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Wer schleicht sich denn da herein?

Wer schleicht sich denn da herein?

Geschichten auf dem Camino del Norte

Unsere nächste Etappe war Laredo. Wir wollten in der Herberge Buen Pastor der Missionsfranziskaner, einer kleinen privaten Herberge, übernachten. Nach einigem Suchen standen wir endlich vor der Herberge. Vor uns warteten bereits sechs Personen an der Rezeption. Es sind die vier österreichischen Männer aus St. Pölten, denen wir schon mehrmals begegnet sind und zwei österreichische Damen, die sich ihnen angeschlossen hatten. An der Rezeption saß eine nette alte Dame, die die Anmeldungen annahm und die sich trotz des „Andrangs“ nicht aus der Ruhe bringen ließ – heißt, es dauerte eine Zeit bis auch wir an der Reihe waren. Als „Belohnung“ bekamen wir ein schönes Doppelzimmer mit eigenem Duschbereich. Außer uns achten übernachtete niemand mehr in der Herberge, obwohl insgesamt 20 Betten zur Verfügung standen. Ob es daran lag, dass sich keine Pilger*in mehr anmeldete oder ob die Dame entschieden hatte, das reicht an Personen und Arbeit, wissen wir nicht so genau.

Marielouise und ich machten am Nachmittag einen Spaziergang zum mehr als vier Kilometer langen Strand Playa de la Salve, der sich in einem Bogen von der Altstadt Puebla Vieja bis nach El Puntal erstreckt.

Am Abend spazierten wir dann alle – die Österreicher*innen und wir – durch die Altstadt von Laredo mit ihren engen Gassen und den kleinen Palästen und Herrenhäusern, die teilweise als Wohntürme erbaut wurden. Wir fanden ein nettes Restaurant und verbrachten gemeinsam einen gemütlichen Abend mit interessanten Gesprächen. Als wir in die Herberge zurückkamen, wurden wir von einer anderen noch älteren Dame empfangen, die uns zunächst auch freundlich begrüßte. Doch dann schoss sie plötzlich auf Marielouise zu und erklärte – soweit wir das verstanden haben -, dass Marielouise  hier nicht gemeldet sei. Sie schaute sie so böse an, dass Marielouise ganz verunsichert war und unsere Beteuerungen halfen zunächst auch nichts. Erst als ich ihr unseren Zimmerschlüssel zeigte und deutlich machen konnte, dass wir zusammen das Zimmer gemietet hatten, ließ sie sich mehr oder minder überzeugen, immer noch mit einem zweifelnden – Marielouise meinte – bösen Blick. Ob sie vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht hatte mit Leuten, die sich mit anderen hier eingeschlichen hatten – wir wissen es nicht. Aber wir konnten über den Vorfall schmunzeln, ich hatte etwas, um Marielouise aufzuziehen und wir haben in dem großen Doppelbett herrlich geschlafen.

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Camino del Norte Geschichten Geschichten

Vorsicht bei Vorurteilen

Vorsicht bei Vorurteilen

Geschichten auf dem Camino del Norte

Wir waren gerade in San Sebastian angekommen und liefen die Promenade entlang Richtung Jugendherberge. Da sprach uns plötzlich ein junger Mann an und fragte uns auf Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch, welche Sprache wir sprächen. Wir reagierten erst nicht und nahmen an, da wolle uns jemand anbetteln. So schritten wir zügig weiter. Der junge Mann ließ aber nicht locker, bis ich endlich – mehr um ihn loszuwerden – etwas ungnädig sagte “deutsch“. Da sprach er uns dann fröhlich an, er sei auch Deutscher und ob wir so wie er auch Pilger auf dem Jakobsweg seien. So kamen wir  ins Gespräch. Er kam aus Leipzig, hatte gerade sein Abitur bestanden und wollte dann auf Lehramt studieren und vorher eben den Camino del Norte gehen.

Er hatte uns angesprochen, da er auch gerade auf dem Weg zur Herberge war und da diese nicht ganz so leicht zu finden war, wollte er uns einfach begleiten und uns den Weg zeigen. Und das tat er auch und noch mehr. Denn als wir bei der Herberge ankamen, war diese schon voll besetzt. So verhandelte er mit der Dame an der Rezeption auf Spanisch, ob sie eine Lösung für uns hätte. Und wirklich, sie konnte uns eine Pension etwas außerhalb von Santander vermitteln und die Pensionswirtin war sogar bereit, uns mit dem Auto abzuholen. Nochmals vielen Dank Jan für Deine Hilfe!!! Denn die Hotelpreise an diesem Wochenende lagen in San Sebastian bei über 200.- €!!!

