prozess zu verstehen ist, sondern es gibt sehr unterschiedliche Phasen des Konflikts, die unter diesem Oberbegriff zusammengefasst wurden. Auch die zeitliche Eingrenzung auf die Zeit von 1337 – 1457 wird von einigen Historikern als etwas willkürlich angesehen.

Die 1. Phase des Hundertjährigen Krieges (1337-1386)

Ein wesentlicher Aspekt dieser Phase ist der Thronfolgestreit, nachdem mit Charles IV. der letzte Kapetinger stirbt. Philipp von Valois, ein Cousin Charles aus der nächsten Verwandtschaftslinie der Kapetinger, lässt sich als Philipp VI. zum französischen König krönen. Zwar wurde dies zunächst vom englischen Königshaus akzeptiert, aber nachdem sich Philipp in die Auseinandersetzungen zwischen England und Schottland einmischte, erhob Edward III. von England Ansprüche auf den französischen Thron, die er über seine Mutter (eine Tochter Philipp III.) ableitete. Juristisch stand dieser Anspruch auf wackeligen Beinen, da die Thronfolge über weibliche Nachkommen eigentlich ausgeschlossen war. Trotzdem waren damit die politischen Bedingungen für den nun beginnenden Krieg umrissen. Der französische König ging nach seinem Verständnis gegen einen sich unrechtmäßig erhebenden Vasallen vor, während der englische König seinen vermeintlich legitimen Anspruch auf den französischen Thron durchsetzen wollte.  Beide Auffassungen standen sich im nun folgenden Hundertjährigen Krieg unversöhnlich gegenüber und führten dazu, dass es dann nicht mehr nur um eine feudale Auseinandersetzung zwischen zwei Herrschern ging, sondern fundamentaler um den Kampf zweier Länder und Völker um die Existenz eines eigenständigen französischen Staates. Der Historiker Kenneth Fowler betont dabei, dass die Geschichte des 100jährigen Krieges als eine anglo-französische und nicht englisch-französische Auseinandersetzung verstanden werden sollte, da es ein „England“ oder „Frankreich“ vor 1337 nicht gab, sondern die beiden vorstaatlichen Gebilde eng miteinander verflochten waren. Die Ereignisse dieses Krieges führten dann allerdings zur Entwicklung von zwei eigenständigen Nationalstaaten.

Die folgende Darstellung des Krieges will chronologisch, aber nur stichwortartig einige wichtige Ereignisse und ihre Bedeutung herausarbeiten. Auf einige besondere Aspekte wird dann etwas ausführlicher eingegangen. Dabei handelt es sich zum einen um die Bedeutung einzelner Schlachten für die Entwicklung der modernen Heere, zum anderen um eine kurze Darstellung der Bedeutung Jeanne d`Arcs für diesen Krieg sowie um die Folgen dieses Krieges für die beiden Länder.

  • Ab 1337: Einmischung der Franzosen in den Krieg zwischen England und Schottland, Gefechte im Ärmelkanal, Überfälle auf die englische Küste
  • 1340: Eduard III. ernennt sich selbst zum französischen König und zieht mit Truppen nach Frankreich
  • 1346: Edward III. schlägt die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Crécy, insbesondere auf Grund der englischen Langbögen
  • 1347: Die Engländer nehmen Calais, den wichtigen Handelsstützpunkt nach elfmonatiger Belagerung ein.
  • 1348 In Frankreich grassiert die Pest und 1/3 der französischen Bevölkerung wird dahingerafft. In Europa werden ca. 25 Millionen Menschen an der Pest sterben.
  • 1356: Der Schwarze Prinz (Prince of Wales) siegt in der Schlacht von Poitiers und es kommt zur Gefangennahme des französischen König Jean II.
  • 1360: Frieden von Bretigny – Edward verzichtet auf den franz. Thron; Jean II. wird gegen Lösegeld freigelassen; Guyenne, Gascogne und Limousin und somit das ganze südwestliche Frankreich fallen an Edward
  • 1369 – 1376: Der franz. König Charles V. nimmt den Kampf wieder auf und kann die verloren gegangenen Gebiete zurückerobern
  • 1386: Beendigungen der Kampfhandlungen (Friedensvertrag 1396)

Die 2. Phase des Hundertjährigen Krieges (1415-1435)

  • 1407: Im Kampf um Einfluss und Ehre am königlichen Hof beginnt der innerfranzösische Krieg zwischen den Armagnacs (Unterstützer des Könighauses Valois) und den Bourguignons
  • 1413 wiedererwachendes Interesse Englands an den reichen Städten Flanderns und den Gütern in Aquitanien
  • 1414: auf Grund der innerfranzösischen Auseinandersetzungen und der Bevorzugung der Armagnacs durch den König verbündet sich Burgund mit England
  • 1415: Die Engländer schlagen die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Azincourt . Mehr als 5000 Mann der Franzosen fallen, 1000 werden gefangen genommen. Bei den Engländern gibt es nur geringe Verluste. Es war eine verheerende Niederlage, die das Selbstbewusstsein der Engländer stärkte und der französischen Krone neben dem Verlust eines Großteils des Adels auch die Initiativkraft nahm. Dem französischen Königtum drohte der Untergang.

Exkurs: Die Bedeutung von Crecy und vor allem Azincourt für die Zukunft der Heere

Crecy und Azincourt sind für die Engländer und sicher auch für die Länder in Europa   ganz besondere Ereignisse. „Es ist der Sieg der Schwachen über die Starken, des gemeinen Mannes über die Ritter hoch zu Ross, des Verzweifelten, in die Eck Gedrängten und fern der Heimat Kämpfenden über den Vermögenden und Dünkelhaften“ schrieb der britische Historiker John Keegan. Denn der Sieg der Engländer mit ihren Fußsoldaten über die französischen adeligen Ritter stellt eine Epochenwende dar.

Das englische Heer bestand aus ca. 2000 Rittern und 8000 Fußsoldaten, zumeist Bogenschützen. Und gerade diese Bogenschützen waren es, die den Sieg herbeiführten. Der Bogen, den sie benutzten, war nicht nur eine Waffe, sondern auch ein soziales Zeichen, denn der Bogen wies den Träger als freien Mann aus, der in einem Heer Dienst tat und dafür bezahlt wurde. Im Gegensatz dazu waren bei den Franzosen neben den Rittern ihre unfreiwillig Hörigen beteiligt.

Der Bogen war deshalb so gefährlich, weil erfahrene Schützen ( und man musste den Umgang mit der Waffe intensiv trainieren) mit den bis zu zwei Meter langen Bögen aus Eibenholz zehn Schuss pro Minute abschießen konnten bei einer Reichweite von ca. 250 Metern, während mit einer Armbrust in der selben Zeit maximal zwei Schuss mit geringerer Reichweite abgefeuert werden konnten. Die Eibenrohlinge stammten aus England und vor allem aus Süddeutschland und Norditalien. Durch den intensiven Handel, der sich wegen der großen Nachfrage entwickelte, wurde die Eibe rücksichtslos abgeholzt. Heute findet man sie in der freien Natur nur noch in einigen speziellen Verbreitungsgebieten in Europa. Sie steht deshalb bei uns nach dem Bundesartenschutzgesetz unter besonderem Schutz.

Der Einsatz der englischen Langbogenschützen im Verbund mit abgesessenen Rittern und der Nutzung von Pfählen als Deckung haben die Schlacht von Azincourt mitentschieden. Das französische Heer unterlag, da es auf die veraltete Taktik mit dem Schwergewicht auf den Rittern setzte.

Ab dieser Zeit sollte die Zukunft den großen Heeren leichtbewaffneten Fußsoldaten und Söldnern gehören und nicht mehr adeligen Rittern, die oft im Heer als Einzelkämpfer aufgetreten waren. Diese neuen Armeen konnten aber wiederum nur von Herrschern mit den nötigen finanziellen Ressourcen aufgestellt werden, was natürlich nicht selten ein großes Problem darstellte.

  • 1417: Die Engländer bringen weite Teile von Nordfrankreich unter ihre Kontrolle
  • 1420: Im Vertrag von Troyes wird Henry V. von England zum franz. Thronfolger bestimmt
  • 1422: Nachdem Henry V. (England) und Charles VI. (Frankreich) sterben, erkennen die Franzosen den Vertrag von Troyes nicht mehr an und rufen Charles VII. (Valois) als König aus
  • 1428: Nach der Eroberung von Nordfrankreich belagern die Engländer die Stadt Orléans, den Schlüssel nach Südfrankreich, bis zum 08. März 1429. Die folgenden Ereignisse wurden von Shakespeare in seinem Drama „Heinrich VI“ ausführlich erzählt.          
  • 1429: Die Wende trat erst mit dem Erscheinen der „Jungfrau von Orlean“ ein. Jeanne d‘Arc von ihren göttlichen Visionen geleitet und von der Kirche unterstützt, überzeugt den Dauphin, dass sie die Franzosen zum Sieg führen werde. So führt sie die Kriegswende bei Orléans herbei und kämpft erfolgreich gegen die Engländer.

Exkurs: Kurze Geschichte der Jeanne d`Arc

Man stellt sich natürlich die Frage, wie es einem einfachen Bauernmädchen erlaubt wurde, ein Heer gegen die Engländer zu führen. Hierzu in Kürze die Geschichte von Jeanne d`Arc.

Sie erblickte um 1412 in Domrémy, einem kleinen Dorf an der Maas (Lothringen) als Tochter von Jacques Darc und Isabelle Rommêe das Licht der Welt. Ihre Eltern zählten zur sogenannten Schicht der Laboreurs, einer Art Oberschicht innerhalb der ländlichen Bevölkerung. Sie wurde somit in eine für das Dorf Domrémy wohlhabende Familie hineingeboren. Allerdings wurde die Schreibweise mit d`Arc erst seit dem 16. Jh. gewählt, um eine gewisse Wertigkeit der Familie hervorzuheben.

Nach Gerichtsprotokollen hatte Jeanne d`Arc mit 13 Jahren ihre ersten Visionen. Sie hörte angeblich die Stimme der hl. Katharina sowie des Erzengels Michael und der hl. Margareta. Die Erscheinungen wiederholten sich und gaben ihr den Befehl, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum König krönen zu lassen. Ende Dezember 1428 verließ Jeanne ihr Elternhaus, um ihre Visionen zu realisieren. Am 1. Januar 1429 im Alter von fast 17 Jahren machte sich Jeanne auf den Weg zum Stadtkommandanten der Festung Vaucouleurs, Robert d`Baudricaurt. Sie musste allerdings feststellen, dass sich die Aufgabe, die ihr die Stimmen aufgetragen hatten, als schwieriger gestaltete als gedacht. Sie wurde zweimal abgewiesen und der Stadthauptmann empfahl dringend, dass ihr Vater ihr besser ein paar Ohrfeigen geben sollte.

