Azulejo in Portugal – eine identitätsstiftende Kunstform

Hier kommt die Zuordnung

By Ajay Suresh from New York, NY, USA - Sevilla-4-9, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79612918

Unter Azulejo versteht man ein Bild aus zumeist quadratischen, bunt bemalten und glasierten Keramikfliesen, das seinen europäischen Ursprung in Spanien und Portugal hat und dort hergestellt wird. Diese wetterfesten Fliesen sind in diesen Ländern fester Bestandteil des Stadtbildes und werden an öffentlichen Monumenten und Gebäuden, Hausfassaden und Kirchen, aber auch an Innenwänden zu oftmals künstlerischen Wandbildern zusammengefügt. Häufig sind alte Blumen-, Vögel- und Schiffsmotive verarbeitet. In Wandverkleidungen aus Azulejos finden sich traditionell auch Ornamente der islamischen Kunst.

Cathedral of Porto By Georges Jansoone - Self-photographed, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1263584

Geschichte

Der Name Azulejo leitet sich von arabisch الزليج, az-zulaiǧ („Fayence“, „Kachelwerk“) ab.
Die Technik der Keramikherstellung stammt ursprünglich aus Mesopotamien und Persien.
Dort wurde Keramikgeschirr bereits um 500 v. Chr. hergestellt. Über Persien gelangte das Wissen in die islamischen Regionen Nordafrikas und mit der Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Araber um 800 n. Chr. ins heutige Spanien und Portugal.
Auf der Iberischen Halbinsel sind die Kacheln somit eine Hinterlassenschaft der Mauren. Die Technik der Herstellung wurde von einheimischen Handwerkern übernommen und weiterentwickelt. Zentrum der Herstellung war im 12./13. Jahrhundert Andalusien, dort vor allem Granada. Im 14. Jahrhundert war Valencia für seine Azulejos berühmt.

Am 2. Januar 1492 endete die sog. Reconquista, die Rückeroberung der maurisch beherrschten iberischen Halbinsel durch die katholischen Könige. Sechs Jahre danach reiste der König von Portugal,dom Manuel I. nach Spanien. Er besuchte die ehemals maurischen Paläste in Zaragoza, Toledo, Granada und Sevilla und war begeistert von den Tausenden von Kacheln und Fliesen, die die Innenräume mit ihren ornamentalen Strukturen verzierten. Dom Manuel wollte diese auch in seinen Palästen haben und so tauchte die andalusische Keramik Anfang 1500 zum ersten Mal in Portugal auf. Der Nationalpalast von Sintra, der als Residenz des Königs diente, ist eines der besten und originellsten Beispiele für diese ersten Fliesen. Die wurden noch 1503 aus Werkstätten in Sevilla importiert, erst danach begann man in Portugal, eigene Produktionsstätten hochzuziehen. Etwa ab dem 16./17. Jh. wurde Portugal Hauptproduzent für Azulejos.

CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=719687 Sevilla

Da die Herstellung und die kunstvolle Bemalung sehr aufwändig waren, konnten sich zunächst nur die Kirche, der Adel und wohlhabende Kaufleute diese teuren Kacheln leisten. So dekoriert man mit Azulejos zunächst nur die Innenräume von Palästen, Kirchen und Klöstern. Die figurativen Azulejos des 17. Jahrhunderts waren stark von Auftragsarbeiten geprägt. Kirche und Adel waren die beiden gesellschaftlichen Gruppen, die zu dieser Zeit Azulejos in Auftrag gaben und dabei die Figuration nutzten, um Botschaften zu vermitteln, ohne dabei den dekorativen Wert der Kompositionen zu vernachlässigen.
Wir sollten bedenken, dass in allen profanen Räumen, für die Azulejos in Auftrag gegeben wurden, sie den Geschmack der Eigentümer widerspiegeln und die doppelte Funktion haben, architektonische Räume zu schmücken und Botschaften sozialer und politischer Bestätigung zu verbreiten.

Erst mit der aufkommenden Industrialisierung im 19. Jh. und dem Siebdruckverfahren konnten Azulejos günstiger und teilweise in Massenproduktion hergestellt werden. So verließen die Azulejos die Innenräume und belebten als Fassaden das Bild der Städte, da dann auch ganze Häuserfassaden, städtische Bauwerke und auch Privathäuser mit Azulejos verkleidet wurden.
Die Expansion der Städte und die Entwicklung neuer Stadtgebiete führten, gepaart mit einer individualistischeren Mentalität in Bezug auf Erfolg und dem Zurschaustellen des erworbenen Status, zu einer zunehmenden Verwendung von Azulejos an Fassaden. Diese dienten dazu, ansonsten unauffällige Gebäude durch Merkmale hervorzuheben, die zum Teil direkt mit ihren Besitzern in Verbindung standen. Da es zunächst meist Neureiche waren, die sich diesen Luxus leisten konnten, war diese Modeströmung in der Bevölkerung zunächst gar nicht gut gelitten.
Die Beispiele schöner Gebäude mit Azulejos in Portugal sind zahllos und sie sind beliebter als je zuvor. Auch heute noch verschönern Architekten und Städtebauer mit Azulejos Häuser, Plätze, Brunnen oder auch moderne U-Bahn-Stationen.