Und ich habe mir vorgenommen, mit meinen Vorurteilen vorsichtiger umzugehen und erst einmal zu überprüfen, ob der ein oder andere Mensch wirklich in die von mir vermutete Schublade gehört!

Das Pilgern ist hier eine gute Möglichkeit, trifft man doch die unterschiedlichsten Menschen. Jeder begegnet den Mitpilgern so, wie er ist. Es ist nicht wichtig, welche soziale Stellung man zuhause hat, sondern es geht um das Verhalten und die Erlebnisse im hier und jetzt. Es ist die Erfahrung des Gemeinsamen in der Unterschiedlichkeit der einzelnen Pilger. Es finden alle möglichen Arten von Interaktion statt, was wiederum zur eigenen Selbsterfahrung führen kann.

Es gibt schöne Sprüche dazu:

Es kommt niemals ein Pilger nach Hause, ohne ein Vorurteil weniger und eine neue Idee mehr zu haben!       Thomas Morus

Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit.       Mark Twain

Wie funktionieren eigentlich Vorurteile?

Von klein auf lernen wir Menschen in Schubladen zu stecken. Diese Einteilungen helfen uns, die Welt zu ordnen und den Überblick zu behalten. Aber die Kategorisierung hat noch einen anderen Zweck. Sie teilt die Menschen in „wir“ und „die“ ein. Die Mitglieder der Eigengruppe werden geschätzt, die der Fremdgruppe meist distanziert betrachtet. Dann werden diese Schubladen, in die man die Menschen gesteckt hat, etikettiert, d.h. sie werden mit einer positiven oder negativen Bewertung belegt. So wird aus einem zunächst (meist) nur falschem Stereotyp ein Vorurteil. Vorurteile sind somit verallgemeinernde, voreilige, fehlerhafte, pauschalierende Urteile über Menschen.

Durch eine kritische Wahrnehmung und eine offene Einstellung lassen sich Vorurteile auch wieder abbauen. Aber leider haben Vorurteile die Tendenz sich zu verfestigen. Durch eine Zustimmung meiner Bewertung in meiner Eigengruppe kommt es zu einer ersten Verfestigung. Zudem stärkt das gemeinsame Vorurteil das interne Gemeinschaftsgefühl und die bewusste Abgrenzung nach außen. Man fühlt sich anderen gegenüber überlegen. Also warum sollte man an seiner Bewertung zweifeln! Zudem bemerkt man die negativen Zuschreibungen deutlicher und man schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit als jenen Vorkommnissen, die z.T. sogar häufiger und eigentlich positiv zu bewerten wären. Man stuft diese einfach als Ausnahmen ein und kann so sein Vorurteil behalten. Auf Grund dieser Prozesse besteht natürlich keine Notwendigkeit, das Vorurteil in Frage zu stellen. Somit kann es sich weiter verfestigen und es dann sehr schwer, solche Vorurteile aufzubrechen.

Was kann man tun?

  • in uns gehen und versuchen, unsere Vorurteile zu erkennen
  • Kontakte zu Menschen anderer sozialer Gruppen herstellen in positiven druckfreien Situationen
  • auf die eigene Ausdrucksweise achten. gerade auch wenn Kinder dabei sind
  • aber auch eine übertriebene Toleranz zu vermeiden, da der Fokus auf Andersartigkeit und nicht auf Gemeinsamkeit gerichtet ist
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Be happy

Be happy !

Geschichten auf dem Camino del Norte

Jakobsweg Hintergrundwissen Smiley

Er gibt diese Begegnungen auf dem Jakobsweg, die manchmal nur ganz kurz sein mögen, die aber einen tiefen Eindruck hinterlassen und die einem soviel geben, von dem man auch später noch zehrt. So geht es uns mit der Begegnung mit einem  spanischen Pilger.