Beim dritten Versuch bekam sie dann doch eine Audienz, in der sie den Kommandanten doch von ihrem Glauben und ihren Visionen überzeugen konnte. Er gab ihr eine Eskorte mit, die sie zu Karl VII. nach Chinon begleiten sollte. Nach elf Tagen durch Feindesland kam sie am 5. März 1429 dort an. Dank des Empfehlungsschreibens Baudricourts wurde sie vom Dauphin empfangen. Niemand weiß genau, wie Jeanne es schaffte, den Dauphin davon zu überzeugen, dass sie gekommen sei, um Frankreich von den Engländern zu befreien und ihn in Reims zum König krönen zu lassen. Sie hatten sich allein in ein Zimmer zurückgezogen und angeblich hat sie ihn an einer ihrer Visionen teilhaben lassen.

Dies allein reichte aber natürlich noch nicht aus. So wurde sie in Poitiers drei Wochen lang von Geistlichen und hochgestellten Personen auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft. Zudem wurde sie von Hofdamen auf ihre Jungfräulichkeit untersucht. Die Keuschheit einer Frau ging zu dieser Zeit Hand in Hand mit ihrer Glaubwürdigkeit. Nachdem sie beide Prüfungen erfolgreich bestanden hatte, beschloss der Kronrat ihr eine kleine militärische Einheit zur Verfügung zu stellen. Ihr Auftrag bestand darin, einen Proviantzug in die von Engländern eingeschlossene und belagerte Stadt Orléans durchzubringen. Am 29. April 1429 gelang ihr dies. Durch diesen Erfolg ermutigt wagten die Truppen von Orléans den Ausbruch. Jeanne d`Arc ritt voraus, wurde von einem Pfeil getroffen, blieb aber auf dem Feld und machte so ihren Mitkämpfern weiter Mut. Einen Tag später zogen die Engländer ab. Bis Juni 1429 gelang es unter Mitwirkung Jeannes die Engländer aus den Burgen südlich der Loire zu vertreiben. Von der Rückeroberung Orléans rührt dann auch der Name Johanna von Orléans her.

Am 17. Juli 1429 wurde der Dauphin, wie von Jeanne prophezeit, in der Kathedrale von

Reims als Karl VII zum König gekrönt. Jeanne nahm am Altar stehend an der Krönungszeremonie teil. Das war ein Akt von entscheidender politischer Bedeutung: Die Franzosen im besetzten Norden konnten nicht länger ignorieren, dass sie wieder einen nationalen König hatten. Zudem war der Mythos der Jungfrau von Orléans geboren, Frankreich hatte seine Nationalheilige. Ihr Glaube an den göttlichen Auftrag, die Engländer aus dem Land hinauszuwerfen, wirkte auf die ganze Nation. Die Befreiung des Landes war nicht mehr nur eine Angelegenheit rivalisierender Adliger, sondern die Aufgabe eines ganzen Volkes, das im Bann einer Gottgesandten zusammenrückte und wieder neuen Mut schöpfte.

Ihr Ruhm war auf dem Höhepunkt. Aber wie immer, wenn jemand so schnell erfolgreich wird, gab es auch zahlreiche Neider. Vor allem die Ratgeber des Königs fürchteten um ihre Macht und ihren Einfluss. Jeanne wollte die Engländer gänzlich vom Festland vertreiben. So bat sie darum, zunächst Paris befreien zu dürfen. Dies wurde ihr erst nach mehrmaliger Ablehnung erlaubt. Aber die Befreiung von Paris misslang und der König von verschiedenen Interessengruppen beeinflusst wandte sich von ihr ab. Er wollte vor allem Frieden mit den Engländern schließen.

Im Mai 1430 wird Jeanne d‘Arc in Compiegne an die mit England verbündeten Burgunder verraten, von diesen dann an die Engländer ausgeliefert und am 30. Mai 1431 wegen Ketzerei verbrannt, auf Grund eines auch zur damaligen Zeit schon sehr umstrittenen Urteils im Namen der Inquisition, das später auch von der katholischen Kirche revidiert wurde. Ihre Asche wurde im Fluss zerstreut, damit es keinen Ort der Verehrung geben sollte. Obwohl ihre Wirkungszeit nur kurz war, überdauerte ihr Ruhm die Zeiten und Jeanne d`Arc wird noch heute als französische Nationalheldin und Heilige verehrt.

  • 1435: Der Vertrag von Arras (Burgund erkennt Charles VII. als König an im Gegenzug für Gebietsgewinne und einer de facto Unabhängigkeit bei formaler Zugehörigkeit zu Frankreich) bedeutete das Ende des englisch-burgundischen Bündnisses.

Die 3. Phase des Hundertjährigen Krieges (1436-1453)

  • 1436 – 1441: Die Franzosen erobern die Île de France zurück und Charles VII. zieht in Paris ein
  • Ab 1442: Erfolgreiche französische Eroberungen im Südwesten und der Normandie begünstigt auch durch die innenpolitischen Kämpfe in England, die zu einer relative Handlungsunfähigkeit Englands führten
  • 1453: Englische Offensive bei Bordeaux unter John Talbot, aber die Franzosen siegen entscheidend in der Schlacht von Castillon
  • 1453: Nach der Unterwerfung von Bordeaux endet der 100-jährige Krieg, obwohl es keinen Friedensvertrag gab
  • Fast alle von den Engländern beherrschten Gebiete fallen an Frankreich zurück. Allein Calais als wichtiger Handelsstützpunkt bleibt in englischem Besitz.

Dennoch gaben die englischen Könige ihren Anspruch auf die französische Krone, die sie stets im Titel führten, erst Anfang des 19. Jh. auf.

Exkurs: Was waren nun die Folgen dieser Auseinandersetzungen für die beiden Länder?

Für Frankreich bedeutete es zum einen die Befreiung von ausländischen Mächten (mit Ausnahme von Calais). Somit waren die Grundlagen für ein ungeteiltes einheitliches Königreich und den zukünftigen Nationalstaat gelegt. Auch entwickelte sich im Bewusstsein der Bevölkerung ein französisches Nationalbewusstsein.

Zudem wirkt anscheinend der Mythus Jeanne d´Arc bis in die heutige Zeit nach. So wird zumindest behauptet, dass viele französische Bürger in Zeiten der Krise immer wieder Hoffnungen auf einen nationalen Erlöser setzen. Beispiele sind vielleicht Philippe Petain vor Verdun oder Charles de Gaulle 1944 oder möglicherweise zu Beginn seiner Präsidentschaft in Ansätzen auch Emmanuelle Macron.

 

Für England bedeutete es ebenfalls eine Stärkung des englischen Nationalbewusstseins. Es entstand eine eigene politische Identität, in der Krone und Nation symbolisch eine Einheit bildeten. Die Neigung, sich zum Kontinent hin zu orientierten, ging verloren. Das zeigt sich u.a. auch darin, dass sich die englische Oberschicht endgültig von der französischen Sprache verabschiedete.

Letztendlich entstanden zwei separate Staatswesen. Gleichzeitig ist der hundertjährige Krieg aber auch die Grundlage für die englisch-französische Erbfeindschaft der folgenden Jahrhunderte. Selbst Zitate aus dem 20. Jh. belegen noch diese Ressentiments. So spricht Georges Clemenceau 1904 davon, dass England eine französische Kolonie sei, die auf die falsche Bahn geraten sei. Und Charles de Gaulle begründete seine Ablehnung des britischen Beitrittsgesuchs zur Europäischen Gemeinschaft 1963 damit, dass England ein Inselstaat sei, ausgerichtet auf die See. Auch die typischen Sticheleien sind noch existent zwischen den „Rosbifs“, den Roastbeef–Freunden, und den „Froggies“, den Froschschenkelessern.

Bei den Engländern entstand außerdem später das Bewusstsein einer großen Kolonialmacht, das sich dann nach der Kolonialzeit im Commonwealth weiter manifestierte. So lässt sich vielleicht auch die Skepsis der Engländer gegenüber der EU erklären, ist man hier doch nur ein Staat unter vielen und nicht mehr herausgehoben. Vielleicht ist auch der Brexit ein Zeichen für den verzweifelten Versuch, wieder eine Großmacht zu sein.

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Kultur Kultur Via Podiensis

Romanische Kirchen – Juwelen auf der Via Podiensis

Romanische Kirchen auf der Via Podiensis

Ein Teil der Kirchen wurde natürlich im Laufe der Jahrhunderte durch andere Stilrichtungen ergänzt oder auch teilweise überformt. Ihre große Zahl allein auf unserem Weg zeugt aber für die Bedeutung, die die Romanik in diesen Regionen hatte. Sicher sind nicht alle diese Kirchen rein kunsthistorisch betrachtet von besonderer Bedeutung. Aber wer den Weg auf sich nimmt, findet hier immer wieder Orte der Ruhe und Entspannung, der Geborgenheit und Reflexion, des Mystischen und des Realen. 

s. auch die Bilder von Klaus Schäfer zu Bilder auf den jakobswegen

https://4sdc.de/twg24/index.php?twg_album=free+Pictures

Auswahl

Le Puy-en-Velay
St. Christophe sur Dolaison
Montbonnet
Rochegude
Monistrol d`Allier
SaugueS
St. Alban-SUR-limaGNOLE
Aumont Aubrac
La Chaze-de-peyre
nasbinals
AUBRAC
Espalion
BEssueJouls
Golinhac
ST Marcel
CONQUES
FIGEAC
cahors
MONTCUQ
MOISSAC
NOGARO
Miramont-Sensacq
PIMBO
CASTILLON
SAUVELADE
OLORON STE MARIE
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Geschichten Geschichten Via Podiensis

