Die Kastanie – der frühere Brotbaum

Camino del Norte, Camino primitivo, Via de la Plata

Von Darkone (Diskussion · Beiträge) - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=312833

Unterscheidung zwischen Edelkastanie und Rosskastanie

Am Anfang muss eine wichtige Unterscheidung  zwischen den Edelkastanien und den Rosskastanien stehen:

Die Edelkastanie/Esskastanie (castanea sativa) ist der einzige europäische Vertreter der Gattung Kastanien (Castanea) aus der Familie der Buchengewächse (Fagaceae). Die Edelkastanie oder Esskastanie  ist eine einheimische Pflanze. Einheimisch bedeutet, dass sie in verschiedenen Regionen vorkommt, sie hat sich aber ohne direkte menschliche Eingriffe entwickelt und im gesamten Gebiet verbreitet. Einheimische Arten sind ein wichtiger Teil des ökologischen Gleichgewichts jedes Ökosystems und entwickeln Beziehungen zur lokalen Fauna, zum Boden und zum Klima. In Spanien kommt die Edelkastanie vorwiegend im Norden der Halbinsel vor. Die Provinz Ourense zum Beispiel gehört zu den größten Maronenproduktionsgebieten Spaniens, da die galicische Marone, einen guten Geschmack hat, nicht mehlig und leicht zu schalen ist.

Demgegenüber gehört die Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) – oft auch nur Kastanie genannt – zur Familie der Seifenbaumgewächsen. In Europa ist die Rosskastanie als Park- und Alleebaum verbreitet. In Deutschland, besonders in Bayern, sind sie auch charakteristisch für die berühmten Biergärten. In Spanien kommt sie weniger häufig vor wie die Edelkastanie. Sie ist keine einheimische Pflanze, sondern sie wurde im 16. Jh. aus dem Balkan importiert.
Die teilweise Namensübereinstimmung beruht auf der oberflächlichen Ähnlichkeit der Früchte mit dem Fruchtstand der Kastanien (brauner Kern in stacheliger Hülle) und nicht auf botanischer Verwandtschaft

Edelkastanie Von Dominicus Johannes Bergsma - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=111761349
Edelkastanie (Castanea sativa), Illustration

Unterscheidungsmerkmale:
Kastanie (Rosskastanie)
Nicht essbar (sogar leicht giftig)
• Wächst oft in Parks und Alleen und Biergärten
• Die Frucht hat eine grüne Schale mit wenigen, dicken Stacheln
• Meist eine große, runde Nuss
• Blätter: handförmig, wie gespreizte Finger
• Nutzung: Deko, Basteln, früher auch Waschmittel-Ersatz

Esskastanie (Marone / Edelkastanie)
Essbar und sehr lecker
• Wächst vor allem in warmen Regionen (z. B. Süddeutschland, Frankreich, Italien, Spanien)
• Schale mit sehr vielen feinen, spitzen Stacheln
2–3 eher flache Nüsse pro Hülle
• Blätter: lang, schmal, gezackt
• Nutzung: Küche (Maroni, Kastanienpüree, Suppe)

Natürliches (grau) und künstliches (schraffiert) Verbreitungsgebiet von Castanea sativa. Einzelvorkommen sind als Punkte dargestellt. https://www.uni-goettingen.de/de/vorkommen+und+geschichte/546313.html (Abbildung: A. Bottacci 1998)

Bedeutung der Edelkastanie

Lange glaubte man, dass die Römer dafür verantwortlich waren, diese Bäume nach Spanien gebracht zu haben. Aber neuere Forschungen zeigen, dass sie sich vor über 20.000 Jahren im Nordosten der Iberischen Halbinsel verbreiteten, also eine einheimische Pflanze sind. Aber die Römer waren es, die ihr Wachstum förderten und sie sich so in Spanien verbreitete. Mit der Anpflanzung von Kastanienbäumen in ganz Europa legte das römische Reich die Grundlage für die mittelalterliche Kastanienkultur. In den Wäldern gibt es einige wilde Kastanienbäume, aber die größten Kastanienhaine sind Plantagen, meist direkt außerhalb der Dörfer, wo sie u.a. wegen ihrer Früchte gefragt waren. Jahrhundertelang waren Kastanien ein wichtiger Bestandteil der Ernährung in den ländlichen (Berg-)Regionen, da sie anspruchsloser ist als Weizen. Sie wurde auch als Brotbaum bezeichnet. Tatsächlich wurde die Kartoffel, als sie aus Amerika nach Europa gebracht wurde, in Galizien mit Spitznamen Erdkastanie genannt. Außerdem sind Esskastanienbäume langlebig und können mehrere hundert Jahre alt werden. Wegen ihres widerstandsfähigen Holzes waren sie auch für die Holzwirtschaft interessant. Bei der Edelkastanie hielten sich von Anfang an Holz- und Nahrungsmittelgewinnung die Waage.