Wir waren jenem großen kräftigen Spanier schon mehrmals in den Herbergen auf unserer Wanderung begegnet. Wir hatten uns stets mit einem freundlichen Lächeln begrüßt aber sonst kein Wort miteinander gewechselt. Unser Spanisch war für eine Konversation zu schlecht und wir hörten ihn auch nur mit Spaniern reden. Am letzten Tag seiner Reise trafen wir ihn in Santander. Wir gingen gemeinsam aus der Herberge und so kamen wir – auf Englisch – ins Gespräch. Er sagte, dass er nun nach Hause fahre und zeigte uns noch ein Café in Bahnhofsnähe, dass sehr guten Kaffee habe. Dann trennten sich unsere Wege. Da dieses Café aber gerade an diesem Tag zu hatte, suchten wir weiter und fanden schließlich ein kleines Café. Wir setzten uns an einen kleinen Tisch und dann entdeckten wir „unseren“ Spanier an der Bar, dem wir freundlich zuwinkten. Kurze Zeit später kam er an unseren Tisch, sagte sein Zug ginge gleich und dann fielen jene Worte, die uns noch heute mit Freude erfüllen. „I wish you bien camino, a good life and be happy!“ Da stand dieser fast 2 m große kräftige Mann vor uns und sagte so zarte berührende Worte! Schade, dass wir nicht schon früher miteinander gesprochen haben, es wären sicher interesssante Gespräche geworden. Aber schön, dass diese kurze Begegnung stattgefunden hat!

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Das kühle Bad im Fluss

Das kühle Bad im Fluss

Geschichten auf dem Via de la Plata

Es war wieder einer dieser heißen Tage im Oktober auf dem Weg zwischen Ourense und Cena. Wir kamen durch das kleine Dorf Bouzas, kein Mensch auf der Straße, nur eine ältere Frau saß auf ihrem Balkon. Wir grüßten freundlich und wollten schon weiter gehen, da sprach sie uns an. Obwohl es mit unserem Spanisch nicht sehr weit her ist, verstanden wir doch so ungefähr, dass es ein heißer Tag sei und doch sehr anstrengend zu laufen. Wir nickten. Dann gab sie uns einen Tipp, wir würden bald an eine Brücke kommen, unter der befinde sich ein kleiner Fluss und dort könnten wir ohne Bedenken baden. Der Fluss sei ganz sauber. Im Stillen hoffend dass uns unsere „Spanischkenntnisse“ nicht täuschten, marschierten wir weiter. Und wirklich nach kurzer Zeit errichten wir die kleine Brücke.  Am Ufer standen hohe Erlen und unten schlängelte sich der kleine Fluss im Schatten der Bäume entlang. Nach rechts und links schauend überstiegen wir einen kleinen Zaun und eilten zum Fluss. Wir suchten eine etwas versteckte Stelle. Schnell waren die Kleider ausgezogen und wir genossen – wie Gott uns schuf – das kühle Nass. Welch ein Vergnügen!!! Wie wenig man manchmal braucht, um glücklich zu sein. Gestärkt gingen wir den letzten Teil der Wanderung an und dachten dabei mit Dankbarkeit an die Dame, die uns den Tag gerettet hat.

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Geschichten Geschichten Via de la Plata

“Iss, bevor es kalt wird.”

"Iss, bevor es kalt wird."

Geschichten auf dem Via de la Plata

Es war in der Herberge in Almendralejo, die in einem ehemaligen Kloster untergebracht ist. Marie Louise und ich hatten es uns  in einem der Zimmer, die es hier neben dem Schlafsaal gab,  gemütlich gemacht. Ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bad – das wollten wir uns schon einmal gönnen. Dann ging es in die Küche, in der wir uns unsere Pepperinos braten wollten. Aber zunächst gönnten wir uns in Ruhe ein Glas Wein. In der Küche trafen wir auf ein deutsches Ehepaar, die den Camino de la Plata von Santiago aus nach Sevilla entlang wanderten. Sie hatten sich Spaghetti gekocht. Er erzählte uns dann lang und breit über den Weg, der vor uns lag, den Umweg, den man machen müsste, da der direkte Weg gesperrt sei, dem Wetter, das uns erwartete und so weiter. Er erzählte und erzählte und erzählte. Nach gefühlten 10 Minuten ergriff seine Frau das erste Mal das Wort, nachdem sie vorher still ihre Nudeln gegessen hatte. Aber sie hatte ihren Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da unterbrach er sie schon barsch: “Iss, bevor es kalt wird!“ Und sie schwieg wieder brav. Marie Louise und ich schauten uns mit großen Augen an. Na, mit diesem Mann wollten wir eigentlich nichts mehr zu tun haben. Nachdem ich ihn dann bei seiner nächsten Erzählung unterbrochen und korrigiert hatte, sagte er nur: “Typisch Lehrerin!“, räumte sein Geschirr zusammen und ging mit seiner Frau nach oben. Wir mussten noch zweimal durchschnaufen, bevor wir uns dann ans Kochen machten und unser Essen dann wirklich genießen konnten. Unsere Gedanken gingen zu unseren Männern zu Hause und mit Dankbarkeit dachten wir an ihre respektvolle liebe Art mit uns zu reden. Fairer Weise muss man sagen, dass war einer der ganz seltenen Momente auf dem Jakobsweg, in dem uns  jemand wirklich unsympathisch war.

