Die Epochen der portugiesischen Architektur von der Romanik bis heute

mit der Angabe wichtiger Bauwerke und deren Lage am Camino Portugues

Die Angaben in den Klammern geben an, welche Bauwerke am Camino liegen und bedeuten Camino Central L ab Lissabon, Caminos P alle Wege ab Porto, Camino Central P ab Porto, Camino Costal ab Porto.

Romanik (11.–13. Jh.)
Über die Jakobswege und die monastischen Orden kommend unter dem Einfluss der Romanik Galiciens und Frankreichs ist die portugiesische Romanik nüchtern, massiv und ländlich. Die Kathedralen von coimbra, Braga und Lissabon wirken wie
Festungen. Massive Kirchen mit dicken Mauern, Rundbögen, kleinen Fenstern und wehrhaftem Charakter entstanden. Die Gewölbe und Wände sind noch nicht optimal zusammengefügt. Gleichwohl besitzen die Gebäude Strebepfeiler und Rippengewölbe.
Der Norden Portugals zeichnet sich durch einen besonderen Reichtum an romanischen Bauten aus – am Douro und seinen Nebenflüssen Sousa und Tâmega entlang.
Es ist die Architektur eines Landes in seiner Entstehung, noch im Grenzkrieg.
Wichtige Bauten:
• Sé Velha de Coimbra, Coimbra (12. Jh.) – einer der bedeutendsten romanischen Kirchenbauten Portugals (Camino Central L)
• Sé do Porto, Porto (12.–13. Jh.) – romanischer Ursprung, später mehrfach verändert (Caminos P)
• Mosteiro de São Pedro de Rates, Póvoa de Varzim (12. Jh.) (Camino Costal)
• Mosteiro de Santa Maria de Pombeiro, Felgueiras (12.–13. Jh.)
• Mosteiro de Santa Cruz, Coimbra (1131) – ursprünglich romanisch, später stark umgestaltet (Camino Central L)

Gotik ( 13.–15. Jh)
In Portugal ist die Gotik stets gemäßigter in der Höhe und empfänglicher für das horizontale Licht als die Kathedralen Nordeuropas. Spitzbögen, größere Fenster, Kreuzrippengewölbe und stärker vertikal orientierte Kirchen sind typisch. Flexible Kreuzrippengewölbe ermöglichten die geraden Seitenwände mit großen Glasfenstern. Das neue Bauhüttenwesen, mit dem das Zusammenspiel der verschiedenen Handwerkszünfte und Bauprozesse organisiert wurde, ermöglichte neue Höhen und komplexere Bauten. Klöster und große Kirchen werden zu wichtigen Bautypen. Zudem brachte das Wachstum der Städte prestigeträchtige Bürgerhäuser und Rathäuser hervor.
Wichtige Bauten:
• Mosteiro de Alcobaça, Alcobaça (12.–13. Jh.) – einer der wichtigsten gotischen Bauten Portugals
• Sé de Évora, Évora (13.–14. Jh.) – monumentale Kathedrale zwischen Romanik und Gotik
• Mosteiro da Batalha, Batalha (1386–16. Jh.) – Höhepunkt der portugiesischen Spätgotik
• Igreja de Santa Maria do Olival, Tomar (13.–14. Jh.) (Camino Central L)
• Mosteiro de Santa Clara-a-Velha, Coimbra (14. Jh.) (Camino Central L)

Manuelinik (um 1490–1540)
Es ist der erste Stil, den man wahrhaft portugiesisch nennen kann, verbunden mit der Herrschaft Manuel I. Auf eine spätgotische Struktur legten die Manuelinik eine nautische und naturalistische Ornamentik mit maritimen Symbolen, Seilen, Pflanzen, Wappen und Motiven aus der Entdeckungszeit, finanziert vom Reichtum der Expansion. Jerónimos und das Christuskloster in Tomar sind ihre Meisterwerke. (s. Kapitel Manuelinik-Stil) , Reich ornamentiert
Wichtige Bauten:
• Mosteiro dos Jerónimos, Lissabon/Belém (1501–16. Jh.) (Camino Central L)
• Torre de Belém, Lissabon (1514–20) (Camino Central L)
• Convento de Cristo, Tomar (Camino Central L)
• Mosteiro da Batalha – Claustro Real, Batalha – Spätgotik mit manuelinischen Elementen
• Igreja de Jesus, Setúbal – wichtiger Übergang zur Manuelinik

