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Die Unberührbaren

Die Unberührbaren - die Cagots

Cagots – von Frankreich und Spanien und die Funktion von Vorurteilen

Gesicht eines Cagots

In einem Kriminalroman aus der Baztan-Trilogie von Dolores Redondo wurde die Gruppe der Cagots mehrmals erwähnt. Mir sagte das zunächst nichts. Aber wie das ja häufig der Fall ist, wird man erst einmal auf etwas aufmerksam, dann findet man plötzlich mehr Informationen, über die man normalerweise hinweggegangen wäre. So stieß ich auf einer Seite von www.mein-frankreich.com auf einen Artikel über die Cagots und  auch im Buch von Arno Geiger “Reise nach Laredo” spielt ein Cagot  Geschwisterpaar eine wichtige Rolle. So entschloss ich mich, hier darüber zu berichten. Auch wenn die Geschichte der Cagots vielleicht Vergangenheit ist, so ist es das Thema der Diskriminierung von Menschen sicher nicht.

Name und Verbreitungsgebiet

Als Cagots (baskisch Agotak) bezeichnete man eine Personengruppe, die vom 13. bis 19. Jahrhundert in Frankreich und Spanien diskriminiert wurde. Obwohl sie jahrhundertelang auf Beziehungen untereinander reduziert waren, bildeten sie keine geschlossene Gruppe, sondern sie lebten in kleinen Gruppen von mehreren Familien am Rande von Städten und Dörfern.

Cagots gab es in Frankreich von der Gascogne bis ins Baskenland, im Armagnac, im Bearn und in den Pyrenäentälern, in Spanien in Aragon, im Süden Navarras, im Baskenland und in Asturien. Im Bereich der Pyrenäen war die Bezeichnung Cagot oder Cahet üblich, aber es sonst auch andere Bezeichnungen wie Agots, Capins, Kognards (wegen der Entenfüße, die sie z.T. tragen mussten) oder Chretien oder Chretias.

Über Ihre Herkunft gibt es keine gesicherten Aussagen. Die einen vermuten, dass die Cagots von den arianischen Westgoten abstammen, andere halten sie für Nachfahren der Sarazenen und vor allem im Baskenland für eingewanderte Romas.

Ausgrenzungsgründe

Worauf die Abgrenzung beruht, ist auf Grund der Literaturlage nur teilweise nachvollziehbar. Es gibt erste Information über sie im 10. Jh., aber wirklich bekannt wurden sie erst ab dem 12. Jh.

Sie lebten am Rande der Dörfer und Städte als segregierte Gemeinschaft. Eigentlich unterschieden sie sich nicht von ihren Nachbarn in Sprache, Ethik oder Religion, aber auf Grund ihrer Historie wurden sie mit der Krankheit Lepra in Verbindung gebracht. Die Ängste in der Bevölkerung  bezüglich Lepra drückten sich dann in fantastischen Vorwürfen gegen dieser Gruppe aus, die keineswegs der Realität entsprachen. Wenn es zunächst vielleicht Leprakranke waren, die sich am Rande der Dörfer ansiedelten, so wurden dann die späteren Nachfahren mit dem Stigma der Krankheit belegt, obwohl sie keine Kranken oder Überträger mehr waren, was sogar um 1600 offiziell von Ärzten der Universität Toulouse bestätigt wurde. Trotzdem wurde der Begriff weiter als nicht sichtbares Abgrenzungsmerkmal verwendet. Zusätzlich spielte auch die wirtschaftliche Situation eine Rolle. Da die Cagots nur bestimmte Berufe ausüben konnten und diese gesellschaftlich meist als  minderwertig erachtet wurden, waren die Cagots meist arm. Aber Armut wurde in der gesellschaftlichen Entwicklung im stärker diskriminiert. So führte eine Kombination von ihrem marginalen Status, ungeachtet der wirklichen Gesundheit, und Armut zu einer Verstärkung der Marginalisierung.

Sie wurden als Aussätzige behandelt und das über sechs Jahrhunderte!  So mussten sie zum Teil ein markantes Erkennungszeichen tragen, nämlich Krähen- oder Entenfüße aus rotem Stoff auf der Kleidung. Die Krähenfüße sehen ähnlich wie ein Feigenblatt aus. Das Feigenblatt war im neuen Testament ein Stigmatisierungszeichen für Leprakranke und gleichzeitig ein Hinweis auf ein Heilmittel gegen Lepra. Durch diese Stigmatisierung waren sie die Unberührbaren.

Interessant ist aber die Tatsache, dass Cagots nie Opfer von Gewalt in der Gesellschaft wurden wie z.B. die Juden oder die fahrenden Völker. Das zeugt von einer gewissen Integration in die Gemeinden, obwohl sie segregiert waren. Sie waren – wenn auch ein verachteter und unangenehmer – Teil einer Gemeinschaft. Dies verlangte Kontrolle über sie, aber nicht Bestrafung oder Vernichtung.

Diskriminierungen

Diese Marginalisierung mit ihrer vielfältige Ausgrenzung kann über Jahrhunderte nachgewiesen werden.

  • Sie mussten in eigenen Stadtvierteln leben. Sie hatten eigene Brunnen und eigene Waschhäuser. Es war ihnen nicht erlaubt, die der „Normalen Bewohner“ zu benutzen. Sie durften nichts anfassen, was auch „Nicht Cagots“ anfassten. Tiere durften nur für den Eigenbedarf gehalten werden und keinesfalls verkauft werden.
  • In den Kirchen hatten sie einen eigenen niedrigen Seiteneingang. Die Kommunion wurde ihnen nur mit einem langen Löffel gereicht. Sie mussten einen eigenen Friedhof benutzen. Auf der Taufurkunde stand nur der Vorname und dann Cagot.
  • Sie durften nicht mit „Nicht Cagots“ zusammen essen. Außerdem war es ihnen verboten, „Nicht Cagots“ zu heiraten. So suchten sie sich ihre Partner in anderen Familien außerhalb ihrer eigenen Wohngemeinschaften um Inzucht zu vermeiden, was wohl nicht immer gelang.
  • Außerdem bestand ein Verbot für die Ausübung der meisten Berufe. Da man glaubte, dass Holz und Eisen keine Leprakrankheiten übertrugen, waren die Berufe, die sie ausüben konnten, vor allem Tischler, Schreiner, Holzfäller, Totengräber und Schmiede aber auch Korbmacher und Schneider. Da sie Experten für Holzbau waren, sind nachweislich viele Kirchen in den Pyrenäen von ihnen mitgestaltet worden. Sie werden als freundliche und fleißige Handwerker beschrieben.