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In der Not muss man auch mal tricksen

In der Not muss man auch mal tricksen

Geschichten auf dem Via Podiensis

Nachdem die Herberge in Uzan geschlossen hatte, schafften wir es nach 28 km und bei großer Hitze  (Marielouise hatte sich sogar ein Ohr leicht verbrannt)endlich Pomps zu erreichen. Der Schlafsaal der Herberge war in einem niedrigen Gebäude untergebracht – klein, eng, heiß und stickig, aber Weitergehen war keine Alternative.
Also akzeptierten wir zunächst die beiden Betten in der „Hundehütte“, wir hatten ja keine andere Wahl! Aber die Hitze staute sich in der niedrigen Baracke und ich konnte mir nicht vorstellen, dort die Nacht zu verbringen. Aber draußen war auch nur asphaltierter Boden – also auch keine Schafoption. Also bin ich losgezogen und habe das größere Gebäude, in dem die Küche und die Duschen untergebracht waren, inspiziert. Da war zum einen eine große Turnhalle, aber die war auch schrecklich aufgeheizt und später stellte sich heraus, dass abends eine Mannschaft dort Basketballtraining hatte. Dann entdeckte ich gegenüber der Halle ein Zimmer mit drei Betten, das überraschend kühl war. Also schnell zur Wirtin, bevor jemand anderes das Zimmer bekommt. Auf meine Frage, ob wir das Zimmer haben könnten, sagte sie erst nein, es würden ja alle Pilger in der Baracke schlafen. Außerdem kämen nachher noch die Basketballer in die Halle. Als ich dann einen Erstickungsanfall simulierte und ich ihr erklärte, dass ich die Nacht in der Baracke nicht durchhalten würde, ließ sie sich doch erweichen. Marielouise, der ich nichts von dem Zimmer gesagt hatte, um keine falschen Hoffnungen zu wecken, stand bei dem Gespräch mit der Wirtin nur ganz still und mit großen Augen neben mir und dachte, was ist denn jetzt mit ihr los! Hitzeschlag?! Anschließend meinte sie nur, dass sie gar nicht gewusst habe, wie gut ich schauspielern könnte. Aber wir hatten unser Zimmer!! Auch die Tatsache, dass  halb im Zimmer nur durch einen Vorhang getrennt noch Duschen waren und wir uns nicht sicher waren, ob die Basketballer später dort duschen würden, tat unserer Freude über uns ruhiges, kühles Zimmer keinen Abbruch. Wir würden uns einfach schlafend stellen. Doch diese Überraschung blieb uns – Gott sein Dank – erspart!
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Fahrkartenlösen in Frankreich – ein Abenteuer

