Der Begriff Bilbao-Effekt bezeichnet die gezielte Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten von Architekten. Der Begriff geht zurück auf die Entwicklung Bilbaos im Zusammenhang mit dem 1997 fertiggestellten Guggenheim-Museum des US-amerikanischen Architekten Frank O. Gehry.
Auslöser war, dass die Guggenheim-Stiftung in New York 1981 entschied, die Europa-Filiale ihres Museums in der heruntergekommenen Industriestadt zu eröffnen, um Bilbao kulturell zu beleben. Die Probleme Bilbaos in den 70er und 80er Jahren führten dazu, dass sich die Stadtverwaltung neu orientierte, um aus einer schmutzigen Industriestadt eine erfolgreiche Dienstleistungsstadt zu kreieren. So holten sie viele internationale Stararchitekten in die Stadt. Das von Frank O. Gehry entworfene Guggenheim-Museum, das Kulturzentrum Azkuna Zentroa von Philipp Starck, die Metroeingänge von Sir Norman Foster oder die Brücke Zubizuri von Santiago Calatrava sind die berühmtesten Bauten. Die Initialzündung ging sicher von Guggenheim-Museum aus, aber der Bilbao-Effekt kann eigentlich nur durch das Zusammenspiel verschiedenen Faktoren der Stadtgestaltung erklärt werden. Viele Städte, die glaubten über ein einzelnes spektakuläres Bauwerk ihre Stadt aufzuwerten, scheiterten .
Für einen Einladungswettbewerb, der den Auftakt zu Bilbaos umfassender Stadtsanierung markierte, entwarf Frank O. Gehry sein avantgardistisches Meisterwerk. Nach vier Jahren Bauzeit feierte das Museum im Oktober 1997 Eröffnung. Es hat die Stadt, die damals mit einer Arbeitslosigkeit von mehr als 20 Prozent geschlagen war, zu einer neuen wirtschaftlichen Blüte geführt. Statt einer halben Million Besucher, auf die man in Bilbao vor der Eröffnung gehofft hatte, kamen schon bald eine Million pro Jahr; wegen der Kunst, die im Museum gezeigt wird, aber vor allem auch wegen des Museums selbst, einer formenreichen Wahnsinnskonstruktion. Bilbao hat sich darüber ganz neu aufgestellt, eine ehemalige schmutzigen Industriestadt wurde zu einer attraktiven Kulturstadt.
Die Struktur des Gebäudes aus Glas, Titan und Kalkstein aus Granada ist ein Kunstwerk. Die Verkleidung aus 33 000 Titanplatten ist nicht ganz eben und schafft dadurch besondere Lichteffekte je nach Wetterlage und Tageszeit, da sie bei jedem Licht anders leuchten. Gehry gelang mit voller Absicht das Kunststück, ein Kunstmuseum selbst zum wichtigsten Exponat zu erheben: einer Megaskulptur aus kantigen und dynamisch geschwungenen Formen, Symmetrien und Asymmetrien, Verschachtelungen der Elemente Kalkstein, Glas und Titan. Das Guggenheim-Museum ist eines der berühmten Beispiele des Dekonstruktivismus, einer Richtung der modernen Architektur, die durch das unvermittelte Aufeinanderstoßen von unterschiedlichen Materialien, Räumen und Linienführungen gekennzeichnet ist. Auch das Guggenheim-Museum zeichnet sich durch einen bemerkenswert freien, spielerisch leichten Umgang mit architektonischen Elementen, Gliederungsstrukturen und Materialien aus. Bis heute darf man sich tief vor der Leistung Frank Gehrys verneigen.
Wer zum Guggenheim-Museum nach Bilbao reist, sollte sich allerdings vor falschen Vorstellungen von einem Kunstmekka hüten. Das Museum zeigt auf seinen 11 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche nur wenige ständige Exponate, darunter einen “Nelkenstrauß” von Jeff Koons auf der Terrasse neben den Wassergärten sowie Stahlkolosse des Bildhauers Richard Serra in der mit 130 Metern längsten Galerie. Parallel laufen gewöhnlich zwei bis drei Wechselausstellungen unterschiedlichster Qualität, die zuweilen enttäuschen könnten.
Rund um die eindrucksvolle Konstruktion finden sich weitere beeindruckende Kunstwerke:
Öffnungszeiten des Museums: Dienstag – Sonntag 10 – 19 Uhr
Noch eine kurze Bemerkung zum Bilbao-Effekt:
Es liest sich wie ein einfaches Erfolgsrezept: Man nehme einen Stararchitekten, lasse ihn in einer Standardstadt ein Gebäude bauen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat, stelle Kunst aus – und die Stadt erblüht neu. Viele Städte haben versucht, nach diesem Muster vorzugehen, aber nur wenige waren wirklich erfolgreich. Ein trauriges Beispiel ist das Kulturzentrum im Avilés. Ich glaube, dass das Gesamtkonzept der Stadterneuerung letztendlich erst zum langfristigen Erfolg Bilbaos geführt hat. Der Bau einer U-Bahn, ein neuer Flughafen, ein neues Abwassersystem, Wohn-, Freizeit- und Gewerbeanlagen in der Innenstadt, die Neugestaltung des innerstädtischen Flussufers – all das beförderte neben dem Guggenheim-Museum den Bilbao-Effekt.
(s. dazu auch die Ausführungen zur Stadt Bilbao)