In der Not muss man auch mal tricksen

In der Not muss man auch mal tricksen

Geschichten auf dem Via Podiensis

Nachdem die Herberge in Uzan geschlossen hatte, schafften wir es nach 28 km und bei großer Hitze  (Marielouise hatte sich sogar ein Ohr leicht verbrannt)endlich Pomps zu erreichen. Der Schlafsaal der Herberge war in einem niedrigen Gebäude untergebracht – klein, eng, heiß und stickig, aber Weitergehen war keine Alternative.
Also akzeptierten wir zunächst die beiden Betten in der „Hundehütte“, wir hatten ja keine andere Wahl! Aber die Hitze staute sich in der niedrigen Baracke und ich konnte mir nicht vorstellen, dort die Nacht zu verbringen. Aber draußen war auch nur asphaltierter Boden – also auch keine Schafoption. Also bin ich losgezogen und habe das größere Gebäude, in dem die Küche und die Duschen untergebracht waren, inspiziert. Da war zum einen eine große Turnhalle, aber die war auch schrecklich aufgeheizt und später stellte sich heraus, dass abends eine Mannschaft dort Basketballtraining hatte. Dann entdeckte ich gegenüber der Halle ein Zimmer mit drei Betten, das überraschend kühl war. Also schnell zur Wirtin, bevor jemand anderes das Zimmer bekommt. Auf meine Frage, ob wir das Zimmer haben könnten, sagte sie erst nein, es würden ja alle Pilger in der Baracke schlafen. Außerdem kämen nachher noch die Basketballer in die Halle. Als ich dann einen Erstickungsanfall simulierte und ich ihr erklärte, dass ich die Nacht in der Baracke nicht durchhalten würde, ließ sie sich doch erweichen. Marielouise, der ich nichts von dem Zimmer gesagt hatte, um keine falschen Hoffnungen zu wecken, stand bei dem Gespräch mit der Wirtin nur ganz still und mit großen Augen neben mir und dachte, was ist denn jetzt mit ihr los! Hitzeschlag?! Anschließend meinte sie nur, dass sie gar nicht gewusst habe, wie gut ich schauspielern könnte. Aber wir hatten unser Zimmer!! Auch die Tatsache, dass  halb im Zimmer nur durch einen Vorhang getrennt noch Duschen waren und wir uns nicht sicher waren, ob die Basketballer später dort duschen würden, tat unserer Freude über uns ruhiges, kühles Zimmer keinen Abbruch. Wir würden uns einfach schlafend stellen. Doch diese Überraschung blieb uns – Gott sein Dank – erspart!
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Geographisches Geographisches Via Podiensis

Vulkanismus im Massiv Central​

Vulkanismus im Massiv Central

Geologisches auf dem Via Podiensis

Unsere Wanderung führt uns im ersten Teil zwischen Le Puy en Velay und Cahors  durch das Zentralmassiv. Das Zentralmassiv – auch Zentralplateau und französisch Massiv Central genannt – ist  das ausgedehnteste Gebirge Frankreichs. Die gesamte Fläche des Zentralmassivs beträgt fast 90.000 km², damit nimmt das französische Mittelgebirge annähernd 15 % der gesamten Landfläche Frankreichs ein. Der Name des südfranzösischen Gebirgszugs mit seinen dünn besiedelten Naturlandschaften ist leicht erklärt, liegt es doch genau im Zentrum Frankreichs.
Das südfranzösische Gebirge ist keine geografische Einheit, Unterschiede im Klima und in den Bodenverhältnissen in einzelnen Gebirgsregionen des Zentralmassivs sorgen für teilweise völlig veränderte Landschaftsbilder und Vegetation. Zu den Regionen im Zentralmassiv gehören die Auvergne, das Land der Vulkane, die hohen rauen Cevennen, die kargen und doch schon mediterranen Kalkplateaus (Causses) und der bergige Teil des Languedoc-Roussillion mit den Montagne Noir.
Von besonderem Interesse ist, dass sich hier die jüngsten und besterhaltenen Vulkane des europäischen Festlandes befinden. Die frühesten Zeugen der vulkanischen Aktivität im Zentralmassiv sind ca. 60 Mio Jahre alt . In der Auvergne, die die Kernregion des Massiv Central bildet, setzte der Vulkanismus vor ca. 20 Mio Jahren ein. Vor rund 5.000 Jahren fand der Vulkanismus dann im Zentralmassiv sein – vorläufiges – Ende. Damals gab es noch Ausbrüche des Puy de Montcineyre und des Puy de Montchal.
Vulkanismus bezeichnet die Erscheinungen, die auftreten, wenn heißes, flüssiges Gestein (Magma) aus der Erdoberfläche austritt. Der Name stammt von der italienischen Insel Vulcano, die zu den Liparischen Inseln im Tyrrhenischen Meer gehören. Bei den Römern galt die Insel als die Schmiede des Vulcanus, des Gottes des Feuers.

Die Erde ist so aufgebaut: Bei dem inneren Erdkern handelt es sich um eine glühend heiße aber feste Metallkugel, die überwiegend aus Eisen besteht. Umgeben ist dieser von einem flüssigen äußeren Erdkern. darüber befindet sich der Erdmantel und auf dem die dünne Erdkruste. Im Mittelpunkt herrschen Temperaturen von ca. 6000 ° Celsius. die Temperatur nimmt zur Erdkruste hin allmählich ab.

In der Tiefe der Erde in 100 km herrschen hohe Temperaturen von bis zu 1300 Grad Celsius. Im oberen Erdmantel und in der unteren Erdkruste befinden sich in verschiedenen Tiefen geschmolzene und gasreiche Gesteinsmassen, die aus dem Erdinneren aufgestiegen sind. Die Gesteine schmelzen hier zu zähflüssigem Magma. Die Stellen, an denen sich das Magma sammelt, nennt man Magmaherde, -diese liegen überwiegend im oberen Erdmantel in 60 – 100 km Tiefe. Beim Aufstieg aus den tieferen Erdschichten kühlt das Magma ab. Dabei werden Gase frei. Liegt der Magmaherd an einer Stelle, an der die feste Erdkruste dünn ist oder wo ein früheres Erdbeben die Gesteinsdecke zerbrochen hat, kann das gasreiche Magma, das einen ungeheuren Druck ausübt, die Gesteinsschichten über dem Magmaherd durchbrechen. Gerade an den Bruchstellen der verschiedenen Kontinentalplatten finden sich viele dieser Spalten und Klüfte. Das Magma steigt dann bis an die Erdoberfläche auf, die geschmolzenen Gesteinsmassen fließen aus, ein Vulkan entsteht. Bei einem Ausbruch treten vulkanische Laven, Staub und Asche sowie Gase durch einen Schlot aus. Am oberen Schlotende bildet sich eine trichter- oder kesselförmige Mündung, ein Krater.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Innerer_Aufbau_der_Erde#/media/Datei:Aufbau_der_Erde_schematisch.svg
Ursache für den Vulkanismus im Zentralmassiv ist wahrscheinlich ein Hot Spot. Neben den typischen Vulkanen an den Plattengrenzen gibt es auch Vulkane mitten auf den Platten, die von den Geologen Hot Spots genannt werden. An diesen Stellen ist die Wärmekonzentration  in unter 100 km Tiefe besonders hoch. Hier kann dann heißes Material aus dem Erdmantel aufsteigen und die Kruste langsam schmelzen. Ein Vulkan entsteht. Ein Hot Spot ist ein relativ stationärer, sehr heißer Bereich. Die Platte über ihm aber ist in Bewegung, so dass sich der Hot Spot an mehreren Stellen in die Erdkruste einfräst. Dadurch entstehen dann mit der Zeit ganze Vulkanketten. Im Zentral Massiv finden wir z.B. die Vulkankette Chaine des Puys. Sie erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung über eine Länge von ca. 30 Kilometern und umfasst an die hundert erloschene Vulkane. Auch die sich südlich bzw. südöstlich anschließenden Vulkan-Gebiete der Chaine du Montchal, des Mont-Dore, des Cézallier, des Cantal, des Aubrac, des Devès und des Velay besitzen eine große Vielfalt an vulkanischen und post-vulkanischen Erscheinungen.

Wo finden wir auf dem Weg deutliche vulkanische Erscheinungen?

Schon zu Beginn unserer Wanderung sind im Velay solche Formen zu bewundern.
Das  Velay ist eines der östlichen bedeutenden Vulkangebiete Frankreichs. Es befindet sich am Ostrand des Zentralmassivs und erstreckt sich über ca. 900 qkm. Das zwischen Loire und Allier gelegene Velay setzt sich aus Mézenc-Meygal im Osten, dem Becken von Le Puy in der Mitte und der Chaine du Devès im Westen zusammen. Einer der interessantesten Vulkane des Velay ist ohne Zweifel der in der Nähe von Le Puy-en-Velay liegende Denise, ein strombolianischer Kegel. Leider wurde der Vulkan inzwischen durch den  Puzzolan-Abbau weitgehend zerstört. Puzzolane werden als Zusatzstoffe zur Herstellung von Mörtel oder Beton verwendet, um die Festigkeit und Gefügedichtigkeit des Betons zu bewirken. Schon in der Antike wurden Puzzolane zur Festigung von Keramiken verwendet. In der Renaissance z.B. wurde rote oder schwarze Puzzolanerde als Beimischung zum Kalkputz unter Fresken benutzt. So verwendete beispielsweise Michelangelo die Puzzolanerde für seinen Putz für die Ausgestaltung der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.
Le Puy-en-Velay 
liegt im Departement Haute-Loire in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Die Kleinstadt liegt  625 Meter hoch auf einer Reihe von Felsen in einem Vulkankrater. Blickfang der Stadt sind die Basaltkuppen (Puys), ehemalige Vulkanschlote. Auf dem einen thront die Kirche Saint-Michel d’Aiguilhe (Heiliger Michael auf der Nadel). Auf dem benachbarten Vulkankegel, dem Rocher Corneille, steht die Statue der Notre-Dame de la France, 1860 in einer Grösse von 16 Metern errichtet aus dem Metall von 213 während des Krimkrieges bei Sewastopol erbeuteten Kanonen gegossen. Beide Kegel ragen besonders markant aus der Landschaft hervor, aber auch die anderen Hügel im Umland sind vulkanischen Ursprungs.
Panorama von Le Puy-en-Velay mit Kathedrale (r.) und Saint-Michel d’Aiguilhe (l.)
Panorama von Le Puy-en-Velay mit Kathedrale (r.) und Saint-Michel d’Aiguilhe (l.) // Quelle: Wikipedia
Bei unserer weiteren Wanderung durch das vulkanische Gebiet kommen wir natürlich an zahlreichen mehr oder weniger verwitterten bzw. abgebauten Vulkankratern vorbei. Viele der Erhebungen dienten später auch als idealer Standort für Burgen und Schlösser. Einige weitere bemerkenswerte Beispiele für den Vulkanismus seien noch genannt. Kurz nach Montbonnet erreichen wir das Hochmoor des kreisrunden ehemaligen Vulkansees Lac de l’OEuf. Diese Seen werden auch Maare genannt. Sie entstehen bei einer Explosion, wenn Wasser (Grund- oder Oberflächenwasser) auf heisses Magma trifft. Der davon verursachte Explosionsvorgang führt zu einem Auswurf von Tuffmaterial, das zu mindestens teilweise aus nichtvulkanischem Gestein besteht. Häufig sind die Seen mit Wasser, aber es gibt auch welche, die mit Gesteinsmaterial gefüllt sind. Zwischen St. Come-d’Olt und Espalion durchqueren wir dann noch einmal unmittelbar den Schlot eines ehemaligen Vulkans. Kurz nach Monistrol d’ Allier entdecken wir einen Basaltfächer, der die Form einer überdimensionalen Blume oder eines Palmwedels hat. Zwischen St. Come-d’Olt und Espalion durchqueren wir dann noch einmal unmittelbar den Schlot eines ehemaligen Vulkans. Wenn wir die Ortschaft Aubrac erreicht haben, verlassen wir so langsam das riesige Plateau in südwestliche Richtung und somit auch das Massiv Zentral. Von hier aus geht es über St. Chely d’ Aubrac und St.-Côme d’ Olt nach Estaing fast 1000 Meter hinab ins Tal der Lot. In Golinhac können wir noch einmal einen herrlichen Blick auf die Berge des Cantal und Aubrac werfen.
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Fahrkartenlösen in Frankreich – ein Abenteuer

