Wenn wir auf der Via Tolosana von Frankreich aus die Pyrenäen über den Somport-Pass überqueren, erreichen wir auf der Südseite Jaca, die erste größere Stadt auf der iberischen Halbinsel. Jaca war der Legende zu Folge die einzige Stadt der iberischen Halbinsel, welche die Mauren nie besetzten. Nach der römischen, westgotischen und fränkischen Herrschaft erhob Ramiro I. Aragon 1035 – nach der Trennung von Navarra – zum selbständigen Königreich. 1054 stieg Jaca zur Hauptstadt des jungen christlichen Königreiches auf und war eine wichtige Pilgerstation am Jakobsweg. Dieser Position verdankt Jaca auch zahlreiche repräsentative Bauten. Zwar verlor Jaca seine Hauptstadtposition relativ bald an Huesca, aber es hatte als grenznaher Stützpunkt lange eine große Bedeutung. 1571 ließ Philipp II. am Rande der Stadt eine bedeutende Zitadelle errichten, die noch heute zu bewundern ist.
Die Kathedrale von Jaca
Die Kathedrale San Pedro (ca. 1040-1080) gilt als erste romanische Kathedrale und eine der wichtigsten romanischen Sakralbauten in Nordspanien. Der Grundriss wurde Vorbild für zahlreiche romanische Kirchen Aragons und beeinflusste noch die Baukunst Altkastiliens im 12. Jh..Welche Wirkung die Kathedrale auf Besucher machen kann, zeigt vielleicht am besten die Aussage von Nooteboom. Für ihn ist es eine der Gebäude, die er als letztes noch einmal sehen wollte, wenn er nicht mehr reisen dürfte!
Es handelt sich um einen dreischiffigen Quaderbau, dessen Querschiff nicht über die Flucht der Seitenschiffe hinausragte, und eine Dreiapsidenanlage im Osten. Der zunächst offene hölzerne Dachstuhl erhielt in der Spätgotik seine Einwölbung. Im 15. bis 18. Jahrhundert erfolgten starke Umbauten und Erweiterungen. Von einer der ersten bedeutenden romanischen Kirchen Spaniens stammen aus der Zeit bis 1130 der Glockenturm, die Außenmauern, die Pfeiler und Säulen der Schiffe und die südliche Chorkapelle sowie das Haupt- und Südportal.
Das Tympanon
Das Tympanon des Westportals zeigt ein achtstrahliges, mit Blüten verziertes Christusmonogramm, ein seit der Spätantike auf Kapitellen, Grabstelen und Sarkophagen verbreitetes Symbol für Christus, bestehend aus den griechischen Buchstaben X (Ch), P (R) und S(S). An den waagerechten Enden des Kreuzes befinden sich die Buchstaben Alpha und Omega – Symbole für den Anfang und das Ende. Zwei Löwen flankieren das Christusmonogramm. Wir betrachten diese Darstellungen als wunderbare Kunst der Romanik. Wir sollten uns aber auch vergegenwärtigen, dass die Darstellungen zur damaligen Zeit Lehrstücke waren, um den Menschen die Lehren des Christentums nahe zu bringen und sie zu einem gottesfürchtigen Leben aufzufordern. Daher hier ein paar Ausführungen zu der dargestellten Symbolik.