Integration

Die Diskriminierung richtete sich gegen die Cagots allein aufgrund des Makels ihrer Verarmung, des Stigmas der Segregation und der über Generationen hinweg verkrusteten negativen Stereotype. Seit mindestens dem 13. Jahrhundert waren die Cagots Diskriminierung ausgesetzt, allein weil sie Cagots waren. Als eigenständiges Phänomen existierten sie nur so lange, wie sie marginalisiert wurden.

Es war die Französische Revolution, die es ihnen ermöglichte, in Frankreich endgültig Vollbürger zu werden. De facto wurden die Cagots jedoch vielerorts noch lange danach diskriminiert; besonders aus der Bretagne wanderten viele von ihnen nach Amerika aus, um dort ein neues Leben zu beginnen. 

In Spanien dauerte es bis 1819, bis das Parlament die Marginalisierung von Cagots ausdrücklich untersagte.

Die Diskriminierung definierte die Cagots, und als sie nachließ, verschwanden sie. Aber wie sieht es heute wirklich aus?

Hilke schreibt in ihrem Blog www.mein-frankreich.com dazu:

Ich verzichte bewusst auf die Darstellung der diskriminierten Menschen. Inzwischen habe ich einige von ihnen persönlich kennengelernt. Einstimmig berichteten sie, dass die cagots bis heute nicht vollständig in der Gesellschaft akzeptiert und integriert sind.

Und ein englischer Reporter, der eine Frau, die von den Cagots abstammt, interviewte, wollte sie und ihre Kinder fotografieren. Sie hat das für sich akzeptiert, aber ihre Kinder wollte sie nicht fotografieren lassen. Hier ihre Begründung:

“I’m sorry but no. It is OK for me to admit where I come from. But if people knew about my children’s background, it might be difficult for them.”

She gazes out of the window, at the distant green Pyrenees. “In some places, the hatred lingers. Even now. The Cagots may be silent but I can still hear it.”

Aber es gibt auch eine Erinnerungskultur. So befindet sich das Musée des Cagots in dem Städtchen Arreau in den Hautes Pyrenées. Allerdings versteckt sich das musée des cagots im Château d’Arreau im ersten Stock und besteht aus einem einzigen Saal. Außerdem weisen gelegentliche Straßenschilder auf ihre frühere Anwesenheit hin. Ab und zu findet man auch an den Kirchen noch die kleinen Seiteneingänge für die damaligen Cagots. Manche dieser Eingänge sind inzwischen auch zugemauert.

Die Cagots und ihr Name mögen verschwunden sein, aber ihre Geschichte sollte nicht aus Scham verdrängt werden. Denn die Erinnerung an ihre Geschichte birgt auch die Chance, das Thema Marginalisierung und Diskriminierung und die Problematik von Vorurteilen zu thematisieren. Denn Vorurteile sind zu jeder Zeit – also auch heute – ein wichtiges gesellschaftliches Thema, mit dem man sich auseinandersetzen sollte. Daher sind unten einige grundsätzlichen Erkenntnisse zu Vorurteilen zusammengestellt

Quellen

Wie funktionieren eigentlich Vorurteile?

Von klein auf lernen wir Menschen in Schubladen zu stecken. Diese Einteilungen helfen uns, die Welt zu ordnen und den Überblick zu behalten. Aber die Kategorisierung hat noch einen anderen Zweck. Sie teilt die Menschen in „wir“ und „die“ ein. Die Mitglieder der Eigengruppe werden geschätzt, die der Fremdgruppe meist distanziert betrachtet. Dann werden diese Schubladen, in die man die Menschen gesteckt hat, etikettiert, d.h. sie werden mit einer positiven oder negativen Bewertung belegt. So wird aus einem zunächst (meist) nur falschem Stereotyp ein Vorurteil. Vorurteile sind somit verallgemeinernde, voreilige, fehlerhafte, pauschalierende Urteile über Menschen.

Ein Vorurteil ist eine ungerechtfertigte und in der Regel negative Einstellung gegenüber einer Gruppe und ihren Mitgliedern. Vorurteile beinhalten also stereotype Überzeugungen, negative Gefühle und die Bereitschaft zu diskriminierendem Verhalten. Ein Vorurteil ist somit eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, von einer Gruppe oder ihren einzelnen Mitgliedern in günstiger oder ungünstiger Weise zu denken, eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Der Ausdruck Vorurteil betont dabei den emotionalen, wahrnehmungsmäßigen und kognitiven Gehalt der inneren Prädispositionen und Erfahrungen eines Individuums. Das Verhalten muss nicht notwendigerweise mit diesen Erfahrungen übereinstimmen. (Stangl, 2026).

Als Maße für die Stärke von Vorurteilen können sowohl tatsächlich ausgedrückte Emotionen als auch die Konsistenz in verschiedenen Situationen herangezogen werden, am häufigsten wird jedoch der Grad von positivem (oder negativem) Gefühl gegenüber einer bestimmten und oft ethnisch definierten Gruppe herangezogen. Meist beziehen sich Vorurteile auf negative, abwertende Einstellungen gegenüber Außengruppen bzw. Minoritäten. Die kognitive Komponente der Vorurteile das subjektive Wissen bzw. die Meinungen über die Außengruppe wird dann als Stereotyp bezeichnet. Soziale Vorurteile sind extrem änderungsresistent, daher stereotyp, als sie bei hoher Verschiedenartigkeit der Situationen minimale Unterschiede in den Urteilen zeigen und auf umfangreichere, soziologisch definierte Klassen von Personen bezogen sind. Vorurteile beinhalten dabei immer Gefühle und ein System mehr oder weniger deutlicher Überzeugungen. Vorurteile implizieren im Alltag oft eine ablehnende oder sogar feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe gehört, der man die zu beanstandenden Eigenschaften zuschreibt. (Stangl, 2026).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2026, 6. Jänner). Vorurteil. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/4678/vorurteil