Fahrkartenlösen in Frankreich - ein Abenteuer

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Das Fahrkartenlösen in Frankreich ist eine Kunst! Wir hatten beschlossen von Moissac aus wegen der großen Hitze (untertags bis zu 40° C) eine Etappe des Weges zu überspringen und direkt mit Zug und Bus nach Lectoure zu fahren.
Nachdem der Fahrkartenschalter geschlossen war, wir aber auch nicht schwarzfahren wollten, marschierten wir mutig zum Fahrkartenautomaten. Nach einigen Versuchen gelang es uns Abfahrtsort und Zielort einzugeben (bzw. durch Drehen des Knopfes an die richtige Stelle zu scrollen). Dann wurde uns der Betrag angezeigt und wir wollten voll Freude bezahlen. Leider aber nehmen die französischen Automaten keine Scheine an! Also Kleingeld raussuchen und durchzählen. Leider waren 16,30 Euro genau 70 Cent zu viel für unseren Geldbeutel, soviel Kleingeld hatten wir leider nicht, obwohl wir verzweifelt alle Portemonnaies, Taschen und Hosentaschen durchsuchten. Ein französischer Pilger, der auch am Bahnsteig wartete, hatte unseren Kampf mit dem Automaten beobachtet und half uns dankenswerter Weise mit 1 Euro aus. 30 Cent bekam er dafür von uns! Guter Tausch! Um sicher zu sein, dass jetzt alles passte, stellte sich Marie-Louise vor mich und ich zählte ihr in jede Hand 8,15 Euro. Passte! Inzwischen war natürlich der Automat wieder zurückgesprungen und die Eingabeprozedur, die jetzt aber schon etwas routinierter ging, begann von vorne. Und mit einem glücklichen Ende, denn wir bekamen wir unsere zwei Fahrscheine. Jetzt hieß es nur noch 20 Minuten auf den Zug warten. 10 Minuten vor Zugabfahrt hörten wir dann das Geräusch eines sich öffnenden Rollos, der Fahrkartenschalter war offen und wir hätten uns eine Menge Aufregung sparen können. Aber wer kennt sich in Frankreich schon mit so etwas aus!!!???
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Nadine, die singende Herbergsmutter

Nadine, singende Herbergsmutter

Geschichten auf dem Via Podiensis

Unsere heutige Wanderung führte uns über 27 km von  Pimbo zur Abbaye de Sauvelade. Der letzte Teil der Etappe zog sich durch einen dunklen Wald ziemlich langweilig dahin und wir hofften, bald unser Ziel zu erreichen. Auf den letzten Kilometern war an einzelnen Bäumen die Werbung für eine Herberge in der Nähe der Abbey  ausgehängt. Marielouise wies mich mehrmals daraufhin. „Schau da gibt es einen Swimingpool. Das wäre doch herrlich.“ Ich blieb ziemlich stur, denn dann hätten wir noch weitere 5 km laufen müssen und wir waren doch müde genug. Endlich erblickten wir die Kapelle von Sauvelage und die Herberge. Frohgemut fragten wir nach einer Übernachtungsmöglichkeit, aber der Wirt schüttelte nur bedauernd den Kopf. Alles belegt! Erschöpft und bedröppelt setzten wir uns hin, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Dabei müssen wir so niedergeschlagen ausgesehen haben, dass der Wirt uns zunächst etwas zu trinken gab und dann anbot, bei einer Kollegin anzurufen, ob sie ein Zimmer frei habe. Er kam mit der Nachricht zurück: Ja es sei noch ein Zimmer frei! und unser Zustand hatte ihn anscheinend dazu veranlasste, die Herbergswirtin zu überreden, uns doch abzuholen.
Und damit begann unser Abenteuer und es wurde der schönste Abend unserer Wanderung. Nach knapp 10 min schoss ein Auto auf den Parkplatz, eine Frau in Shorts mit einem lustigen Hut auf dem Kopf sprang aus dem Auto und rief „Je suis Nadine!“ Das war also unsere Wirtin. Wir packten unsere Rucksäcke und eilten zu ihr. Nachdem sie verschiedenste Kisten und Sachen im Kofferraum umgelagert hatte,  konnten wir endlich unsere Rucksäcke dort verstauen. Marielouise stieg als erste ins Auto und fing an zu lachen. Mitten im Auto steckte ein Stock, der das Dach nach oben abstützte. Na das konnte ja heiter werden, wo waren wir da hingekommen – wenn die Herberge auch so ausschaut………..Nach einer rasanten Fahrt kamen wir nach 5 km in der Herberge Gite Nadette an und trauten unseren Augen nicht. Was für ein herrliches gepflegtes Haus aus grauen Steinen und mit blauen Fensterrahmen! Und was dazukam, wir erkannten das Haus wieder, denn es war jenes auf den Werbezetteln an den Bäumen. Also kam Marielouise auch noch in den Genuss eines Swimungpools!!!! Wir konnten unser Glück kaum fassen. Also schnell in unsere kleine gemütliche Dachkammer, Sachen waschen, Badeanzug anziehen und nichts wie in den Pool. Wie gut das Wasser tat nach der langen anstrengenden Wanderung! Allerdings dauerte das Vergnügen nicht so lange, denn plötzlich kam ein Gewitter auf und wir schafften es gerade noch, unsere nassen Sachen von der Leine zu holen und ins Haus zu stürmen und schon brach das Gewitter mit voller Macht los. Aus unserem Dachfenster schauend sahen wir, wie die Bäume unter dem Druck von Wind und Regen hin und her geschüttelt wurden. Dazwischen wurde das Schauspiel durch zahlreiche Blitze erhellt. Nach einer guten halben Stunde war dann der Spuk vorbei.
Bald ging es zum Abendessen,  bei dem eine bunt gemischten Gruppe – 2 Franzosen, 1 Flame, 2 australische Paare, eine Holländerin und eine Deutsche- zusammentrafen. Das Essen war vorzüglich und es fand eine muntere Unterhaltung statt. Englisch, Französisch, Deutsch, Holländisch – eine buntes Sprachgemisch ging am Tisch hin und her und es wurde viel gelacht. Aber der Höhepunkt kam noch. Nach dem Essen setzte sich Nadine zu uns an den Tisch und erzählte von ihrem Haus, den Gästen und ihrem ehemaligen Leben als Sängerin, das sie viel in der Welt rumkommen ließ. Und dann stand sie plötzlich auf, zog ihre Schürze aus, rückte ihr Kleid zurecht und dann sag sie: “Weil ihr so sympathisch seid, sing ich für Euch!“ Und sie trug zwei baskische Lieder vor – und wir waren einfach begeistert!
Es war einer der schönsten überraschendsten Tage unserer Wanderungen und wir erzählen uns heute noch oft von dem Glück, das wir an diesem Tag hatten, obwohl es doch zunächst ganz anders ausgesehen hatte.

Hinweis: Wenn ihr Nadine auch kennen lernen wollt besucht doch ihre Herberge: Gitenadette

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Die Bäckerei in Miramont-Sensacq