By Nelson Rocha from Portugal - Igreja dos Congregados, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9781389 Porto

Techniken

Zu den frühesten Formen der Wanddekoration mit Azulejos zählen Wandmosaike. Verschiedenfarbige Fliesen werden dabei in Stücke gebrochen und zu einem Mosaik kombiniert. Noch heute wird diese Technik in Marokko und Algerien verwendet und schmückt Innenhöfe und Brunnen.
Die ersten glasierten Fliesen bestanden aus geometrischen Anordnungen zugeschnittener Fliesenstücke („Alicatado“). Die verwendeten Muster sind komplex und spiegeln die Vorliebe für Geometrie in der islamischen Welt wider. Allerdings ist das Alicatado- Verfahren nach wie vor kostspielig, da das Zuschneiden der Fliesen viel Handarbeit erfordert. Zudem entsteht dabei ein erheblicher Fliesenabfall. Um diese Nachteile zu überwinden, kamen die Handwerker schließlich auf die Idee, farbige Glasuren direkt auf die Tonfliesen aufzutragen, dabei aber verschiedene Bereiche zu trennen, um ein Vermischen der Farben zu vermeiden.
In Spanien wird dieses Verfahren „Cuerda Seca“ genannt.
Um 1500 wurde das Cuerda-Seca -Verfahren durch zwei ähnliche Techniken ersetzt. Bei Arista -Fliesen erfolgt die Unterteilung durch feine Tonrillen, bei Cuenca- Fliesen durch Rillen. In beiden Fällen wird eine mit dem Muster versehene Holzform verwendet, um die weiche Tonfliese zu prägen. Dadurch entsteht keine schwarze Linie mehr zwischen den verschiedenfarbigen Elementen. Diese beiden Techniken dienten der Herstellung preisgünstiger Alicatados .
Bereits im 14. Jahrhundert kommen bei kurvilinearen kalligraphischen Schriftbändern auch Techniken des Abritzens und Auskratzens vor – der eigentliche stets schwarze Schriftzug wurde dabei stehen gelassen, so dass der größere Teil der Kacheloberfläche abgekratzt oder mit einem feinen Metallstiche abgearbeitet wurde.
Im 16. Jahrhundert stießen die alten Handwerkskünste der Keramikbrenner auf neue europäische Majolika-Techniken vor allem aus Italien. Diese konnten den Wunsch der Auftraggeber nach bildhaften Darstellungen erfüllen. Während Alicatado- oder Cuerda-Seca-Fliesen von Handwerkern gefertigt wurden, werden Azulejo-Tafeln nun von Künstlern bemalt. Der Azulejo-Maler erlangte somit den Status eines Künstlers und signierte seine Tafeln häufig. Der Stil der Azulejos hat sich grundlegend gewandelt: Große, verzierte Tafeln zeigen figürliche und erzählerische Szenen, ganze Bildzyklen auf Kacheln gemalt und gebrannt.

By Gryffindor - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5330864 Segovia

Was ist das Besondere der portugiesischen Azulejos?

Eine der damals herausragenden Eigenschaften, obwohl sie ihre Wurzeln im vorangegangenen Jahrhunderten hatte, war die Art und Weise, wie sie als strukturierendes Element der Architektur eingesetzt wurde, und zwar in den oft monumentalen Verkleidungen, wobei die Azulejos-Muster eine Schlüsselrolle spielten.Die Kirche war die Hauptinstanz, die für die Beauftragung wiederholter Azulejos verantwortlich war, eine äußerst effektive Methode zur oft vollständigen Verkleidung der Mauern ihrer Kirchen.
Die Vielfalt der Lösungen und Vorschläge bei den portugiesischen Fliesenmustern dieser Zeit hat in anderen europäischen Produktionen kein Pendant. So kann man festhalten, dass einer der faszinierendsten Aspekte des kreativen Prozesses portugiesischer Keramikmaler über die Zeit ihre Fähigkeit ist, Themen und dekorative Motive verschiedener Herkunft zu erfinden und zu interpretieren, eine Verschmelzung von Einflüssen zu gestalten, die zur Schaffung einer einzigartigen Sprache führte und führt.

Wie schon in der Vergangenheit sucht das Azulejo unaufhörlich nach neuen Herausforderungen und ist bereits in einige der typischen Sprachen der heutigen Welt Eingang gefunden. Von den pixeligen Computerbildern (Azulejos im Ozeanarium Lissabon von Ivan Chermayeff, 1998) bis zur Subversion des Graffiti-Diskurses, über die märchenhafte Ausgelassenheit von Cartoons oder die Verfeinerung der Bilder in der Werbung oder im Design, zeigt es eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Anpassung und Neuerfindung, die in einer anderen Form des künstlerischen Ausdrucks schwer zu erreichen wäre.

By Vysotsky - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42384696 Azulejos des 21. Jh.
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