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Einige Verhaltens- und Sprachtipps für Jakobspilger in Spanien

Einige Verhaltens- und Sprachtipps für Jakobspilger in Spanien

Hilfreiche Verhaltensweisen

Wenn Sie in Spanien unterwegs sind, gibt es einige hilfreiche Verhaltensweisen, die gut ankommen und helfen, respektvoll und entspannt aufzutreten und auch so behandelt zu werden.

Freundliche Kontaktaufnahme
Spanier sind oft kontaktfreudig, herzlich und stolz. Ein freundliches „Hola“ oder „Buenos días“ beim Betreten eines Geschäfts, einer Bar, eines Restaurants, einer Herberge erleichtert auf jeden Fall die Kontaktaufnahme.
Höflichkeit im Alltag
Bitte und Danke („por favor“, „gracias“) werden grundsätzlich geschätzt. Gerade in Restaurants, Hotels und Herbergen macht ein höflicher Ton viel aus.
Gelassenheit mitbringen
In Spanien läuft manches entspannter als in Deutschland oder anderen Ländern. Man sieht das Leben nicht als Effizienzmaschine. Service kann manchmal langsamer sein – Geduld oder besser Duldsamkeit (d.h. Geduld, Nachsicht und Toleranz) hilft sehr im Umgang miteinander.
Essenszeiten respektieren
Mittagessen („almuerzo“) gibt es oft erst ab 14 Uhr, Abendessen („cena“) häufig ab 21 Uhr. Viele Restaurants öffnen früher gar nicht richtig. Nehmen Sie sich Zeit fürs Essen, probieren Sie lokale Spezialitäten und hetzen Sie möglichst nicht. Seien Sie nicht verwundert, wenn die Bediensteten manchmal etwas ernst sind oder etwas vermeintlich Schroffes ausstrahlen. Sie schauen manchmal streng, meinen es aber gut mit den Essern!
Trinkgeld geben?
Geldangelegenheiten werden mit Takt erledigt. Niemand wird Sie drängen, die Rechnung zu zahlen. Man rundet den Betrag nicht direkt beim Zahlen auf, sondern man bekommt das Wechselgeld meist auf einem Plastikschälchen gereicht. Sie sind dann frei, ein paar Münzen liegen zu lassen, viel muss es aber nicht sein.
Der Platz an der Theke
Wenn man sich nur kurz in einer Bar aufhält, steht man meistens am Tresen (Hinsetzen ist teurer), erledigt Essen und Trinken, zahlt und geht hinaus. Es gehört zu den kulinarischen Besonderheiten, dass Alkohol nicht allein serviert wird, sondern dass ein paar Oliven, ein Tellerchen Nüsse oder Kartoffelchips, ein Happen Tortilla mit dabei sind. Gewöhnungsbedürftig ist, dass Olivenkerne, Zahnstocher, Papierservietten – alles darf auf den Boden geworfen werden. Irgendwann kommt jemand mit dem Besen und fegt alles wieder weg.
Was man eher vermeiden sollte:
– Regionale Themen belehrend diskutieren
– Wenn, dann nur sehr sensibel über den spanischen Bürgerkrieg reden – es ging hier um einen Bruderkrieg – eine ideologische Kluft – und die Wunden sind teilweise noch nicht verheilt
– Klischees über Spanien erzählen, das Land ist viel zu vielfältig und schön
– Ungeduldig im Restaurant sein
– Sich über langsameres Tempo beschweren
– Nur Englisch oder Deutsch erwarten
Besonders gut kommt an:
– Der Versuch, zumindest ein paar Worte spanisch zu sprechen
– Ein ehrliches „Qué bonito aquí“ (Wie schön hier)
– Viele Regionen haben starke eigene Identitäten, Interesse daran positiv.
– Interesse an Essen, Landschaft, Kultur

Wichtige Redewendungen
Ein paar wichtige spanische Redewendungen zu lernen, bevor Sie sich auf den Camino de Santiago de Compostela begeben, kann bereichern sein. So können Sie leichter mit Einheimischen in Kontakt kommen, sich besser orientieren und Respekt für die lokale Kultur zeigen. Ob es um Begrüßungen, Wegbeschreibungen oder das Bestellen von Essen geht – der Versuch, Spanisch zu sprechen, wird geschätzt, ganz unabhängig von der Grammatik und der Aussprache. Wenn sie spanisch sprechen oder es versuchen, öffnen sich Ihnen die spanischen Herzen!  “Animo” – Nur Mut!

Unten sind einige Redewendungen für unterwegs, in Unterkünften  und  in Cafes/Bars/Restaurants zusammen-gestellt.                                                     

 

Deutsch

Spanisch

Hallo

Hola

Guten Morgen

Buenos días

Guten Tag / Guten Abend

Buenas tardes

Gute Nacht

Buenas noches

Danke

Gracias

Bitte

Por favor

Guten Weg!

Buen Camino

Wo ist der Camino?

¿Dónde está el Camino?

Bin ich richtig nach Santiago?

¿Voy bien hacia Santiago?

Wie viele Kilometer fehlen noch?

¿Cuántos kilómetros faltan?

Gibt es ein Albergue in der Nähe?

¿Hay un albergue cerca?

Ich habe eine Reservierung

Tengo una reserva

Ein Bett für eine Nacht, bitte

Una cama para una noche, por favor

Wie viel kostet das?

¿Cuánto cuesta?

Wasser, bitte

Agua, por favor

Die Rechnung, bitte

La cuenta, por favor

Wo ist die Toilette?

¿Dónde está el baño?

Ich brauche Hilfe

Necesito ayuda

Mein Fuß tut weh

Me duele el pie

Können Sie langsamer sprechen?

¿Puede hablar más despacio?

Ich spreche nur wenig Spanisch

No hablo mucho español

Deutsch

Spanisch

Haben Sie ein freies Bett?

¿Tiene una cama libre?

Gibt es noch Platz?

¿Hay sitio?

Ich habe eine Reservierung.

Tengo una reserva.

Ein Bett für eine Nacht, bitte.

Una cama para una noche, por favor.

Wie viel kostet es?

¿Cuánto cuesta?

Wo ist das Badezimmer?

¿Dónde está el baño?

Gibt es eine Dusche?

¿Hay ducha?

Gibt es WLAN?

¿Hay wifi?

Wann ist Check-in?

¿A qué hora es el check-in?

Wann muss ich gehen?

¿A qué hora tengo que salir?

Kann ich meine Kleidung waschen?

¿Puedo lavar la ropa?

Wo kann ich mein Fahrrad abstellen?

¿Dónde puedo dejar la bicicleta?

 

Deutsch

Spanisch

Einen Kaffee, bitte.

Un café, por favor.

Ein Frühstück, bitte.

Un desayuno, por favor.

Ein Sandwich / Bocadillo, bitte.

Un bocadillo, por favor.

Wasser ohne / mit Kohlensäure

Agua sin gas / con gas

Was empfehlen Sie?

¿Qué me recomienda?

Ich hätte gern das Tagesmenü.

Quisiera el menú del día.

Die Rechnung, bitte.

La cuenta, por favor.

Kann ich mit Karte zahlen?

¿Puedo pagar con tarjeta?

Haben Sie etwas Vegetarisches?

¿Tiene algo vegetariano?

Wo ist die Toilette?

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Quellen

Paul Ingendaay, Gebrauchsanweisung für Spanien, München, 2. Aufl. 2024

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La Quinta de Selgas – ein Palast- und Gartenanwesen in El Pito/Cudillero

La Quinta de Selgas – ein Palast- und Gartenanwesen in El Pito/Cudillero

Camino del Norte zwischen Muros de Nalón und Soto de Luina

https://www.selgas-fagalde.com/wp-content/uploads/2018/05/86A7719-1024x683.jpg

Die Quinta de Selgas ist ein Palast- und Gartenwesen in El Pito, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Cudillero zwischen Muros de Nalón und soto de Luina. La Quinta ist der wohl prächtigste neoklassizistische Komplex Nordspaniens.
Er wurde zwischen 1880 und 1895 von den Brüdern Segas-Albuerne erbaut. Ezequiel, ein erfolgreicher Vergünstigter in Madrid, stellte die finanziellen Mittel für das Projekt bereit, während sein Bruder Fortunato, ein Historiker und Kunstliebhaber, für den Entwurf der Anlage verantwortlich war.

Das Herrenhaus hat seine ursprüngliche Dekoration nahezu vollständig erhalten. Äußerlich orientiert sich das Haus an französischen Herrenhäusern der frühen neoklassizistischen Epoche und folgt damit der im Europa des 19. Jahrhunderts weit verbreiteten Wiederbelebung vergangener Stile. Es besitzt einen rechteckigen Grundriss und besteht aus Erdgeschoss, zwei Obergeschossen und einem Dachgeschoss. Die Hauptfassade ist vertikal in die dritte Ebene gegliedert, wobei die mittlere Ebene leicht zu einer Steintreppe vorspringt, die in den Garten hinabführt. Jedes Geschoss verfügt über drei Türen: Die Türen im Erdgeschoss sind mit Halbkreisbögen versehen, während die Türen in den Obergeschossen mit Stürzen (und schmiedeeisernen Balkonen) durch geschwungene Giebel verziert sind.
Das Gebäude verwaltet über 200 Gemälde großer Meister ua Goya und El Greco. Ergänzt wird die Sammlung durch eine vielfältige Auswahl an Möbeln, Textilien, Gold- und Silberarbeiten, Glaswaren sowie europäischem und orientalischem Porzellan.

Die Quinta ist vollständig von einer Mauer umgeben und besitzt zwei monumentale Tore. Das Haupttor ist nach Süden ausgerichtet und präsentiert sich als ein bemerkenswert hoher Triumphbogen mit einem darüber liegenden Halbkreis. Es weist drei mit Stürzen versehene Öffnungen auf: eine höhere, mittlere, die als eigentlicher Eingang dient, und zwei seitliche Öffnungen, die, mit Gittern auf einem Sockel verschlossen, wie Fenster wirken.

https://www.selgas-fagalde.com/wp-content/uploads/2018/05/86A7698-1024x683.jpg

Die wunderschönen Gärten rund um das Schloss wurden von Grandpont entworfen, einem Schüler von Le Nôtre und damals dem berühmtesten Gärtner Frankreichs. Rigoreau, ein exzellenter, in Versailles ausgebildeter Gärtner, wurde mit der Gestaltung des Parks beauftragt und ließ sich schließlich in der Nähe der Quinta de Selgas nieder, wo seine Nachkommen noch heute leben.
Die neun Hektar großen Gärten stellen ein Kompendium europäischer Landschaftsgestaltung dar und zählen zu den bedeutendsten in Spanien. Sie sind im Volksmund als das asturische Versailles bekannt. Der Garten ist in drei Zonen unterteilt, die jeweils nach den Prinzipien der drei wichtigsten Gartenstile der Moderne gestaltet wurden: dem italienischen, dem französischen und dem englischen. Somit stellt das Anwesen ein wahres Kompendium der europäischen Gartengeschichte dar.

https://www.selgas-fagalde.com/jardin-ingles/#

Der französische Garten befindet sich vor der Südfassade des Schlosses und besteht aus einer breiten Allee im Versailles-Stil in Form eines grünen Teppichs, der von Kamelienhecken gesäumt und mit Springbrunnen, Statuen und Vasen verziert ist. Der Französische Garten verdankt seinen Namen seiner unverwechselbaren Gestaltung mit markanten Skulpturen und Brunnen. Die breite Allee ist von geometrischen Elementen geprägt. Mauern aus geschnittenen Kamelien, ebene Rasenflächen und Buchsbaumparterres bilden eine Reihe gerader Linien, die sich zum Haupthaus hin vereinen, das eine Größe und Praxis annimmt.

https://www.selgas-fagalde.com/jardin-italiano/#

Der italienische Garten befindet sich auf der Rückseite des Palastes und wird an den Ecken von vier Pavillons begrenzt. In der Mitte befindet sich ein Teich in Form eines Kleeblattes und es gibt eine Reihe von Terrassen, Treppen und Balustraden. Zwei prächtige Araukarien bilden eine Hecke, die den Garten in einen geschlossenen, intimen und privaten Raum verwandelt. Er ist im Stil italienischer Villen gestaltet.

https://www.selgas-fagalde.com/jardin-frances/#

Schließlich befindet sich im östlichen Teil des Geländes der englische Garten mit einer unregelmäßigen Anlage und Anpflanzungen exotischer Bäume neben weiten Wiesen; Ein Fluss fließt durch diesen Bereich und bildet Seen, und er verwaltet auch einen klassischen Tempel in einer Felsengrotte mit Aquarien im Inneren. Weite, offene Wiesen, weiche, schmale, schattige Bereiche mit prächtigen Nadelbäumen. Ein Wald aus Küstenmammutbäumen, einer in Amerika heimischen Kunst, umschließt den Garten im Norden, während im Süden ein Fluss die Untermalung einer Landschaft liefert, die von Magnolien, japanischen Ahornen, Eukalyptusbäumen, Nadelbäumen und einem runden Pavillon, über einer Grotte geprägt ist.

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Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien

Die Architektur der Gotik und ihre Geschichte in Spanien - als die Kathedralen in den Himmel wuchsen -

Via Aragonés, Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo, Camino Francés

Begriff und zeitliche Einordnung

Die Bezeichnung „Gotik“ entstand, wie die Namen anderer Stilepochen auch, nicht bereits mit ihrem ersten Auftreten, sondern erst fast 300 Jahre später. Auch wurde der Gotik-Begriff nicht etwa in Frankreich geprägt, wo die Wurzeln der gotischen Architektur liegen, sondern erstmals 1435 in einem Werk des italienischen Architekten und Schriftstellers Leon Battista Alberti erwähnt. Das Wort Gotik stammt vom italienischem „gotico“, das ursprünglich ein Schimpfwort war. Es bedeutet „fremdartig“ oder „barbarisch“ und ist vom Germanenstamm der Goten abgeleitet. Giorgio Vasri, ein Kunsttheoretiker der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike, versuchte mit diesem Wort seine Geringschätzung der europäischen mittelalterlichen Kultur im Vergleich zur glorreichen Antike Ausdruck zu verleihen.
Erst mit Goethe, der in seinem Werk „Von deutscher Baukunst“ über das gotische Münster in Straßburg schrieb, begann ein positiver Bedeutungswandel in Bezug auf den gotischen Architekturstil einzusetzen. Allerdings ist zu bemerken, dass Goethe irrtümlich diese Epoche zu einem deutschen Stil erklärte. Der Stil wurde dann im 19. Jahrhundert von europäischen nationalistischen und romantischen Bewegungen aufgewertet und verherrlicht. So wurde auch Mitte des 19. Jahrhundert Goethes Aussage eines „deutschen Stils“ durch kulturwissenschaftliche Forschungen widerlegt und der korrekte Ursprung der Gotik Frankreich zugesprochen. Heute gilt die Gotik allgemein als einer der künstlerisch brillantesten Momente der westlichen Welt.

Eine zeitliche Einordnung der Gotik ist nicht ganz einfach, da der genau Zeitrahmen von den individuellen Entwicklungen in den einzelnen Ländern abhängt. Die Gotik entstand um 1140 zunächst in Frankreich. Der neue Baustil gelangten vor allem von den Baustellen in Reims und Amiens (Ostteile) ab 1180 zuerst nach England (Canterbury, Wells, Salisbury, Lincoln, Westminster Abbey, Lichtfield), dann ab etwa 1235 nach Deutschland (Marburg, Trier, ab 1275 nach Köln, Straßburg, Regensburg) und Spanien (Burgos, Toledo, Léon). In Italien wurde der gotische Baustil nach französischer oder mitteleuropäischer Art weder vollständig übernommen noch war er je alleine vorherrschend. Aber natürlich gab es auch hier gotische Kathedralen wie z.B. den berühmten Mailänder Dom.

Von User:Liesel - Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2894483 Kathedrale von Burgos

Phasen der Gotik

In der Architektur wird unterschieden in Früh-, Hoch- und Spätgotik, die sich in den verschiedenen Regionen unterschiedlich entwickelten:

Frankreich

Gothique primitif
1140–1190

Gothique classique
1190–ca. 1230

Gothique rayonnant
1231–1350

Gothique flamoyant
1350–1520

England

Early English
1170–1250

Decorated
1250–1350

Perpendicular
1350–1485

Tudor Style
1485–1603 ff.

