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Geschichten Geschichten Via de la Plata

Lauf Esel lauf!!!

Lauf Esel lauf!!!

Geschichten auf dem Via de la Plata

Am nächsten Tag, als wir mit Mühe unseren Proviant auf die Rücksäcke verteilt hatten, trafen wir unterwegs einen Österreicher, der mit seinem Esel unterwegs auf dem Jakobsweg war. Er hatte es sich am Wegesrand gemütlich gemacht. Auf unsere Frage meinte er, er müsse Geduld haben, sein Esel wolle nicht weitergehen und er müsse halt warten, bis sich dieser wieder bequemen würde weiterzulaufen. Nach einem kleinen Plausch über die Freuden und Tücken, mit einem Esel unterwegs zu sein, verabschiedeten wir uns und gingen weiter. Kaum waren wir einige Meter gelaufen, hörten wir die beiden hinter uns herkommen. Überrascht drehten wir uns um. Der Österreicher lächelte und meinte, das Rascheln meines Plastiksackes  außen am Rucksack– da hatten wir ja unser Brot drin verstaut – hätte seinen Esel munter gemacht. Er hoffte wohl auf etwas Leckeres zu fressen! So gingen wir vier also die nächsten 10 km zusammen bzw. besser gesagt hintereinander. Der Esel brav hinter meinem raschelnden Rucksack, der Österreicher froh, dass er weiterkam und wir etwas verunsichert ob unserer „Anziehungskraft“! Dann aber verabschiedeten sich die beiden, da sie zu einer Herberge wollten, zu der Tiere mitgebracht werden konnten. Und wir setzten unseren Weg allein fort – herzlich lachend über unsere Begegnung!

Unsere Geschichte mit dem Esel erinnerte mich an das in der Motivationspsychologie verwendete Beispiel „Der Esel und die Mohrrübe“. Es geht um die Frage, wie gut mit fremdbestimmten Zielen motiviert werden kann. Der „Esel“ steht für eine Person – oder eine Gruppe von Personen –, die von außen motiviert werden soll. Die „Karotte“ stellt das Mittel zur Motivation dar – einen Anreiz, eine potenzielle Belohnung. Manchmal wird das Beispiel dadurch noch erweitert, dass dem Esel einerseits die Karotte vor Augen baumelt und andererseits hinter ihm der Stock hochgehalten wird, mit dem er im Falle von Strafe geschlagen wird. Viele Untersuchungen haben aber gezeigt, dass diese Arten der Motivation aus verschiedenen Gründen häufig nicht erfolgreich oder zumindest langfristig nicht erfolgreich ist.

(siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Karotten-Prinzip)

In unserer Geschichte hat zumindest die Aussicht auf etwas Leckeres den Esel dazu bewegt, mitzulaufen. Die Frage, wie lange er letztendlich mitgemacht hätte, stellte sich allerdings nicht!

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Denk an die alte Regel: geh nie einkaufen, wenn du Hunger hast!

Denk an die alte Regel: geh nie einkaufen, wenn du Hunger hast!

Geschichten auf dem Via de la Plata

Der erste gemeinsame Jakobsweg von Marie Louise und mir war die Via de la Plata. Am ersten Tag wollten wir von Sevilla nach Guillena wandern. Es war ein heißer Tag, obwohl es schon Mitte Oktober war. Der Weg führte teilweise an Straßen entlang und dann durch endlose Felder ohne Strauch und Baum. Man sah bis zum Horizont nur den Weg und die Felder und hatte das Gefühl, dass der Weg nie enden würde. Leider machten wir auch noch einen der typischen Fehler – wir hatten zu wenig zu trinken mitgenommen. So ging es Marie Louise ein paar Kilometer vor unserem Ziel ziemlich schlecht. Ich überlegte schon, einen Bauern in seinem Auto anzuhalten, damit er uns zum nächsten Ort mitnimmt. Aber dann schafften wir es doch noch mit einigen Pausen bis nach Guillena.

In der Herberge tranken wir als erstes Wasser aus der Leitung, dann war duschen und ein wenig ausruhen angesagt. Doch wir waren beide innerlich unruhig, da wir uns unbedingt für den nächsten Tag ausreichend mit Getränken und Proviant versorgen wollten.

Also machten wir uns bald auf zum nächsten Supermarkt, um einzukaufen:

 

  • 3 Flaschen Wasser und Saft – ach nein doch lieber 4
  • 4 Apfelsinen – Vitamine für unterwegs
  • 2 Äpfel – die halten sich gut
  • 4 große Pflaumen – hm die sehen so lecker aus
  • 3 große Tomaten – erfrischend beim Abendessen
  • 1 ach besser 2 Paprika auch fürs Abendessen
  • 1 nein lieber 2 Stücke Käse, eins für unterwegs, eins für den Abend
  • 1 Brot
  • 1 Baguette
  • 1 Packung kleine süße französische Brötchen für zwischendurch
  • eine Dose Thunfisch
  • ach ja und noch eine Tüte Nüsse zur Stärkung unterwegs

Ja das müsste so passen!

Vergnügt gingen wir zur Kasse im Bewusstsein, dass wir am nächsten Tag mit der Verpflegung keine Probleme mehr haben würden. Dann sahen wir das kleine Restaurant neben dem Supermarkt und genossen dort ein leckeres Abendessen. In der Herberge angekommen verstauten wir unser Essen im Kühlschrank und gingen schlafen.