Die Bäckerei in Miramont-Sensacq

Geschichten auf dem Via Podiensis

Es gibt so Tage auf der Wanderung, an denen es einfach nur zäh vorangeht. Und der 11. September 2016 war ein solcher Tag. Wir waren früh aufgestanden und gelangten nach einer guten Stunde an den Flusslauf der Adour, dem wir  kurze Zeit folgten. Aber dann begannen die Qualen, endlose Maisfelder und die glühende Sonne begleiteten uns auf unserem weiteren Weg. Im Zickzack ging es durch Maisfelder und Maisfelder und Maisfelder. Kein Schatten und keine Ortschaft in Sicht! Als uns dann auch noch ein alter Mann auf einem Fahrrad begegnet, der uns zahnlos wie er war auch noch erklärt, dass man um diese Zeit nicht wandern gehe, sondern  jetzt Mittagspause mache wie er gleich, hat das unsere Stimmung nicht gerade gehoben.
Trotzdem ging es weiter, an jeder Wegbiegung wurde unsere Hoffnung, endlich dieses scheinbar endlose Labyrinth verlassen zu dürfen, enttäuscht. Die brennende Mittagssonne tat ihr übriges und unsere Laune sank auf einen Tiefpunkt. So quälten wir uns– innerlich „leise“ fluchend – weiter und weiter und erreichten endlich gegen 12.30 Uhr Miramont-Sensacq. Das 400- Seelen-Dorf wirkte wie ausgestorben – verständlich es war Mittagszeit, sehr heiß und Sonntag!!! Keine ideale Kombination für unseren Wunsch, irgendwo Erfrischungen zu bekommen und im Schatten Pause zu machen. Unsere Idee vielleicht in der Herberge etwas zu trinken zu behalten, war auch nicht von Erfolg gekrönt, denn auf dem Schild stand: erst ab 16 Uhr geöffnet!
Da entdeckten wir durch Zufall eine Bäckerei – und sie hatte auch noch auf! Nichts wie hinein. Drinnen durfte es köstlich. Welch einen herrlicher Duft haben doch frische Backwaren! Geradeaus vor uns waren die Ständer für das Baguette. Rechts davon war die Theke mit herrlichem süßen Gebäck!! Eine nette ältere Dame stand hinter der Theke und begrüßte uns freundlich. Unsere Augen wurden beim Anblick der Köstlichkeiten immer grösser und wir strahlten uns und die nette alte Dame an. Nachdem wir ein Baguette und unsere üblichen süßen Schnecken und Croissants gekauft hatten, entdeckten wir hinter den Baguetteregalen einen Tisch mit Stühlen. Voller Hoffnung fragten wir schüchtern an, ob wir vielleicht auch eine Tasse Kaffee haben könnten. Selbstverständlich! Solange unser Kaffee zubereitet wurde, setzten wir uns an den Tisch, zogen unsere Schuhe aus (wir hatten frisch gewaschene Socken an!) und erfrischten unsere Füße auf dem herrlich kühlen mit Mosaik belegten Steinboden. Welch ein Genuss!
Im Gespräch mit der alten Dame erfuhren wir dann, dass die Bäckerei  ihrem Vater gehört hat, der auch noch selber gebacken habe. Wir durften dann im Nebenraum den alten Backofen und im Flur den herrlich gemusterten Steinboden bewundern. Wir hätten noch Stunden hier bleiben und plaudern können, aber die Dame bekam einen Anruf ihrer Tochter, dass das Mittagessen fertig sei. So wurden wir dann ganz freundlich hinauskomplimentiert. Wir bedankten uns für diese ½ Stunde Ruhe und Erfrischung und setzten dann in Hochstimmung – immer wieder unser Glück lobend – unseren Weg nach Pimbo fort.
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Französische Romanik

Französische Romanik

auf der Via Podiensis

Wenn wir auf der Via Podiensis gehen, begegnet uns kunstgeschichtlich gesehen auf Schritt und Tritt die französische Romanik. Viele Kirchen auf unserem Weg, die wir vor allem auch wegen ihrer schlichten Schönheit bewundern, stammen aus der Zeit der Romanik. Trotz zahlreicher Kriege auch in diesem Landstrich aber auch auf Grund der sicher teilweisen prekäreren wirtschaftlichen Situation in dieser Region sind noch viele Kirchen in ihrer ursprünglichen Struktur erhalten. In anderen Gebieten wurden häufig die alten romanischen Kirchen abgerissen bzw. manchmal sind sie auch abgebrannt. An ihrer Stelle wurden dann prachtvollere gotische Kirchen errichtet. Die alten romanischen Krypten legen häufig noch Zeugnis ab von der früheren Geschichte der Kirche.

1. Geschichtliche und soziale Rahmenbedingungen

Bei der Betrachtung der Romanik soll nicht nur der kunstgeschichtliche Aspekt zum Tragen kommen, sondern ich will auch zum besseren Verständnis der Romanik einige geschichtliche und soziologische Hintergründe kurz erläutern. Denn sie vermitteln wertvolle Erkenntnisse über die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen vermeintliche Einzelerscheinungen erst ein nachvollziehbares Gesamtbild ergeben.

1.1. Bevölkerungspolitische Situation

Nach dem Zerfall des Fränkischen Reiches in ein östliches und westliches Gebiet  (843 , Vertrag von Verdun) und dem Ende der Karolinger Königslinie um 980 kam es zu einer Stabilisierung der politischen Lage in Europa. Zusätzlich fand eine Klimaerwärmung statt. In dem Zeitraum, in dem man diese mittelalterliche Warmperiode verortet (900 – ca. 1400), kam es in Europa zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion, man geht von einer Verdreifachung der Bevölkerung zwischen 1100 und 1400 aus. In Folge der günstigen Klimabedingungen kam es zu einer Expansion der Agrarwirtschaft, vor allem des Getreideanbaus. Die Klimabedingungen gelten aber nicht als die alleinige Ursache für den rasanten Anstieg der Bevölkerung – sondern es gab gleichzeitig agrarkulturelle Fortschritte bei der Nutzung technischer Geräte, bei der Bodennutzung und bei der Diversifizierung von Getreidearten.
In diesem Gesamtkontext entwickelte sich dann auch das gesellschaftliche und religiöse Leben weiter. Der Feudalismus prägte die damalige politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung. Der König, der Adel und die Kirche waren die Grundbesitzer und bildeten die führende Schicht. Ihnen gehörten die Ländereien und sie gaben bestimmte Rechte und Ländereien (Lehen) an ausgewählte Untertanen für treue Dienste weiter. Neben der Schicht der „Herrschenden“ gab es den Stand der „Diener“, der sich aus wenigen freien Bauern und dem überwiegenden Teil der Unfreien zusammensetzte. Sie waren von ihren Herren  fast vollständig abhängig.
In der zweiten Hälfte des 12. Jhs. bildete dann sich aus den Unfreien eine neue Bevölkerungsschicht heraus, die Bürger. Diese lebten in den von Königen und Fürsten angelegten Städten und waren zu keinen Diensten und Abgaben verpflichtet. „Stadtluft macht frei!“ Allerdings kann man keineswegs von einer politischen oder kulturellen Einheit sprechen. Das Land war zersplittert in zahlreiche Fürstentümer. Zwar  konnten die Karpetinger  ab Beginn des 11. Jh. ihren Anspruch auf die Krone behaupten, aber ihre wirkliche Macht konnten sie nur auf der Ile de France  durchsetzen, während ihre Vasallen – die Herzöge von Burgund, Aquitanien, Normandie oder Bretagne – viele Hoheitsrechte in ihren Gebieten wahrnahmen. Erst ab dem frühen 12. Jh. konnte die Krone ihre Position gegenüber den Herzögen stärker ausbauen. Am Ende des 100- jährigen Krieg gelang es dem französischen König dann nach vielen sehr wechselhaften Auseinandersetzungen mit der englische Krone, die zeitweise fast die Hälfte des französischen Kronlandes als Lehen besaß, seine Zentralmacht durchzusetzen.
Dies hatte auch entscheidende Bedeutung für die kulturelle Entwicklung. War in Zeiten der Romanik das Land noch zersplittert, so spiegelte sich dies auch in den unterschiedlichen Kulturlandschaften wieder. So weist die französische Romanik trotz vieler Gemeinsamkeiten auch sehr unterschiedliche regionale Konturen auf. Mit der Zentralisierung gaben auch die Kunstlandschaften Frankreichs ihre Eigenständigkeit auf und so konnte sich kunsthistorisch die Gotik landesweit mit sehr einheitlichen Strukturen durchsetzen.

1.2. Religiöse Bewegungen

Was nun das religiöse Leben betrifft, so wurde im 4. Jh. das Christentum zur Staatskirche erhoben. Damit einher ging eine zunehmende Verweltlichung des Christentums, so dass es als Gegenbewegung zu dieser Entwicklung zu einem Aufschwung des Mönchtums kam. Das Mönchtum – also die Gemeinschaft von Mönchen-  entwickelte sich aus dem Einsiedlertum, d.h. dem Rückzug Einzelner in ein in Einsamkeit und Askese geführtes Leben, das zunächst im 4. Jh. und 5. Jh. verbreitet war. Daraus entstand erst langsam auch ein organisiertes klösterliches Mönchtum.  Die Gestalt und Organisation dieser Bewegungen fanden ihre Basis und Vereinheitlichung in den Klosterregeln des Benedikts von Nursia um 540. Seit ihrer Verfassung ist sie die Grundlage des Ordens der Benediktiner. Da diese Regeln nicht alles, was das Leben im Kloster betraf,  festhielten, wurden sie durch Consuetudines – Ausführungsbestimmungen – ergänzt, die allerdings von Kloster zu Kloster variierten. Die Verbindung zwischen Kloster und Kirche wurde im Konzil von Chalcedon 451 in der Form geregelt, dass die Klöster den bischöflichen Diözesen, in denen sie sich befanden, unterstellt wurden. Den Bischöfen wurde zudem das Recht zugestanden, in ihren Amtsbereichen (Diözesen) Klöster zu gründen und Aufsicht über sie zu führen.

1.3. Bedeutung der Klöster für die Baukunst und die Gemeinschaft

Mit den oben beschriebenen Entwicklungen ging eine intensive Entwicklung der romanischen Baukunst einher. Zwischen 1050 und 1350 (Romanik und Gotik) wurden in Frankreich mehr Steine gebrochen als in der ganzen Zeitperiode des alten Ägyptens – genug um 80 Kathedralen, 500 große Kirchen und Zehntausende von Gemeindekirchen zu errichten. Die Romanische Kunst ist eng mit dem Mönchtum verbunden, so dass ihre Sakralbauten die wichtigsten Zeugnisse dieser Epoche sind. Zunächst waren es vor allem die Benediktiner und später die Zisterzienser, die viele dieser Sakralbauten in Frankreich errichteten. Dabei waren die Kirchen und Klöster nicht nur Ausdruck der sakralen und politischen Macht, sondern sie waren auch Lehrstätten und wichtige Verbreiter des christlichen Glaubens. Die Klöster waren Förderer der Architektur und Kunst und trugen durch Schulgründungen zur Ausbildung der Bevölkerung bei. Sie errichteten große Bibliotheken, in denen alte Bücher archiviert und neue Bücher geschrieben wurden. Neben der Schriftkunst und der Kunst gab es weitere Aspekte von besonders wichtiger Bedeutung für die säkulare Welt u.a. die Weiterentwicklung der Landwirtschaft, der Weinbau, die Medizin und Kräuterkunde sowie die Optik. Auch die Armen- und Krankenfürsorge muss besonders erwähnt werden. Zudem trugen die Mönche durch ihre zahlreichen Reisen durch Europa zur Verbreitung von  Nachrichten und Wissen von Kloster zu Kloster bei. Des Weiteren bildeten die Klöster für die steigende Zahl der Pilger  wichtige Anlaufpunkte. Sie dienten vorwiegend der Unterkunft, wurden aber auch als Hospitäler genutzt, da die Mönche wie oben erwähnt nicht nur Lehrer und Seelsorger waren, sondern auch Ärzte.