Durch eine kritische Wahrnehmung und eine offene Einstellung lassen sich Vorurteile auch wieder abbauen. Aber leider haben Vorurteile die Tendenz sich zu verfestigen. Durch eine Zustimmung meiner Bewertung in meiner Eigengruppe kommt es zu einer ersten Verfestigung. Zudem stärkt das gemeinsame Vorurteil das interne Gemeinschaftsgefühl und die bewusste Abgrenzung nach außen. Man fühlt sich anderen gegenüber überlegen. Also warum sollte man an seiner Bewertung zweifeln! Zudem bemerkt man die negativen Zuschreibungen deutlicher und man schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit als jenen Vorkommnissen, die z.T. sogar häufiger und eigentlich positiv zu bewerten wären. Man stuft diese einfach als Ausnahmen ein und kann so sein Vorurteil behalten. Auf Grund dieser Prozesse besteht natürlich keine Notwendigkeit, das Vorurteil in Frage zu stellen. Somit kann es sich weiter verfestigen und es dann sehr schwer, solche Vorurteile aufzubrechen.

Quellen

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Historisches Historisches Via Podiensis

Das Quercy

Das Quercy

als Beispiel für die wechselhafte Geschichte einer Landschaft im Vorfeld und während des 100jährigen Krieges

Quercy ist eine alte Provinz und liegt zwischen den beiden Flüssen Dordogne (im Norden) und Tarn (im Süden).  Sie grenzt im Norden an das Limousin, im Westen ans Périgord und Agenais, im Süden an die Gascogne und das Languedoc, sowie im Osten an Rouergue und die Auvergne. Das heutige Departemente Lot (46) und etwa die Hälfte des Departements Tarn et Garonne (..) entsprechen in etwa dem alten Quercy. 

Zur Zeit der Römer war die Provinz Quercy ein Teil von Aquitania prima. Im 4. Jahrhundert wurde die Region christianisiert. Zwei Jahrhunderte später fiel die Provinz an die Franken und im 9. Jahrhundert wurde sie ein Teil des fränkischen Königreichs Aquitanien. Ende des 10. Jahrhunderts waren seine Herren die mächtigen Grafen von Toulouse. Im Mittelalter führte die Via Podiensis über Figeac, Cahors und Moissac quer durch das Quercy, das mit Rocamadour eines der wichtigsten Pilgerziele Frankreichs besaß.

Während des 100-jährigen Krieges zwischen England und Frankreich besetzten die Engländer 1156 das Quercy und errichteten verschiedene Garnisonen. Durch den Frieden von Abbeville 1259 kam die Provinz Quercy unter englische Oberhoheit. Die genaue Abgrenzung erfolgte aber erst 1285. Zwischen 1292 und 1302 beschlagnahmte der König von Frankreich wiederum das Gebiet. Durch den Frieden von Bretigny 1360 fiel die Provinz an England, in den Jahren 1373–1380 eroberte Bertrand du Guesclin das Gebiet für die französische Krone zurück, dann ging es wieder an die Engländer. 1389 wurde das Rocamadour-Heiligtum von den Engländern eingenommen und geplündert, aber 1440 wurden sie schließlich definitiv aus dem Quercy vertrieben. Zwischen 1259 und 1453, d.h. während des englischen Besitztums, hieß das Königreich Aquitanien Guyenne, zudem eben auch das Quercy gehörte. Während dieses ganzen Hin und Her der Besitzverhältnisse bestätigten und erweiterten sowohl die Monarchen von England wie auch die Könige von Frankreich die Privilegien der Städte und Distrikte, beide in der Hoffnung, die Einwohner auf ihre Seite ziehen zu können.

Quercy
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Historisches Historisches Via Podiensis

Die Bastiden

Die Bastiden

als Zeichen von Städtgründungen und kriegerischen Auseinandersetzungen

Ein sichtbares Relikt der Städtgründungen aber auch der kriegerischen Zeiten des Mittelalters in Frankreich sind die Bastiden, die Wehrdörfer, denen wir immer wieder auf unserer Wanderung begegnen. Bastide (occitanisch: bastir = „bauen“) ist eigentlich die Bezeichnung für die im Mittelalter gegründeten und weitgehend in einem Zug erbauten Städte Okzitaniens, also des Südwesten Frankreichs. In der Zeit von 1222 bis 1373 (Beginn des 100jährigen Krieges) wurden hier zwischen 300 bis 500 neu gegründete Städte errichtet. Sie bildeten örtliche politische und wirtschaftliche Zentren mit Selbstverwaltung.

Gründer waren weltliche Seigneurs (u.a. auch die Könige von Frankreich und England sowie Grafen und lokale Fürsten als Lehnsherren) sowie kirchliche Herren (hier Bischöfe und Zisterzienserklöster), die mit den Grundherren spezielle notariell beglaubigte Verträge abschlossen.

Ziele waren zum einen die Grenzmarkierung von Herrschaftsgebieten zum anderen die Zuwanderung in entvölkerte Landstriche und dadurch die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen als Einkommensquelle für die Gründer sowie die Entwicklung von Märkten. U.a. durch die zunehmende Bevölkerungsentwicklung und die Seßhaftmachung der Halbnomaden in diesen Regionen konnten diese Gebiete besiedelt werden. Meist entstanden diese Bastiden an Orten ohne Vorgeschichte, bei aufgelassenen Dörfern, an Kreuzungen und in Gebieten mit guter Bodenqualität und Wasser. Sie wurden häufig verteidigungsstrategisch auf einer Kuppe oder einem Plateau errichtet und sollten der Landbevölkerung Schutz in Zeiten von kriegerischen Auseinandersetzungen geben. So wurden sie auch oft – allerdings meist erst einige Zeit nach ihrer Gründung – mit Stadtmauern befestigt.  Raymond VII., Graf von Toulouse (1222-1249), sicherte so sein Reich mit dem Bau von Bastiden vor und nach dem Albigenser-Kreuzzug, wie die Katharer auch genannt werden. Alfons von Poitiers (1250-1270) setzte sein Werk fort und gründete gleich 54 Bastiden, um während der englisch-französischen Kriege seine Westgrenze zum Herzogtum Aquitanien abzusichern.

