Der Pombalinik - eine bemerkenswerte städtebaulichen und architektonischen Planungsleistung

vor allem in Lissabon

Ausgangspunkt

Am 1. November 1755 wurde die Unterstadt Lissabons, eine Stadt mittelalterlichen Charakters, durch ein heftiges Erdbeben, gefolgt von einem Tsunami und verheerenden Bränden, schwer zerstört. Nach dem Erdbeben waren 85 Prozent der Hauptstadt mit seinen manuelinischen Bauten zerstört und der König fortan klaustrophobisch. Während er dem Marquês de Pombal, ab 1756 Erster Minister Portugals, den Wiederaufbau der Innenstadt im Schachbrettmuster befahl, wohnte er zeitlebens in einer Zeltstadt vor der Stadtgrenze Lissabons. Im Gegensatz zu den 30.000 bis 100.000 Todesopfern hatte er überlebt. Aus der Katastrophe ging eine der bemerkenswertesten städtebaulichen Unternehmungen des modernen Europas hervor — und ein Stil, der den Namen des Ministers trägt, der sie leitete, Sebastião José de Carvalho e Melo, des Marquis von Pombal.

Por Barao78, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1475249

Konzeption

Wiederaufbauen, nicht restaurieren – diese politische Entscheidung war radikal:
Statt die mittelalterliche Stadt in ihrem Gassengeflecht wiederaufzubauen, schleifte man, was von der Unterstadt (Baixa) übrig war, und entwarf einen völlig neuen Plan. Unter der Leitung von Manuel da Maia und der Militäringenieure Eugénio dos Santos und Carlos Mardel wurde ein orthogonales Netz aus breiten Straßen und regelmäßigen Häuserblocks entworfen, das zwei Plätze verband — den Rossio und den wiederaufgebauten Terreiro do Paço (Praça do Comércio). Das weitläufige Areal zeichnet sich durch einen stimmigen Stil aus und ist von immensem kulturellem Wert. Die Baixa Pombalina ist vielleicht das erste europäische Beispiel einer Stadt, die im Maßstab des Stadtviertels als integriertes System geplant wurde — Struktur, Fassade, Straße und Platz gemeinsam ersonnen.

Hauptplatz Por Deensel - Lisbon main square, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62192653

Was ist der Pombalino-Plan?

Der Pombalino-Plan von Lissabon ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Bauleistung, geprägt vom Gedankengut der Aufklärung. Aber Pombalino“ ist mehr als nur ein Baustil: Es bezeichnet ein ganzes System aus Stadtplanung, Gebäudetypologie, Normierung, Konstruktion und staatlicher Regulierung.
Mit der Umsetzung des wegweisenden Plans, der Einheitlichkeit, Ordnung, Zurückhaltung und Standardisierung förderte, wurde das Zentrum Lissabons nach einem rationalen und innovativen Modell umgestaltet. Trotz ihres rationalen und regelmäßigen Grundrisses bewahrt und integriert das Viertel bestehende Merkmale in baulicher Hinsicht, etwa durch seine Hauptplätze, die Wiederherstellung der Straßen aus dem 16. Jahrhundert und die Einbindung architektonischer Elemente von besonderem baulichem oder künstlerischem Wert, wie insbesondere beim Bau neuer Kirchen.
Der bemerkenswert zurückhaltende neoklassizistische Stil war teils den begrenzten Mitteln und der Dringlichkeit des Bauvorhabens geschuldet, teils aber auch dem von Pombal vertretenen Aufklärungsgedanken architektonischer Rationalität. Sowohl innen als auch außen wurde ein standardisiertes Dekorationssystem angewendet, wobei Azulejo- Fliesen nur sparsam eingesetzt wurden.

Typische Gebäude im Baixa Lissabon By xiquinhosilva from Cacau - 33852-Lisbon, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=81357679

Typisch Merkmale des Pombalino-Stils sind:

• ein regelmäßiges, geometrisches Straßennetz– besonders in der Baixa von Lissabon
schlichte, klassizistische Fassaden
Gebäude mit meist 3–4 Geschossen und einheitlicher Gestaltung.
Im Erdgeschoss häufig Arkaden, die Platz für Geschäfte boten und darüber Wohnungen mit Balkonen im ersten und obersten Stockwerk
Das Fertigbausystem war völlig neu. Das Gebäude wurde vollständig außerhalb der Stadt gefertigt, in Einzelteilen    transportiert und dann vor Ort montiert.
erdbebensichere Holztragkonstruktion, den sogenannten Pombalinischen Käfig („Gaiola Pombalina“). Ziel war es, die seismische Energie durch das geringere Gewicht und die Elastizität des Holzes, die Flexibilität der Verbindungen zwischen den Elementen und sogar durch die Reduzierung des Gewichts der massiven Bauteile zu verteilen. So konnte die vollständige Zerstörung der Gebäude im Falle eines Erdbebens verhindert und ein intakter Innenraum geschaffen werden, der den Bewohnern als Zufluchtsort dienen konnte.
Der Pombalinische Käfig erwies sich in vergleichenden Studien als das fortschrittlichste Erdbebenschutzsystem des 18. Jahrhunderts, spielte eine bedeutende Rolle in der Ingenieurgeschichte und gilt als einer der Ausgangspunkte des Erdbebeningenieurwesens in Europa.
Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Bränden, etwa größere Abstände und bestimmte Bauweisen, in dem z.B. die Gebäude durch Mauern voneinander abgetrennt sind
Pfahlgründungen und der Bau neuer Uferbefestigungen entlang des Flusses
Abwasseranlagen und Maßnahmen zur öffentlichen Hygiene

Die Pombalinik blieb nicht in Lissabon, sondern beeinflusste den Wiederaufbau von Kleinstädten im ganzen Königreich, insbesondere von Vila Real de Santo António. Außerdem beeinflusste diese neugestaltete Stadtstruktur den Bau vieler neuer Städte in Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika.

Terreiro do Paço Por Berthold Werner - Obra do próprio, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=81847399
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