Italien

 

seit 1200

Deutschland,
Mitteleuropa

Spanien s.u.

Frühgotik, einschl. Romano-Gotik
1180–ca. 1290 (überlappend)

Hochgotik
1235 oder 1248–1350

Spätgotik
1350–ca. 1520 ff.

Die zeitlichen Abgrenzungen gelten ausschließlich für die Architektur. Bei Malerei und Plastik ist eine klare Abgrenzung nicht möglich.
 

Von Uoaei1 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45346485 Notre Dame de Paris 2015

Historischer und philosophischer Hintergrund

Keine andere Strömung vor oder nach der Gotik verstand es, einen solch engen Zusammenhang zwischen Architektur und Gesellschaft herzustellen. Um nun aber zu verstehen, weshalb sich die gotische Architektur gerade im Frankreich des 12. Jahrhunderts aus der Romanik entwickelte, muss man zunächst einen Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten jener Zeit werfen.

Es war eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Es war auch die Zeit der Kreuzzüge und einer erstarkenden Kirche, die Zeit, in der das Heilige Römische Reich langsam zerfiel und das französische Königshaus immer mehr an Macht gewann.

Im Jahre 1108 übernahm der Kapetinger Ludwig VI. die königliche Herrschaft im territorial stark zersplitterten Land. Der französische Monarch hatte zu jener Zeit zwar großes Prestige, realiter jedoch nur wenig Macht. Diese lag u.a. in den Händen Heinrichs I., der durch geschickte Heiratspolitik nicht nur Herzog der Normandie, sondern gleichzeitig auch König von England war und so enorme politische, wirtschaftliche und militärische Mittel hinter sich vereinigen konnte. Auch die Grafen der Champagne waren, durch wichtige Messestädte in ihren Gebieten, reicher und dadurch letztlich mächtiger als der französische König. Wesentlich einflussreicher war auch der Graf von Flandern, der das größte Wirtschaftszentrum nördlich der Alpen, ein im 12. Jh. sehr reiches Land regierte. (s. auch Kapitel der 100-jährige Krieg).

Um seine Macht zu stärken und die des Feudaladel im Land zu schwächen, paktierte Ludwig VI. mit der Kirche, vor allem mit seinem engen Berater Suger, dem Abt von Saint-Denis, der zusammen mit ihm in der Klosterschule von St. Denis erzogen worden war. Die Kirche unterstützte das Machtstreben der französischen Monarchie. Der König förderte zudem die zunehmenden Ordensgründungen und holte die Bruderschaften zu sich in die Hauptstadt.

Außerdem wurden durch Freiheitsbriefe, die sich der König von der jeweiligen Stadt beziehungsweise Gemeinde teuer bezahlen ließ, Feudalpflichten aufgehoben, die die wirtschaftliche Entwicklung stark eingeschränkt hatten. So standen diese Städte und einzelne Landgemeinden hinter dem König und gegen den sie früher ausbeutenden Feudaladel.

Mit dem Erstarken und der geographischen Ausweitung des französischen Kronlandes, also der Entwicklung zur zentralistischen Macht, breitete sich auch die für ‚das Neue’ stehende Architektur, die Gotik, aus. Gotische Sakralgebäude galten bald als ‚chic’, so dass jedes Land, jede Stadt und jede noch so kleine Gemeinde alle vorhandenen Mittel darauf verwendete, wenigstens eine etwas größere und neuere Kirche als die des Nachbarn zu bauen. Außerdem spielte auch die Parteinahme von Bündnispartnern in der Politik eine nicht unerhebliche Rolle bei der Expansion der Gotik. Wer innerhalb Frankreichs gotisch baute, bezeugte seine Gewogenheit gegenüber der französischen Krone. Die Baubewegung in Frankreich wurde vor allem in der Anfangszeit dadurch gefördert, dass das Volk und auch der Adel die Bautätigkeit mit finanziellen Mittel oder auch praktischer Arbeitstätigkeit unterstützten. So ist u.a. die große Zahl an Kirchen, Abteikirchen und Kathedralen (fast 20) in Frankreich zu erklären.

Gleichzeitig verbindet sich mit der Gotik eine ganz neue Einstellung zur Gestaltung des Lebens. Der Grund für eine solche Revolution ist die Veränderung der mittelalterlichen Mentalität über vorhandenes Wissen und vorhandene Wahrheit. Im 12. und 13. Jahrhundert wird Platons vom Heiligen Augustinus verteidigter Idealismus überwunden, der die philosophische Grundlage des frühen Mittelalters bildete. Die Philosophie des Aristoteles, die auf der Vorrangstellung der Sinne basierte, erlangte wieder eine große Bedeutung und  wurde von Persönlichkeiten wie dem Heiligen Albert dem Großen und dem Heiligen Thomas von Aquin energisch verteidigt. Dieser Mentalitätswechsel führt in der Architektur dazu, dass sich der Architekt beim Bauen nicht mehr an regelmäßige Formen halten (im Wesentlichen Kreise und Quadrate) muss, sondern dass er frei arbeiten kann, nicht mehr nur als Geometer, sondern als Ingenieur. Das bedeutete auch, dass man sich an neue Gestaltungselemente heranwagte und herantastete. Dieser technische Empirismus verhalf dazu, geniale tektonische Lösungen zu erfinden, um Räume von großer Höhe und Farbe zu schaffen. Die Art und Weise, das himmlische Jerusalem im 13. Jahrhundert zu symbolisieren, bestand darin, einen großen Raum aus Licht und Farbe zu schaffen. Die Strahlen der Sonne, das Licht Gottes, sollten die ganze Kirche erfassen und das Bauwerk zur gebauten Metaphysik verwandeln. 

Außerdem war es eine Zeit relativen Friedens, guter Ernten, steigenden Wohlstands und Bevölkerungswachstums. Am Anfang der Epoche setzte eine Phase der generellen Umstrukturierung im Wirtschaftsleben des Landes ein. Die Wirtschaft entwickelte sich in bestimmten Regionen und in den Städten positiv. Der Handelsschwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Stadt. Die Landbevölkerung strömte in die Städte (Landflucht). Durch das Wachstum der Städte entstand auch Bedarf an neuen Kirchenbauten und es sind auch die Städte, die die wirtschaftliche Kraft besitzen, um die aufwendigen Bauten der Gotik finanzieren und realisieren zu können. So entstanden sogenannte „Bauten der Macht“ in der Mitte der Stadt.

Es war auch die Zeit der Kreuzzüge. Die Kreuzzüge dienten neben der Eroberung der Stadt Jerusalem vor allem auch der Verbreitung und der Verteidigung des christlichen Glaubens – der Einflussbereich der Muslime sollte zurückgedrängt werden. Es ging dem Papst aber auch um eine erneute macht-politische Stärkung der Kirche und des Papsttums. Die Erstarkung der Kirche zeigte sich auch in der zunehmenden Bedeutung der Ordensgemeinschaften neben den Benediktinern hier vor allem den Zisterziensern, deren Verbreitung für die Gotik eine besondere Bedeutung hat. 

So versuchten der König, der monarchisch orientierte Adel, Domkapitel, Bischöfe und Städte sich in dieser Konkurrenzsituation mit immer prächtigeren Bauten gegenseitig zu übertrumpfen – als Demonstration ihres Führungsanspruchs, aber auch aus echter frommer Begeisterung.

Die Gotik wurde in diesem Zusammenhang in Europa als willkommene Neuerung empfunden. Ausgehend von Frankreich entstehen Kirchen, die alle bisherigen Maßstäbe sprengen. Ein Baustil erfasst wie eine Revolution das Europa des 12. Jahrhunderts. Es werden Gotteshäuser gebaut, die zu ihrer Zeit die größten Gebäude überhaupt sind. Die neuen Techniken wurden voll Begeisterung übernommen, da durch sie auch die neue spirituelle Einstellung dargestellt werden konnte. England, Deutschland, Italien, Spanien und die anderen europäischen Länder wollten auch demonstrieren, dass sie die neue Kunst wenigstens so gut wie das Ursprungsland Frankreich beherrschten. Zudem verhalf die wachsende Bedeutung des Zisterzienserordens und seine strenge Durchstrukturierung einer weiteren Verbreitung der Gotik. All diese Fakten führten so zu einer breiten aber auch relativ einheitlichen Ausbreitung der Architekturkunst der Gotik.

Die Kathedrale des Mittelalters, das Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulptur, Malerei und Glasmalerei gilt als besonderes Wahrzeichen der Gotik. “Genie de Lieu” sagen die Franzosen, wenn ein Ort etwas ganz Eigenes und Besonderes atmet. Das kann wohl für die gotischen Kathedralen im Besonderen gelten. Sie spiegeln die Wandlung des mittelalterlichen Weltbildes wider, das mit einer neuen Frömmigkeit und mystischen Strömung einhergeht.

Einen großen Aufschwung nahm auch die profane Baukunst zur Zeit der Gotik, v. a. in den Städten, wo sie die wachsende Macht des aufstrebenden Bürgertums verkörperte. Sie übernahm Formen und Motive der französischen Kathedralgotik. So entstanden Burgen und Befestigungsanlagen, Rathäuser, Zunfthäuser, Hospitäler und Bürgerhäuser im gotischen Stil. Ein Baustil erfasst wie eine Revolution das Europa des 12. Jahrhunderts. 

Stilistische Merkmale der Gotik

Was genau verbirgt sich aber nun hinter diesem in der Geschichte so kontrovers betrachteten Begriff der Gotik?

Das Streben nach Höhe ist kennzeichnend für die gotische Architektur. Ebenso wie das Auflösen der massiven Wand, um Platz für große Fensterflächen zu schaffen, die den Kirchenraum erstrahlen lassen. Dazu wurden bestimmte bauliche Elemente – wie das Kreuzrippengewölbe, der Spitzbogen und das Strebewerk – verwandt, um diese Idee des himmlischen Jerusalem zu symbolisieren. Es sollten Räume von großer Höhe aus Licht und Farbe geschaffen werden. Durch das unten beschriebene neue Konstruktionssystem ergeben sich eine Betonung der Vertikalen sowie die Auflösung der Wandflächen, die durch große, farbige Fensterflächen gefüllt werden. Auch biblisch bedeutsame Zahlen wie die Drei (Dreieinigkeit Gottes), sieben (Wochentage, Todsünden), sowie zwölf (Apostel) wurden sinnbildlich umgesetzt.

Kreuzrippengewölbe

Kreuzgratgewölbe gab es schon vor der Gotik in römischer Zeit oder im angelsächsischen Raum. Das Kreuzgratgewölbe – das typisch für die Romanik ist – war der Vorläufer des gotischen Kreuzrippengewölbes. Die Konstruktion entsteht durch die Durchdringung von zwei, im rechten Winkel, zu einander stehenden Tonnen von gleicher Höhe. Dadurch entstehen gekrümmten Schnittfläche, auch Grate genannt, die dem Gewölbe auch den Namen Kreuzgratgewölbe geben. Die Bautechnik kann nur durch die römische Technik des Mörtelgusses oder bei sehr kleinen Räumen verwendet werden, da ihr statische Grenzen gesetzt sind.

Demgegenüber werden beim Kreuzrippengewölbe die Grate durch die Rippen unterstützt. Die Neuerung bestand darin, dass beim Gewölbe mit einem viereckigen Grundriss zwei Rundbögen kreuzförmig über die beiden Diagonalen gestellt wurden, zumeist mit einem dekorativen Schlussstein an der Kreuzung. Dadurch war die Stabilität des Gewölbes verbessert, und die Gewölbeschalen konnten dünner und damit leichter sein. Die Gurt- und Schildbögen über den vier Außenseiten wurden spitz nach oben gebaut und konnten so die gleiche Höhe wie die beiden längeren und höheren Rundbögen über den Diagonalen erhalten. Mit Einführung des Spitzbogens erfuhr das Kreuzrippengewölbe eine Steigerung der Gestaltungsvielfalt. Außerdem wurden im Laufe der Jahrhunderte reichere Gewölbekonstruktionen entwickelt wie das Netz-, Stern- und Schlinggewölbeb

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-k/kreuzrippengewoelbe.php

Spitzbogen

Der Spitzbogen gilt als ein zentrales Element der gotischen Baukunst, die deswegen früher auch als „Spitzbogenstil“ bezeichnet wurde. Spitzbögen sind zwar als Einzelelement bereits aus der Romanik bekannt, dort herrschte jedoch noch die Verwendung von Rundbögen vor. Der Spitzbogen ist konstruktiv eine Annäherung an die Bogenform, die dem günstigen statischen Kräfteverlauf einer Parabel entspricht. Spitzbögen bestimmen das Erscheinungsbild gotischer Bauten und finden sich praktisch durchgängig im Querschnitt aller Gewölbe, in der Form der Fenster- und Portalgewände sowie im Maßwerk. Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden (s.u.).

Strebewerk

Das Strebewerk ist ein weiteres zentrales konstruktives und gestalterisches Element der höher werdenden Kirchenbauten. Es ist ein statisches System, das sich in Strebepfeiler und Strebebogen unterteilen lässt und zur Lastabtragung der Kräfte beiträgt. Es dient bei einer Basilika dazu, den seitlichen Gewölbeschub und die Windlast von Mittelschiff und Hochchor aufzufangen. Die Stabilität der Strebepfeiler wird durch Auflasten erhöht, die als Zierelemente wie Fialen (schlanke, spitz zulaufende, flankierende Türmchen) gestaltet sein können. In das Strebewerk wurden auch die Abläufe für Regen- und Schmelzwasser integriert, das über Wasserspeier im Bogen vom Gebäude wegschießt und so von Mauerwerk und Fundamenten ferngehalten wurde. 

Die Schubkraft aus den Gewölben drückt schräg gegen die Hochschiffspfeiler, die ohne den Gegendruck der Strebebögen, einstürzen würden. Das Entgegenwirken der beiden diagonal verlaufenden Kräfte hebt ihre Kraftrichtungen auf, sodass der resultierende Kräfteverlauf vertikal im Pfeilerkern gehalten werden kann. Dies ermöglicht es die Pfeiler trotz der enormen Höhen so schlank auszugestalten. 

Der Strebebogen dient somit dem Weiterleiten des Gewölbe- und Winddrucks, letzterer nimmt aufgrund der ansteigenden Windgeschwindigkeit mit der Höhe zu. Der Kräfteverlauf aus beiden Faktoren entspricht einer Parabelkurve, die bei Windstille steil ist, jedoch bei Windeinwirkung flacher wird. Dann sind zwei Strebebögen notwendig, um den auftretenden Horizontalschub widerstehen zu können. Der untere Strebebogen, der in Höhe des Obergadens ansetzt, leitet überwiegend den Gewölbeschub weiter. Der obere, der an der Traufe beginnt, ist wegen des Winddrucks angebracht worden.

Während das Strebewerk in der Frühzeit der Gotik vor allem statische Funktion hatte und nach innen verlagert war, entwickelte es sich später zu einem wichtigen baukünstlerischen Element und wird deutlich hervorgehoben und von außen sichtbar. Die Strebebögen werden ab 1160 bei Chören (Saint Germain des Pres in Paris) und ab 1180 beim Langhaus (Notre Dame in Paris) frei sichtbar oberhalb der Dachflächen angesetzt.

http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-s/strebewerk.php
http://www.urbs-mediaevalis.de/pages/studienportal/bauteiltypologie/bauteile-s/strebewerk.php

Auflösung der Wand

Bei der Gotik ermöglichten nun die leichtere Bauweise durch Spitzbögen, Kreuzrippengewölbe, Strebewerk und Strebepfeiler eine Verlagerung der tragenden Elemente in den Außenbau, eine starke Reduzierung der Mauerstärken sowie eine weitgehende Durchbrechung der Wände durch Fenster. Die statische Funktion der Bauglieder wird im Innenraum bewusst überspielt, um eine Illusion von Leichtigkeit und Schwerelosigkeit der Architektur zu schaffen. Im Innenraum wird über den Arkaden zu den Seitenschiffen und zum Chorumgang hin ein als Triforium bezeichneter Laufgang in die Wand eingelassen. In die Außenwand wurde eine Vielzahl großflächiger Fenster eingelassen, die das Gebäude leicht und lichtdurchflutet erscheinen lassen. In der Hochgotik wird schließlich auch noch die Rückwand des Triforiums durchfenstert, sodass die Wand vollständig durchbrochen erscheint. Dennoch ist praktisch jedes Element eines gotischen Baukörpers tragend. Die Baumeister der Gotik schufen neue Konstruktionen durch evolutionäre Weiterentwicklung nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“. Deswegen stürzten einige Bauten schon während der Bauphase ein (z.B. die Kathedrale von Beauvais) oder mussten nachträglich aufgrund auftretender Risse mit weiteren kraftableitenden Elementen verstärkt werden. Es entsprach aber – wie oben erläutert – ganz dem damaligen Denken des technischen Empirismus, der auch Fehlschläge mit einkalkulierte.