Der englische König Edward I.  reagierte darauf mit dem Bau von Bastiden in seinem Reich. Als 1337 der 100-jährige Krieg zwischen England und Frankreich begann, läutete der das Ende des Bastiden-Booms ein. Labastide-d’Anjou in Aude gehörte zu den letzten, die vollendet wurde.

Ihr Aufbau ist geplant und besteht meist aus einem rechtwinkligen Straßenmuster mit einem zentralen Marktplatz, an dem die Kirche, das Rathaus und oft eine Markthalle liegen. Er wird von Häusern häufig mit Arkadengängen gesäumt. Man konnte bei einem Angriff von allen Häusern relativ schnell zur Stadtmauer gelangen, um von dort den Ort zu verteidigen. Gerade im 100jährigen Krieg konnten die befestigten Städte überleben, während viele andere unbefestigte Städte wieder zerstört wurden.

Um die Bevölkerung anzulocken, gab es eine Reihe von lokalen Privilegien, ohne das grundsätzliche Feudalsystem zu ändern:

  • Steuererleichterungen
  • Gleichheit der Landverteilung
  • Rechtliche Gleichstellung
  • Freiheit für Leibeigene
  • Marktrechte für den Ort

An die Grundherren musste eine Grundsteuer gezahlt werden und ein Zehnt ging an die Pfarrei. Die Privilegien wurden auch beim Wechselspiel der Besitzverhältnisse zwischen den englischen und französischen Königen bestätigt und zum Teil ausgeweitet, um so die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

Welche Bastiden liegen u.a. auf dem Weg der Via Podiensis?

Lauzerte

Lauzerte entstand im Zuge des 100-jährigen Krieges, als die Grafschaften sich anschickten, ihre Grenzen und strategisch wichtigen Punkte durch befestigte Ortschaften vor den englischen Truppen zu schützen. Trotzdem wurde Lauzerte im 100- jährigen Krieg und auch in den Religionskriegen teilweise zerstört. Die Häuser um den Marktplatz mit ihren Fassaden aus dem Mittelalter und der Renaissance wurden renoviert.

Larressingle

Rund 270 Meter völlig intaktes Mauerwerk sowie ein Burggraben umschließen die wenigen Häuser sowie die Burg und die Burgruine. Noch immer verleihen die alten Häuser, die gleichzeitig die Festungsmauer bilden, dem Dorf ein mittelalterliches Flair. Die massive Wehrkirche St. Sigismund ist im Innern in ein romanisches und gotisches Schiff geteilt. Im 13. Jh. erhoben sowohl die französische wie auch die englische Krone Anspruch auf die Provinz Aquitanien. Um seinen Machtanspruch zu demonstrieren, ließ der französische König Larressingle und zahlreiche andere Siedlungen in der Region zu Bastiden ausbauen.

Montreal-du-Gers

Zu den frühen Bastiden gehört auch Montréal-sur-Gers, das Alphonse de Poitier im Herzen der Gascogne 1255 auf einem Hügel oberhalb des Auzoue gründete, direkt am Pilgerweg Via Podiensis nach Santiago de Compostela. Dass bereits hier die Römer ein Oppidum namens Celtiberum hatten, verrät eine kleine archäologische Ausstellung, das auch die Funde der Villa von Séviac aus dem 4. Jahrhundert birgt.

Die Stadt ist eine typische gascognische Bastide aus dem 13. Jh. Im Jahre 1320 wurde sie wie viele andere Städte der Region an das Herzogtum Guyenne angeschlossen, das sich im Besitz der englischen Krone befand. Daraufhin belagerte 1350 Karl der Schreckliche, König von Navarra, den Ort und übergab ihn 1368 dem Comte d’Armagnac. Von der ehemaligen Stadtbefestigung sind allerdings nur noch wenige Reste erhalten. Aber der Marktplatz, den bis heute die typischen Arkaden säumen, und die Straßen, die wie einst noch in Rechtecken angeordnet sind, sind noch in ihrer ursprünglichen Form vorhanden.

Montreal-du-Gers Marktplatz

Miramont-Sensacq

Das Dorf wurde 1276 durch den König von England als Bastide gegründet.

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Historisches Historisches Via Podiensis

Der 100jährige Krieg

Der 100 jährige Krieg zwischen England und Frankreich und seine Vorgeschichte

The War of Thrones

Wandert man durch Frankreich, so stößt man immer wieder auf Zeugen des 100- jährigen Krieges. Es lohnt daher, sich kurz einmal mit diesem Krieg (1337-1453) und seiner Vorgeschichte auseinanderzusetzen. Dabei wird hier weniger auf die einzelnen Kriege und Konflikte eingegangen, sondern bemerkenswert sind vor allem jene Aspekte, die damals tragende Elemente der Auseinandersetzungen waren. Und wenn man es genau betrachtet, so sind es immer noch dieselben Elemente, die auch heute noch viele z.T. auch kriegerische Auseinandersetzungen bestimmen.

 

Zu nennen sind hier u.a.:

  1. Macht- und Gebietsansprüche und ihre Legitimation
  2. wirtschaftliche Gründe, die hinter fast allen Kriegen offen oder verdeckt stehen
  3. die tiefe Religiosität jener Zeit und ein gewisser Heilsglaube
  4. das Entstehen eines Nationalbewusstseins in Frankreich und England
  5. und ein über Jahrhunderte bestehendes Misstrauen zwischen diesen beiden europäischen Ländern

 

Die Vorgeschichte des Krieges, die für das Verständnis der Auseinandersetzungen von großer Bedeutung ist, reicht bis ins 12. und 13. Jh. zurück. Die Plantagenets, also das englische Herrschergeschlecht, haben schon unter Heinrich I (1154-1189) große Teile Frankreichs durch Erbschaft, Heirat und Zukäufe unter ihre Herrschaft gebracht. So waren sie einerseits die Könige von England und somit dem französischen König gleichgestellt und andererseits verfügten sie in Frankreich als Grafen und Herzöge nur über die Rechtstitel, die mit ihren französischen Besitzungen verbunden waren. Sie   waren also dem französischen König lehensrechtlich für diese Besitzungen untergeordnet. Zu diesen gehörten zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung (um 1173) die Herzogtümer Normandie, Aquitanien, Gascogne und Bretagne sowie die Grafschaften Anjou, Maine und Torraine (vgl. die Karte). Das bedeutete, dass der englische König zu dieser Zeit der größte Großgrundbesitzer Frankreichs war. Der französische König Philipp II. versuchte deshalb seinerseits, seine Besitzungen vor allem nach Norden auszudehnen, hier vorwiegend in das Gebiet der Herzöge von Flandern.