Fahrkartenlösen in Frankreich - ein Abenteuer

Geschichten auf dem Via Podiensis

Das Fahrkartenlösen in Frankreich ist eine Kunst! Wir hatten beschlossen von Moissac aus wegen der großen Hitze (untertags bis zu 40° C) eine Etappe des Weges zu überspringen und direkt mit Zug und Bus nach Lectoure zu fahren.
Nachdem der Fahrkartenschalter geschlossen war, wir aber auch nicht schwarzfahren wollten, marschierten wir mutig zum Fahrkartenautomaten. Nach einigen Versuchen gelang es uns Abfahrtsort und Zielort einzugeben (bzw. durch Drehen des Knopfes an die richtige Stelle zu scrollen). Dann wurde uns der Betrag angezeigt und wir wollten voll Freude bezahlen. Leider aber nehmen die französischen Automaten keine Scheine an! Also Kleingeld raussuchen und durchzählen. Leider waren 16,30 Euro genau 70 Cent zu viel für unseren Geldbeutel, soviel Kleingeld hatten wir leider nicht, obwohl wir verzweifelt alle Portemonnaies, Taschen und Hosentaschen durchsuchten. Ein französischer Pilger, der auch am Bahnsteig wartete, hatte unseren Kampf mit dem Automaten beobachtet und half uns dankenswerter Weise mit 1 Euro aus. 30 Cent bekam er dafür von uns! Guter Tausch! Um sicher zu sein, dass jetzt alles passte, stellte sich Marie-Louise vor mich und ich zählte ihr in jede Hand 8,15 Euro. Passte! Inzwischen war natürlich der Automat wieder zurückgesprungen und die Eingabeprozedur, die jetzt aber schon etwas routinierter ging, begann von vorne. Und mit einem glücklichen Ende, denn wir bekamen wir unsere zwei Fahrscheine. Jetzt hieß es nur noch 20 Minuten auf den Zug warten. 10 Minuten vor Zugabfahrt hörten wir dann das Geräusch eines sich öffnenden Rollos, der Fahrkartenschalter war offen und wir hätten uns eine Menge Aufregung sparen können. Aber wer kennt sich in Frankreich schon mit so etwas aus!!!???
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Nadine, die singende Herbergsmutter

Nadine, singende Herbergsmutter

Geschichten auf dem Via Podiensis

Unsere heutige Wanderung führte uns über 27 km von  Pimbo zur Abbaye de Sauvelade. Der letzte Teil der Etappe zog sich durch einen dunklen Wald ziemlich langweilig dahin und wir hofften, bald unser Ziel zu erreichen. Auf den letzten Kilometern war an einzelnen Bäumen die Werbung für eine Herberge in der Nähe der Abbey  ausgehängt. Marielouise wies mich mehrmals daraufhin. „Schau da gibt es einen Swimingpool. Das wäre doch herrlich.“ Ich blieb ziemlich stur, denn dann hätten wir noch weitere 5 km laufen müssen und wir waren doch müde genug. Endlich erblickten wir die Kapelle von Sauvelage und die Herberge. Frohgemut fragten wir nach einer Übernachtungsmöglichkeit, aber der Wirt schüttelte nur bedauernd den Kopf. Alles belegt! Erschöpft und bedröppelt setzten wir uns hin, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Dabei müssen wir so niedergeschlagen ausgesehen haben, dass der Wirt uns zunächst etwas zu trinken gab und dann anbot, bei einer Kollegin anzurufen, ob sie ein Zimmer frei habe. Er kam mit der Nachricht zurück: Ja es sei noch ein Zimmer frei! und unser Zustand hatte ihn anscheinend dazu veranlasste, die Herbergswirtin zu überreden, uns doch abzuholen.
Und damit begann unser Abenteuer und es wurde der schönste Abend unserer Wanderung. Nach knapp 10 min schoss ein Auto auf den Parkplatz, eine Frau in Shorts mit einem lustigen Hut auf dem Kopf sprang aus dem Auto und rief „Je suis Nadine!“ Das war also unsere Wirtin. Wir packten unsere Rucksäcke und eilten zu ihr. Nachdem sie verschiedenste Kisten und Sachen im Kofferraum umgelagert hatte,  konnten wir endlich unsere Rucksäcke dort verstauen. Marielouise stieg als erste ins Auto und fing an zu lachen. Mitten im Auto steckte ein Stock, der das Dach nach oben abstützte. Na das konnte ja heiter werden, wo waren wir da hingekommen – wenn die Herberge auch so ausschaut………..Nach einer rasanten Fahrt kamen wir nach 5 km in der Herberge Gite Nadette an und trauten unseren Augen nicht. Was für ein herrliches gepflegtes Haus aus grauen Steinen und mit blauen Fensterrahmen! Und was dazukam, wir erkannten das Haus wieder, denn es war jenes auf den Werbezetteln an den Bäumen. Also kam Marielouise auch noch in den Genuss eines Swimungpools!!!! Wir konnten unser Glück kaum fassen. Also schnell in unsere kleine gemütliche Dachkammer, Sachen waschen, Badeanzug anziehen und nichts wie in den Pool. Wie gut das Wasser tat nach der langen anstrengenden Wanderung! Allerdings dauerte das Vergnügen nicht so lange, denn plötzlich kam ein Gewitter auf und wir schafften es gerade noch, unsere nassen Sachen von der Leine zu holen und ins Haus zu stürmen und schon brach das Gewitter mit voller Macht los. Aus unserem Dachfenster schauend sahen wir, wie die Bäume unter dem Druck von Wind und Regen hin und her geschüttelt wurden. Dazwischen wurde das Schauspiel durch zahlreiche Blitze erhellt. Nach einer guten halben Stunde war dann der Spuk vorbei.
Bald ging es zum Abendessen,  bei dem eine bunt gemischten Gruppe – 2 Franzosen, 1 Flame, 2 australische Paare, eine Holländerin und eine Deutsche- zusammentrafen. Das Essen war vorzüglich und es fand eine muntere Unterhaltung statt. Englisch, Französisch, Deutsch, Holländisch – eine buntes Sprachgemisch ging am Tisch hin und her und es wurde viel gelacht. Aber der Höhepunkt kam noch. Nach dem Essen setzte sich Nadine zu uns an den Tisch und erzählte von ihrem Haus, den Gästen und ihrem ehemaligen Leben als Sängerin, das sie viel in der Welt rumkommen ließ. Und dann stand sie plötzlich auf, zog ihre Schürze aus, rückte ihr Kleid zurecht und dann sag sie: “Weil ihr so sympathisch seid, sing ich für Euch!“ Und sie trug zwei baskische Lieder vor – und wir waren einfach begeistert!
Es war einer der schönsten überraschendsten Tage unserer Wanderungen und wir erzählen uns heute noch oft von dem Glück, das wir an diesem Tag hatten, obwohl es doch zunächst ganz anders ausgesehen hatte.