Das Maßwerk und die Fenster

Mit Maßwerk bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen zur Gliederung von Fenstern, Balustraden und geöffneten Wänden. Das Maßwerk besteht aus geometrischen Mustern, die als Steinprofile umgesetzt werden, wobei der Stein komplett durchbrochen (skelettiert) wird. Das Maßwerk ist ein Element der gotischen Architektur und ist eines der wichtigsten Merkmale der Hoch- und Spätgotik, wo es ein unabdingbarer Bestandteil der Fenster war. Diese Fenster aus Buntglas stellen abstrakte Bilder dar oder Szenen aus dem biblischen Leben. Die Lichtmystik inspiriert Baumeister dazu, großflächige Fenster einzubauen, die Innenräume erhellen und den Besuch der Kathedralen zu einem, im wahrsten Sinne des Wortes, erhellenden Erlebnis machen.

In der bildenden Kunst bezeichnet der Begriff „Buntglas“ gewöhnlich Glas, dem bei der Herstellung lichtdurchlässige Farbe hinzugefügt wurde: ein Verfahren, das seinen Höhepunkt in der gotischen Architektur erreichte, in den malerischen erzählenden Fenstern der großen christlichen Kathedralen. Die Kunstfertigkeit der Glasmaler, die solche mittelalterlichen Meisterwerke wie die Fensterrose an der Westfassade der Kathedrale von Chartres schufen, ist in der Tat selten und außergewöhnlich.

Der Künstler (in der Praxis eine Gruppe von Künstlern) überwachte nicht nur den gesamten Produktionsprozess, um die Unversehrtheit und die richtige Pigmentierung des Glases zu gewährleisten, sondern war auch für die Gestaltung, die Komposition und die Effekte der Glasmalerei verantwortlich. Er begann in der Regel mit einer Reihe von Kohleskizzen oder Skizzen) des gewünschten Bildes. Daraus wurde eine Reihe von Entwurfsplänen in Originalgröße erstellt, die in der Regel direkt auf die Oberfläche aufgetragen wurden, die zum Schneiden, Malen und Zusammensetzen des Glasmosaiks verwendet wurde. Besonderes Augenmerk wurde auf die genauen Details und die Farbgebung der in der Glasmalerei dargestellten Bilderzählung gelegt. Es konnte sich dabei um die Darstellung einer biblischen Episode aus dem Alten oder Neuen Testament handeln, um das Leben von Propheten oder Heiligen, um ein Ereignis aus dem Leben Christi oder der Heiligen Familie. Gewöhnlich wurden auch zusätzliche Symbole oder Motive eingefügt, die die Person oder die Zunft identifizierten, die für das Fenster bezahlt hatte. All dies erforderte eine sorgfältige Vorplanung, bevor der Produktionsprozess begann.

Um die optimale Farbgestaltung eines Glasfensters zu gewährleisten, musste der Künstler außerdem den Winkel, die Menge und die Intensität des einfallenden Lichts beurteilen. Helles Licht erfordert zum Beispiel hellere und dunklere Farben. Dies musste mit der Notwendigkeit eines Farbkontrasts sowie mit der Notwendigkeit, je nach Tages- und Jahreszeit unterschiedliche Lichtverhältnisse zu schaffen, in Einklang gebracht werden. Kurz gesagt, die Kunst der Glasmalerei umfasste architektonisches Design, Glasherstellung, Farbchemie, Cloisonné -Emaille und ein Dutzend anderer Künste und Handwerke.

Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=321662
Von Photo by PtrQs, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54491069 Rosette Nord von Cahrtres

Die neue Form der Bauhütten

Von besonderer Bedeutung für die Gotik war die Ausbildung von Bauhütten seit dem 13. Jahrhundert, ein Verband aller an einem großen Kirchenbau beteiligten Steinmetzen, Handwerkern und Bauleuten, die unabhängig von der städtischen Zunftordnung und mit einer eigenen strengen Ordnung arbeiteten. Vor allem waren sie an die „Arkandisziplin“ gebunden. Das Arkanprinzip (von lateinisch arcanum – „Geheimnis“) ist der Grundsatz, Informationen nur einem Kreis von Eingeweihten – hier den Mitgliedern der Bauhütte – zugänglich zu machen. Waren bisher überwiegend Mönche oder Priester in die Geheimnisse der Baukunst eingeweiht, so verlagerte sich das Wissen nun zu profanen Baumeistern ( sie zeichneten die Pläne – allerdings nicht maßstabgetreu), sowie Steinmetzen, Malern und Bildhauern. Und eben alle diese weltlichen Handwerker, die am Bau eines Gotteshauses beschäftigt waren, schlossen sich zu einer Bauhütte zusammen. Aus dem Zusammenwirken in einer Bauhütte lässt sich u.a. der einheitliche Eindruck gotischen Kathedralen erklären.

Die Leiter der Bauausführung hießen oft Werkmeister (wercmeistere) oder Baumeister; sie gingen zumeist aus dem Steinmetzhandwerk hervor und waren die mittelalterlichen Architekten. Auch Bezeichnungen wie magister operis kamen vor. Bei der Ausführung hatten der Steinmetzmeister (magister lapicidae) und der Maurermeister (magister caementari) sowie der Sculptor  (Bildhauer) Bedeutung. Die Meister der Bauausführung wechselten bei jedem Bauwerk häufiger, schon auf Grund der langen Bauzeiten.

Die Baumeister waren im Grunde die mittelalterlichen Architekten und eigentlichen Schöpfer der Baukunst. Sie waren Universalgenies, Menschen, die über ein enormes Wissen verfügten, Meister der Baukunst, aber auch der Physik, Mathematik und Chemie. Träger von Wissen, das sie geheim hielten. Das neue Verständnis und das neue Selbstbewusstsein der Baumeister zeigten sich darin, dass erstmals Baumeister und Künstler namentlich hervortraten. Kennen wir aus der Zeit der Romanik kaum einen Namen, so besaßen in der Gotik zahlreiche Baumeister einen besonderen Ruf und wurden gezielt mit der Errichtung von Kathedralen beauftragt.

Einige bekannte Grössen waren:

  • Meister Gerhard, Meister Arnold, Johannes von Köln, Meister Michael, Andreas von Everdingen, Nikolaus van Bueren und Konrad Kuene van der Hallen für den Kölner Dom
  • Wilhelm von Sens für die Kathedrale von Canterbury und von Sens
  • Michael Knab, Wenzel Parler, Hans Puchsbaum, Anton Pilgram und Jörg Öchsl für den Stephansdom in Wien
  • Baumeisterfamilie Parler, die gleich mehrere bekannte Kathedralen mitgestalteten, so das Basler, FreiburgerGmünder, Straßburger und Ulmer Münster sowie den Veitsdom in Prag
  • Werkmeister Guerin von der Kathedrale von St, Denis (13. Jh.), der wohl ersten gotischen Kathedrale
  • Werkmeister Hugues Liebergier (1229–1263) von der Abteikirche St.-Nicaise von Reimes
  • Werkmeister Pierre de Montreuil (um 1250) von der Kathedrale Notre-Dame de Paris
  • Juan Guas für die Kathedralen von Avila und Segovia
  • „Meister Enrique“ von Narbonne (Südfrankreich) für die Kathedralen von Léon und Burgos
Von David Jiménez Llanes - Eigenes WerkBenton, Janetta Rebold (2002) Art of the Middle Ages, World of Art, Thames & Hudson, S. 228–230 ISBN: 978-0-500-20350-7., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31695037 Kathedrale von León

Skulpturen in der Gotik

Die Skulpturen wurden zunächst für Kathedralen gefertigt und dort entweder innen oder außen an den Mauern der Kathedrale angebracht. Die gotische Plastik entsteht zunächst aus dem Wunsch heraus, die Fassaden der Kathedralen mit Standbildern, Reliefs und Figuren zu schmücken, die die Heilsgeschichte symbolisieren. Daher wurden gotische Skulpturen mit den hinter ihnen befindlichen Wandteilen aus einem Stück Stein gehauen. Dennoch wirken sie unabhängig von der Architektur, weil sie nahezu voll rund gearbeitet sind. Ein Ensemble aus Tympanon, Bogenfries, Säulen, Statuen und Fundamentverkleidung macht das historische gotische Portal aus. Unter den eingemeißelten Themen finden wir neben der Apokalypse und dem Jüngsten Gericht auch Szenen aus dem Alten Testament, die typologisch mit denen des Neuen Testaments korrespondieren. 

So unmittelbar an die Architektur gebunden stehen die säulenhaften Figuren mit starrem Blick immer im Bezug zum Wandhintergrund, benötigen eine Konsole, auf der sie stehen und einen Baldachin über dem Kopf. Die Figuren wurden zunehmend individualisiert, das heißt, sie bekamen eine eigene Gestik und Mimik, sowie eine eigene Körperhaltung. Die Skulpturen in der Romanik haben keinen Schwung in sich, was bei den Skulpturen in der Gotik anders ist, denn sie haben eine bewegte Darstellung. Mit einer ungezwungenen Eleganz und mit einem weich fließenden Gewand wird die Haltung der Personen in einer leichten S-Kurve dargestellt, was man auch als S-Schwung bezeichnet. Auch an der Kleidung der Skulpturen wurde gearbeitet, denn sie bekamen einen ausgeprägten Faltenwurf, der die gesamte Skulptur lebendiger aussehen ließ. Noch dazu wurden den Skulpturen mehr Details verliehen, sodass sie insgesamt näher an der Realität sind als die Skulpturen der Romanik. Zunächst waren die Skulpturen noch relativ statisch. Doch in der zweiten Hälfe des 14. Jhs. regte ein neuer Realitätssinn dazu an, weitere Gestaltungsmerkmale zu verwenden. 

Westliche Portalanlage von Chartres Von Rolf Kranz - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85693799
Gewände des Mittelportals der Westfassade der Kathedrale von Reims Von Szeder László - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3734097

Auch auf dem Gebiet der Plastik war zunächst Frankreich führend. Berühmte Beispiele sind die West- und Querhausportalfiguren von Chartres – um 1145 – sowie die Figuren der Kathedralen in Reims, Paris und Amiens. Im 13. Jahrhundert zur Stauferzeit schufen auch die deutschen Künstler Meisterwerke der gotischen Plastik.

Allein die 33 lebensgroßen und 200 kleinen Figuren auf einer vergleichsweise kleinen Fläche an den drei großen Westportalen der Kathedrale von Reims zeugen von einer bewundernswerten Kreativität und einem großen handwerklichen Können. Die Säulenstatuen an den drei Westportalen der Kathedrale von Chartres gehören wohl zu den berühmtesten Werken der gotischen Bildhauerei überhaupt. Die Steinmetze in Chartres kleideten die Dargestellten in reiche höfische Gewänder des 12. Jhs., wodurch sie ein neues Verhältnis zum Menschen und zur Natur offenbaren. Sie machen harten Stein geschmeidig.

Und wenn man bedenkt, dass man solch wunderbare Sammlungen gotischer Skulpturen auf hunderten von ähnlichen Kirchen findet, so kann man nur die außergewöhnliche Produktivität der Steinmetze des 13. Und 14. Jhs. bewundern. Viele Leistungen der Künstler in Frankreich, Spanien, England und im Heiligen römischen Reich deutscher Nation bleiben dennoch die Schöpfungen anonymer Kunstschaffender.

Gotische Architektur in Spanien

Phasen:     1150 – 1250 Frühgotik, 1200-1350 Hochgotik, 1350-1550 Spätgotik (u.a. der Isabellastil) 1480-1510

Viel mehr noch als die romanische Bauweise hat sich die gotische Architektur in Spanien zuerst im Norden über den Jakobsweg in Richtung Westen ausgebreitet. In dieser Zeit entstanden einige der reinsten gotischen Kathedralen Spaniens, die der deutschen und französischen Gotik am nächsten standen.

Der gotische Baustil kam erst Ende des 12. Jh. mit der spanischen Architektur in Berührung. So kam es zu einer Übergangsphase mit einer Mischung des romanischen und gotischen Stils. Im 13. Jh. machte die Romanik schließlich den Weg für die reine Gotik frei. Mit dem Erfolg der Rückeroberung, dem Wachsen des spanischen Reiches und der später zufälligen aber dennoch lukrativen Entdeckung Amerikas fiel die gotische Architektur mit einer der erfolgreichsten Epochen der spanischen Geschichte zusammen. Sie ist auch hier voll von spektakulären und atemberaubenden Bauten besonderer Größe und Pracht.

Die Ausbreitung der gotischen Architektur in Spanien hatte drei Hauptgründe.

Der erste Grund war die enge Verbindung nach Frankreich. Ursache hierfür war, dass der Bezug zu Frankreich geographisch und vor allem politisch immer näher gelegen hatte. Schon in der Phase der Stabilisierung der christlichen spanischen Reiche während des 11. Jahrhunderts, die sich noch bis 1492 mit der muslimischen Herrschaft auf dem Südteil der Halbinsel auseinandersetzen mussten, war die Orientierung an französischer Kultur ein wichtiges Mittel gewesen, um Spanien wieder in das christliche Abendland zu integrieren. Entlang des Pilgerwegs ins galicische Santiago spielte die französische Kultur eine besonders große Rolle, denn auf dem camino francés waren nicht nur die Pilger aus Frankreich besonders zahlreich, sondern es gab dort auch eine Reihe von Städten, die ganz oder teilweise von französischstämmigen Einwohnern besiedelt waren.

Der zweite Grund ist die Ausbreitung des Zisterzienserordens und die damit verbundene straffe einheitliche Architektur, die zum Aufbau der großen Konvente des reformierten Ordens führten. Zuvor bestanden schon intensive Kontakte zum Kloster von Cluny, wurde doch die riesige Kirche von Cluny mit Geldern aus den Tributzahlungen der Mauren an die christlichen Herrscher mitfinanziert.

Der dritte Grund liegt in Heiratsverhalten der Könige von Kastilien und Leon begründet, da die Ehen mehrerer Könige mit Prinzessinnen aus den Häusern von Anjou, Burgund und Plantagenet die Einführung der französischen Gotik stark beeinflussten.

So ist nicht verwunderlich, dass die frühen großen gotischen Kathedralen Spaniens in Burgos, Toledo und León noch deutlich den französischen Vorbildern folgten; erst ab etwa 1300 beginnt eine größere Eigenständigkeit der spanischen Sakralarchitektur. Auf die verschiedenen Stile der spanischen Gotik wie Flamboyant-Stil oder isabellinischer Stil wird hier nicht genauer eingegangen.

Zu erwähnen ist noch als Besonderheit Spaniens, dass sich parallel zur Gotik der sogenannte Mudéjar-Stil entwickelte, der seinen Höhepunkt im 14.-16. Jh. hatte. So wurden mancherorts Pfarrkirchen oder andere Bauwerke von Mudéjares errichtet, bei denen die islamische Bautradition und romanische oder gotische Baukunst miteinander verschmolzen wurden. Der Mudéjar-Stil entstand dadurch, dass islamische Handwerker nach der Reconquista in den wiedereroberten Gebieten zurückgeblieben sind und hier ihr Handwerk ausüben durften. (s. Kapitel Mudéjar-Stil)

Hier werden einige der wichtigsten Kathedralen Spaniens aufgeführt, dabei wird nur der Beginn der Bauten angegeben, da die Fertigstellungen sich oft lange hinzogen (am Kölner Dom wurde 632 Jahre lang gebaut!) und es dadurch auch teilweise zu Überformungen mit anderen Stilen kam. Übrigens eine Kirche ist dann eine Kathedrale, wenn in ihr ein Bischof seinen Sitz hat. Auf die einzelnen Kathedralen muss gesondert eingegangen werden. Die Kathedrale von Santiago de Compostela wird nicht aufgeführt, da in ihr romanische und barocke Elemente deutlich überwiegen und nur kleine Bereiche (z.B. der Kreuzgang) gotisch sind. Auf die einzelnen Kathedralen kann auf Grund der Fülle der Informationen nur in eigenen Kapiteln eingegangen werden.