 

Und jetzt kommen bereits wesentliche wirtschaftliche Faktoren ins Spiel. Durch diese Ausdehnung nach Norden waren zentrale Wirtschaftsinteressen Englands gefährdet. Denn die flämische Tuchindustrie war der wichtigste Absatzmarkt für die englische Wolle. England reagierte, indem es die rechtliche Hoheit über den Ärmelkanal beanspruchte. So wollte es die zentralen Handelsbeziehungen absichern.

Im Laufe des 13. Jh. kam es dann zu verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen dem Franzosen und Engländern, in deren Verlauf Frankreich die Normandie, Torraine und Anjou sowie die Bretagne und Teile Aquitaniens zurückeroberte und im Vertag von Paris 1259 absicherte. Die französischen Könige verdrängten den englischen Einfluss aus Frankreich. Nur die Gascogne und Teile Aquitaniens verblieben den Engländern und wurden zur Grafschaft Guyenne zusammengefasst. Bis Anfang des 14. Jh. kam es zu einer gewissen Beruhigung, allerdings bestanden die grundsätzlichen Gegensätze auch weiterhin und flammten Anfang des 14. Jh. erneut auf. Sie führten dann zu den zahlreichen Auseinandersetzungen des sogenannten 100-jährigen Krieges, der allerdings nicht als ein kontinuierlicher Prozess zu verstehen ist, sondern es gibt sehr unterschiedliche Phasen des Konflikts, die unter diesem Oberbegriff zusammengefasst wurden. Auch die zeitliche Eingrenzung auf die Zeit von 1337 – 1457 wird von einigen Historikern als etwas willkürlich angesehen.

Die 1. Phase des Hundertjährigen Krieges (1337-1386)

Ein wesentlicher Aspekt dieser Phase ist der Thronfolgestreit, nachdem mit Charles IV. der letzte Kapetinger stirbt. Philipp von Valois, ein Cousin Charles aus der nächsten Verwandtschaftslinie der Kapetinger, lässt sich als Philipp VI. zum französischen König krönen. Zwar wurde dies zunächst vom englischen Königshaus akzeptiert, aber nachdem sich Philipp in die Auseinandersetzungen zwischen England und Schottland einmischte, erhob Edward III. von England Ansprüche auf den französischen Thron, die er über seine Mutter (eine Tochter Philipp III.) ableitete. Juristisch stand dieser Anspruch auf wackeligen Beinen, da die Thronfolge über weibliche Nachkommen eigentlich ausgeschlossen war. Trotzdem waren damit die politischen Bedingungen für den nun beginnenden Krieg umrissen. Der französische König ging nach seinem Verständnis gegen einen sich unrechtmäßig erhebenden Vasallen vor, während der englische König seinen vermeintlich legitimen Anspruch auf den französischen Thron durchsetzen wollte.  Beide Auffassungen standen sich im nun folgenden Hundertjährigen Krieg unversöhnlich gegenüber und führten dazu, dass es dann nicht mehr nur um eine feudale Auseinandersetzung zwischen zwei Herrschern ging, sondern fundamentaler um den Kampf zweier Länder und Völker um die Existenz eines eigenständigen französischen Staates. Der Historiker Kenneth Fowler betont dabei, dass die Geschichte des 100jährigen Krieges als eine anglo-französische und nicht englisch-französische Auseinandersetzung verstanden werden sollte, da es ein „England“ oder „Frankreich“ vor 1337 nicht gab, sondern die beiden vorstaatlichen Gebilde eng miteinander verflochten waren. Die Ereignisse dieses Krieges führten dann allerdings zur Entwicklung von zwei eigenständigen Nationalstaaten.

Die folgende Darstellung des Krieges will chronologisch, aber nur stichwortartig einige wichtige Ereignisse und ihre Bedeutung herausarbeiten. Auf einige besondere Aspekte wird dann etwas ausführlicher eingegangen. Dabei handelt es sich zum einen um die Bedeutung einzelner Schlachten für die Entwicklung der modernen Heere, zum anderen um eine kurze Darstellung der Bedeutung Jeanne d`Arcs für diesen Krieg sowie um die Folgen dieses Krieges für die beiden Länder.

  • Ab 1337: Einmischung der Franzosen in den Krieg zwischen England und Schottland, Gefechte im Ärmelkanal, Überfälle auf die englische Küste
  • 1340: Eduard III. ernennt sich selbst zum französischen König und zieht mit Truppen nach Frankreich
  • 1346: Edward III. schlägt die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Crécy, insbesondere auf Grund der englischen Langbögen
  • 1347: Die Engländer nehmen Calais, den wichtigen Handelsstützpunkt nach elfmonatiger Belagerung ein.
  • 1348 In Frankreich grassiert die Pest und 1/3 der französischen Bevölkerung wird dahingerafft. In Europa werden ca. 25 Millionen Menschen an der Pest sterben.
  • 1356: Der Schwarze Prinz (Prince of Wales) siegt in der Schlacht von Poitiers und es kommt zur Gefangennahme des französischen König Jean II.
  • 1360: Frieden von Bretigny – Edward verzichtet auf den franz. Thron; Jean II. wird gegen Lösegeld freigelassen; Guyenne, Gascogne und Limousin und somit das ganze südwestliche Frankreich fallen an Edward
  • 1369 – 1376: Der franz. König Charles V. nimmt den Kampf wieder auf und kann die verloren gegangenen Gebiete zurückerobern
  • 1386: Beendigungen der Kampfhandlungen (Friedensvertrag 1396)

Die 2. Phase des Hundertjährigen Krieges (1415-1435)

  • 1407: Im Kampf um Einfluss und Ehre am königlichen Hof beginnt der innerfranzösische Krieg zwischen den Armagnacs (Unterstützer des Könighauses Valois) und den Bourguignons
  • 1413 wiedererwachendes Interesse Englands an den reichen Städten Flanderns und den Gütern in Aquitanien
  • 1414: auf Grund der innerfranzösischen Auseinandersetzungen und der Bevorzugung der Armagnacs durch den König verbündet sich Burgund mit England
  • 1415: Die Engländer schlagen die Franzosen vernichtend in der Schlacht von Azincourt . Mehr als 5000 Mann der Franzosen fallen, 1000 werden gefangen genommen. Bei den Engländern gibt es nur geringe Verluste. Es war eine verheerende Niederlage, die das Selbstbewusstsein der Engländer stärkte und der französischen Krone neben dem Verlust eines Großteils des Adels auch die Initiativkraft nahm. Dem französischen Königtum drohte der Untergang.