Renaissance (ca. 16.Jh.)
Mit dem Ende des Spätmittelalters, gegen 1500, begann die Frühe Neuzeit, zu der die vom 15. bis ins 16. Jahrhundert sich erstreckende Renaissance gehört. Die portugiesische Renaissance folgte zunächst wenig den italienischen Vorbildern, sondern kombinierte einen weiterentwickelten spätgotischen Formenstil mit portugiesischen Spezifika – der Manuelinik. Erst ab 1540 nahmen die Baumeister italienische und spanische Einflüsse auf. Lissabon, Coimbra und Évora wurden die portugiesischen Mittelpunkte der Renaissance. Die Renaissance in Portugal ist häufig weniger klar von der Manuelinik bzw. dem Manierismus zu trennen als etwa in Italien.
Wichtige Bauten:
• Convento de Cristo – Claustro de D. João III, Tomar (16. Jh.) (Camino Central L)
• Igreja da Graça, Évora (16. Jh.)
• Capela de São Miguel, Universidade de Coimbra (16. Jh.) (Camino Central L)
• Palácio das Necessidades, Lissabon – Renaissance-/klassizistische Einflüsse (Camino Central L)
• Sé Nova de Coimbra, Coimbra – Übergang zur manieristischen Architektur (Camino Central L)

Portugiesischer Manierismus (ca. 1550 – 1650)
Die Gegenreformation bringt den verhaltenen Klassizismus des «schlichten Stils» (estilo chão). Es entsteht eine strengere, oft zurückhaltender Architektur mit klaren geometrischen Formen und monumentalen Kirchenanlagen. In Portugal wird der Manierismus besonders mit der jesuitischen Architektur und großen Klosteranlagen verbunden.
Wichtige Bauten:
• Sé Nova de Coimbra, Coimbra (1598–17. Jh.) (Camino Central L)
• Igreja de São Roque, Lissabon (16. Jh.) (Camino Central L)
• Igreja de São Vicente de Fora, Lissabon (1582–17. Jh.) (Camino Central L)
• Convento de São Gonçalo, Amarante (16.–17. Jh.)
• Convento de Cristo – Claustro de D. João III, Tomar (Camino Central L)

Barock (16.–18. Jh.)
Von Italien ausgehend, brachte der Barock zwischen etwa 1600 und 1760/1770 eine überschwängliche Architektur voller Gefühle und Herrlichkeit hervor: Schreiner fertigten für die Altäre hölzerne Schnitzereien, und die Baumeister ließen sie mit Blattgold überziehen. »Talha dourada« ist der Name der Portugiesen für solche Goldschnitzereien. Sie kombinierten sie mit Azulejos , den Fliesenbildern. So leuchtet der im 17./18. Jahrhundert neu aufgebaute Choralter der Kathedrale von Porto blau, weiß und goldfarben. Porto ist DIE Barockstadt und ihr historisches Zentrum.
Wichtige Bauten:
• Palácio Nacional de Mafra, Mafra (1717–1730)
• Torre e Igreja dos Clérigos, Porto (1732–49) (Caminos P)
• Igreja do Bom Jesus do Monte, Braga (18. Jh.) (Camino Central P)
• Igreja de Santa Engrácia / Panteão Nacional, Lissabon (17.–20. Jh.) (Camino Central L)
• Palácio de Mateus, Vila Real (18. Jh.) (Camino Interior)
• Igreja de São Roque – Innenraum, Lissabon – besonders bedeutende talha dourada (Camino Central L)

Pombalinik (1755/Mitte 18. Jh.)
Das Erdbeben von 1755 erzwingt einen Bruch. Nach dem Erdbeben entstand ein rationalisiertes System des Wiederaufbaus: orthogonales Stadtgrundraster, standardisierte Gebäude und erdbebensichere Holzkonstruktion (gaiola pombalina) (s. Kapitel Die Pombalinik). Es ist eine besondere städtebauliche und architektonische Planungsleistung.
Wichtige Bauten:
• Lissabon . Baixa Pombalina (Camino Central L)