https://www.marcelpaa.com/rezepte/kastanien-brot/

Warum wird die Edelkastanie auch als Brotbaum bezeichnet?

Sie diente über Jahrhunderte hinweg für viele Menschen als wichtiges Grundnahrungsmittel. Kastanien wurden das Brot der Armen.
Sie war ein Mehlersatz, denn aus getrockneten Kastanien wurde Kastanienmehl hergestellt, das man zum Backen von Brot, Fladen oder Brei nutzte – besonders auch in Bergregionen, wo Getreideanbau schwierig war. Außerdem wiesen sie eine gute Lagerfähigkeit auf, getrocknete Kastanien hielten sich lange und sicherten die Ernährung über den Winter. Hinzu kommt, dass die Edelkastanie einen hoher Nährwert hat. Esskastanien enthalten viele Kohlenhydrate, dazu Eiweiß, Ballaststoffe, Mineralstoffe und Vitamine. Sie liefern ähnlich viel Energie wie Getreide.So waren sie in früheren Zeiten eine wichtige Nahrungsquelle für viele Regionen. Sie spielen auch heute noch eine wichtige Rolle in der lokalen Wirtschaft. Sie ist in Spanien stark in der Küche, Tradition und regionalen Wirtschaft verankert.

Die Esskastanie wurde zum Baum des Jahres 2018 gewählt. Weil sie sehr anpassungsfähig ist und gut mit Wärme und trockenen Böden zurechtkommt, gilt sie mit Blick auf den Klimawandel seit einiger Zeit als ein Baum der Zukunft.

Entwicklung der Kastanienbäume in Spanien

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ging die mit Kastanienbäumen bewachsene Fläche drastisch zurück. Mehrere Gründe waren dafür verantwortlich:
Erstens die Schädlinge und Krankheiten des Baums, wie der Kastanienrindenkrebs oder die Tintenkrankheit; zweitens die Tatsache, dass die Edelkastanien verdrängt wurden von leicht anzubauenden Gewächsen aus Amerika, die ab ihrer Einführung im 16. Jahrhundert sehr beliebt wurden, wie beispielsweise Kartoffeln; drittens die Anpflanzung von schnell wachsenden Bäumen wie dem aus Australien stammenden Eukalyptus; viertens die Waldbrände, und schließlich die Bevölkerungsabwanderung aus dem ländlichen Raum. Das sind Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass Esskastanien allmählich aus der Alltagskost verschwunden sind.
In der Gegenwart wird der Anbau von Kastanien in Spanien gefördert, und es gibt zahlreiche Initiativen, die diese Entwicklung unterstützen. Die Gebiete, in denen der Anbau wieder zunimmt, sind im Wesentlichen Galicien, El Bierzo in León, die Sierra de Aracena in Huelva, die Serrania de Ronda in Malaga und einige Gegenden in La Rioja und Asturien.
Hilfreich für diese Entwicklung ist, dass es heute eine größere Nachfrage nach Bioprodukten gibt. Allein der natürliche Anbau, das Sammeln von Hand und die fast handwerkliche Weiterverarbeitung sind hier gute Indikatoren. Außerdem wird auch in der modernen Küche verstärkt auf solche Produkte zurückgegriffen. So sind in den letzten Jahren viele neue Rezepte rund um die Marone entstanden. So erfreut sie sich wieder einer weltweiten Beliebtheit. Neben dem Hauptimportland Frankreich werden die Kastanien nach Japan, USA und viele europäische Länder exportiert.