Exkurs: Die Bedeutung von Crecy und vor allem Azincourt für die Zukunft der Heere

Crecy und Azincourt sind für die Engländer und sicher auch für die Länder in Europa   ganz besondere Ereignisse. „Es ist der Sieg der Schwachen über die Starken, des gemeinen Mannes über die Ritter hoch zu Ross, des Verzweifelten, in die Eck Gedrängten und fern der Heimat Kämpfenden über den Vermögenden und Dünkelhaften“ schrieb der britische Historiker John Keegan. Denn der Sieg der Engländer mit ihren Fußsoldaten über die französischen adeligen Ritter stellt eine Epochenwende dar.

Das englische Heer bestand aus ca. 2000 Rittern und 8000 Fußsoldaten, zumeist Bogenschützen. Und gerade diese Bogenschützen waren es, die den Sieg herbeiführten. Der Bogen, den sie benutzten, war nicht nur eine Waffe, sondern auch ein soziales Zeichen, denn der Bogen wies den Träger als freien Mann aus, der in einem Heer Dienst tat und dafür bezahlt wurde. Im Gegensatz dazu waren bei den Franzosen neben den Rittern ihre unfreiwillig Hörigen beteiligt.

Der Bogen war deshalb so gefährlich, weil erfahrene Schützen ( und man musste den Umgang mit der Waffe intensiv trainieren) mit den bis zu zwei Meter langen Bögen aus Eibenholz zehn Schuss pro Minute abschießen konnten bei einer Reichweite von ca. 250 Metern, während mit einer Armbrust in der selben Zeit maximal zwei Schuss mit geringerer Reichweite abgefeuert werden konnten. Die Eibenrohlinge stammten aus England und vor allem aus Süddeutschland und Norditalien. Durch den intensiven Handel, der sich wegen der großen Nachfrage entwickelte, wurde die Eibe rücksichtslos abgeholzt. Heute findet man sie in der freien Natur nur noch in einigen speziellen Verbreitungsgebieten in Europa. Sie steht deshalb bei uns nach dem Bundesartenschutzgesetz unter besonderem Schutz.

Der Einsatz der englischen Langbogenschützen im Verbund mit abgesessenen Rittern und der Nutzung von Pfählen als Deckung haben die Schlacht von Azincourt mitentschieden. Das französische Heer unterlag, da es auf die veraltete Taktik mit dem Schwergewicht auf den Rittern setzte.

Ab dieser Zeit sollte die Zukunft den großen Heeren leichtbewaffneten Fußsoldaten und Söldnern gehören und nicht mehr adeligen Rittern, die oft im Heer als Einzelkämpfer aufgetreten waren. Diese neuen Armeen konnten aber wiederum nur von Herrschern mit den nötigen finanziellen Ressourcen aufgestellt werden, was natürlich nicht selten ein großes Problem darstellte.

  • 1417: Die Engländer bringen weite Teile von Nordfrankreich unter ihre Kontrolle
  • 1420: Im Vertrag von Troyes wird Henry V. von England zum franz. Thronfolger bestimmt
  • 1422: Nachdem Henry V. (England) und Charles VI. (Frankreich) sterben, erkennen die Franzosen den Vertrag von Troyes nicht mehr an und rufen Charles VII. (Valois) als König aus
  • 1428: Nach der Eroberung von Nordfrankreich belagern die Engländer die Stadt Orléans, den Schlüssel nach Südfrankreich, bis zum 08. März 1429. Die folgenden Ereignisse wurden von Shakespeare in seinem Drama „Heinrich VI“ ausführlich erzählt.          
  • 1429: Die Wende trat erst mit dem Erscheinen der „Jungfrau von Orlean“ ein. Jeanne d‘Arc von ihren göttlichen Visionen geleitet und von der Kirche unterstützt, überzeugt den Dauphin, dass sie die Franzosen zum Sieg führen werde. So führt sie die Kriegswende bei Orléans herbei und kämpft erfolgreich gegen die Engländer.

Exkurs: Kurze Geschichte der Jeanne d`Arc

Man stellt sich natürlich die Frage, wie es einem einfachen Bauernmädchen erlaubt wurde, ein Heer gegen die Engländer zu führen. Hierzu in Kürze die Geschichte von Jeanne d`Arc.

Sie erblickte um 1412 in Domrémy, einem kleinen Dorf an der Maas (Lothringen) als Tochter von Jacques Darc und Isabelle Rommêe das Licht der Welt. Ihre Eltern zählten zur sogenannten Schicht der Laboreurs, einer Art Oberschicht innerhalb der ländlichen Bevölkerung. Sie wurde somit in eine für das Dorf Domrémy wohlhabende Familie hineingeboren. Allerdings wurde die Schreibweise mit d`Arc erst seit dem 16. Jh. gewählt, um eine gewisse Wertigkeit der Familie hervorzuheben.

Nach Gerichtsprotokollen hatte Jeanne d`Arc mit 13 Jahren ihre ersten Visionen. Sie hörte angeblich die Stimme der hl. Katharina sowie des Erzengels Michael und der hl. Margareta. Die Erscheinungen wiederholten sich und gaben ihr den Befehl, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum König krönen zu lassen. Ende Dezember 1428 verließ Jeanne ihr Elternhaus, um ihre Visionen zu realisieren. Am 1. Januar 1429 im Alter von fast 17 Jahren machte sich Jeanne auf den Weg zum Stadtkommandanten der Festung Vaucouleurs, Robert d`Baudricaurt. Sie musste allerdings feststellen, dass sich die Aufgabe, die ihr die Stimmen aufgetragen hatten, als schwieriger gestaltete als gedacht. Sie wurde zweimal abgewiesen und der Stadthauptmann empfahl dringend, dass ihr Vater ihr besser ein paar Ohrfeigen geben sollte.

