Die Küste Nordspaniens (die sogenannte „Costa Verde“, also die „Grüne Küste“) verläuft entlang des Kantabrischen Meeres und ist geprägt von sehr abwechslungsreichen Küstenformen. Diese sind das Ergebnis einer langen geologischen Entwicklung, in der tektonische Hebungen und Senkungen, Erosion durch das Meer und durch Flüsse sowie Klimafaktoren eine große Rolle spielen.
Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Küstenformen Nordspaniens und ihrer Entstehung.
Weiter unten sind dann konkrete Beispiele aus den vier Regionen aufgeführt, wobei auch die vermerkt sind, die unmittelbar am Camino del Norte liegen.
1. Kliffküsten (Steilküsten) steil aufragende Küsten, man nennt sie auch zerstörte Küsten
Vorkommen: Besonders häufig in Asturien, Kantabrien und im Baskenland.
Beschreibung: Hohe, steile Felsküsten mit senkrecht abfallenden Wänden ins Meer.
Entstehung:
• Durch Brandungserosion an harten Gesteinen (z. B. Kalkstein, Schiefer).
• Das Meer trägt den unteren Teil des Felsens ab → Brandungshöhlen, Brandungspfeiler und Abrisskanten entstehen.
• Durch ständige Erosion rückt die Küstenlinie landwärts zurück.
Beispiel: Die Klippen bei Llanes (Asturien) oder bei Zumaia (Baskenland) mit spektakulären „Flysch“-Formationen (s. auch den Artikel: Die herrlichen Flysch-Klippen von Zumaia)
2. Rías (Tief eingeschnittene Meeresbuchten)
Eine Ría ist ein vom Meer überflutetes Flusstal – also ein geomorphologisches Relikt des Eiszeit-Tiefstands. Man nennt sie auch versunkene Küsten.
Vorkommen: Vor allem an der galicischen Küste (z. B. Rías Altas und Rías Baixas).
Beschreibung: Längliche, fjordähnliche Buchten, die tief ins Land hineinreichen.
Entstehung:
• Entstanden durch das Überfluten ehemaliger Flusstäler infolge des Meeresspiegelanstiegs nach der letzten Eiszeit (transgressive Küstenform).
• Die Flüsse hatten zuvor Täler in das Festland eingeschnitten, die dann vom Meer geflutet wurden.
Beispiel: In Galicien findet man die berühmtesten Rías Europas, die typisch „ertrunkene Flusstäler“ sind – Rias Baixas und Rias Altas. Diese Rais öffnen sich zum Atlantik hin.
3. Ästuare
• Ästuare sind fluvial geprägt Küsten, an denen sich durch Gezeiten (Ebene und Flut) ein starker Tidenhub ergibt. Es kommt es zu trichterförmigen Flussmündungen. Ein Ästuar ist eine dynamische Mischungszone von Süß- und Salzwasser – also ein hydrodynamisch aktives System. In der Alltagssprache werden sie auch als Rias bezeichnet. Man nennt sie auch aufgebaute Küsten.
Viele Rías (z. B. in Galicien) verhalten sich heute wie Ästuare, da sie Gezeiten und Süßwasserzufluss haben – aber ihre geologische Entstehung unterscheidet sie weiterhin.