Cuenca                       ab 1196   Frühgotik

Burgos                       ab 1221  erste rein gotische Kathedrale in Spanien (Camino Francés)

Toledo                        ab 1226   (Camino de Levante)

Palma de Mallorca  ab 1229

Burgo de Osma        ab 1232

León                             ab 1255  (Camino Francés)

Barcelona                   ab 1298

Oviedo                        ab ca. 1300 (Camino del Norte und Camino Primitivo)

Girona                         ab 1312   breitestes Gewölbe der Gotik  (Camino de Gerona)

Pamplona                   ab 1391    (Camino Francés)

Sevilla                          ab 1401   größte gotische Kirche der Welt (Via de la Plata)

Salamanca                  ab 1513   (Via de la Plata)

Cordoba                      ab 1523   Einbau eines gotischen Kirchenschiffs in die ehemalige Moschee  (Camino Mozarabe)

Segovia                        ab 1525   letzte gotische Kirche in Spanien  (Camino de Madrid)

Von Ingo Mehling - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37545223 Kathedrale von Sevilla
Von McPolu - Image taken by the user from a balloon and uploaded to Flickr. The user changed its license to a commons-compatible one under request., CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1088120 Kathedralevon Segovia
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Zwei Juwele der präromanischen asturischen Architektur - San Salvador de Valdediós und San Salvador de Priesca in der Gemeinde Villaviciosa

Camino del Norte, Camino Primitivo

De Nachosan - Trabajo propio, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23240930

San Salvador de Valdediós

Die Kirche San Salvador de Valdediós – im Volksmund „el Conventín“ genannt – ist eine präromanische asturische Kirche in Villaviciosa. Die Kirche steht im Valdediós-Tal neben dem Kloster Santa Maria. Die Kirche San Salvador de Valdediós war ursprünglich die Kirche eines Sommerpalastkomplexes.

(s. Kapitel „Vorromanische asturische Archtektur“)

Einer der angenehmsten Aspekte dieses antiken Denkmals ist der Ort, an dem es steht. Es ist ein tiefes Tal östlich der Stadt Oviedo, ganz in der Nähe von Villaviciosa. Dieses grüne Tal ist von Wäldern umgeben, ohne Gebäude oder andere Hindernisse, wodurch eine ruhige Betrachtung aus allen Blickwinkeln möglich ist.

Ein paar Dutzend Meter südlich von San Salvador finden wir die romanische Kirche, den Kreuzgang und einige andere Räume des Zisterzienserklosters Santa María de Valdediós, das in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts errichtet wurde.

Die Herberge im Kloster ist wieder geöffnet und bietet Übernachtung, Frühstück und Abendessen an.

 Geschichte

Der Bau der Kirche San Salvador wird der Zeit der Herrschaft Alfons III. zu geschrieben. Sie wurde am 24. September 921 geweiht und lehnt sich architektonisch und dekorativ an das Vorbild der Kirche San Julián de los Prados an. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden mehrere Umbauten durchgeführt, wobei vor allem die an das Vestibül angrenzenden Strukturen durch die Verbindung mit den Seitenschiffen verändert wurden.

Im Jahr 2011 wurde die erste Phase eines umfassenden Sanierungsprojekts für die Kirche abgeschlossen. Dabei wurde das ursprüngliche Aussehen des Daches wiederhergestellt. Die zweite Phase der Restaurierung soll sich auf den Innenraum und die Wandmalereien konzentrieren.

De AdelosRM - Trabajo propio, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7498462

Architektur

Die Anordnung des Grundrisses entspricht dem Schema einer Basilika mit drei Schiffen, wobei das mittlere breiter ist, aus vier Abschnitten von Halbkreisbögen besteht und an ihren Enden von rechteckigen Apsidenkapellen gekrönt wird. Es verfügt über kein Querschiff, obwohl zwei angeschlossene Räume, einer auf jeder Seite, möglicherweise einen falschen Eindruck erwecken. Die Schiffe sind durch halbkreisförmige Querbögen getrennt, die die hohen Wände des Mittelschiffs tragen. Diese Bögen ruhen auf Säulen mit quadratischem Querschnitt. Da das Mittelschiff viel höher ist als die Seitenschiffe, konnten oben in den Wänden eine Reihe halbkreisförmiger Öffnungen geschaffen werden, die eine direkte Beleuchtung ermöglichen.

Zusätzlich zu den drei beschriebenen Apsiden verfügt der Kopfteil der Kirche über eine „Schatzkammer“, die sich zwischen der Hauptkapelle und dem Dach befindet. Die Wand der zentralen Apsis verfügt über ein dreiseitiges Fenster zur Beleuchtung und darüber erkennt man ein zweiseitiges Fenster für die Schatzkammer.

Am Westteil der Kirche befindet sich ein niedriger Portikus, der von umliegenden Räumen flankiert wird, die nicht mit den Kirchenschiffen verbunden sind. Darüber wurde eine hohe Galerie errichtet, die über eine an der Wand des Südschiffs befestigte Treppe mit der Veranda verbunden war. Diese Tribüne – im Stil des karolingischen Westwerks – war ein privilegierter und reservierter Ort für den König, um an den Liturgien teilzunehmen. Sie wird von einem zweibogigen Fenster beleuchtet, das drei Säulen, einem mit Schriftrollen verzierten Alfiz und darüber einem Fries mit einem perfekten Relief des Siegeskreuzes mit seinem entsprechenden Alpha und Omega aufweist. Dies sind Merkmale der maurischen Architektur, die wahrscheinlich von den Mozarabern mitgebracht wurden, die bereits in jenen Jahren begannen, aus dem Süden auszuwandern, um die zurückeroberten Gebiete zu besetzen und so soziale, wirtschaftliche und religiöse Unabhängigkeit zu erlangen.

Durch die Südtür gelangt man in das Innere des Tempels.

Die drei Schiffe der Kirche sind mit Tonnengewölben bedeckt, die auf den gestützten Außenwänden und auf den beiden Bögen ruhen, die die Schiffe in Längsrichtung trennen. Sie bestehen aus Halbkreisbögen, die von starken Säulen mit quadratischem Querschnitt getragen werden. Der seitliche Portikus weist ebenfalls ein Tonnengewölbe auf, in diesem Fall jedoch durch Querbögen verstärkt. Die Apsiden sind in einer niedrigeren Höhe gewölbt als das jeweilige Kirchenschiff. Die vollständige Einwölbung wird durch die geringe Breite der Kirchenschiffe erleichtert, insbesondere der Seitenschiffe, die sehr schmal sind.

Interessant ist auch die seitliche Veranda, die etwas später als die Kirche an der Südwand errichtet wurde. Diese Art von Portiken dienten u.a. zu Bestattungszwecken oder Bußfeiern. Jahrhunderte später nahm diese Art von Seitenvorbauten in vielen romanischen Kirchen Gestalt an und erweiterte ihre Funktionalität als Treffpunkt.

De Ángel M. Felicísimo from Mérida, España - San Salvador de Valdediós, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17017705

Wandgemälde

Liebhaber mittelalterlicher spanischer Kunst kennen wahrscheinlich die berühmten Wandmalereien in der Oviedo-Kirche San Julián de los Prados. Im vorliegenden Fall sind in der Kirche San Salvador de Valdediós auch einige kleine Beispiele ähnlicher Fresken erhalten

Dabei handelt es sich um Gemälde, die mit der aus der römischen Welt übernommenen Freskentechnik angefertigt wurden. Die am häufigsten verwendeten Farben sind Rot, Schwarz, Ocker.

Die gemalten Motive unterliegen einem Anikonismus (d.h. keine figürlichen Darstellungen), der typisch für jene Zeiten ist, in denen noch über die Zweckmäßigkeit der Darstellung von Heiligen debattiert wurde (als die asturischen Kirchen gemalt wurden, befand sich das Byzantinische Reich mitten im Bildersturm oder war erst kürzlich daraus hervorgegangen).

Aus diesem Grund werden rhythmisch angeordnete geometrische Formen wie Rauten, Kreise oder längliche Sechsecke verwendet. In anderen Fällen werden Bögen nachgeahmt. Es gibt auch Pflanzen und, was sehr wichtig ist, christliche Symbole wie die drei Kreuze – Tritte – von Golgatha und Chrismons, die in konzentrischen Kreisen eingraviert sind, sowie ein Alpha und ein Omega an der Spitze.

Von Ángel M. Felicísimo from Mérida, España - San Salvador de Priesca, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17018315

San Salvador der Priesca

Die Kirche San Salvador liegt wenige Kilometer von der Gemeinde Villaviciosa entfernt im Ort La Quintana. Es ist eines der interessantesten Beispiele der letzten Aufbauphase der asturischen Monarchie. Die Kirche wurde am 24. Oktober 921 unter der Herrschaft von Ordoño II. (914-924) geweiht, zu einer Zeit, als die asturischen Könige bereits nach León gezogen waren.

Die Kirche ist neben Santiago de Gobiendes (Colunga) eines der letzten vorromanischen Bauwerke Asturiens, zumindest derjenigen, deren Datum wir bestimmen können. Obwohl es sich um ein späteres Baujahr handelt, wird es aufgrund der formalen und stilistischen Verwandtschaft mit anderen asturischen vorromanischen Kirchen normalerweise dem Typus der Kirchen zur Bauperiode unter Alfons III. (866-910) eingeordnet und hat viel Ähnlichkeit mit der Kirche San Julián de los Prados oder San Miguel de Lillo aus derselben Zeit sowie natürlich San Salvador de Valdedios.

 

Von Ramón - originally posted to Flickr as Iglesia de San Salvador (Priesca) - 105, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6912398

Architektur

Der Grundriss entspricht perfekt dem traditionellen Vorbild asturischer Kirchen. 

Darin sind die für das 10. Jahrhundert typischen neuen künstlerischen Strömungen zu sehen, wie die Hufeisenbögen der Kammer, die sich über der Apsis befindet, oder Reste einer Malerei mit geometrischen Formen. All dies ist jedoch in einer traditionellen Struktur vereint, die typisch für die asturische vorromanische Bautradition ist.

Bei der Kirche handelt es sich um ein etwa 17 Meter langes Gebäude mit einem dreischiffigen Basilika-Grundriss, wobei das Mittelschiff höher und breiter ist als die Seitenschiffe. Diese werden durch drei leicht geneigte Halbkreisbögen aus Backstein getrennt, die von vier Pfeilern mit quadratischem Querschnitt getragen werden. Die Säulen und Bögen sind verputzt und haben geformte Kapitelle, wie sie für die asturische Architektur charakteristisch sind.

Die drei Schiffe münden in ebenso viele Kapellen, die rechteckig angeordnet sind und außen eine gerade Kopfwand bilden. Die drei Apsiden sind mit Tonnengewölben bedeckt, und in der Mitte befindet sich ein blinder Torbogen, der entlang der Nord- und Südwand auf einer durchgehenden Steinbank verläuft und der auf der Ostseite in drei große Halbkreisbögen übergeht, ebenfalls blind, aber größer als die seitlichen.

Über der Mittelapsis befindet sich eine kleine Kammer, die nur von außen durch ein Fenster mit zwei kleinen Hufeisenbögen auf einem Pfosten zugänglich ist. Die Forscher sind sich nicht einig über seinen Ursprung oder seine Funktion. Sie könnte etwa als Aufbewahrungsort für Reliquien oder als Getreidelager gedient haben. Zusätzlich gibt es einige Anbauten aus späteren Jahrhunderten u.a. den Turm aus dem 17. oder 18. Jh.

Von Ramón - originally posted to Flickr as Iglesia de San Salvador (Priesca) - 105, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6912398

Skulpturen und Wandmalerei

Die Kapitelle der Säulen weisen sehr schöne skulpturale Pflanzenformen auf. Darin sieht man eine Verzierung mit speerförmigen Blättern mit fischgrätenförmigen Adern.

In der Apsis ist von allen Gitterwerken, die die Fenster der Kirche bedeckten, das einzige Original erhalten. Seine Form besteht aus drei Halbkreisbögen im unteren Teil, einem zentralen Rosettenfenster mit acht Lappen und darüber drei weiteren Halbkreisbögen. 

Im Inneren des Gebäudes sind einige Reste von Wandmalereien zu sehen, die stark verfallen sind. Ursprünglich waren in der gesamten Kirche Wandmalereien, die aber zum Teil durch einen Brand zerstört wurden.

Im Mittelschiff, im oberen Teil der Epistelseite, befindet sich ein länglicher Sockel, auf dem die Darstellung eines Palastes mit perspektivisch dargestelltem Innenhof platziert ist. In der Mitte ist ein Baum zu sehen, gekrönt von einer Vase, aus der ein weiteres Pflanzenmotiv hervorgeht. In einem anderen Feld erscheint eine sehr grob dargestellte männliche Figur, die auf einem Thron sitzt und nach links blickt. Im Südschiff sind bis zu sechs Gebäude dargestellt, die einen Palast mit einem von Säulen umgebenen Innenhof bilden. Die übrigen Gemälde stellen geometrische Motive dar.

Von Ramón - originally posted to Flickr as Iglesia de San Salvador (Priesca) - 037, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6912224
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Mazarbische vorromanische Architektur

Mazarbische (vorromanische) Architektur

Camino Aragonés, Via de la Plata, Camino del Norte, Camino Primitivo

Neben der westgotischen und der asturischen zählt auch die mazarabische Architektur zu den Präromanischen Architekturstilen. Besonders interessant und bedeutsam ist dabei, dass die mozarabische Architektur ein positives Beispiel für die fruchtbare Symbiose von islamischer und christlicher Kultur ist und und uns dadurch wunderbare Bauwerke schenkte.

Geschichtlicher Hintergrund

Nach der maurischen Eroberung der iberischen Halbinsel im Jahr 711 und dem Zusammenbruch des Westgotenreiches wurde das Zusammenleben der Christen, die anfangs die Mehrzahl der Bewohner darstellten, mit den islamischen Herrschern durch Verträge geregelt. Diese sicherten den Christen die persönliche Freiheit und den Erhalt ihrer materiellen Güter zu. Sie konnten ihre Gotteshäuser bewahren und ihre Religion ausüben, wenn sie nicht den Islam beleidigten oder versuchten, Muslime zum Christentum zu bekehren. Wie die Juden unterlagen sie einer eigenen Rechtsprechung und waren von den wichtigsten öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Ihnen waren höhere Steuern auferlegt als den Muslimen. Vor allem im Umfeld der Bischofsstädte Toledo, Córdoba, Sevilla und Merida blieb der Anteil der christlichen Bevölkerung hoch. Noch im 11. Jahrhundert gab es Dörfer mit fast ausschließlich christlichen Einwohnern.

Allerdings erhöhte sich ab Mitte des 9. Jh. der Druck auf die Christen kontinuierlich. Gleichzeitig erweiterten die christlichen Königreiche ihr Gebiet weiter nach Süden.

Das christliche Spanien bestand im 10./11. Jahrhundert aus dem Königreich Leon (910–1027), in dem unter Ramiro II. (931–951) das asturische Königreich aufgegangen war, dem Königreich Navarra (905–1035), der Grafschaft Kastilien (930–1022) und der Grafschaft Barcelona (898–1018).

Unter dem asturischen König Alfons III. (866–910), der seine Hauptstadt von Oviedo nach Léon verlegt hatte, wurden Gebiete entlang des Río Duero wiederbesiedelt. In diesem Niemandsland, das als Pufferzone zu den islamischen Gebieten dienen sollte, war zuvor die Bevölkerung vertrieben worden. Bereits 893 wurden in den Städten Simancas, Toro und Zamora Christen aus Toledo wieder angesiedelt. Anfang des 10. Jahrhunderts wurden Christen aus Córdoba in der Gegend um León ansässig.  Viele dieser Christen waren aus al Andalus geflohen, da sich das friedliche und tolerante Zusammenleben, deutlich verschlechterte. Infolgedessen begann ein Exodus christlicher Menschen aus al- Andalus nach Nordspanien. Darunter waren auch viele Mönche, die sich in den aufgegebenen westgotischen Klöstern niederließen oder neue Klöster bauten, in denen sie auch maurische Stilelemente einbrachten.