Hinweis: Wenn ihr Nadine auch kennen lernen wollt besucht doch ihre Herberge: Gitenadette

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Die Bäckerei in Miramont-Sensacq

Die Bäckerei in Miramont-Sensacq

Geschichten auf dem Via Podiensis

Es gibt so Tage auf der Wanderung, an denen es einfach nur zäh vorangeht. Und der 11. September 2016 war ein solcher Tag. Wir waren früh aufgestanden und gelangten nach einer guten Stunde an den Flusslauf der Adour, dem wir  kurze Zeit folgten. Aber dann begannen die Qualen, endlose Maisfelder und die glühende Sonne begleiteten uns auf unserem weiteren Weg. Im Zickzack ging es durch Maisfelder und Maisfelder und Maisfelder. Kein Schatten und keine Ortschaft in Sicht! Als uns dann auch noch ein alter Mann auf einem Fahrrad begegnet, der uns zahnlos wie er war auch noch erklärt, dass man um diese Zeit nicht wandern gehe, sondern  jetzt Mittagspause mache wie er gleich, hat das unsere Stimmung nicht gerade gehoben.
Trotzdem ging es weiter, an jeder Wegbiegung wurde unsere Hoffnung, endlich dieses scheinbar endlose Labyrinth verlassen zu dürfen, enttäuscht. Die brennende Mittagssonne tat ihr übriges und unsere Laune sank auf einen Tiefpunkt. So quälten wir uns– innerlich „leise“ fluchend – weiter und weiter und erreichten endlich gegen 12.30 Uhr Miramont-Sensacq. Das 400- Seelen-Dorf wirkte wie ausgestorben – verständlich es war Mittagszeit, sehr heiß und Sonntag!!! Keine ideale Kombination für unseren Wunsch, irgendwo Erfrischungen zu bekommen und im Schatten Pause zu machen. Unsere Idee vielleicht in der Herberge etwas zu trinken zu behalten, war auch nicht von Erfolg gekrönt, denn auf dem Schild stand: erst ab 16 Uhr geöffnet!
Da entdeckten wir durch Zufall eine Bäckerei – und sie hatte auch noch auf! Nichts wie hinein. Drinnen durfte es köstlich. Welch einen herrlicher Duft haben doch frische Backwaren! Geradeaus vor uns waren die Ständer für das Baguette. Rechts davon war die Theke mit herrlichem süßen Gebäck!! Eine nette ältere Dame stand hinter der Theke und begrüßte uns freundlich. Unsere Augen wurden beim Anblick der Köstlichkeiten immer grösser und wir strahlten uns und die nette alte Dame an. Nachdem wir ein Baguette und unsere üblichen süßen Schnecken und Croissants gekauft hatten, entdeckten wir hinter den Baguetteregalen einen Tisch mit Stühlen. Voller Hoffnung fragten wir schüchtern an, ob wir vielleicht auch eine Tasse Kaffee haben könnten. Selbstverständlich! Solange unser Kaffee zubereitet wurde, setzten wir uns an den Tisch, zogen unsere Schuhe aus (wir hatten frisch gewaschene Socken an!) und erfrischten unsere Füße auf dem herrlich kühlen mit Mosaik belegten Steinboden. Welch ein Genuss!
Im Gespräch mit der alten Dame erfuhren wir dann, dass die Bäckerei  ihrem Vater gehört hat, der auch noch selber gebacken habe. Wir durften dann im Nebenraum den alten Backofen und im Flur den herrlich gemusterten Steinboden bewundern. Wir hätten noch Stunden hier bleiben und plaudern können, aber die Dame bekam einen Anruf ihrer Tochter, dass das Mittagessen fertig sei. So wurden wir dann ganz freundlich hinauskomplimentiert. Wir bedankten uns für diese ½ Stunde Ruhe und Erfrischung und setzten dann in Hochstimmung – immer wieder unser Glück lobend – unseren Weg nach Pimbo fort.
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Wanzenalarm Teil 2