Unterschied zwischen Ria und Ästuar:
Merkmal | Ría | Ästuar |
Definition | Überflutetes Flusstal – ein ehemals von einem Fluss eingeschnittenes Tal, das durch den Meeresspiegelanstieg ertrunken ist. | Mischzone zwischen Süßwasser aus einem Fluss und Salzwasser aus dem Meer – stark durch Gezeiten geprägt. |
Entstehung | Durch Meeresspiegelanstieg nach der letzten Eiszeit: das Meer dringt in ein ehemaliges Flusstal ein (Erosionstal wird „ertränkt“). | Durch hydrodynamische Prozesse an einer Flussmündung: Fließendes Süßwasser trifft auf eindringendes Salzwasser → Vermischung und Sedimentablagerung. |
Form | Oft langgestreckt, verzweigt, tief eingeschnitten (folgt dem alten Flusslauf). | Meist trichterförmig, mit breiter Mündung, durch Gezeiten verbreitert. |
Sedimente | Relativ wenig Sediment, oft klares Wasser, tiefe Becken. | Starke Sedimentumlagerung, Schlick und Sand; Bildung von Watten und Deltas möglich. |
Salzgehalt | Deutlich mariner Charakter, aber schwach geschichtet. | Starke Salzgradienten und vertikale Schichtung (je nach Gezeiten und Flusszufluss). |
Beispiele | Ría de Vigo (Galicien, Spanien), Ría de Arousa | Ria de Ribadesella (Asturien), Ria de Villaviciosa, Ria de San Vicente de la Barquera |
4. Buchten und Sandstrände (Küstensenken)
Vorkommen: Zwischen Felskaps und Klippen, z. B. bei Santander, Gijón oder San Sebastian
Beschreibung: Kleine Buchten mit sandigen Stränden.
Entstehung:
• Entstehen, wenn Brandung Material aus Felsen löst und es in windgeschützten Buchten ablagert.
• Auch Flüsse transportieren Sedimente, die sich an Mündungen ansammeln.
Beispiel: Playa de Rodiles (bei Villaviciosa, Asturien), Playa del Sardinero (Santander) oder La Concha (San Sebastian) und viele andere kleine Buchten entlang der Küste
5. Felskaps und Halbinseln
Vorkommen: Entlang der gesamten Nordküste.
Beschreibung: Vorspringende Landspitzen aus widerstandsfähigem Gestein.
Entstehung:
• Unterschiedliche Erosionsresistenz der Gesteine führt dazu, dass harte Gesteine stehen bleiben, während weichere Gesteine abgetragen werden.
• Diese Formen ragen als Kaps oder Landzungen ins Meer hinaus.
Beispiel: Cabo de Peñas (Asturien) – der nördlichste Punkt Asturiens bei Gijon, Leuchtturm von Ribadeo (Galicien), Halbinsel Castro Urdiales
6. Abrasionsplattformen (Brandungsplattformen) s. Bild oben bei Kliffküste
Vorkommen: Oft unterhalb der Kliffe sichtbar.
Beschreibung: Flache Felsflächen, die bei Ebbe freiliegen.
Entstehung:
• Durch ständige Brandungserosion wird der Fels am Fuß der Klippe abgetragen, wodurch eine ebene Fläche entsteht.
• Diese verlagert sich mit der rückschreitenden Kliffkante langsam landwärts.
Beispiel: Küste bei Castro Urdiales
Beispiele für die Küstenformen in den verschiednen Regionen der spanischen Nordküste
Beispiele für Kliffküsten:
Galicien (Galicia)
1. Acantilados de Loiba (Ortigueira, A Coruña)
o Beeindruckende, wilde Klippen mit dem berühmten „Banco más bonito del mundo“ (die schönste Bank der Welt).
o Grandioser Ausblick auf den Atlantik.
2. Cabo Ortegal (Cariño, A Coruña)
o Einer der nördlichsten Punkte Spaniens.
o Die Felsen bestehen aus einigen der ältesten Gesteine Europas.
3. Acantilados de Vixía Herbeira (bei San Andrés de Teixido, A Coruña)
o Mit über 600 Metern Höhe die höchsten Klippen des europäischen Festlands.
o Absolut spektakulär
4. Praia das Catedrais („Strand der Kathedralen“) (Ribadeo, am Camino del Norte)
• eine stark erodierte Fels- bzw. Abrasionsküste
• Das Meer erodiert den Fels durch mechanische Kräfte (Wellen, Sand, Kies).
• Es entstehen steile Kliffs, Brandungshohlkehlen und Meeresgrotten,
Felsbögen („Kathedralenbögen“), Felsnadeln, Felsplattformen, die bei Ebbe sichtbar werde
Asturien (Asturias)
5. Cabo Vidio (Cudillero, nördlich von El Pito, hinter Avilés)
o Atemberaubende Aussichten, besonders bei Sonnenuntergang.
o Steile Felsen und eine kleine Kapelle auf der Spitze.