(s. Kapitel Arabisierung Spaniens und Reconquista),

gelb: Königreich León, orange: Königreich Navarra (Pamplona) mit der Grafschaft Kastilien, rosa: Grafschaft Barcelona, grün: al-Andalus; um 1030 Von Crates - File:Leon 1030.png that comes from this liberated to the public domain by the University of Texas at Austin., CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5736381

Der Begriff mozarabische Kunst

Die Bezeichnung Mozaraber wurde erst ab dem frühen 12. Jahrhundert verwendet. Er bezieht sich auf die christlichen Bewohner von al-Andalus, die sich die Kultur der Mauren angeeignet hatten, jedoch ihren christlichen Glauben bewahrten.

Der Begriff „ mozarabische Kunst “ ist relativ neu. Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem Historiker Manuel Gómez Moreno in der Überzeugung geprägt, dass die Kunst des 10. und frühen 11. Jahrhunderts in Kastilien und León, in Katalonien und in Aragon im Wesentlichen von den angesiedelten Mazarbern geprägt ist. Allerdings stören sich einige Forscher an dem Begriff aber anderen Begriffe wie z.B. Wiederbesiedlungskunst (Arte de Repoblación) haben sich nicht durchgesetzt. Der Begriff umfasst die Zeit zwischen dem Ende des 9. bis zum Anfang des 11. Jh., bezieht sich also auf den Zeitraum zwischen dem Ende der asturischen Architektur und dem Beginn der Romanik. Es entstand eine Architektur, die westgotische mit maurischen Elementen verband.

Von MiguelAlanCS, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64872043 San Miguel de Escalada
Von David Perez - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28297390

Typische Stilelemente

Diese von außen schlichten Kirchen haben meist einen sehr schönen Innenraum mit orientalischen Elementen, mit Hufeisenbögen, Säulen mit korinthischen Kapitellen der Cordoba-Tradition und in einigen Fällen skulpturalen Schnitzereien von großem fantasievollem Schematismus.

 Es gibt ein paar typische Stilelemente, die diesen Stil ausmachen. Allerdings darf man nicht davon ausgehen, in jeder Kirche alle diese Elemente zu finden sind.

  • Sehr vielfältige Grundrisse, aber mit einer Tendenz zu einer stark unterteilten räumlichen Anordnung, wie in der hispano-westgotischen Architektur.
  • Kirchenschiffe meist mit flachen Holzdecken, kleinere Raumteile sind mit Kreuzgratgewölben oder Rippengewölben gedeckt. Die Apsiden besitzen Tonnengewölbe aus Stein oder Kuppeln. Teilweise Schirmkuppeln als Neuerung gegenüber den anderen Stilen.
  • Hufeisenbogen im islamischen Stil, sehr geschlossen, mit einer Überhöhung von zwei Dritteln des Radius. Der Hufeisenbogen wurde bereits in der westgotischen Architektur verwendet. Im Unterschied ist, dass der mozarabische Bogen enger geschlossen ist und er besitzt meist einen Schlussstein.
  • Alfiz (architektonisches Schmuckelement in Form eines rechteckigen oder quadratischen Rahmens um eine gewölbte Fenster-, Tür- oder Arkadenöffnung) rahmt die Bögen ein.
  • Verbundpfeiler (Viertel-, Halb- oder Dreiviertelsäule, die einem tragenden Element vorgebaut ist und sich in die Rippen des Gewölbes hinein fortsetzt) und Säulen.
  • Korinthisches Kapitell mit Seilkragen.
  • Skulpturen mit geometrischen Motiven (Kreuze, Schriftrollen, Blatt und Rankenornamente usw.)
Iglesia Santa Maria de Lebena Von Image detailsCasio EX ZR1000Orikrin1998CC-BY-3.0 - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30866574a
Hufeisenbögen auf Pfeilern und Säulen, korinthische Kapitelle und Kämpfer CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=176134

Einige Mozarabische Kirchen entlang der Jakobswege

 

San Juan de la Pena                (Camino Aragonés)

Santa Maria de Lebana          (Camino Lebaniego von San Vicente de la Barquera 

                                                      zum Kloster San Toribio)

Santa Maria in Tabara            (Via de la Plata)

San Millan de Suso                 (Camino Frances)

San Miguel de Escalada          (12 km vom Camino Frances entfernt)

Santa Maria de Wamba         (Camino de Madrid)

Santiago de Penalba               (Camino Frances bei Ponferrada))

San Tomás de la Olla              (Camino Frances bei Valladolid))

San Xes de Francelos              (Camino Portugues)

Von Julio Prieto - Original, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=761913 San Baudelio Pfeiler
San Xes de Francelos Fenster mit Transenna Von Jose Antonio Gil Martínez. FREECAT aus Vigo - Flickr, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3207336
Von Zarateman - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4097941 Santiago de Peñalba, mozarabischer Hufeisenbogen mit Alfiz

Eine Sonderform der mozarabischen Architektur – die Serrablo – Kirchen in der Provinz Huesca

Die Serrablo-Kirchen sind eine Gruppe von Kirchen mit sehr homogenen Merkmalen, die zwischen der Mitte des 10. und dem 11. Jahrhundert in einem sehr begrenzten geografischen Raum im Norden der Provinz Huesca erbaut wurden. Sie waren lange Zeit kaum bekannt, bis die Freunde der Serrablo-Vereinigung begannen die Kirchen und Ruinen zu restaurieren. Nicht alle Wissenschaftler rechnen sie dem mozarabischen Stil zu, sondern eher der Frühromanik oder von einem eigenen vorromanischen aragonesischen Stil zu.

Auf jeden Fall ist die Anwesenheit der mozarabischen Bevölkerung in der Gegend von Serrablo belegt, als nach dem Fall des Westgotenreichs muslimische Herrscher die Kontrolle über den damals als ländlicher Yilliq (Gállego) bekannten Bezirk übernahmen. Mit der Rückeroberung des Gebietes und der Wiederbesiedlung Mitte des 10. Jh. siedelten sich hauptsächlich Mozaraber dort an. 

Typische Merkmale

Die Serrablo-Kirchen zeichnen sich durch ihre große Homogenität in Bezug auf Konstruktion  und Dekoration aus. Die meisten Kirchen besitzen ein einziges Kirchenschiff mit einem Giebeldach aus Holz, und einer dazu entsprechenden halbkreisförmigen Apsis.  Die Wände bestehen praktisch ausnahmslos aus rechteckigen Quadersteinen.

Eines der Elemente, die diese Serrablo-Kirchen, sofern sie intakt erhalten sind, unverwechselbar machen, sind ihre Glockentürme. Sie weisen wegen ihrer Schlankheit im Verhältnis zum Rest des Gebäudes und durch ihre Höhe eine latente Ähnlichkeit zu einigen islamischen Minaretten auf. Diese Türme, die sich entweder auf der Nord- oder Südseite der Kirche befinden, weisen in der Regel Öffnungen mit einer leichten Hufeisenform auf. Das letzte Geschoss ist allen vier Seiten von Drillingsfenstern durchbrochen, die von einem Alfiz eingerahmt werden. Vermutlich wurde ein Teil der Türme gleichzeitig als Wachtürme genutzt.

Die Zugangstüren, die sich normalerweise an der Südseite der Gebäude befinden, haben im Allgemeinen hufeisenförmige Öffnungen, die von kleinen rechteckigen Kassetten eingerahmt sind. Die Fenster weisen hufeisenförmige Öffnungen – einfach oder zweiseitig – eingerahmt mit den bereits erwähnten rechteckigen Kassetten.

Die Kirchen der Ruta Serrablo sind:

San Pedro de Lárrede                         San Pedro de Lasieso                        

San Juan de Busa                                 San Miguel de Latre

Santa Eulalia de Susín                        San Martín de Ordovés

San Martín de Oliván                         San Miguel de Orna

San Martín de Arto                             Santa Eulalia de Orós Bajo
San Bartolomé de Gavín                   San Juan de Orús
Santa María de Isún de Basa            San Andrés de Satué
Iglesia de Javierrelatre

Von Willtron, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=336574 Kirche San Pedro in Lárrede

Mozarabische Bauwerke in Spanien nach Wikipedia „Mozarabische Architektur“ plus eigenen Ergänzungen:

Die genaue Zuordnung zu den präromanischen Architekturstilen ist nicht immer einheitlich.

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Zwei Kleinode der präromanischen asturischen Architektur – Santa María del Naranco und San Miguel de Lillo bei Oviedo

Zwei Kleinode der präromanischen asturischen Architektur – Santa María del Naranco und San Miguel de Lillo bei Oviedo

Camino Primitivo, Camino del Norte

Im Allgemeinen weisen die erhaltenen Tempel der asturischen Architektur große Ähnlichkeiten untereinander auf, mit Ausnahme derjenigen, die zur „ Ramirense-Zeit “ gezählt werden.

Tatsächlich wurde während der kurzen Regierungszeit von Ramiro II. (842-850) eine Reihe von Gebäuden errichtet (mindestens drei sind erhalten geblieben), deren Qualität die davor und danach errichteten Gebäude deutlich übertraf. Diese Gebäude sind:

  • Santa María del Naranco.
  • San Miguel de Lillo.
  • Heilige Christina von Lena.

Die Bedeutung dieser drei Denkmäler ist so groß, dass dieser Gruppe ein spezifischer Name gegeben wurde: „Ramirense-Architektur“.

(s. Kapitel  Asturische  vorromanische Architektur)

Ramirense-Architektur

In den Gebäuden der Ramirense-Architektur ist eine hochwertigere Bauweise zu erkennen als in den Gebäuden vor und nach Ramira. Beispielsweise wurden die Mauern aus besser geschnittenen Quadern und in einigen Fällen auch aus hochwertigen Material errichtet. Von großer Bedeutung ist die Tatsache, dass die drei Ramirense-Gebäude vollständig von Halbtonnengewölben auf Querbögen bedeckt waren und nicht nur ein Teil, wie es bis dahin üblich war. Schließlich besteht einer der großen Unterschiede zwischen den Ramirez-Kirchen und denen, die nicht zu dieser ausgewählten Gruppe gehören, darin, dass in den Ramirez-Kirchen monumentale Skulpturen in Kapitellen und Wandreliefs vorkommen.

Von Willyman - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39385146 Nordfassade Santa Maria del Naranco

Santa María del Naranco

Ein kurzer Blick auf das Gebäude zeigt, dass seine Morphologie nichts mit denen der damaligen Kirchen zu tun hat und eher einem römischen Tempel als einer christlichen Kirche ähnelt. Tatsächlich geht man davon aus, dass es sich ursprünglich um einen königlichen Palast oder Palatinsaal  (Aula regia) handelte, der von Monarch Ramiro I. in Auftrag gegeben wurde. Er wurde im Jahr 842 fertiggestellt. Im 12. Jahrhundert wurde der Saal dann in die Kirche Santa María umgewidmet.

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=157240

Architektur

 Santa María del Naranco ist ein rechteckiges Gebäude mit zwei Stockwerken, obwohl es aufgrund des optischen Effekts, den der Architekt geschickt durch das Öffnen der oberen Fenster an den Vorderfronten erzeugt hat, den Anschein erweckt, als hätte es drei Stockwerke. Sein unbekannter Architekt entwarf mit großem technischem und ästhetischem Wissen ein schlankes, leichtes und elegantes Gebäude. Das Untergeschoss dient als Stütze für das Obergeschoss mit einem Gewölbe, das niedriger und stärker ist als das des oberen Gegenstücks.

Der Bau war nicht groß, er wies nur einen repräsentativen Saal, ein Bad und ein Raum für Dienstboten auf. Das Obergeschoss hat einen rechteckigen Grundriss, der an den Enden von zwei Aussichtspunkten oder Balkonen gekrönt wird. Die zwei Aussichtspunkte oder Balkone stellen die schönsten Teile der architektonischen Struktur darstellen. Sie sind sehr offen, mit drei Bögen vorne und zwei Seitenbögen. Später wurde dort ein Altar aufgestellt, der nicht dem ursprünglichen Platz entspricht. In den oberen Teilen wurden dreibogige Fenster eingesetzt, die zum Teil für die optische Wirkung der drei Stockwerke verantwortlich sind, aus praktischen Gründen jedoch nur für die Intensivierung der Beleuchtung dieser Balkone verantwortlich sind. Von diesen hoch oben gelegenen Balkonen aus konnte das Volk den König gut sehen. Es ist klar, dass dadurch die Bedeutung und Legitimität der Monarchie herausgestellt werden sollte. Im Obergeschoss sind die Seitenwände durch Blindbögen gegliedert, die auf schrägen Halbkreisbögen basieren, zwei typische Merkmale der Ramirense-Zeit. Das Obergeschoss kann nur über eine Treppe an der Nordseite erreicht werden.

Das Untergeschoss ist mit einem Tonnengewölbe versehen, das wiederholt sich im Obergeschoss. Dass auch im Obergeschoss dank der Querbögen ein Gewölbe errichtet werden konnte, wird von den Chroniken der Zeit zu Recht hervorgehoben. Damit stehen diese Bauten im damaligen christlichen Europa einzigartig und fortschrittlich da. Trotz des aufwendigen Quadermauerwerks muss man sich den Bau geschlämmt, teils verputzt und farbig gefasst vorstellen!

Im Untergeschoss gibt es keine Belvedere, nur einige Öffnungen an den kleineren Enden, die den Zugang zum Innenraum ermöglichen. Parallel zum Eingang zum Obergeschoss mit seiner Treppe und der Einfriedung als Kapelle gibt es im Untergeschoss zwei Einfriedungen, eine als Eingang und eine andere, in der sich ein kleines Ritualbecken befand.

Von Enric - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72658585 Innenraum des Obergeschosses
Von Enric - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72658584 Untergeschoss

Skulpturale Reliefs

Aber nicht nur die architektonische Qualität des oberen Teils des Palatin-Zimmers von Santa María del Naranco ist großartig, sondern der Baumeister hat ihm auch eine gewisse skulpturale Dekoration verliehen. Tatsächlich endet jeder der oben erwähnten Querbögen in Zierleisten oder Pfostenlinien, wie es zwei Jahrhunderte später in der Romanik üblich war. Anschließend werden die Querbögen durch kleine Bänder verlängert, die in rechteckigen Reliefs und Medaillons mit skulpturalem Dekor enden.

Dabei handelt es sich um sehr flache Reliefs mit großer Schematisierung und Geometrisierung, während ihre Ikonographie und ihr Stil mit der angelsächsischen und keltischen Welt, aber auch mit der östlichen Welt (persische und byzantinische Kunst) in Zusammenhang stehen. Konkret wurden in den Zwickeln der Bögen Scheiben aus Doppelseilen, ein Gewirr aus Stängeln und Tierfiguren angebracht. Darüber wurden vertikal ausgerichtete rechteckige Friese angeordnet, deren Reliefs Bögen zeigen, die Krieger zu Pferd in akklamierender Haltung schützen.

Von Ecelan - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5241008
Von Ecelan - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5240948

Funktionen von Santa María del Naranco als Palatin-Saal


Höchstwahrscheinlich wurde der Palatin-Saal als königliche Residenz (Sommerpalast) genutzt und als Raum für Audienzen und Treffen des Königs mit den hohen Würdenträgern des Königreichs. Bei diesen Palatinsitzungen waren die Belvederes mit Holztüren verschlossen und so vom Audienzzimmer getrennt. Dadurch blieb ein kleiner Palatinraum übrig, der jedoch von der Außenwelt isoliert war.

Eine weitere Funktion von Santa María del Naranco war die Durchführung von Ritualen zur Kriegererhöhung in militärischen Feldzügen. Aus dem Text „Ordo Visigothorum“ wissen wir, dass im Frühling, als der König mit seinen Heeren in den Krieg zog, im Palatinsaal eine Hofzeremonie mit religiösem Charakter abgehalten wurde.

Bei dieser Zeremonie betraten der König und der Bischof die untere Etage des Gebäudes, wo der Prälat den König in das rituelle Becken mit gesegnetem Wasser tauchte, damit er das liturgische Bad empfangen konnte. Anschließend wurde er getrocknet und ihm wurde eine weiße Tunika übergezogen. Später betraten der Bischof, der König und ihre Ministranten das Obergeschoss.

Hier angekommen wurde der König gesalbt, ihm wurde ein Umhang angelegt und ihm wurde das Labarum, die Hauptheeresfahne verliehen, die er im Kampf zur Schau stellen musste und die das Symbol für den Vorsitz über die Armeen war. Anschließend segnete der Bischof die edlen Ritter vom Obergeschoss aus. Alle diese Zeremonien wurden vor den Augen der Armee durchgeführt. Schließlich ging der König von einem Aussichtspunkt zum anderen, um den Beifall des Volkes entgegenzunehmen.