1.4. Pilgerreisen

Die Pilgerreisen waren für viele Menschen im Mittelalter ein fester Bestandteil des religiösen Lebens, obwohl das Reisen damals  beschwerlich und gefährlich war. Da die Pilger keine Waffen tragen durften, wurden sie durch Raub, Betrug, Mord oder Versklavung bedroht. Der Wunsch, eine Pilgerreise zu unternehmen, war gleichermaßen in allen gesellschaftlichen Schichten sowie bei Männern und Frauen vorhanden. Man kann sicher von einem Massenphänomen sprechen, in dessen Folge es zur Ausbildung bedeutender Pilgerwege kam,  vor allem zu den großen Zielorten Jerusalem, Rom oder eben Santiago de Compostela.
Die Entdeckung des Jakobusgrabes in Santiago de Compostela im Jahr 818 war ein Ereignis von besonderer Bedeutung . Anfangs besuchten nicht so viele Pilger das Grab, aber als die Cluniazenser 100 Jahre später begannen, die Pilgerfahrt systematisch zu organisieren, erlebte die Wallfahrt nach Santiago de Compostela einen raschen Aufschwung, der im 12. Jh. seinen Höhepunkt erreichte.
In Frankreich bildeten sich damals vier große Pilgerrouten heraus. Die eine führte über St. Gilles (in der Nähe von Arles), Montpellier, Toulouse und den Somport-Pass. Sie wird als Via Tolosana bezeichnet und wurde vor allem von Pilgern aus Italien genutzt. Die zweite ging von Le Puy über Conques, Cahors, Moissac zu den Pyrenäen. Vor allem Pilger aus Osteuropa und Süddeutschland nutzten diese Via Podiensis. Die dritte lief von Vezelay aus und führte über Charite-sur Loire, Limoges zu den Pyrenäen, die sogenannte Via  Lemovicensis. Die vierte Route ging von St. Denis in Paris  (bzw. Paris) über Tours, Poitiers,  Saintes und Bordeaux zu den Pyrenäen. Auf der Via Touronensis zogen vor allem Pilger aus den heutigen Benelux-Staaten in den Süden. Die letzten drei Wege nahmen den Weg über den Cisa-Pass durch die Pyrenäen nach Roncesvalles.  Ab Roncesvalles oder ab dem Somport-Pass führte dann der Weg, der sogenannte Camino frances, durch Nordspanien nach Santiago de Compostela.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ways_of_St._James_in_Europe.png

1.5. Reliquienkult

Die Anziehungskraft von Santiago de Compostela  aber auch vieler anderer Zwischenstationen auf den Wegen ist nur mit der Bedeutung der Reliquien im Mittelalter zu erklären. Die Berührung der Reliquien ermöglichte in der Wahrnehmung der Pilger die Chance, für einen Augenblick der unsichtbaren Jenseitswelt teilhaftig zu werden. Es besteht zwar nach heutigem Wissensstand kein Anhaltspunkt für die Vermutung, dass Jakobus sich tatsächlich auf der iberischen Halbinsel aufgehalten hat noch dass seine Gebeine nach Spanien gebracht wurden, aber die Behauptung dieser Tatsache in Urkunden gekoppelt mit einer gezielten Propaganda taten bald ihre Wirkung. Außerdem unterstrich der vermeintliche Fund des Grabes des Apostels den Machtanspruch der katholischen Kirche und stärkte das im Norden Spaniens entstandene Königreich Asturien,  das sich langsam in das von Mauren besetzte Spanien ausdehnte.
Mit der steigenden Zahl der Pilger nahm auch der Reliquienkult immer größere Ausmaße an. Eine Stätte mit einem Heiligengrab zog mehr Pilger an als eine ohne Reliquien. Sie erlangte dadurch größere Bedeutung, was in der Regel einen finanziellen Aufschwung zur Folge hatte. Dadurch konnten wiederum prächtigere Bauten errichtet werden, die dann wiederum mehr Wallfahrer anzogen.  So sind  z.T. auch die vielen kunsthistorisch wertvollen Bauten und Steinmetzarbeiten aus jener Zeit zu erklären. Die Summen,  die der Reliquienkult z.B. dem Kloster in Conques einbrachte, machten einen guten Teil der Einkünfte der Abtei aus.  Das imposante Jakobinerconvent mit der großen Basilika in Conques legt Zeugnis ab über den Reichtum der Abtei. Die Klöster gewannen auch dadurch an Reichtum, dass ihnen viele Menschen ihren Besitz übertrugen in der Hoffnung, dass die Mönche durch Gebete ihren Übergang vom Fegefeuer in die ewige Glückseligkeit beschleunigten.
Da die Organisation dieser Massenbewegung in den Händen der Klöster lag, wurde die Breitenwirkung der Ordensgemeinschaften weiter gestärkt. Die Pilger führten ein Itinerar mit sich, das ihnen den Weg zu den Stationen auf ihrer Route wies. Darin enthalten waren auch Hinweise auf Umwege zu Gotteshäusern sowie Hinweise auf Hospitäler und andere karitative Einrichtungen, die wiederum ausnahmslos von  Klöstern betrieben wurden. So findet man auch heute noch entlang der oben beschriebenen Pilgerwege trotz zahlreicher Zerstörungen ein dichtes Netz an romanischen Kirchen. Viele dieser romanischen Kirchen vermitteln einen Eindruck von Frieden und Geborgenheit, deren Wirkung der damalige aber auch der heutige Pilger – gerade nach manchen Mühsalen des Weges  – verinnerlichen kann. Aus dem Beschriebenen erkennt man die Kraft der Pilgerschaft. Religiosität, wirtschaftliche Aspekte und Baukunst beeinflussen sich gegenseitig erfolgreich und gleichzeitig wird in einem von Unruhen gezeichneten Europa eine Brücke über alle sprachlichen und politischen Grenzen geschlagen.

1.6. Entwicklung der Bauschulen

Aber nicht jede Gemeinde, jeder Orden, jeder Stifter, die eine neue Kirche, ein Kloster oder gar eine Kathedrale errichten wollten, konnten sich eigene Bauschulen mit angegliederten Werkstätten und fähigen Baumeistern leisten. Da man erst gegen Ende der romanischen Epoche dazu überging, maßstäblich verkleinerte Baupläne zu erstellen, gab es vorher wenige schriftlich fixierte Quellen, aus denen man sein Wissen über solch große Bauwerke hätte holen können. Lediglich einige der Maurer und Steinmetze, von denen viele im Laufe der Zeit durch ihre Erfahrung zu angesehenen Baumeistern wurden, hielten ihre Ideen und Bilder in Musterbüchern fest, um sie den Auftraggebern als Anregung wie auch als eine Art Vertragsgrundlage zu präsentieren. Viele der qualifizierten Baumeister reisten von Baustelle zu Baustelle und nicht selten betreuten sie mehrere Großbaustellen gleichzeitig. So entwickelten sich entlang der großen Pilger- und Handelsstraßen Bauschulen mit stilistischen Eigenarten heraus, deren Handwerker und Baumeister aber immer in regem Austausch mit anderen Baukünstlern standen und so letztendlich die typisch romanischen Baumerkmale verbreiteten.

2. Baukunst

2.1. Typische Elemente der sakralen romanischen Baukunst

Der Begriff der „Romanik“ leitet sich von dem Wort „romanesque“ ab, das der Franzosen Charles Gerville (1769–1853) im Jahr 1818 wählte, um auf die Verwandtschaft der Romanik zur römischen Architektur hinzuweisen. Man unterteilt die Romanik in Frankreich dabei in die Frühromanik (1000-1080) und die Hochromanik (1080-1150).
Die Urform des romanischen Kirchenbaus orientiert sich an einem typisch römischen Profanbau: der Basilika. Die Kirche hat somit als Vorbild einen antiken Herrscherbau und sollte so zeigen, dass nun Christus der Herrscher ist. Die Form besteht meist aus einem mittleren Hauptschiff und zwei z.T. niedrigeren Seitengängen (Seitenschiffen). Hinzugefügt wurde mit der Romanik das Querschiff, das dem Grundriss die Form eines lateinischen Kreuzes verleiht. Das Kreuz galt als Hauptzeichen des Christentums. Zudem ist die Kirche in W-O-Richtung ausgerichtet. Zum einen war ja das Grab Christi vom Abendland aus gesehen im Osten. Zum anderen spielt das Licht eine besondere Rolle. Da im Osten die Sonne aufgeht und somit „Licht in die Dunkelheit“ bringt, liegt der wichtigste Teil der Kirche, der Chor, im Osten. Im Westen befindet sich die häufig prunkvolle Fassade mit meist drei Portalen und mit einem oder zwei Türmen.
Die Mauern tragen die ganze Last der Gewölbes und des Daches. Deshalb sind diese auch  so dickwandig angelegt. Sie sollten auch möglichst wenig durch Öffnungen wie Fenster und Portale geschwächt werden. Die gewölbten Tür und Fensteröffnungen wurden also nicht nur aus ästhetischen Gründen gewählt. Die Rundungen haben vor allem eine große Bedeutung für die Statik. Durch die Aneinanderreihung der Bögen wird eine Wölbung gestaltet, die den Druck des darauf lastenden Daches abfängt und eine Einsturzgefahr verhindert oder zumindest stark minimiert. Je grösser die Bögen, umso massiver müssen die Stützen und Wände sein. Dadurch entsteht bei diesen Sakralbauten ein massiges, blockartiges, schweres und wuchtiges Erscheinungsbild.
In der Frühromanik findet man meist noch flache Kassettenholzdecken.  Die Einwölbung der Kirchenräume war aber das Ziel der romanischen Baukunst. Dieses Ringen um die Techniken bei der Wölbetechnik hat zum einen formale und ästethische Gründe zum anderen den Wunsch nach größerer Stabilität der Bauwerke, vor allem ein besserer Schutz vor Feuer, das häufig die hölzernen Konstruktionen aus vorromanischer Zeit zerstört hatte. So bildeten sich  bald zwei Gewölbeformtypen aus: das Tonnengewölbe und das Kreuzgratgewölbe. Die Konstruktion eines Tonnengewölbes war die einfachste Art eine Längswölbung und wurde deshalb zuerst angewandt. Zunächst wölbte man nur den Chor, später wie in Conques z.B. die ganze Kirche. Zeitlich parallel entwickelte sich das so genannte Kreuzgratgewölbe, das aus zwei sich einander rechtwinklig überschneidenden Tonnen besteht. Die Schnittstellen der beiden werden als Grate bezeichnet. Fast von Anfang an bemühte man sich um Hilfskonstruktionen in Gestalt von Bogen, die die Kreuzgrate unterstützten. Der nächste Schritt war dann, diese Bogen sichtbar zu machen und so entstand letztendlich das Kreuzrippengewölbe, welches zum wesentlichen Merkmal der gotischen Baukunst wurde.
Mittelschiff Klosterkirche Ste-Foy Conques
Mittelschiff der Klosterkirche Ste-Foy in Conques // Quelle: Wikipedia
Die Ausbildung dieser Gewölbeform war eine enorme Leistung mittelalterlichen Bauhandwerks. Zunächst zumindest arbeitete man ohne Baupläne und verlies sich auf die Erfahrung der Baumeister. Beim Errichten der Gewölbe wurden als Gerüst hölzerne Lehrbögen verwendet, die nach dem Setzen des Abschlusssteins wieder entfernt wurden. Dies war der entscheidende Moment, denn entweder hielten  Gewölbe und  Mauern den Seitenschüben und die Lasten stand oder alles fiel, einem Kartenhaus gleich, in sich zusammen. Monate-, oft jahrelange harte Arbeit wäre dann zunichte gemacht.
Die durch die Rundbögen erzielte Wölbung musste im Innenraum zusätzlich stabilisiert werden. Aus dieser Notwendigkeit entwickelte sich ein weiteres ästhetisches Merkmal der romanischen Architektur, der Stützwechsel. Die sich abwechselnden Säulen und Pfeiler, die als Stützen dienten, ließen zudem viel Freiraum für die Versammlung der Gläubigen, u.a. der großen Zahl an Pilgern innerhalb der Kirche. Während die Säulen die Gewölbelast abfingen, dienten die Pfeiler zur statischen Absicherung der Räume.
Zusätzlich zu den statischen Elementen müssen als sehr wichtige Elemente der Romanik die zahlreichen Verzierungen der Portale und Außenwände genannt werden. Man geht davon aus, dass die Arbeit der Steinmetze von  handwerklichem Können aber auch von spirituellen Empfindungen getragen wurde.  Viele dieser Künstler waren Mönche, die in den Werkstäten der Klöster ausgebildet wurden. So erklären sich  die kunstvollen, eindringlichen und berührenden  Ausschmückungen  in den verschiedenen Kirchen innen und außen sowie in den Kreuzgängen.