In welcher Form wird die Kastanie heute in Spanien genutzt?

Erntemengen Kastanien 2022
Land                                                                              Tonnen
Volksrepublik China (Castanea mollissima       1.703.653
Spanien (Edelkastanie)                                               187.680
Bolivien * (Edelkastanie)                                             81.327
Türkei (Castanea crenata)                                           77.792
Südkorea (Edelkastanie)                                             54.973
Italien (Castanea crenata)                                           43.000
Portugal (Edelkastanie)                                               37.150
Griechenland (Castanea crenata)                             32.900
Japan (Castanea crenata)                                             15.700
Nordkorea                                                                       12.469

Neben der Nutzung als Tierfutter und als Holz in der Landwirtschaft wird die Esskastanie als Lebensmittel genutzt. In Spanien spielen Esskastanien (castañas) vor allem in Herbst- und Wintergerichten eine Rolle, besonders im Norden und Westen (Galicien, Asturien, Extremadura, Kastilien).

Wir finden sie als
• Geröstete Maronen (klassisch auf Weihnachtsmärkten)
• Gekocht oder gebacken als Beilage
• Kastanienmehl
→ für Brot, Kuchen, Pfannkuchen, Pasta (z. B. Castagnaccio)
• Püree & Creme
→ Desserts, Füllungen, Eis
• Marrons glacés (kandierte Edelkastanien)
• Suppen & Eintöpfe, oft mit Wild oder Pilzen

Typische Gerichte sind:

Caldo de castañas (Galicien), eine Kastaniensuppe mit Zwiebeln, Knoblauch, Kartoffeln, oft mit Chorizo oder Speck
Castañas guisadas, geschmorte Kastanien mit Fleisch (Schwein, Wild, Lamm) oder Gemüse
Rellenos con castañas, ein Geflügel oder Schweinebraten mit Kastanienfüllung
Setas con castañas, ein Pilzgericht mit Kastanien

Typische Süßspeisen sind:

Castañas asadas – Geröstete Kastanien
Dulce de castañas – Kastanienpüree mit Zucker und Zimt als Füllung für Kuchen
Tarta de castañas – Kastanienkuchen, häufig mit Schokolade oder Mandeln kombiniert
Buñuelos de castaña – Frittierte Kastanienbällchen

https://costadelsol-online.es/kastanienfeste-in-andalusien/

„Castañadas“ – Kastanienfeste in Spanien

Rund um den 31. Oktober und den 1. November werden in einigen Teilen Spaniens „Castañadas“ veranstaltet. Der spanische Name für das Kastanienfest ist „castañada“, aber in Katalonien und Aragonien heißt es „castanyada“, in Kantabrien „magosto“, in Kastilien und León „sanabria“ oder „calbotada“, im Baskenland „gaztainerre“ und in anderen Regionen noch anders. Bei den „Castañadas“ geht es um das Rösten und Essen von auf dem Feuer erwärmten Kastanien, das Trinken von typischem Wein, das Essen von Süßkartoffeln und von kandierten Früchten.
Es ist schwierig, den Ursprung der Castañada-Tradition zurückzuverfolgen. Es wird jedoch behauptet, dass früher am Día de Todos los Santos oder Allerheiligen die Kirchenglocken die ganze Nacht hindurch läuteten, damit die Nachbarn wussten, dass sie für die Toten beten mussten. Allerdings war es oft so kalt oder die Menschen waren so müde, dass es schwierig war, wach zu bleiben.
Deshalb beschloss man, ein Feuer zu machen und die Kastanien, die es zu dieser Jahreszeit reichlich gab, auf dem Feuer zu wärmen und sie dann in geselliger Runde bei einem guten Wein oder einem anderen Getränk zu essen. Langsam ist dies in Teilen Spaniens zu einer Tradition geworden.