6. Cabo Peñas (zwischen Avilés und Gijón)
o Der nördlichste Punkt Asturiens.
o Eindrucksvolle, gut zugängliche Klippen mit Leuchtturm und Besucherzentrum.
7. Llanes (am Camino del Norte)
• Hohe scharfkantige Klippen sowie Einbuchtungen, Höhlen und Felsnadeln
• Die Bufones de Pría bei Llanes sind geologische Highlights: durch den Druck der Wellen wird Luft und Wasser durch Spalten im Fels nach oben gepresst – ähnlich wie Geysire.
Kantabrien (Cantabria)
8. Acantilados de Costa Quebrada (bei Liencres / Santander)
o Eine der schönsten Küstenlandschaften Spaniens.
o Felsformationen, Bögen und Klippen – perfekt zum Fotografieren.
9. Cabo Mayor (Santander am Camino del Norte)
o Nahe der Stadt, mit Leuchtturm und Spazierwegen über die Klippen.
o Blick auf das offene Meer und die Stadtbucht.
Baskenland (País Vasco)
10. Flysch-Klippen von Zumaia (Gipuzkoa) am Camino del Norte
o Geologisch spektakulär: die Flysch-Formationen zeigen Millionen Jahre Erdgeschichte.
o Teil des UNESCO-Geoparks Basque Coast.
11. San Juan de Gaztelugatxe (Bermeo, Bizkaia nördlich von Bilbao)
o Dramatische Klippeninsel mit einer kleinen Kapelle auf der Spitze.
o Bekannt aus Game of Thrones als „Drachenstein“.
12. Cabo Matxitxako (bei Bermeo nördlich von Bilbao)
• Höchster Punkt an der baskischen Küste mit einem Leuchtturm.
• Häufig Sichtungen von Delfinen und Walen.
Beispiele für Rias:
Westgalicien (Rías Baixas – „untere Rías“)
Diese Rías öffnen sich weit zum Atlantik hin und sind besonders tief.
• Ría de Vigo
• Ría de Pontevedra
• Ría de Arousa (größte und produktivste)
• Ría de Muros e Noia
Nordgalicien (Rías Altas – „obere Rías“)
Diese sind schmaler und kürzer, da die Küste hier steiler ist.
• Ría de Ferrol
• Ría de A Coruña
• Ría de Cedeira
• Ría de Ortigueira
• Ría de Viveiro
• Ría de Ribadeo (Grenze zu Asturien)
Baskenland
• Rai de Pasaia am Camino del Norte
Eine typische Talfordküste. Schmal und eng, der Zugang vom Meer ist eng, während sich die Bucht nach innen weit öffnet
Beispiele für Ästuare:
Asturien – kleinere Ästuare
Die Küste Asturiens ist steil und felsig, daher gibt es wenige, aber markante Flussmündungen mit Ästuar-Charakter.
• Ría de Ribadesella (Mündung des Río Sella) am Camino del Norte
• Ría de Villaviciosa (Río Valdediós) am Camino del Norte
• Ría de Avilés (stark industrialisiert)
• Ría del Nalón / San Esteban de Pravia am Camino del Norte
Charakter: Kleine, gezeitengeprägte Ästuare, oft verlandet oder durch Häfen verändert.
Kantabrien – trichterförmige Ästuare und Buchten
Hier dominieren klassische Ästuare, die durch Gezeiten geprägt sind.
• Ría de San Vicente de la Barquera am Camino del Norte
• Ría de Tina Menor und Tina Mayor am Camino del Norte
• Ría de Suances (zwischen Santander und Santillana)
• Ría de Santander (große Hafenbucht) am Camino del Norte
• Ría de Cubas (Miera-Fluss) bei Somo vor Santander
Charakter: Dynamische Ästuare mit Salz- und Süßwassermischung, oft Sandbänke, Wattflächen und Marschgebiete.
Baskenland – wenige, aber markante Ästuare
Die Küste ist schmal und steil, doch an einigen Flüssen bilden sich bedeutende Ästuare.
