Bilbao – von der Industrie- zur Kunststadt

“Wir waren stolz auf unsere Industrie und unsere Fabriken. Die Umweltverschmutzung war uns egal”, sagt Asier Abaunza Robles, Stadtrat für Stadtplanung in Bilbao. Der inklusive Umland knapp eine Million Einwohner zählende Ort an der Nordküste Spaniens hatte von jeher eine privilegierte geografische Lage. In der Umgebung gibt es vortreffliche Eisenerzvorkommen. Dazu liegt Bilbao eingebettet zwischen den Pyrenäen auf der einen Seite und dem kantabrischen Gebirge auf der anderen Seite und ist der bevorzugte Hafen für alles, was aus dem Norden kommt. Dementsprechend florierten Industrie und Handel – auf Kosten der Bevölkerung. Ein Beispiel: Bis in die 80er Jahre gab es in Bilbao genau einen Park. Fluss und Erde der Stadt waren mit Schwermetallen und giftigen Chemikalien verseucht.

In den 70er Jahren begann sich die Situation zu verschlechtern. Der Druck eines zunehmend globalisierten Marktes hinterließ seine Spuren. 1975 war jeder dritte Bewohner arbeitslos. Die Eisenhütten und Schiffswerften verwaisten, die ehemaligen Fabrikhallen zerfielen, der Fluss war verseucht. Arbeitslosigkeit, Smog und Terrorismus prägten in den 1990er-Jahren das Image der Stadt.

 

Als dann noch 1983 eine Flut weite Teile der Stadt zerstörte und dutzende Menschenleben kostete, beschloss man, Bilbao radikal zu ändern. Ziel war eine Dienstleistungsgesellschaft in einer sauberen, natürlichen Umgebung. Zwei Organisationen trugen zur Umsetzung des strategischen Planes bei: die Stadtsanierungsagentur Bilbao Metrópoli 30 und die Gesellschaft für Stadtentwicklung Bilbao Ria 2000. Bilbao Metrópoli 30 wurde 1991 als öffentlich-private Partnerschaft (ÖPP) gegründet.

Die Agentur fungierte als Vermittler für den Regenerationsprozess, um die Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Akteuren zu unterstützen, um ein neues Stadtbild als „post-industrielle Stadt“ national und international zu fördern und um die Ziele des strategischen Plans für die Sanierung der Stadt umzusetzen.

Die Gesellschaft für Stadtentwicklung „Bilbao Ria 2000“ ist im Jahr 1992 als private Organisation in Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen entstanden. Die Gesellschaft hatte den Auftrag, großflächige verlassene Flächen zu revitalisieren sowie die veraltete Infrastruktur zu modernisieren. In Zusammenarbeit mit der regionalen und lokalen Regierung hat sie zu den wesentlichen Infrastrukturmaßnahmen der Stadt beigetragen. Dazu zählen eine ganze Reihe von Großprojekten wie zum Beispiel die Modernisierung des Eisenbahnnetzwerkes und des städtischen Verkehrs, die Sanierung des Flusses Nervion, die Vervollständigung des Abwassernetzes, der Rückbau von innerstädtischen Gleisanlagen, die Revitalisierung ehemaliger Stahlwerke und brachliegender Kohlenreviere, die Umwandlung innerstädtischer Industrieflächen zu Kultur-, Freizeit- und Wohnraum, der Neubau und die Erweiterung des Flughafens sowie der Bau einer neuen Messe auf einer Industriebrache. 

In den Sanierungsmaßnahmen wurde insgesamt ein großer Wert auf Design und emblematische Architekturprojekte gelegt. Eine Reihe von Stararchitekten hat mit spektakulären Entwürfen von Großprojekten wie U-Bahn Stationen, Brücken, Museen und dem Flughafen das Stadtbild geprägt. Darunter waren  Stararchitekten und Designer von Philippe Starck über Norman Foster bis Santiago Calatrava und Frank Gehry, die seit den 90er Jahren das Stadtbild veränderten.

So wurden beim Bau der Metro fast alle Bahnhofshallen bis 1995 von Norman Foster, der in Berlin dem Reichstag die Kuppel aufsetzte, gestaltet. Zwischen 1994-97 wurde die Zubizuri-Brücke von Santiago Calatrava konstruiert. Das Azkuna Zentroa, das moderne Zentrum für zeitgenössische Kunst und Freizeit, waren ehemalige Jugendstilhäuser, die als Weinlager dienten und bis 2010 durch den französischen Architekten Philippe Starck umgestaltet wurden. Und nicht zuletzt hat sich Bilbao als Standort für das Guggenheim-Museum durchgesetzt und dieses besondere Kunstwerk von Frank Gehry errichtet. Auf Grund der Auflagen der Guggenheim-Stiftung musste die Stadt den Bau des Museums und dessen Inhalt aus eigener Tasche bezahlen. (s. dazu eigenes Kapitel “Das Guggenheim Museum und der Bilbao -Effekt”)

Seit dem 1. Mai 2021 findet man zudem an der Uferpromenade in der Nähe des Guggenheim Museums eine Skulpturen Gruppe “Zigariac” über die Treidlerinnen von der Künstlerin Dora Salazar. Sie will damit an das Schicksal der Treidlerinnen im 19. Jh. erinnern, die die Schiffe mit dicken Tauen von der Flussmündung bis in den Hafen von Bilbao zogen und das zu einem Hungerlohn! Die Skulptur besteht aus vier Frauen von 2,5 Metern Höhe, die mit einem dicken Seil miteinander verbunden sind. Sie würdigt den schweren und zermürbenden Arbeitseinsatz dieser Frauen.