Neoklassizismus (ca. 1770–1850)
Das portugiesische ‚Neoclassicismo‘ entspricht dem deutschen Begriff des ‚Klassizismus‘ und ist eine Gegenbewegung zum Barock. Die Architekturepoche zwischen 1770 und 1840 erinnert an antike, vor allem griechische Gebäudeformen sowie italienische Stile der Frührenaissance. Die einstmals starke Kolonialmacht Portugal war nach dem Lissaboner Erdbeben 1755 geschockt in die Ära des Neoklassizismus eingetreten.
Seitdem gibt es sehr viele klassizistische Gebäude in Lissabon.
Wichtige Bauten:
• Praça do Comércio, Lissabon (nach 1755) – zentraler Bestandteil des Wiederaufbaus (alle Camino Central L)
• Teatro Nacional de São Carlos, Lissabon (1793)
• Palácio Nacional da Ajuda, Lissabon (19. Jh.)
• Academia das Ciências de Lisboa, Lissabon
• Hospital de Santo António, Porto (18.–19. Jh.) (Camino Central P)

Romantik und Historismus (ca. 1830–1900)
Der Historismus ist ein Rückgriff auf vergangene Architekturstile, die die Baumeister oft im Vornherein kombinierten. Es kommt zur Wiederaufnahme historischer Stile: Neomanuelinik, Neugotik, Neoromanik usw. Dieser Eklektizismus bestimmte das 19. Jahrhundert und Teile des 20. Jahrhunderts. Die Kirche blieb neben dem Adel der größte Auftraggeber. Aber zunehmend bestimmen auch weltliche Bauten für die neue Bürgerschicht und den Adel das Stadtbild. Besonders interessant ist die Neomanuelinik. Man greift bewusst auf die Architektur der Entdeckungszeit zurück, um eine portugiesische nationale Identität auszudrücken.
Wichtige Bauten:
• Palácio Nacional da Pena, Sintra (1842–50)
• Quinta da Regaleira, Sintra (1904–10)
• Palácio de Monserrate, Sintra (19. Jh.)
• Palácio da Bolsa, Porto (1830er–50er) – Historismus (Caminos P)
• Estação de São Bento, Porto (1890er–1910) (Caminos P)
• Elevador de Santa Justa, Lissabon (1902) – Übergang von Eisenarchitektur zu Jugendstil (Camino Central L)

Eisenarchitektur & frühe Moderne (ca. 1850–1910)
Um die Jahrhundertwende, zwischen 1884/1890 und 1914, zeigte sich die Belle Epoque – in einer politisch unruhigen Zeit in Portugal. Das Land wurde 1891 bankrott, und ihr letzter König, Emanuel II., ging 1910 ins Exil.
Der Baumeister Ventura Terra hatte von seinem Architekturstudium in Paris das Wissen von Beton, Eisen, Stahl- und Glas-Konstruktionen mit nach Lissabon gebracht. Diese neuen Materialien ermöglichten den Bau von attraktiven Bahnhöfe, Markthallen und große öffentliche Gebäude. Die Hauptstadt bekam breitere Straßen, und in den Häusern spiegelte sich die Standesordnung wider mit Balkonen, Erkerfenstern, Galerien und Dachgärten. Es ist Portugals Eintritt in die industrielle Architektur.
Wichtige Bauten:
• Ponte Maria Pia, Porto (1877) (Caminos P)
• Ponte Dom Luís I, Porto (1886) (Caminos P)
• Estação de São Bento, Porto (Caminos P)
• Estação do Rossio, Lissabon – José Luís Monteiro; Eisenkonstruktion hinter historisierender Fassade (Camino Central L)
• Elevador de Santa Justa, Lissabon (1902) (Camino Central L)
• Mercado Ferreira Borges, Porto (1888) (Caminos P)
• Mercado do Bolhão, Porto – ursprünglich ebenfalls stark von der Eisen-/Marktarchitektur des 19. Jahrhunderts geprägt (Caminos P)