Wanzenalarm - Teil 2

Geschichten auf dem Via Podiensis

Am Nachmittag waren wir in Nasbinal angekommen. Nachdem wir unser Gepäck in der Herberge abgelegt hatten, sind wir auf ein Glas Wein in den Ort spaziert. Während Marielouise gerade zur Toilette gegangen war, kam ein elsässischer Pilger aufgeregt an unseren Tisch. In der letzten Herberge, in der wir gemeinsam waren, gab es Wanzen. Er zog den Ärmel seines Hemdes hoch und zeigte mir 4/5 Stiche auf seinem Arm. Seine Herbergswirtin habe gesagt, dass seinen Wanzenstiche. Nach einer kurzen Unterhaltung ging er dann weiter. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass er sich zu uns an den Tisch setzen würde. Dann wäre ich aber aufgestanden und schleunigst weggegangen. Als Marielouise zurückkam, erzählte ich ihr von dem Vorfall. Als  bereits routinierte Pilgerinnen besprachen wir die Lage in aller Ruhe und ließen uns auch unser Glas Wein schmecken. Wir waren uns sicher, dass es in der letzten Herberge keine Wanzen gab. Sie war so sauber und gepflegt, außerdem mussten wir die Rucksäcke in Säcke gesteckt in der Waschküche zurücklassen und sollten nur das Notwendigste mit auf die Zimmer nehmen. Zudem hatte der Elsässer Marielouise erzählt, dass seine erste Herberge sehr schmutzig und ungepflegt gewesen wäre. Wahrscheinlich hat er sich da die Wanzen – falls es Wanzenstiche waren – eingefangen?! Also machten wir uns weiter keine Gedanken mehr. Am nächsten Tag ging es weiter nach St. Chely d´ Aubrac. Da die Herberge schon voll war, hatten wir schon am Vortag ein Zimmer in der angeschlossenen Pension gemietet. Ein Doppelzimmer mit eigenem Bad – wie herrlich!  Oder wie Marielouise zu sagen pflegt: Wir sind Glückskinder! Als ich allerdings aus dem Fenster schaute, rief plötzlich jemand: „Hallo Editha!“ Oje der Elsässer! Ich winkte ihm freundlich zu und verschwand schnell ins Zimmer. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, starteten wir zu einem Spaziergang durch den Ort. Während des ganzen Spaziergangs amüsierte sich Marielouise köstlich über mich. Denn an jeder Straßenecke blieb ich stehen und schaut erst einmal vorsichtig um die Ecke. Ok, die Luft war rein, kein Elsässer! Denn ich wollte ihm, seinen Stichen und seinen Wanzen auf keinem Fall begegnen!!! Marielouise grinste nur – oder lachte sie mich etwa aus????? Trotzdem wurde es eine schöne Besichtigung des Ortes.

Und auch diesmal keine Wanzen, keine Stiche! Ich hoffe, falls es noch einmal auf unseren Wanderungen Wanzenalarm gibt, dass es dann wieder ein Fehlalarm ist!
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