Bewertung

Was die Chronisten viele Jahrhunderte lang an Santa Maria de Naranco bewunderten, waren die Proportionen und schlanken Formen, die reiche und vielfältige Verzierung und die Einführung von länglichen Tonnengewölben dank der Querbögen, die eine Stützung ermöglichten und Holzdecken überflüssig machten. Santa María del Naranco ist ein prächtiges, in seiner Zeit und seinem Stil einzigartiges Gebäude, das vielen Elementen der romanischen Architektur mehrere Jahrhunderte voraus war.

Man kann es aber auch viel poetischer ausdrücken:

Nooteboom schreibt dazu, das Bauwerk ist aus Stein aber doch Licht und Luft durchflutet und diese Atmosphäre mache ihn meditativ aber auch ausgelassen, froh und erfreut über Dinge, die erhalten blieben.

Welch schöne Beschreibung eines Bauwerkes abseits der eher fachlichen Darstellung, aber gut nachvollziehbar, allein wenn man die Fotos betrachtet!

San Miguel de Lillo

San Miguel de Lillo, nur wenige Gehminuten von Santa Maria del Naranco entfernt, wurde ebenfalls von Ramiro I. erbaut. Es ist eines der bemerkenswertesten Gebäude der asturischen vorromanischen Architektur in ihrer als Ramirense bekannten Phase (Mitte des 9. Jahrhunderts). Es handelte sich um die Kirche des Palatin-Komplexes, den Ramiro I. auf dem Berg Naranco errichten ließ. War das heutige Gebäude von Santa María del Naranco der Palast selbst (später als Kirche geweiht), war San Miguel de Lillo die Palatinkapelle.

Von Alonso de Mendoza - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75465575

Architektur

Was wir heute sehen, ist ein kleiner Teil des ursprünglichen Gebäudes, da ein Großteil davon Jahrhunderte später einstürzte. Allerdings kennen wir seine ursprüngliche Form.

Ursprünglich handelte es sich um ein außergewöhnlich langgestrecktes und hohes, vollständig gewölbtes Gebäude mit drei Schiffen, das in einer dreifachen Apsis mit einer durchgehenden geraden Wand an der Spitze endete. Zwei Kapellen ragten aus dem Umfangsrechteck der Kirche hervor, als ob sie ein nicht existierendes Querschiff repräsentierten. Es gab einen westlichen Vorbau mit einem hohen Obergeschoss, das als königliche Tribüne diente, damit der Monarch an der Feier der Messen teilnehmen konnte.

Der Wunsch des Architekten nach Vertikalität, die neuartigen Lösungen gegenüberliegender Gewölbe und wahrscheinlich die Verschiebung des Bodens führten dazu, dass mehrere Teile der Kirche eingestürzten. Derzeit sind nur noch das Westmassiv und der erste Abschnitt der Kirche übrig. Der Rest ist das Ergebnis einer romanischen Umgestaltung.

Chroniken des 9. Jahrhunderts betonten die Schönheit und Vollkommenheit der Kirche, der keine andere in ganz Spanien gleichkäme. Als architektonische Neuheit erwähnten sie, dass anstelle von Pfeilern Säulen verwendet wurden und dass die Räume keine Holzdecken besaßen, sondern eingewölbt waren und zwar mit Stein und nicht mit Ziegeln.

https://www.arteguias.com/iglesia/sanmiguellillo.htm

Fenster und Portal

Auffällig sind die zahlreichen Fensteröffnungen, von denen noch vier originale Transennen (ornamental durchbrochene Steinplatten) erhalten sind.

Sehr elegant sind die Fenster mit Stein- oder Stuckgittern, die Doppel- oder Dreifachbögen kombinieren, auf Säulen mit betonter Entasis oder zentraler Verdickung der tonnenförmigen Schäfte, korinthischen Kapitellen, die eine Struktur aus sicherlich spektakulären geometrischen Netzwerken tragen. Besondere Aufmerksamkeit verdient ein 1,80 Meter hohes und 90 Zentimeter breites Rundbogenfenster, dessen Füllung monolithisch aus Kalkstein gearbeitet ist.

Die skulpierten Kapitelle und Pfeiler greifen als Vorbild auf spätantike und frühbyzantinische Elfenbeinschnitzereien zurück. 

Die beiden 1,80 Meter hohen Reliefplatten aus Kalkstein an den Portallaibungen des Eingangs stammen aus der Entstehungszeit der Kirche. Sie sind in drei Felder eingeteilt und von einem Rahmen aus Tauband und Blütenblättern umgeben. Die obere und untere Szene stellt einen sitzenden römischen Konsul dar, der von zwei Hofbeamten begleitet wird. Er hält in der linken Hand ein Zepter und in der rechten Hand eine mappa, ein Tuch, das zum Zeichen der Eröffnung der Zirkusspiele in die Arena geworfen wurde. Die mittlere Szene zeigt einen Akrobaten, der mit den Händen auf einem Stab balanciert, einen Löwen und einen Mann mit einer Peitsche. 

Für Bango Torviso wurde diese Darstellung im Zusammenhang mit römischen und byzantinischen kaiserlichen Bräuchen geschaffen, um dem asturischen Monarchen Prestige zu verleihen und dem jungen asturischen Königreich maximale Legitimität in seinem Wunsch zu verleihen, das verlorene Territorium des alten westgotischen Königreichs  zurückzuerobern

https://www.arteguias.com/iglesia/sanmiguellillo.htm
Von Zarateman - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 es, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16775828
CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=135771
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Jakobsweg meets avantgardistische Architektur

Jakobsweg meets avantgardistische Architektur

Camino del Norte, Camino Primitivo, Via de la Plata, Camino frances

In diesem Kapitel möchte ich Euch einige Beispiele der avantgardistischen Architektur u.a. entlang der Jakobswege vorstellen. Es sind zum Teil visionäre Bauwerke, die aber leider nicht immer den Erfolg gebracht haben, den man sich von ihnen erwartete. Unten erfolgt eine kurze Darstellung der baulichen Struktur. (Die Texte zu den Bauten entnehme ich z.T. dem Aufsatz „Arquitectura-contemp“). Neben der Faszination der Bauten soll aber auch kurz auf einige Probleme und nicht erfüllte Hoffnungen eingegangen werden.

Bilbao:                                             Guggenheim-Museum

                                                           Arena Bilbao

Oviedo:                                            Kongresspalast

San Sebastian:                                Kongresszentrum

Santander:                                       Centro Botin

Avilé:                                                  Niemeyer-Zentrum

Santiago de Compostela:             Cidade da Cultura de Galicia 

Leon                                                   Museum Musac

Burgos                                                Museum der Evolutionsgeschichte der Menschen

Sevilla                                                 Caixaforum

                                                              Metropol Parasol

Guggenheim-Museum

Bilbao – GUGGENHEIM-MUSEUM

Wie ein vor Anker gegangener Ozeandampfer aus Titan liegt dieses Museum an der Ría von Bilbao und versetzt Sie in Staunen, wenn Sie es von einem der großartigen Boulevards aus sehen, die zur Brücke La Salve führen. Dank der komplexen Formgebung des kanadischen Architekten Frank Gehry sind alle Seitenansichten des Museums vollkommen unterschiedlich. Das Gebäude wurde 1997 fertiggestellt und ist für seinen dekonstruktivistischen Baustil berühmt. Das Gebäude wurde als „Signalmoment in der Architekturkultur“ gefeiert, weil es „einen dieser seltenen Momente darstellt, in denen sich Kritiker, Akademiker und die breite Öffentlichkeit über etwas völlig einig waren“. Eine skulpturale Struktur, die sich perfekt in das Stadtbild von Bilbao und die Umgebung einfügt und zu einem unbestreitbaren Wahrzeichen der Stadt geworden ist.

Einmal drinnen, entdecken Sie ein weltweit einzigartiges Museum. Um das zentrale Atrium sind die drei Ebenen angeordnet, in die das Guggenheim unterteilt ist. Titan, Glas und Kalkstein sind in Gehrys Händen eine willkommene Möglichkeit, die verschiedenen Räume mit geschwungenen Gängen, Aufzügen und Treppentürmen zu verbinden.

Bilbao Arena

Bilbao – ARENA

Schauen Sie sich dieses moderne Symbol der bioklimatischen Architektur an und entdecken Sie, wie es sich in die Umgebung einfügt. Das verwendete Baumaterial wird der Natur gerecht, in die es eingebettet ist. Der Stein spiegelt das Felsgestein wider, das hier ehemals im Bergbau gefördert wurde, und die Stützen, auf denen das gesamte Gebäude mit dem Grün seiner Fassade ruht, stehen für den großen Baumbestand des Miribilla-Viertels. Das Gebäude ist ein Sportzentrum, Basketballstadion und Konferenzzentrum und wurde von den Architekten Javier Pérez Uribarri und Nicolás Espinsa Barrientos entworfen. Sie und ihr Team haben verschiedene Systeme kombiniert wie die Kraft-Wärme-Kopplung, die Wiederverwendung von Regenwasser, ökologische Dächer oder eine innovative recycelbare Außenwand, um einen Meilenstein in der nachhaltigen Baugestaltung zu setzen

Oviedo Kongresszentrum

Oviedo  – KONGRESSPALAST

Santiago Calatrava, einer der international aktivsten Architekten Spaniens, der für seine durchgehend originellen und überraschenden Entwürfe bekannt ist, ist der Architekt dieses beeindruckenden Gebäudes. Besuchen Sie dieses Bauwerk, das in Oviedo als „die Meeresspinne“ bezeichnet wird, weil es eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem Krebstier besitzt, und lassen Sie sich von seinen weißen und organischen Formen mitreißen. Das Gebäude ist eine einzigartige Skulptur, die sich auf einem großen Platz befindet. Dieser liegt inmitten einer Gartenanlage, die sich ideal zum Spazierengehen eignet und je nach Standort des Betrachters unterschiedliche Ansichten des Bauwerks bietet. Die elliptische Form dieses mit einem Glas- und Stahldach versehenen Gebäudes wurde gewählt, um eine bessere Akustik und eine maximale Klangqualität während der Konzerte zu erzielen, die im großen Konzertsaal veranstaltet werden, diesem Raum, der für das Verständnis der Größe dieses Projekts unerlässlich ist.

San Sebastian Von Zarateman - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7027766

San Sebastian – KONGRESSZENTRUM

Zwischen der Mündung des Urumea Flusses in die Biskaya, dem Strand von Zurriola und dem Stadtteil Gros erheben sich diese beiden Kuben aus lichtdurchlässigem Glas, die mit dem Mies-van-der-Rohe-Preis für zeitgenössische Architektur ausgezeichnet wurden. Diese „beiden gestrandeten Felsen“, wie sie von ihrem Schöpfer, dem Pritzker-Preisträger für Architektur Rafael Moneo, bezeichnet wurden, sind zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Sowohl tagsüber als auch nachts, wenn sie wunderschön erleuchten, haben sie das Stadtbild von San Sebastian verändert. In ihnen finden das berühmte Filmfestival, internationale Kongresse und alle Arten von kulturellen Aktivitäten statt. Bestaunen Sie die Leistungen von Moneo. Ihm ist es gelungen, das Natürliche und das Künstliche harmonisch in Einklang zu bringen, einen großen Konzertsaal und Mehrzwecksäle von außerordentlicher Funktionalität zu schaffen, und eine behagliche Atmosphäre im Inneren zu erzeugen.

Von Angel de los Rios from Valladolid, Spain - Centro Botín, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65354598

Santander – CENTRO BOTIN

Es gibt Gebäude wie dieses Zentrum für zeitgenössische Kunst, die in der Luft zu schweben scheinen, so, als würden sie jeden Moment davonfliegen. Die Vermittlung dieses Eindrucks ist Renzo Piano hier gelungen. In Zusammenarbeit mit dem spanischen Büro Luis Vidal + Architects hat Piano in diesem Projekt eine erstaunliche Leichtigkeit erreicht. Dieser über dem Meer vorspringende Bau befindet sich in einer privilegierten Lage in Santander und wird von Pfeilern und Säulen in der Höhe der Kronen der Bäume der Pereda-Gärten getragen.

Die Fassade ist mit rund 280.000 hellen, halbrunden Keramikkacheln bedeckt, die das Tageslicht schillernd zurückwerfen. Jeder Gebäudeteil verfügt an den Stirnflächen zum Wasser sowie zur Landseite über große Glasflächen, die viel Licht nach innen hereinlassen und von außen die Leichtigkeit der Konstruktion betonen.

Dies sind die großen architektonischen Leistungen, die Sie bei einem Spaziergang in der Gegend bewundern können: die vollständige Integration in die Landschaft und die Verbindung des Stadtzentrums mit den historischen Gärten und dem Golf von Biskaya.

By SurfAst - Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14935056 Centro Niemeyer

Avilé – NIEMEYER-ZENTRUM

Auf einem leeren Blatt Papier begann der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer Kurven zu zeichnen, um Asturien, wo er 1989 mit dem renommierten Prinz-von-Asturien-Preis für Kunst ausgezeichnet wurde, ein wundervolles Geschenk zu machen.

Es war eines der letzten Werke des greisen Architekten und sein größtes Projekt in Europa überhaupt. So genial und mutig wie der brasilianische Altmeister der modernen Baukunst muss man schon sein, um einem derart abweisenden Umfeld Paroli zu bieten. Dabei ist seine Handschrift unverkennbar: Bögen und Kurven, Spiralen, Wellen und kühne Schwünge bestimmen das Ensemble, das vier Gebäude umfasst: eine kuppelförmige Ausstellungshalle, einen gläsernen Turm mit Restaurant, eine langgestreckte Mehrzweckhalle und als Krönung ein Auditorium mit schwungvoll skizzierten Konturen. Fast alle Fassaden hat der Architekt in Weiß gehalten, nur das Auditorium hebt sich mit optimistischen gelben und roten Tupfern ab.

Zum Glück hat Oscar Niemeyer sein Projekt nicht als isolierte kulturelle Insel installiert, sondern zugleich eine Brücke geschlagen ins Zentrum der Stadt auf der anderen Seite des Flusses – mit einer Fußgängerbrücke, die sein Bauwerk mit der historischen Altstadt von Avilés verbindet. 

Von P.Lameiro - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19973697 Santiago de Compostela Kulturzentrum

Santiago de Compostela – CIDADE DA CULTURA DE GALICIA (Galicische Zentrum für zeitgenössische Kunst) 

1999 veranstaltete das Parlament von Galacia einen internationalen Architekturwettbewerb, der von dem amerikanischen Architekten Peter Eismann gewonnen wurde. Sein Entwurf knüpfte an die Form der Jakobsmuschel der Santiago-Pilger an und soll sanfte Hügel darstellen. Es befindet sich auf einem windgepeitschten Hügel außerhalb von Santiago de Compostella und besteht aus einer äußerst komplizierten Reihe von Gebäuden. Anfangs umfasste das ambitionierte Programm ein Museum von Galicien, eine Bibliothek, ein Zentrum für neue Technologien, eine Konzerthalle und weitere große Gebäude. Der Eisenmann Entwurf wurde aber  aus Kostengründen nur teilweise realisiert.

By Ion Jaureguialzo Sarasola from Vitoria-Gasteiz, España - MUSAC, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17695180 Leon Mueseum Musac

Leon – MUSEUM MUSAC

Direkt an der Avenida de los Reyes Leoneses erwartet Sie das von Bäumen umstandene Museum für Zeitgenössische Kunst von Kastilien-León (MUSAC) mit seiner originellen Fassade aus bunten Fenstern. Diese Originalität war auch einer der Gründe dafür, warum das Architekturbüro Mansilla + Tuñón Arquitectos den renommierten Mies van der Rohe Award 2007 erhalten hat. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie die Farben ausgewählt wurden: durch Digitalisierung eines Bildes einer der Glasfenster der Kathedrale von León. Als ein in seiner Gänze mit nur einem Grundriss mit Mauern aus weißem Beton errichtetes Gebäude wurde das Museum als Raum konzipiert, in dem die zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt steht. Erkunden Sie das Innere und entdecken Sie seinen eigentümlichen Grundriss, bei dem sich die Architekten von der Geometrie einiger römischer Mosaiken haben inspirieren lassen und der eine Kombination aus quadratischen und rautenförmigen Formen aufweist.