(s. Kapitel “Die Treidlerinnen von Bilbao”)

Zubizuri-Brücke
Titelbild: Makeip – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=105658641

Zur Runderneuerung gehörte auch die Ökologisierung der Stadt. Lagerflächen wichen Grünflächen. Waren die Flussufer früher fast ausschließlich für Fabriken und Schiffe da, so findet man dort heute Promenaden und Parks. Bahnlinien wurden unter die Erde verlegt, Straßen ab- und umgebaut. 

Neben diesen neuen Attraktionen besitzt Bilbao aber auch viele Sehenswürdigkeiten aus vergangenen Zeiten, die einen Besuch lohnen.

An der Promenade des Nervión finden man heute noch drei Relikte aus der Zeit der Belle Époque: Das Teatro Arriaga stammt aus dem Jahre 1890 und ist dem Vorbild der Pariser Oper nachempfunden. Die Estación de la Concordia aus dem Jahre 1902 ist mit der Fassade aus bunten Keramikkacheln und den eleganten Konstruktionen aus Gusseisen möglicherweise der romantischste Bahnhof auf der ganzen Welt! Zudem lohnt sich ein Besuch des faszinierenden Mercado de la Ribera in seinem für damals modernen, zukunftsweisenden Stil aus dem Jahre 1929.

Eine weitere Attraktion ist die belebte, von engen Straßen geprägte Altstadt Bilbaos, das Casco Viejo, mit den Siete Calles (den sieben Straßen) und der mittelalterlichen gotischen Kathedrale Santiago aus dem 14. Jahrhundert.

Auch ein gemütlicher Stadtbummel durch die Einkaufsstraßen von Bilbao ist nicht zu verachten. Ein anschließender Besuch einer der vielen herrlichen Pinxtos-Bars rundet das Ganze dann ab. Bei der riesigen Auswahl an Pinxtos fällt die Wahl allerdings sehr schwer!

Jugendstilbahnhof
U-Bahn Station

Das Alles und noch mehr zeichnet Bilbao aus und macht die bekannteste Stadt des Baskenlandes so beliebt. Es ist diese Mischung aus Avantgarde im Zusammenspiel mit Jugendstilbauten und alten Häusern und Gassen aus dem Mittelalter.

Heute hat Bilbao sein Ziel aus den 80er Jahren erreicht: Es ist eine saubere Dienstleistungsstadt, die weder Schulden noch Defizit hat. Zu verdanken ist das dem konsequenten Weg in Richtung Erneuerung, den die Stadt über Jahrzehnte gegangen ist. 

Die Übertragung des sogenannten Bilbao-Effekts, durch die Errichtung eines spektakulären Gebäudes zum Besuchsmagneten zu werden, wird oft missverstanden. Man verkennt häufig die Bedeutung des gesamtstädtische Konzept, das hinter der Entwicklung Bilbaos steht.

Wenn wir Bilbao auf dem Jakobsweg verlassen, kann man erkennen, wie  langwierig so ein Veränderungsprozess ist. Wir wandern hier entlang des Flusses Nervión Richtung Atlantik und kommen an stillgelegten und noch aktiven Industrieanlagen vorbei, die einem noch eine  kleine Vorstellung von dem früheren Bilbao geben. 

Altstadtgasse

Bilbao Arena

Nicht nur Sportfans können sich für die Bilbao Arena begeistern. Nachhaltig, in Harmonie mit der Umgebung, ästhetisch und praktisch. Diese Mehrzwecksportanlage mit Basketballstadion und Kongresspalast ist ein Beispiel für nachhaltige moderne Architektur. Es besitzt ein System zur Wiederverwendung des Regenwassers und Kogenerierung von Energie und harmoniert mit der natürlichen Umgebung, da sein Design dem Felsen der ehemaligen Bergbauanlage und den hier wachsenden Bäumen gleicht.

Die Arena bietet auf den Rängen maximal 10.014 Plätze. Das Dach wird durch dünne Säulen getragen. Der obere Teil der Fassade besteht aus verschiedenfarbig lackierten Stahlblechen in Form von Rhomben, die Laub darstellen. Sie sind schuppenartig angelegt. Mit den Säulen entsteht so der Eindruck von Bäumen in einem Wald. Die Farbwahl außen setzt sich bei den Kunststoffsitzen in der Arena fort. In der Veranstaltungsarena finden neben dem Sport verschiedene Shows statt. Der Bau verfügt u. a. über ein 25-Meter-Schwimmbecken mit sechs Bahnen sowie ein Kinderbecken, ein Fitnessstudio mit 520 qm und Büroräumen ausgestattet.

Von Fred Romero from Paris, France - Bilbao - Bilbao Arena, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65735971
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