• Ría de Bilbao (Ría del Nervión), am Camino del Norte
stark urbanisiert, heute renaturiert
• Ría de Mundaka / Urdaibai nördlich von Bilbao
(UNESCO-Biosphärenreservat, Mündung des Oka-Flusses)
• Ría de Plentzia nördlich Von Bilbao
Charakter: Gezeiten-Ästuare, stark anthropogen verändert, aber ökologisch wertvoll
Beispiele für Felskaps und Halbinseln
Beispiele für Felsenkaps (Cabos / Capes)
In Galicien (Galicia)
• Cabo Ortegal (Cariño, A Coruña)
Mächtiges Felsenkap aus sehr altem Gestein, markiert den Übergang zwischen Atlantik und Kantabrischem Meer.
• Cabo Prior (bei Ferrol, A Coruña)
Klippen mit Leuchtturm, typische Abrasionsformen und Meereshöhlen.
• Cabo Estaca de Bares (nahe Ortigueira, A Coruna)
Nördlichster Punkt Spaniens; steile Felsen, wo Atlantik und Kantabrisches Meer aufeinandertreffen.
In Asturien (Asturias)
• Cabo Vidio (Cudillero, , nördlich von El Pito, hinter Avilés) )
Eindrucksvolles Felsenkap mit senkrechten Klippen, Aussichtspunkt und kleiner Kapelle.
• Cabo Peñas (bei Gozón, nördlich von Avilés)
Nördlichster Punkt Asturiens, 100 m hohe Kliffs, markanter Leuchtturm.
• Cabo de San Lorenzo (bei Gijón)
Geringere Höhe, aber typisches Beispiel einer erosiven Felsplattform mit Steilkante.
• Isla Pancha (Ribadeo, am Camino del Norte)
Ähnlich den Kaps, Insel vor Ribadeo über eine Brücke mit dem Ort verbunden, Leuchtturm
In Kantabrien (Cantabria)
• Cabo Mayor (Santander, am Camino de Norte)
Felsküste mit Leuchtturm, Brandungshöhlen, Spazierwege auf der Kliffkante.
• Cabo Menor (neben Cabo Mayor, Santander, am Camino del Norte)
Kleineres Kap, getrennt durch Buchten; klassische Doppelkapsituation.
Im Baskenland (País Vasco)
• Cabo Matxitxako (bei Bermeo, nördlich von Bilbao)
Höchster Punkt der baskischen Küste; felsiges Kap mit Leuchtturm und Aussicht auf Gaztelugatxe.
• Cabo Higuer (bei Hondarribia, Gipuzkoa, am Camino del Norte)
Östlichster Punkt der Nordküste Spaniens, Übergang nach Frankreich; Leuchtturm auf Felsen.
Beispiele für Halbinseln (Penínsulas)
• San Andrés de Teixido (Galicien)
Auf einer schmalen, felsigen Halbinsel oberhalb der höchsten Klippen Europas (Vixía Herbeira).
• Castro Urdiales (Kantabrien, am Camino del Norte)
Die Altstadt liegt auf einer kleinen Fels-Halbinsel mit Burg und Kirche (Castillo-Faro).
• San Juan de Gaztelugatxe (Baskenland, nördlich von Bilbao)
Eine Felsinsel mit Damm, wirkt wie eine Mini-Halbinsel; ikonisch durch die Kapelle auf dem Gipfel.
• Getaria (Baskenland zwischen Zarautz und Zumaia, am Camino del Norte)
Halbinsel mit Kegelberg „Monte de San Antón“, bekannt als „Raton de Getaria“ – über Landbrücke mit dem Festland verbunden (Tombolo).
• Isla de Mouro (vor Santander, am Camino del Norte)
Kleine vorgelagerte Felseninsel mit Leuchtturm – eigentlich Insel, aber geomorphologisch ähnlich einem isolierten Felsenkap.
Juan A. Morales (Hrsg.), The Spanish Coastal Systems: Dynamic Processes, Sediments and Management, Springer 2018
Francisco Gutiérrez & Mateo Gutiérrez (Hrsg.), Landscapes and Landforms of Spain, Springer 2014