By Jardoz - Own work,CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15795315 Burgos Museum für

Burgos – MUSEUM DER EVOLUTIONSGESCHICHTE DES MENSCHEN,

In der Provinz Burgos liegt die Sierra de Atapuerca, wo eine der wichtigsten archäologischen Stätten der Welt gefunden wurde. Das Museum der Evolutionsgeschichte des Menschen (MEH), ein Werk des spanischen Architekten, Bildhauers und Malers Juan Navarro Baldeweg, wurde in Burgos errichtet, um einige der Funde über die Herkunft des Menschen auszustellen und zu erklären. Wir empfehlen Ihnen, sich zuerst zur Fundstätte und dann zum Museum zu begeben. So erkennen Sie, wie das Äußere des Gebäudekomplexes direkt von der Landschaft des Gebirgszuges inspiriert ist, die durch die auf Terrassen verteilte, sich bis zum Fluss Arlanzón erstreckende einheimische Vegetation gekennzeichnet ist. Beim Betreten des Hauptgebäudes stellt sich bei Ihnen sogleich ein Gefühl der Weitläufigkeit ein, denn durch die Glaswände ist der Innenraum mit der Außenwelt verbunden. Sie werden überrascht sein von dem riesigen lichtdurchfluteten Raum dieses großen Lichtkastens, der durch sein Volumen und seine Helligkeit besticht.

Sevilla Caixa ForumBy Zarateman - Own work, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=126293925 Sevilla Caixa

Sevilla – CAIXA-FORUM

Das erste, was die Aufmerksamkeit dieses einzigartigen Gebäudes auf sich zieht, ist sein markantes Dach aus Aluminiumschaum. Dieses Material verdeutlicht den innovativen Ansatz des Architekten Guillermo Vázquez Consuegra, der sich der Herausforderung gestellt hat, das alte Pódium Gebäude an eine neue Funktion anzupassen, die eines Museums und eines Kulturzentrums. Unweit des architektonischen Ensembles der Weltausstellung von 1992 gelegen, ist der Komplex das Ergebnis einer Kombination aus unterirdischen Ausstellungsräumen und einem offenen, öffentlichen Raum, der den Zugang zum Zentrum ermöglicht. Dank eines ausgeklügelten Lichtspiels erinnert der Innenraum an eine Kathedrale, denn das Licht, das durch die Decke dringt, ähnelt dem Licht, das in gotischen Kathedralen durch die Buntglasfenster einfällt.

Von Anual - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17308935 Setas de Sevilla

Sevilla – METROPOL PARASOL („SETAS DE SEVILLA“)

In kürzester Zeit ist dieses als größte Holzkonstruktion der Welt erachtete Bauwerk zu einem Wahrzeichen der andalusischen Hauptstadt geworden. Das von dem Deutschen Jürgen Mayer entworfene und als „Setas de Sevilla“ (Pilze von Sevilla) bezeichnete Bauwerk hat dem Plaza de la Encarnación einen neuen Anstrich gegeben und ihn in das 21. Jahrhundert geführt.

Die Konstruktion besteht aus sechs sonnenschirmartigen Strukturen mit pilzähnlicher Form, die stellenweise miteinander zu einem Sonnenschutz verbunden sind. Inspiriert wurde das Bauwerk durch die Säulen der Kathedrale von Sevilla und durch die Birkenfeigenbäume auf dem nahegelegenen Plaza del Cristo de Burgos.

Das netzartige Design und die Fähigkeit Mayers, mehrere Funktionen in eine einzige Struktur zu integrieren, werden Sie in Staunen versetzen. Zu den Parasoles bzw. den Sonnenschirmen gehören das Archäologische Museum im Untergeschoss, eine Markthalle, Restaurants, ein erhöhter Platz und ein Aussichtspunkt mit herrlichem Blick auf Sevilla.

 

Mammutprojekte und die Probleme mit dem Bilbao-Effekt

Viele Städte hatten wohl auf den sogenannten Bilbao-Effekt gehofft nach dem Motto ein berühmter Stararchitekt und ein visionäres Gebäude und schon sind die Besuchermassen da. Aber dieser Effekt tritt eben so einfach nicht ein. Im Kapitel über das Guggenheim Museum und den Bilbao-Effekt habe ich aufgezeigt, dass mehr dazu gehört, damit aus einer Konzeption auch ein Erfolg wird. Einige der oben dargestellten Projekte hatten und haben mit Problemen zu kämpfen. Denn in den 90iger und Anfang der 20iger Jahre lebte Spanien in einer Blase, die mit einem enormen Bauboom einherging. Da Geld scheinbar keine Rolle spielte, wollte jede Region in Spanien ihre eigene Version des äußerst erfolgreichen Guggenheim-Museums in Bilbao. Und die Regionen an der Nordküste waren nicht anders. Das Wallstreet Journal schlug schon 2008 vor, den Bilbao-Effekt als Bilbao-Anomalie zu bezeichnen, „denn die ikonische Chemie zwischen der Gestaltung eines Gebäudes, seinem Image und der Öffentlichkeit erweist sich als eher selten.“ 

Was bei einigen der oben aufgeführten Gebäude oft nur bleibt, sind architektonische Meisterleistungen, ohne dass sich die Hoffnung, als Magnet für Besuchermassen zu dienen, erfüllten. Was oft fehlte war ein Gesamtkonzept für die Städte. Wir als Besucher können uns natürlich trotzdem an den architektonischen Meisterwerken erfreuen.

 

Auf einige Probleme der großen Projekte möchte ich kurz eingehen.

So gab es z.B. beim Kongresspalast in Oviedo massive Probleme. Der Kongresspalast wurde 2011 eingeweiht. Während der Bauphase waren 2006 wegen eines Konzeptionsfehlers Dachteile des «Palacio de Congresos» eingestürzt. Allein dies führte damals zu Mehrkosten von 3,4 Millionen Euro. Außerdem hatte die Baufirma Jovellanos XXI auch 6,95 Millionen Euro für das von Santiago Calatrava konzipierte mobile Dach ausgegeben, das am Ende aufgrund von Problemen mit dem hydraulischen Schiebesystem unbeweglich bleiben musste. So musste der Stararchitekt Calatrava tief in die Tasche greifen: Das Oberste Gericht in Madrid hat den damals 64-Jährigen wegen Mängeln am Kongresspalast zur Zahlung eines hohen Schadenersatzes verurteilt. Der berühmte Architekt hatte wegen hoher Kostenvoranschläge und Baumängeln schon mehrfach Ärger.

Mit dem Niemeyer-Zentrum in Avilés sollte ebenfalls nach dem erfolgreichen Modell des Guggenheim Museums  auch in der sterbenden Industriestadt Avilés ein architektonischer Blickfang und kultureller Magnet geschaffen werden, mit dem man Hunderttausende von Besuchern anlocken wollte. Bei seiner Eröffnung im Frühjahr 2011 erhielt das Centro Niemeyer dann auch überschwängliches Lob von allen Seiten.

Doch dann kam alles ganz anders: Streitereien zwischen den Betreibern des Zentrums, der Stadtverwaltung und der Regionalregierung von Asturien führten schon ein halbes Jahr nach der Eröffnung zum Chaos. Die Aktivitäten wurden zunächst teilweise eingestellt, der Komplex dann ganz geschlossen, anschließend vorübergehend unter anderem Namen neu eröffnet. Inzwischen funktioniert er wieder als Centro Niemeyer, allerdings auf Sparflamme. Anders als geplant haben die Ausstellungen kein internationales Niveau, Konzerte und Filme stehen nur unregelmäßig auf dem Programm, die Besichtigung der Innenräume ist auf wenige Stunden pro Woche beschränkt. Im Außenbereich zeigen sich schon erste desolate Ecken. Niemand wundert sich deswegen, dass die erwarteten Besuchermassen ausbleiben; vom „Guggenheim-Effekt“ jedenfalls ist nicht viel zu erkennen. 

Die City of Culture von Galicien bei Santiago de Compostela ist das größte und ambitionierteste Projekt von Peter Eisenman in Europa. Ende der 1990er Jahre formulierte die konservative Landesregierung Galiciens unter Präsident Manuel Fraga Iribarne (ein Veteran der Franco-Ära) ihre Vision des künftigen Santiago in Form einer lose definierten City of Culture, die auf der Kuppe des etwa drei Kilometer von Altstadthügel und Kathe­drale gelegenen Monte Gaias entstehen sollte. Anfangs umfasste das ambitionierte Programm ein Museum von Galicien, eine Bibliothek, ein Zentrum für neue Technologien, eine Konzerthalle und weitere große Gebäude. Mehr als 700.000 Quadratmeter Grund wollte man so bebauen lassen. Der Eisenman-Entwurf ist auf Grund von massiven Kostenüberschreitungen nur teilweise umgesetzt worden. Der Bau der letzten beiden geplanten Gebäude wurde 2013 endgültig gestoppt. So ist der Eisenman-Entwurf für die City of Culture kaum zur Hälfte umgesetzt. Das geplante Theater- und Kunstzentrum wurde vor einigen Jahren gestrichen und an seiner Stelle befindet sich derzeit ein neues Gebäude für die örtlichen Universitäten. Trotz der sicher interessanten Architektur finden nur wenige Besucher den Weg auf den Hügel gerade auch im Vergleich zu den Massen an Pilgern, die jedes Jahr Santiago de Compostela aufsuchen.sc

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Comillas – Jugendstil trifft auf Historismus

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Camino del Norte

Die Stadt Comillas ist einer der symbolträchtigsten Orte der nordspanischen Region Kantabrien und aus architektonischer Sicht einer der interessantesten. Comillas hat zwar mittelalterliche Wurzeln, aber es wird von Bauten der Gründerzeit und des Jugendstils dominiert, darunter der Sobrellano-Palast und das Pantheon de Sobrellano, die Päpstliche Universität und natürlich das brillante El Capricho des katalanischen Architekten Antoni Gaudi.

 Wie die Königsfamilie nach Comillas kam

Antonio Lopez y Lopez war 1931 nach Kuba emigriert, wo er sich dank zahlreicher Firmengründungen, zu deren Geschäften leider vermutlich auch der Sklavenhandel gehörte, und der zwischenzeitlichen Heirat mit der reichen Katalanin Luisa Bru Lassús, großen Wohlstand aneignete. Mit Tabakproduktion und -handel aber auch mit Banken und einer transatlantischen Schifffahrtslinie hat er seinen Erfolg gemacht. (s. auch das Kapitel „Die Witwen der Lebenden und Toten“)

Zurückgekehrt als reicher Geschäftsmann und Freund der spanischen Krone beschließt er, sich seiner Heimatstadt Comillas zuzuwenden und diese zu gestalten. Er lädt König Alfonso XII ein, dort seinen Sommerurlaub zu verbringen. Durch die wiederholten Besuche der Königsfamilie zieht Comillas die Aufmerksamkeit zahlreicher Aristokraten und reicher Bürger auf sich, was die weitere Entwicklung der Stadt und ihrer architektonischen Gestaltung beträchtlich beeinflussen wird.

Um den Besuch des Königs gebührend zu zelebrieren, wird Comillas als erste Stadt Spaniens mit elektrischer Straßenbeleuchtung ausgestattet und das, nachdem die Beleuchtung erst ein Jahr vorher von Thomas Edison patentiert wurde! Das Mäzenatentum des mittlerweile zum Marqués de Comillas ernannten Antonio Lopez y Lopez´ und seines Sohnes bringt Künstler der Modernismus wie Antonio Gaudí oder Luís Domènech i Montaner in die Stadt. Es entstehen Bauwerke wie der Palacio de Sobrellano, das Capricho de Gaudí oder die Antigua Universidad Pontificia.

Durch diese “königliche Aufwertung” des Ortes wurde Comillas zu einem  beliebten Badeort der spanischen Aristokratie. Auch heute noch sind die Badeorte in Asturien im Sommer beliebte Ferienorte der Madrilenen.

Von Nacho Castejón Martínez - originally posted to Flickr as Comillas, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11001466

Die Sehenswürdigkeiten:

 Palacio de Sabrellano und Panteón de Sobranello

Der Sobrellano-Palast, auch bekannt als Palast des Marquis von Comillas, war das Werk des katalanischen Architekten Joan Martorell, der ihn im Auftrag des ersten Marquis von Comilla erbaute. Martorell war ein Kommilitone von Antoni Gaudi. Der Palast ist leicht verwittert und wirkt mit seinen rötlichen Steinen ein wenig geheimnisvoll. Die Arbeiten wurden 1888 abgeschlossen. Das mächtige neogotische Gebäude enthält englische, venezianische und mozarabische Details und diese Mischung gefällt nicht unbedingt jedem Kunstliebhaber. Das Gebäude hat einen rechteckigen Grundriss und ist im Inneren mit Möbeln von Antoni Gaudi und Gemälden von Eduard Llores ausgestattet. Draußen gibt es Skulpturen vom Barockkünstler Joan Roig. Neben dem Palast befindet sich das Panteón de Sobranello, eine Kapelle errichtet ebenfalls von Martorell. Die Einrichtung stammt vom jungen Antoni Gaudi.

De Sandstein - Trabajo propio, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7741310 Palacio de Sobrellano
De Anais Goepner Melendez - Trabajo propio, CC BY-SA 3.0 es, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28635889 Pantheon

Antigua Universidad Pontificia

Sie ist eine päpstliche Universität, die durch den Heiligen Stuhls errichtet wurde und unter dessen direkter Aufsicht steht, und eine der berühmtesten akademischen Institutionen in Spanien. Die Gründung erfolgte am 16. Dezember 1890 durch Papst Leo XIII. als katholisches Seminar für die Priesterausbildung.

Im Jahr 1968 wurde der vollständige Umzug der Einrichtung nach Madrid entschieden. In Comillas behält die Universität aber zwei Campus-Einrichtungen, eine im 1908 gegründeten Instituto Católico de Artes e Industrias  (ICAI), das als Zentrum für technische Studiengänge fungiert, und eine im Instituto Católico de Administratión e Dirección  de Empresas (ICADE), dem Zentrum für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften mit rund 13.000 Studierenden.

De Universidad_Pontificia_Comillas.jpg: Nacho Castejón Martínezderivative work: Tony Rotondas (talk) - Universidad_Pontificia_Comillas.jpg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11001787

Die Villa Quijano,

Die Villa Quijano, auch bekannt unter dem Namen El Capricho („Die Laune“), ist ein bekanntes Bauwerk des Architekten Antoni Gaudi.

Bei diesem Bauwerk handelt es sich um ein Sommerlandhaus. Auftraggeber war der vermögende Geschäftsmann Don Máximo Díaz de Quijano, der es aber leider nicht vollendet sah, da er kurz vor der Fertigstellung starb. Das Gebäude wurde von 1883 bis 1885 errichtet und zeigt neben einigen frühen Elementen des Modernisme vor allem deutliche Anleihen an den Mudéjar-Stil.

Herausstechendes Merkmal der Villa ist der zylinderförmige Aussichtsturm über dem Eingangsportal, das wiederum auf vier runden Säulen ruht. Der Turm ist mit bunten Keramikfliesen verkleidet. Die Fliesen mit ihrem Sonnenblumen-Muster finden sich auch auf der übrigen Fassade wieder, wo sie das Sichtziegelmauerwerk als waagerechte Bänder gliedern. In der Symbolik des Gebäudes sind aber nicht nur Anspielungen an die Natur, sondern auch an die Musik zu finden. So sind z. B. an den Gegengewichten der Vertikal-Schiebefenster Metallblättchen befestigt, die beim Bewegen Musik ertönen lassen. So liegt immer ein leises Klingeln in der Luft.

Gaudí hat die Villa nie selbst gesehen und überließ die Ausführungen vor Ort seinem Studienfreund Cristóbal Cascante.

De Anual - Trabajo propio, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16126112

Friedhof von Comillas

Der Friedhof, von Luis Domenech y Montaner 1893 gestaltet, befindet sich auf den Ruinen einer alten Kirche. Der Architekt entwarf die Friedhofsmauer mit ihrem Haupteingang, den Türmchen und Kreuzen. Die Marmorskulptur des Vernichtungsengels stammt von José Llimona (1894-1985). Der Ángel Exterminador gilt als das Wahrzeichen von Comillas.