Die Überraschung kam erst am nächsten Morgen. Als wir unser Essen im Rucksack verstauen wollten, stellten wir – „überraschenderweise“ – fest, dass wir gar nicht alles in den Rucksack bekamen, ohne dass wir das Obst und Gemüse zerdrückten. Aber wir wollten natürlich auch alles mitnehmen! So wurden auch noch die Außentaschen vollgestopft. Zusätzlich hing an meinem Rucksack noch ein Plastikbeutel, in dem wir das Brot verstaut hatten. Daraus sollte sich am nächsten Tag noch eine lustige Geschichte entwickeln.

Unsere Einsicht, dass unsere Augen gestern doch zu groß waren, war ja schon da. Aber als wir dann unsere Rucksäcke schulterten, war uns beiden klar, wir nehmen nie mehr so viel Proviant mit! So schwere Rucksäcke und das noch am 2. Tag unserer Wanderung, an dem wir uns doch noch einlaufen wollten! Der einzige „Vorteil“ war, dass wir die nächsten drei Tage nur einmal unseren Getränkevorrat auffüllen mussten und ansonsten von unseren Vorräten zehren konnten.

Fazit: Geh nie einkaufen, wenn du hungrig bist oder wenn es nicht anders geht, dann mäßige dich!!!

 

Wissenschaftler wissen das natürlich schon lange. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Appetit die kognitive Leichtigkeit steigert, mit der mentale Konzepte von Konsum oder Erwerb aktiviert werden.

 

Wenn es interessiert, hier zwei wissenschaftliche Artikel dazu:

Tal, A., Wansink, B., Fattening, Fasting. Hungry Grocery Shoppers Buy More Calories Not More Food AMA Intern Med. 2013;173 (12):1146-1148

Jing Xu ,A., Schwarz, N., Weyer, Jr.RS Hunger promotes acquisition of nonfood objects in:  https://doi.org/10.1073/pnas.1417712112

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Das kühle Bad im Fluss

Das kühle Bad im Fluss

Geschichten auf dem Via de la Plata

Es war wieder einer dieser heißen Tage im Oktober auf dem Weg zwischen Ourense und Cena. Wir kamen durch das kleine Dorf Bouzas, kein Mensch auf der Straße, nur eine ältere Frau saß auf ihrem Balkon. Wir grüßten freundlich und wollten schon weiter gehen, da sprach sie uns an. Obwohl es mit unserem Spanisch nicht sehr weit her ist, verstanden wir doch so ungefähr, dass es ein heißer Tag sei und doch sehr anstrengend zu laufen. Wir nickten. Dann gab sie uns einen Tipp, wir würden bald an eine Brücke kommen, unter der befinde sich ein kleiner Fluss und dort könnten wir ohne Bedenken baden. Der Fluss sei ganz sauber. Im Stillen hoffend dass uns unsere „Spanischkenntnisse“ nicht täuschten, marschierten wir weiter. Und wirklich nach kurzer Zeit errichten wir die kleine Brücke.  Am Ufer standen hohe Erlen und unten schlängelte sich der kleine Fluss im Schatten der Bäume entlang. Nach rechts und links schauend überstiegen wir einen kleinen Zaun und eilten zum Fluss. Wir suchten eine etwas versteckte Stelle. Schnell waren die Kleider ausgezogen und wir genossen – wie Gott uns schuf – das kühle Nass. Welch ein Vergnügen!!! Wie wenig man manchmal braucht, um glücklich zu sein. Gestärkt gingen wir den letzten Teil der Wanderung an und dachten dabei mit Dankbarkeit an die Dame, die uns den Tag gerettet hat.

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“Iss, bevor es kalt wird.”

"Iss, bevor es kalt wird."

Geschichten auf dem Via de la Plata

Es war in der Herberge in Almendralejo, die in einem ehemaligen Kloster untergebracht ist. Marie Louise und ich hatten es uns  in einem der Zimmer, die es hier neben dem Schlafsaal gab,  gemütlich gemacht. Ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bad – das wollten wir uns schon einmal gönnen. Dann ging es in die Küche, in der wir uns unsere Pepperinos braten wollten. Aber zunächst gönnten wir uns in Ruhe ein Glas Wein. In der Küche trafen wir auf ein deutsches Ehepaar, die den Camino de la Plata von Santiago aus nach Sevilla entlang wanderten. Sie hatten sich Spaghetti gekocht. Er erzählte uns dann lang und breit über den Weg, der vor uns lag, den Umweg, den man machen müsste, da der direkte Weg gesperrt sei, dem Wetter, das uns erwartete und so weiter. Er erzählte und erzählte und erzählte. Nach gefühlten 10 Minuten ergriff seine Frau das erste Mal das Wort, nachdem sie vorher still ihre Nudeln gegessen hatte. Aber sie hatte ihren Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da unterbrach er sie schon barsch: “Iss, bevor es kalt wird!“ Und sie schwieg wieder brav. Marie Louise und ich schauten uns mit großen Augen an. Na, mit diesem Mann wollten wir eigentlich nichts mehr zu tun haben. Nachdem ich ihn dann bei seiner nächsten Erzählung unterbrochen und korrigiert hatte, sagte er nur: “Typisch Lehrerin!“, räumte sein Geschirr zusammen und ging mit seiner Frau nach oben. Wir mussten noch zweimal durchschnaufen, bevor wir uns dann ans Kochen machten und unser Essen dann wirklich genießen konnten. Unsere Gedanken gingen zu unseren Männern zu Hause und mit Dankbarkeit dachten wir an ihre respektvolle liebe Art mit uns zu reden. Fairer Weise muss man sagen, dass war einer der ganz seltenen Momente auf dem Jakobsweg, in dem uns  jemand wirklich unsympathisch war.

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