Beim dritten Versuch bekam sie dann doch eine Audienz, in der sie den Kommandanten doch von ihrem Glauben und ihren Visionen überzeugen konnte. Er gab ihr eine Eskorte mit, die sie zu Karl VII. nach Chinon begleiten sollte. Nach elf Tagen durch Feindesland kam sie am 5. März 1429 dort an. Dank des Empfehlungsschreibens Baudricourts wurde sie vom Dauphin empfangen. Niemand weiß genau, wie Jeanne es schaffte, den Dauphin davon zu überzeugen, dass sie gekommen sei, um Frankreich von den Engländern zu befreien und ihn in Reims zum König krönen zu lassen. Sie hatten sich allein in ein Zimmer zurückgezogen und angeblich hat sie ihn an einer ihrer Visionen teilhaben lassen.

Dies allein reichte aber natürlich noch nicht aus. So wurde sie in Poitiers drei Wochen lang von Geistlichen und hochgestellten Personen auf ihre Glaubwürdigkeit geprüft. Zudem wurde sie von Hofdamen auf ihre Jungfräulichkeit untersucht. Die Keuschheit einer Frau ging zu dieser Zeit Hand in Hand mit ihrer Glaubwürdigkeit. Nachdem sie beide Prüfungen erfolgreich bestanden hatte, beschloss der Kronrat ihr eine kleine militärische Einheit zur Verfügung zu stellen. Ihr Auftrag bestand darin, einen Proviantzug in die von Engländern eingeschlossene und belagerte Stadt Orléans durchzubringen. Am 29. April 1429 gelang ihr dies. Durch diesen Erfolg ermutigt wagten die Truppen von Orléans den Ausbruch. Jeanne d`Arc ritt voraus, wurde von einem Pfeil getroffen, blieb aber auf dem Feld und machte so ihren Mitkämpfern weiter Mut. Einen Tag später zogen die Engländer ab. Bis Juni 1429 gelang es unter Mitwirkung Jeannes die Engländer aus den Burgen südlich der Loire zu vertreiben. Von der Rückeroberung Orléans rührt dann auch der Name Johanna von Orléans her.

Am 17. Juli 1429 wurde der Dauphin, wie von Jeanne prophezeit, in der Kathedrale von

Reims als Karl VII zum König gekrönt. Jeanne nahm am Altar stehend an der Krönungszeremonie teil. Das war ein Akt von entscheidender politischer Bedeutung: Die Franzosen im besetzten Norden konnten nicht länger ignorieren, dass sie wieder einen nationalen König hatten. Zudem war der Mythos der Jungfrau von Orléans geboren, Frankreich hatte seine Nationalheilige. Ihr Glaube an den göttlichen Auftrag, die Engländer aus dem Land hinauszuwerfen, wirkte auf die ganze Nation. Die Befreiung des Landes war nicht mehr nur eine Angelegenheit rivalisierender Adliger, sondern die Aufgabe eines ganzen Volkes, das im Bann einer Gottgesandten zusammenrückte und wieder neuen Mut schöpfte.

Ihr Ruhm war auf dem Höhepunkt. Aber wie immer, wenn jemand so schnell erfolgreich wird, gab es auch zahlreiche Neider. Vor allem die Ratgeber des Königs fürchteten um ihre Macht und ihren Einfluss. Jeanne wollte die Engländer gänzlich vom Festland vertreiben. So bat sie darum, zunächst Paris befreien zu dürfen. Dies wurde ihr erst nach mehrmaliger Ablehnung erlaubt. Aber die Befreiung von Paris misslang und der König von verschiedenen Interessengruppen beeinflusst wandte sich von ihr ab. Er wollte vor allem Frieden mit den Engländern schließen.

Im Mai 1430 wird Jeanne d‘Arc in Compiegne an die mit England verbündeten Burgunder verraten, von diesen dann an die Engländer ausgeliefert und am 30. Mai 1431 wegen Ketzerei verbrannt, auf Grund eines auch zur damaligen Zeit schon sehr umstrittenen Urteils im Namen der Inquisition, das später auch von der katholischen Kirche revidiert wurde. Ihre Asche wurde im Fluss zerstreut, damit es keinen Ort der Verehrung geben sollte. Obwohl ihre Wirkungszeit nur kurz war, überdauerte ihr Ruhm die Zeiten und Jeanne d`Arc wird noch heute als französische Nationalheldin und Heilige verehrt.

  • 1435: Der Vertrag von Arras (Burgund erkennt Charles VII. als König an im Gegenzug für Gebietsgewinne und einer de facto Unabhängigkeit bei formaler Zugehörigkeit zu Frankreich) bedeutete das Ende des englisch-burgundischen Bündnisses.

Die 3. Phase des Hundertjährigen Krieges (1436-1453)

  • 1436 – 1441: Die Franzosen erobern die Île de France zurück und Charles VII. zieht in Paris ein
  • Ab 1442: Erfolgreiche französische Eroberungen im Südwesten und der Normandie begünstigt auch durch die innenpolitischen Kämpfe in England, die zu einer relative Handlungsunfähigkeit Englands führten
  • 1453: Englische Offensive bei Bordeaux unter John Talbot, aber die Franzosen siegen entscheidend in der Schlacht von Castillon
  • 1453: Nach der Unterwerfung von Bordeaux endet der 100-jährige Krieg, obwohl es keinen Friedensvertrag gab
  • Fast alle von den Engländern beherrschten Gebiete fallen an Frankreich zurück. Allein Calais als wichtiger Handelsstützpunkt bleibt in englischem Besitz.

Dennoch gaben die englischen Könige ihren Anspruch auf die französische Krone, die sie stets im Titel führten, erst Anfang des 19. Jh. auf.

Exkurs: Was waren nun die Folgen dieser Auseinandersetzungen für die beiden Länder?