CASTIÑEIRO DA CAPELA

Geschichten zu Kastanienbäumen in Spanien

Der Kastanienbaum wurden zwar auch zur Holzgewinnung genutzt, doch einige alte Exemplare sind noch heute erhalten. Es gibt in Galicien Bäume, die mehr als 500 Jahre alt sind. Pilger finden in der Umgebung des Camino Primitivo, des Camino del Norte oder des Camino Inglés viele historische oder monumentale Kastanienbestände – meist in Galicien oder im angrenzenden Nordwesten.
Am Camino Francés finden die Pilger den Castiñeiro von Ramil (Triacastela, Galicien).
Das berühmte Exemplare ist ein mehr als 800 Jahre alter eindrucksvollen Kastanienbaum bei Ramil (kurz vor Triacastela) mit einem riesigen Stammumfang.
Auf dem weniger bekannten Camino Lebaniego – einem historischen Pilgerweg, der zum Kloster Santo Toribio führt – liegt ein malerischer Kastanienhain zwischen den Dörfern Cabañes und Pendes mit alten Bäumen und einem friedlichen Waldabschnitt.

In Baamonde (in der Gemeinde Begonte) am Camino del Norte steht ein Kastanienbaum, der „Castiñeiro da Capela“ mit einer einzigartigen Geschichte.
Es handelt sich um eine uralte Edelkastanie (Castanea sativa) mit einem hohlen Stamm. Vor etwa 50 Jahren sollte der Baum für eine Straßenverbreiterung gefällt werden. Der Bildhauer Víctor Corral versteckte sich im Inneren des Stammes, um die Fällung zu verhindern – ein spektakulärer Akt des zivilen Widerstands.
Corral schnitzte im Inneren eine kleine Kapelle mit einer Darstellung der Virgen del Rosario. Daher der Name „Castiñeiro da Capela“ („Kapellen-Kastanie“). Später fügte er weitere Holzschnitzereien hinzu. Heute ist der Baum ein echtes Wahrzeichen des Camino del Norte.
Viele Pilger ist es ein Ort der Ruhe, ein spiritueller Zwischenstopp und ein Symbol für den Schutz alter Kulturlandschaften geworden. Er verbindet Natur, Kunst, Glauben und Widerstand!

Wie schön wäre es, wenn diese Bäume uns ihre Geschichte erzählen könnten!

Einige Gedanken zu Bäumen

In literarischen Texten steht der Baum oft für:
Zeit (Wachsen, Altern, Sterben)
Leben spendend (Nahrung, Schatten)
Verwurzelung und Heimat
Orientierung in der Landschaft
Beständigkeit (Jahrhunderte überdauernd)
Spiegel des Menschen
Schutz und Trost
Verbindung von Himmel und Erde

Viele Dichter haben sich mit der Bedeutung von Bäumen auseinandergesetzt. Ich nenne hier als Beispiel Rainer Maria Rilke. Für ihn hat der Baum Berührung nicht nur mit dem Erdreich, sondern auch mit dem Wind bis hin zum Sturm, und er „kämpft“ sich durch das Leben und wächst in Ringen an den Hindernissen, die das Leben ihm entgegensetzt. In seinen „warmen Wurzeln“ vermittelt er dem Menschen Geborgenheit und Tiefe. Bei Rilke wird der Baum auch zum Symbol für das eigene Leben „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“.

Heute verstehen wir vor allem, dass Bäume „soziale Wesen“ sind, die in vielfältigen Beziehungen zu anderen Lebewesen stehen.
Sie „kommunizieren“ untereinander und mit einem Pilznetzwerk tauschen sie Nährstoffe, Signale und Warnungen aus.
Sie unterstützen sich gegenseitig. Starke Bäume versorgen schwächere, alte oder kranke Exemplare mit Zucker und Nährstoffen.
• Sie stehen aber auch teilweise in einem Konkurrenzkampf mit anderen Bäumen z.B. um Licht und Nährstoffe.
• Sie entwickeln sich evolutionär. Bäume können z.B. Erfahrungen speichern (z.B. Trockenstress) und ihr Verhalten daran anpassen und weitergeben.
• Bäume haben „Gefühle“ im biologischen Sinn. Das bedeutet, dass sie auf Stress, Verletzungen und Umweltveränderungen messbare biologische Reaktionen zeigen.

Und der Mensch ist ein Teil dieses größeren Netzwerkes, in dass wir allzu häufig störend oder auch vernichtend eingreifen. Die Problematik der Abholzung von Wäldern vor allem im Amazonasgebiet oder die Problematik der Monokulturen in der Landwirtschaft werden ja hinlänglich thematisiert.

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