In der Romanik ist die Bedeutung des Löwen stets ambivalent sowohl als Symbol des Guten als auch als Zeichen der negativen Gewalt. Der linke stellt sich schützend über einen Menschen, der eine Schlange hält. Die Inschrift lautet: „Der Löwe weiß den Flehenden zu verschonen, wie Christus den Bittenden“ – der Mensch als Sünder überwindet mit Hilfe Christi seine Laster. Rechts hält der Löwe einen Bären und einen Basilisken, ein Fabelwesen, halb Drache, halb Hahn. Die Inschrift besagt: „Der starke Löwe zertritt das Reich des Todes“ – Christus überwindet hier das Böse in Form eines Bären und Basilisken. Die kreisförmige Inschrift verweist auf die Dreieinigkeit und jene am unteren Rand lautet: „Wenn Du leben willst, der du den Gesetzen des Todes unterliegst, komme hierher und flehe, verweigere die vergiftete Nahrung der Welt, reinige dein Herz von den Lastern, damit du nicht eines zweiten Todes stirbst.“ Wären diese Schriften nicht mit eingraviert, würden wir uns heute wohl schwertun, die Bildplastik richtig zu verstehen. Im Mittelalter gab es aber typische Bilder, die zum Teil eine wörtliche Übertragung von Versen aus bestimmten Psalmen sind. Hier ist es der 13. Vers aus dem 91. Psalm in dem es heißt: über Löwen und Otter wirst du gehen, junge Löwen und Drachen niedertreten – eine in der Romanik so wie in der Gotik oft zitierte Sequenz. Das im Portal von Jaca statt eines jungen Löwen ein Bär dargestellt ist, ist damit zu erklären, dass sich die Menschen in den Pyrenäen zur damaligen Zeit sehr vor den dort lebenden Bären fürchteten
Die Steinmetzarbeiten des Meisters von Jaca
Einige Kapitelle des Südportals werden dem Meister von Jaca zugeschrieben. Die Steinmetze signierten ihre Werke im Mittelalter selten, weshalb man sie nach dem Ort ihres Hauptwerks benennt. Der Meister von Jaca arbeitete am Bau der Kathedrale und an der Bauplastik bis 1096. Diese ist besonders zu beachten, da die sichere Erfassung der menschlichen Anatomie und die Gestaltung der Gewänder ein für das 11. Jh. bemerkenswert hohes Niveau erreichen. Bemerkenswert sind der starke Realismus und die genaue Wiedergabe der Details und Gestaltungsmerkmale. Er orientierte sich hier wohl an der körperlichen und gestenreichen spätantiken Sarkophagplastik, typisch hierfür ist auch die Darstellung der „Opferung des Isaak“ im Inneren der Kathedrale. Die Opferung des nackten Isaak gilt als erste nachantike Aktdarstellung – und das im 11. Jh. in Spanien! Auch bemerkenswert ist die Darstellung des musizierenden David (Original im Dommuseum): Der König spielt auf einer Handgeige, umgeben von Tempelmusikern.
Der Sarkophag der Dona Sancha
Von besonderer Bedeutung ist auch der Sarkophag der Dona Sancha aus dem 12. Jh., ein Werk der hohen Romanik, der sich in der Klosterkapelle San Salvador y San Ginésy des Benediktinerinnenklosters befindet. Hier wurden drei Töchter Ramiros I., die in das Kloster von Santa Cruz de la Seros eingetreten waren, beigesetzt. Dona Sancha war die Gründerin eines Klosters im nahen Santa Cruz de la Seros. Er lässt sich auf das Jahr 1097 datieren.
Der Sarkophag der Dona Sancha zählt zu den bedeutendsten nicht architekturgebundenen romanischen Skulpturen Spaniens. Er ist an allen vier Seiten mit Reliefs verziert u.a. mit Christus als Weltenrichter, der Sterbeszene der im Kindsbett verstorbenen Königin, bei der die Engel die Seele der Königin nach byzantinischem Vorbild als Kind in Empfang nehmen, trauernd von zwei Begleitern gestützt steht der König daneben. Außerdem findet man die Anbetung der Heiligen Drei Könige und den Kindermord in Bethlehem ebenso wie das Gleichnis der fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen, das im Mittelalter immer wieder als mahnendes Beispiel betont wird.
Das Gleichnis der 10 Jungfrauen war im Mittelalter eines der populärsten Gleichnisse (Matthäus 25,1-13). Nach der Deutung der glossa ordinaria (mittelalterliche Standarderklärungen zu Bibeltexten) symbolisieren die klugen Jungfrauen, die sich rechtzeitig mit Öl für ihre Öllampen versorgt haben, die christlichen Seelen, die sich in fünffacher Weise tugendhaft Gott zuwenden, die törichten Jungfrauen, die zwar Öllampen haben, aber kein Öl, symbolisieren fünf Arten der fleischlichen Lust und Verdammnis.
Thorsten Droste, Joseph S. Martin, Der Jakobsweg, München 2004
Dietrich, Höllhuber, Werner Schäftke, Der spanische Jakobsweg, Landschaft, Geschichte und Kunst, Köln 2008
Cees Nooteboom, Umweg nach Santiago, 5. Aufl. 2020