2.2. Entwicklung der regionalen Unterschiede

Trotz der typischen baulichen Elemente der Romanik lassen sich auch zahlreiche bauliche Unterschiede herausarbeiten.

Unten Karte der wichtigsten romanischen Kirchen in Frankreich aus; Raymond Oursel, Romanisches Frankreich, Zodiaque 1993

Diese lassen sich u.a. anhand der politischen Situation in Frankreich erklären. Zwar gab es den französischen König, der in Paris residierte und regierte, allerdings hatte er  nur wenig Einfluss auf seine adligen Vasallen. Diese verwalteten, fernab ihres Königs, recht eigenmächtig die ihnen unterstellten Gebiete und versuchten beständig, ihre Macht zu mehren. So wurde der Süden des Landes beispielsweise von den Grafen von Toulouse und den Herzögen Aquitaniens kontrolliert. Im Norden hingegen entstand unter dem Herzog der Normandie und Grafen von Anjou ein weiterer mächtiger Vasall des französischen Königs. Die Versuche, sich politisch von der Ile-de-France abzugrenzen, führten zu einer bewussten gesellschaftlichen Eigenständigkeit einzelner Gebiete, was sich auf die Kultur und damit auch auf die Baukunst der Regionen übertrug.
Die Romanik in Frankreich ist also weniger eine national homogene Epoche, sondern vielmehr ein Konglomerat verschiedener regionaler Stile, die sich im Laufe der Zeit gegenseitig beeinflusst und dadurch auch einander angeglichen haben. Da die Steinmetze aber – wie oben beschrieben – ihre Arbeiten in einem doch relativ begrenzten Raum verrichteten, zeigten einzelne Regionen jeweils ein etwas anderes Gesicht. So unterscheidet man in der Kunstgeschichte – was unseren Pilgerweg betrifft – eigene romanische Baustilrichtungen der Auvergne und Aquitaniens.
In der Auvergne finden sich zahlreiche Emporenhallen-Kirchen. Im strengen Sinne handelt es sich um Staffelhallen, weil ihre Mittelschiffe höher sind als die Emporengewölbe der Seitenschiffe. Diese Bauten sind oft im Mittelschiff tonnen- und in den Seitenschiffen Kreuzgrat gewölbt. Sie besitzen ein recht ausladendes Querhaus zwischen Langhaus und Chor, dessen Seitenschiffe mit unterschiedlichen Tonnenwölbungen ausgestattet sind. In der Literatur spricht man auch von einem “auvergnatischen Querriegel“.
In Aquitanien handelt es sich häufig um Kuppelkirchen ohne Seitenschiffe, deren Mittelschiff dafür aber umso breiter ist und der Länge nach von zwei bis vier Kuppeln ohne hölzernen Dachstuhl gedeckt wird.
In Südwestfrankreich mischen sich die Bauformen der angrenzenden Landschaften. Aber meist herrschen hier noch die Emporenhallen vor. Die Empore mit Vierteltonne als Gewölbeversteifung findet sich zuerst in Conques und in Toulouse in der größten noch erhaltenen romanischen Kirche der Welt, St.-Sernin.
Erst in der Gotik  (bereits ab Mitte des 12. Jh. in Frankreich, in Deutschland erst später) entwickelte sich ein eher einheitlicher Stil ausgehend von Paris, bedingt auch durch die größere Bedeutung des französischen Königs (vgl. auch die Geschichte des 100jährigen Krieges) und die damit verbundene Zentralisierung der Landes.
Neben den regionalen Unterschieden ist zusätzlich jede romanische Kirche in ihrer Gestaltung einzigartig. Das ist zum einen bedingt durch kirchliche Strömungen. So sind die Kirchen der Zisterzienser auf Grund ihrer religiösen Einstellung in der Regel schlichter gehalten als die der Benediktiner. Zum anderen wirkten sich die künstlerischen Einflüsse in den verschiedenen Bauschulen, die unterschiedlichen geologischen Gegebenheiten des Baugrundes (Flachland oder Felsenklippe) und das unterschiedliche Baumaterial, das zur Verfügung stand (z.B. harter Granit, weicher Kalk – und Sandstein oder Pyrenäenmarmor)  auf die Gestaltung der Sakralbauten aus. Im Mittelalter galt ja das Regionalprinzip, das heißt, man baute mit den Materialien, die einen in der näheren Umgebung zur Verfügung standen und vermied so i.d.R. lange Transportwege.