Jugendstil und Art Deco (ca. 1896 – 1920)
Die im Portugiesischen ‚Arte Nova‘ genannte Neue Kunst zeigte sich von 1896 bis 1920 in dekorativen Fassadenelementen und bei der Innengestaltung. Sie verbreitete sich zeitverzögert in Portugal, gegenüber dem übrigen Europa. Auf Leuchten, Fenstern und schmiedeeisernen Balkonen erschienen pflanzliche Verzierungen. Zu in Stein gehauenen Blumendekors kamen Schleifenmotive und geometrische Ausschmückungen. In Portugal ist es oft mit Azulejos verbunden.
Wichtige Bauten:
• Museu / Casa-Major-Pessoa, Aveiro (1907–09)
• Museu-Residência Dr. Anastácio Gonçalves, Lissabon (1904–05)
• Livraria Lello, Porto (1906) (Caminos P)
• Casa dos Ovos Moles / ehemalige Fabrikgebäude in Aveiro – Beispiele für die Verbindung von Arte Nova und Azulejos
• Café Majestic, Porto (1921) – spätes Beispiel mit starken Jugendstil-/Beaux-Arts-Einflüssen (Caminos P)

Estado-Novo-Architektur (ca. 1930er–1970er)
Unter der Franco-Diktatur entwickelt sich eine repräsentative, national orientierte Architektur. Monumentalität, Symmetrie und sogenannte „portugiesische“ Traditionen werden betont.
Wichtige Bauten:
• Exposição do Mundo Português / Praça do Império, Belém, Lissabon (1940)
• Padrão dos Descobrimentos, Lissabon (1940/1960)
• Estação Marítima de Alcântara, Lissabon (1943–44)
• Estação Marítima da Rocha do Conde de Óbidos, Lissabon
• Praça de Alvalade / Areeiro, Lissabon
• Igreja de Nossa Senhora do Rosário de Fátima, Lissabon (1934–38)
• Palácio da Justiça, Lissabon Universidade de Coimbra – Cidade Universitária, insbesondere die Neubauten der 1940er/50er Jahre
(alle Camino L)

Moderne 1930–1974
Portugal entwickelte trotz der politischen Situation eine bedeutende moderne Architektur, insbesondere in Lissabon und Porto. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der Modernismus wieder deutlich an Bedeutung.
Wichtige Bauten:
• Capitólio, Lissabon (1931)
→ eines der frühen Schlüsselwerke des portugiesischen Modernismus
• Cineteatro Éden, Lissabon (1929–37)
• Hotel Vitória, Lissabon (1934–36)
• Instituto Superior Técnico, Lissabon
• Igreja de Nossa Senhora de Fátima, Lissabon (1934–38) (Alle Camino L)
• Casa de Serralves, Porto (1930er Jahre) (Caminos P)
• Piscinas de Marés, Leça da Palmeira /Matosinhos (1960–66) (Camino Costal)
• Casa de Chá da Boa Nova, Leça da Palmeira (1958–63) (Camino Costal)
• Faculdade de Arquitectura / Architekturbauten der Universität Porto, späteres 20. Jh. (Caminos P)
• Fundação Calouste Gulbenkian, Lissabon (1959–69) (Camino Central L)

Zeitgenössische Architektur (ab 1974)
Nach der Nelkenrevolution entwickelt sich eine vielfältige Architektur zwischen internationaler Moderne, regionalen Traditionen und experimentellen Ansätzen.
Besonders interessant ist die sogenannte „Escola do Porto“.
Sie verbindet: moderne Architektur, traditionelle portugiesische Bauformen, Materialbewusstsein, Tageslicht und präzise Raumkomposition.
Wichtige Bauten:
• Bairro da Bouça, Porto (1973–77) (Caminos P)
• Quinta da Malagueira, Évora (1977–96)
• Faculdade de Arquitectura da Universidade do Porto, Porto (1986–93) (Caminos P)
• Centro Galego de Arte Contemporánea, Santiago de Compostela (1993) portugiesischer Kontext
• Pavilhão de Portugal, Lissabon (1998) (Camino Central L)
• Estação do Oriente, Lissabon (1998) (Camino Central L)
• Torre Vasco da Gama, Lissabon (1998) (Camino Central L)
• Casa da Música, Porto (2005) (Caminos P)
• Museu de Serralves, Porto (1999) (Caminos P)
• Estádio Municipal de Braga, Braga (2003) (Camino Central P)


Wie bei allen Architekturepochen überlebt jede Epoche in der nächsten, so dass eine scharfe zeitliche Trennung kaum möglich ist. Die portugiesische Architektur nahm Strömungen aus Italien, Griechenland und Frankreich auf, entwickelte aber auch typische ganz eigene Gestaltungsformen wie beim Pombalinik und beim Manuelinik.

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