Iglesia de San Christóbal

Der Bau der Kirche begann Mitte es 17. Jh.s, wurde aber erst 1831 fertiggestellt. San Christóbal hat eine besondere Geschichte. Die Bürger der Stadt nehmen ihre Einrichtung nämlich kurzerhand selber in die Hand, nachdem das Gefolge des Herzogs von Infantado sich geweigert hatte, beim Gottesdienst eine Bank mit ihnen zu teilen. So stellte jeder Bürger, der dazu in der Lage war, seine Arbeitskraft einmal in der Woche zur Verfügung. Außerdem kümmerten sich die Bürger auch um die Finanzierung. Überraschend für die Besucher ist der schlichte weiße Innenraum ohne irgendwelche Dekorationselemente.

Zusätzlich findet man in Comillas zahlreiche Gebäude der „Indianos“, jener Gruppe von Auswanderer, die in Südamerika reich geworden, wieder in ihre Heimat zurückkehrte ebenso wie prächtige Häuser spanischer Aristokraten und Großbürger.

De Universidad_Pontificia_Comillas.jpg: Nacho Castejón Martínezderivative work: Tony Rotondas (talk) - Universidad_Pontificia_Comillas.jpg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11001787
De Cosal - Trabajo propio, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50082563 San christobal
De Ismaelromero - Trabajo propio, CC BY-SA 3.0 es, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21490938
De Cantabrucu - Trabajo propio, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82897635
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Die Baskenmütze – vielmehr als nur eine Kopfbedeckung

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Camino del Norte, Camino Primitivo, Via Podiensis, Via Tolosana

Begriff

Die Baskenmütze ist eine traditionell aus Wolle gewalkte Mütze in der Art eines Baretts. Sie hat keinen Schirm und keine Krempe. Ihre Besonderheit ist die flache Form, die nach innen gebogene Kopföffnung und der ca. ein bis zwei Zentimeter lange Zipfel in der Mitte (baskisch txertena, ‚Schwänzchen‘), der beim Filzvorgang entsteht, und auch als Schlinge gearbeitet sein kann. In Frankreich nennt man sie bérets und in Spanien boinas, auf baskisch txapela (was eigentlich Hut heißt). Die Hirten waschen ihre Mütze nicht, sondern es heißt ausschütteln, abklopfen, aufsetzen nach dem Motto “la vie continue”!

Während die ursprüngliche Baskenmütze entweder marineblau oder rot war, ist sie heute in einer Vielzahl von Farben erhältlich. Man findet es beim Militär, bei Schülern und in den Kollektionen namhafter Designer. Schon früh drückte es aber auch eine Geisteshaltung seiner Träger aus.

Geschichte

Eine Art Baskenmütze wurde schon um das Jahr 1000 herum zuerst von Geistlichen als Schutz gegen Sonnen- und Mückenstiche getragen. Erst waren wie aus der Wolle der Schafe gestrickt. Seit dem Hochmittelalter gab es in Europa Walkmühlen, einfache Mühlen aus Holz, die die Wolle durch Druck zu Filz pressten. So wurde damals auch der Rohstoff für die Mützen hergestellt. 

So entwickelte sich wahrscheinlich um 1570/1580 aus dem in Euroüa verbreiteten Barett die Baskenmütze zur Kopfbedeckung der Bauern und Hirten in den Pyrenäen, insbesondere im Béarn. Von dort gelangte sie ins benachbarte Baskenland, wo vor allem blaue und schwarze Baskenmützen insbesondere von Fischern und Seeleuten getragen wurden. Quellen legen nahe, dass die Baskenmütze auf diese Weise seit dem 16. Jahrhundert im Baskenland weit verbreitet war. Deshalb schwelt im Südwesten seit Jahrhunderten die ewige Streitfrage, ob die wirklich bérets basques waren − oder etwa doch bérets béarnais.

Der Legende nach sprach Napoleon III. eher versehentlich das entscheidende Machtwort: Als er um 1855 nach den Baufortschritten an seinem Sommerpalast in Biarritz sah, staunte er laut über die „baskischen Hauben“ der arbeitenden Männer. Niemand wagte es, den Kaiser zu berichtigen und so war die ‚Baskenmütze‘ geboren.

Künstler und Kämpfer trugen Baskenmütze

Fest steht, dass die Baskenmütze im Frankreich des 19. und vor allem des frühen 20. Jahrhundert viel von Intellektuellen und Künstlern getragen wurde, darunter Rodin, Pablo Picasso, Monet, Cezanne, Ernest Hemingway, Richard Wagner und Heinrich Böll. Bevor dieser Hype unter Künstlern begann, fand man sie bereits auf Selbstporträts der holländischen Maler Vermeer und Rembrandt. Seit etwa 1927 ist sie immer wieder als modisch-sportliche Kopfbedeckung unabhängig vom Geschlecht in Gebrauch. So ließ sich etwa Marlene Dietrich in den 1930er Jahren häufig mit Baskenmütze ablichten,  Greta Gabor trug sie privat,  Lisa Fonssagrives war 1950 auf dem Cover der amerikanischen Vogue mit roter Baskenmütze und Baguette im Arm zu sehen. 1967 trug  Faye Dunaway als Bonnie im Film Bonnie und Clyde Baskenmütze. In der Mode wurde die Baskenmütze unter anderem von Louis Viutton und Sonia Rykiel neu interpretiert. Erst im 20. Jh. wurde die Baskenmütze in den angelsächsischen Ländern zu einem Symbol, das mit dem Image der Franzosen in Verbindung gebracht wird, obwohl sie eigentlich ein typisches Attribut des ganzen Baskenlandes ist.

Im Zweiten Weltkrieg war das Barett dann die Kopfbedeckung des französischen Widerstandes. Die Baskenmütze war eines der Symbole der Résistance. Aber auch die Gegner der Résistance, insbesondere die Miliz, trugen die Baskenmütze, allerdings auf eine andere, steifere Art und Weise. Später wurde die Baskenmütze zum Symbol verschiedener Widerstandsbewegungen und der Volksbefreiung. “Che” Guevara machte sie in den 60iger Jahren zu einem der Symbole der Revolution.

1975 bestellte aber auch die irakische Armee eine Million Baskenmützen. Die Mitglieder der ETA zeigten sich ebenfalls häufig mit Baskenmütze. Zudem bekommen im Baskenland traditionell die Sieger oder Siegerinnen von Wettbewerben eine Baskenmütze aufgesetzt und werden txapeldun genannt. Die Fans von Athletic Bilbao tragen häufig Baskenmützen als Teil ihrer Fankleidung. Man sieht, die Baskenmütze hat im Laufe der Geschichte die unterschiedlichsten Funktionen und Bedeutungen.

 

Das „béret basque“ hat damit das geschafft, was weltweit nur wenigen Kleidungsstücken gelingt:

Gleichzeitig ein Symbol für Widerstand und Revolution, Teil einer Uniform, ein modisches Statement und ein nationales Symbol zu sein!

Herstellung

Die Herstellung von Baskenmützen, die in Frankreich einst blühte, wurde von der Krise der Textilindustrie und der Konkurrenz aus Ländern mit niedrigen Arbeitskosten stark in Mitleidenschaft gezogen. Da die Baskenmütze zudem heute an Bedeutung verloren hat, gibt es nur noch wenige Fabriken, die die echten Baskenmützen herstellen. In dem kleinen Ort Oloron-Sainte-Marie sitzt die 1830 gegründete Firma Laulhère, der letzte große Baskenmützenproduzent Frankreichs. Laulhère ist übrigens eine Ableitung von ouélhé oder aoulhé, was im Béarnais „Hirte“ bedeutet. Es gibt auch kleine Manufakturen, wie Après La Pluie im Badeort Saint-Jean-de-Luz, die neben Laulhère die Mütze herstellen. Die einzige Fabrik, die im spanischen Baskenland noch existiert, ist die Firma Elosegui, die Boinas in Tolosa produziert.

Gut die Hälfte der gesamten Produktion geht in Frankreich an das Militär. Das Militär verzichtet aber auf typische “Schwänzchen”, in Frankreich cabillou genannt. Die 40 Mitarbeiter im spanischen Tolosa produzieren zur Hälfte für die autonome Polizei des Baskenlandes.

Die dortige ertzaintza wird nicht etwa mit eintönig schwarzen Filzmützen, sondern mit leuchtend roten boinas ausgestattet. Und weil das so gut aussieht, bekam sie im James Bond-Film »Die Welt ist nicht genug« (1999) einen dramatisch-farbenfrohen Auftritt für einige Sekunden.

Und wie trägt man nun die Baskenmütze?

Man kann sie tragen, wie es einem gefällt. Es gibt keine festen Vorgaben. Je nach Anlass, persönlicher  Stimmung, eigener Kopfform oder Modetrend kann man den Sitz der Mütze auf dem Kopf variieren. Viel Spaß beim Probieren!

Übrigens: die Baskenmützen sind der angesagteste Modetrend für 2022 – laut Influencer:innen und der Zeitschrift „Elle“ . Allerdings entsprechen diese Modeaccesscoirs nur noch in der Form ihren Wurzeln. Ansonsten kommen sie jetzt in ausgefallenen Ausführungen u.a. in Webpelz- oder Häkel-Optik und in leuchtenden Farben wie rosa und grün.

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Parador – die ungewöhnlichste Hotelkette der Welt

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Parador ist die Kurzform für “Parador nacional”. Es handelt sich um von der spanischen Regierung in (Luxus-)Hotels umgebaute Burgen und historische Gebäude sowie einige neue Luxus-Resorts, die alle in atemberaubender Lage oder an historisch bedeutsamen Orten liegen. 2022 betrug die Gesamtzahl der Einrichtungen 97 in Spanien und eine in Portugal mit insgesamt ca. 10.000 Betten. Die einzelnen Hotels liegen in der Regel nur bequeme Tagesetappen (mit dem Auto) voneinander entfernt.

Die Paradors hatten schon immer drei Ziele:

– das nationale historische und künstlerische Erbe, inklusive der wichtigsten Naturgebiete zu erhalten

– ein besonderes Image des spanischen Tourismus im Ausland zu schaffen

– Bewegung in Gebiete mit wenig Tourismus und geringerer Wirtschaftskraft zu bringen.

Um sich nur eine die Dimension der in Spanien existierenden Burgen und Schlösser zu machen, hier nur zwei Zahlen. Früher gab es über 10 000 Schlösser in Spanien. Auch wenn sich die Zahl auf heute 2500 reduziert hat gibt es immer noch endlos viele Möglichkeiten in den mysteriösen, historischen und romantischen Flair, von dem die spanischen Schlösser umgeben sind, einzutauchen. Dagegen macht sich die Zahl der Paradors klein aus, aber sie bieten doch die Chance, ein Gefühl für das Leben in diesen Gemäuern zu bekommen. Natürlich es bleibt wenn ein Gefühl für das Leben der Reichen und Mächtigen in diesem doch so bewegten Mittelalter in Spanien.

spainparador.com/map.htm
Parador de Cardona

Geschichte der Paradors

“Calidad, amabilidad, leyenda – desde 1928” steht auf den schweren Messingtafeln am Eingang zu jedem Parador. Qualität, Herzlichkeit, Legende – seit 1928. Die Idee zu den stilvollen Unterkünften geht auf das Jahr 1926 zurück, als man in Spanien einen “königlichen Kommissar für Tourismus” ernannte, den Marqués de Vega Inclán.

Der Marqués schlug Alfons XIII., dem König von Spanien, vor, in armen, aber landschaftlich durchaus interessanten Gebieten Spaniens Hotels zu errichten. Hiermit sollte sowohl der Bekanntheitsgrad dieser Regionen gefördert als auch die leeren Kassen der Gemeinden gefüllt werden. Im ersten Schritt sollten keine neuen Hotels gebaut sondern historisch und architektonisch bedeutsame Bauwerke zu Hotels umfunktioniert werden. Positiver Nebeneffekt dieser Idee war die Rettung einiger dieser Bauwerke vor dem drohenden Verfall.
Der König fand diesen Vorschlag bemerkenswert und wählte daraufhin das Gelände in der Sierra de Gredos selbst aus, auf dem man 1928 das erste – in Abwandlung der ursprünglichen Idee – neu errichtete staatliche Hotel mit 30 Betten eröffnete. Warum in dieser zwei Stunden von Madrid entfernten rückständigen Gegend? Die Sierra de Gredos war von je her das Jagdgebiet der spanischen Könige. Der Marqués war zunächst enttäuscht, weil hier ein neues Gebäude errichtet wurde. So ließ er zumindest als Eingang ein prächtiges Tor aus einem Herrschaftshaus einbauen.

Parador de Santiago de Compostela 15.Jh.

Nachdem der Parador – was auf kastilisch schlicht und einfach „Unterkunft“ bedeutet -, ein Erfolg wurde, folgten kurz darauf weitere Hotels, diesmal der Idee des Marqués de la Vega Inclán folgend in geschichtlich bedeutenden Gebäuden. So wurden beispielsweise Hotels in Oropesa (1930), Úbeda (1930), Cuidad Rodrigo (1931) und Merida (1933) eröffnet. Damit wurde der Beginn einer neuen Art des Reisens auf der iberischen Halbinsel eingeleitet. Es folgten 26 weitere Paradors. Durch diese Aktivitäten wurden wichtige historische Bauwerke Spaniens gerettet, die zum Teil schon dem Verfall preisgegeben waren.

Der spanische Bürgerkrieg stoppte dann zunächst die Entwicklung. Weil aber der Diktator Franco Interesse an den Paradors zeigte, wurden die Idee unter dem Tourismusminister Manuel Fraga weiterentwickelt. In diese Zeit fällt auch eine gewisse Europäisierung Spaniens, die besonders im einsetzenden Tourismusboom vor allem an der Südküste Spaniens ihren Ausdruck fand. 

Zwischen 1965 und 1976 entstanden 25 neue Paradors und einige andere wurden modernisiert. Bis 2012 stieg die Zahl der Paradors auf 93. Heute gibt es in Spanien insgesamt 97. Sie gehören einer im Staatseigentum befindliche Aktiengesellschaft. Interessanterweise sind immer noch 65% der Gäste Spanier und „nur“ 35% Ausländer. –

Parador de Zamora Historischer Palast 15. Jh.
Parador de Caceres Historischer Palast 14. Jh.
Parador de merida Kloster 18. Jh.

Gestaltung der Paradors

Die meisten der rund 100 Paradors befinden sich in Schlössern, Burgen, Klöstern oder Festungen, alle in atemberaubender Lage am Meer, in Naturschutzgebieten oder in bekannten Städten. Die historisch und architektonisch bedeutsamen Bauwerke erinnern einen auf Grund der Größe und Strenge an die Geschichte der einstigen Weltmacht Spanien. In dieser Hinsicht sind sie auch gerade für die spanischen Gäste von besonderer Bedeutung. Zudem ist jeder Parador anders und hat seinen eigenen Charakter abhängig von seiner Geschichte, seiner Lage, seiner ehemaligen architektonischen Gestaltung und seiner Anpassung an heutige Komfortansprüche.

Stilvolles Mobiliar, wertvolle Kunstgegenstände, Fresken oder Holzkassettendecken sind meist wichtige Details der gehobenen Ausstattung. Alle Paradors garantieren ein hohes Niveau, gleich mit wieviel Sternen sie ausgezeichnet sind.

Gleichzeitig bilden die Paradors ein Gegenstück zu den touristischen Betonburgen entlang der Küsten Spaniens. Sie zeigen die andere historisch und kulturell bedeutende Seite Spaniens.

Parador de Santiago de Compostela
Parador des Hondarribia

Auch wenn wir beim Pilgern das Leben bewusst auf das Wesentliche reduziert, so darf sich ein historisch und kulturell interessierter Pilger schon einmal das Vergnügen leisten, in einem Parador zu übernachten und tiefer in die Geschichte Spaniens einzutauchen. Die Kosten liegen allerdings zwischen ca. 90 – 300 € pro Nacht je nach Ort und Jahreszeit. Besucher über 55 Jahre sollten nach der 35% Ermäßigung fragen, die möglicherweise angeboten wird. Außerdem sollte man sich vorher über die Öffnungszeiten der Paradors erkundigen, da nicht alle das ganze Jahr über geöffnet sind.

Eine Liste der Paradors und Bilder zu den einzelnen Hotels finden man u.a. hier https://www.abanico-reisen.de/paradores-verzeichnis.html

Parador de Zamora
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