Für Frankreich bedeutete es zum einen die Befreiung von ausländischen Mächten (mit Ausnahme von Calais). Somit waren die Grundlagen für ein ungeteiltes einheitliches Königreich und den zukünftigen Nationalstaat gelegt. Auch entwickelte sich im Bewusstsein der Bevölkerung ein französisches Nationalbewusstsein.

Zudem wirkt anscheinend der Mythus Jeanne d´Arc bis in die heutige Zeit nach. So wird zumindest behauptet, dass viele französische Bürger in Zeiten der Krise immer wieder Hoffnungen auf einen nationalen Erlöser setzen. Beispiele sind vielleicht Philippe Petain vor Verdun oder Charles de Gaulle 1944 oder möglicherweise zu Beginn seiner Präsidentschaft in Ansätzen auch Emmanuelle Macron.

 

Für England bedeutete es ebenfalls eine Stärkung des englischen Nationalbewusstseins. Es entstand eine eigene politische Identität, in der Krone und Nation symbolisch eine Einheit bildeten. Die Neigung, sich zum Kontinent hin zu orientierten, ging verloren. Das zeigt sich u.a. auch darin, dass sich die englische Oberschicht endgültig von der französischen Sprache verabschiedete.

Letztendlich entstanden zwei separate Staatswesen. Gleichzeitig ist der hundertjährige Krieg aber auch die Grundlage für die englisch-französische Erbfeindschaft der folgenden Jahrhunderte. Selbst Zitate aus dem 20. Jh. belegen noch diese Ressentiments. So spricht Georges Clemenceau 1904 davon, dass England eine französische Kolonie sei, die auf die falsche Bahn geraten sei. Und Charles de Gaulle begründete seine Ablehnung des britischen Beitrittsgesuchs zur Europäischen Gemeinschaft 1963 damit, dass England ein Inselstaat sei, ausgerichtet auf die See. Auch die typischen Sticheleien sind noch existent zwischen den „Rosbifs“, den Roastbeef–Freunden, und den „Froggies“, den Froschschenkelessern.

Bei den Engländern entstand außerdem später das Bewusstsein einer großen Kolonialmacht, das sich dann nach der Kolonialzeit im Commonwealth weiter manifestierte. So lässt sich vielleicht auch die Skepsis der Engländer gegenüber der EU erklären, ist man hier doch nur ein Staat unter vielen und nicht mehr herausgehoben. Vielleicht ist auch der Brexit ein Zeichen für den verzweifelten Versuch, wieder eine Großmacht zu sein.

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Das Fort du Portalet

Das Fort du Portalet

Relikte aus dem 2. Weltkrieg

Das Fort du Portalet ist eine Festung im Aspe-Tal im Departement Bearn in den französischen Pyrenäen in der Nähe der spanischen Grenze. Es wurde zwischen 1842 und 1870 im Auftrag von Louis Philippe I erbaut. Das Fort liegt auf einem Felsvorsprung oberhalb der Schlucht des Flusses Grave d`Aspe und bewachte somit den Zugang zum Somport-Pass. Es diente als Schutz der Landstraße und zur Verteidigung gegen eine mögliche spanische Invasion.
Fort du Portalet Luftansicht
Das Fort du Portalet in der Luftansicht // Quelle: Wikipedia
Auf einem Höhenunterschied von 150 m wurden auf zwei Etagen eine Kaserne für Soldaten und ein Pavillon für Offiziere errichtet. Es gab Platz für insgesamt 400 Mann und wurde von dem 18. Infanterieregiment zwischen 1871 und 1925 als Depot und Kaserne genutzt. Danach geriet es etwas in Vergessenheit. Allerdings erlangte es im zweiten Weltkrieg wieder eine weniger rühmliche Bekanntheit.
Denn hier hielt die deutschlandfreundliche Vichy-Regierung bekannte französische Politiker in Gewahrsam. Darunter Leon Blum, Edouard Daladier, Paul Reynaud, George Mandels und Maurice Gamelin. In den Rion-Prozessen zwischen Februar 1942 und Mai 1943 versuchte man, den Politikern der Vorgänger-Regierungen die Schuld an der militärischen Niederlage in die Schuhe zu schieben und verurteilte sie zum Teil zu lebenslanger Haft. Leon Blum – früherer Ministerpräsident Frankreichs, wurde später nach Deutschland deportiert und zwischen 1943 und 1945 im KZ Buchenwald interniert.  Edouard Daladier – ehemaliger Ministerpräsident und Kriegsminister – wurde 1943 nach Schloss Itter nahe Wörgl gebracht. Das Schloss diente damals als Außenstation für Sonder- und Ehrenhäftlinge des KZs Dachau. Paul Reynaud – ebenfalls ehemaliger Ministerpräsident – wurde auch in Itter inhaftiert. George Mandels – Innenminister unter Reynaud – wurde ins KZ Oranienburg und dann ins KZ Buchenwald deportiert. 1944 kam er in Gewahrsam der paramilitärischen Milice francaise und wurde von dieser als Vergeltung für die Ermordung eines Propaganda-Ministers der Vichy-Regierung ermordet. Maurice Gamelin – Oberbefehlshaber der französischen Armee 1940 – wurde 1942 ebenfalls nach Schloss Itter gebracht. Die Inhaftierten von Schloss Itter wurden dann im Mai 1945 mit Hilfe einer Einheit der amerikanischen Armee und einer Wehrmachtseinheit, die sich gegen die SS-Besatzung stellte, befreit. Das war das erste und einzige Mal, dass die Wehrmacht und die Amerikaner im 2.Weltkrieg gemeinsam kämpften.
Das Fort du Portalet in der Luftansicht
Das Fort du Portalet // Quelle: Wikipedia
Pikanterweise wurde nach Ende des 2. Weltkrieges Philippe Petain, der Regierungschef der Vichy-Regierung, drei Monate in der Festung Portalet inhaftiert. Das Fort wurde später von der französischen Regierung aufgegeben. 1999 kauften es die örtlichen Behörden und restaurierten es. Heute plant man eine touristische Wiederbelebung des Fort zusammen mit dem Chemin de la Mature Urdos und dem Bahnhof in Canfranc.

Quellen

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