2.3. Die Skulptur der Romanik - Bildhauerkunst der Steinmetze

Viele der Steinmetze, die ja wahre Kunstwerke errichteten, haben sicher nicht daran gedacht, dass ihre Werke „für die Ewigkeit“ gebaut sind und auch heute noch – ca. 1000 Jahre später – mit ihrer Schönheit begeistern.  Viele Elemente erscheinen uns geradezu modern, vor allem die klare Gliederung, die graden schlichten Linien und die einfachen figürlichen Darstellungen. So faszinieren uns nicht nur die großen Kathedralen sondern gerade auch die kleinen romanischen Dorfkirchen und es lohnt sich auf unserem Weg, auch diesen einen Besuch abzustatten.
Es ging den Steinmetzen und Baumeistern weniger um den eigenen Ruhm – sondern um die Ehre Gottes. Die Namen der Stifter, Domherren oder Bischöfe kennt man durch zahlreiche schriftliche Quellen, während über Steinmetze und Baumeister der Romanik heute fast nichts bekannt ist, da sie ihre Werke in der Regel nicht signierten. Dabei waren sie – auch die Steinmetze auf dem Lande – wahre Meister ihrer Kunst. Im Mittelalter hatte der Künstler als Einzelpersönlichkeit keine Bedeutung. Es waren ohne Zweifel hervorragende Handwerker und gesuchte Leute bei den Auftraggebern aber in gewisser Weise zumindest für uns heute  gesichtslos.
Neben der baulichen Gestaltung hatten sie mit ihrer Arbeit den Auftrag, den Menschen das Evangelium näher zu bringen. Denn die Menschen vor allem auf dem Lande hatten meist keine Schulbildung und konnten weder schreiben noch lesen. So erzählen die verschiedenen Darstellungen – seien es die herrlichen Steinmetzarbeiten an den Portalen oder die Bilder an den Wänden der Kirche – Geschichten aus dem alten und neuen Testament. Dadurch wurde von den Mönchen und Künstlern eine neue bildhafte Erzählweise geschaffen. Während allerdings die Malerei der Romanik von geringerer künstlerischer Bedeutung war –  körperlose Darstellungen  und fehlende räumliche Perspektive dominierten – , entwickelte sich die Skulpturendarstellung  zu  einem  beeindruckenden Bauelemente der Romanik. Die romanische Plastik bot den Künstlern durch die dritte Dimension  die Chance, einen lebendigen und starken Ausdruck zu kreieren. Die außergewöhnliche Leistung beruht  auf der Fähigkeit, die Figuren immer mehr als Körper zu begreifen. Waren die ersten Arbeiten noch eher flache Reliefs, so scheinen die Figuren der späteren Werke aus der Wand herauszuwachsen und die ganze Architektur zum Leben zu erwecken. Ihre Schöpfer hatten sich im Laufe der Zeit aus Steinmetzen zu beeindruckenden Bildhauerpersönlichkeiten entwickelt.
Die Plastiken strebten nicht nach realistischen Darstellungen und Proportion, sondern hatten einen meist christlichen Symbolgehalt zu erfüllen. Dramatische Szenen, dämonische Gesichter und Fratzen, eine starke Faltenausprägung der Gewandfigur sollten das Auge fesseln. Der ausgeprägte Kontrast zwischen Symbolen für Gutes und Böses war durchaus gewollt und berechnet. Das Ziel der Bauplastiken – zunächst vor allem an Fassaden und Portalen, später auch im Innenraum –  war es einerseits die Geschichten des alten und neuen Testaments wiedergeben und andererseits den bösen Mächten den Zugang zur Kirche verwehren. Denn in der damaligen Vorstellung befand sich der Mensch permanent im Kampf zwischen heiligen und dämonischen Kräften. Betrachtet man die Gestaltung der Plastik im Zeitablauf der Romanik,  so kann man feststellen, dass sich im Rahmen dieses Prozesses  die Steinmetze zu Bildhauern entwickelten. Es existiert eine romanische Bildsprache, die in Europa beinahe einzigartig ist und deren Phantasievorstellungen fast grenzenlos zu sein scheinen. Das Spektrum reicht von der Darstellung des Gottes als Richter in der Darstellung des Jüngsten Gerichts bis hin zu den dämonischen Wesen und Fratzen in den Figurenkapitellen z.B. in den Kreuzgängen. Ergänzt wird dies durch die Funktion des Ornaments. So werden in zahlreichen Beispielen die Grenzen zwischen konkreten Darstellungen und abstrakten Schmuckformen aufgehoben. Oft liegt den ornamentalen Motiven ein tieferer Sinne in, der sich dem modernen Betrachter nur zum Teil erschließt. So werden z.B. die Rosetten auf den Säulen in Moissac als Feuerräder der Hölle interpretiert. Dass diese faszinierende Bilderwelt sowohl die mittelalterlichen Gläubigen als auch die modernen Betrachter in ihren Bann zieht, ist nur all zugut nachvollziehbar.
Kreuzgang von Moissac Abtei Saint-Pierre
Kreuzgang der Abtei Saint-Pierre (Moissac) // Quelle: Wikipedia
Bemerkenswert ist auch, dass die romanische Skulptur an Portalen und Kapitellen befestigt war und somit Jahrhunderte überdauerte. Es handelt sich um eine Kunstform, die, da sie unverrückbar war, so jedermann zugänglich und somit nicht elitär einigen wenigen vorbehalten war.
Stellvertretend für die romanische Plastik auf unserem Weg ist das südliche Portal mit dem Tympanon in Moissac benennen, das zu einem der Höhepunkte der romanischen Bildhauerei zählt. Es veranschaulicht das vierte Kapitel aus der Offenbarung des Johannes mit dem Hauptthema des Jüngsten Gerichts. Ebenso zu erwähnen ist der dortige Kreuzgang, der auf Grund seiner Vollständigkeit und seiner zahlreichen Skulpturen ein einmaliges Zeugnis romanischer Baukunst ist. Besonders zu erwähnen  sind hier die vielen Figurenkapitelle, die etwa fünfzig Bibelstellen veranschaulichen.
Tympanon Moissac am südlichen Portal der Abtei Saint-Pierre
Tympanon am südlichen Portal der Abtei Saint-Pierre in Moissac // Quelle: Wikipedia
Ein weiteres wunderschönes erhaltenes Tympanon der Romanik findet sich in Conques. Das Tympanon des jüngsten Gerichts erhebt sich über dem Westportal und zählt auf Grund seiner Größe und Originalität ebenfalls zu den Meisterwerken der romanischen Bildhauerkunst.
Tympanon des Eingangsportals der Klosterkirche Ste-Foy in Conques // Quelle: Wikipedia
Neben den großen Meistern der Bildhauerkunst gab es auch eine große Schar an zweitklassigen Künstlern, deren Arbeiten aber für die Klöster aus wirtschaftlicher Sicht von großer Bedeutung waren. Jedes Kloster, das an einer der Pilgerrouten lag, besaß eigene Werkstätten. In diesen wurden Devotionalien und alle möglichen Arten von Souvenirs – Kruzifixe, Heiligenbilder, Heiligenfiguren etc. – hergestellt und dann an die Pilger verkauft – ein Phänomen, das wir ja auch heute (leider) noch in den bekannten Wallfahrtsorten zu Genüge wiederfinden.
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Wanzenalarm Teil 2

Wanzenalarm - Teil 2

Geschichten auf dem Via Podiensis

Am Nachmittag waren wir in Nasbinal angekommen. Nachdem wir unser Gepäck in der Herberge abgelegt hatten, sind wir auf ein Glas Wein in den Ort spaziert. Während Marielouise gerade zur Toilette gegangen war, kam ein elsässischer Pilger aufgeregt an unseren Tisch. In der letzten Herberge, in der wir gemeinsam waren, gab es Wanzen. Er zog den Ärmel seines Hemdes hoch und zeigte mir 4/5 Stiche auf seinem Arm. Seine Herbergswirtin habe gesagt, dass seinen Wanzenstiche. Nach einer kurzen Unterhaltung ging er dann weiter. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass er sich zu uns an den Tisch setzen würde. Dann wäre ich aber aufgestanden und schleunigst weggegangen. Als Marielouise zurückkam, erzählte ich ihr von dem Vorfall. Als  bereits routinierte Pilgerinnen besprachen wir die Lage in aller Ruhe und ließen uns auch unser Glas Wein schmecken. Wir waren uns sicher, dass es in der letzten Herberge keine Wanzen gab. Sie war so sauber und gepflegt, außerdem mussten wir die Rucksäcke in Säcke gesteckt in der Waschküche zurücklassen und sollten nur das Notwendigste mit auf die Zimmer nehmen. Zudem hatte der Elsässer Marielouise erzählt, dass seine erste Herberge sehr schmutzig und ungepflegt gewesen wäre. Wahrscheinlich hat er sich da die Wanzen – falls es Wanzenstiche waren – eingefangen?! Also machten wir uns weiter keine Gedanken mehr. Am nächsten Tag ging es weiter nach St. Chely d´ Aubrac. Da die Herberge schon voll war, hatten wir schon am Vortag ein Zimmer in der angeschlossenen Pension gemietet. Ein Doppelzimmer mit eigenem Bad – wie herrlich!  Oder wie Marielouise zu sagen pflegt: Wir sind Glückskinder! Als ich allerdings aus dem Fenster schaute, rief plötzlich jemand: „Hallo Editha!“ Oje der Elsässer! Ich winkte ihm freundlich zu und verschwand schnell ins Zimmer. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, starteten wir zu einem Spaziergang durch den Ort. Während des ganzen Spaziergangs amüsierte sich Marielouise köstlich über mich. Denn an jeder Straßenecke blieb ich stehen und schaut erst einmal vorsichtig um die Ecke. Ok, die Luft war rein, kein Elsässer! Denn ich wollte ihm, seinen Stichen und seinen Wanzen auf keinem Fall begegnen!!! Marielouise grinste nur – oder lachte sie mich etwa aus????? Trotzdem wurde es eine schöne Besichtigung des Ortes.

Und auch diesmal keine Wanzen, keine Stiche! Ich hoffe, falls es noch einmal auf unseren Wanderungen Wanzenalarm gibt, dass es dann wieder ein Fehlalarm ist!
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Wanzenalarm Teil 1

Wanzenalarm - Teil 1

Geschichten auf dem Via Podiensis

Es gibt nur wenige Dinge, die ich auf unseren Wanderungen fürchte – neben aggressiven Hunden, denen wir allerdings in all den Jahren Gott sei Dank nie begegnet sind,  sind es vor allem Wanzen. Leider breiten sich diese Plagegeister ja momentan wieder – nicht nur auf der Weg – stärker aus.
Und prompt hatten wir auch das Problem vor Augen. Wir hatten in einer vormals sehr schönen, heute etwas vernachlässigten Herberge übernachtet. Am nächsten Tag brachen wir fröhlich auf. Da es mit den Übernachtungsmöglichkeiten manchmal eng wurde, entschlossen wir uns bei der Mittagspause, zwei Betten einer Herberge im nächsten Ort zu reservieren. Der Besitzer war ein ehemaliger deutscher Pilger und so ging die Reservierung schnell und einfach. Alles schien gut, bis wir ungefähr eine Stunde nach unserer Reservierung vom deutschen Herbergsvater angerufen wurden. Er fragte uns, in welcher Herberge wir in der letzten Nacht übernachtet hätten. Als ich ihm den Namen nannte, bekam ich die unheilvolle Antwort: „Dann könnt ihr nicht bei mir übernachten!“ Er habe gerade einen Pilger ins Krankenhaus gefahren, der mehrere Wanzenstiche habe und am Tag zuvor ebenfalls in dieser Herberge übernachtet habe.
Wanzenalarm!!!!!!  Uns fuhr der Schrecken in die Glieder. Sollten wir uns auch diese Mistdinger eingefangen haben? Aber wir hatten doch Bettlaken und Bett wie immer kontrolliert! Stiche hatten wir auch keine aber……….????????
Mit schweren Gedanken setzten wir unsere Wanderung fort. Von der schönen Landschaft bekamen wir nicht viel mit. Unsere Gespräche kreisten um die Fragen: Hatten wir nicht genug nachgeschaut? Hatte sich der kranke Pilger wirklich in der Herberge die Wanzen eingefangen? Waren die Matratzen auf der wilden Mülldeponie, an der wir kurz nach der Herberge vorbei gekommen waren, vielleicht von der Herberge dort entsorgt worden? Wenn wir doch Wanzen im Rucksack haben, was machen wir dann? Alle Kleider und den Rucksack bei 60° Grad waschen und wenn ja, wo? Oder alles wegwerfen? Würden wir überhaupt noch eine Herberge finden, die uns aufnimmt? Im Pilgerpass stand ja die letzte Herberge mit Namen drin. Spüre ich es doch irgendwo jucken? Brrrrrrrr!!!!!
Solche und noch mehr Gedanken diskutierten wir auf dem ganzen Weg! Angekommen beruhigten wir uns erst einmal nach dem Schrecken mit einem frischen Glas Bier. Dann entschlossen wir uns, erst im nächsten Dorf eine Herberge aufzusuchen. Wir fanden auch eine schöne mit einem gemütlichen Doppelzimmer. Und dann begann die Arbeit. Auf einem weißen Laken wurden nach und nach die Rucksäcke geleert. Alle Kleidungsstücke wurden akribisch untersucht und dann am Fenster ausgeschüttelt. Gott sei Dank hat uns keiner beobachtet – die Leute hätten sich schon arg gewundert. Gefunden haben wir nichts und Stiche hatten wir auch keine – auch an den nächsten Tagen nicht. Also falscher Alarm!!!!!! Gleichzeitig waren wir froh, nicht in der Herberge mit dem kranken Pilger übernachtet zu haben. Vielleicht sind ja jetzt die Wanzen dort?! So war der Schreckensanruf letztendlich vielleicht sogar ein Glücksfall für uns!
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